W&F 1983/1

Militärische Forschung an den Hochschulen

von Rainer Rilling

Der folgenden Dokumentation liegt eine Auswertung der vom Bundesministerium der Verteidigung (BMVtdg) herausgegebenen „Forschungsberichte aus der Wehrtechnik“ (314), der „Forschungsberichte aus der Wehrmedizin“ (44), sowie von 247 weiteren Veröffentlichungen zugrunde, die in der Bibliographie „Deutsche Forschungsberichte aus Naturwissenschaft und Technik“ erfaßt wurden und explizit eine Verbindung mit dem BMVtdg nennen.

(Insbesondere die zuletzt genannte Kategorie ist viel zu niedrig angesetzt, da Hunderte interner oder nur institutionsöffentlicher Berichte, Studien, Gutachten etc., z.B. des Amtes für Wehrgeophysik, des Amtes für Wehrverwaltung und Wehrtechnik, einiger Bundesanstalten, der DFVLR, FGAN und FhG, sowie der Forschungsstätten der Rüstungsindustrie hier nicht bibliographisch erfaßt wurden.) Von 641 erfaßten Publikationen stammen 127 aus Hochschulen (59 Forschungsberichte aus der Wehrtechnik FBWT,- 32 Forschungsberichte aus der Wehrmedizin den FBWM: 36 interne Berichte). Sie werden in dieser und der folgenden Nummer des Informationsdienstes Wissenschaft und Frieden nachgewiesen, In einer späteren Ausgabe wird ein Überblick über die außeruniversitäre Rüstungsforschung gegeben.

Institutionelle Schwerpunkte

Seit Anfang der 70er Jahre ist ein bemerkenswertes Spektrum von Hochschuleinrichtungen für das BMVtdg tätig gewesen. Tabelle 1 zeigt, daß an insgesamt 28 Hochschulen in 65 Instituten, Einrichtungen etc. militärische Forschung betrieben wurde. Die meisten Aufträge erhielten die Hochschulen in Aachen, München, Karlsruhe und Braunschweig, mit einigem Abstand Bochum, Hamburg, Hohenheim und Ulm. Dabei ist die Forschung für das Militär an einigen Einrichtungen jahrzehntealte Tradition z. B. in Aachen, München oder Braunschweig. Hervorzuheben ist aber, daß auch relativ, junge Hochschulen Aufträge erhalten haben (Ulm, Bochum).Diese Schwerpunktsetzung wird bei einem Blick auf die Zahl der Einrichtungen, die an der jeweiligen Hochschule für das Militär Forschung betreiben, unterstrichen. (Schwerpunkte München, Aachen und Ulm) Die Münchner Hochschulen haben eine Sonderstellung sie sind geradezu breitbandig in die Förderung einbezogen, was zweifellos auch mit er lokalen Konzentration der Rüstungsindustrie und außeruniversitärer Forschungseinrichtungen (DFVLR, FhG) zusammenhängt, die Rüstungsforschung durchführen. Ähnliches gilt für Karlsruhe.

Fachliche Schwerpunkte

Tabelle II ordnet die dokumentierten Publikationen fachlichen Schwerpunkten zu, wobei zu berücksichtigen ist, daß die Klassifikationskriterien sich mehrfach geändert haben. Hier zeigt sich ebenfalls ein eindeutiges Bild.- Forschungen im Bereich der Wehrmedizin, der Luft- und Raumfahrtforschung, sowie der Informatik spielen in der Forschungspolitik des BMVtdg gegenüber den Hochschulen die wichtigste Rolle. Andere Bereiche treten demgegenüber weit zurück. Eine regionale, bzw. institutionelle Konzentration einzelner Fachgebiete ist offensichtlich (z. B. Karlsruhe, München, Ulm). Auffällig ist der rasche Bedeutungszuwachs der wehrmedizinischen Forschung (die auch die ABC-Waffen-Forschung größtenteils enthält), sowie vor allem die große militärische Bedeutung der Informatik. Hier handelt es sich offenbar um das einzige Gebiet, wo innerhalb des nationalen Forschungssystems eine militärisch relevante Disziplin im Hochschulbereich über eine gezielte Forschungsförderungspolitik des BMVtdg entwickelt wird. Von 34 FBWT des Bereichs Informatik/Mustererkennung, die zwischen 1970 und Anfang 1983 publiziert wurden, kommen fast die Hälfte (16) aus Hochschuleinrichtungen. Während manche hier dokumentierten Forschungsberichte durchaus moderate wissenschaftliche Qualität und zweifelhaften militärischen Nutzen geradezu glücklich vereinen, gilt dies für die Luft und Raumfahrtforschung, bzw. die Informatik offenbar nicht. Hier geht es um Wissenschaft, die nur dem Militärsystem nützt.

Tabelle I: INSTITUTIONEN DER RÜSTUNGSFORSCHUNG

Einrichtung Erfaßte Publikationen / Kontrakte Zahl der Institutionen (Institute / Lehrstühle etc.)
Aachen 16 6
Bochum 7 2
Bonn 4 3
Braunschweig 10 3
Darmstadt 1 1
Düsseldorf 2 2
Essen 1 1
Erlangen 1 1
Frankfurt 1 1
Freiburg 2 2
Gießen 4 2
Göttingen 1 1
Hannover 3 2
Hamburg 6 2
Heidelberg 1 1
Karlsruhe 22 5
Kiel 2 2
Sporthochschule Köln 1 1
Mainz 3 3
Marburg 1 1
Universität München 8 6
TU München 7 4
Stuttgart 1 1
Stgt. Hohenheim 5 1
Tübingen 3 1
Ulm 6 5
Hochschule der Bundeswehr in Hamburg 1 1
Hochschule der Bundeswehr in München 9 3
Summe
28 128 65
Quelle: FBWT 1970 ff., FBWM 1969 ff. DFNT 1972 ff.

Tabelle II: FACHLICHE SCHWERPUNKTE DER RÜSTUNGSFORSCHUNG

Fachgebiet Anzahl Kontakte Institution (Anzahl Kontakte)
1. Wehrmedizin 32 U. München(8), Ulm (5), Hohenheim (4) Bonn (3), D'dorf (2) Kiel (2), Mainz (2), Bochum (1), Essen (1), F/M (1), Heidelberg (1), Köln (1), TU München (1)
2. Informatik 30 Karlsruhe (18), Braunschweig (5) Bundeswehrhochschule München (5) Bonn (1), Erlangen (1)
3. Luft-& Raumfahrtfg. 24 Aachen(10), Bochum (6), Braunschweig (5), Karlsruhe (1), TU München (1), Tübingen (1)
4. Schiffstechnik 9 Hamburg(6), Hannover (2), Göttingen (1)
5. Kernphysik 7 Giessen (4), Hannover (1), Marburg (1) Mainz (1)
6. Optronik 4 TU München (3), Darmstadt (1)
7. Hochfrequenzphysik 3 Aachen (3)
8. Werkstoffe 3 Aachen (1), Karlsruhe (1), Bundeswehrhochschule Hamburg (1)
9. Meteorologie 3 Tübingen (2), TU München (1)
10. Elektronik / Elektrotechnik 2 Aachen (1), Bundeswehrhochschule München (1)
11.Strömungstechnik 2 Karlsruhe (2)
12. Kybernetik 2 TU München (1), Stuttgart ( 1 )
13. Verkehrsplanung 2 Bundeswehrhochschule München (2)
14.Chemie 1 Ulm (1)
15. Physikalische Chemie 1 Freiburg (1)
16. Biochemie 1 Freiburg (1)
17. Bakteriologie 1 Hohenheim (1)
18. Erziehungswissenschaften 1 Aachen (1)

Rainer Rilling ist Privatdozent für Soziologie an der Universität Marburg und Geschäftsführer des BdWi

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 1983/1 1983-1, Seite