W&F 2007/2

Nachruf

von Reiner Steinweg

Am 11. März 2007 starb im Alter von fast 76 Jahren der bedeutende Naturwissenschaftler Prof. Dr. Georg Zundel

Georg Zundel war als Enkel und Erbe von Robert Bosch d.Ä. der wichtigste private Förderer der Friedens- und Konfliktforschung in Deutschland. Die 1971 von ihm gegründete »Berghof Stiftung für Konfliktforschung GmbH« hat die Durchführung zahlreicher Forschungsprojekte, Konferenzen und Kongresse ermöglicht, nicht zuletzt der AFK.

Auf dem von seinem Vater – dem zeitweilig mit Clara Zetkin verheirateten schwäbischen Maler Georg Friedrich Zundel – gegründeten »Berghof« bei Tübingen aufgewachsen, studierte er in Frankfurt/M. und München Physik. Er erwarb sich schon in den 60er Jahren einen internationalen Ruf bei der Erforschung der Wasserstoffbrücken. Das »Zundel-Ion« H5O2<^>+<^*> gehört zu seinen bekanntesten Entdeckungen.

Früh erkannte er, in welch enormer Gefahr unser Planet sich angesichts der atomaren Bedrohung befindet. Bereits 1958 organisierte er an der Universität München eine große Protestversammlung gegen die damals geplante atomare Aufrüstung der Bundeswehr. In dieser Tradition wirkte er auch in der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) und der Naturwissenschaftlerinitiative »Verantwortung für den Frieden« mit und beteiligte sich an der Gründung des International Network of Engineers and Scientists for Global Responsibility (INES).

Georg Zundel hat trotz seines gesellschaftspolitischen Engagements, seiner vielfachen Verpflichtungen als Hochschullehrer für Biophysik in München, als Unternehmensleiter, Land- und Forstwirt und nicht zuletzt als Kunstmäzen immer wohlinformiert und aktiv an den Sitzungen des Stiftungsrats der Berghof Stiftung teilgenommen. Er ließ sich klaglos überstimmen, wenn die Mehrheit nach eingehender Diskussion zu einem anderen Ergebnis gekommen war als er für richtig hielt.

Er war stets für mutige Schritte und neue methodische Zugänge auf unbekanntem Terrain zu haben. Beim Symposium aus Anlass des 75. Geburtstags von Georg Zundel Ende September 2006 in Berlin sagte ihm Dieter Senghaas voller Respekt: „Wir verstehen Ihre Forschung nicht, aber Sie verstehen unsere.“ Dass die in der Satzung der Berghof Stiftung verankerte, von Georg Zundel so sehr gewünschte Interdisziplinarität, eine enge Zusammenarbeit von Natur- und Sozialwissenschaften, in den von der Stiftung geförderten Projekten streng genommen kaum je erreicht wurde, war zweifellos eine seiner schmerzlichsten Erfahrungen.

Besonderen Wert legte Georg Zundel auf die Praxisrelevanz der geförderten Projekte – und unterstützte privat, außerhalb der Stiftung, noch so manche friedenspolitische Initiative. Mit der Gründung des Berghof Forschungszentrums für Konstruktive Konfliktbearbeitung in Berlin und der nachhaltigen Unterstützung des Instituts für Friedenspädagogik in Tübingen fand dieses Bestreben auch institutionellen Ausdruck.

Georg Zundel war ein bemerkenswerter Mensch, völlig unangepasst in seinem äußeren Erscheinungsbild und seiner bedächtigen Sprechweise. Bei keiner Gelegenheit, nicht einmal als er das Große Bundesverdienstkreuzes für die Förderung der Friedensforschung bekam, habe ich ihn mit Anzug und Krawatte gesehen. Er hatte den Bombenangriff auf Tübingen, die Kämpfe bei Kriegsende in Haisterkirch bei Bad Waldsee, als Kind erlebt und von den Gräueltaten der Nazis erfahren. Er konnte von den Ängsten, die diese Schockerfahrungen in ihm auslösten und die ihn bis an sein Lebensende bewegten, sprechen und war von Selbstzweifeln und vielerlei Anfeindungen nicht verschont.

Dabei verfügte er über einen ausgeprägten Humor, war gutem Essen und Trinken nicht abgeneigt und zugleich ein begeisterter Skitourengeher, Bergsteiger und Fernreisender.

Im Frühsommer 2005 war er mit der Aufzeichnung seiner Lebenserinnerungen fertig geworden. Er bat mich, ihm bei ihrer Überarbeitung und Herausgabe behilflich zu sein und fügte hinzu: „Ich möchte ihr Erscheinen noch erleben!“ In einer großen, gemeinsamen Anstrengung mit Renate Zundel, seiner Frau, ist es gelungen, ihm pünktlich zum 75. Geburtstag am 17. Mai 2006 diesen Wunsch zu erfüllen. Sein zeitgeschichtlich interessantes, durchaus amüsantes und Konflikte keineswegs aussparendes Werk ist unter dem Titel »Es muss viel geschehen!« Erinnerungen eines friedenspolitisch engagierten Naturwissenschaftlers« im Verlag für Wissenschafts- und Regionalgeschichte, Berlin, erschienen.

Reiner Steinweg

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2007/2 Menschenrechte kontra Völkerrecht?, Seite