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  • Artikel: Indigene Friedenskonzepte zwischen (De)Kolonialität und Souveränität
W&F 2026/2

Melanie Hussak (2025): Indigene Friedenskonzepte zwischen (De)Kolonialität und Souveränität. Ein Beitrag zur Dekolonialisierung der Friedens- und Konfliktforschung am Beispiel der Dakota und Lakota. Opladen/Berlin/Toronto: Budrich Academic Press. ISBN 978-3-9666-5110-3, 212 S., 34,90 €.

Die Promotionsschrift »Indigene Friedenskonzepte zwischen (De)Kolonialität und Souveränität« von Melanie Hussak ist eine wichtige Studie, die der Friedensforschung einen ebenso einfachen wie anspruchsvollen Spiegel vorhält: Was meinen wir eigentlich mit »Frieden«, wenn der Begriff nicht selbstverständlich aus westlich-liberalen Staats-, Rechts- und Sicherheitsordnungen hervorgeht und universell geteilt werden kann, sondern aus gelebten Beziehungen zu Land, Gemeinschaft, Erinnerung, Ritual und Spiritualität – und zugleich aus Erfahrungen fortdauernder kolonialer Gewalt – bestimmt wird?

Diese Perspektivverschiebung hält das Buch weitestgehend durch und die Verfasserin setzt sich damit nicht nur thematisch, sondern auch erkenntnispolitisch von einer Friedensforschung kritisch ab, die ihre eigenen Voraussetzungen gern als neutral, unparteiisch oder universal markiert. Stattdessen macht die Verfasserin deutlich, dass Forschung selbst in Wissensordnungen eingebettet ist, die koloniale Muster reproduzieren, und dass eine dekoloniale Perspektive deshalb nicht bei der Wahl des Gegenstands (hier: die Friedensverständnisse der D/Lakota) endet, sondern im Forschungsprozess bis hin zur Reflexion der Ergebnisse Konsequenzen haben muss.

Empirisch stützt sich die Verfasserin auf eine qualitativ-interpretative Vorgehensweise, die zwei Forschungslogiken miteinander verbindet: phänomenologische Zugänge und indigene Methodik werden als integratives Paradigma zusammengedacht. Die Autorin arbeitet dazu mit halbstrukturierten Interviews, Feldgesprächen und teilnehmenden Beobachtungen in zwei Feldphasen (u.a. im Umfeld des »Pine Ridge Reservation«) und wertet das Material mithilfe der Reflexiven Thematischen Analyse (RTA) nach Braun und Clarke aus.

Methodisch überzeugend ist dabei nicht nur die Transparenz des Vorgehens, sondern vor allem der Versuch, den Dialograum im Feld ernst zu nehmen und die eigene Situiertheit als Forschende nicht zu verstecken, sondern als konstitutiven Teil der Erkenntnisproduktion zu reflektieren. Gerade für ein Publikum, das nicht nur akademische Debatten, sondern auch die Verantwortung von Wissenschaft und die Bedeutung von Forschung für gesellschaftliche Praxis verhandelt, ist diese Verbindung aus Methodik, Ethik und Erkenntnisinteresse besonders relevant.

Inhaltlich liegt eine der zentralen Prämissen der Studie darin, dass Frieden nicht vorrangig als institutioneller Output zu behandeln ist – wie etwa als politisches Abkommen, das Stabilität oder Governance sichern soll –, sondern als relationales, prozesshaftes Geschehen, das auch außerhalb von »Friedensplan«-mäßigen Agenden etabliert wird. Aus den vielfältigen Perspektiven der D/Lakota wird Frieden als etwas sichtbar, das im Selbst beginnt und sich zugleich in einem dichten Geflecht von Beziehungen entfaltet. Etwa zu anderen Menschen, zur Gemeinschaft, zur Mit-/Umwelt und zum »Land« (über den territorialen und nationalen Sinn hinaus­gehend verstanden); verbunden mit Verantwortung, Reziprozität und Formen von Erinnerung, die nicht im Rückblick stehen bleiben, sondern als Praxis in die Gegenwart hineinwirken.

Wo die Friedensforschung häufig dazu tendiert, Frieden als Endzustand zu vermessen, zwingt diese von der Verfasserin eingeführte Lesart dazu, die eigenen Messgrößen als partielle Sichtweisen zu begreifen. Besonders eindrücklich sind die Passagen, in denen konkrete Initiativen und Praktiken (wie erinnerungspolitische und versöhnungsorientierte Wege rund um den »Dakota 38+2 Ride«, ein Gedenkritt für den Frieden) nicht bloß berichtet, sondern in ihrer normativen und affektiven Dichte ernst genommen werden. So schreibt Hussak bzgl. der Erinnerung an den Sioux-Aufstand: „Die Nachfahren reiten [jährlich] […] zum Ort der Exe­kution […]‚ [s]ie bitten mit diesem Ritual um Vergebung für die von beiden Seiten verursachte Gewalt“ (S. 142) und der Ritt sei „eine zeremonielle Reise zurück in ihre ursprüngliche Heimat“ (S. 142). Zugleich wird der Prozess als zutiefst innerlich beschrieben, denn die während des Ritts stattfindende innere Heilung und die Versöhnung nach innen und außen sei ein großer Teil der Verarbeitung und Bewältigung.

Gerade weil die Studie in ihrer konzeptionellen Hinsicht so überzeugend ist, treten zwei Schwachstellen hervor:

Erstens bleibt – bei aller methodischen Reflexion – der Balanceakt zwischen »Übersetzung« und Eigenlogik für die Studie ein riskantes Unterfangen. Jede wissenschaftliche Darstellung übersetzt, ordnet und rahmt; und genau dadurch kann sie erneut epistemische Hierarchien stabilisieren, die sie eigentlich kritisieren will. Melanie Hussak thematisiert diese Gefahr und arbeitet mit Reflexivität, aber an einigen Stellen würde man sich noch mehr Reibung und weniger Affirmation wünschen.

Zweitens mindern einzelne sachliche Ungenauigkeiten das Vertrauen in die Studie, da sie durch ein kritisches Gegenlesen relativ leicht korrigierbar gewesen wären. So wird das Pine Ridge Reservation mit „4.343.214 Quadratmeilen“ (S. 60) angegeben, eine Größenordnung, die die Gesamtfläche der USA übersteigt und offenkundig nicht plausibel ist und sehr wahrscheinlich auf eine Verwechslung von Einheiten oder Zahlen zurückgeht. Ebenso wenn methodisch vom „Schnellballsystem“ (S. 100) statt vom „Schneeballsystem“ oder vom „Government of Candada“ (S. 15) statt „Canada“ geschrieben wird. Ob dies allerdings der Autorin oder dem Lektorat des Verlags eher anzulasten ist, darf hier unentschieden bleiben. Eine Überarbeitung des Bandes wäre aber in dieser Hinsicht sehr wünschenswert.

Eine dritte, eher konzeptionelle Anregung betrifft die Anschlussfähigkeit an friedenspolitische Debatten. Die Studie liefert mehrere Bausteine zum Wissen über und der Friedenspraxis in Souveränitätskonflikten, der Kritik und Überwindung von kolonialen Regierungsweisen und den Bedingungen ziviler Konflikttransformation und zeigt damit, warum Landbezug, Selbstbestimmung und Widerstand gegen siedlerkoloniale Gewalt keine »Nebenthemen«, sondern Kernfragen eines dekolonial verstandenen Friedens sind. Was punktuell jedoch noch stärker hätte ausformuliert werden können, ist die Übersetzungsleistung in gegenwärtige Programme und Institutionen: Welche blinden Flecken haben gängige Instrumente ziviler Konfliktbearbeitung, wenn relationales Land- und Wissensverständnis nicht mitgedacht wird? Was bedeutet das für Förderlogiken, aber auch Konzepte wie Mediation, Transitional-Justice-Ansätze oder Friedenspädagogik? Gerade weil das Buch die epistemische Seite so überzeugend darstellt, könnte eine noch konsequentere friedenspolitische Verdichtung den Ertrag für ein breites, interdisziplinäres Publikum weiter erhöhen.

Insgesamt ist das Buch »Indigene Friedenskonzepte zwischen (De)Kolonialität und Souveränität« ein inhaltlich starkes, empirisch fundiertes und wissenschaftspolitisch relevantes Werk. Es irritiert produktiv, weil es Frieden nicht als technisches Problem des Konfliktmanagements, sondern als Beziehungsgeschehen unter Bedingungen kolonialer Gegenwart sichtbar macht, und es liefert zugleich methodische und ethische Impulse für eine Friedensforschung, die ihre Verantwortung nicht nur postuliert, sondern praktisch ernst nimmt. Mit wenigen Korrekturen bei Fakten und mit punktuell stärkerer friedenspolitischer Zuspitzung wäre das Buch noch robuster – doch bereits so bietet es einen wichtigen Beitrag, der Friedensforschung dekolonial herausfordert, ohne sich in Modebegriffen zu verlieren.

Stefan van der Hoek

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/2 Friedensbewegung(en) heute, Seite 67–68