W&F 2026/3

Noch weiter rüsten? Warum und wozu

von Marco de Andreis

Die gesamte NATO und auch die europäischen NATO-Staaten haben eine massive Ausgabenoffensive beschlossen: Die Militärausgaben sollen auf 5 % des BIP erhöht werden. Doch was bedeutet das genau, wofür werden all diese Gelder verwendet und welche Überlegungen liegen dem zugrunde? Im Namen von Ehrlichkeit, Transparenz und um mit einigen Mythen aufzuräumen, sollten wir ernsthafte Fragen stellen – und die Erzählung von der Unvermeidbarkeit höherer Ausgaben und der damit einhergehenden Aufrüstungsspirale hinterfragen.

Am 25. Juni 2025 beschlossen die Staats- und Regierungschefs der transatlantischen Allianz bei ihrem Gipfeltreffen in Den Haag, die jährlichen Militärausgaben der Mitgliedstaaten in den nächsten zehn Jahren bis 2035 schrittweise auf 5 % ihres Bruttoinlandsprodukts (BIP) zu erhöhen.

Obwohl diese Entscheidung mittlerweile als gegeben hingenommen wird und sicherlich dazu genutzt werden wird, einzelne NATO-Mitgliedstaaten zur Tat zu rufen, bleibt die Frage berechtigt, ob sie überhaupt sinnvoll ist.1 Und zwar aus mindestens zwei Gründen: zum einen wegen der Höhe der Summe und der verwendeten Messgrößen (Prozentpunkte des BIP), zum anderen wegen der strategisch-militärischen Gründe, die ihr zugrunde liegen.

Was Punkte wirklich bedeuten – und warum das nicht der Punkt ist

Die Umrechnung von 5 Prozentpunkten des BIP in US-Dollar oder Euro von 2035 ist schwierig und beruht auf vielen unsicheren Annahmen, etwa zum Wirtschaftswachstum und zur Inflation. Aber selbst wenn wir annehmen, in den nächsten zehn Jahren herrschten Nullwachstum und Nullinflation – unter sonst gleichen Bedingungen –, dann würden die europäischen NATO-Staaten statt der derzeit 564 Mrd. US$ im Jahr 2035 1.226 Mrd. US$ für Verteidigung ausgeben. Damit kämen sie den USA deutlich näher, die unter denselben Annahmen von Nullwachstum und Nullinflation und einem Anstieg von 3,2 % auf 5 % BIP dann nämlich 1.531 Mrd. US$ ausgeben würden. Zum Vergleich: 1 % des BIP der europäischen NATO-Staaten entspricht etwa 250 Mrd. US$, was in etwa der Größe der ukrainischen Wirtschaft vor dem Einmarsch Russlands entspricht. Anders ausgedrückt: Der Haushalt der EU – für alle Aktivitäten des Blocks, einschließlich der Subventionen für Landwirt*innen und unterentwickelte Regionen – beträgt nicht mehr als 1 % ihres BIP.

Es drängt sich daher die Frage nach dem »Warum« auf. Was sollen wir bloß mit dem stetig wachsenden Berg an Waffen und militärischer Ausrüstung anfangen, der sich über die Jahre angehäuft hat und immer noch anwächst? Man könnte meinen, der Grund dafür sei, dass unsere Militärausgaben seit dem Ende des Kalten Krieges kontinuierlich gesunken sind. Doch die Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Mitgliedstaaten haben sich zwischen 2014 und 2025 zu konstanten Preisen (Stand 2021) sogar verdoppelt.

Es kann nicht genug betont werden, dass die Festlegung öffentlicher Ausgaben als Prozentsatz des BIP völlig sinnlos ist. Dieser NATO-Ansatz fördert Intransparenz und mangelnde Rechenschaftspflicht und lädt die Rüstungsfirmen geradezu zu überhöhten Preisen ein. Er ist schlichtweg unsinnig, denn er sollte das Ende und nicht der Anfang eines Planungsprozesses sein.

Im NATO-Jargon wird das, was die Mitgliedsstaaten in den nächsten Jahren geplanten anschaffen sollen, als »Fähigkeitsziele« bezeichnet. Eigentlich hätten diese »Fähigkeitsziele« an erster Stelle stehen müssen, die Ausgabenziele erst an zweiter. Doch das Gegenteil war der Fall. Am 5. Juni 2025, pünktlich zum Gipfel­treffen in Den Haag zwanzig Tage später, einigten sich die NATO-Verteidigungsminister auf neue Fähigkeitsziele – die jedoch geheim sind. Die Geheimhaltung der NATO-Fähigkeitsziele ist ein Affront gegen die Demokratie, und ich bin fassungslos über die allgemeine Gleichgültigkeit, die dieser Geheimhaltung entgegengebracht wurde.

Es gibt jedoch eine mögliche Erklärung für ihre Geheimhaltung: nämlich, dass sie nicht existieren, schlicht fiktiv sind. Es ist durchaus plausibel, dass bis zum NATO-­Gipfel in Den Haag kein einheitlicher, bündnisweiter Rahmen für ein solch gigantisches Aufrüstungsprogramm vereinbart werden konnte und lediglich die ungenau definierten Desiderata einzelner Mitgliedstaaten vorlagen, oft vermischt mit deren allgegenwärtiger industriepolitischer Priorität der Subventionierung ihrer je nationalen Rüstungsproduzenten. Warum also nicht einfach behaupten, die Verteidigungsminister hätten die NATO-­Fähigkeitsziele zwei Wochen vor dem Gipfel ordnungsgemäß genehmigt und es dabei belassen, weil sie ja bekanntlich geheim sind?

Als der spanische Ministerpräsident Pedro Sánchez verkündete, sein Land werde das NATO-Ziel von 3,5 % nicht anstreben, erklärte er dies so: Er sei nach Gesprächen mit seiner Generalität zu dem Schluss gekommen, dass sich Spaniens Fähigkeitsziele auch mit 2,1 % des BIP erreichen ließen (siehe Jopson und Foy 2025). Viele in der NATO waren zutiefst verärgert, doch was hätten sie tun können, um Sánchez zu widerlegen? Nichts. Wenn er Recht hat, sind die Ausgaben- und Fähigkeitsziele entweder einfach falsch oder mindestens realitätsfern.

Erbsenzählen, um das Narrativ zu hinterfragen

Die strategisch-militärischen Gründe die in der NATO angebracht werden, um damit diese drastische Ausgabenerhöhung zu begründen, handeln (fast) ausschließlich von der Abwehr der „langfristigen Bedrohung der euro-atlantischen Sicherheit durch Russland“ (NATO 2025a). Zwar ist verständlich, dass Russlands Einmarsch in die Ukraine für den Rest Europas besorgniserregend sein mag, doch lässt sich die von Russland ausgehende Bedrohung für die euro-atlantische Sicherheit durch einen Vergleich der wichtigsten Kennwerte der jeweiligen militärischen Fähigkeiten, der Gesellschaften und der Volkswirtschaften ermessen. Gutes altes »Erbsenzählen« also (vgl. u.a. Steinmetz et al. 2025; Wulf et al. 2026).

Die europäischen NATO-Staaten (ohne die USA und Kanada) waren 2020 deutlich stärker als Russland und sind auch 2024 noch wesentlich stärker – der Abstand hat sich in allen Bereichen vergrößert und wird sich weiter vergrößern. Seit Beginn des russischen Einmarsches in die Ukraine – aber lange vor dem Haager Beschluss zu den 5 %-Ausgabenzielen – haben viele Mitgliedstaaten zusätzliche Bestellungen aufgegeben, insbesondere für Kampfflugzeuge, Panzer und Artillerie (siehe IISS 2025).

Betrachtet man einen etwas längeren Zeitraum, so haben die europäischen NATO-Mitglieder zwischen 2014 und 2025 nicht nur ihre Militärausgaben real verdoppelt, sondern fast alle haben auch den Anteil der Ausgaben für Ausrüstung an den gesamten Verteidigungsausgaben erhöht, fast alle deutlich über der von der Allianz empfohlenen 20 %-Marke, und 18 von ihnen sogar über der 30 %-Marke (siehe NATO 2025b). Diese neuen Aufträge und der Umstand, dass Russland im Vergleich weitaus größere Materialverluste in der Ukraine zu verzeichnen hat, als das was der Westen an die Ukraine geliefert und dort verloren hat, sollten den Vorsprung der NATO sogar noch vergrößern.

Ähnliche Vergleiche lassen sich für das Personal (aktive und Reservekräfte), die Qualität der Ausrüstung und die Teilstreitkräfte (Marine, Luftwaffe usw.) anstellen (für weitere Details siehe de Andreis 2025).

Und dann sind da noch die tatsäch­lichen Ausgabenhöhen, also die Militärausgaben der NATO-Mitgliedstaaten Europas und die Russlands im Verhältnis zur jeweiligen Größe der Volkswirtschaften. Russlands BIP beträgt (2023) etwa 10 % des BIP der EU-Zone in aktuellen Wechselkursen gesprochen, und etwa 25 % unter Kaufkraftparität (KKP). Im Jahr 2024 waren die relativen Militärausgaben der europäischen NATO-Mitglieder, bei aktuellen Wechselkursen betrachtet, 3,7-mal so hoch wie die Russlands, unter Betrachtung der Kaufkraftparität etwa 1,5-mal so hoch.

Da die Preise für dieselben Güter in Russland niedriger sind als in Europa, verringert sich die Differenz zu Europa bei Betrachtung der KKP erheblich. Andererseits verschleiern KKP-Vergleiche Qualitätsunterschiede, was insbesondere bei Waffensystemen irreführend sein kann. Das IISS-Jahrbuch 2025 verschärfte dieses Vergleichsproblem, indem es zwei unterschiedliche Kriterien für Verteidigungsausgaben innerhalb desselben Berichts ungleich anwandte: eines (NATO-Definition) umfassender als das andere (Verteidigungshaushalt). Im Vergleich wurde ersteres für Russland und letzteres für NATO-Europa herangezogen. Während Russlands Ausgaben durch die Umrechnung von aktuellen Wechselkursen in KKP-Dollar aufgebläht wurden, blieben Europas Ausgaben bei den aktuellen Wechselkursen. Dies ist obendrein auch noch falsch, da die Preise in Europa niedriger sind als in den USA. Zwei sich gegenseitig verstärkende Fehler, die zu einer weit verbreiteten Falschmeldung führten (siehe Capacci et al. 2025).

Ja, Russland hat seine Verteidigungsausgaben und Waffenproduktion seit 2022 erhöht, doch offensichtlich verbrennt es all das, was es produziert, in der Ukraine. Was zunehmend in Vergessenheit gerät, ist, dass Russlands Invasion in der Ukraine nicht zwangsläufig eine Invasion Europas nach sich zieht. Ganz im Gegenteil, denn Moskau wird durch dieses Vorhaben nur geschwächt. Je länger der Krieg andauert, desto schlimmer wird seine Lage – nicht unbedingt gegenüber der Ukraine, aber ganz sicher gegenüber der NATO. Selbst die derzeitige Trump-Administration schätzt die russische Bedrohung wie folgt ein: „Russland wird für die östlichen NATO-Mitglieder auf absehbare Zeit eine anhaltende, aber beherrschbare Bedrohung darstellen. […] Moskau ist nicht in der Lage, nach europäischer Hegemonie zu streben. Die europäische NATO ist Russland in Wirtschaftskraft, Bevölkerungszahl und damit auch in ihrer potenziellen Militärmacht weit überlegen.“ (US DOW 2026, S. 10)

Die Lotterie: Wann der Angriff stattfinden wird – nicht ob

Doch was das »Warum« für diese enormen Ausgaben betrifft, scheint die vorherrschende Frage für die Öffentlichkeit ohnehin nicht zu sein, ob Russland die NATO angreifen wird, sondern wann. Die Vorhersage, in welchen Jahren der Angriff erfolgen wird, ist zu einer Art Lotterie geworden, bei der sich niemand mehr darum kümmert, zu erklären, wie (Fähigkeiten) und warum (Absichten) Moskau dies tun soll.

Es begann Anfang 2024 mit der Aussage des dänischen Verteidigungsministers Troels Lund Polsen, ein Angriff sei innerhalb von drei bis fünf Jahren möglich und „Russlands Kapazität, militärische Ausrüstung zu produzieren, hat sich enorm gesteigert (…). Russland hat potenziell den Willen zu [Angriffen]. Nun könnten sie auch früher als erwartet über die entsprechenden militärischen Fähigkeiten verfügen“ (Milne und Dunay 2024). Von da an überschlugen sich die Warnungen. Jeder Zeitraum zwischen zwei und sieben Jahren wird als potenzieller Angriffspunkt genannt. Anfangs waren vor allem die baltischen und nordischen Staaten betroffen. Kürzlich mischten sich auch die Deutschen ein: „General Carsten Breuer, der deutsche Verteidigungschef, warnte, Russland könne innerhalb der nächsten vier Jahre einen EU-Mitgliedstaat angreifen“ (Hancock 2025). Und NATO-Generalsekretär Mark Rutte sagte: „[Putin] könnte in fünf oder sieben Jahren [Estland angreifen], wenn wir nicht all diese zusätzlichen Investitionen tätigen würden“ (Garcia-Navarro 2025). Zuletzt vermeldete Andrius Kubilius, der für die Generaldirektion »Verteidigung (und Raumfahrt)« zuständige EU-Kommissar, „innerhalb von drei Jahren“ (Tito 2025).

Im Mai 2025 beteiligte sich auch das angesehene IISS an der Diskussion um mögliche militärische Herausforderungen. In einer Studie, die von einem Ende des Ukraine-Krieges bis Mitte 2025 ausging, wurde festgestellt, dass „Russland bereits ab 2027 eine erhebliche militärische Herausforderung für die NATO-Verbündeten, insbesondere die baltischen Staaten, darstellen könnte“ (Barry et al. 2025, S. 9). Die Studie ist jedoch mit erheblicher Vorsicht zu betrachten.

Denn all jene, die solche Spekulationen äußern, erklären nie wirklich, warum Russland angreifen und Artikel 5 des Nordatlantikvertrags testen wollen würde. Sie erläutern selten, wie ihrer Meinung nach die russische Aufrüstung mit ausreichend Material für eine ernsthafte Herausforderung zustande kommen könnte, und sie überschätzen die russischen Fähigkeiten angesichts der bereits bestehenden NATO-Militärstrukturen erheblich. So wird deutlich, dass diese Erzählung Teil einer umfassenderen Legitimierung der Notwendigkeit weiterer Aufrüstung und der damit verbundenen Ausgaben ist. Doch im Grunde ist sie kein stichhaltiges Argument.

Was man mit Geld kaufen kann

Welche Waffensysteme könnten denn aber das Kräfteverhältnis zugunsten Russlands so sehr verschieben, dass damit der drastische Anstieg der NATO-Ausgaben auf 5 % des BIP gerechtfertigt sein könnte?

  • Drohnen, ob groß oder klein? Nun, es mag zwar verwandt sein, aber es ist dann doch keine Raketenwissenschaft. Es ist schwer vorstellbar, dass Europa sie nicht schnell in großem Umfang produzieren und die Produktion im Bedarfsfall rasch steigern könnte. Selbst die Ukraine, Russland und der Iran haben es geschafft, was beweist, dass sie relativ günstig und somit im Kampf »kosteneffektiv« sind. Es sei denn, wir übertreiben es mit den Sonderausstattungen (und den damit verbundenen Kosten), wie es unsere Streitkräfte oft genug tun.
  • Munition? Was Artilleriegranaten angeht, ist dies nun ein (vielfach gehyptes) Problem der Vergangenheit: „Seit Moskaus Einmarsch ist Europas jährliche Munitionsproduktionskapazität gestiegen […] und hat bis Ende dieses Jahres [2025] etwa 2 Millionen erreicht – und weitere Produktionssteigerungen werden mindestens bis 2027 erwartet (siehe Dubois et al. 2025). Trotz aller Klagen zeigt sich nun, dass die europäischen Staaten in diesem Bereich Russland stets ebenbürtig oder sogar überlegen waren: „Die russische Industrie produzierte im vergangenen Jahr mehr als 1,3 Millionen Standardartilleriegranaten, gegenüber 250.000 im Jahr 2022, laut [dem Royal United Services Institute]“ (Kurmanaev et al. 2025). Wohlgemerkt, dies wurde durch einen einmaligen EU-Beitrag von lediglich einer halben Milliarde Euro ermöglicht – der allein eine so große Wirkung erzielte.2 Ein Tropfen im Vergleich zu dem gigantischen 564 Mrd. US$-Ozean der jährlichen Verteidigungsausgaben der europäischen NATO-Staaten im Jahr 2025.
  • Sogenannte strategische Wegbereiter? Europa ist in diesem Feld zwar sicherlich schwächer als Amerika, schneidet aber im Vergleich zu Russland keineswegs schlechter ab.
  • Satelliten? Kann dies dazu beitragen, eine Erhöhung der Militärausgaben der europäischen NATO-Staaten um etwa 350 Mrd. US$ pro Jahr zu rechtfertigen? Eine Schätzung aus dem Jahr 2018 für die Kosten der Entwicklung, des Baus und der Inbetriebnahme von »Starlink«, einer Konstellation von 7.600 Kommunikationssatelliten in der niedrigen Erdumlaufbahn (Stand April 2025), belief sich auf lediglich 10 Mrd. US$. Ein entsprechendes europäisches System mit 264 Satelliten in niedriger Erdumlaufbahn und 18 Satelliten in mittlerer Erdumlaufbahn, das IRIS²-System, soll insgesamt 10,6 Mrd. € kosten (siehe Diris 2025).
  • Raketen? Es gibt Raketen aller Art, unterschiedlich je nach Reichweite, Plattform, Zielen usw. Ihre Zahlen sind deutlich schwieriger nachzuverfolgen als die der großen Waffensysteme. Man kann jedoch davon ausgehen, dass einige aus europäischen Beständen entnommen, an die Ukraine geliefert und im Kampf eingesetzt wurden. So viele, dass die Kampffähigkeiten der NATO ernsthaft gefährdet ist? Manche, wie der deutsch-schwedische Marschflugkörper »Taurus«, wurden Kyjiw nie geliefert. Andere, wie die amerikanischen »Patriot«-Flugabwehrsysteme, wurden in begrenzter Stückzahl an die Ukraine geliefert, um die Verteidigung der Geberländer nicht zu sehr zu schwächen. Eine Steigerung der Raketenproduktion war auch Teil von ASAP, dem oben erwähnten EU-Programm zur Stärkung der Munitionsproduktion.

Auch aus Kostensicht war eine so massive Ausgabenerhöhung nicht nötig – die meisten aktuellen Bestellungen wurden lange vor der neuen NATO-Zusage von 5 % aufgegeben, und viele europäische NATO-Staaten verfügen bereits über »Patriot«-Flugabwehrsysteme: Deutschland, Griechenland, die Niederlande, Polen, Rumänien, Spanien und Schweden. Andere Länder wie Frankreich und Italien verfügen über ein eigenes SAM-System, das SAMP/T. All diese Ausrüstung wurde mit den Haushaltstiteln, also mit heute als „knappe Budgets“ der „jahrzehntelangen Vernachlässigung“ geltenden Mitteln, abgedeckt (Milne und Abboud 2025).

Zusammenfassend lässt sich sagen: Wenn man versucht zu ergründen, was die europäischen NATO-Mitgliedsstaaten denn über das hinaus benötigen könnten, was sie ohnehin bereits besitzen und in Hülle und Fülle bestellt haben, um einer hypothetischen russischen Bedrohung zu begegnen, so finde ich schlicht keine Erklärung, die die zusätzlichen jährlichen Verteidigungsausgaben in Höhe von Hunderten von Milliarden Dollar (oder Euro) rechtfertigen könnten.

Schlussfolgerungen

Die Behauptung, Russland stelle eine ernsthafte konventionelle militärische Bedrohung für ganz Europa dar – im Gegensatz zur Ukraine und den ehemaligen Sowjetrepubliken, die nicht der NATO angehören –, ist schlichtweg absurd. Europa, selbst wenn man die USA und Kanada außer Acht lässt, ist Russland in jeder Hinsicht überlegen: an militärischer Ausrüstung, Militärpersonal, Bevölkerung, Einkommen, industrieller Produktion. Europa kann nur noch stärker werden, da die Verdopplung seiner Militärausgaben zwischen 2014 und 2025 real zu zusätzlichen militärischen Kapazitäten geführt hat. Russland hingegen kann nur schwächer werden, da die hohen menschlichen und materiellen Verluste in der Ukraine anhalten.

Um jedoch die weitere Aufrüstung Europas zu rechtfertigen, haben die Regierungen der europäischen NATO-Mitglieder und die Europäische Kommission ein Klima der Kriegsvorbereitung geschaffen. Ein Klima, das die russische Führung mit Sicherheit nicht wohlwollend interpretieren wird. Ein Wettrüsten wird sich daraus entfesseln, das uns alle in Europa, Ost und West, Nord und Süd, ärmer und unsicherer machen wird.

In diesem Kontext ist die NATO-Entscheidung, ihre Verteidigungsausgaben in den nächsten zehn Jahren von 2 % auf 5 % des BIP zu erhöhen, töricht:

  • Aus wirtschaftlicher Sicht, denn mit Ausnahme Deutschlands haben alle großen europäischen Volkswirtschaften keinen fiskalischen Spielraum, um diese Entscheidung überhaupt umzusetzen.
  • Militärisch, denn Europa braucht keine weitere militärische Ausrüstung außer einigen wenigen Unterstützungssystemen, um strategische Autonomie zu erreichen.

Europa muss vielmehr die USA und Russland zu nuklearen Abrüstungsmaßnahmen auf allen Ebenen – strategischer wie substrategischer Art – bewegen. Es muss auf beiden Seiten entlang der langen Grenzen zwischen der NATO (und der Ukraine) einerseits und Russland und Belarus andererseits eine defensive Militärhaltung einnehmen und fördern (vgl. Mutschler in dieser Ausgabe, S. 39). Es muss auf einen europäischen Sicherheitsrahmen hinarbeiten, der die Sicherheitsbedenken aller Beteiligten, einschließlich Russlands, berücksichtigt. Was Europa jedoch ganz sicher nicht braucht, ist ein absurd hoher Finanzaufwand, die Fortsetzung einer konfrontativen Haltung ohne Dialog und die langfristige Verstrickung Europas in diese fortgesetzte massive Aufrüstung. Da unsere Sicherheit auf dem Spiel steht, müssen wir die Gefahren dieser geheimgehaltenen Rechtfertigung der Ausgabenziele in Höhe von 5 % des BIP vollumfänglich verstehen – und dringlich Transparenz fordern.

Anmerkungen

1) Dieser Beitrag basiert auf einem Vortrag des Autors vom 10. Oktober 2025 auf der 21. Internationalen Konferenz der »Unione Scienziati per il Disarmo« (USPID) mit dem Titel »How strong or weak is NATO Europe vis-à-vis Russia? Facts, Fictions and Fairy Tales«.

2) Das EU-Programm mit dem Namen »Act in Support of Ammunition Production« (ASAP) hatte zum Ziel, die Produktion von Sprengstoffen, Schwarzpulver, Granaten und Raketen anzukurbeln.

Literatur

Barry, B. et al. (2025): Defending Europe without the United States. Costs and consequences. The International Institute for Strategic Studies, London, Mai 2025.

Capacci, A.; Cignarella, C.; Cottarelli, C. (2025): Facciamo chiarezza: nel 2024 la spesa militare europea eccedeva quella russa del 58 %. Osservatorio Sui Conti Pubblici Italiani, 22.2.2025.

de Andreis, M. (2025): Does NATO Europe need to rearm any further? The War in Ukraine is making Russia weaker, not stronger. Arbeitspapier, USPID, Januar 2026.

Demetz, I.; Calero, J. (2025): What is the Patriot missile system and how is it helping Ukraine?. Reuters, 25.7.2025.

Diris, J.-P. (2025): IRIS²: tout savoir sur cette nouvelle constellation européenne. Polytechnique insights, 11.3.2025.

Dubois, L.; Djambazov, D.; Cook, Ch. (2025): Europe builds for war as arms factories expand at triple speed. Financial Times, 12.8.2025.

Garcia-Navarro, L. (2025): The head of NATO thinks President Trump ‘deserves all the praise’. The New York Times, 5.7.2025.

Hancock, A. (2025): Brussels to stockpile critical minerals because of war risk. Financial Times, 5.7.2025.

International Institute for Strategic Studies (2025): The Military Balance 2025. London: Taylor & Francis.

Jopson, B.; Foy, H. (2025): Spain secures opt-out from new Nato spending goal, says Sánchez. Financial Times, 23.6.2025.

Kurmanaev, A.; Holder, J.; Sonne, P.; Matsnev, O. (2025): Why Putin thinks Russia has the upper hand. The New York Times, 14.8.2025.

Milne, R.; Abboud, L. (2025): Denmark chooses European air defences over US Patriots. Financial Times, 12.9.2025.

Milne, R.; Dunai, M. (2024): Russia could attack a Nato country within 3 to 5 years, Denmark says. Financial Times, 9.2.2024.

NATO (2025a): The Hague Summit Declaration issued by the NATO Heads of State and Government participating in the meeting of the North Atlantic Council in The Hague 25 June 2025. nato.int, 25.6.2025.

NATO (2025b): Defence Expenditures of NATO Countries (2014-2025). Pressemitteilung, 28.8.2025.

Steinmetz, Ch.; Wulf, H.; Lurz, A. (2025): Wann ist genug genug? Ein Vergleich der militärischen Potenziale der Nato und Russlands. Greenpeace, Hamburg, Mai 2025.

Tito, C. (2025): Kubilius: ‘Putin, il nemico, entro tre anni sarà pronto ad attaccare l’Europa’. La Repubblica, 13.9.2025.

US Department of War (2026): U.S. National Defense Strategy, 23.1.2026.

Wulf, H.; Lurz, A.; Steeg, Ph. (2026): Europa allein zu Haus? Europas Sicherheitspolitik in Zeiten Donald Trumps. Greenpeace, Hamburg, Mai 2026.

Marco de Andreis ist Mitglied des wissenschaftlichen Beirats der italienischen Union der Wissenschaftler*innen für Abrüstung (Unione Scienziati per il Disarmo, USPID).

Aus dem Englischen übersetzt von ­David Scheuing.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/3 Neue Technologien im Krieg, Seite 35–38