W&F 2026/3

Automatisierte Kriegsverbrechen?

Israels KI-gestützte Zielerfassung »Lavender« im Gazastreifen

von Rainer Rehak

Der Genozid in Gaza hat einen komplexen informationstechnischen Unterbau, zu dem auch Israels KI-gestütztes Zielauswahlsystem »Lavender« gehört. Das System soll im großen Maßstab »gezielte Tötungen« und »Präzisionsangriffe« ermöglichen. Eine technische Analyse zeigt, dass die hohe Anzahl ziviler Opfer und Schäden keine Unfälle in einem ansonsten »präzisen« System sind und dass relativierende Fragen nach der Verantwortung in komplexen KI-Systemen im Fall von »Lavender« reine Ablenkung sind.

Datengestützte Methoden der künstlichen Intelligenz (KI) wie maschinelles Lernen werden zunehmend von nationalen Streitkräften eingesetzt. Diese Techniken sollen die militärischen Fähigkeiten verbessern, indem sie Erkenntnisse aus verschiedenen Datenquellen nutzen, um verwertbare nachrichtendienstliche Informationen zu prognostizieren, Objekte im Kampfgebiet zu klassifizieren und zu identifizieren sowie Vorgehensweisen beispielsweise bei Kampfeinsätzen oder der Logistik zu empfehlen. Diese Datenanalysefähigkeiten, die oft für ihre »übermenschlichen« Vorhersage- und Mustererkennungsfähigkeiten gelobt werden (Campolo und Crawford 2020), werden in technische Systeme integriert, um die Entscheidungsfindung zu unterstützen (»Decision-Support-Systems«, DSS).

Um jedoch die realen Konsequenzen der Anwendung solcher Systeme besser erfassen zu können und Wahrheit von Fiktion zu trennen, analysiere ich hier die Zielerfassungssysteme »Lavender« und »Where’s Daddy?«, die Berichten zufolge seit Beginn ihrer Offensive im Gazastreifen im Oktober 2023 von den israelischen Streitkräften (»Israel Defense Forces«, IDF) in großem Umfang eingesetzt werden. Durch die genaue Untersuchung werde ich nachverfolgen, dokumentieren und erklären, wie die IDF ein hohes Maß an Genauigkeit bei der Zielerfassung beanspruchen (Biesecker et al. 2025), während gleichzeitig die Zahl der zivilen Todesopfer im Gazastreifen erschütternd hoch ist (Graham-Harrison und Abraham 2025). Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse wurde in anderen Arbeiten bereits die systematische Verletzung des humanitären Völkerrechts durch Israel dargelegt (Rehak und Woodcock 2026).

Zwar gibt es eine Fülle theoretischer Literatur zu Automatisierung und KI-gestützten Systemen, doch stellt der asymmetrische Krieg in Gaza den ersten großflächigen Anwendungsfall solcher Technologien im Kampfeinsatz dar, zu dem überhaupt Informationen vorliegen – kleine »Tests« gab es hingegen bereits (u.a. in der Ukraine, vgl. Sparkes 2026). Da viele populäre Vorstellungen von KI zirkulieren, die oft irreführende Narrative und Versprechungen widerspiegeln (Jasanoff und Kim 2015; Rehak 2025), ist eine realistische Analyse umso wichtiger – dieser Text argumentiert, dass der Einsatz von KI die Zielerfassungspraktiken nicht verbessert, sondern systematisch zu einem hohen Ausmaß an zivilen Opfern führt.

Politischer Hintergrund und Kontext der Situation

Die Anwendung der KI-Erfassungssoftware der IDF erfolgt derzeit im Völkermord in Gaza (UN OHCHR 2025). Der seit über 70 Jahren andauernde Israel-Palästina-Konflikt ist geprägt von der illegalen Besatzung Palästinas – d.h. des Gazastreifens, des Westjordanlands und Ost-Jerusalems – durch Israel (ICJ 2024) sowie von einem Apartheid-System (UN OHCHR 2022). Die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen den IDF und diversen Gruppen (u.a. dem bewaffneten Flügel der Hamas im Gazastreifen (al-Qassam-Brigaden) oder dem bewaffneten Flügel der Fatah im Westjordanland (al-Aqsa-Brigaden)) sind Faktor und Konsequenz dieser hochgradig militarisierten Situation.

Auslöser für den aktuellen Völkermord war der brutale Angriff der al-Qassam-Brigaden und anderer bewaffneter Gruppen auf Israel am 7. Oktober 2023, bei dem etwa 1.200 Israelis starben, fast zwei Drittel davon Zivilist:innen. Infolge der Aktivierung der sogenannten »Hannibal«-Direktive starben Dutzende Israelis durch die Hand der IDF selbst (Planasari 2024). Im Verlauf dieses Angriffs wurden zahlreiche Gräueltaten begangen, die noch nicht vollständig aufgeklärt wurden (Rozovsky 2025), und über 200 Geiseln wurden nach Gaza verschleppt.

Als Reaktion darauf leitete Israel – vor allem unterstützt von den USA und Deutschland – einen Angriff auf den Gaza­streifen ein, der als Völkermord am palästinensischen Volk gilt (UN OHCHR 2025). Nach israelischen Angaben sind 83 % der Opfer in Gaza Zivilist:innen (Graham-Harrison und Abraham 2025), wovon fast ein Drittel Kinder sind (UN OCHA 2026).

Die IDF gelten als eine der (digital-)technisch fortschrittlichsten Armeen der Welt (Frei 2020), da in vielen Bereichen KI-gestützte DSS mit Codenamen wie »Gospel«, »Fire Factory«, »Depth of Wisdom«, »Alchemist« und eben »Lavender« zum Einsatz kommen (Bo und Dorsey 2024). Es ist daher besonders relevant, Behauptungen qualifiziert und mit technischem Sachverstand zu bewerten, wonach der Einsatz von KI die militärische Zielerfassung der IDF verbessert.

Beschränktes Wissen durch Whistleblowing

Die Bewertung der Behauptungen der IDF, durch den Einsatz fortschrittlicher KI-Systeme die moralische Überlegenheit in der Kriegsführung zu besitzen, ist keine leichte Aufgabe und insbesondere bei aktuellen Konflikten ist es aufgrund von Geheimhaltungsvorschriften sowohl auf Unternehmens- als auch auf militärischer Ebene schwierig, überhaupt Zugang zu validen empirischen Daten wie tatsächlichen Systemkonfigurationen oder technischen Handbüchern zu erhalten.

Daher stütze ich diese Analyse auf mehrere unabhängige Medienberichte investigativer Journalist*innen, die auf anonymen Quellen aus den Reihen der IDF und bei US-Auftragnehmern sowie auf dem Zugang zu geheimen Dokumenten aufbauen. Besonders die Arbeit des israelischen Investigativjournalisten Yuval Abraham ist hier zu nennen, der auch zuerst überhaupt von der Existenz und dem Einsatz dieser Systeme berichtet hatte und seither kontinuierlich dazu veröffentlicht (Abraham 2023, 2024a). Seine Recherchen sind auf der linken israelischen Nachrichtenplattform »+972-Magazine« in Zusammenarbeit mit dem Magazin »Local Call« erschienen. Auch die journalistische Arbeit von Michal Biesecker, Sam Mednick und Garance Burke von »Associated Press« (Biesecker et al. 2025) bot wesentliche Informationen für die Bewertung der Systeme.

Beide journalistischen Recherchen basieren auf anonymen Interviews mit verschiedenen Angehörigen der IDF, darunter Geheimdienstoffizier:innen und Mitglieder der Spezialeinheit für elektronische Aufklärung und Kriegsführung (»Einheit 8200«), die alle während des aktuellen Krieges im Gazastreifen im Einsatz waren und Erfahrungen aus erster Hand mit den Systemen hatten. Darüber hinaus werden israelische Amtsträger:innen und Mitarbeiter:innen von Unternehmen zitiert, die in Israel bedeutende militärbezogene Aufträge ausführen (u.a. Microsoft, OpenAI, Google und Amazon). Die Journalist:innen hatten zudem Zugang zu internen Dokumenten der IDF und ihrer Auftragnehmer sowie von israelischen Ministerien.

Systembeschreibungen Lavender und Co.

Die von der IDF eingesetzten Zielerfassungssysteme »Lavender« und »Where’s Daddy?« bilden den Kern der Untersuchung. Die Ergebnisse dieser Systeme werden von den IDF in Ausführungssysteme eingespeist, beispielsweise für Luftangriffe oder Drohnenangriffe, sind also unmittelbar relevant für Tötungsvorgänge. Beide Zielauswahlsysteme wurden vom israelischen Militär gemeinsam mit israelischen Universitäten entwickelt (vgl. u.a. Wind et al. 2024).

Die Datengrundlage für die Systeme bildet der Datenbestand des israelischen Staates über einen nahezu vollständig »digitalisierten Gazastreifen«. Damit ist gemeint, dass Israel, einschließlich seines Militärs, Zugriff auf praktisch alle Kommunikationsdaten (Mobilfunk und Festnetz), Bewegungsdaten (Mobiltelefone), Geo- und Oberflächendaten, Satellitendaten, Videoüberwachungsdaten, Zahlungsdaten, Social-Media-Daten, die Namen aller Personen und sogar Informationen zu Stammbäumen hat (Tawil-Souri 2012). Darüber hinaus führt die Aufrechterhaltung der vollständigen Kontrolle über Land-, See- und Lufttransporte in den Gazastreifen zu Informationen über alle physischen Güter.

Die für die Erfassung, Speicherung und Verarbeitung dieser Daten erforderliche digitale Infrastruktur wird den Recherchen nach von großen US-Unternehmen bereitgestellt (Abraham 2024b). Der Cloud-Speicher von etwa 13,6 Petabyte (13.600 Terabyte) wird von Google und Amazon unter dem Namen »Project Nimbus« bereitgestellt. Cisco, Dell und Red Hat/IBM stellen zusätzliche IT-Dienstleistungen bereit. Palantir ist für die Integration von Daten aus heterogenen Quellen zuständig, und die KI-Anwendungen werden von Microsoft/OpenAI und Google bereitgestellt; allerdings nicht ohne internen Widerstand (No Azure for Apartheid 2026; No Tech for Apartheid 2026). Um eine optimale Zusammenarbeit zwischen den Unternehmen und den IDF zu gewährleisten, gibt es verschiedene personelle Überschneidungen: So gehören beispielsweise Microsoft-Mitarbeiter:innen auch zur »Einheit 8200« der IDF oder wechseln regelmäßig ihre Rollen (Abraham 2024b).

»Lavender« und seine Integration im Detail

Jeder Person in Gaza wird durch das »Lavender«-System automatisch ein sogenannter »Militant Score« zugewiesen. Dieser Wert reicht wohl von 1 bis 100 und gilt als Risikowert, der auf eine Verbindung zu militanten Aktivitäten hinweisen soll. Auf der Grundlage dieser Daten werden den Berichte zufolge Schwellenwerte für die Ermittlung von »Junior-Zielen« und »Senior-Zielen« festgelegt. Diese »Ziele«, d.h. alle Personen mit einem Wert oberhalb der festgelegten Schwellenwerte, werden anschließend an andere Ausführungssysteme weitergeleitet. Die Schwellenwerte können dynamisch angepasst werden, was dazu führt, dass mehr oder weniger Ziele generiert werden. Jeder Score ist ein Wert, der von einem KI-Modell auf der Grundlage statistischer Ähnlichkeiten hinsichtlich des Kommunikationsverhaltens, der Bewegungen, familiären Beziehungen, Namen, Zahlungsdaten und anderer verfügbarer Metadaten – wie oben erwähnt – unter Verwendung des sogenannten »Positive-Unlabeled«-Lernverfahrens (das auf einigen wenigen, von den IDF definierten Beispielen tatsächlicher Militanter aufbaut) erstellt wird.1 Der Einsatz von »Lavender« lässt sich durchaus mit der Logik der »Signature Strikes« der US-Streitkräfte in Pakistan unter George W. Bush und Barack Obama vergleichen (Ackerman 2016).

Innerhalb von »Lavender« wird auch durch menschliche Eingabe explizit festgelegt, wie hoch die »akzeptable« Zahl der wahrscheinlichen zivilen Opfer – d.h. aus israelischer Sicht »Nicht-Hamas-Mitglieder« – bei Angriffen ist. Berichten zufolge wurde das System so konfiguriert, dass bis zu 15 zivile Todesopfer bei »untergeordneten« Zielen (»Junior«) und mehrere hundert (wörtlich wohl „Hunderte“) bei »übergeordneten« Zielen (»Senior«) zulässig sind (Biesecker et al. 2025). Konkret werden also für 100 vom System generierte Zielmarkierungen daher durch die Systemkonfiguration direkt 1.500 bis über 10.000 zivile Opfer (einschließlich Kinder) erwartet und für legitim betrachtet. Dabei handelt es sich lediglich um die wahrscheinlichen zivilen Opfer; die Korrektheit dieser Wahrscheinlichkeitsannahme wird im Nachhinein nicht überprüft und hängt zudem von den letztendlich eingesetzten Mitteln ab. Tatsächlich werden bei »Junior-Zielen« häufig kostengünstige Bomben ohne Zielvorrichtungen eingesetzt („Man will keine teuren Bomben an unwichtige Menschen verschwenden – das ist sehr teuer für das Land“, Abraham 2024a), die einen immensen Explosionsradius haben, ganze Gebäude zerstören und die darin befindlichen Zivilist:innen töten. Der Einsatz solcher Waffen karikiert die theoretische Berechnung wahrscheinlicher ziviler Opfer.

Die Ergebnisse von »Lavender« fließen anschließend in den Ausführungsplan für die Zielauswahl ein, wobei der genaue Zeitpunkt des Angriffs von einem Zwischensystem namens »Where’s Daddy?« festgelegt wird. Dieses System nutzt militärische Geolokalisations-Daten des hier nicht beschriebenen »Gospel«-Systems und legt Zeit und Ort der Bombenangriffe oder Drohnenangriffe so fest, dass die Menschen genau dann angegriffen werden, wenn sie zu Hause bei ihren Familien sind, d.h. in zivilen Wohngebieten. Quellen berichteten, dass oft ganze Gebäude bombardiert wurden, selbst wenn dort nur die Familien unbedeutender Hamas-Mitglieder wohnten. Die Quellen berichteten ferner, dass Wohngebiete oft ohne ersichtlichen Grund bombardiert wurden (Abraham 2023).

Zur »Qualität« der Zielerfassung

Die IDF erklären offiziell, diese Systeme „erzeugen schneller mehr Ziele, aber nicht auf Kosten der Genauigkeit“ (Biesecker et al. 2025). Die von den Journalist:innen befragten Quellen berichteten hingegen, dass der Schwerpunkt beim Einsatz dieser Systeme auf einer hohen Anzahl von Zielen und nicht auf der Genauigkeit der generierten Ziele liegt (Abraham 2023).

  • Den Quellen zufolge nehmen sich IDF-Mitarbeiter:innen in der Regel nur bis zu 20 Sekunden pro berechnetem Ziel Zeit, um zu beurteilen, ob es sich tatsächlich um ein gültiges Ziel handelt, wobei sie wohl manchmal lediglich prüfen, ob es sich bei dem Ziel um einen Mann handelt (Abraham 2024a). Natürlich sind 20 Sekunden viel zu wenig Zeit für eine umfassende Bewertung von Zielen, die danach bombardiert und getötet werden.
  • Zudem lassen die IDF offen, wer tatsächlich als »gültiges Ziel« gilt. Einige Quellen deuteten in den Interviews an, dass Jungen und Männer ab dem Teenageralter als Ziele gelten, während andere auch Fahrer von Hamas-Mitgliedern als gültige Ziele bezeichneten. »Hamas« ist zudem der Name der politischen Organisation, die den Gazastreifen regiert, und sollte nicht mit ihrem militärischen Arm gleichgesetzt werden. Wenn Whistleblower und Quellen von der Bekämpfung der »Hamas« sprechen, ist oft unklar, ob sie tatsächlich die Kämpfer meinen oder auch alle Personen in zivilen politischen Ämtern im Gazastreifen (Abraham 2023), die unter keinen Umständen als Kombattanten ins Visier genommen werden dürfen.
  • Weiter deuteten die Quellen an, dass eine einmalige manuelle interne Überprüfung der IDF anhand von Stichproben ergab, dass etwa 10 % der berechneten Ziele komplette Fehlidentifizierungen waren – selbst nach den ungenauen Kriterien der IDF (Abraham 2024a) – wie etwa Polizei- und Zivilschutzmitarbeiter:innen, Angehörige gültiger Ziele, Personen mit ähnlichen Namen oder einfach Personen, die Geräte benutzten, die einst einem gültigen Ziel gehört hatten.
  • Darüber hinaus werden in der Zielauswahlphase, in der der tatsächliche Angriffsort kurz vor der Ausführung festgelegt wird, keine detaillierten Standortdaten mehr verwendet. Vor Oktober 2023 wurden präzise GPS-Daten für die Ziele generiert; seither werden jedoch aus Zeitgründen nur noch Mobilfunk-Triangulationsdaten verwendet, die weitaus ungenauer sind und um Hunderte von Metern abweichen können (vgl. Abraham 2023).
  • Schließlich können angesichts der ohnehin unklaren Ermittlung eines konkreten »Militanten-Werts« für alle Bewohner:innen des Gazastreifens die Schwellenwerte auf willkürliche Zahlen festgelegt werden. Den Berichten zufolge werden solche dynamischen Anpassungen wohl regelmäßig vorgenommen: Wann immer das System also nicht genügend gültige Ziele für den Tag generiert, senken die Militärs die Schwellenwerte dynamisch, bis die gewünschte Anzahl an Zielen wieder erreicht ist (Abra­ham 2024a).

Wider den Mythos der »Genauigkeit«

Wir müssen anerkennen, dass der Einsatz von KI in der Kriegsführung nicht mehr auf die Steuerung von Drohnen beschränkt ist, sondern dass KI-Komponenten mittlerweile in verschiedenen Systemen zum Einsatz kommen, beispielsweise bei der Zielauswahl und -planung.

Das entscheidende Element der Systeme »Lavender« und »Where’s Daddy?« ist ihre explizite Konfigurierbarkeit für gewünschte Ergebnisse und deren Ausführung. Der Einsatz eines solchen Systems mit den hier beschriebenen Zielsetzungen und Konsequenzen ist nach dem humanitären Völkerrecht nicht rechtmäßig – die Anwendung bildet einen gefährlichen Präzedenzfall.

Dass das System eine Praxis der dynamischen Anpassung von Zielschwellenwerten erlaubt, um eine gewünschte Anzahl täglicher Ziele zu erreichen, führt zu willkürlichen Tötungen ohne substanzielle Rechtfertigung. Die dynamische Senkung dieser Werte verdeutlicht zudem den fiktiven Charakter der »Bewertung« durch das »Lavender«-System: Die tatsächlichen und konkreten Zahlen spielen eine untergeordnete Rolle – und somit werden alle Menschen in Gaza letztlich in einer einzigen Tötungsliste zusammengefasst. Der in der willkürlichen Zerstörung liegende Aspekt der Einschüchterung der Bevölkerung des Gazastreifens muss auch als unverhältnismäßige Maßnahme nach dem humanitären Völkerrecht bewertet werden. Einigen der von den Journalist:­innen interviewten IDF-Soldat:innen muss diese massive Asymmetrie wohl auch bewusst sein: „Wenn [die IDF] der ganzen Welt [diese Praktiken mitteilen würde] (…), würde dies selbst als Terrorismus angesehen werden. Deshalb sagen sie es nicht“ (Abraham 2023).

Die hier problematisierten Verletzungen des humanitären Völkerrechts sind wortwörtlich »vorprogrammiert«: Selbst wenn das System mit einer Konfiguration betrieben würde, die keinerlei zivile Opfer vorsieht – was nicht der Fall ist –, wäre die grundlegende Ungenauigkeit der Zielgenerierung – zusätzlich zur unklaren Zieldefinition, ungenauen Ortung und dem tödlichen Einsatz kostengünstiger Bomben – eine ausreichende Grundlage für die Rechtswidrigkeit dieser Praktiken.

In politischen und gesellschaftlichen Debatten über militärische KI wurden weitgehend irreführende Begriffe und Narrative für KI-Systeme geprägt: An die Stelle von »gezielten Tötungen« und »Präzisionsschlägen« sollte der Begriff »probabilistische Tötungsautomatisierungssysteme« treten – er wäre weitaus passender.

In einer Studie mit Taylor Kate Woodcock (Rehak und Woodcock 2026) kommen wir zum Schluss, dass die IDF ihre eigene Verantwortung absichtlich verschleiern, indem sie großflächig probabilistische, ungenaue und fehleranfällige Systeme einsetzen. Dadurch versuchen die IDF den allgemeinen Anschein der Genauigkeit und Rechtmäßigkeit ihrer Zielauswahlpraktiken zu bewahren und zivile Schäden als Ausnahme und nicht als Regel darzustellen. Der Blick in die Systeme zeigt jedoch, dass der Einsatz solche Schäden von vornherein vorsieht und realisiert, was einen systematischen und tiefgreifenden Verstoß gegen das Völkerrecht darstellt (Rehak und Woodcock 2026). Dies ist auch deshalb relevant, weil die IDF die beschriebenen Systeme nun auch im Libanon und Iran einsetzen (Benjakob 2026) und diese vermutlich auch bald exportiert werden (Loewenstein 2023). Die drängende Frage, ob solche schwerwiegenden und systematischen Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht letztendlich Kriegsverbrechen darstellen, muss nun von Gerichten geprüft werden.

Anmerkung

1) Die genauen Komponenten und Details der statistischen Berechnung des Modells sind jedoch nicht öffentlich bekannt.

Literatur

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Abraham, Y. (2024a): ‚Lavender’: The AI machine directing Israel’s bombing spree in Gaza. +972 Magazine, 14.4.2024.

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Ackerman, S. (2016): US to continue ‘Signature Strikes’ on people suspected of terrorist links. The Guardian, 1.7.2016.

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Rainer Rehak ist Ko-Vorsitzender des FIfF und wissenschaftlicher Mitarbeiter am Weizenbaum-Institut für die vernetzte Gesellschaft. Seine Forschungsfelder sind u.a. Technikfolgenabschätzung, kollektiver Datenschutz, epistemische Grundlagen von Automatisierung, digitaler (De-)Kolonialismus, sowie die Implikationen und Grenzen von KI-Systemen.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/3 Neue Technologien im Krieg, Seite 17–20