Analyse und Szenarien
Vier Szenarien zur Zukunft des Ukrainekrieges
von Herbert Wulf
Um Leid und Zerstörung in der Ukraine zu beenden, ist es notwendig, diesen Krieg zu stoppen. Bislang haben die diversen Vorschläge und Verhandlungen zu keinem tragfähigen Ergebnis geführt. Der Krieg geht unvermindert weiter. In Westeuropa und der Ukraine herrscht große Skepsis gegenüber den von der US-Regierung orchestrierten Verhandlungen. In diesem Beitrag analysiere ich daher vier Szenarien für ein Ende des Ukrainekriegs.
Wohngebäude in Toretsk (Donezk), von russischem Beschuss beschädigt. Dezember 2023.
Quelle: CC-BY-SA: Nationale Polizei Ukraine npu.gov.ua, via Wikimedia Commons
Um Leid und Zerstörung in der Ukraine zu beenden, ist es notwendig, diesen Krieg zu stoppen. Bislang haben die diversen Vorschläge und Verhandlungen zu keinem tragfähigen Ergebnis geführt. Der Krieg geht unvermindert weiter. In Westeuropa und der Ukraine herrscht große Skepsis gegenüber den von der US-Regierung orchestrierten Verhandlungen.
In diesem Beitrag analysiere ich vier Szenarien: (1) Ein militärischer Sieg Russlands: Präsident Putin glaubt, seine Ziele militärisch erreichen zu können. Zweifel sind jedoch angebracht. (2) Krieg ohne Ende: Bislang wurde die ukrainische Armee weder besiegt, noch ist Russland der »Atem« ausgegangen. (3) Eskalation: Es bestehen erhebliche Zukunftsrisiken, darunter sowohl eine horizontale Eskalation (Ausweitung der militärischen Konflikte auf NATO-Gebiet) als auch eine vertikale Eskalation (möglicher Einsatz von Atomwaffen durch Russland). (4) Erfolgreiche Verhandlungen: Die Narrative über Sieg oder Niederlage bestimmen die Aussichten für Verhandlungen. Für diese Szenarien ist der Zustand der russischen Kriegswirtschaft ein wichtiger Einflussfaktor. Kann die russische Wirtschaft die Lasten dieses Krieges weiterhin tragen?
Szenario 1: Luftschlösser: Russlands militärischer Sieg
Nach der für Russland verlustreichen ersten Phase des Krieges änderte die russische Führung nach nur wenigen Wochen die militärische Strategie und versucht nun, die Ukraine durch systematische Angriffe auf die Infrastruktur in ihrem »Mark« zu treffen. Um Territorien zu erobern und ukrainische Stellungen zu überlaufen, schickt Russland Soldaten – zum Teil schlecht ausgebildet – in großer Zahl als Kanonenfutter an die Front. Das Narrativ des Kremls betont die militärischen Erfolge an der gesamten Front.
Das Tempo der territorialen Gewinne Russlands hat sich seit dem Herbst 2025 beschleunigt und nach Einschätzung westlicher Expert*innen hat sich die Lage auf dem Schlachtfeld für die Ukraine verschlechtert (Institute for the Study of War 2025). Von einem möglichen Zusammenbruch der ukrainischen Abwehrfront aufgrund des russischen Dauerbeschusses ist die Rede. Anscheinend kann die Ukraine mit dem Tempo der russischen Waffenproduktion, vor allem der immer häufiger eingesetzten Kampfdrohnen, nicht mithalten. Russlands Rüstungsindustrie hat eine größere Produktionskapazität als die Ukraine. Die ukrainischen Anstrengungen, mit militärischen Mitteln russische Vorstöße abzuwehren, sind entscheidend von externer Unterstützung abhängig. Ob die USA hierbei noch ein verlässlicher Partner der Ukraine sind, darf angesichts der sprunghaften Politik der Trump-Regierung bezweifelt werden. Verbal mögen die europäischen Partner zwar eindeutig auf der Seite der Ukraine stehen, allein es fehlen oftmals die militärischen Mittel, um die abgespeckte US-Unterstützung zu kompensieren. Seit Anfang 2022 haben die USA insgesamt 115,33 Mrd. € und Europa 201,35 Mrd. € an finanzieller und militärischer Unterstützung für die Ukraine bereitgestellt. Mit Beginn der Amtszeit von Präsident Trump sank der US-Beitrag auf Null (Kiel Institute 2026).
Russland rückte in der Ostukraine allerdings nur langsam und unter hohen Verlusten vor, ohne seine ursprünglichen Kriegsziele zu erreichen, obwohl Präsident Putin regelmäßig betont, diese Fähigkeit zu besitzen. Ein russischer Militärsieg ist nicht auszuschließen, denn auch nach vier Jahren führt Russland den Angriff fort. Dieses Szenario und damit der Ausgang dieses Krieges hängt nicht zuletzt von der Unterstützung für die Ukraine sowie vom Druck auf Russland ab.
Szenario 2: Krieg ohne Ende
Als Russlands Vollinvasion der Ukraine im Februar 2022 begann, herrschten völlig falsche Annahmen übereinander vor, sowohl auf Seiten der russischen Führung als auch in der Ukraine und in der NATO. In einem Forschungsbericht der RAND-Corporation heißt es: „Russland überschätzte seine Fähigkeiten und Erfolgsaussichten bei der anfänglichen Invasion völlig, während es den ukrainischen Widerstandswillen und den Zusammenhalt der NATO unterschätzte“ (Frederick, Cozad und Stark 2023, S. VIf.). Der Kreml nahm an, dass die mächtige, von vielen gefürchtete russische Armee Kyjiw in wenigen Tagen einnehmen werde, um dort ein russlandfreundliches Regime zu installieren. Damit hatte sich die russische Führung völlig verkalkuliert, wie sowohl die hohen Anfangsverluste, der demütigende Rückzug der Invasionsarmee als auch die ersten drei Jahre des dann folgenden Abnutzungskriegs zeigen. Bislang hat dieser Krieg also nur Ergebnisse geliefert, die weit hinter dem ursprünglichen russischen Ziel zurückbleiben (Lieven 2025).
Aber auch ukrainische und viele westliche Expert*innen lagen mit ihrer Einschätzung falsch. Sie teilten nämlich die Einschätzung Moskaus, dass Russland den Krieg in kurzer Zeit gewinnen könne. Russlands Berichterstattung über die eigenen militärischen Fähigkeiten sowie das Agieren in der Ukraine seit 2014 und auch in Syrien seit 2015 verleitete sie dazu, Russland weit zu überschätzen.
Die Daten über das russische und ukrainische Militär zeigen, dass Russland quantitativ deutlich überlegen ist und mehr als doppelt so hohe Militärausgaben hat (Tabelle 1). Allerdings wird in Russland längst nicht das gesamte Militärbudget für den Krieg in der Ukraine aufgewendet und ebenso wenig sind alle Soldaten im Krieg gegen die Ukraine eingesetzt. Die volkswirtschaftliche Belastung durch den Militärhaushalt liegt in Russland bei rund sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). In der Ukraine ist es über ein Drittel des BIP.
Die Zahlenangaben über die russischen und die ukrainischen Verluste in diesem Krieg schwanken. Das britische Verteidigungsministerium schätzt die Zahl der getöteten, verwundeten, gefangenen und vermissten Soldaten Russlands auf über 1,1 Millionen.1
Auch der Verlust an Waffensystemen ist erheblich. Ein Bericht des »Center for Strategic and International Studies« (CSIS) schlussfolgert: „Die russischen Ausrüstungsverluste waren deutlich höher als die ukrainischen, wobei das Verhältnis zwischen 5:1 und 2:1 zugunsten der Ukraine schwankte“ (Jones und McCabe 2025, S. 2).
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Russland |
Ukraine |
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Militärpersonal (aktiv) |
1.134.000 |
730.000 |
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Militärausgaben, Mrd. US $ 2024 |
149,0 |
64,7 |
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Militärausgaben, % BIP |
7,1 |
34,5 |
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Verluste (tot, verwundet, vermisst) seit Februar 2022 |
≈ 1.000.000 – 1.400.000 |
≈ 350.000 – 450.000 |
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Verluste an Waffensystemen
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≈ 3100 ≈ 600 ≈ 1350 ≈ 4100 |
k.A. k.A. k.A. ≈ 1200 |
Tabelle 1: Kennzahlen der russischen und ukrainischen Streitkräfte; Quellen: SIPRI military expenditure data base, https://milex.sipri.org/sipri; IISS, Military Balance, 2025; Jones und McCabe (2025).
Der von Expert*innen erwartete Zusammenbruch der ukrainischen Armee ist nicht erfolgt, obwohl die Bedrohung sehr groß ist. Die Erwartung aber, dass Russland der »Atem« ausgehen würde, sei es wegen der hohen Verluste oder auch wegen des Drucks der Sanktionen, hat sich auch nicht bewahrheitet. Die Ukraine hat massiven Angriffen widerstanden, selbst in Zeiten, als sie nur sehr restriktive Unterstützung aus dem Westen erhielt.
Dass Russland trotz seiner derzeitigen quantitativen militärischen Überlegenheit nicht erfolgreicher ist, liegt auch an den begrenzten materiellen und personellen Ressourcen. In dieser mittlerweile seit fast 3,5 Jahren andauernden militärischen Pattsituation kann der Krieg möglicherweise noch lange andauern.
Szenario 3: Schrittweise Eskalation
Doch die Pattsituation kann auch gefährlich werden. Denn eine Eskalation wird von militärischen und politischen Akteuren – selbst in hoffnungslosen und verzweifelten Situationen – oft als Mittel zum Erreichen eines militärischen Sieges angesehen. Dies könnte sowohl eine horizontale Eskalation (mit militärischen Auseinandersetzungen über die Ukraine hinaus auf das Territorium der NATO) als auch eine vertikale Eskalation (bis zum möglichen Einsatz von Nuklearwaffen) umfassen.
Ich illustriere den bisherigen Verlauf in diesem Krieg im Folgenden am Eskalationskonzept von Alexander George (1988). Nach George sind folgende Dimensionen zu analysieren, in denen eine Eskalation stattfinden kann: Waffen, militärische Ziele, militärisches Personal und geographische Grenzen.2
- Waffen: Der Kreml hat mehrfach nukleare Drohungen ausgesprochen. Gleich zu Beginn der Invasion im Februar 2022 erklärte Putin, dass der Einsatz von NATO-Truppen in der Ukraine einen Nuklearkrieg provozieren werde.3 Im September 2024 veränderte Russland seine Nukleardoktrin und betonte darin, dass ein konventioneller Angriff auf Russland durch einen Nicht-Nuklearwaffenstaat, der von einer Nuklearmacht unterstützt wird, Russland einen nuklearen Schlag erlauben würde.4 Ein Report der RAND Corporation (Frederick et. al 2025, S. 30f.) kommt zu dem Ergebnis, dass „die wiederholten russischen Drohungen und Aktionen in der Ukraine darauf hindeuten, dass dieses nukleare Tabu zumindest innerhalb des Kremls erheblich geschwächt wurde.“
Spiegelbildlich spielten bei Entscheidungen aufseiten der EU- und der NATO-Mitgliedsländer auch häufig Einschätzungen über mögliche Eskalationsrisiken eine entscheidende Rolle. Manche westliche Verbündete (vor allem Deutschland) waren zunächst sehr zögerlich bereit, überhaupt Waffen an die Ukraine zu liefern. Nur langsam steigerte die westliche »Koalition der Willigen« die militärische Unterstützung für die Ukraine. Denn die Unterstützerländer wollten auf alle Fälle verhindern, selbst in den Krieg hineingezogen zu werden. - Militärische Ziele: Die Unterstützer der Ukraine zögerten besonders, Kampfflugzeuge und Langstreckenraketen zu liefern, die mögliche Ziele in Russland erreichen könnten. Deutschland hat bisher keine Taurus-Marschflugkörper (Reichweite ca. 500 km) geliefert. US-Präsident Joe Biden lehnte in den ersten beiden Kriegsjahren die Lieferung von ATACMS-Raketensystemen (American Army Tactical Missile Systems) an die Ukraine ab. Die Lieferung von F-16-Kampfflugzeugen war lange Zeit ein Tabu, da die Lieferländer fürchteten, Russland könnte mit Angriffen auf sie selbst reagieren. Inzwischen wurden beide Systeme geliefert.
- Militärisches Personal: Zu Beginn des Krieges signalisierte die US-Regierung ebenso wie die NATO, nicht in den Krieg mit Streitkräften einzugreifen, wenn die eigenen Streitkräfte nicht von Russland angegriffen würden. Der frühere russische Präsident und heutige Vorsitzende des russischen Sicherheitsrates Dmitri Medwedew drohte, dass das Eingreifen von Militärpersonal der NATO „als Kriegserklärung“ betrachtet werden würde.5 Allerdings wurde das Eskalationsrisiko innerhalb der NATO unterschiedlich beurteilt. Der französische Präsident Emmanuel Macron schien die Eskalationsstufe anzuheben, als er im Februar 2024 die Option der Stationierung westlicher Truppen in der Ukraine ins Gespräch brachte, während andere NATO-Mitglieder ein solches Engagement ablehnten.
- Geografische Grenzen: Die in Europa oftmals beschworene Möglichkeit eines Angriffs Russlands auf das Territorium eines NATO-Landes würde eine rote Linie überschreiten. Aber nach Auffassung von Lieven (2025) nimmt das Risiko eben für genau einen solchen Angriff zu. „Russische Hardliner […] verlangen, dass Putin gegen die NATO radikal eskaliert, um die westlichen Staats- und Regierungschefs so sehr einzuschüchtern, dass sie die Ukraine zur Kapitulation zwingen.“ Gleichzeitig aber besteht die Gefahr, „dass die europäischen Regierungen ihre Maßnahmen gegen Russland radikal eskalieren werden, indem sie russische Fracht auf hoher See beschlagnahmen oder russische Flugzeuge abschießen, die in den NATO-Luftraum eindringen.“ Zwei tatsächliche Ereignisse können als geographische Ausweitung des Schlachtfeldes verstanden werden. Der Einmarsch der ukrainischen Streitkräfte auf russisches Territorium in der Region Kursk ab August 2024. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Ukraine auf die Verteidigung des eigenen Territoriums konzentriert. Der Einsatz nordkoreanischer Soldaten zur Unterstützung der russischen Kriegsanstrengungen, fast zeitgleich ab Herbst 2024, bedeutete zweitens, dass nicht nur Russland und die Ukraine Kriegspartei waren, sondern zusätzlich Nordkorea.
Die Gründe für mögliche Eskalationen können sehr unterschiedlich sei und sind im Ukrainekrieg jederzeit möglich: Absichtliche (eine Seite eskaliert mit Absicht, sich Vorteile zu verschaffen), versehentliche (Schritte werden unternommen, die missinterpretiert werden) oder ungewollte Eskalationen (eine Seite unternimmt Aktionen, die sie nicht als eskalatorisch empfindet, aber so von der Gegenseite interpretiert werden).
Diese Eskalationsfallen können zu unerwünschten Ergebnissen führen, die angesichts der Tatsache, dass vier Atommächte involviert sind, verheerende Folgen haben könnten. Auch unterhalb der Atomschwelle könnte Eskalation zu noch höherer Kriegsintensität führen. Damit würde das Risiko für die Zivilbevölkerung weiter steigen und noch größere Kriegsschäden vor allem in der Ukraine, möglicherweise aber auch in Russland, wären die Folge.
Szenario 4: Die Lücke schließen: Verhandlungen
Um die Jahreswende 2025/2026 und danach fanden direkte Verhandlungen über einen Waffenstillstand bzw. einen Friedensvertrag zwischen den Hauptkonfliktparteien (Russland und Ukraine) statt – nachdem diese zuletzt 2022 miteinander verhandelt hatten. Dazwischen trafen sich Kriegsparteien in unterschiedlichen Formaten, mal mit, mal ohne die ukrainische Regierung oder die russische Führung; mal bilateral zwischen den USA und Russland; mal waren europäische Regierungen beteiligt, mal nicht. Die Vereinten Nationen, denen eigentlich eine zentrale Rolle in der Friedenspolitik zukommt, blieben über die gesamte Zeit bisher weitgehend ausgeschlossen.
Die Erwartungen der ukrainischen Regierung an die von den USA orchestrierten Verhandlungen schwanken zwischen Schrecken, Skepsis und Hoffnung. Angesichts der Erfahrungen, die die Ukraine seit ihrer Unabhängigkeit von der Sowjetunion im Jahr 1991 gemacht hat, ist die Sorge verständlich. Denn die Ukraine hat mit den früher erzielten Versprechen und Abkommen äußerst negative Erfahrungen gemacht. Der Schweizer Diplomat und Friedensforscher Günther Bächler (2025a) bezeichnet die bisherigen Verhandlungen als „ein Lehrstück für diplomatische Missgriffe.“ Er führt eine Reihe von Fehlleistungen auf: die Sicherheitsgarantien für die Ukraine im Budapester Memorandum von 1994, in dem der Ukraine ihre Souveränität nach dem Verzicht auf Atomwaffen garantiert wurde; vage Ankündigungen für einen möglichen NATO-Beitritt, die aber nie realisiert wurden; die Vereinbarung des Waffenstillstands nach der Annexion der Krim durch Russland 2014, der von Russland zur Aufrüstung genutzt wurde; schließlich die intransparenten Gesprächsformate zur Aushandlung eines Waffenstillstands oder eines Friedensvertrages, die aber bislang nicht zum Erfolg geführt haben.
Nach diesen Erfahrungen wundert es nicht, dass die ukrainische Regierung skeptisch bleibt, vor allem wenn über ihren Kopf hinweg verhandelt wird. Die Positionen der Ukraine und Russlands weisen eine erhebliche Kluft auf. In der Friedens- und Konfliktforschung hat das Konzept Einfluss, dass Konflikte »verhandlungsreif« sein müssen, um zu nachhaltigen Abkommen zu gelangen (Zartman 1989). Diese Theorie besagt, dass Konfliktparteien ihren Konflikt erst dann lösen, wenn sie dazu breit sind. Das ist in der Regel erst dann der Fall, wenn alternative Mittel zur Erzielung einer Lösung des Konfliktes blockiert sind, beispielsweise, wenn klar ist, dass der Krieg nicht mit militärischen Mitteln gewonnen werden kann.
So ungeduldig der amerikanische Präsident auch von einem schnellen Kriegsende spricht, ein Friedensvertrag scheint auch nach vier Jahren noch in weiter Ferne. Hastig geschlossene oder erzwungene Waffenstillstandsabkommen oder unpräzise formulierte Friedensverträge führen nicht zu nachhaltigen Ergebnissen. Friedensverträge sind keine schnellen »Deals«.
Wenn Russland auf seinen maximalistischen Positionen beharrt, also auf der Abspaltung von Gebieten in der Ostukraine und der Krim, der Entmilitarisierung und dem Ausschluss einer NATO-Mitgliedschaft der Ukraine sowie der Ablehnung einer Beteiligung europäischer Truppen als Sicherheitsgarantie für die Ukraine, sind die Voraussetzungen für wirksame Abkommen nicht gegeben. Die Ukraine hat nun wieder Kompromissbereitschaft bei territorialen Fragen signalisiert und den Wunsch auf NATO-Mitgliedschaft aufgegeben, mögliche Sicherheitsgarantien sind jedoch bislang nicht ausreichend verabredet. Offensichtlich spielt die Kremlführung auf Zeit, weil sie glaubt, ihre Ziele mit militärischen Mitteln erreichen zu können (Szenario 1).
Die bisherige Verhandlungsstrategie der US-Regierung geht vor allem zu Lasten der Ukraine. Die bilateralen Treffen zwischen den Präsidenten der USA und Russlands erwecken den Eindruck zweier zynischer Herrscher, die die Kriegsbeute unter sich aufteilen. „Dass der wichtigste strategische Partner der Ukraine unter dem Vorwand den Krieg umgehend beenden zu wollen, desaströse Bedingungen stellt, provoziert die Frage: cui bono?“ (Bächler 2025b). Wem nützt dies? Allerdings lassen solche wirtschaftsopportunistischen Verhandlungen wesentliche Konfliktdimensionen außen vor. Dieser langwierige Krieg lässt sich nicht durch Wirtschaftsabkommen zwischen Russland und den USA beilegen.
Russische Kriegswirtschaft und die Fortsetzung des Krieges
Unmittelbar nach dem Einmarsch im Februar 2022 sah sich die russische Wirtschaft mit einer Reihe von Problemen konfrontiert: Das Handelsvolumen mit dem Westen reduzierte sich dramatisch, die verhängten Sanktionen zielten auf eine globale Isolierung Russlands, Finanzrestriktionen schnitten die russische Wirtschaft zum Teil vom internationalen Finanzmarkt ab, die Weltmarktpreise für russische Energieexporte fielen deutlich, der Kurs des Rubel zum Dollar brach ein. Parallel dazu kurbelte Russland die Rüstungsproduktion zügig an, um für Nachschub zu sorgen.
Die Prognosen für die russische Wirtschaft waren negativ.6 Doch entgegen diesen Erwartungen blieb die wirtschaftliche Lage stabil. Der schwache Rubel kurbelte Russlands Exporte an. Die erhöhten staatlichen Ausgaben, vorrangig des Verteidigungshaushaltes, der vor allem durch Einnahmen aus Energieexporten gespeist wurde, belebten die Wirtschaft. Russland wechselte zu einer Art »Militär-Keynesianismus«. Im Jahr 2025 betrugen die Ausgaben für Verteidigung und Nationale Sicherheit rund 40 Prozent des Staatshaushaltes. In den drei ersten Jahren seit dem Angriff auf die Ukraine wuchs der Militärhaushalt um mehr als das Doppelte (Cooper 2025).
Die heutige wirtschaftliche Lage Russlands wird sehr unterschiedlich eingeschätzt und diese Einschätzungen oszillieren zwischen Extremen, nämlich der Erwartung eines Kollapses oder zumindest weiterer Engpässe und der Einschätzung einer resilienten (Kriegs-)Wirtschaft. Die expansive oder keynesianische Wirtschaftspolitik mit hohen Staatsausgaben führt zwar kurzfristig zu Wirtschaftswachstum, aber gleichzeitig auch zu wirtschaftlichen Ungleichgewichten. Die Wirtschaft arbeitet an ihrer Kapazitätsgrenze, so dass weitere Steigerungen der Rüstungsproduktion entweder zu höherer Inflation oder zu einem Rückgang der zivilen Produktion führen werden. Es ist das klassische »Kanonen-statt-Butter«-Dilemma. Es stellt sich die Frage, ob Präsident Putin der Bevölkerung Russlands weiterhin die wirtschaftlichen Belastungen durch den Krieg zumuten kann, ohne Gefahr zu laufen, innenpolitische Risiken heraufzubeschwören.
Die russische Wirtschaft überstand die ersten Kriegsjahre, wenn auch mit einigen Schäden, ohne unter dem Druck von außen zusammenzubrechen. Nur bei einer deutlichen Verschärfung der Sanktionen und der detaillierten Überwachung ihrer Einhaltung, sowie der geographischen Ausweitung der Sanktionen, könnte das gegenwärtige Wirtschaftsmodell Russlands in Schwierigkeiten geraten. Zur Zeit passiert aber das genaue Gegenteil: Russlands Kriegskasse füllt sich durch die steigenden Ölpreise nach dem Angriff der USA und Israels auf den Iran. Angesichts der Entwicklung der russischen Wirtschaft in den letzten vier Jahren ist es unwahrscheinlich, dass eine Situation wie am Ende des Kalten Krieges eintreten wird, als die USA die UdSSR »totrüstete«.
Schlussfolgerungen: Vage Ideen
Auch nach vier Jahren Krieg lässt sich schwer vorhersagen, welches der vier hier vorgestellten Szenarien am wahrscheinlichsten ist. Äußerungen der Kremlführung deuten darauf hin, dass Russland weiterhin an einen militärischen Sieg glaubt – dieses allerdings nur beim Zusammenbruch der ukrainischen Verteidigung erreichen kann (Szenario 1). Derzeit setzt die Ukraine auf die Unterstützung durch die USA und Europa sowie auf die militärische und wirtschaftliche Schwächung Russlands (Ryan 2025). Dies führt zu einer Fortsetzung des Krieges auf unbestimmte Zeit (Szenario 2). Es besteht jedoch auch die Gefahr einer horizontalen und vertikalen Eskalation, in deren Verlauf die NATO noch stärker involviert wird oder Russland seine Drohungen mit Atomwaffen verstärken könnte (Szenario 3). Verschärfte Sanktionen sowie wirtschaftliche und militärische Hilfe für die Ukraine würden die Kosten für Russland so weit erhöhen, dass deren Regierung möglicherweise zu ernsthaften Verhandlungen bereit wäre. Diese müssten dann aber auch umfassend und nicht als schnelle Deals angegangen werden (Szenario 4).
Dies ist die redaktionell leicht bearbeitete und vom Autor aktualisierte deutsche Übersetzung des Policy Briefs »Contested Future Paths in the War Against Ukraine: Conceivable Scenarios«, das am 28. Januar bei Toda Peace Institute erschienen ist.
Anmerkungen
1 BBC, 9 December 2025, https://www.bbc.com/news/articles/c5yq5zdv907o.
2 In einem informativen Essay hat Roy Allison (2025) dieses Konzept auf den Krieg in der Ukraine angewendet.
3 The Guardian, 29 February 2025, https://www.theguardian.com/world/2024/feb/29/troops-ukraine-risk-provoking-nuclear-war-vladimir-putin-tells-nato
4 Sitzung des Russian Security Council, 25 September 2025, http://en.kremlin.ru/events/president/transcripts/75182
5 Reuters, 12 January 2024, https://www.reuters.com/world/europe/russias-medvedev-says-any-uk-troop-deployment-ukraine-would-be-declaration-war-2024-01-12/
6 Z. B. European Council, https://www.consilium.europa.eu/de/infographics/impact-sanctions-russian-economy.
Literatur
Allison, R. (2025): Averting acute escalation in Russia’s war against Ukraine. International Affairs 101(5), S. 1769-1791.
Bächler, G. (2025a): Ein Lehrstück für diplomatische Missgriffe. Gastkommentar, Neue Zürcher Zeitung, 23.12.2025.
Bächler, G. (2025b): Wahrer Frieden muss erkämpft werden. Gastkommentar, Neue Zürcher Zeitung, 25.3.2025.
Cooper, J. (2025): Preparing for a fourth year of war: Military spending in Russia’s budget for 2025. SIPRI Insights on Peace and Security, Nr. 04, April 2025.
Frederick, B.; Cozad, M.; Stark, A. (2023): Escalation in the war in Ukraine. Lessons learned and risks for the future. Research Report, RAND Corporation, September 2023.
Frederick, B. et. al. (2025): The Consequences of the Russia-Ukraine War. Research Report, RAND Corporation, Mai 2025.
George, A. L. (1988): U.S.–Soviet efforts to cooperate in crisis management and crisis avoidance. In: George, A.L.; Farley, P.J.; Dallin, A. (Hrsg.): U.S.–Soviet security cooperation: achievements, failures, lessons. New York: Oxford University Press, S. 581-599.
International Institute for Strategic Studies (IISS) (2025): The Military Balance 2025. Volume 125.
Institute for the Study of War (2025): Russian offensive campaign assessment, December 9. Analyse, ISW Homepage. URL: understandingwar.org/research/russia-ukraine/russian-offensive-campaign-assessment-december-9-2025.
Jones, S. G.; McCabe, R. (2025): Russia’s battlefield woes in Ukraine. CSIS Briefs, June 2025.
Kiel Institute (2026): Ukraine support tracker. Interaktive Homepage, URL: kielinstitut.de/topics/war-against-ukraine/ukraine-support-tracker.
Lieven, A. (2025): The risks of radical escalation leading to actual conflict between NATO and Russia grows. The Nation, 28.10.2025.
Ryan, M. (2025): Seven contemporary insights on the state of the Ukraine war. CSIS Reports, 17.11.2025.
Zartman, I. W. (1989): Ripe for resolution: Conflict and intervention in Africa. New York: Oxford University Press.
Zum Autor:
Prof. Dr. Herbert Wulf (i. R.) leitete acht Jahre das Bonn International Center for Conflict Studies (BICC), war Berater des Entwicklungsprogramms der Vereinten Nationen UNDP zu Abrüstungsfragen und Waffenkontrolle und forschte außerdem am Stockholm International Peace Research Institute (SIPRI). Er veröffentlicht regelmäßig auch bei Toda Peace Institute.



