Gegen den Strom der Gewalt
Internationale Münchner Friedenskonferenz 2026, München, 13.-15. Februar 2026
Mit ihrem Leitmotto »Gegen den Strom der Gewalt« legte die nunmehr 24. Internationale Münchner Friedenskonferenz auch in diesem Jahr einen deutlichen Gegenentwurf zur »Münchner Sicherheitskonferenz« (MSC) vor. Während bei der MSC naturgemäß geopolitische Machtinteressen, die immer wiederkehrende Beschwörung militärischer Potenz und atomarer Abschreckung bis hin zur Zerstörung des Planeten als Positionen dominierten, stellte die Friedenskonferenz Fragen nach den normativen Grundlagen internationaler Politik: Welche Rolle müssen Völkerrecht, Gerechtigkeit und zivile Konfliktbearbeitung in einer Welt spielen, in der Gewalt und Krieg zunehmend normalisiert werden?
Im Zentrum der Friedenskonferenz stand in diesem Jahr die postkolonial informierte Kritik an der herrschenden globalen Ordnung, die weiterhin entlang historischer Machtasymmetrien strukturiert ist. Koloniale Denk- und Handlungsmuster zeigen sich nicht nur in militärischen Interventionen, sondern auch in der selektiven Anwendung von Völkerrecht, in ökonomischen Abhängigkeiten und nicht zuletzt in der angemaßten Deutungshoheit des globalen »Nord-Westen« über globale Konflikte. Passend dazu wurde auf der MSC 2026 die Rückkehr eines „zivilisatorischen Nationalismus“, der die westliche Vorherrschaft als Fortschrittsnarrativ legitimiert und von US-Außenminister Marco Rubio deutlich propagiert wurde, mit stehenden Ovationen aufgenommen und gefeiert.
Vor diesem Hintergrund wurde die Friedenskonferenz am Freitagabend mit einer Podiumsdiskussion zum Thema »I refuse! – Kriegsdienstverweigerung als Widerstand gegen Staat und Militär« eröffnet. Wie in den Beiträgen der Diskutant*innen deutlich wurde, lässt sich Kriegsdienstverweigerung nicht auf eine individuelle Gewissensentscheidung reduzieren. Sie steht an der Schnittstelle von persönlicher Entscheidung und politischer Praxis und gewinnt – im Sinne Hannah Arendts – dort politische Bedeutung, wo sie öffentlich wird und sich mit anderen verbindet.
Besonders eindrücklich war deshalb auch der gemeinsame Auftritt der Kriegsdienstverweigerer Jan Kormilitsyn (Ukraine) und Timofey Vaskin (Russland) sowie der israelischen Verweigererin Sofia Orr. In ihren Aussagen wurde sichtbar, dass sich jenseits nationaler Narrative eine gemeinsame Erfahrung artikuliert: Die Verweigerung Teil einer Gewaltordnung zu sein, die individuelle Leben instrumentalisiert, ist zugleich ein Bruch mit staatlich eingeforderten Loyalitäten und eine Infragestellung militärischer Normalität.
Auffällig war die Konstellation des Abends: Das Podium war weitgehend von Vertreter*innen einer jüngeren Generation geprägt, während sich viele Stimmen der älteren Friedensbewegung im Publikum (ca. 300 Personen) wiederfanden. In der Diskussion wurde diese Differenz ausdrücklich thematisiert. Simon David Dressler formulierte dabei die Aufforderung an die ältere Generation, den jüngeren Akteur*innen zuzuhören und ihnen Vertrauen entgegenzubringen – auch dort, wo sie neue Wege gehen und andere Ausdrucksformen wählen würden.
Das dialogische Format setzte sich auf der Friedenskonferenz in der Kooperation mit Kristin Helbergs Initiative »Zeit zu reden« fort und stieß bei einem breiten Publikum (ca. 350 Personen) auf großes Interesse über die traditionelle Friedensbewegung hinaus. Am Samstagabend wurde diskutiert, inwiefern Sanktionen und Boykotte als nicht-militärische Mittel politischer Praxis legitim sind. Die Debatte zeigte die Ambivalenz solcher Maßnahmen: Einerseits erscheinen sie als notwendige Reaktion auf Völkerrechtsbrüche, andererseits reproduzieren sie nicht selten asymmetrische Machtverhältnisse und treffen häufig insbesondere die Zivilbevölkerung.
Aus der postkolonial informierten Perspektive des Tagungsthemas stellte sich in der Diskussion auch die Frage, ob Sanktionen tatsächlich Ausdruck globaler Rechtsdurchsetzung sind oder vielmehr Teil eines selektiven Systems, in dem ökonomischer Druck entlang geopolitischer Interessen und durch machtvolle Akteure gegen geoökonomisch schwächere Staaten eingesetzt wird. Die öffentlich stark polarisiert geführten Diskussionen über die Zulässigkeit von zivilgesellschaftlichen Boykottbewegungen (wie bspw. BDS) auf der einen Seite und von staatlich verordneten Sanktionen (bspw. gegen Russland) auf der anderen Seite verdeutlichen, wie stark normative Bewertungen von Sanktionen vom politischen Kontext abhängen.
Die Diskussion auf der Friedenskonferenz verwies damit auf ein grundlegenderes Problem der internationalen Ordnung: die zunehmende Erosion multilateraler Institutionen wie der Vereinten Nationen oder der OSZE. Während diese in vertraglicher Übereinkunft vieler Staaten geschaffen wurden und primär auf die Etablierung kollektiver Sicherheit ausgerichtet sind, gewinnen mittlerweile informelle Formate wie die Münchner Sicherheitskonferenz zunehmend an Einfluss. Hier treffen sich nach den Interessen des Steuerungskreises der MSC ausgewählte politische, militärische und wirtschaftliche Eliten, um über globale Machtfragen zu verhandeln – jenseits demokratischer Kontrolle. Kritiker*innen sprechen daher von einer »Privatisierung« internationaler Politik. Die dort häufig beschworene »regelbasierte internationale Ordnung« erscheint dadurch mittlerweile allerdings weniger als ein Ausdruck der Gültigkeit des Völkerrechts, sondern als Chiffre für eine konkurrierende Ordnung, die sich jenseits der Vereinten Nationen etabliert hat und deren »Regeln« auf der »Politik der Stärke« beruhen – sie folgt also klar machtpolitischen Interessen.
Die Münchner Friedenskonferenz versucht jedes Jahr auch sehr gezielt, die Zivilgesellschaft durch interaktive Workshops zu stärken. Am Samstagmorgen boten zwei Workshops wertvolle Einblicke in kreative Methoden und stießen auf großes Interesse bei den Teilnehmenden. In den Workshops etwa zu Rüstungsexporten oder zur Methode des »Theater der Unterdrückten« wurden Machtverhältnisse nicht nur analysiert, sondern praktisch erfahrbar gemacht. Diese Form der politischen Bildung zielte auf die Stärkung individueller Handlungskompetenz und kollektiver Reflexion.
Am Sonntagmorgen, dem 15. Februar 2026, stellte der Publizist Fabian Scheidler sein aktuelles Buch »Friedenstüchtig. Wie wir aufhören können, unsere Feinde selbst zu schaffen« vor. Darin analysiert er die fortschreitende Militarisierung von Politik und Gesellschaft und legt offen, wie Feindbilder gezielt konstruiert und politisch instrumentalisiert werden. Seine zentrale These: Militärische Logiken erzeugen keine Sicherheit, sondern stabilisieren und verlängern Gewaltverhältnisse.
Der abschließende Vortrag verband diese Analyse mit einem klaren Appell zu einem grundlegenden Paradigmenwechsel – weg von Konkurrenz und Abschreckung, hin zu Kooperation und globaler Gerechtigkeit. Scheidlers Gegenentwurf basiert auf der Stärkung internationaler Zusammenarbeit, der Herstellung sozialer und globaler Gerechtigkeit sowie einer demokratischen Kontrolle sicherheitspolitischer Entscheidungen. Damit formuliert er nicht nur eine Kritik bestehender Strukturen, sondern auch konkrete Perspektiven für eine aktive Friedenspolitik.
Die Münchner Friedenskonferenz 2026 warf also aus einer postkolonialen Brille sehr grundlegende Fragen nach der Zukunft der internationale Ordnung auf. In einer Zeit, in der sich koloniale Denkweisen in neuer Form reproduzieren und demokratische Strukturen massiv unter Druck geraten, liegt die Bedeutung einer solchen Konferenz dann vor allem darin, überhaupt alternative Räume zu eröffnen. Die Internationale Friedenskonferenz kann als ein Versuch verstanden werden, sich »gegen den Strom der Gewalt« zu stemmen und ganz gezielt andere Formen des Zusammenlebens zu denken und zu erproben. Ein wesentlich lebensbejahender Ansatz – ganz im Gegenteil zur Veranstaltung der MSC im Bayerischen Hof.
Maria R. Feckl

