W&F 2026/3

Abschreckung vs. Rüstungskontrolle?

Falsche Widersprüche in der Debatte um Aufrüstung und die neue Militärstrategie

von Max Mutschler

Die Landes- und Bündnisverteidigung ist wieder in den Mittelpunkt der deutschen Sicherheits- und Verteidigungspolitik gerückt. Hinsichtlich der Frage, welche konkrete Bedrohung von Russland für die NATO und ihre Mitgliedstaaten ausgeht und wie darauf zu reagieren ist, gehen die Meinungen weit auseinander. Zwei Lager stehen einander gegenüber, aber sind deren Positionen sicherheitspolitisch sinnvoll und gut durchdacht? Über welche Alternativen und Ergänzungen sollte man nachdenken? Um diese Fragen zu beantworten, werden die Argumente präsentiert und gegeneinander abgewogen.

Zwei Positionen stehen sich derzeit sicherheitspolitisch unversöhnlich gegenüber: Während einige Beobachter:innen die Ansicht vertreten, ein Angriff auf NATO-Territorium läge nicht im russischen Interesse bzw. könne weitgehend mit den bestehenden militärischen Fähigkeiten abgeschreckt werden, sehen andere in Russlands Verhalten einen territorialen Revisionismus und Neoimperialismus, der auch die NATO-Staaten, insbesondere im Baltikum, bedroht.

Diese Sichtweise ist in der Regel mit Forderungen nach massiver militärischer Aufrüstung der Bundeswehr verknüpft. Eine Position, die sich nach 2022 in der deutschen Politik – insbesondere mit dem »Sondervermögen für die Bundeswehr« 2022, der Lockerung der Schuldenbremse 2025 und der Erhöhungen der Militärausgaben seither – weitgehend durchgesetzt hat, auch unter dem Eindruck eines starken Vertrauensverlusts in die sicherheitspolitische Unterstützung durch die USA unter Donald Trump.

Die Kernargumente

Die Aufrüstungsbefürworter:innen argumentieren dabei, dass sich die imperialen Ambitionen Russlands nicht nur auf die Ukraine, sondern auch auf weitere postsowjetische Staaten erstrecken. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen – die alle drei direkt an Russland angrenzen, aber auch NATO- und EU-Mitgliedsstaaten sind – werden aus dieser Sicht als am meisten bedroht angesehen. Russland könne versuchen, so die These, nach einem aus russischer Sicht erfolgreichen Ende des Krieges in der Ukra­ine Teile des Baltikums zu erobern und damit die NATO zu spalten. Um das zu verhindern, müsse die NATO, allen voran Deutschland, massiv aufrüsten, weil große Fähigkeitslücken bestünden (siehe z.B. Gady 2024; Masala 2025).

Die Aufrüstungsskeptiker:innen hingegen halten einen Angriff Russlands auf NATO-Territorium für unwahrscheinlich. Dem Kreml sei bewusst, dass die Kosten für Russland, die aus einem Angriff gegen NATO-Territorium entstehen würden, enorm hoch und die Erfolgswahrscheinlichkeit sehr gering wären. Nicht zuletzt der Krieg in der Ukraine habe gezeigt, dass die Defensive im Vorteil ist, was gegen eine schnelle Eroberung größerer baltischer Gebiete durch Russland spräche. Der Vergleich der militärischen Kapazitäten Russlands mit denen der NATO – selbst wenn man die USA nicht mit einberechnet – zeige zudem, dass Russland in allen Teilbereichen der konventionellen Kriegsführung (Land, Wasser, Luft) unterlegen sei. Anstatt weiter aufzurüsten und damit ungewollt die Rolle, Bedeutung und Einsatzwahrscheinlichkeit von Russlands (taktischen) Nuklearwaffen zu erhöhen, sollten Bundesregierung und NATO rüstungskontrollpolitische Initiativen ergreifen. So könne eine gefährliche Eskalation vermieden und außerdem enorme Kosten gespart werden (siehe z.B. Beebe et al. 2024; Steinmetz et al. 2024).

Hin zu einer integrierten Konzeption

Wer hat nun Recht? Beide Seiten haben gute Argumente und dennoch kann keine voll überzeugen. Am vielversprechendsten erscheint daher eine spezifische Kombination der Perspektiven und Handlungsempfehlungen beider Lager. So ist es etwa angesichts der generellen Unsicherheit im Hinblick auf die russische Motivation bezüglich einer Aggression gegen ­NATO-Bündnisgebiet durchaus sinnvoll, auf eine Strategie der Abschreckung zu setzen. Aber der Begriff vereinfacht zu sehr: Abschreckung ist nicht gleich Abschreckung.

Es spricht vieles dafür, primär auf einen Ansatz von »Deterrence by Denial« zu setzen. Das bedeutet, dass Abwehrstrukturen geschaffen werden, die die Erfolgsaussichten eines Angriffs so niedrig erscheinen lassen, dass er unterbleibt (Mengelkamp 2023). Dies könnte vor allem in Form einer defensiven Positionsverteidigung mit Schwerpunkt im Baltikum umgesetzt werden. Die NATO und insbesondere die baltischen Staaten haben hierzu auch schon wichtige Schritte unternommen. Zu nennen wäre etwa die Initiative für die »Baltic Defence Line«. Diese wurde 2024 von den drei baltischen Staaten ins Leben gerufen und soll nicht nur linear verlaufen, sondern auch die notwendige Tiefe von mehreren Kilometern haben. Dabei werden Bunkeranlagen kombiniert mit Schützengräben und Vorkehrungen, um bei Bedarf sehr schnell Panzersperren und Minenfelder zu errichten (Milevski 2024).

Eine solche Abschreckungsstrategie ist risikoärmer als Abschreckung durch die Androhung massiver Gegenschläge (»Deterrence by Punishment«) und aktuell auch realistischer. Allerdings muss auch für die Umsetzung einer solchen Strategie in bestimmten Bereichen aufgerüstet werden, etwa bei bewaffneten Drohnen mit kurzer bis mittlerer Reichweite, sowie deren Abwehr, bei der Munitionsproduktion und nicht zuletzt auch im Hinblick auf die Fähigkeiten zur Aufklärung und Verlegung von Truppenverbänden. Der Ansatz der Bundesregierung, auf teure Großprojekte wie F-35 Kampfflugzeuge zu setzen, verbraucht enorme Ressourcen und passt nicht zu einer eher defensiven Abschreckungsstrategie.

Generell gilt: Abschreckung alleine ist zu riskant. Sie sollte durch Bemühungen um Rüstungskontrolle ergänzt werden. Bestimmte Waffenkategorien, zum Beispiel weitreichende Distanzwaffen, passen nicht zur hier empfohlenen Abschreckungsstrategie. Sie sind in der Lage, den jeweiligen Gegner weit hinter einer möglichen Frontlinie bei seiner kritischen Infrastruktur zu treffen. In einer Krisensituation zwischen NATO und Russland bringen solche Waffen eine signifikante Eskalationsgefahr mit sich, weil schnell entschieden werden muss und nicht klar ist, wo die roten Linien der Gegenseite liegen. Die NATO hat insgesamt bei solchen Systemen keine Fähigkeitslücke gegenüber Russland, ist dafür aber überwiegend auf die USA und deren see- und luftgestützte Systeme angewiesen (Richter 2024). Gleichzeitig ist Russland in der Lage, mit seinen Distanzwaffen die europäischen Staaten zu bedrohen und im Falle einer tatsächlichen Eskalation enormen Schaden – auch in Deutschland – anzurichten. Eine rüstungskontrollpolitische Begrenzung (im besten Falle ein geographisch weitreichendes Verbot) solcher Waffen (Zellner 2025) wäre deshalb nicht nur sicherheitspolitisch sinnvoll für Deutschland, sondern auch im Sinne der angestrebten Reduzierung der sicherheitspolitischen Abhängigkeit der europäischen NATO-Staaten von den USA. Die Bundesregierung sollte daher Konzepte zur Begrenzung solcher Waffen in Europa entwickeln. Selbstverständlich wird das Bemühen um Rüstungskontrolle nicht einfach, aber rüstungskontrollpolitische Fortschritte sind im Kalten Krieg auch in Situationen gelungen, die von großem Misstrauen geprägt waren. Natürlich bedarf es für gelingende Rüstungskontrolle auch Verifikationsmechanismen, durch die Vertragsverletzungen rechtzeitig erkannt werden, so dass man mit reziproken Maßnahmen darauf reagieren kann. Das Angebot von Rüstungskontrolle könnte somit auch ein Mittel sein, um Russlands Intentionen zu testen, ohne ein großes Risiko einzugehen.

Gefährliche Eskalationsdynamik durch die Militärstrategie

In der Militärstrategie für die Bundeswehr, die von der Bundesregierung im April 2026 in Teilen veröffentlicht wurde, spielt der Aufbau von Fähigkeiten für Präzisionsangriffe tief ins gegnerische Hinterland (»Deep Precision Strike«) eine wichtige Rolle. Das deutet darauf hin, dass die Bundesregierung auch stark auf »Deterrence by Punishment« setzt.

Von einer Flankierung durch Rüstungskontrolle oder auch nur einer Benennung der Risiken einer solchen Strategie ist – zumindest im veröffentlichten Teil – an keiner Stelle die Rede. Als explizites Ziel wird ausgegeben, dass die Bundeswehr bis zum Jahr 2039 zur konventionell stärksten Armee Europas werden soll. Dazu zählt auch, dass sie bei Innovationen im Bereich der militärisch nutzbaren Technologie schneller sein müsse, als der Gegner.

Es ist irritierend bis Besorgnis erregend, dass gerade der Aspekt der Kooperation mit den europäischen Verbündeten in der Verteidigungs- und Rüstungspolitik in der Militärstrategie kaum eine Rolle spielt. Wie auch eine im Mai 2026 von Greenpeace veröffentlichte Studie (Wulf et al. 2026) noch einmal bekräftigt: Wenn die europäischen Ressourcen gebündelt, effektiver genutzt und existierende Lücken gemeinsam geschlossen würden, kann Russland abgeschreckt werden, ohne dass Deutschland die „stärkste konventionelle Armee Europas“ stellt.

Schließlich ist zu bedenken, dass das bedeuten würde, dass Deutschland auch Russland konventionell überlegen sein müsste. Es darf bezweifelt werden, dass dies zu einer stabilen Abschreckungsbeziehung führen würde. Vielmehr gäbe es dann starke Anreize für Russland, nicht nur ebenfalls weiterhin aufzurüsten, sondern darüber hinaus noch stärker auf unkonventionelle und asymmetrische Strategien zu setzen (taktische Nuklear- oder Chemiewaffen, Angriffe auf zivile Ziele, hybride Kriegsführung, Terrorismus etc.). Ein solcher Rüstungswettlauf würde enorme Ressourcen verschlingen, noch mehr gefährliche Waffensysteme produzieren und uns am Ende nicht sicherer machen, im Gegenteil.

Bis auf den letzten Absatz zur neuen Militärstrategie für die Bundeswehr handelt es sich bei diesem Text um eine Kurzfassung der von Greenpeace im März 2026 veröffentlichten Studie des Autors:

Mutschler, M. (2026): Gut gerüstet? Bedrohungsszenarien, militärische Fähigkeiten und Strategien gegenüber Russland. Hamburg: Greenpeace.

Literatur

Beebe, G.; Episkopos, M.; Lieven, A. (2024): Right-sizing the Russian threat to Europe, Quincy Brief No. 40.

Gady, F.-S. (2024): Die Rückkehr des Krieges. Warum wir wieder lernen müssen, mit Krieg umzugehen. Köln: Quadriga.

Masala, C. (2025): Wenn Russland gewinnt. Ein Szenario. München: C.H. Beck.

Mengelkamp, L. (2023): Defensive Verteidigung. Orientierungshilfen aus den 1980ern. W&F 1/2023, S. 10-13.

Milevski, L. (2024): Manoeuvre warfare in the Baltic. Political imperatives and tactical conditions. The RUSI Journal 169(6), S. 78-86.

Richter, W. (2024): Stationierung von U.S. Mittelstreckenraketen in Deutschland. Konzeptioneller Hintergrund und Folgen für die europäisch Sicherheit. Berlin und Wien: Friedrich Ebert Stiftung, Juli 2024.

Steinmetz, Ch.; Wulf, H.; Lurz, A. (2024): Wann ist genug genug? Ein Vergleich der militärischen Potenziale der Nato und Russland. Hamburg, Greenpeace.

Wulf, H.; Lurz, A.; Steeg, Ph. (2026): Europa allein zu Haus? Europas Sicherheitspolitik in Zeiten Donald Trumps. Hamburg, Greenpeace.

Zellner, W. (2025): Conventional arms control during wartime, in ceasefire and post-conflict situations. Wien: Friedrich-Ebert-Stiftung.

Dr. Max Mutschler ist Senior Researcher und Projektleiter am Bonn International Centre for Conflict Studies (bicc). Er forscht dort u.a. zu Rüstungsexportpolitik, dem Zusammenhang von Militärtechnologie und Kriegsführung sowie zur Theorie und Praxis von Rüstungskontrolle.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/3 Neue Technologien im Krieg, Seite 39–40