W&F 2026/2

Trumps Iran-Krieg

Mittel zur Dominanz über Rohstoff-Transportwege

von Roland Benedikter

Geht es im Iran-Krieg direkt um das Öl des Landes? Wohl nicht vorrangig. Das Augenmerk der Trump-Regierung dreht sich allen Aussagen nach um eine deutlich entscheidendere Schnittstelle. Ihr ultrakonservatives Programm »Make America Great Again« benötigt nach innen die Schwächung demokratischer Organe zur Konzentration auf die Präsidialmacht. Nach außen braucht es die brachiale Erneuerung globaler US-Wirtschaftshegemonie – weniger mittels der Kontrolle der Ressourcen an sich, sondern vielmehr der Ressourcen-Transportwege. Dieses Motiv ist wichtig, um die wirtschafts- und kriegspolitische Agenda der Trump-Regierung zu verstehen – und den Bezug zu ihrem Agieren für eine »Future Economy« herzustellen.

Die Welt wundert sich: Warum nehmen die USA mit solch brachialer Gewalt an der Seite Israels am Iran-Krieg teil? Die Ziele Israels unter Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wurden immer wieder öffentlich gemacht und sind erkennbar, auch wenn man sie nicht teilt. Dagegen bleiben die Ziele US-Amerikas unklar. Sie erscheinen angesichts fast täglich neuer Programm-­Äußerungen der Trump-Regierung zu Vorhaben, Taktik und Ende des Krieges geradezu als organisierte Planlosigkeit. Die Mehrheit der Kommentator*innen meinte zudem, das Vorgehen sei zutiefst widersprüchlich. Es könne in Summe ja letztlich nur um das iranische Öl gehen. Denn der Krieg würde den Ölpreis für die USA erhöhen – und damit die bereits auf dem Rekordstand von ca. 39 Bio. US$ stehenden Staatsschulden, die mittlerweile ein Drittel des globalen Schuldenstands ausmachen, ebenso weiter anschwellen lassen wie das ca. 1,9 Bio. US$ schwere Haushalts- und Handelsdefizit pro Jahr. Der Krieg selbst koste schlussendlich weit mehr als jene 200 Mrd. US$, die die Regierung bereits nach der zweiten Kriegswoche als Sonderfinanzierung vom Kongress anforderte. Also müsse man sich das iranische Öl holen, um die Löcher zu stopfen.

Zugleich verneint aber die Trump-Regierung immer wieder ausdrücklich das Interesse an iranischen Bodenschätzen – mit Verweis darauf, dass die USA unter dem aktuellen Präsidenten selbst zum größten Energie- und Leichtölproduzenten der Welt aufgestiegen seien. Tatsächlich ist das Land bereits seit Mitte der ersten Präsidentschaft Trumps der größte Ölproduzent der Welt vor Saudi-Arabien und Russland.

Was also strebt die US-Regierung in ihrem Krieg gegen Iran wirklich an, wenn es nicht direkt ums Öl geht oder gar darum, das iranische Volk zu befreien und Demokratie zu bringen? Auch letztere Ideen haben Donald Trump und sein Kriegsminister Pete Hegseth in allen Stellungnahmen ausdrücklich abgelehnt, und zwar mit Verweis auf ihre Maxime eines »harten Realismus« für ein »Amerika, das wieder groß wird« (»Make America Great Again«). Eigene Stärke soll das Bestehen in der heutigen »globalen Systemverschiebung« der »Reglobalisierung« sichern (Benedikter 2021).

Die Absicht der Trump-Regierung im Iran-Krieg ist vor diesem Hintergrund weniger politisch, als vielmehr wirtschaftlich. Und sie ist weniger kurzfristig – also auf die Dauer des Krieges – als vielmehr langfristig angelegt. Es geht Trump in seiner Mission in erster Linie um die Sanierung des amerikanischen Defizits und Schuldenbergs.

Das Leitmotiv: Amerika sanieren, Ressourcen-Verteilung dominieren

Die ständig weiter anwachsenden Rekordschulden sind selbst für die führende Wirtschaftsmacht der Erde nicht nachhaltig und drohen das Land in die Knie zu zwingen. Trump will das Ruder herumreißen, und zwar mit allen Mitteln.

Dazu muss Amerika aus seiner Sicht wieder libertär-expansiv agieren: also die dominante Wirtschaftsmacht der Welt sein. Nur so werden aus Trumps Sicht die globalen Kapital- und Wirtschaftsströme wieder stärker um die USA kreisen, nicht um aufsteigende Rivalen wie China. Das geht über die Kombination verschiedener Bausteine:

  • Erstens eine aggressive KI- und ­Cyber- Strategie (The White House 2025a, 2026a);
  • zweitens die massive Förderung von Weltraumökonomie und Langlebigkeits­industrie (»aging industry«) (The White House 2026b);
  • drittens die Neuverhandlung der Wirtschafts- und Handelsbeziehungen mit China und Europa;
  • viertens den neuen pan-amerikanischen Verteidigungs-»Schild der beiden Amerikas« zum »Zusammenschluss« der »westlichen« Hemisphäre (Camino Gonzales 2026), wozu auch Venezuela und bald wohl auch Kuba gehören sollen.
  • Der Zugriff auf die Kontrolle von System-Schnittstellen erfolgt, fünftens, mittels Vereinnahmung der Kryptowährungsindustrie und der großen Algorithmen-Kapitalkonglomerate, die sich Trump seit seiner Inauguration am 20. Januar 2025 demonstrativ angeschlossen haben.
  • Sie erfolgt, sechstens, im Abbau von so verstandenen »Systemunterbrechern« des neo-libertären Kapitalismus wie der Nachhaltigkeitsagenda und der kritischen sozialwissenschaftlichen Universitätsbildung – zugunsten von Forschungsschwerpunkten in naturwissenschaftlichen »Dual-Use«-Zukunftsbereichen, darunter Quanten- und Fusionstechnologie, Neuronale Netzwerke sowie Kognitive und Neurotechnologische Kriegsführung (Gior­dano 2026).
  • Das Bindeglied des Ganzen ist aus Sicht Trumps, siebtens, die Wiedergewinnung der Kontrollvormacht über die weltweiten Ressourcenwege. Dabei geht es nicht um die Ressourcen an sich, sondern um die Kontrolle ihrer Schnittstellen. Das Motto ist: Kontrolliere nicht statische Gebiete, sondern dynamische Prozesse und Passagen, also nicht Orte und Gegenstände, sondern Bewegungen und Durchflüsse an den Nadelöhren. Denn damit können Ressourcen effizienter kontrolliert werden als durch die Besetzung oder den antizipativen Erwerb von Territorien, wie das China über Jahre systematisch in Afrika oder Südamerika getan hat.

Stützung des US-Dollars

Für die Trump-Regierung ist die Kontrolle von Ressourcenwegen weltweit auch deshalb zentral, um an der Basis des »Make America Great Again«-Programms die Rolle des US-Dollars als Weltreservewährung zu stützen. Damit soll die Kaufkraft der MAGA-Wähler*innenschaft zuhause gesichert werden, die eher zum unteren Mittelstand und zur Arbeiter*innenschaft gehört.

Vorbild für diese Sicherungsstrategie der eigenen Währung in volatilen Zeiten ist die machtpolitische Hochphase des US-Dollar von Bretton Woods 1944 über das Ende der Goldpreisbindung 1971 bis in die Ära der »glücklichen Globalisierung« zwischen der weltpolitischen Wende 1989-1991 und dem offenen Beginn der Deglobalisierungs-Phase Mitte der 2010er Jahre. Seit den 1970er Jahren konnte man als US-Regierung letztlich »wertloses« Papiergeld ohne Goldbindung gegen materielle Güter und konkrete Leistungen in der ganzen Welt eintauschen, und man zog daraus Wohlstand. Das war nur deshalb möglich, weil der US-Dollar als Weltreservewährung diente, da Öl nur mit ihm gekauft werden konnte (Paul 2006). Der US-Dollar war deshalb die Weltreservewährung, weil das US-Militär mit seinen Blauwasserflotten als einziges Militär dazu in der Lage war, die weltweiten Verschiffungswege der in dieser Weltphase entscheidenden Schlüsselressource Erdöl zu schützen. Das führte zu einem Machtkreislauf, der die USA für Jahrzehnte als die dominante Wirtschafts- und Politikmacht der Erde positionierte: Das US-Militär stützte die Rolle des Dollars, der Dollar finanzierte das US-Militär. Dadurch konnten die USA seit 1971 weit mehr Geld ausgeben, als die Inflation vertragen hätte, weil alle anderen Länder erhebliche Mengen US-Dollar als Devise halten mussten, um im Notfall die kritische Ressource Öl zu kaufen (vgl. Dohmen 2017).

Solange dieser Kreislauf nicht durchbrochen wurde, war die Stellung der USA unantastbar und deren Wohlstand gesichert. Doch seit China damit begonnen hat, neun Blauwasser-Flugzeugträgerflotten bis 2035 zu bauen (beginnend mit der »Shandong« 2014, vgl. Stahnke 2025) und darüber hinaus bis 2050 mindestens 20 Flotten anstrebt, die Amerikas 11 Flotten beim Schutz der weltweiten Ressourcenwege ebenbürtig Konkurrenz machen sollen, ist diese »Stabilität« aus Sicht der USA in Gefahr (vgl. U.S. Department of Defense 2025). Deshalb scheint die Festsetzung an zentralen Ressourcen-Durchgangspunkten wie der von Iran kontrollierten Straße von Hormus umso wichtiger: Die USA wollen weiter als die Schutzmacht fungieren, die an kritischen Nadelöhren nicht verdrängt werden kann.

Hauptrivale China

Der Hauptrivale China hat klare strategische Vorteile bezogen auf den direkten Zugriff auf Ressourcen an sich. Das betrifft insbesondere seltene Erden und Metalle, bei denen es bis zu 90 % der heute verfügbaren Vorkommen kontrolliert, aber auch die Chip- und Weltraumökonomie. China hat nicht nur in den letzten Jahrzehnten kontinuierliche Ressourcensicherungs-Strategien zielgerichtet verfolgt, während vor allem Europa schlief, sondern nun auch im KI-Bereich umfassende Konkurrenzoffensiven zu den USA lanciert. Heute schickt sich die »neo-kommunistische« Weltmacht an, im südchinesischen Meer mittels Zugriffs auf Taiwan und dessen wichtige Schifffahrtswege nicht nur die Halbleiterdominanz auszubauen, sondern eben auch an der Vorherrschaft der USA in der geopolitischen Strategie der Kontrolle der Seewege zu kratzen – und damit den Dollar zu schädigen.

Vor diesem Hintergrund mittelfristiger Verschiebungen im asiatischen Währungs- und Finanzraum wird der Nahe Osten mit dem Nadelöhr der Hormus-Straße für die perspektivische Sicherung der US-Positionierung wieder wichtiger – umso mehr, als die US-Hinwendung zum Pazifik (»Pivot to Asia«) unter Barack Obama und später auch unter Joe Biden schon seit mehr als eineinhalb Jahrzehnten nicht die damit verbundenen Hoffnungen erfüllt (Blackwill und Fontaine 2024). Weil China bis zum Ausbruch des Iran-Krieges 80 % des iranischen Öls abnahm (ca. 1/6 des chinesischen Bedarfs), liegt in diesem Krieg auch ein machtpolitisch willkommener Seiteneffekt verborgen, nämlich Chinas Führung einen – wenn auch nur kleinen – wirtschaftlichen Dämpfer zu verpassen und sie – geostrategisch – auf die Risiken einer Taiwan-Intervention aufmerksam zu machen. Interessanterweise haben sich die Provokationen des chinesischen Militärs im Verteidigungsraum Taiwans seit dem Iran-Krieg deutlich reduziert, wofür Analytiker*innen allerdings auch eine Reihe weiterer Gründe anführen (Reed et al. 2026).

Strategie der Verbindungswege

Es geht also im Gesamtbild um die Dominanz über funktional unumgängliche »Drehscheiben«. Die Dominanz über die Schifffahrtswege für das Öl ist dazu ebenso ein strategischer Baustein wie die angestrebte internationale Informationsdominanz durch Algorithmen-Monopole und KI-Chatbot-Plattformen, der Einfluss auf die Mobilitätsgrundlagen der Weltraumökonomie (u.a. SpaceX) und die Langlebigkeitsindustrie bzw. den Trans­humanismus, die zusammengenommen laut Erwartungen des Trump-Umfeldes zwei der größten Wachstumsmärkte ab den 2040er Jahren sein werden. Die US-Machtstrategie, die sich vor allem in der aktuellen US-Sicherheitsstrategie vom November 2025 niederschlägt, ist im Kern der Kontrolle von Ein- und Ausgängen und Verbindungsstellen gewidmet (The White House 2025b). Insgesamt geht es um die Dominanz weniger der einzelnen Elemente, als vielmehr ihrer vernetzten und aktiven Dynamiken. Die Kontrolle der Straße von Hormus bleibt dafür noch für Jahrzehnte ein wichtiges Puzzleteil, nämlich mindestens für die Zeit des verbleibenden Öls. Dass Trump in der dritten Kriegswoche den Vorschlag von Frankreichs Präsident Macron akzeptierte, dass die restlichen G7 (sprich: Großbritannien, Kanada, Frankreich, Italien, Deutschland und Japan) nach dem Krieg unter Führung der USA gemeinsam für Sicherheit in der Straße von Hormus sorgen sollen, war eine Bestätigung dieses Prinzips.

Ablenkungen, »Gaslighting« und das Ende aller Zurückhaltung

Von dieser Denkweise ausgehend, geht es der Trump-Regierung im Großen und Ganzen erkennbar um eine neokoloniale Wirtschaftspolitik. Kernziel ist, dass vom US-Vorgehen in der Welt die US-amerikanische Wirtschaft und damit auch der US-amerikanische Dollar den meisten Nutzen zieht. Der ideologische Isolationismus wird also über eine neue Form des Außenwirtschaftsimperialismus ergänzt. Die Aussage Trumps am Ende der zweiten Kriegswoche, dass ein hoher Ölpreis gut für die USA sei, weil man dadurch sehr viel Geld verdiene (Gardner und Heavey 2026), passt ebenfalls dazu. Tatsächlich hat die US-Ölindustrie von den seit dem Krieg gestiegenen Ölpreisen massiv profitiert und in manchen Fällen bis zu 40 % mehr Gewinn gemacht (Dang et al. 2026), gemessen am Cashflow sogar bis zu 64 % (Cerullo 2026).

Die Eskortierung von Tankern unter Zuhilfenahme von US-Kriegsschiffen durch die Straße von Hormus ab der dritten Kriegswoche war eine symbolische Demonstration der Bedeutung der Schnittstellenstrategie für Trumps Gesamtvision; ebenso wie sein Zornausbruch am Ostersonntag, den 5. April, an dem er über sein Social Media Netzwerk »Truth Social« die Zerstörung ziviler Infrastruktur in großem Stil androhte und den Tabubruch beging, Iran mit der Vernichtung der Zivilisation zu drohen, sollte Iran nicht die Straße von Hormus öffnen. Die jüngste Demonstration war die »Gegenblockade« der Straße von Hormus ab dem 14. April 2026, um allen Schiffen ein Anlaufen iranischer Häfen zu untersagen. Der eine Völkerrechtsverstoß sollte den anderen rechtfertigen.

Bei alledem sollte man sich allerdings nicht von Trumps ständig eingestreuten, notorischen Verwirrungs- und Ablenkungsstrategien irritieren lassen, die er als Geschäftsmann systematisch praktiziert. Seine Aussage, er werde die Sicherung der Straße von Hormus nach dem Krieg den Alliierten der USA überlassen, weil die USA sie wegen der eigenen Ölüberschüsse nicht bräuchten, war typischer Teil seiner Signalisierung »absoluter« Überlegenheit; andererseits war sie Ausdruck seines ständigen Bluff-Instinkts und seiner Zwielichtigkeit mit Methode (»gaslighting«). Seine darauffolgenden Bemühungen, die Straße von Hormus sogar um den Preis zu sichern, mit der Insel Charg iranisches Territorium zu besetzen, deuteten nämlich auf das Gegenteil hin: dass es ein Kernanliegen der USA ist, die Ressourcen-Schifffahrtswege und allen voran die Straße von Hormus von Iran zu »befreien«.

Die Angriffe auf zivile Infrastruktur zeigen zudem, dass das Streben nach wirtschaftlicher Dominanz mittels hartem militärischem Machteinsatz auch vor offenem Völkerrechtsbruch nicht zurückschreckt. Es werden mehr oder weniger bewusst Grenzen überschritten, um die eigene Entschlossenheit zu zeigen – und sich damit als exemplarisch in der US-Geschichte zu positionieren. Als zum Beispiel Kriegsminister Hegseth verkündete, es würden „keine Gefangenen gemacht, es gibt keine Gnade für unsere Feinde“ („no quarter, no mercy“), beging er damit laut allen Vorschriften und Regeln des US-Militärs selbst einen kriminellen Akt. Laut US-Recht ist die Erklärung von »no quarter« ausdrücklich verboten und, soweit als Befehl ausgegeben, ein Kriegsverbrechen – nicht nur ein »Völkerrechtsbruch«, wie Bundespräsident Steinmeier es ausdrückte.

Ausblick: Achillesfersen und ihre Kompensation

Es gibt aber mindestens eine klare Achillesferse für Trumps Handeln. Trumps Sichtweise ist überproportional wirtschaftsabhängig. Die Hochzeit der physisch gebundenen Ressourcenwege-Strategie könnte noch schneller als gedacht der Informationswege-Dominanz auf virtuellem Gebiet weichen, was vieles am Iran-Krieg für überholt erscheinen ließe. Trump hätte dann Milliarden für einen Baustein seiner Strategie verwendet, die er lieber woanders investiert hätte. Darüber hinaus sind Trumps Visionen, Ansätze und Vorgehensweisen viel zu stark von seiner bald 80-jährigen Person abhängig, um mit den weit langfristiger angelegten Macht­entwicklungs-Strategien Chinas (»Der Berg bewegt sich nicht«, vgl. Benedikter und Nowotny 2014) oder den in einer Heilsmythologie verankerten Visionen Russlands (»Der Kampf des Heiligen Georg gegen den Drachen«, vgl. Benedikter 2023) auf Dauer zu konkurrieren. Würde Trump ausfallen, würde sich mit einem Schlag sehr vieles ändern (können) – zu viel für ein Land, das nicht nur die wirtschaftlich am stärksten globalisierte Nation, sondern auch die demokratische Leitnation der Erde und also auf Kontinuität angewiesen ist.

Fazit? Mit dem Ringen um Dominanz entscheidender Welt-Umschlags-Passagen wie der Straße von Hormus dient der Iran-Krieg neben der temporären Schwächung und Abschreckung Chinas dem Wiedergewinn und dem Ausbau des zentralen Paradigmas amerikanischer Vorherrschaft: der Kontrolle der globalen Verbindungsstellen. Dass das Regime in Iran es zur zentralen Voraussetzung für ein Friedensabkommen erklärt hat, dass Iran die Kontrolle über die Straße von Hormus nicht nur vollends behalten solle, sondern künftig sogar Maut von durchfahrenden Schiffen erheben dürfe, unterstreicht die Plausibilität der Diagnose, dass es nicht um das Öl an sich, sondern um die Straße seiner Verschiffung geht.

Was bleibt? Trump ersetzt mit seinem Vorgehen politische Rationalität und politische Ökonomie durch ökonomische Geopolitik. Das soll für die kommenden Jahre die Standards setzen – auf allen Gebieten. Es bleibt allerdings fraglich, ob diese Rechnung unter den Bedingungen des 21. Jahrhunderts aufgeht. Ebenso offen bleibt, was das für die EU und Deutschland bedeutet. Beide sind kaum direkt von Importen über die Straße von Hormus abhängig, da die EU weniger als 9 % und Deutschland weniger als 1 % der Rohstoffe darüber bezieht (Flach und Bodenschatz 2026). Doch über steigende Rohstoffpreise im Gefolge des Krieges und Investitionsstaus wegen der damit verbundenen Unsicherheit sind beide ebenso betroffen, wie von der Gefährdung der Weltwirtschaft durch die Kombination von Trumps Zollpolitik mit seinen regionalen Kriegen. Das ist der Grund, warum sich Europa dann auch an der Nachkriegssicherung der Straße von Hormus beteiligen wird – und sich dazu Mitte April ausdrücklich ohne die USA intern abgestimmt hat. Auf Dauer werden solche Mischungen aus Gefügigkeit und Trotz allerdings nicht ausreichen. Europa benötigt endlich eine eigene, langfristige und multidisziplinär integrierte Strategie. Allerdings wäre sicherzustellen, dass solche langfristigen Strategien (nicht nur der Weltmacht USA, sondern letztlich auch Europas) nicht von einer einzigen Person wie im Fall Trumps abhängen. Dies wäre ein hohes Risiko, das Demokratien mit ihrer vergleichsweise langsamen, stetigen und im Prinzip auf Kooperation angewiesenen Entwicklungslogik so nicht eingehen sollten. Die Idee der Wirtschaftshegemoniebestrebungen sollte darüber hinaus kritisch begrenzt und der Kriegführung aus Kontrollgründen eine deutliche Absage erteilt werden.

Literatur

Benedikter, R. (2021): What is Re-Globalization? A key term in the making that characterizes our epoch. New Global Studies 15(1), S. 73-84.

Benedikter, R. (2023): The role of religion in Russia’s Ukraine war. Part 1: A map of the situation. Zeitschrift für Außen- und Sicherheitspolitik 16(1), S. 79-100.

Benedikter, R.; Nowotny, V. (2014): China: Situation und Perspektiven des neuen weltpolitischen Akteurs. Cham: Springer Nature.

Blackwill, R. D.; Fontaine, R. (2024): Lost decade. The U.S. Pivot to Asia and the rise of Chinese power. Oxford: Oxford University Press.

Camino Gonzales, J. (2026): ‘Shield of the Americas’: Trump launches regional coalition. Deutsche Welle, 7.3.2026.

Cerullo, M. (2026): U.S. oil producers could get $63 billion boost from high crude prices, analysis shows. CBS News, 19.3.2026.

Dang, Sh. et al. (2026): Big Oil to reap billions from Iran war windfall after a month of soaring energy prices. Reuters, 26.3.2026.

Dohmen, C. (2017): Weltwährung: Die Vorherrschaft des US-Dollars. Deutschlandfunk, 27.11.2017.

Flach, L.; Bodenschatz, Ph. (2026): The role of the Strait of Hormuz for Germany and the EU. EconPol Policy Brief 81, März 2026.

Gardner, T.; Heavey, S. (2026): Trump touts oil price gains, saying ‘we make a lot of money,’ angering lawmakers. Reuters, 12.3.2026.

Giordano, J. (2026): Cognitive warfare 2026: NATO’s chief scientist report as sentinel call for operational readiness. Institute for National Strategic Studies, 6.1.2026.

Paul, R. (2006): The end of dollar hegemony. Speech at the U.S. House of Representatives. Congressional Records of the Congress of the United States of America 152(19), House of Representatives, 15.2.2006.

Reed, N. et al. (2026): All quiet in the Taiwan Strait? Explaining the recent drop in PLA aircraft activity around Taiwan. Taiwan Security Monitor, März 2026.

Stahnke, J. (2025): Zeremonie in China: Peking stellt dritten Flugzeugträger in Dienst. FAZ, 7.11.2025.

The White House (2025a): Winning the race: America’s AI action plan. Washington DC, Juli 2025.

The White House (2025b): National Security Strategy of the United States of America. Washington DC, November 2025.

The White House (2026a): President Trump’s Cyberstrategy for America. Washington DC,. März 2026.

The White House (2026b): Grow the Economy agenda of President Donald J. Trump. Washington DC, Januar 2026.

U.S. Department of Defense (2025): Annual report to congress: Military and security developments involving the People’s Republic of China. Washington DC, 23.12.2025.

Roland Benedikter ist Co-Leiter des »Centers for Advanced Studies« der Europäischen Akademie Bozen / Eurac Research und UNESCO-Lehrstuhlinhaber für Interdisziplinare Antizipation und Global-Lokale Transformation sowie Mitglied der Europäischen Akademie der Wissenschaften und Künste EASA Salzburg.

 

Keine Chance für Frieden?

Texte von W&F-Beirät*innen zu Zeitenwende, Militarisierung und Kriegstüchtigkeit


W&F-Blog: Dokumentation

Die Welt ist in unfriedlicher Unordnung: Eine Vielzahl der Kriege und Krisen sind auf hohem Niveau gewaltsam eskaliert, das Kriegsvölkerrecht wird allenthalben mit den Füßen getreten, viele Staaten der Welt rüsten massiv auf. Europa und Deutschland stehen da nicht zurück – im Gegenteil. Die Ausrufung der »Zeitenwende« war der Startpunkt einer beispiellosen Militarisierungskampagne, die Verteidigungsminister Pistorius mit der Parole untermauerte: Wir müssen bis 2029 kriegstüchtig sein.

Doch gibt es gar keine »Chance für Frieden«? Welche Effekte hat die grundlegende Militarisierung? Welche Rolle kommt der Friedens- und Konfliktforschung in dieser Zeit zu? Um diesen und weiteren Fragen nachzugehen, diskutierten im Rahmen der jährlichen Klausur von W&F am 20. Februar 2026 in Berlin, Mitglieder des neu berufenen Fachbeirats von W&F (siehe W&F 1/2026, S. 48) miteinander.

Die Beiträge der Beirät*innen dokumentieren wir in schriftlicher Form im Blog auf der Homepage von W&F.

  • Claudia Brunner reißt in ihrem Beitrag »Nicht schon wieder!« das Problem auf, wie schnell Wissenschaft in die Gefahr des »Herrschaftsdienstes« geraten kann – und verortet hier eines der zentralen Probleme der ausbleibenden Kritik der Friedlosigkeit.
  • Kai Koddenbrocks Kurzintervention »Krieg oder Freundschaft?« blickt auf die Konsequenzen der Militarisierung für das Verhältnis der beiden größten Volkswirtschaften der EU – Deutschland und Frankreich.
  • Dorothée Goetze beleuchtet in ihrem Beitrag, wie die schwedische Gesellschaft durch die Totalverteidigungsstrategie andauernd in der „Grauzone zwischen zwei eindeutigen und klar definierbaren Zuständen: Krieg oder Frieden“ gehalten wird. Friedensforschung müsse hier kritische Perspektiven entwickeln helfen.
  • Hartwig Hummel zeichnet an den Positionen dreier Institutionen – der Partei Bündnis90/Die Grünen, dem Friedensgutachten einiger Friedensforschungsinstitute und der Friedensdenkschrift der EKD – das Voranschreiten einer »nukleare Zeitenwende« nach.
  • Ute Finckh-Krämer blickt in ihrem Beitrag auf die Erfolge ziviler Alternativen und deren Etablierung in Deutschland – als Lernfelder und als Dienstfelder. Hieran gelte es, sich zu erinnern und anzuknüpfen.

Hier lesen Sie die Beiträge der Beirät*innen: wissenschaft-und-frieden.de/blog

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/2 Friedensbewegung(en) heute, Seite 46–50