W&F 1987/5

„Die Krankheit der Abschreckung und ihr Heilmittel“

von Bernard Lown

In diesen atemberaubenden Tagen von Vorankündigungen, die endlich einen Schimmer möglicher Verringerung des aufgeblähten Arsenals an overkill versprechen, ist es an der Zeit für eine Bestandsaufnahme.

Zum ersten Mal sollen Kernwaffen aufgrund einer Vereinbarung abgerüstet und damit das Risiko einer nuklearen Katastrophe verringert werden. Obwohl nur 4 Prozent der vorhandenen Kernwaffen vernichtet werden sollen, so wäre dies doch nichtsdestoweniger ein entscheidender erster Schritt. Es würde den psychologischen Rahmen setzen für substantiellen Fortschritt mit dem Ziel, alle Werkzeuge des Völkermords abzuschaffen. Es gibt also einen Hoffnungsschimmer, er sollte uns aber nicht in Ekstase versetzen. Angesichts der Vereinbarungen der letzten beiden Jahrzehnte könnte nämlich sehr wohl die Rüstungskontrollmedizin bitterer schmecken als die Kernwaffenkrankheit. In der Vergangenheit hat jeder „erfolgreiche“ Vertragsabschluß in Wirklichkeit die nukleare Bedrohung vergrößert. Jede neue Rüstungsbegrenzungsübereinkunft hat neue, tödlichere Kernwaffen erzeugt. Die Begrenzung der atomaren Trägersysteme in SALT I hat zu den Mehrfachsprengköpfen geführt. So hatte die UdSSR, obwohl sie in den späten 70er Jahren ihre SS-18 Trägersysteme zur Hälfte abgerüstet hat, hinterher 5 mal so viele Gefechtsköpfe. SALT II sollte solche Mehrfachsprengköpfe eingrenzen und bescherte uns die Marschflugkörper - unter Umständen noch stärker destabilisierend.

Heute droht diese Gefahr mehr denn je. Weitere massive Expansion steht vor der Tür und äußerst ominöse qualitative Eskalation. Wir haben in der Tat einen Scheideweg von großer Tragweite erreicht. Das Wettrüsten schickt sich an, eine weitere Grenze zu überrasen und in den Weltraum hinauszuschießen, wo der Himmel keine Grenzen mehr setzt.

Wir jagen einer Billionen von Dollars teuren Fata Morgana nach - einer Maginot-Linie im All, gerichtet gegen unsere gemeinsame Verwundbarkeit - ein Programm, das nicht zu testen ist und dennoch auf Anhieb nicht nur fehlerlos sondern perfekt funktionieren muß gleich beim allerersten Einsatz. Ein Perpetuum Mobile soll in Gang gesetzt werden unter Mißachtung der Gesetze der Physik gebaut auf die Hybris der hirnverbrannten Annahme, der Mensch sei vervollkommnungsfähig, wenn nicht als solcher, so doch als Anhängsel von Computern.

Die Absicht hinter dieser komplizierten und störanfälligen Technologie ist kein Geheimnis: Ziel ist, das gegenwärtige militärische Patt entscheidend aus dem Gleichgewicht zu heben im trügerischen Streben nach nuklearer Überlegenheit. All der falsche Rummel, das sei zur Verteidigung, kann nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß der Weltraum zur Plattform eines Erstschlagssystems wird Jede Seite wird, die Hand am Abzug, noch stärker in eine zum Zerreißen gespannte Schießbereitschaft gezwungen und dadurch die Gefahr von Fehleinschätzung, Irrtum oder Unfall exponentiell erhöht

In Reykjavik wurde eine einmalige Gelegenheit vertan Die bedeutendste Übereinkunft, das tödliche Verhängnis zu verringern, wurde preisgegeben zugunsten von Star Wars - einem doktrinären Verworfensein an die Idee von der Militarisierung des Alls und auch, daß der jüngst anstehende Gipfel, der doch schon lange in den Sternen stand, sich immer wieder verflüchtigte, war in großen Teilen die Schuld der unnachgiebigen amerikanischen Festlegung auf dieVerwandlung der unermeßlichen Weiten des Alls, bis heute unberührt von Krieg, in Schlachtfelder für künftige Kriege solcher Ausmaße, daß sie auf Erden nicht mehr führbar sind

Schein und Schaden der Abschreckung

Star Wars hätte eigentlich schon durch das Gewicht der eigenen massiven Unlogik zu Fall kommen müssen. Und dennoch geschieht das nicht Ursachen für die substantielle öffentliche Unterstützung liegen in kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen, ideologischem Verhaftetsein, Paranoidem Anti-Sowjetismus, engstirnigen wissenschaftlich ausgerichteten Interessen und einer sorgfältig gepflegten verführerischen Illusion, Star Wars könne Kernwaffen unnötig machen.

Keinen geringen Anteil daran hat die Erbsünde, der quintessentielle Glaube - die Theorie der Abschreckung, die das öffentliche Bewußtsein umnebelt. Schlangenölquacksalber als Scharlatane zu entlarven, ist Teil unserer ärztlichen Aufgaben. IPPNW kann und darf sich nicht scheuen, die Trugbilder und Täuschungen ans Tageslicht zu zerren, auf die die korrupten Ideologien der Kernwaffenhörigkeit gebaut sind.

In der Medizin sind wir alle gewohnt, uns auf pragmatisch-wissenschaftliche Grundsätze zu berufen, unbelastet von Ideologie, und scheuen daher nicht, auch schmutzigen Wahrheiten ins Gesicht zu sehen.

Wesentliche Annahmen

Bis heute ist Abschreckung offenkundig das grundlegende Argument für das Aufhäufen atomarer Arsenale. Wenn man den Mann oder die Frau auf der Straße nach der Rechtfertigung für diesen Wahnwitz fragt, dann ist unausweichlich die Antwort, ihr einziger Zweck sei zu garantieren, daß sie niemals eingesetzt werden, also Abschreckung. Folgende drei Behauptungen wurden der Öffentlichkeit ins Hirn gehämmert:

1) Kernwaffen sollen nur zur Vergeltung eingesetzt werden.

2) Das Drohen mit unannehmbarem Schaden verhindert unerwünschte Handlungen skrupelloser Feinde, schreckt also von ihrem Ersteinsatz ab.

3) Ihr Besitz soll den unerschütterlichen Vorsatz zum Ausdruck bringen, sie nicht in nuklearer Konfrontation zu nutzen.

Historischer Hintergrund

Die ursprünglichen strategischen Konzepte wurden auf einer Konferenz angenommen, die der Präsident der Universität von Chicago, Robert J. Hutchins, zum 19. bis 22. September 1945 einberief, nur etwa sechs Wochen nach Hiroshima. Jacob Viner, damals Wirtschaftsprofessor, rekapitulierte kurz und bündig den Ursprungs-Ansatz: „Eine einzige Atombombe läßt eine Großstadt samt ihrer Bevölkerung in Schutt und Asche sinken.“ Von dieser freimütigen Prämisse leitete Viner eine bemerkenswerte Anzahl von Konsequenzen ab, von denen eine lautet, daß „Vergeltung mit gleicher Waffe unabwendbar und in diesem Sinne die Atombombe ein Krieg-Abschreckungsmittel ist, eine Friedenschließende Kraft.“1 Hier wurde zum ersten Mal dieses so harmlos scheinende, verführerische Wort benutzt.

Später wurde dieses Konzept mit Fleisch gefüllt durch den großen Kern-Theoretiker der Yale-Universität, Bernard Brodie. Er brachte die inzwischen klassische Formulierung zustande: „Bisher war Hauptziel unseres Militärs, Kriege zu gewinnen. Von nun an muß ein Hauptziel sein, sie abzuwenden. Es kann fast keinen anderen sinnvollen Zweck mehr haben.“2 Diese strategische Grundidee ist, so glaubt man, offizielle Politik der Vereinigten Staaten. Wie denn auch der frühere Verteidigungsminister Robert McNamara feststellte, daß „Kernwaffen völlig unbrauchbar sind, es sei denn, den Gegner von ihrem Gebrauch abzuschrecken.“3

Aber warum dann das Anhäufen von Atomwaffen, wenn einziges Ziel ist, sie nicht einzusetzen? Wer würde denn reihenweise Häuser bauen, in denen niemand wohnen darf, oder Autos nur für die Garage oder sei es welche Ware auch immer, nur um sie nicht zu benutzen?

Ein Hauptgegenstand militärischer Forschung war und ist es, dieses Dilemma zu lösen, Atomwaffen also anwendbar zu machen. Die Entwicklung der Neutronenbombe, der taktischen Kernwaffen oder sogenannter scharf unterscheidender Waffen, schlauer Bomben, und ähnliches mehr, all das war wesentlicher Bestandteil dieser Jagd nach einem Irrlicht. Henry Kissinger hat 1957 zum erstenmal weltweite Aufmerksamkeit auf sich gezogen mit einem Buch, in dem er für eine begrenzte atomare Kriegführung eintrat, vor allem gestützt auf neue taktische Waffen. Kissinger war bemüht, „die Atmosphäre besonderen Schreckens abzubauen, die derzeit den Einsatz von Kernwaffen umgibt“ und „das Trauma zu überwinden, mit dem der Einsatz von Kernwaffen behaftet ist.“4

Wo hätte man einen begrenzten Krieg mit taktischen Waffen ausfochten sollen? Damals hieß die Antwort: in Europa und hier vor allem in Deutschland. Und wie treffsicher waren diese scharf unterscheidenden Waffen? Im Juni 1955 hielt die NATO eine Militärübung ab, um die Verluste beim Einsatz dieser begrenzten taktischen Waffen zu ermitteln. Es stellte sich heraus, daß man in weniger als 3 Tagen 1,5 bis 1,7 Millionen Tote erwarten konnte und 3,5 Millionen Verwundete, falls nur 268 Bomben auf deutschen Boden fielen. 1960 erbrachten NATO-Manöver in Schleswig-Holstein, daß zwischen 300.000 und 400.000 Toten unter der Zivilbevölkerung zu erwarten sind innerhalb von 48 Stunden nach Aufnahme taktisch-atomarer Kriegführung. Bei diesen Zahlen wurden die Strahlentoten und die verzögerten medizinischen und ökologischen Folgen außer Betracht gelassen.1

Während die Verständigeren unter den Befürwortern ihre bösartigen Folgen erkannten, nahmen sie sie doch nichtsdestoweniger als tragischen Imperativ, als unausweichliches Gebot des Schicksals hin. Gleichzeitig aber ergingen sie sich in Selbstbeglückwünschungen und Lobreden auf die Wirksamkeit dieser Politik, die vierzig Jahre Frieden gebracht habe. Aber, „wenn einer in einem Hochhaus auf ein Fenstersims hinaussteigt und Anstalten macht, in die Tiefe zu springen, sind wir als Zuschauer auch dann bemüßigt, ihm zu Weisheit und maßvoller Zurückhaltung zu gratulieren, weil er noch nicht gesprungen ist, und welch sicherer Ort so ein Fenstersims doch sein muß? Wir suchen ihn bei erster sich bietender Gelegenheit zu packen und hineinzuziehen.“5

Derzeitige Militärpolitik

Ungeachtet der weitverbreiteten Annahme war und ist die Abschreckung aber gerade nicht Operationspolitik der Militärs. Will man die wahren Absichten militärischer oder politischer Anführer ausloten, muß man ihre Taten, nicht ihre Worte unter die Lupe nehmen. Die Drahtzieher der Politik verraten sich viel leichter in ihrem handeln als in ihrer Wortwahl. Genauer gesagt: Die Abschreckungsdoktrin hätte eigentlich der Größe atomarer Arsenale Grenzen sehen müssen. Eine Militärpolitik, die sich auf Abschreckung stützt, braucht nur ein endliches und begrenztes Arsenal, das in der Lage ist, ein Dutzend oder mehr großstädtische Zentren auf jeder Seite zu vernichten. Wenn Abschreckung der Gegenstand der Militärpolitik wäre, aus welchem Grunde dann wurden mehr als 50.000 Atomwaffen aufgehäuft mit einer Overkill-Kapazität entsprechend der Vernichtungskraft von mehr als einer Million Hiroshimas? Was ist Sinn und Zweck der Ansammlung von Overkill, das in der Menge umgelegt mehr als vier Tonnen Dynamit für jeden Mann, jede Frau und jedes Kind auf Erden bereit hält?

In den früher 60er Jahren kam der damalige Verteidigungsminister Robert McNamara zu dem Schluß, daß, würden 400 atomare Sprengköpfe auf USA oder UdSSR abgeworfen, 30% der Bevölkerung und 75% der industriellen Kapazität sofort zerstört wären. Das wurde angemessene Abschreckung genannt. Vor einem Vierteljahrhundert fragte Präsident Kennedy seinen Wissenschaflsberater, wieviele Atombomben für eine effektive Abschreckungspolitik nötig seien. Dr. Jerome Wiesner antwortete, daß eine einzige, sicher ins Ziel gesenkt, genüge. Die Zerstörungskraft nur eines einzigen Multimegatonnen-Apparats, abgeworfen auf ein bedeutendes hauptstädtisches Gebiet, könnte bereits unannehmbaren Schaden anrichten.

Die heutige Ansammlung von Vorrichtungen zum Massenmord läßt sich nicht mehr mit einer Politik der Abschreckung bemänteln. Wenn wir nach den Taten urteilen, ist die vielgeschworene Politik nicht die tatsächlich herrschende. In der Tat weist gegenwärtig vieles darauf hin, daß es letztlich darum geht, dem Feind zuvorzukommen. Wenn Präemption oder Erstschlag die atomare Politik eines Staates wird, dann sind allerdings der Anzahl der Waffen keine Grenzen gesetzt, die nötig sind oder doch in dem einen oder anderen strategischen Szenario gerechtfertigt werden können. Aber die Spirale der Ansammlung von Overkill in die Höhe zu treiben, erhöht die Unsicherheit und fordert den Erstschlag heraus. In diesem Rennen haben die Läufer die Kontrolle über ihre Beine verloren.

Die Sittenwidrigkeit der Abschreckung

Wir Ärzte erlauben uns Kritik der Abschreckung nicht aufgrund angemaßter militärischer Erfahrung. Darauf erheben wir keinen Anspruch. Unsere Beobachtungen und Schlüsse sind uns zwingend auferlegt durch die moralischen Verpflichtungen, denen wir als Angehörige der Heilberufe unterliegen. Wie sollen wir uns dem Druck unseres Gewissens stellen? Wie kann die Bedrohung mit der „Endlösung“ nuklearer Vernichtung als Garantie herhalten für das Überleben der Menschheit? Wie kommen wir dazu, an eine Handvoll Politiker die Macht zu delegieren, den Massentod zu exekutieren? Welches Recht hat eine einzige Generation, die Geschichte der Menschheit auszuradieren und ihre Zukunft zu verdunkeln?

Basierend auf der Abschreckungspolitik halten verantwortliche Regierungen ganze Völker als Geiseln für ihr Leben, verurteilt zum Massenmord, der jederzeit zur augenblicklichen qualvollen Exekution bereitet ist. Mühsam gewonnene sittliche Sicherungen gegen menschliche Bestialität fallen über Bord, wenn Computer den totalen Krieg simulieren - prinzipienlos im Vorgehen, grenzenlos in der Gewalt, wahllos in den Opfern, blindwütig in der Zerstörung, unsicher bis zum tragischen Ende. Nur wenig findet sich, was diesen Vorhaben an moralischer Perversion auch nur annähernd vergleichbar wäre.

Wenn Terroristen einen einzelnen Menschen als Geisel nehmen, herrscht weltweit ein Aufschrei der Empörung. Warum gibt es keine kochende Wut über die Abscheulichkeit, die gesamte Menschheit unablässig über dem nuklearen Abgrund baumeln zu lassen? Sollen wir Ärzte schweigen, wenn wir vor uns sehen das in seinem verheerenden Ausmaß unübertroffene allgemeine Versagen ge6ellschaftlicherVerantwortung der Menschheit in ihrer an Scheußlichkeiten nicht gerade armen Geschichte?

Abrüstung: Die einzig vernunftgemäße Politik

Wir Ärzte verwerfer die Abschreckung nicht nur als untauglich, sondern als in ihrem Wesen sittenwidrige Politik. Wir sind unnachgiebig für Abrüstung. Die Tatsache, daß Technik nicht wegerfunden werden kann, bedeutet nicht, daß Waffen nicht abrüstbar sind. Wir setzen uns ein für die Beseitigung aller Kernwaffen. Ein Berufsstand, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Erfordernisse des Lebens zu schützen, ist eingeschworen auf die Pflicht, auszulöschen, was uns mit Massentod bedroht, seien es nun Cholera, Schistosomiasis, AIDS oder Kernwaffen. Für uns ist Abrüstung medizinisch wie auch moralisch kategorischer Imperativ. Wir können und dürfen es nicht erlauben, daß Friedenssehnsucht als Vehikel mißbraucht wird für unverhohlenen Flirt mit Massenvernichtung. Es sind keinerlei Umstände vorstellbar, unter denen der Einsatz völkermordender Waffen gerechtfertigt wäre.

In dieser Hinsicht brachte Reykjavik einen Durchbruch von großer psychologischer Tragweite. Vor diesem Mini-Gipfel schienen die Meinungsverschiedenheiten zwischen den Großmächten verwickelt und unüberwindbar. Die abgestumpfte und verwirrte Öffentlichkeit hatte sich zurückgezogen und das Feld allein den Experten überlassen. Die Geschichte Vierer Jahrzehnte hat uns gelehrt, daß Kernwaffenexperten die folgenschweren Treibsätze des Wettrüstens nur anheizen, nicht aber entschärfen können. In Reykjavik wurde das Feld der Meinungsverschiedenheiten eng eingegrenzt. Ja mehr noch: Die höchsten Führer fanden Worte für Unerhörtes - sie haben ihrer Verpflichtung zur Abrüstung Ausdruck gegeben. Bis Reykjavik war nukleare Abrüstung geistiges Eigentum weniger Visionäre. Nachdem nun aber sie ihren Segen dazugegeben haben, ist der Gedanke Gemeinplatz. Die Diskussion in den Medien konzentriert sich nun auf die eine Frage: Vernichten wir die Waffen vor der Stationierung oder schießen wir sie hinterher ab? Eine so geartete Debatte ist darauf angelegt, daß der gesunde Menschenverstand obsiegt, wenn wir unsere Kräfte darauf verwenden, diese Idee zum geistigen Eigentum der Bevölkerung zu machen. Wir schöpfen unseren Mut aus der geschichtlichen Tatsache, daß viele der blauäugigen, scheinbar unrealistischen Vorschläge früherer Zeiten heute aus den Grundlagen unseres täglichen Lebens nicht mehr wegzudenken sind.

Einstellung der Atomtests als erster Schritt

Erhabene moralische Ziele bedeuten nicht, auf erste praktische Butter- und Brotschritte zu verzichten, um auch mittelfristig achtbare Ziele zu erreichen. Das ärztliche Rezept der IPPNW für die Einstellung aller Kernwaffentests ist so ein logischer und unabdingbarer erster Schritt. Im Zeitalter des Mißtrauens ist das eine Maßnahme, für die keinerlei Vertrauen nötig ist. Wenn auf beiden Seiten verfügt, würde sie dem Wettrüsten den technologischen Brennstoffhahn zudrehen, die Entwicklung immer ausgefallenerer, weniger verifizierbarer und immer gefährlicherer Erstschlagswaffen. Das nukleare Wettrüsten wird solange nicht zum Stillstand kommen, solange die Atomtests nicht eingestellt werden.

Am 5. August nächsten Jahres jährt sich zum 25. Mal der Abschluß des begrenzten Teststoppabkommens, in dem die USA und die UdSSR die feierliche Verpflichtung auf sich genommen haben, unermüdlich auf die endgültige Einstellung aller Atomtests hinzuarbeiten. Ein Vierteljahrhundert lang wurde als Begründung für die fortdauernden Atomtests immer wieder die mangelnde Überprüfbarkeit eines Atomteststopps herangezogen. Drei wesentliche Entwicklungen haben den Punkt Verifizierbarkeit erledigt:

  1. Die moderne Seismologie (Erdbebenforschung) hat einen solchen Stand erreicht, daß Explosionen noch unter einer Kilotonne sicher erkannt und von natürlichen Beben abgegrenzt werden können.
  2. Die Sowjetunion hat Vor-Ort-Inspektionen zugestimmt. Sie ist sogar noch einen Schritt weiter gegangen, indem sie einer amerikanischen Forschergruppe (NRDC) erlaubt hat, auf ihrem Gelände in Semipalatinsk Meßstationen einzurichten.
  3. Neue Computersysteme und Serienberechnungen erlauben seit kurzem sogar, noch die feinsten unterirdischen Explosionen aufzuspüren.

In Moskau letzten Monat hat mir Akademiemitglied Velikhov Daten gezeigt, die eine 1000 km entfernte Explosion von nur 3 kg Dynamit belegen. Erinnern Sie sich daran, daß die kleine Bombe von Hiroshima der Sprengkraft von 13 Millionen kg Dynamit entsprach. Nun also, wo der Nachweis kein Stolperstein mehr ist, sollte man annehmen, daß die westlichen Regierungen auf einen schnellen Vertragsabschluß drängen. Leider weit gefehlt. Wenn wir glaubten, ein Tor geschossen zu haben, rieben wir uns die Augen und fanden die Pfosten versetzt.

Nun also wird ein neues Argument ausgestreut. Die Vereinigten Staaten seien auf die Tests angewiesen, um die Verläßlichkeit ihres Abschreckungsarsenals sicherzustellen. Nach dem Direktor der Staatlichen Lawrence Livermore Versuchsanstalt und weithin veröffentlicht durch Verteidigungsminister Caspar Weinberger, „mehr als ein Drittel aller Kernwaffenmuster, die seit 1958 bei uns (USA) auf Lager gingen, hatten Zuverlässigkeitsprobleme, und 75 % davon wurden dank tatsächlicher Explosionstests entdeckt und anschließend behoben.“6

Diesen Versicherungen wurde kürzlich ganz entschieden widersprochen von Ray E. Kidder, Senior-Physiker der Staatlichen Lawrence Livermore Versuchsanstalt, 31 Jahre lang Mitarbeiter an unserem staatlichen Kernwaffenprogramm und führender Sachverständiger. Nach Abschluß der auf Geheiß des Kongresses erstellten äußerst sorgfältigen Untersuchung über alle in der Geschichte des US-Waffenprogramms registrierten Atomtests kommt er zu dem schlichten Schluß, daß Waffen nicht getestet werden brauchen. Die Mitglieder des Aufsichtskomitees der Universität von Kalifornien, die die Livermore und die Los Alamos Versuchsanstalten betreibt, haben diesen Schluß bestätigt. Außerdem haben Kidder und eine Anzahl seiner Waffen-Physiker-Kollegen aufgezeigt, daß die Vereinigten Staaten nur selten Atomwaffen aus Gründen der Verläßlichkeit getestet haben. Warum dann bestehen die Vereinigten Staaten auf ihren Atomtests? Kürzlich hat die New York Times auf ihrer Titelseite einen Artikel ihres Wissenschaftskorrespondenten William Broad gedruckt. Dort heißt es: „Aus der Bundesregierung verlautet, ein Testverbot sei ein ehrenwertes Ziel für das 21. Jahrhundert“, und daß Gegenstand der Tests die Entwicklung neuer Sprengköpfe und neuer exotischer Waffensysteme für das Krieg-de-Sterne-Programm ist.7 Broad zitiert jüngste Aussagen vor dem Kongreß von einem hohen Beamten des Energie-Ministeriums, das die Kernsprengköpfe der Vereinigten Staaten plant und produziert. Er sagte aus, daß die Tests dem Westen die Möglichkeit eröffnen, Überlegenheit über die Sowjetunion zu gewinnen. Broad schließt, daß Experten auf beiden Seiten der Atomtest

Diskussion „darin übereinstimmen, daß ein Testverbot ein Fortschreiten atomarer Entwicklung hemmen würde.“

Warum aber sollte man Fortschritte gutheien bei der Verbesserung der Instrumentarien des Massenmords? IPPNW plant, eine heftige unermüdliche weltweite Kampagne ins Werk zu setzen, um allen Kernexplosionen Einhalt zu gebieten. Wir geben uns keinen Illusionen hin. Es wird ein ausgesprochen schwieriger Kampf mit Widerstand auf Schritt und Tritt. Aber uns beflügelt Optimismus über den Ausgang.

Gorbatschow

Worauf gründet sich nun unser Optimismus? Ein wichtiges Element stellen die tiefgreifenden Veränderungen dar, die in der Sowjetunion unter der beachtlichen Führung von Generalsekretär Gorbatschow entfesselt wurden. Zwei scheinbar untrennbar miteinander verbundene Organismen heizen das Wettrüsten an: der militär-industrielle Komplex in den Vereinigten Staaten und der Apparat paranoider Geheimniskrämerei in der Sowjetunion. Jeder ernährte sich vom anderen und überlebte wegen des anderen. Glasnost nun baut diese unheilvolle Symbiose entzwei.

Wir Ärzte haben keinen geringen Anteil bei der Aufklärung der sowjetischen Gesellschaft über die furchtbaren Folgen des Atomkriegs und daß Prävention offenen Dialog voraussetzt. Man hat uns angehört und zugehört im Kreml. Von vielen Stunden mit Gorbatschow ziehe ich die Überzeugung, daß seine Hauptsorge der nuklearen Bedrohung gilt. Das sind die Worte, mit denen er unsere jüngste Unterredung begann. „Die Aufgabe, zu überleben, übersteigt alle Unterschiede zwischen Gesellschaftssystemen.“ Er betont immer wieder, wie dringend notwendig „das neue Denken“ ist. Und das richtet sich in großen Teilen gegen die nukleare Bedrohung: „Es stellt sich doch die Frage: Entweder richtet sich die Gangart politischen Denkens nach den Erfordernissen unserer Zeit, oder die Zivilisation und selbst das Leben auf dieser Erde kann zugrunde gehen.“ „Die Unsterblichkeit, die dem Menschengeschlecht vielleicht verloren geht, kann nur zurückgewonnen werden durch Zerstörung der Atomwaffen.“ Den Propheten des Altertums nicht unähnlich erhebt Gorbatschow warnend seine Stimme, daß Steinzeitmethoden angewandt auf die Probleme des 21. Jahrhunderts die Katastrophe unausweichlich machen.

In den kurzen zweieinhalb Jahren seiner bisherigen Amtsführung hat er mehr als 25 größere Abrüstungsvorschläge unterbreitet. Er hat geheime militärische Einrichtungen zur Besichtigung freigegeben, er hat seismische Überwachung nahe dem Atomtestgebiet erlaubt. Und was das wichtigste ist, er hat wesentliche Leistungen erbracht; 18 Monate lang hat er einseitig alle Atomtests angehalten. Der militär-industrielle Komplex in den Vereinigten Staaten wird mit fast jeder Herausforderung fertig, eine Ausweitung von Glasnost kann er nicht überleben.

Schlußbetrachtung

Unsere lange medizinische Tradition hat uns gelehrt, die Menschheit das Überleben zu lehren. Der Grundstein der Pädagogik liegt in der dauernden Wiederholung, gekleidet in anregende Neuigkeit. Denn Wirklichkeit wie Wahrheit sind vielgestaltig. Im Atomzeitalter ist Sicherheit unteilbar; entweder ist sie auf allen Seiten oder auf keiner. Eine noch tiefere Wahrheit ist zu beachten: Es gibt nur eine Menschenfamilie auf einem kleinen Planeten mit leicht zerbrechlicher Umwelt, mit begrenzten Schätzen, mit begrenzter Nutzlast. Seit Urzeiten war uns Angehörigen der Heilberufe bekannt, daß es biologisch keinen Unterschied zwischen den Menschen gibt, daß das Leben kurz und zerbrechlich ist, daß die Sprache der Medizin international ist, ihr Vokabular ein Amalgam aus aller Menschen Stimmen, daß ihr Inhalt bereichert wird durch eine Welt ohne Grenzen und sie umherschweift wie der Geist des Menschen selbst.

Als Postscriptum zu seiner Biographie schrieb Bertrand Russell am Ende eines sehr langen turbulenten Lebens: „Vielleicht habe ich mir den Weg zu einer Welt freier und glücklicher Menschen kürzer gedacht, als sich nun herausstellt, aber ich hatte nicht unrecht, ihn als möglich zu denken, und daß es wert ist zu leben mit der Aussicht, sie näher zu bringen.“ Unser Ziel ist noch nicht erreicht; es ist nicht nur möglich, sondern schon in Sicht, wenn wir Menschenmengen in Bewegung setzen und so vernehmbar und allerorts unüberhörbar werden.

Wir haben hart darum gekämpft, die kurze Spanne Lebens zu strecken. Und in diesem Kampf haben wir eine Bruderschaft und Schwesterschaft in gemeinsamer Hingabe und gemeinsamem Unternehmen erreicht. Shakespeare hat in Henry IV ein Gefühl ausgedrückt, das wir - nur leicht abgeändert - heute abend teilen sollten:

„Wir wenigen, glücklich wir, wir Kreis von Brüdern (und Schwestern). Und die (Damen und) Herren nun zu Bett sollen verflucht sich wähnen - Sie waren nicht hier (bei uns in der IPPNW)“

Anmerkungen

1 Draper, T.: Nuclear temptations. The New York Review of Books, 19 Jan 1984: pp 42-48 Zurück

2 Brodie, B. (ed.): The Absolute Weapons, Harcourt Brace, 1946, p 79 Zurück

3 McNamara, R.: Foreign Affairs, Fall 1983: p 79 Zurück

4 Kissinger, H.: Weapons and Foreign Policy, Harper and Bros, 1957, pp 190, 194, 311 Zurück

5 Schell, J.: Reflections: The abolition, Part l: Defining the great predicament. The New Yorker, 2 Jan 1984 p56Zurück

6  Scheer, R.: Continued nuclear testing not necessary, study says. Los Angeles Times, 20 Sept 1987 Zurück

7 Broad, W. J.: U.S. is committed to nuclear tests. New York Times, Sunday, 18 Oct 1987 Zurück

Dr. Bernard Lown ist Co-Präsident der International Physicians for the Prevention of Nuclear War (IPPNW).

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 1987/5 Die Karte der nuklearen Welt, Seite