W&F 2026/2

Wider die Geringschätzung von Toleranz

Verleihung des Göttinger Friedenspreises, Deutsches Theater Göttingen, 7. März 2026

Der Göttinger Friedenspreis ehrt seit 1999 jedes Frühjahr Menschen, Projekte und Organisationen, die sich „weltweit für eine friedlichere Welt einsetzen“ – die Verleihung des Friedenspreises setzt ein starkes gesellschaftliches Zeichen für eine Vielzahl an Themen rund um Friedensarbeit, -bildung und -bewegung.

Zur diesjährigen Verleihung am 7. März 2026 war der Saal des Deutschen Theaters in Göttingen bis auf den letzten Stuhl gefüllt. Im Vergleich mit Verleihungen in den letzten Jahren fiel positiv auf, dass sich sogar ein paar junge Familien im Publikum befanden, Kinder und Jugendliche im Saal saßen und aufgeregt auf den Beginn der Veranstaltung warteten.

Geehrt wurden gleich zwei Preisträger*innen: Das Projekt »Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage«, für das Sanem Kleff als langjährige Vorsitzende des Trägervereins »Aktion Courage« den Preis entgegennahm, sowie der Holocaustüberlebende und Zeitzeuge Dr. Dr. hc. Leon Weintraub, der für seine unermüdliche Bildungsarbeit geehrt wurde.

Die Arbeit der Preisträger*innen

Die Gründung des Projekts »Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage« 1995 geschah in Antwort auf die Vielzahl rassistisch motivierter, tödlicher Anschläge in den 1990er Jahren. In den 30 Jahren seit Gründung ist die Initiative auf inzwischen fast 5.000 Schulen deutschlandweit angewachsen. Um aufgenommen zu werden, muss eine Schule zunächst eine Abstimmung unter allen Schulmitgliedern durchführen– dabei müssen mindestens 70 % der Abstimmenden der Selbstverpflichtung des Netzwerks zustimmen. Ist eine Aufnahme in das Netzwerk geschehen, wird eine Aktivengruppe an der Schule gegründet, mit dem Ziel Veranstaltungen und Projekte zu organisieren, die für mehr Sensibilität bezüglich verschiedener Diskriminierungsformen sorgen sollen.

Ganz anders strukturiert, aber ähnlich umfangreich ist die Bildungsarbeit des zweiten Preisträgers Dr. Dr. hc. Leon Weintraub. Er wurde 1926 in Łódź, in Polen geboren und im Zuge des Holocausts verschleppt. Als Jugendlicher überlebte er wie durch ein Wunder die Zwangsaufenthalte in den KZs Auschwitz, Flossenbürg und Stutthof. Nach dem Krieg begann er 1946 ein Studium der Humanmedizin in Göttingen und ging als Arzt zurück nach Polen. Weintraub wurde 1969 aufgrund intensivierter antisemitischer Kampagnen von seiner Stelle als Oberarzt in einem Krankenhaus gekündigt, woraufhin er sich entschied, nach Schweden zu ziehen und sich dort eine neue Existenz aufzubauen. Diese Erfahrungen der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschine und des weiterhin grassierenden Antisemitismus führten ihn zu seiner politischen Bildungsarbeit an Schulen und im öffentlichen Raum: Er berichtete von seinen Erfahrungen als Überlebender des Holocaust, um gegen das Vergessen zu arbeiten. Diese Tätigkeit wurde mit der Zeit Hauptinhalt seines Lebens, dem er nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern nachging.

Die Verleihung des Friedenspreises

Die Wahl der Preisträger*innen des Göttinger Friedenspreises spiegelt die Aktualität der von ihnen bearbeiteten Herausforderungen in unserer Gesellschaft wider. Sowohl Rassismus als auch Antisemitismus spielen noch immer und mit scheinbar neu auf­flammender Intensität eine große Rolle in aktuellen gesellschaftspolitischen Debatten. Wie Michael Brzoska in seiner Laudatio zurecht feststellte, befinden wir uns „[…] in Zeiten, in denen Macht und Gewalt, die Geringschätzung von Toleranz und Demokratie und die Missachtung von Menschenrechten und Völkerrecht beängstigende Ausmaße angenommen haben.“ Dass sich die Jury des Friedenspreises zu einer gleichzeitigen Ehrung sowohl des Engagements gegen Rassismus als auch des Engagements gegen Antisemitismus entschieden hatte, setzt ein starkes und dringend notwendiges Zeichen für das Zusammendenken verschiedener Formen von Antidiskriminierungsarbeit – ein Zusammendenken, das in vielen gesellschaftspolitischen Debatten inzwischen nur schwer möglich ist.

Beide Preisträger*innen brachten ganz in diesem Sinne dann auch ihre Freude zum Ausdruck, dass sie gemeinsam für den Göttinger Friedenspreis nominiert worden waren. Zur Verleihung des Preises standen sie gemeinsam, Arm in Arm, auf der Bühne und empfingen stehenden, stürmischen Beifall aus dem Publikum.

Die Reden der beiden Preisträger*innen waren auf ihre je eigene Art bewegend:

Der 100-jährige Leon Weintraub überraschte mit körperlicher Fitness auf der Bühne und berichtete von seinen erschütternden Erfahrungen mit Antisemitismus, Vernichtungsgewalt und Ausgrenzung, die er im Zuge des Holocaust und in den Jahren danach gemacht hatte. Mit Humor und Leichtigkeit schaffte er es, das Publikum lange zu unterhalten und zugleich unvorstellbare und schmerzhafte Ereignisse zu vermitteln. Weintraub betonte zum Schluss, mit seiner Arbeit gegen fremdenfeindliche Ideologien und extremistische Tendenzen innerhalb der Gesellschaft wirken zu wollen. Der tosende Applaus am Ende rührte ihn zu Tränen und machte deutlich, was für ein anerkennendes Zeichen eine Verleihung wie die des Göttinger Friedenspreises setzt.

Sanem Kleff betonte in ihrer Dankesrede die Notwendigkeit, Rassismus nicht als ein „Randproblem“ oder „Relikt vergangener Zeiten“ zu verkennen, sondern seine Aktualität im Alltag, in Umgangsformen und in strukturellen Ungleichheiten aufzudecken. Um ihm zu widersprechen, bräuchte es Mut: „Mut, die eigene Komfortzone zu verlassen. Mut, Fehler einzugestehen. Mut, zuzuhören. Und Mut, einzuschreiten, wenn Menschen herabgewürdigt werden.“ Bildung, Begegnung und professionelle Begleitung seien dabei Komponenten, die insbesondere junge Menschen dringend bräuchten – Strukturen, die vom Netzwerk »Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage« ermöglicht werden würden. Der Preis zeichne also nicht nur die Projektverantwortlichen aus, sondern auch die über drei Millionen Schüler*innen im Netzwerk, sowie die beteiligten Lehrkräfte, Sozialpädagog*innen und Schulleitungen.

Mehr Achtsamkeit wäre wünschenswert

Bedauerlicherweise lief die zeitliche Umsetzung der Verleihung weniger ausgeglichen, als sie ursprünglich wohl geplant war. Dies ist überraschend, hatte die Jury des Göttinger Friedenspreises in der Vergangenheit schon häufiger mehrere Preisträger*innen gleichzeitig geehrt. Da die Dankesrede von Leon Weintraub erst am Zeitpunkt des eigentlich geplanten Endes der gesamten Veranstaltung endete, wurde zur Erleichterung des Publikums eine kurze Pause eingeläutet – bedauerlicherweise war das aber der Anlass für viele Besucher*innen, den großen Theatersaal und die Verleihung frühzeitig zu verlassen. Die Situation war auch an Sanem Kleff nicht vorbeigegangen, wurde von den Veranstalter*innen aber nicht kommentiert und auch nicht eingefangen.

Zu Beginn ihrer Rede bemerkte Kleff dann sichtlich erleichtert, dass der Saal ja doch nicht ganz leer geworden“ sei und betonte, sie würde sich mit ihrer Rede beeilen – ein Moment, der plötzlich ein unschönes Ungleichgewicht in die Rezeption der Preisträger*innen brachte. Kleff ließ sich in ihrer weiteren Rede jedoch nichts anmerken, und natürlich erhielt auch sie tosenden Beifall aus dem Publikum.

Auch wenn dieses Ungleichgewicht sicherlich aus spontaner und organisatorischer Not entsprang, hätte solch einer Entwicklung auch vorgegriffen werden können. Gerade wenn zwei so unterschiedliche Preisträger*innen ausgezeichnet werden – der eine als Individuum mit bewegender, persönlicher und dadurch emotional greifbarer Geschichte, der andere als eine Institution, die viel weniger emotional greifbar ist, insbesondere für ein mehrheitlich weißes Publikum – muss sich eine preisverleihende Institution im Vorhinein einen klugen Umgang damit überlegen. Zu leicht verschiebt sich der Fokus eher in Richtung des Preisträgers mit persönlicher Geschichte.

Diese Kritik an der misslungenen Gestaltung darf keinesfalls missverstanden werden als Versuch, Bildungsarbeit zu Antisemitismus und Rassismus gegeneinander auszuspielen. Viel eher wäre zu überlegen, wie die Jury des Göttinger Friedenspreises zukünftig mit solchen Herausforderungen umgehen sollte: Die Nominierung eines Holocaustüberlebenden darf, trotz der Aufgeladenheit von politischen Debatten im Kontext um Antisemitismus, alleine für sich stehen – so wäre zumindest garantiert gewesen, dass es genug Zeit gibt, um diesen in seiner Arbeit und in seiner Geschichte zu würdigen. Ebenso darf ein Projekt wie »Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage« alleinige Preisträger*in sein – ohne im Schatten einer anderen Verleihung zu stehen.

Doch wenn – wie es für eine moderne Erinnerungskultur und eine gelingende Aufmerksamkeit für alle Gewaltdimensionen wünschenswert wäre – gerade der Zusammenklang zwei solcher Preisträger*innen gefeiert werden soll, muss dieser Dialog zwischen den Arbeiten proaktiver von Jury und Organisationskommittee gerahmt werden. Dass sich beide Preisträger*innen schon Arm in Arm über den Preis gefreut haben, wäre der beste Startpunkt für einen solchen Dialog gewesen.

Marielle Martinez

erschienen in: Wissenschaft & Frieden 2026/2 Friedensbewegung(en) heute, Seite 66–67