W&F 2026/3

Das dystopische Moment überwinden

Ende Juni 2026 machte eine Meldung – nun ja, begrenzte – Schlagzeilen: Nach etwas mehr als zwei Jahren Geheimhaltung bestätigte ein Geschäftsführer einer Rüstungsfirma, die an der Schnittstelle zwischen Drohnenentwicklung und KI-Automatisierung arbeitet, dass es im Krieg um die Ukraine einen ersten vollautomatisierten Einsatz gegeben habe – von der Aufklärung über die Missionsgestaltung bis hin zur Entscheidung über die Anwendung tödlicher Gewalt vollständig gesteuert von einer »Künstlichen Intelligenz« und mit ihr verschalteter Systeme. Ein schrecklicher Beweis für die tatsächliche Geschwindigkeit, mit der sich parallel einerseits die technologische Fortentwicklung und andererseits die Entgrenzung aller moralischer, politischer und menschlicher Rahmenbedingungen der Kriegsführung voranbewegen.

Als W&F in den 1980er Jahren ins Leben gerufen wurde, galt die Abrüstungsdiskussion den Proliferationsrisiken und der Kriegsgefahr der als »Star Wars«-Programm bezeichneten US-»Strategic Defense Initiative«. Auch wenn die Militarisierung des Weltraums in dieser Ausgabe nur am Rande thematisiert wird: Dass wir uns derzeit inmitten einer Entwicklung befinden, die beklemmend an die dystopischen Zukünfte eines großen Teils des Science Fiction-Kanons erinnert, ist erschreckend. Man müsste fast sagen: Wir befinden uns in einem Reboot von »Star Wars« in der realen Welt.

Das hat natürlich auch damit zu tun, dass die Autor*innen und Regisseur*innen der Science Fiction und Steampunk-Genres oft tiefgründig belesen sind und waren, was denkbare Szenarien menschlicher technologischer Entwicklung betrifft – die visionären Aspekte ihrer Fiktionen haben ja auch durchaus Entwicklungen befeuert (u.a. die Formfaktoren von Tablets und mobilen Monitoren oder vollintegrierter VR-Steuerung). Was jedoch all diesen Geschichten, Hörspielen und Filmen zugrundeliegt sind die Parabeln und ethischen, moralischen und (seltener) politischen Aushandlungen der Protagonist*innen oder Gesellschaften in den Geschichten, die uns beschäftigen sollen: Wohin führt eine ins Extreme zugespitzte, technologisch aber denkbare Fortpflanzungsethik; was folgt in der Bugwelle der Automatisierungsrevolution; welchen Stellenwert hat im Angesicht menschheitsumwälzender Entwicklungen das Faktische, das mit szientistisch-naturwissenschaftlich-technischer Logik verbunden wird, gegenüber dem Affektiven, das mit der fühlenden Person verbunden scheint?

Diese Fragen sind aufgerufen und drängen auf politische Entscheidungen, wenn in diesem vorliegenden Heft die »neuen Technologien« diskutiert werden, die Einzug in Kriegs- und Konfliktgeschehen weltweit halten. Nicht umsonst ist der Schwerpunkt daher gerahmt durch die Beiträge von Wolfgang Liebert und Jürgen Altmann, die die grundsätzliche Herausforderung diskutieren: Wie der Geist, der aus der Flasche entlassen wurde, wieder in diese »verkorkt« werden kann.

Es ist aus der Perspektive des verantwortenden Redakteurs besonders erfreulich, dass es uns mit dieser Ausgabe gut gelungen ist, jüngere und ältere Autor*innen verschiedener Disziplinen zueinander ins Verhältnis zu setzen. Autor*innen, die zu diesen Tendenzen schon in den 1980er Jahren zu W&F beigetragen haben, treffen auf Autor*innen, die ihre disziplinären Detailkenntnisse zum ersten Mal im Heft darlegen. So entsteht ein umfassendes Bild von der aktuellen Zuspitzung im Bereich der Waffentechnologie und Kriegführung: Von der DIY-»Revolution« im 3D-Druck (Liska Suckau), über die KI-Anwendung in der Biotechnologie (Kadri Reis), die Militarisierung der Satellitentechnik (Hans-Jörg Kreowski) und die Automatisierung der Tötungen (Rainer Rehak), bis hin zu den Entwicklungen in der Sensortechnik (Jürgen Scheffran) und der Militarisierung der kritischen Infrastruktur (Christian Reuter et al.). Außerhalb des Schwerpunkts führen drei Beiträge von Marco de Andreis, Max Mutschler sowie Mariem Abdennadher und Kai Koddenbrock die rüstungspolitische Diskussion fort: Alle drei porträtieren aktuelle Fehlentwicklungen – der Überrüstung, der falschen Widersprüche in der Rüstungspolitik und der Profitlogik hinter dem Töten.

Da das Heft so deutlich benennt, wo die Probleme liegen, die wir als Menschheit und als Gesellschaften in den Griff kriegen müssen, soll es auch als Handlungsauftrag verstanden sein: Dass wir uns im Wissen um diese Zustände aktiv dafür einsetzen, sie zu beenden. Hierfür müssen wir – ganz im Sinne der oben angesprochenen Traditionen der Science Fiction und Steampunk-Genres – die Vorstellungskraft entfalten, utopisch denken und konkret handeln.

Ich kann mir aber in der Tradition dieser Zeitschrift sicher sein, dass Sie als Leser*innen und wir als Projekt uns weiter dem verschreiben, was die damals verantwortende Redakteurin Caroline Thomas schon vor 30 Jahren im Editorial 4/1995 so fasste: „Uns [Mitwirkenden und Interessierten an W&F] gemeinsam ist das Anliegen, im Rahmen unserer Tätigkeit dazu beizutragen, an diesen Strukturen etwas zu verändern und ihnen etwas entgegen zu stellen.“ W&F bleibt eben »Mehr als nur eine Zeitschrift«.

Ihnen eine erkenntnisreiche und handlungsinformierende Lektüre, wünscht daher

David Scheuing

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/3 Neue Technologien im Krieg, Seite 2