W&F 2025/3

Nachgefragt: 15 Jahre KKB

Interview mit Sylvia Lustig, Pro Peace

von David Scheuing

Wenn soziale und politische Konflikte eskalieren, kann das nicht nur aufgrund der Gewalt dramatische Folgen für eine Gemeinschaft haben. Seit vielen Jahren fordern Menschen aus der professionellen Friedensarbeit und Konfliktbearbeitung daher auch, dass Mittel und Maßnahmen der Zivilen Konfliktbearbeitung substantieller auf innergesellschaftliche Konflikte hier in Deutschland angewendet werden müssen. Ein solcher Ansatz ist die »Kommunale Konfliktberatung«, die seit ungefähr 15 Jahren in der Entwicklung und Anwendung ist. Ein Gespräch mit Sylvia Lustig (Pro Peace) über die Ursprünge, Lernerfahrungen seither und über Leitplanken guter Praxis.

David Scheuing für W&F: Liebe Frau Lustig, zusammen mit Hagen Berndt haben Sie vor jetzt ziemlich genau zehn Jahren das, was wir heute als Praxis der Kommunalen Konfliktberatung (KKB) sehen, in Buchform gegossen konzeptionell vorgedacht. Wie zufrieden sind Sie mit dem, was Sie mit der KKB bislang erreicht haben?

Sylvia Lustig: Es ist ein guter Zeitpunkt, jetzt zu sprechen. Ich bin zufrieden mit dem, was sich entwickelt hat. Natürlich kann man sich immer noch mehr wünschen, aber es ist auch viel auf den Weg gebracht, was in Zukunft noch entstehen darf. Und wir haben wirklich eine sehr intensive Zeit der Aufbauarbeit mit der Kommunalen Konfliktberatung gehabt und es liegt seit Jahren ein zunehmend detailliert ausgearbeiteter Ansatz vor, wie es selten ist im Feld der Konfliktbearbeitung im kommunalen Raum.
Mittlerweile seit 15 Jahren – 2009 haben wir im damaligen Forum Ziviler Friedensdienst (heute Pro Peace, Anm. d. Red.) angefangen von »Kommunaler Konfliktberatung« zu sprechen, noch ohne dass es eine ausformulierte Konzeption gab. Hagen Berndt und ich haben damals beide beraten. Er in Osterholz-Scharmbeck, ich in Tübingen und zwei weitere Kolleg*innen in Hamburg und Quakenbrück. Es war privilegierte und herausfordernde Pionierarbeit, aus unseren Praxiserfahrungen heraus die KKB-Konzeption zu entwickeln. 2014 wurde eine erste kürzere Version vom forumZFD veröffentlicht und 2015 konnten wir unsere konzeptionellen Gedanken in dem »kleinen orangenen Buch«, wie es von Berater*innen genannt wird, detaillierter publizieren. Der Entstehungsprozess war von tagelangem Rückzug in meine Privaträume im Allgäu geprägt, da wir beim forumZFD in dieser Zeit leider eine Förderlücke hatten und auch Widerstände überwunden und überstanden werden mussten. Ich denke gern an die intensiven Diskussionen und das tiefe Eintauchen in einen gemeinsamen Schreibprozess zurück.
Wenn ich jetzt so zurückschaue, dann gibt es mittlerweile schon zwei Organisationen, die den Ansatz der Kommunalen Konfliktberatung umsetzen und bundesweit in Kommunen arbeiten. Jede Organisation hat um die 10-15 Festangestellte und um die 20 freiberufliche Berater*innen. Wenn man denkt, dass wir 2010 mit vier Leuten angefangen haben. Das ist schon richtig schön gewachsen. Von daher bin ich schon zufrieden und auch ein bisschen stolz, zum Fundament dafür beigetragen zu haben und weiterhin beizutragen.

W&F: Ihre direkten Partnerinnen in vielen Beratungskontexten sind die Städte und Kommunen, die als direkte Auftraggeberinnen dienen. Aber welche Konfliktkompetenzen, welche Mechanismen, welche Strukturen versuchen Sie denn hier eigentlich überhaupt zu vermitteln und zu verankern? Worum geht es bei Kommunaler Konfliktberatung eigentlich?

S. Lustig: Um sich dem anzunähern ist es sinnvoll, auf unsere fünf Grundsätze zu blicken: Konflikt im Fokus, Kommune im Fokus, systemische Perspektive, Prozessberatung und Allparteilichkeit. Wenn man sich mit denen beschäftigt, dann kriegt man so eine Idee davon, was dieser Ansatz leisten kann und will.
Wenn Sie danach fragen, was Kommunen an Kompetenz gewinnen, kann ich dazu sagen, dass der Kompetenzgewinn nur ein Wirkungsbereich neben anderen ist. Zusammen mit dem Kompetenzzentrum Kommunale Konfliktberatung in Salzwedel haben wir 2024 ein Wirkungsgefüge der KKB ausformuliert und dabei wurde ganz deutlich, dass unsere Beratungsprozesse in drei Wirkungsbereichen einen Beitrag leisten: Einmal dabei, konkrete Konfliktdynamiken zu analysieren, bearbeitbar zu machen und diese dann zusammen mit den lokalen Akteuren auch in die Bearbeitung zu bringen. Zum Zweiten, dass durch dieses Erleben von Konfliktbearbeitung und im Dialog mit den Berater*innen unglaublicher Kompetenzgewinn passiert. Aber nicht durch Qualifizierung oder explizite Fortbildung, sondern durch das Machen und durchs Miteinander in Interaktion gehen und Aushandeln und Diskutieren und Perspektiven abgleichen, sozusagen im Erleben der Haltung hinter einer konstruktiven Konfliktbearbeitung. Das ist ein unglaublich wertvoller Beitrag, der häufig fast nebenbei passiert. Und das Dritte ist eben das »Schaffen von Räumen« beziehungsweise Verfahrensstrukturen und institutionellen Rahmenbedingungen als nachhaltige Basis für eine eigenständige und konstruktive Konfliktbearbeitung durch die lokalen Akteure selbst, wenn wir die Beratung abgeschlossen haben und sie in der Kommune ohne uns weiterarbeiten.
Ein weiterer Effekt der KKB ist dann, dass auch fast nebenbei ein »konfliktsensibles Handeln« von den Akteuren entwickelt wird. Das klingt so selbstverständlich, aber in vielen Kommunen ist zunächst mal »Konflikt« gar keine Kategorie. Da geht es viel mehr um »Probleme« oder »Spannungen«, um Schuldzuweisungen, wer ist Täter, wer ist Opfer. KKB leistet einen wirklich großen Beitrag, damit Konflikte – neben all ihren Risiken – auch mit ihren Chancen für die Gestaltung von sozialem Wandel begriffen werden können und Menschen Vertrauen gewinnen, dass bewusste Konfliktbearbeitung ein gutes Ende nehmen kann.

W&F: Jetzt gibt es auch Stimmen, die dem entgegenhalten, dass man damit ja eigentlich im Wesentlichen bloß bestehende Konflikte überdeckt oder unsichtbar zu machen versucht, dass im Wesentlichen das Herrschaftsinteresse des Staates weiter obsiegt, und dass eigentlich kein Wandel der tatsächlichen Verhältnisse stattfinden kann. Teile Ihrer Antwort von eben haben schon eine gegenteilige Antwort darauf gegeben, aber vielleicht nochmal konkret: Worin ist denn KKB insofern revolutionär, dass sie auch hilft, tatsächlich gesellschaftliche Verhältnisse zu verändern?

S. Lustig: Also der Vorwurf taucht natürlich auf, dass wir Verhältnisse zementieren, dass wir bereits mächtige Akteure noch mächtiger machen oder sie zumindest stützen. Ich versuche zu verstehen, woher der kommt. Ich denke, er hat oftmals damit zu tun, dass wir in den ersten Jahren der KKB entschieden haben, dass wir immer ein Mandat von hoher Verwaltungsebene brauchen. Das ist entstanden aus der Praxis, weil wir in Fällen, in denen wir ein solches Mandat nicht hatten, gemerkt haben, dass die Veränderung sich so nicht nachhaltig verankern ließ.
Wenn Sie jetzt danach fragen, was revolutionär an der Idee ist, dann fällt mir ein, was im ersten Moment vielleicht gar nicht so riesig wirkt. Wenn zum Beispiel eine Verwaltung extrem versäult ist und weit weg von den Bürger*innen scheint, so ist dadurch Konfliktbearbeitung unglaublich erschwert. Kommen dann Menschen durch die KKB aus verschiedenen Verwaltungseinheiten zusammen mit zivilgesellschaftlichen Akteuren und begegnen sich mit dem gemeinsamen Interesse, den Konflikt bearbeitbar zu machen, gegenseitig die anderen Perspektiven nachzuvollziehen und zusammen Handlungsoptionen zu entwickeln, dann finde ich das tatsächlich revolutionär.
Im Wesentlichen, weil sich so unglaublich feste Strukturen von innen heraus ein Stück weit verändern können. Das sind auch oft wirklich schöne Momente. Wenn Menschengruppen, die zuvor jahrelang, jahrzehntelang nicht mehr miteinander reden wollten – aus welchen Gründen auch immer –, vorsichtig miteinander vielleicht doch ins Gespräch kommen. Das hat dann großes Potenzial für die Veränderungen des Zusammenlebens in diesem betreffenden kommunalen Raum.
Eine der ersten Beratungen war damals ein Fall in einer Kommune, in der sich lokale Polizeikräfte aufgrund von konkreten Bedrohungen in ein Stadtviertel kaum mehr reintrauten. Nach zwei bis drei Jahren war das wieder möglich und es fand auch zwischen Polizei und Bewohner*innen wieder so ein Stück weit respektvoller Kontakt statt, also wechselseitig respektvoll. Leider ist das immer noch revolutionär für unsere Gesellschaft, wenn so etwas passiert.

W&F: Sie haben vorhin schon angesprochen, dass diese zwei Institutionen – Pro Peace in Köln und K3B in Salzwedel – sich konkret der Umsetzung dieses Konzeptes verschrieben haben. Aber wer macht denn da Kommunale Konfliktberatung im Einzelnen? Wie sind denn sowohl die Organisationen als auch die Personen qualifiziert? Was muss ich mitbringen für den Job?

S. Lustig: Also wir sind alle akademisch ausgebildet und wir haben alle Praxiserfahrung oder Ausbildungen im Bereich von Mediation und Konfliktbearbeitung. Viele haben auch Auslandserfahrung, haben dort ihre Konfliktbearbeitungserfahrungen gesammelt, vielleicht im Bereich des Zivilen Friedensdienstes (ZFD), vielleicht in anderen Bereichen der Entwicklungszusammenarbeit. Es gibt aber auch Menschen, die in Deutschland zum Beispiel eine Mediationspraxis haben und die in der Kommunalen Konfliktberatung einen Ansatz sehen, der noch etwas anderes leisten kann als die Mediation. Zur Einstiegsqualifizierung gibt es Einführungen in den spezifischen Ansatz und regelmäßige kollegiale Weiterbildungen, um die KKB zu vertiefen und zu spezifizieren. Das durchlaufen alle Kolleg*innen.
Wenn ich so auf den gesamten Pool an Kolleg*innen schaue, dann ist es einerseits eine gemeinsame Vision, die wir teilen, beitragen zu wollen zu einem positiven Frieden und zu einem friedlichen Zusammenleben in einer pluralen Gesellschaft. Wie wir dahin kommen und welche Erfahrungen wir jeweils individuell dazu beitragen, ist unglaublich breit gefächert. Darin sehe ich eben auch ein großes Potenzial, wenn jemand mit Erfahrung in Beteiligungsverfahren einen anderen Blick reinbringt als jemand, der aus der Mediation oder aus der Auslandsarbeit kommt.
Wir schaffen das ziemlich gut, das zusammenzubringen und dann konkret zu schauen, welche Berater*innen in welchem kommunalen Zusammenhang ihr spezifisches Fachwissen zusätzlich zu dieser Konfliktexpertise, die wir alle haben, noch einbringen könnten.

W&F: Das ruft dann die Frage auf, wie die Berater*innen das Spannungsverhältnis zwischen standardisiertem Vorgehen einerseits und ihrem je personalisierten konfliktsensiblen Zugriff andererseits gestalten? Wie sehr können denn die Berater*innen von dem grundsätzlichen »Playbook« abweichen? Gibt es da aus Ihrer Warte schon Erfahrungswerte nach 15 Jahren KKB, wie viel Personalisierung aber auch wie viel Standardisierung es jeweils braucht?

S. Lustig: Das ist eine spannende Frage, weil wir uns damit wirklich schon seit Beginn beschäftigen. In den letzten Jahren sind wir an einem partizipativen Forschungsprojekt mit der Universität Augsburg beteiligt, das herausgearbeitet hat, dass unsere Stärke darin besteht, die gegenseitige Befruchtung von Praxis und konzeptioneller Arbeit ernstzunehmen. Klar, vor 15 Jahren, als wir begonnen haben, da haben einfach alle ihre jeweiligen Erfahrungen und ihr Wissen eingebracht. Früher war ich in der Konfliktbearbeitung als Mittel der Kriminalitätsprävention unterwegs, Hagen kam sehr stark aus der Konfliktbearbeitung im Ausland und aus der Konflikttransformation. Durch das Wachsen der Beratungspraxis und auch die Personalfluktuation mussten wir uns dann natürlich schon die Frage stellen, wie wir den Berater*innen und auch angestellten Mitarbeitenden in der KKB eine Orientierung geben und die »Kommunale Konfliktberatung« als eigenständigen Ansatz erkennbar halten können.
Und genau dazu haben wir nach und nach verschiedene konzeptionelle Elemente entwickelt: Zunächst gab es einen grafisch als »Beratungsspirale« aufbereiteten Beratungsablauf, den wir schon 2015 definiert hatten, die »Grundsätze der KKB«, die wir in den letzten Jahren entwickelt und 2022 publiziert haben und nun das Wirkungsgefüge von 2024. Zweitens zeigt sich das natürlich in der Standardisierung der Begrifflichkeiten und auch der Kernelemente der Kommunalen Konfliktberatungspraxis. Wir definieren derzeit Leitplanken, von den wir meinen, dass sie rote Linien darstellen, die nicht überfahren werden dürfen, um noch KKB zu sein. Also beispielsweise, wenn der Grundsatz »Konflikt im Fokus« aus dem Blick gerät und der Beratungsprozess in einen reinen Beteiligungsprozess umgedeutet würde, dann wäre da eine Leitplanke tatsächlich deutlich angekratzt.
Diese Leitplanken dienen neben der Erkennbarkeit des Ansatzes auch der Orientierung – für Berater*innen, aber eben auch für kommunale Partner*innen. Gleichzeitig haben wir schon festgehalten, dass es zwischen diesen Leitplanken Spielraum gibt, wie verfahren werden kann. Hier kommen oftmals spezifische Kenntnisse des Beratungsteams zum Tragen. Und – um im Bild zu bleiben – dann gibt es im Beratungsprozess auch Streckenabschnitte, da gibt es keine Leitplanken, da gibt es nur so eine Fahrbahnmarkierung und da kann man auch mal drüber rausfahren. Wichtig ist uns aber schon, dass Berater*innen sehr transparent machen, wenn sie vom Standard abweichen und dass sie wissen, warum sie das tun. Dann ist eigentlich unglaublich viel möglich. Und hier sind wir gerade in weiterer konzeptioneller Ausarbeitung der Standards in der KKB.

W&F: Nach zehn Jahren Praxis, unzähligen Handreichungen, Praxisreports, Forschungsvorhaben interessiert mich: Was hat sich denn verändert aus dieser ursprünglichen Idee? Gibt es irgendwas, was sich komplett verändert hat, was überschrieben wurde, was aber vielleicht auch einfach nur erweitert wurde?

S. Lustig: Also auf jeden Fall hat es sich ständig weiter ausgestaltet. Wenn ich jetzt zum Beispiel an die Grundsätze denke, dann hat die Praxiserfahrung dazu geführt, dass der Grundsatz »Kommune im Fokus« ausbuchstabiert wurde. In den Pilotprojekten war zum Beispiel die »systemische Perspektive« schon sehr deutlich und auch »Konflikt im Fokus«, klar. Aber auch die »Allparteilichkeit« kam erst später in dieser Klarheit als Grundsatz der KKB dazu. Die hatten wir zwar vor zehn Jahren schon angedacht, aber sie wurde seither mit sehr viel mehr Leben gefüllt.
Dieses lebendige Hin und Her zwischen Praxis und konzeptioneller Arbeit, das macht uns schon sehr stark auch aus. Und darin denke ich, dass die Veränderung ist, kontinuierlich besser und genauer beschreiben zu können, was »Kommunale Konfliktberatung« ist. Also wir sind genauer, wir sind klarer in dem, wie wir es beschreiben und benennen können und vor allem in dem, wie KKB wirkt und wirken kann.

W&F: Aus der Perspektive von W&F ist natürlich immer spannend zu erfahren, wie denn die Wissenschafts-Praxis-Zusammenarbeit und auch die Kommunikation der Forschungsergebnisse für die Verbesserung der KKB funktioniert. Offenbar ist wissenschaftlich-konzeptionelle Arbeit recht nah an KKB dran, aber buchstabieren Sie uns doch bitte noch aus, welche Form von wissenschaftlicher Arbeit und Begleitung hilfreich sind oder waren? Wie muss Kollaboration auch gestaltet sein, dass sie gelingen kann?

S. Lustig: Nun aus meiner eigenen Erfahrung der Arbeit an der Dualen Hochschule in Baden Württemberg, bei der ich damals auch angestellt war, als wir die KKB-Konzeption geschrieben haben, würde ich sagen, dass es für Hagen Berndt und mich wesentlich war, die Hochschullehre verwenden zu können als eine Art Spielfeld mit vielen Freiräumen, um ein Themenfeld zu erkunden – sich mal mehr Zeit zu nehmen, wirklich darüber nachdenken zu können. Etwas Ähnliches zeigt sich auch jetzt in der Zusammenarbeit zwischen Pro Peace und der Universität Augsburg, mit der wir über Lehre und Forschung verbunden sind.
Was diese partizipativen Konfliktforschungsprojekte so angetrieben hat, war der Umstand, dass einige von uns gemerkt haben, dass das »beforscht werden« nicht funktioniert. Ein Aspekt davon ist: Da schneit jemand rein, der sich vorher noch nie irgendwie mit Konfliktbearbeitung oder mit der Praxis der Konfliktbearbeitung oder gar mit KKB befasst hat, um eine Qualifizierungsarbeit zu machen und die folgt bestimmten Zwängen und Logiken und muss Dinge erfüllen, die aus einem anderen System herkommen als unserem.
Beforscht zu werden kann funktionieren, aber es braucht ganz viel Achtsamkeit, Forschende und Beforschte, die miteinander in Kontakt sind. Für den partizipativen Prozess war relevant, dass es zum einen die Bereitschaft in diesem Forschungskollektiv braucht, sich wirklich auseinanderzusetzen mit dem Forschungsgegenstand und mit unterschiedlichen Perspektiven und Handlungslogiken im Forschungskollektiv, was wirklich anstrengend ist. Da geht es dann auch darum, echte Augenhöhe herzustellen. Wenn wir dies versuchen, werden Hierarchien sichtbar, über die wir gern hinweggehen, die aber sehr hinderlich sind für eine produktive partizipative Forschung: formal festgeschriebene Hierarchien, die dem universitären Arbeiten inhärent sind, und Hierarchien, die aus unterschiedlich großem Erfahrungswissen entstehen, sowie gefühlte oder gedachte Hierarchien zwischen Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen. Es ist auch klar geworden, dass eine umfassende – gewissermaßen »radikale« – Partizipation nicht das Modell sein kann für pragmatische Zusammenarbeit von Wissenschaft und Praxis. Aber ich glaube, wir können daraus ganz viel lernen, wie wir Forschungskooperationen und Forschungsergebnisse besser machen können und wie wir diese Hierarchien, die in den Köpfen aller vorhanden sind, zwischen Praxis und Wissenschaft abbauen, weil diese Hierarchien nicht hilfreich sind, um zu guten Ergebnissen zu kommen.
Ganz wichtig als Voraussetzung für gelingende Praxis-Wissenschafts-Zusammenarbeit ist personelle Kontinuität. Also diese steten Stellenwechsel auf beiden Seiten sind nicht hilfreich, weil wir brauchen Wissenschaftler*innen, die auch für eine längere Zeit an diesen Forschungsfragen dranbleiben können und wir dann gemeinsam in dieses Erforschen gehen.

W&F: Was Sie eben formuliert haben, sind auch ganz wesentliche Aspekte dessen, was sich verändern muss in der Wissenschaftslandschaft, um überhaupt praxisrelevante Forschung leisten zu können. Zum Schluss noch: In der aktuellen Zeit sehen wir doch sehr deutlich eine Abkehr von einem Glauben an zivile Konfliktbearbeitungsmöglichkeiten auf einer internationalen Ebene und auch innergesellschaftlich ist der Glauben daran, dass man durch Reden miteinander noch Konflikte bewältigen kann, signifikant gesunken. Wir wissen, dass KKB nur ein Teil von einem Spektrum vieler Interventionsmöglichkeiten ist, die eben versuchen, Konflikte anders zu transformieren. Wie sehen Sie denn vor dem Hintergrund der aktuellen Lage die Zukunft von KKB? Lohnt sich diese Arbeit an einem Kampf für zivile Konfliktbearbeitung eigentlich noch?

S. Lustig: Also Sie erwarten das wahrscheinlich schon, aber ich finde es wichtiger denn je, dass wir dabeibleiben und nicht aufgeben, was aber auch schwieriger ist denn je. Demokratie zu stärken bedeutet zuallererst auch, deutlich zu machen, wie denn Demokratie gelebt werden kann und was sie überhaupt bedeutet. Kommunale Konfliktberatung leistet einen ganz wesentlichen Beitrag zu »Demokratischer Konfliktbearbeitung«, wie wir sie im gerade neu etablierten Kooperationsverbund im Kontext von »Demokratie Leben!« zu einer bundesweiten Infrastruktur ausbauen. Für die Zukunft macht mir wirklich Hoffnung, dass dieser Kooperationsverbund, für den einige von uns seit 20 Jahren gekämpft haben, jetzt gerade gestartet ist. Es ist wundervoll, wie viel Expertise in diesem Verbund zusammenkommt und es am Ende leichter machen wird, sowohl für Kommunen, als auch für andere zivilgesellschaftliche oder auch Kommunalverwaltungsakteure, die Ansätze zu finden, die in einer konkreten, schwierigen Situation hilfreich erscheinen. Da wird KKB eine Säule sein.
In dem Verbund – und das spielt auch in diese Hoffnung für die Zukunft der KKB mit hinein – ist uns deutlich geworden: Wir haben eine gemeinsame Vision. Viele von uns haben das unglaublich genossen, in so einer großen Gruppe von Menschen zusammen zu sein, die diese Vision teilen und die auch wissen, wovon sie reden, auch um die Herausforderungen und Aufgaben. Es ist nicht irgendwie alles Schönmalerei, sondern wir wissen sehr wohl, dass es nicht alles so simpel ist und einfach zu machen sein wird. Aber gerade hier wollen viele von uns beitragen, einerseits Strukturen zu verändern, die einfach auch auf mehr Gerechtigkeit abzielen, die es aber auch ermöglichen, dass wir uns gegenseitig sehen können in konflikthaften Situationen, dass wir uns zuhören können und dass wir gute gemeinsame Lösungen, also Wege der Bearbeitung finden können.
Ein Bild, mit dem ich auch eine gewisse Hoffnung verbinde, die mich so ein Stück weit trägt, ist die Vorstellung, dass wir durch unsere Arbeit in einigen Jahren an der Stelle sind, dass mehr Menschen sich über ihre Konflikte freuen und dass sie richtig feiern, weil sie Mittel haben, diese zu bearbeiten. Daran würden wir dann sehen, dass wir so richtig wirksam waren.

W&F: Vielen Dank für diese wunderschöne Vision, Frau Lustig. Ich wünsche Ihnen viel Erfolg und auch viel weitere Kraft, an dieser Vision zu arbeiten. Ich danke Ihnen für das Gespräch.

Sylvia Lustig ist Referentin für »Wirkung und Standardisierung« in der Abteilung Kommune und Konflikt bei Pro Peace. Sie hat die Grundzüge der Kommunalen Konfliktberatung ganz wesentlich mit erarbeitet. Sie arbeitet auch als freiberufliche Beraterin und Coach zu Gewaltfreier Kommunikation und als Supervisorin.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2025/3 Ära der Aufrüstung, Seite 41–44