W&F 1995/2

Waren die Atombombenabwürfe ein Fehler?

von Edward Teller

Meine Damen und Herren, ich bin hergekommen mit vielen Zweifeln und vielen Fragen. Ich möchte Sie bitten, das, was ich sage, immer in einem zweideutigen Sinne anzunehmen. Ich rede über schwierige Gegenstände, und ich finde, daß die meisten Leute darüber gewissenlos reden. Sie reden, als ob sie die Frage verstanden hätten, und sie geben klare Antworten. Ich werde auch klare Antworten geben, aber das tue ich nur der Kürze halber. Vor jeder Antwort sollte ich eigentlich »vielleicht«, »möglicherweise«, gelegentlich »wahrscheinlich« sagen. In diesen menschlichen und nationalen Fragen gibt es keine eindeutigen Antworten. Und es ist sehr wichtig, daß man die Zukunft so gestaltet, daß man weiß: Man muß seinen Weg mit der größten Vorsicht wählen.

Zunächst will ich einen Glaubensartikel aufstellen, und zwar möchte ich etwas mehr positiv sein, vielleicht ungerechtfertigterweise. Ich habe den größten Teil des 20. Jahrhunderts miterlebt. Als Prinz Ferdinand und seine Frau in Sarajewo umgebracht worden sind, war ich sechs Jahre alt. Meine Eltern erzählten mir von dem Doppelmord und fügten hinzu: „Aber es wird keinen Krieg geben“. Ich erinnere mich noch an das Gespräch. Ich habe sofort gefragt: „Warum gibt es keinen Krieg?“ Die Antwort: „Warum sollte es einen Krieg geben? Es gibt keinen Grund!“„Ja, aber warum sagt Ihr mir dann, daß es keinen Krieg geben wird, wenn es sowieso keinen Grund gibt?“ – Die tiefen Zweifel darüber, warum dieser Unsinn vom Ersten Krieg überhaupt notwendig war, warum es überhaupt geschehen ist, diese Zweifel habe ich als 6-jähriger mit den naivsten Fragen miterlebt.

Ich will fortfahren mit ein wenig Optimismus. Im Moment gibt es Hoffnung. Der Zusammenbruch der Sowjetunion ging vonstatten, ohne daß Menschen dabei umgekommen sind; die Befreiung von mehr als 200 Millionen Menschen, wenn man die Satelliten einschließlich Ostdeutschlands mitrechnet, ist etwas Großartiges. Die Tatsache, daß das möglich war, hat zwei Bedeutungen: die Bedeutung der Hoffnung und die Bedeutung der Pflicht. Die Hoffnung, daß wir beginnen, die Anzahl der Kriege zu reduzieren und den Krieg abzuschaffen; die Pflicht, diese Möglichkeit vollständig auszunutzen.

Man kann Waffen nicht regulieren

Ich teile die allgemeine Meinung nicht, daß man den Krieg abschaffen wird, indem man Waffen unter Kontrolle bringt. Es ist nicht möglich, Waffen zu regulieren. Die Möglichkeit, Rüstungskontrollverträge zu verletzen, und die Schwierigkeit, solche Verträge in der Realität durchzusetzen, ist überwältigend. Meiner Meinung nach liegt die Antwort weniger im Regulieren von Waffen. Den Krieg kann man nur abschaffen, wenn man die Ursachen des Krieges ausmerzt. Man muß ein Zusammenwirken der Völker in der Praxis durchsetzen, so daß jedem bewußt wird: Wer einem anderen schadet, einem anderen Volk schadet, der schadet auch sich selbst. Von diesem Bewußtsein war aber unglaublich wenig da, sogar noch im letzten Jahrhundert. Aber trotz der Katastrophen des 20. Jahrhunderts glaube ich, daß das Bewußtsein der Notwendigkeit der internationalen Zusammenarbeit in diesem Jahrhundert bereits stärker vorhanden war als je zuvor und sich im Laufe des Jahrhunderts immer stärker ausprägte.

Ich sagte, ich kam her mit Zweifeln. Ich wollte aber kommen. Warum? Die Vereinigung Europas war, als ich jung war, ein unmöglicher Wunschtraum. Sie ist noch immer nicht da. Aber sie ist heute viel mehr als ein Wunschtraum. Zusammenarbeit findet statt, Probleme, wie das große Problem der Wiedervereinigung Deutschlands, werden gelöst – das sind die positiven Schritte. Man muß nicht den Krieg abschaffen, man muß den Frieden auf ein Niveau heben, auf dem die Zusammenarbeit und der Frieden unanfechtbar werden. Der Frieden an sich muß stark werden. Daß Amerika, die Heimat meiner Wahl, es fertiggebracht hat, die bitteren Erinnerungen des Zweiten Weltkrieges bezüglich Deutschlands und bezüglich Japans nicht auszumerzen, aber abzuschwächen, zu reduzieren, wenigstens einiges, was falsch war, wiedergutzumachen – dies sind Ereignisse in der Weltgeschichte, wie sie nie vorher zu beobachten waren. Auf diese Entwicklungen müssen wir bauen.

Meine Damen und Herren, ich könnte hier aufhören. Das ist das Wesentliche, das ich sagen will. Ich will aber doch ein, zwei Dinge konkret hinzufügen als Beispiele und weil Sie es erwarten.

Die Verantwortung war mir zu groß

Am Anfang des schicksalsreichen Sommers 1945 bekam ich einen Brief von meinem guten Freund Leo Szilard – einem Ungarn, er war 10 Jahre älter als ich, ein wunderbarer Mensch. Er hatte ein Prinzip, nie etwas zu sagen, was von ihm erwartet wurde. Wenn er jemanden verletzte, war ihm das gleichgültig. Aber er hat niemals jemanden gelangweilt. Er schrieb mir einen Brief: Atombomben. Neues Weltzeitalter. Atombomben nicht benutzen, wenigstens nicht sofort. Erst vorführen, erst zeigen, damit wir und die Japaner wissen, worum es sich handelt.

Mit diesem Brief zog ich zu dem Direktor von Los Alamos, Oppenheimer, der der einzige im Labor war, der Zutritt in Washington hatte und der etwas von Politik verstand; darüber hinaus war er sehr populär. Ich zeigte ihm den Brief. Er war wütend und machte mir klar, daß es überhaupt keine Frage sei, die Atombombe müsse benutzt werden. Wir Wissenschaftler würden die Japaner ja nicht verstehen. Seines Erachtens müßten wir die Entscheidung den Politikern überlassen.

Es tut mir leid, es gestehen zu müssen: Er hat mich überredet. Warum? Die Verantwortung, in dieser Lage zu versuchen, etwas zu tun, war mir zu groß. Ich wußte, ich glaubte – das glaube ich auch noch immer – wir mußten es wissen, was man mit der Atombombe anfangen kann. Wir haben die Atombombe nicht gemacht. Wir haben die Atombombe gefunden. Die Frage war nicht, ob es eine Atombombe geben wird; es ging darum, ob die Kenntnis der Atombombe zuerst in einer gemäßigten Regierung vorhanden sein wird. Wir mußten daran arbeiten, da hatte ich keinen Zweifel. Aber was tun, um den Krieg zu beenden? Die Antwort – zu schwer. In diesem Sinn hat mich Oppenheimer überredet.

Dann wußten wir, was wir getan haben. Es tat mir leid.

Nicht viel später lag ich da, 20 km vom Explosionspunkt, wo der erste Versuch in Alamogordo stattfinden sollte, mit einem dunklen Glas an mein Gesicht gepreßt. Da kam nun das erste Zeichen, ganz schwach. Im ersten Bruchteil einer Sekunde, daran erinnere ich mich noch sehr deutlich, dachte ich: Ist das alles? Und dann erinnerte ich mich, daß ich ja dieses äußerst schwere Glas hatte. Ich schob es etwas weg und sah von der Seite Licht, in keiner Weise direkt. Es war 6 Uhr morgens. Das war, als ob ein schwerer Vorhang aufging und die strahlende Sonne ins Zimmer kam. Da war ich beeindruckt, und in dem Moment wußte ich: In einer kurzen Zeit wird das alles andere sein als nur ein Versuch. – Und dann kamen die Bilder. Dann wußten wir, was wir getan haben. – Es tat mir leid.

Ich kann nicht sagen, was richtig gewesen wäre. Ich kann aber sagen, daß wir das Richtige nicht getan haben oder nicht genug. Wir haben es fertiggebracht, die Atombombe zu bauen. Wir haben aber unserem Präsidenten keine Wahl angeboten. Er konnte sie benutzen oder nicht. Einen anderen Weg gab es nicht, denn einen anderen Weg haben die Wissenschaftler nicht geschaffen. Nachher, als es zu spät war, habe ich darüber oft nachgedacht. Es gibt eine Möglichkeit, die wir hätten ausarbeiten sollen. Wir hätten sagen können: Die erste Bombe soll keinem Menschen schaden. Sie soll abgeworfen werden über der Bucht von Tokio, 10 km über der Erdoberfläche, bei gutem Wetter abends um 8 Uhr. Dann wird es hell für 3 Sekunden, so hell, wie ich es in Alamogordo gesehen habe. Und dann, nach weniger als einer Minute, kommt der Donner, wie es noch keiner gehört hat. Das wird gesehen und gehört von 10 Millionen Japanern. Und dann sollen wir sagen: Der Krieg muß beendet werden. Wenn ihr nicht aufhört, benutzen wir dieses, aber so, daß darunter Menschen wirklich leiden werden.

Wir Wissenschaftler müssen Wissenschaft betreiben

Wir müssen uns vergegenwärtigen, was damals geschehen ist. Wir haben Bomben gebraucht. Im japanischen Kabinett – da gibt es ein wunderbares Buch von John Toland1 – wurde nach dem Abwurf keine einzige Stimme geändert. Sie stimmten nicht für die Beendigung des Krieges oder wenigstens gab es keine Mehrheit. Aber der Kaiser Hirohito griff ein. Er hörte die Nachricht und er entschied, zum Volk zu reden und zu sagen: Wir müssen das Unmögliche leiden, wir müssen uns ergeben.

Meine Damen und Herren, die Frage, die sich stellt, ist: Wenn wir die 100.000 in Hiroshima nicht getötet hätten, sondern die Bombe bloß gezeigt hätten, hätte das nicht dasselbe Resultat ergeben können? Ich weiß es nicht. Ich will auch sogar nicht sagen, daß wir das hätten befürworten sollen. Ich bin der festen Überzeugung, daß wir Wissenschaftler Wissenschaft treiben müssen. Wir müssen ausfindig machen, was geht und was nicht geht. Die Entscheidungen muß das Volk treffen und besonders die Politiker, die das Volk repräsentieren. Das ist der Sinn der Demokratie. Und wir müssen dem Volke und den Repräsentanten des Volkes, den Politikern, eine Wahl darbieten.

Meine Kritik ist nicht, daß wir die Atombombe abgeworfen haben, meine Kritik, mein Einwand ist, daß wir das als eine Möglichkeit erschaffen haben, ohne daran zu arbeiten, eine Alternative darzubieten, so daß die, wie unser Präsident Truman, die entscheiden mußten, es in der Hand gehabt hätten: dieses oder jenes. Es hätte sein können – die Möglichkeit war sehr groß, daß eine Demonstration keinen Effekt gehabt hätte. Aber selbst wenn wir Erfolg gehabt hätten, hätte es passieren können, daß dann ohne Hiroshima die Angst nicht groß genug gewesen wäre, um spätere Atomkonflikte zu verhindern. Ich kann argumentieren, es war richtig, die Bombe abzuwerfen, und ich kann argumentieren, es war falsch. Meine Gefühle sagen, es war falsch. Aber meine Gefühle können sich irren. Es ist nicht ein Gefühl, es ist eine feste Überzeugung, daß wir Wissenschaftler der Allgemeinheit und den Politikern schuldig waren, eine Wahl zu präsentieren, ihnen möglich zu machen, diese schwere Entscheidung so zu treffen, wie sie getroffen werden sollte in einer Demokratie.

Ich bin durchaus dafür, diese neuen Waffen auszuarbeiten

Meine Damen und Herren, ich sage all das im Sinne, wie es hier in der Einleitung gesagt worden ist: Die Entdeckungen sind nicht an ihrem Ende. Es gibt und es wird neue Waffen geben. Ich bin durchaus dafür, diese neuen Waffen auszuarbeiten. Ich bin nicht dafür, davon Abstand zu nehmen. Ich bin auch nicht dafür, daß wir Wissenschaftler Euch sagen sollen, was Ihr mit den Waffen anzufangen habt. Was wir wirklich haben tun müssen, ist, mit einer jeden neuen Waffenmöglichkeit die Konsequenzen darzustellen und die Alternativen der Benutzung oder Nichtbenutzung Euch darzulegen. Der Krieg wird nicht vermieden dadurch, daß wir nicht über die Waffen Bescheid wissen. Das Wissen kommt, ob wir es wollen oder nicht. Was wir anstreben müssen, ist ein klares und ein vollständiges Wissen, so vollständig, wie es menschenmöglich ist. Diese Möglichkeiten müssen wir Euch und den Politikern mitteilen, damit diese dann die Wahl treffen.

Und hier ein allerletztes Wort: Mit jeder neuen Möglichkeit, eine Waffe zu schaffen, gibt es auch Möglichkeiten, das, was wir schaffen, für das allgemeine Wohl zu verwenden. Wir gebrauchen Atomenergie viel zu wenig. Die Angst vor der Radioaktivität ist unnnötig groß. Wir haben heute einen Plan, uns gegen die Natur zu wehren. Wir wissen, daß von Zeit zu Zeit ein Meteorit ankommt, und der schlägt ein mit einer Kraft von Hiroshima oder mit einer noch größeren. Wir wissen heute, daß so große Explosionen wie in Hiroshima in der hohen Atmosphäre ungefähr einmal im Jahr vorkommen. Wir wissen, daß 1908 in Sibirien ein Meteorit eingeschlagen hat, der eine Explosionskraft von 10 Mio. Tonnen TNT hatte, der den Wald im Umkreis von 1.000 km2 vernichtet und zwei Menschen getötet hat. Glücklicherweise war es nicht über Frankfurt, sonst gäbe es Frankfurt nicht mehr. Das wissen wir heute. Wie verhindern? Wir wissen, daß ein ganz großes Objekt vor 65 Mio. Jahren eingeschlagen hat, und das war das Ende des historischen Mittelalters der Lebewesen, des Mesozoikums. Das war der Anfang der Neuzeit, und es war der Tod von allen großen Lebewesen. Die Gefahren, in denen wir leben, kommen von den Menschen und in noch viel stärkerem Maße von der Natur.

Ich behaupte, daß heute, sogar am Ende des 20. Jahrhunderts, das Leben besser ist als je zuvor. Wir haben kein Recht, Pessimisten zu sein. Wir haben die Pflicht, uns eine weiter verbesserte Zukunft vorzustellen und den Weg zu finden. Es ist in diesem Sinne, daß ich denke, und ich versuche, dieses Denken auf Euch zu übertragen. Dankeschön.

Anmerkungen

1) John Toland, The Rising Sun. The Decline and Fall of the Japanese Empire, New York, 1970. (Anm. d. Hg.) Zurück

Edward Teller.

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 1995/2 Hiroschima und Nagasaki, Seite