W&F 2026/3

interventionistische Linke FFM (Hrsg.) (2026): Verweigert euch! Antimilitaristische Perspektiven auf die kriegerische Gegenwart. Münster: Unrast, ISBN 978-3-8977-1658-2, 276 S., 19,80 €.

Abb. von Buch

Die Rede von »Wehrhaftigkeit«, »Kriegstüchtigkeit« und »Kampfbereitschaft« folgt einer Logik, die nur mit »umfassender Militarisierung« zu beschreiben ist – nicht bloß im materiellen und diskursiven Sinne, sondern auch im affektiven und biopolitischen. Die Staatsräson braucht Subjekte, die Kriege auch praktisch umsetzen – und diese Subjekte müssen willig sein oder willig gemacht werden, kurzum: es muss über sie verfügt werden. Mögliche Strategien des Widerstandes gegen eine solche immer stärker hegemoniale Kriegslogik bespricht der kürzlich erschienene Sammelband »Verweigert euch!« – und zwar in ansprechender und vielfältiger Weise.

Die unterschiedlichen Textsorten und Per­spektiven, die im Band versammelt sind, wirken auf den ersten Blick etwas willkürlich gewählt – und erweisen sich dann doch als sorgsam komponierter Blumenstrauß, der eindeutig Position bezieht und gleichzeitig differenzierte Blickwinkel anbietet. Wie ein roter Faden ziehen sich 1. die im Prolog eingestandene „Fasssungslosigkeit“ in Anbetracht der „offenen Unverfrorenheit, mit der der neue deutsche militarisierte Autoritarismus gestärkt wird“ (S. 8), 2. eine Analyse der Breite der gegenwärtigen Militarisierungsprozesse und 3. die Betonung der Notwendigkeit, ebenso breite Allianzen dagegen zu denken und zu schmieden, durch das Buch und die meisten der Beiträge. Ähnlich einem kreisenden Denken, das bemüht ist, ein komplexes, kaum fassbares Phänomen zu umreißen, wird dabei immer wieder aus den verschiedenen Richtungen betont, dass Konflikte und Kriege nicht bloß zwischen Staaten oder einem vermeintlichen Gut und Böse verlaufen, sondern vornehmlich zwischen unten und oben – die Klassen- und die Herrschaftsfrage dürfen nicht ausgeblendet werden, so der Tenor des Bandes.

Der Sammelband gliedert sich in drei größere Einheiten: Der erste Teil – „der, der die nationalen und globalen Verschiebungen betrachtet“ (ab S. 16) – versucht sich an einer Analyse der Militarisierung. Auch hier zeigt sich die Vielfalt der Zugriffe: Unter anderem finden sich Beiträge in Bezug auf die Verhältnisse in Deutschland und den Zusammenhang einer weltweiten Faschisierung, hinsichtlich der Geschlechterverhältnisse und der voranschreitenden Digitalisierung, aber auch in grundsätzlicher philosophischer Reflexion.

Dabei ein gemeinsames Verständnis vom Prozess der Verschiebungen zu finden, ist jedoch nicht der Anspruch des Bandes. So argumentiert etwa die Gruppe »interventionistische Linke FFM«, die das Buch herausgegeben hat, ähnlich wie Raúl Sánchez Cedillo mit dem Begriff des »Kriegsregimes«, das sich im Westen bereits voll entfaltet hätte, wohingegen etwa das Kollektiv »Aus der brennenden Hütte« analytisch scharfsinnig Zweifel anmeldet, ob der Begriff des »Kriegsregimes« zutreffend ist. Zwar deckt sich deren Analyse mit Cedillo dahingehend, dass die aktuelle Militarisierung sämtliche Sphären des sozialen Lebens bestimme, sie betonen aber, dass die kriegerische Gegenwart eng verwoben sei mit der Frage nach Energie und dem Kampf um die Ressourcen dafür – es handle sich demnach um ein sogenanntes »ökologisches Akkumulationsregime«, das sich des Krieges quasi nur bediene. Krieg und Kriegsführung seien nur Symptome „einer kapitalistischen Erneuerung.“ (S. 120)

Beide Positionen sind aber darin einig, dass Krieg und Militarisierung nichts Neues im Sinne einer unbekannten Form der Regierung sind, sondern stets mit der Geschichte des Kapitalismus zusammenhingen. So trifft vor allem »Aus der brennenden Hütte« die Klarstellung: „Der Krieg scheint als die neueste Katastrophe, doch die Formel: Ausnahmezustand – Angst – autoritäre Gesetze und Maßnahmen ist nicht neu. Katastrophismus, Sicherheitswahn und Freund-Feind-Denken bestimmten auch schon vor 2022 die Welt.“ (S. 130) Es lohnt, die zwei hier nur kurz skizzierten Beiträge parallel zu lesen – um so vielleicht zu einem differenzierten Verständnis davon zu gelangen, was mit der ausgerufenen »Zeitwende« eigentlich gemeint sein könnte.

Neben diesen analytisch durchaus anspruchsvollen Beiträgen stehen auch leichter zugängliche, intime poetische Betrachtungen – etwa aus Gaza: „Wie trostlos, die Welt davon zu überzeugen, dass man im Sterben liegt“ (S. 138), schreibt Husam Maarouf. Diese Auszüge aus Tagebucheinträgen finden sich im zweiten Teil, der, der die Auswirkungen von Krieg und Militarisierung betrachtet.“ (ab S. 137) Hier kommen Personen aus unterschiedlichen Geographien der Gewalt zu Wort und zeugen so von ihren konkreten Erfahrungen, etwa in Mexiko und Jugoslawien, aber auch am Arbeitsplatz oder in ihren Stadtvierteln.

In diesem Abschnitt formuliert Katja Maurer in prägnanter Form einen „Nekrolog auf eine europäische Idee vom Frieden.“ In ihrem Arrangement der unterschiedlichen Entwicklungen weltweit, aber insbesondere in Bezug auf den Krieg in der Ukraine stellt sich dieselbe Erkenntnis ein, von der auch die Autorin schockiert war, nämlich, „dass das Wort Solidarität seit der russischen Invasion im allgemeinen Verständnis nun frei von Herrschaftskritik ist.“ (S. 188)

Das ist durchaus auch als Seitenhieb auf die bürgerliche Friedensforschung zu verstehen: „Wie konnte es dazu kommen, dass selbst die meisten Friedensforschungsinstitute nur noch Varianten der Aufrüstung entwickeln, statt nichtmilitärische Wegen aus dem sich entfaltenden Kriegsregime erforschen? Warum gibt es kaum Stimmen, die sich mit dem Scheitern der Minsker Abkommen beschäftigen, ohne auf das unerklärlich Böse in Putin zu rekurrieren?“ (S. 195)

Der von ihr kritisierten Verengung des Diskurses auf Waffenlieferungen und den Dämonisierungen von einzelnen Personen oder Akteuren stellt sie eine entscheidende Frage gegenüber, die in ihrer Einfachheit wohl auch die Kraft besitzt, komplexe Sachlagen und Konflikte etwas zu sortieren: Wie wird man nicht zur Komplizin?

Im abschließenden, dritten Teil, jenem, „der das Begehren und den Widerstand betrachtet“ (ab S. 204), finden sich unterschiedliche Überlegungen von Gruppen und Einzelpersonen zu jenen Nischen und Möglichkeiten antimilitaristischer Praxis, die heute so dringend notwendig erscheinen. Etwas holzschnittartig geraten in der Darstellung der Situationen und doch hilfreich als erster oder zweiter Schritt für eine solche Praxis ist hier etwa eine Handreichung, um in unterschiedlichen Kontexten antimilitaristisch zu argumentieren. Auf beinahe klassische Einwände in den Medien oder am Stammtisch (etwa: „ohne Aufrüstung keine Abschreckung“, „ohne Abschreckung steigt die Angriffsgefahr“) folgen Gegenargumente.

Schön wäre in diesem Abschnitt ein Beitrag zur Frage antimilitaristischer Pädagogik und Schule gewesen – vor allem in Anbetracht der neu angestrengten Rekrutierungsbemühungen allerorts.

Obwohl unterschiedlichste Kontexte im Sammelband angesprochen werden, überwiegt dennoch ein Fokus auf die Bundesrepublik, die dort stattfindende Militarisierung und Faschisierung und die Frage, „was wir selbst tut können, was in unserer Macht liegt“ (S. 22); dadurch kommt eine existenziell-ethische Diskussion zu kurz oder wird tendenziell umschifft – jene nämlich nach dem existenziellen Dilemma derer, die bereits unter Besatzung, Bedrohung und Bomben leben. Hätte sich zumindest ein Beitrag der Frage „Sterben oder schießen?“ ausführlicher gewidmet, wäre die Textsammlung vielleicht eine noch stärkere Waffe im Kampf gegen die Waffen des Krieges, als sie es jetzt schon ist.

Das Buch ist auch eine Herausforderung: Die Sammlung einer solchen Vielfalt an Texten erfordert von der*dem Leser*in eine Offenheit bei der Lektüre für eben eine solche Vielgestalt an Textformen. Damit könnten unterschiedliche Leser*innengruppen angesprochen werden, allerdings überwiegt dann doch der akademisch-aktivistische Ton. Die Textsammlung gleicht insgesamt einem Ringen, der Suche nach einer Sprache, um die eingangs benannte und wohl vielen bekannte Fassungslosigkeit zu überwinden. Das Anliegen des herausgebenden Kollektivs ist, dass wir lernen, vor der proklamierten Alternativlosigkeit zu desertieren oder sie zu sabotieren – dazu bietet das Buch erste Überlegungen und ist unbedingt lesenswert; dass die eigene Position der Herausgeber*innen auf dem Klappentext als Minderheit benannt wird – „Stell dir vor es ist Krieg und viele wollen hin. Wir nicht.“– sollte bei der Lektüre nachdenklich machen.

Jakob Frühmann

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/3 Neue Technologien im Krieg, Seite 60–61