Die Versprechen der algorithmischen Kriegsführung
Konferenz, Forschungsverbund »Meaningful Human Control«, Universität Hamburg, 11.-13. Februar 2026
Die Versprechen »algorithmischer Kriegsführung« sind groß. Laut und schillernd vorgetragen werden sie von Akteuren der Industrie, vor allem von jenen einer neu etablierten Defence-Start-Up-Szene, die mit ihren Produkten neben einer präziseren kinetischen Wirkung als herkömmliche Waffen auch die Rettung der Demokratien versprechen: Der Einsatz von militärischer Künstlicher Intelligenz würde es den Armeen nicht nur ermöglichen, präzisere Informationen über das Schlachtfeld und gegnerische Kräfte zu erhalten, diese Informationen zu bearbeiten, zu sortieren, zugänglich zu machen und darauf basierend militärische Handlungen zu planen – und zwar „in maschineller Geschwindigkeit“, also dies zeitlich schneller zu tun als ein Mensch.
Mittels dieser technologischen Präzision und Schnelligkeit würde man vielmehr auch „tödlicher werden (…) um die Werte und Traditionen liberaler demokratischer Gesellschaften zu verteidigen“ (Palantir Technologies). Defence-Tech-Firmen präsentieren sich dabei nicht nur als Produzenten von Technologien, sondern als Garanten von Sicherheit und Frieden (»Protecting Our Democracies«, Helsing; »Safeguarding Freedom«, Palantir). Zugleich betonen sie die Rechtsstaatlichkeit und ethische Fundierung ihrer Systeme (»Upholding the rule of law«, Stark Defence) sowie deren ökonomische Effizienz (»Saving the government and taxpayers money«, Anduril Industries).
Diese Versprechen greifen zurück auf eine spezifisch militärische und politische Weltdeutung, die auf das Krisenhafte, Konfliktive und vor allem das Kriegerische in der Welt fokussiert und sich dafür vorbereitet wissen will. Das schafft nicht nur einen fruchtbaren Boden für das Wachstum eines militärisch-industriellen Komplexes, in dem sich die beteiligten Parteien als zentrale Akteure verstehen, um den globalen Konflikten Einhalt gebieten zu können, sondern es entfaltet zugleich eine weltgestaltende Wirkung – indem eben jene Welt hervorgebracht wird, vor der gewarnt wird. Versprechen sind damit nicht nur rhetorisch.
Deshalb hat sich die internationale Konferenz »The Promises of Algorithmic Warfare – and their World-Making Effects«, die vom 11. bis 13. Februar 2026 in Hamburg stattfand, kritisch mit den vielfältigen Versprechen der algorithmischen Kriegsführung und deren Mehrdeutigkeiten, Grenzen und Widersprüchen auseinandergesetzt. Die Konferenz bildete den Abschluss der ersten Phase (2022–2026) des BMFTR-geförderten Forschungsverbunds »Meaningful Human Control. Autonome Waffensysteme zwischen Regulation und Reflexion« (MeHuCo).1 Um das Thema auch einer breiten Zivilgesellschaft zugänglich zu machen, wurde die Konferenz flankiert von einem öffentlichen Abendvortrag von Elke Schwarz (Queen Mary University of London) zum Thema »Militärische KI, Risikokapital und die Erschaffung von Krieg & Frieden« sowie der Vorführung eines Kurzfilms der dänisch-schottischen Künstlerin Shona Illingworth über die Frage, ob und wie sinnvolle menschliche Kontrolle über autonome Waffensysteme überhaupt möglich ist.
Die Verschränkung von Versprechen und (militärischer) Praxis in enger Verbindung mit ökonomischen und organisationalen Dynamiken waren nicht nur das Thema der Keynote, in der Elke Schwarz die Verbindungen und Dynamiken in der Vermarktung tödlicher Gewalt nachzeichnete, auch Christoph Marischka (IMI Tübingen) widmete sich dem zunehmenden Einfluss von Start-Ups und Investor:innen auf militärische Bedarfe und Lösungen. In ihrer Inszenierung als Expert:innen für Sicherheit, Strategien und als Ermöglicher innovativer Lösungen kommunizieren sie Prognosen zur Entwicklung (zukünftiger) Technologien, deren Relevanz auf Schlachtfeldern und versprechen militärische »Fähigkeitslücken« mit ihren Produkten zu schließen. Aktuelle Kriege spielen hierbei eine zentrale Rolle als Testfeld für diese Technologien. Darauf verwies auch Marijn Hoijtink (Universität Antwerpen) in ihrem Vortrag über die experimentellen Settings in denen Militär, Wirtschaft und Wissenschaft kooperieren und eine (erwartete) zukünftige Einsatzrealität praktisch erproben. Laut Klaudia Klonowska (Sciences Po, Paris) spielen dabei sogenannte »vorwärts stationierte Ingenieur:innen« (»Forward Deployed Engineers«, FDE), ein in Anlehnung an nukleares Strategievokabular von Palantir hervorgebrachtes Berufsprofil, eine zentrale Rolle in der Legitimation der Technologien. Diese Ingenieur:innen arbeiten Seite an Seite mit Endnutzer:innen im konkreten Kriegskontext und passen die KI-Systeme kontinuierlich an deren Bedürfnisse und an operative Gegebenheiten an. Dadurch wird der wahrgenommene Wert und die Legitimität von KI-Systemen (mit-)produziert und aufrechterhalten.
In ihren Rhetoriken greifen die Firmen jedoch nicht nur auf marktwirtschaftliche Argumente zurück, sondern knüpfen auch an (dystopische) Tropen, popkulturelle Bilder und Science-Fiction-Vorstellungen an. Jutta Weber und Lara Lenze (Universität Paderborn) analysierten in ihrem Beitrag die metaphorischen Bezugspunkte deutscher Defence Start-Ups, die technologische Überlegenheit mit Bildern von Sicherheit, Ethik und »menschlicher Kontrolle« verbinden, während Rupert Barrett-Taylor (Alan-Turing-Institut, London) sich der Verflechtung dystopischer Science-Fiction, militärischer Interessen sowie der Unternehmerkultur des Silicon Valley und den dort erzeugten Fantasien »nahtloser Kontrolle« widmete. Wie sich Weltvorstellungen in der Praxis auswirken, zeigte Jens Hälterlein (Universität Paderborn) am Beispiel von Drohnenschwärmen und dem Einfluss von Komplexitätstheorien auf die technowissenschaftlichen Versprechen dieser Schwärme. Eine biologische Schwarmintelligenz dient hier als Leitbild, um robotische Systeme zu entwickeln, in denen Autonomie, Emergenz und verteilte Intelligenz die direkte Kontrolle durch menschliche Bediener:innen ersetzen würde. Mit der Nachahmung des Lebens, so Hälterlein, geht damit auch eine inhärente Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit einher.
Die algorithmische Kriegsführung etabliert darüber hinaus neue Formen epistemischen Wissens. Sogenannte »Digitale Zwillinge« schaffen immersive Simulationsräume, die Entscheidungen vorbereiten und automatisieren sollen – in der Annahme, dass synthetische Daten in der Planung und Vorbereitung auf Einsätze dasselbe ermöglichen wie reale Daten. Durch rechnerische Trial-and-Error-Prozesse in diesen digitalen Umgebungen entstehe zugleich eine verteilte und chaotische Handlungsfähigkeit, die neue Unsicherheiten generiere (Erik Reichborn-Kiennerud, NUPI, Oslo). Gleichzeitig sollen große Sprachmodelle (»LLM«) im »Wargaming« dazu beitragen, die Unwägbarkeiten moderner Kriegsführung zu bewältigen. In ihnen werden menschliche Entscheidungsdynamiken simuliert und objektiviert, wodurch eine neue epistemische und wahrnehmungsbezogene Ordnung des Krieges entstehe (Sylvia Kühne, Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg). Christoph Ernst und Thomas C. Bächle (Universität Bonn) verorteten diese Entwicklungen im Kontext einer umfassenden »Plattformisierung«, in der Schnittstellen zentrale aber oftmals verborgene Orte der Macht werden, indem sie Datenflüsse, Entscheidungsprozesse und Formen von Autonomie strukturieren.
Während also algorithmische Systeme eine umfassendere Kontrolle versprechen, unterminieren sie zugleich etablierte Formen menschlicher Urteilskraft. Dies hat, so argumentierte Ruben Stewart (IISS, London), weitreichende Folgen. KI-gestützte Entscheidungssysteme können paradoxerweise langfristig militärische Fähigkeiten schwächen, da sie Abhängigkeiten von fragilen Daten und algorithmischen Outputs erzeugen. Benedikt Bussmann (Helmut-Schmidt-Universität, Hamburg) führte diese Problematik im Konzept des »Hyperwar« (»Hyperkriegs«) zusammen und problematisierte dabei nicht nur die immer prekärer werdenden Fragen von Verantwortung und menschlicher Kontrolle, sondern eine damit einhergehende Dehumanisierung im Krieg.
Die Idee menschlicher Kontrolle unter Bedingungen maschineller Geschwindigkeit ist dabei ein kaum auflösbarer Widerspruch, betonte Jürgen Altmann (TU Darmstadt). Auch deshalb gibt es bereits jetzt ein breites Spektrum von Akteuren – von Tech-Arbeiter:innen bis hin zu Aktivist:innen –, die Widerstand gegen die Militarisierung von Technologie organisieren und alternative Zukunftsentwürfe formulieren, wie Nil Uzun (RWTH Aachen) zeigte. Ishmael Bhila (Universität Paderborn) zeigte dann auch, dass die semantische Bedeutung von Verantwortung global stark variiert und kritisierte, dass Perspektiven aus dem Globalen Süden – etwa im Hinblick auf historische Erfahrungen mit technologischer Gewalt – unzureichend berücksichtigt werden. Überhaupt, so die geteilte Diagnose vieler Beiträge, fehlen effektive, verbindliche internationale Regelungen. Dies führe dazu, so Anja-Liisa Gonsior (PEASEC, Universität Darmstadt), dass sich im Umgang mit neuen militärischen Technologien zunehmend »Soft Law«-Ansätze etablierten, die auf strategische Umsetzung gemeinsamer Interessen setzten und weniger auf bindende Vereinbarungen, wie dies »Hard Law«-Ansätze in der Vergangenheit angestrebt hätten. Nicht zuletzt stand damit die Frage im Raum, wie mit der aktuellen Situation umgegangen werden solle? Während Andreas Schüller (ECCHR, Berlin) Optionen für politische Entscheidungsträger:innen entwarf, um die Menschenwürde zu wahren und den Einsatz Künstlicher Intelligenz in der Kriegsführung einzuschränken, diskutierten die Teilnehmenden gemeinsam mit Susanne Beck (Universität Hannover) kritisch den Ansatz sogenannter »Impossibility Structures«, ein Konzept, in dem durch technische Mechanismen Verbrechen und Verstöße gegen das Humanitäre Völkerrecht von vornherein verhindern werden sollen.
Auf der Konferenz wurde deutlich, wie sehr die Versprechen algorithmischer Kriegsführung bereits gegenwärtig politische, rechtliche und militärische Ordnungen prägen. Die kritische Betrachtung von Versprechen, egal wie schillernd und dienlich sie sein mögen, erweist sich damit als zentraler Ausgangspunkt für eine dringend nötige Auseinandersetzung mit der Zukunft von Krieg und Frieden.
Anmerkung
1) Das interdisziplinäre Forschungsnetzwerk unter der Leitung der Universität Paderborn setzte sich aus Wissenschaftler:innen aus den Bereichen der Medienwissenschaft, Science & Technology Studies (STS), Robotik/Informatik, Rechtswissenschaft sowie Soziologie und Kriminologie von fünf Universitäten bzw. Hochschulen zusammen und hat sich vor allem mit Fragen der menschlichen Kontrolle über autonome und KI-basierte Waffensysteme beschäftigt. Zu den einzelnen Projekten finden sich auf der Homepage weitere Details: https://meaningfulhumancontrol.de
Stephanie Schmidt

