W&F 2026/2

Nicolai N. Petro (2023): The Tragedy of Ukraine. What Classical Greek Tragedy Can Teach Us About Conflict Resolution. Berlin, Boston: DeGruyter. ISBN 978-3-1113-5605-1, 285 S., 19,95 € (broschiert).

Welche Ansätze sind denkbar, um sich militant fortsetzende Konflikte zu beenden oder aus ihrer Gewaltträchtigkeit zu lösen, und wie lassen sich gespaltene Gesellschaften wieder »ganz« machen? Dieser Frage geht Nicolai Petro, Historiker und Politikwissenschaftler für vergleichende und internationale Politik (Schwerpunkt Russland und Ukraine) an der University of Rhode Island, in seinem Buch nach. Inspiriert wurde er von Richard Ned Lebow, dessen Buch »The Tragic Vision of Politics« (2009) die sozialtherapeutische Bedeutung der Aufführungspraxis von Tragödien im antiken Griechenland behandelte.

Petro sieht im aktuellen Krieg gegen und in der Ukraine drei verschiedene, aber miteinander verwobene, kriegerisch ausgetragene Konflikte:

Erstens, einen seit 1997 anhaltenden und von Zbigniew Brzezinskis wegweisendem Buch »Die einzige Weltmacht« (»The Grand Chessboard«) angeregten Versuch seitens der amerikanischen Regierungen, die Ukraine aus der Einflusszone Russlands herauszulösen,

zweitens, einen Konflikt über Art und Ausmaß, was »Souveränität der Ukraine« sowohl in Russland als auch innerhalb der Ukraine bedeuten sollte,

drittens, einen innerukrainischen Konflikt zwischen »Russophilen« im Osten und »Russophoben« im Westen; einen Konflikt, der in einer episodenreichen, vielhundertjährigen Geschichte verwurzelt ist und beidseitig durch ausländische Interventionen verstärkt wurde und wird.

Es ist dieser dritte Konfliktanteil, auf den Petro seine detaillierte, historisch-spezifische Analyse konzentriert und mit dem er sein Plädoyer für eine soziopolitische zivile Konfliktbearbeitung (»conflict resolution«) begründet. Seine Analysemethodik ist transdisziplinär mit einem Schwerpunkt auf diverse, wirkmächtige Narrative und politische Handlungsweisen der Konfliktakteure in der Ukraine ausgerichtet. Die Argumentation der sechs Kapitel des Buchs wird nachvollziehbar unterlegt mit zahlreichen Quellen und Abhandlungen, deren russische und ukra­inische Titel ins Englische übersetzt sind.

Einführend erläutert Petro, was die antike Republik Athen und die heutige Ukraine gemeinsam haben, welche kathartische Bedeutung die öffentlichen Tragödienaufführungen im antiken Athen hatten und welche Hinweise diese Praxis für die gegenwärtige Politik in der Ukraine bereit hält: Statt einer Rhetorik und Politik, die Spaltung und Vergeltung fördern, so Petro, müsse es um politische Wege zur Anerkennung verschiedener Identitätsvorstellungen und zu einer inklusiven Gerechtigkeit gehen. In den darauf folgenden Kapiteln werden die Hintergründe für die historisch verankerte Konfliktkon­stellation und Auswege aus der Kriegs- und Gewaltträchtigkeit dargelegt.

So befasst sich das zweite Kapitel mit der umstrittenen Geschichte der Ukraine. Die staatliche Unabhängigkeit in der Umbruchsituation 1991 trug – wie der Autor an der damaligen innenpolitischen Ausgangslage in der Ukraine darlegt – der Komplexität der ukrainischen pluralen Identität nicht Rechnung, sondern förderte innenpolitisch eine Art Arbeitsteilung, in der ostukrainische Geschäftsinteressen berücksichtigt wurden und westukrainische Interessen an einer homogenen Ukrainisierung in Kultur, Bildung, Kunst und Religion. In dieser Konstellation wurde allerdings, so Petro, die Schaffung eines gemeinsamen, bürgerschaftlichen und kulturellen Rahmens für eine politische Vereinigung der Regionen des Landes verhindert.

Das dritte Kapitel thematisiert die Anziehungskraft des Nationalismus der »Far Right« und des »Rechten Sektors« in der Ukraine, deren Ursprünge Petro in der galizischen Diaspora sieht. Über den Bedeutungsgewinn dieses Nationalismus ging die Besonderheit des Pluralismus in der Ost­ukraine verloren, denn mehrheitlich gewollt war dort nicht eine »Ukraine für die Ukrainer*innen«, sondern »eine Ukraine für alle«, also auch für diejenigen im Staat, deren Wurzeln in anderen Volksgruppen liegen.

Darauf aufbauend ist das vierte Kapitel der systematischen Unterscheidung von Nationalismus und Patriotismus gewidmet sowie den destruktiven Folgen des nationalistischen Denkens in der Ukraine. Die problem- und konfliktverschärfende Problematik des Natio­nalismus in der Regierung wird beispielhaft an der Beschaffungspolitik von Impfstoffen während der Covid-19-Pandemie aufgezeigt, aber auch an der Wirtschafts-, Kultur-, Religions- und Sprachpolitik mit ihren Folgen in den verschiedenen Regionen und ihrer je verschiedenen Akzeptanz.

In Kapitel 5 geht es um die Ereignisse auf der Krim und im Donbas nach den Maidan-­Ereignissen von 2014. Die bis dahin zweigleisig fahrende ukrainische Politik, sich auf der einen Seite in Sicherheitsfragen – ohne Mitgliedschaft in einer militärischen Allianz – an EU und NATO anzulehnen und auf der anderen Seite ökonomisch die Vorteile enger wirtschaftlicher Verbindungen mit Russland und der GUS (Gemeinschaft unabhängiger Staaten) in der Ostukraine zu nutzen, wurde aufgekündigt. Petro erklärt diese Entscheidung mit politischen Langzeitwirkungen nationalistischer Ideologien, nicht nur in der Sprachpolitik. Regionale Autonomiebestrebungen passten dazu nicht. Doch die Geschehnisse auf dem Maidan 2014 wurden in den Ostgebieten politisch mehrheitlich anders gewertet als im Westen der Ukraine. Dem lag, wie Petro ausführt, ein Bündel von Faktoren zugrunde, in dem die Geopolitik von Putin nur ein Faktor von mehreren ist.

Zentral war die starke Zustimmung der Krimbewohner*innen zu einer regionalen Autonomie (innerhalb der Ukraine); sie stand im Konflikt zu der dagegen gerichteten Auffassung führender Persönlichkeiten in Politik und Kultur in anderen Teilen der Ukraine. Detailliert beschreibt Petro, wie es angesichts gescheiterter interner Vermittlungsbemühungen auf der Krim mit ihrer besonderen Geschichte und Multikulturalität schließlich zu einem Wandel der Bestrebungen für eine Autonomie innerhalb des unabhängig gewordenen ukrainischen Staats hin zu der – militärisch abgesicherten – Abtrennung von der Ukraine kam.

Auch mit Blick auf den Donbas beschreibt Petro eine hohe Zustimmung für regionale Selbstverwaltung. Die Forderungen, die seit 1991 formuliert worden sind – ein offizieller Status der russischen Sprache und regionale Autonomie –, wurden angesichts verschiedener Deutungen der Ereignisse auf dem Maidan 2014 dringlicher. Es entfaltete sich eine politisch tragische Verschlossenheit für die Sorgen und Bestrebungen der je anderen Seite. So kam es zu Anti-Maidanprotesten und zum bewaffneten Aufstand auf der östlichen Seite des Landes und in Reaktion da­rauf zu einer Politik der »Terrorismusbekämpfung« auf der westlichen Seite. Furcht vor Separatismus legte der Regierung in Kyjiw nahe, eher drakonische Strafen zu verhängen und den Minderheiten gleiche Rechte (nicht nur sprachpolitisch) vorzuenthalten, als durch überzeugende politische Gesten die kulturell und soziopolitisch anders orientierten Menschen für die politische Gemeinschaft der Ukraine zu gewinnen.

Im abschließenden sechsten Kapitel behandelt Petro schließlich das Scheitern der verschiedenen internationalen Versuche, die Lage zu beruhigen – von der »Prinzipienerklärung« von Genf im April 2014, der Umsetzungsbestimmungen fehlten, bis zum 2. »Minskabkommen« im Februar 2015, dessen Umsetzung von keiner Seite eingehalten wurde –, aber insbesondere auch die zahlreichen, nicht erfolgreichen innenpolitischen Friedensvorschläge der Ukraine, die hierzulande nahezu unbekannt sind. Schon diese sind es wert, dieses Buch zu lesen.

Petros eigener Ansatz setzt bei der heilsamen Wirkung gemeinsamen Erlebens von Mit-Leidensgeschichten der je anderen Seite an. Ein Format, die antike Praxis von Tragödienaufführungen in soziotherapeutische Ansätze für »conflict resolution« und »transitional justice« zu übersetzen, sieht er weltweit in den zahlreichen, bekannten Versöhnungs- und Wahrheitskommissionen. Als für die Ukraine besonders bedeutsam hebt Petro den Umgang mit Wahrheit und Versöhnung nach dem Ende der Gewaltkonflikte in Südafrika, Guatemala und Spanien hervor. Dabei steht Südafrika in seiner Analyse für das Prinzip der Nichtbestrafung (außer in ganz besonderen Fällen), und Guatemala für einen rechtswissenschaftlichen Ansatz, der die breite öffentliche Darstellung von Leiden ermöglichte, während die spanische Erfahrung vor allem durch jahrzehntelanges verordnetes Schweigen über die erlittenen und verübten Gräueltaten im Bürgerkrieg charakterisiert sei, zusammen mit einer Amnestie und Entlassung aller politischen Gefangenen. Einzelne Schwächen dieser Praxisansätze unterstreichen seines Erachtens nur, das jeder Konfliktfall eines eigenen Designs bedarf, um soziotherapeutisch die Gewaltspirale militanter Vergeltung vor Ort zu überwinden.

Was Petro mit Blick auf die antike Praxis der Polis erhellt, ist in Forschung und Praxis zur »conflict resolution« in vielfältigen Formaten aufgegriffen worden, wohl zuerst von Herbert Kelman. Das Buch setzt aber durch seine Perspektive vor allem einen starken Kontrapunkt zum hierzulande verbissenen Diskurs über den russländischen Angriffskrieg gegen die Ukraine. Im Vordergrund von Petros Ansinnen stehen nicht Außenpolitik und militärische Unterstützung des angegriffenen Landes, sondern die Notwendigkeit, sich innenpolitisch auf kulturelle und religiöse Differenzen im ukrainischen Staat einzulassen, auf verbesserte innere Beziehungen hinzuarbeiten und durch eine kluge Politik kaum korrigierbare Eskalationen politischer und militärischer Art zu vermeiden. Dies gilt auch gerade für die Handlungsoptionen, die sich ergeben, wenn nach einem Ende der blutigen Auseinandersetzungen auf einem in mehrfacher Hinsicht »verminten« Hintergrund ein nachhaltiger Frieden gestaltet werden soll, ohne dass — so Petros Hoffnung — der Alptraum eines neuen »Eisernen Vorhangs« durch die Ukraine gezogen wird.

Eva Senghaas-Knobloch

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/2 Friedensbewegung(en) heute, Seite 68–69