W&F 2026/2

An den Schnittstellen des Wissens

AFK-Kolloquium 2026, Universität Leipzig, 11.-13. März 2026

Es gehört mittlerweile fast zum guten Ton in der Wissenschaft, Inter- und Transdisziplinarität einzufordern. Kaum ein Call, kaum ein Forschungsantrag, der ohne sie auskommt. Und doch bleibt oft unklar, was genau geschieht, wenn diese Begriffe den Raum wissenschaftlicher Praxis betreten. Das AFK-Kolloquium 2026 in Leipzig stellte diese Frage nicht nur programmatisch – es machte sie zum Gegenstand einer kollektiven Selbstbefragung. Was bedeutet es eigentlich, an den Schnittstellen zu arbeiten? Und wer befindet sich dort?

Diese Frage wurde auf dem bisher größten Jahreskolloquium in der Geschichte der AFK in Panels, Roundtables und Workshops diskutiert. In diesem Jahr fand das AFK Kolloquium in Kooperation mit dem Institut für Politikwissenschaft der Universität Leipzig und dem dortigen Arbeitsbereich »Internationale Beziehungen und transnationale Politik« statt.

Dialoge über Disziplingrenzen hinweg

Schon die Vielfalt der eingereichten Beiträge ließ erahnen, dass es sich bei diesen Schnittstellen nicht um klar definierte Übergänge handelt, sondern um sich überschneidende, auseinander- und auch zusammengehende Forschungsbereiche. In der Frage der Transdiziplinarität der Friedens- und Konfliktforschung treffen nicht nur Disziplinen aufeinander, sondern auch unterschiedliche Verständnisse der grundlegenden Konzepte von Erkenntnis, Relevanz oder auch Verantwortung. Die Friedens- und Konfliktforschung ist ein Geflecht, das sich aus Impulsen aus den unterschiedlichsten Wissenschaften und Disziplinen und nicht zuletzt aus zivilgesellschaftlicher Praxis speist. Gerade darin liegt ihre Stärke – und ihr Problem.

Denn während die großen Krisen der Gegenwart kaum mehr innerhalb disziplinärer Grenzen zu verstehen sind, bleibt die Organisation von Wissenschaft diesen Grenzen weiterhin tief verpflichtet. Was als legitime Frage gilt, welche Methoden als »sauber« gelten, welche Stimmen gehört werden: All das folgt weiterhin disziplinären Logiken. Interdisziplinarität erscheint so häufig als nachträgliche Übersetzungsleistung – nicht als Ausgangspunkt.

Gerade die Frage danach, wessen Stimmen gehört werden, ist in der Wissenschaft besonders relevant und beschäftigt auch die AFK in ihrer internen Auseinandersetzung. Deswegen ist es besonders erwähnenswert, dass in diesem Jahr zum ersten Mal in einem nennenswerten Umfang Forschende aus verschiedenen Regionen außerhalb Europas an der Konferenz teilnehmen konnten, unter anderem durch die aktive Einbindung als »AFK Global South Fellows« (dem neuen AFK-Förderprogramm für Early-­Career-Forscher*innen aus den Ländern des Globalen Südens). Ihre Beiträge eröffneten den Tagungsteilnehmer*innen nicht nur neue Perspektiven auf Konflikt- und Friedensdynamiken, sondern halfen aktiv dabei, die eurozentrischen Annahmen traditioneller Forschungsdiskurse zu Krieg, Gewalt, Konflikt und Frieden infrage zu stellen. Die Präsenz dieser Fellows unterstrich die Forderung, dass Wissen und Friedenspraxis transregional vernetzt werden müssten. Diese diverse Zusammensetzung der Panels wurde von den Organisator*innen im Programm als integrale Bestandteil der Konferenz verstanden – und machte so auch deutlich, dass die Zukunft der Disziplin ohne eine aktive globale Vernetzung kaum denkbar ist.

Die Frage danach, wessen Stimmen »gehört« werden, erinnert auch an das Treffen des »Netzwerks Friedensforscherinnen« und das erste Treffen der am Thema »Diversity« Interessierten. Es zeigte sich durch die Diskussionen in beiden Foren, dass es in der AFK ein wachsendes Interesse gibt, DEI(»Diversity, Equity and Inclusion«) auf Grundlage persönlicher und beruflicher Erfahrungen zu thematisieren. Dabei sollte die Bedeutung und das Potenzial des AFK-Kolloquiums, einen Raum für Austausch und Solidarität zu bieten, ernstgenommen werden.

Dass eine interdisziplinäre Verschränkung vielen Forschungsprojekten in der Friedens- und Konfliktforschung zugrunde liegt, wurde nicht zuletzt bei der diesjährigen Verleihung des Christiane-Rajewsky-Preises deutlich. In diesem Jahr wurden zwei Nachwuchswissenschaftler*innen geehrt, die in sehr unterschiedlichen Forschungsprojekten je innovative Fragestellungen beleuchteten. Claudia Wiehler wurde für ihre Dissertation zur Interdependenz von Bürgerkriegen und Konflikten zwischen informell bewaffneten Gruppen ausgezeichnet. In der Begründung der Jury heißt es, die Arbeit bilde auf neuartige Weise die Interdependenz zwischen den verschiedenen Konfliktypen in einem übergreifenden Konfliktnetzwerk ab, das alle wesentlichen staatlichen und nicht-staatlichen Konfliktakteure in ihren wechselseitigen Kooperations- und Konfliktbeziehungen berücksichtigt. Diese Erkenntnisse nutze Claudia Wiehler, um kurzfristige Kaskaden­effekte im Land untersuchen zu können. Als zweites wurde Christopher David für seine Masterarbeit zu »Incels« und White Suprem­acy geehrt. Die wissenschaftliche Relevanz seiner Arbeit liege, so die Jury, sowohl in der Methodologie der »Digital Ethnography« als auch dem Thema der modernen Radikalisierungsformen – und ganz besonders in dem gelungenen Zusammenspiel beider. Für die Gesellschaft sei die Erkenntnis besonders relevant, fährt die Jury fort, dass das »lone wolf«-Phänomen meist nur in der physischen Welt existiere, während diese Personen digital und anonym sehr vernetzt seien.

Gleichzeitig erhielten zum ersten Mal zwei weitere Projekte eine besondere Belobigung der Preisjury. Die Dissertationen von Clemens Pfeffer zur Soziologin und Pazifistin Hannah Meuter und von Anne Stein zu epistemischer Gewalt im Kontext des Konflikts in Palästina und Israel, unterstrichen die Vielfalt der Forschungsperspektiven.

Debatten und Kontroversen akzeptieren – und führen

Abseits der Frage nach der Transdisziplinarität gab es aber auch in diesem Jahr Raum für Debatten und Dissens. Eine Grundsatzdebatte entfaltete sich um die Zusammensetzung des öffentlichen Podiums. Auf diesem Podium zu »Friedens- und Sicherheitsstrategien in Zeiten hybrider Bedrohungen« trafen am zweiten Konferenznachmittag Persönlichkeiten aus unterschiedlichsten Disziplinen und Professionen aufeinander, die alle in ihrem beruflichen Auftrag mit Fragen der »hybriden Bedrohungen« beschäftigt sind. Der Leipziger Bürgermeister Ulrich Hörning, die Völkerrechtsexpertin Janina Dill (Professorin, Universität Oxford), Katharina Benford (Oberst i.G., Bundesakademie für Sicherheitspolitik) und Tobias Pietz (Lead, Climate Security & EU, Zentrum für Internationale Friedenseinsätze) diskutierten miteinander und öffneten damit auf dem Podium Raum für Austausch zwischen unterschiedlichen Perspektiven, welche im medialen Diskurs mehr oder auch weniger vorhanden sind. Die Diskussionen unter Teilnehmenden am AFK-Kolloqium über das, was auf dem Podium gesagt wurde und auch darüber, wie es gesagt wurde, waren intensiv – die Positionen reichten von Empörung über emotionale Betroffenheit bis hin zu sehr grundsätzlichen Fragen danach, wem mittels der öffentlichen Podien der AFK überhaupt eine Bühne geboten werden solle, wer reden dürfe und wie viel Platz eine Veranstaltung auch der kritischen Diskussion mit dem Publikum widmen sollte.

So energiezehrend und zeitintensiv solche Debatten auch sein mögen, so zeigen sie doch die große Bereitschaft der AFK-Mitglieder und der Konferenzbesucher*innen, auch darum zu ringen, was geeignete Positionen und Haltungen in der Friedens- und Konfliktforschung sein sollen. Wenn über diese Fragen nicht diskutiert wird, kommt es auch zu keinen Veränderungen oder es fehlt letztendlich an ausgearbeiteten gemeinsamen Positionen.

Vielleicht liegt gerade hierin auch eine der wichtigen Einsichten des diesjährigen Kolloquiums: Transdisziplinarität und Multiperspektivität sind nicht per se harmonische Unterfangen. Sie erzeugt Reibung. Wenn Dissens und Reibung offenbar wird, sollte dies allerdings in einem produktiven Konfliktbearbeitungsmodus ausgetragen – und ausgehalten werden. Vielleicht ist gerade das der produktivste Zustand: Die Friedens- und Konfliktforschung erscheint hier nicht als Disziplin mit klaren Grenzen, sondern als Suchbewegung. Eine Bewegung, die sich immer wieder neu orientieren muss, weil sich auch ihr Gegenstand ständig verändert.

Grenzen überschreiten ist viel Arbeit – notwendige und wertvolle Arbeit

Aus der Gesamtschau der Beiträge zum AFK-Kolloquium lässt sich unseres Erachtens folgender Schluss ziehen: Die Grenzen dessen zu überschreiten, was als Friedens- und Konfliktforschung gelten kann, und die Suche nach der Transdisziplinarität aktiv fortzuführen sollte als ein transregional, (inter-)diziplinär, intersektional und empathisch orientiertes Projekt angegangen werden. Transregional, weil Konflikte, Wissensordnungen und Machtverhältnisse nicht an politischen oder geografischen Grenzen haltmachen und nur in ihren Verflechtungen angemessen verstanden werden können. (Inter-)disziplinär, weil komplexe Fragestellungen nicht innerhalb einzelner Fachlogiken lösbar sind. Intersektional, weil soziale Ungleichheiten und Machtstrukturen sich überlagern und nur in ihrer Verschränkung sichtbar wird, wie sie Konflikte durchziehen. Empathisch, weil »Grenzen überschreiten« auch auf einer individuellen und persönlichen Ebene gedacht werden kann und gewisse Grenzen dort empathisch akzeptiert werden sollten. Empathisch auch, weil neben all den unzähligen Faktoren in der Forschung die Menschlichkeit und das Zusammenkommen nach langer Forschungsarbeit über konfliktbehaftete Themen nicht vergessen werden darf.

Inter- und Transdisziplinarität können somit nicht nur als Ziele, die es zu erreichen gilt, sondern als Praktiken, die immer wieder neu eingeübt werden müssen, verstanden werden. Sie sind unvollständig, widersprüchlich, manchmal auch scheiternd. Die sehr weitreichenden Grundsatzfragen nach den Grenzen der Wissenschaft, ihrer Akteure und der bewussten Überschreitung disziplinärer Zuordnung in einer Suche nach Transdisziplinarität, die das diesjährigen Kolloquium nach vorne brachte, sollten auch für die Kolloquien der kommenden Jahre wertvolle Impulse setzen: Welche Themen werden warum und wie bearbeitet, wer entscheidet darüber und wie wird mit den Ergebnissen umgegangen werden? Es wird spannend sein, wie sich diese Fragen auch im kommenden Jahr fortsetzen werden, wenn das Friedensinstitut an der Evangelischen Hochschule vom 11.-13. März 2027 zum Kolloquium nach Freiburg im Breisgau lädt.

Dr. Samantha Ruppel und Selina Manneck

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/2 Friedensbewegung(en) heute, Seite 64–65