Dossier 52

Ziviler Friedensdienst - »Frieden schaffen ohne Waffen!«

von Dieter Bricke, Tilman Evers, Martin Quack, Andreas Rosen und Lutz Schrader

Herausgegeben von Wissenschaft und Frieden in Zusammenarbeit mit dem Forum Ziviler Friedensdienst, dem Bund für Soziale Verteidigung, dem Förderverein Willy-Brandt-Zentrum, Ohne Rüstung Leben und Pax Christi (Deutsche Sektion, Aachen und Rottenburg-Stuttgart)

zum Anfang | Einleitung

Vor zehn Jahren wurde das Forum Ziviler Friedensdienst (forumZFD) gegründet. Damals entsandte die Bundesregierung 4.000 Bundeswehrsoldaten in einen NATO-Einsatz nach Bosnien. Parallel dazu versuchte das forumZFD 200 Friedensfachkräfte in die Region zu entsenden. Dies scheiterte an der Regierung, aber für die Karriere eines spannenden Projektes war damit der Anfang gemacht. Das forumZFD hat seither mit 31 Friedensfachkräften Projekte in Südosteuropa und in Palästina und Israel durchgeführt. Insgesamt wurden von allen Trägern bis Dezember 2005 236 Friedensfachkräfte entsandt. Die Akademie für Konflikttransformation des forumZFD bildet solche Fachkräfte aus, darunter immer mehr Menschen aus den Konfliktregionen selbst. Seit 1997 absolvierten 220 Personen den Qualifikationskurs. Ausstellungen, Friedensläufe und Vorträge stellen Öffentlichkeit für den Zivilen Friedensdienst her. Dieses neue Instrument der Konfliktbearbeitung wird umso wirksamer, je mehr in es investiert wird: konzeptionell, personell, finanziell. Deshalb setzt sich das forumZFD für einen höheren Stellenwert der Zivilen Konfliktbearbeitung in Staat und Gesellschaft ein.

Das Jubiläum des forumZFD ist Anlass für die Veröffentlichung des vorliegenden Dossiers. Es zieht Bilanz, führt Diskussionen fort und eröffnet hoffentlich neue Perspektiven.

Zunächst gibt Tilman Evers einen umfassenden Überblick über den Zivilen Friedensdienst, seine Entstehung und Implementierung, seine Entwicklung in den sechs Jahren seither und die aktuellen Herausforderungen. In den weiteren Beiträgen werden besondere Aspekte erörtert. Andreas Rosen konkretisiert den Zivilen Friedensdienst in Form eines Berichts über seine persönlichen Erfahrungen mit Friedens- und Versöhnungsarbeit in Südafrika als Friedensfachkraft des Weltfriedensdienstes. Martin Quack stellt die beiden Prinzipien der Allparteilichkeit und der lokalen »ownership« vor und diskutiert das Spannungsverhältnis zwischen ihnen. Die daraus resultierenden Unterschiede in der Partnerorientierung kommen im Konsortium Ziviler Friedensdienst immer wieder zur Sprache. Dieter Bricke setzt sich mit dem Verhältnis von Zivilem Friedensdienst und Militär auseinander. Die Langversion dieser Stellungnahme wurde im Beirat des Forum Ziviler Friedensdienst diskutiert und traf auf große Zustimmung der Mitgliederversammlung 2004. Sie ist eine Grundlage für die weitere Diskussion dieses Themas. Schließlich erörtert Lutz Schrader Identität, Legitimität und Handlungsfähigkeit des Zivilen Friedensdienstes und zeigt, wie sie erhöht werden können.

Martin Quack

zum Anfang | Arbeit an Konflikten

Der Zivile Friedensdienst nach sechs Jahren

von Tilman Evers

Der Zivile Friedensdienst (ZFD) ist alt und neu zugleich: Alt insofern, als er auf jahrzehntelangen Traditionen der nichtstaatlichen Friedensarbeit aufbaut. Zugleich aber neu, weil er einen nächsten Schritt der Professionalisierung hinzufügt und in der jetzigen Form eines Gemeinschaftswerks von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren erst seit 1999 existiert. Träger des ZFD sind nichtstaatliche Friedensverbünde und Entwicklungsdienste, unter Einschluss des halbstaatlichen Deutschen Entwicklungsdienstes (DED). Sie bilden lebens- und berufserfahrene Männer und Frauen in konstruktiver Konfliktbearbeitung aus und entsenden sie als Friedensfachkräfte (FFK) für mindestens zwei Jahre in Spannungsgebiete, wo sie mit friedenswilligen Partnern vor Ort für Gewaltvermeidung, Friedensförderung und zivilgesellschaftliche Teilhabe eintreten. Finanziert werden diese Projekte mit öffentlichen Mitteln insbesondere des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ).

Die ersten Projekte begannen ihre Arbeit im Jahr 1999. Seitdem sind insgesamt ca. 230 FFK zu ihren Einsätzen in insgesamt ca. 40 Ländern ausgereist. 130 davon befanden sich Mitte 2005 aktuell unter Vertrag. In den vergangenen sechs Jahren sind einige der Projekte bereits beendet bzw. in lokale Hände übergeben worden. Manche der FFK sind zurückgekehrt und mit ihren Auslandskenntnissen inzwischen in anderen Aufgaben der Friedens-, der Entwicklungs- oder Bildungsarbeit in Deutschland oder anderswo tätig. Zusammen akkumulieren sie derzeit etwa 550 Jahre »in-project«-Erfahrung im Zivilen Friedensdienst.

Ein guter Anfang - nicht weniger, nicht mehr. Eine frühe Evaluierung des BMZ aus dem Jahr 2001/2002 bescheinigte dem neugeschaffenen Instrument einen „politischen Gestaltungserfolg“ (BMZ, 2002, S. 4). Und die Bundesregierung schreibt in ihrem „Aktionsplan »Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung"“ vom 12. Mai 2004: „Das wichtigste friedenspolitische Instrument zur Förderung von Friedenspotenzialen der Zivilgesellschaft ist der Zivile Friedensdienst“ (Bundesregierung, 2004, S. 68). Wer am Aufbau des ZFD mitgewirkt hat, hört das Lob gerne. Ein Stück weit lobte sich die rot-grüne Bundesregierung auch selbst. Zu Recht insoweit, als kein anderes Land der Welt eine so weitreichende Anfangserfahrung mit einem Zivilen Friedensdienst besitzt und auch der Aktionsplan mit seiner integrativen Sicht von Konfliktursachen, von staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren modellbildend ist. Zu Unrecht jedoch insoweit, als zu einem ZFD als effektivem Instrument der Gewaltprävention noch vieles fehlt. Von seiner Größenordnung, seiner konzeptionellen Selbst- und Außenwahrnehmung und seiner Mittelausstattung ist der ZFD sechs Jahre nach seinem Start noch immer ein Pilotprojekt. Den vielversprechenden Anfängen müsste ein entschlossener Ausbau zumindest auf die fünffache Zahl von Projekten über die nächsten Jahre folgen.

Die folgenden Seiten wollen Grundinformationen zum Zivilen Friedensdienst nach sechs Jahren seines Bestehens bieten und anhand ausgewählter Beispiele illustrieren. Die Schwierigkeit besteht natürlich in der Fülle des Stoffes. Die Auswahl muss daher ebenso »gegriffen« bleiben wie die Gliederung in fünf Abschnitte: Der erste beschreibt die Entstehung und den Aufbau des ZFD; der zweite seine Einbettung in das Geflecht von Akteuren und Institutionen der Zivilen Konfliktbearbeitung (ZKB), im staatlichen wie nichtstaatlichen Bereich sowie auf nationaler wie internationaler Ebene; der dritte gibt Einblicke in die konkreten Handlungsfelder von ZFD-Projekten; der vierte in deren beobachtbare Wirkungen und ihre Nachhaltigkeit; der fünfte schließlich bietet eine vorläufige Einschätzung der Erfolge und Grenzen nach sechs Jahren ZFD sowie einen Ausblick auf die sich daraus ergebenden politischen Aufgaben der nächstfolgenden Jahre.

Entstehung und Aufbau

Den entscheidenden Anstoß für die Schaffung des ZFD gaben die Kriege im zerfallenden Jugoslawien: Was waren das für Gewaltkonflikte, bei denen die Instrumente der Frühwarnung, die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Mittel zu ihrer Eindämmung, ja selbst die Begriffe zu deren Verständnis versagten? Wie konnte es geschehen, dass die europäische Öffentlichkeit dem Gemetzel über Jahre handlungsunfähig zusehen musste? Gefordert war offenbar zweierlei: Veränderte Kategorien der Wahrnehmung solcher ethno-politischen Konflikte als neuem Typus von Globalisierungs-Kämpfen mit einer bislang unbekannten Komplexität von Ursachen, Akteuren und Verläufen1 und eine nicht minder komplexe Ausweitung der Instrumente zu ihrer Bearbeitung. Für die Friedensgruppen in Deutschland bedeutete dies, jenseits der militärkritischen Bewusstseinsarbeit zusätzliche Bereiche einer konstruktiven Friedensarbeit auszubauen und zu professionalisieren.

Einem ersten Anstoß aus der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg folgend bildete sich ein lockerer Gesprächskreis mehrerer Friedensgruppen und Organisationen, der ab 1994 regelmäßig als Forum Ziviler Friedensdienst (forumZFD) tagte. Die informelle Federführung hatte der Bund für Soziale Verteidigung (BSV).2 Bereits 1995/96 legten fachkundige Vertreter mehrerer Organisationen das erste ZFD-Curriculum für eine einjährige Ausbildung vor, das Vorbild für Trainings-Curricula in anderen europäischen Ländern wurde.

Das anfängliche, maßgeblich von dem Berliner Friedenswissenschaftler Theo Ebert inspirierte Konzept eines ZFD als dritte Alternative neben Militär- und Zivildienst (also nur für junge männliche Wehrpflichtige) fand in den Diskussionen des Jahres 1995 keine Unterstützung. Stattdessen entwickelte sich ein neues Konzept in Richtung auf einen staatlich geförderten, professionellen Entsendedienst für berufserfahrene Männer und Frauen in pluraler zivilgesellschaftlicher Trägerschaft, nicht unähnlich den Entwicklungsdiensten. Noch im selben Jahr begann das forumZFD eine intensive politische Werbung für dieses Konzept, in Form von Broschüren, Veranstaltungen und regelmäßigen Gesprächen mit maßgebenden Vertretern der beiden großen Konfessionen sowie der Bundestagsparteien. Zur Stärkung seiner politischen Handlungsfähigkeit gründete sich das forumZFD Anfang 1996 unter bisherigem Namen als e.V., mit institutioneller wie individueller Mitgliedschaft. Wichtige Zwischenergebnisse dieser Werbung waren im Jahr 1997 die sog. Berliner Erklärung für einen Zivilen Friedensdienst mit der Unterschrift von zahlreichen Persönlichkeiten und Institutionen des öffentlichen Lebens (abgedruckt in Evers, 2000a, S. 349 ff.) sowie die Verleihung des Gustav-Heinemann-Bürgerpreises an das forumZFD.

Unvermeidlich rief diese Entwicklung auch Spannungen hervor: Einmal zu denjenigen Teilen der Friedensbewegung, die am Antimilitarismus als zentraler Aufgabe festhalten wollten, und/oder die den Weg in die Professionalisierung, gar mit staatlicher Förderung, nicht mitgehen wollten oder konnten. Zum anderen mit den Entwicklungsdiensten, bei denen das Emporkommen eines neuen Entsendedienstes zu dem Nachbar-Thema »Frieden« ambivalente Reaktionen auslöste. Dass es gelang, diese Konkurrenz konstruktiv in ein Verhältnis gegenseitiger Ergänzung und Zusammenarbeit einzubetten, ist maßgeblich dem damaligen Geschäftsführer des DED, Willi Erl, zu verdanken. Auf seine Initiative entstand das Konsortium Ziviler Friedensdienst, zunächst als Gesprächsrahmen aller potentiellen Trägerorganisationen und ab 1999 im Zuge der Umsetzung als deren gemeinsame Handlungsplattform.

Noch im Jahr 1997 erhielt die Idee des ZFD erstmals öffentliche Förderung: Maßgeblich unterstützt vom Ministerpräsidenten Johannes Rau, bewilligte das Land NRW Mittel für eine Modell-Ausbildung zur Friedensfachkraft in gemeinsamer Trägerschaft des forumZFD sowie der Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden (AGDF), einer Dachorganisation von evangelisch-ökumenischen Friedensgruppen. Die damals gefundene Form der viermonatigen Kompaktkurse wird seitdem weiterentwickelt und bis heute zweimal jährlich durchgeführt - inzwischen überwiegend mit Bundesmitteln und in alleiniger Trägerschaft des forumZFD.

Der entscheidende Schritt von der Vision zur Wirklichkeit kam mit dem Regierungswechsel von 1998. Die Konzepte und institutionellen Ansätze standen bereit, hinzu kam die politische Entscheidung der Koalitionsparteien sowie das persönliche Engagement der neuen Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul. In wenigen Monaten erarbeitete das BMZ nach Anhörung des Konsortiums (s. Konsortium ZFD, 2000) ein »Rahmenkonzept« für einen ZFD als neues Element der Entwicklungszusammenarbeit (BMZ, 2000). In ihm werden die im Konsortium zusammenwirkenden Organisationen förmlich als Durchführungsorganisationen des neuen Programms benannt. Es sind dies die sechs anerkannten Entwicklungsdienste: DED, Evangelischer Entwicklungsdienst (EED), Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe (AGEH - katholisch), Eirene (christlich-ökumenisch), der aus der politischen Solidaritätsarbeit erwachsene Weltfriedensdienst (WFD) und die evangelikalen Christliche(n) Führungskräfte International (CFI) sowie die beiden Friedens-Verbünde AGDF und forumZFD. Noch im Jahr 1999 reisten die ersten FFK in ihre Projektgebiete aus. Ende 2000 waren bereits über 60 FFK »vor Ort«. Im selben Jahr erschien auch der bislang umfassendste Sammelband über Konzeption, erste Erfahrungen und Perspektiven des ZFD, wiederum unter Mitarbeit aller Konsorten (Evers, 2000a).

Bis zum Jahr 2005 war die Zahl der insgesamt bewilligten FFK auf 236 gewachsen. Sie teilten sich folgendermaßen auf die Trägerorganisationen auf (siehe Tab. 1)

Tab. 1: Friedensfachkräfte nach Trägern 1999 – 2005a
Trägerorganisationen Friedensfachkräfte
1999 – 2005 Bewilligungen 2005 unter Vertrag
abs.%abs.%
Deutscher Entwicklungsdienst94405845
Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe48202519
Evangelischer Entwicklungsdienst231086
Forum Ziviler Friedensdienst229129
Weltfriedensdienst18886
Eirene11565
Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden
Peace Brigades International Germany (PBI)
Kurve Wustrowb
Friedenskreis Halle

9
7
2

4
3
1

5
7
0

4
5
0
Christliche Führungskräfte International21 11
Gesamt236100130100
a) Daten dieser und folgender Tabellen:
ZFD-Sekretariat. Abweichungen in 2005 gegenüber den Gesamtzahlen 1999–2005 (auch in folgenden Tabellen) ergeben sich meist aus Schwankungen im mehrjährigen Verlauf der Projekte und können daher nicht als veränderter Trend gedeutet werden. b) Bildungs- und Begegnungsstätte für gewaltfreie Aktion Kurve Wustrow

Eine ähnliche Verteilung zeigt sich bei der Aufteilung der Fördersummen. Insgesamt hat das BMZ von 1999 bis 2005 für das ZFD-Programm knapp 50 Mio. Euro aufgewendet (siehe Tab. 2).

Tab. 2: Fördermittel nach Trägern 1999 – 2005a
TrägerorganisationenBewilligteFördermittel
1999 – 20052005
Euro%Euro%
Deutscher Entwicklungsdienst18.195.298385.597.34041
Arbeitsgemeinschaft für Entwicklungshilfe11.588.220242.383.27417
Forum Ziviler Friedensdienst5.522.435121.213.8489
Weltfriedensdienst4.797.888101.628.91312
Evangelischer Entwicklungsdienst2.150.3285788.4066
Eirene1.783.3574631.2305
Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden
Kurve Wustrow
Peace Brigades International Germany

2.864.388
676.599

6
1

916.351
382.060

7
3
ZFD-Sekretariatb 126.273< 1126.2731
Gesamt47.712.60010013.675.539100
a Zahlen ohne CFI und Friedenskreis Halle (zusammen ca. 1 %).
b Das ZFD-Sekretariat als Clearing-Stelle zwischen BMZ und Konsortium ist erst seit 2005 operativ.

So positiv die rasche Umsetzung war, so unvermeidlich brachte sie auch Probleme mit sich. Anfangs diktierten bisweilen zufällige Kenntnisse und Kontakte die Auswahl der Projektplätze, auf Kosten des sich herausbildenden Profils des ZFD. Manche Entwicklungsdienste hatten anfangs Mühe, das konzeptionell Neue am ZFD zu erkennen, waren doch »Frieden« und »Konflikt« schon immer zentrale Themen in ihrer Projektarbeit gewesen. Indem die FFK nach den erprobten Regeln des Entwicklungshelfergesetzes (EhfG) entsandt wurden, standen einerseits erprobte Regelungen in rechtlicher, administrativer und finanzieller Hinsicht bereit - die andererseits so nicht nahtlos auf alle Organisationen, alle FFK und alle Konfliktländer passten.

Die Unterschiede wurden auch deutlich bei der Frage, wie die künftigen FFK für ihre schwierige und verantwortungsvolle Aufgabe qualifiziert werden sollen. Bis heute stehen sich in diesem Feld zwei »Philosophien« gegenüber: Ein normativ-prozessorientierter Ansatz der Friedensbewegungen und eine mehr pragmatisch-ergebnisorientierte Sicht der großen Entwicklungsdienste. Für die im forumZFD zusammenwirkenden Friedensgruppen beruhen die Erfolgsaussichten einer Friedensarbeit neben sachbezogenen Kompetenzen vor allem auch auf persönlichen Qualitäten wie Selbstreflexion, Flexibilität, Belastbarkeit, Empathie, Erfahrung im Umgang mit Angst und Bedrohung. Diese persönlichkeitsbildenden Anteile werden am ehesten in einem längeren Gruppenprozess erfahren und verinnerlicht. Deshalb bildet das forumZFD seine FFK in geschlossenen Kompaktkursen über vier Monate aus.3 Auch die großen Entwicklungsdienste bejahen die Wichtigkeit dieser persönlichen Qualitäten. Sie müssten aber von den Bewerbern bereits mitgebracht werden. Entsprechend gilt die diesbezügliche Vorbereitung als je individuelle Zusatz-Qualifizierung zu den bislang fehlenden Kenntnissen und Fertigkeiten.

Ein entscheidender Schritt der Verständigung zwischen den Trägern war die Verabschiedung von »Standards für den Zivilen Friedensdienst« im März 2005 als gemeinsame, auch mit dem BMZ abgesprochene Grundlage bei der Entwicklung von Projekten (Konsortium ZFD, 2005).4 Darin wird der ZFD so definiert: „Ziel des ZFD ist, Form und Dynamik einer Konfliktaustragung mit gewaltfreien Mitteln dahin zu beeinflussen, dass Gewalt vermieden oder beendet oder zumindest gemindert wird (»working on conflict«). Dies gilt für alle drei Phasen eines Konfliktes: vor Ausbruch von Gewalt, während Gewalthandlungen als auch nach deren Beendigung für die Konfliktnachsorge. Der ZFD unterscheidet sich dadurch von der allgemeinen konfliktsensiblen Entwicklungszusammenarbeit, die einen wichtigen Beitrag zur Überwindung von strukturellen Ursachen der Gewaltkonflikte leistet (»working in conflict«). Der ZFD arbeitet grundsätzlich mit lokalen Partnerorganisationen in Projekten zusammen, um zivilgesellschaftliche Friedenspotentiale zu identifizieren und die lokalen Kräfte für eine gewaltfreie Regelung von Konflikten zu stärken. Dabei wird auch eine Einflussnahme auf Gewaltakteure angestrebt.“ (a.a.O., S. 2)

Im Weiteren benennen die Standards die angestrebten Wirkungen des ZFD, seine typischen Handlungsfelder, die nötigen Kompetenzen der FFK, Kriterien der Vernetzung sowie zur Auswahl von Partnerorganisationen. Dabei wird anerkannt, dass die Art der Beziehung zu diesen Partnerorganisationen unterschiedlich sein kann. So achtet das forumZFD darauf, dass seine FFK nicht mit einer einzelnen Partnerorganisation identifiziert werden, um so im Sinne der Allparteilichkeit die Glaubwürdigkeit und Handlungsfreiheit des Konflikt-Externen zu wahren. Die konfessionellen Entwicklungsdienste AGEH und EED sowie der WFD mit seinem Herkommen aus der Dritte-Welt-Solidarität gehen den umgekehrten Weg: Im Sinne des »empowerment« werden ihre FFK oftmals bei einem örtlichen Partner angestellt und dessen politischer Leitung unterstellt. Das starke Argument dafür ist das der »ownership« und damit der Nachhaltigkeit. Allerdings zeigt das forumZFD mit der schrittweisen Übergabe seiner Projekte im ehemaligen Jugoslawien an lokale Kräfte, dass Strukturen der Nachhaltigkeit auch aus anfangs externer »ownership« aufgebaut werden können. Mit längerer Erfahrung wird sich zeigen, dass die Vorteile der einen oder anderen Option sich nicht abstrakt entscheiden lassen, sondern wie so vieles von der konkreten Konfliktlage und -phase »vor Ort« abhängen.

Geflecht der Institutionen

Seit Beginn der Umsetzung hat sich der ZFD so weit ausdifferenziert, dass er nur noch als Sammelbegriff zu verstehen ist. Im Grunde war er das von Anfang an, stand »Ziviler Friedensdienst« doch sowohl für

  • eine friedenspolitische Vision,
  • ein neues Instrument der Gewaltprävention mitsamt seinen grundsätzlichen Aktionsformen und -ebenen,
  • die dafür verfügbaren konkreten Kenntnisse, Ressourcen und Methoden,
  • die Summe der Träger und Akteure und ihrer Organisationsformen,
  • die Summe ihrer Projekte in den Einsatzregionen und
  • das Programm des BMZ »Ziviler Friedensdienst in der Entwicklungszusammenarbeit« mitsamt den entsprechenden Fördermitteln.

Das BMZ und seine größeren Durchführungsorganisationen tendieren dazu, diesem letztgenannten institutionellen Verständnis alle inhaltlichen Bedeutungen unter- und einzuordnen. Das Konzept ist jedoch älter als seine Umsetzung und es wäre im Sinne der politischen Unabhängigkeit, der Innovationskraft und der Nachhaltigkeit wünschenswert, wenn weitaus mehr Projekte des Zivilen Friedensdienstes aus Eigenmitteln finanzierbar wären. Für das forumZFD steht jedenfalls das Instrument (zweiter Spiegelstrich) an der Spitze der Bedeutungen. Auch wer den ZFD nicht mehr mit dem »Zivildienst« von Wehrpflichtigen verwechselt, muss aber mit dieser Bedeutungsvielfalt Schwierigkeiten haben. Dass das Forum Ziviler Friedensdienst den Ausdruck im Namen trägt und auch die Aktionsgemeinschaft Dienst für den Frieden sowie der Weltfriedensdienst ähnlich heißen, macht die Sache nicht einfacher.

Dazu kommt, dass die beiden friedenspolitischen Verbünde unter den Konsorten, forumZFD und AGDF, Zusammenschlüsse sind, deren teilweise sehr aktive Mitgliedsorganisationen einzelne ZFD-Projekte in weitgehend eigener inhaltlicher Regie über ihren jeweiligen Zusammenschluss abwickeln, so z.B. die Kurve Wustrow und Peace Brigades International über die AGDF oder Ohne Rüstung Leben, Pax Christi und der Förderverein des Willy-Brandt-Zentrums in Jerusalem über das forumZFD.

Sehr bewährt haben sich die regelmäßigen Treffen des Konsortiums als tragende Plattform für den Austausch von Erfahrungen, die Abstimmung von professionellen Standards und Verwaltungsroutinen sowie die Aushandlung von Finanzfragen. Vertreten durch zwei rotierende Sprecher, fungiert das Konsortium damit auch als Dialog- und Kooperations-Partner des BMZ. Ihm zugeordnet ist ein kleines, ebenfalls aus BMZ-Mitteln finanziertes (und in den DED ausgelagertes) Sekretariat, das die administrative Vorklärung aller Projektanträge und Mittelflüsse regelt. Im BMZ verbleibt dadurch nur ein relativ kleines Referat mit im Wesentlichen politischen Funktionen. Zur Sensibilisierung der EZ für mögliche konfliktive Faktoren ihrer Projektarbeit wurde eine Arbeitsgemeinschaft Friedensentwicklung in der Entwicklungszusammenarbeit gegründet, an der das Konsortium mit einem Vertreter beteiligt ist (s. http://www.FriEnt.de).

Über seine Bewilligungen könnte das BMZ durchaus einen politischen Einfluss auf Inhalt und Ausgestaltung der ZFD-Projekte nehmen. Der guten Praxis in der jahrzehntelangen Zusammenarbeit mit entwicklungspolitischen Gruppen unterschiedlichster Couleur folgend, nimmt es diesen Einfluss jedoch zurückhaltend wahr. Gelegentliche Differenzen konnten im Dialog mit dem Konsortium bereinigt werden. Sensibler ist die politische Mitsprache des Auswärtigen Amts (AA): Jeder Projektantrag wird vom BMZ dem AA vorgelegt und von der jeweiligen Botschaft sowie dem zuständigen Länderreferat geprüft. Hier hat es vereinzelt Widerstände gegen beantragte Projekte gegeben. Von einer Einflussnahme in laufende Projekte durch eines der beiden Ministerien wurde bislang nicht berichtet.

Neben dieser Genehmigungs-Routine entspinnt sich mit dem AA zunehmend auch ein Geflecht direkter praktischer Zusammenarbeit. Wie das BMZ hat auch das AA sich seit dem Regierungsantritt von Rot-Grün im Jahr 1998 aktiv dem Themenfeld der zivilen Krisenprävention zugewandt. Wichtigste Neuerung ist die Gründung eines Zentrum für Internationale Friedenseinsätze (ZIF) zur Ausbildung und Entsendung von Personal für zwischenstaatliche Missionen. Für die Zusammenarbeit mit zivilgesellschaftlichen Gruppen wurde im Referat Globale Fragen 02 ein neuer Finanztitel »Friedenserhaltende Maßnahmen« (FEM) geschaffen, über den von 2000 bis 2005 Vorhaben der Erkundung, Vernetzung und Öffentlichkeitsarbeit im Bereich der internationalen Krisenprävention und Konfliktbewältigung im Umfang von knapp 30 Mio. Euro gefördert wurden. Zur Abwicklung hat das weitgehend im Auftrag des AA tätige Institut für Auslandsbeziehungen eine Projektstelle »zivik« mit mehreren MitarbeiterInnen in Berlin eingerichtet, die sich inzwischen zu einer nützlichen Schnittstelle zwischen staatlichen und nichtstaatlichen Akteuren entwickelt hat (s. http://www.ifa.de/zivik).

Mit dem Aktionsplan der Bundesregierung wird der Bereich der Zivilen Konfliktbearbeitung inzwischen auch innerhalb der Ministerien institutionell ausgebaut. Das AA ernannte einen Botschafter zum »Beauftragten für Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung«. Er führt den Vorsitz im neu geschaffenen interministeriellen Ressortkreis unter Beteiligung von AA, BMZ und Verteidigungsministerium. Ihm ist ein Beirat aus zivilgesellschaftlichen Kräften zugeordnet. In diesem Beirat ist allerdings kein Mitglied des Konsortiums ZFD vertreten - ein Widerspruch zur Aussage des Aktionsplans, wonach der ZFD das wichtigste neue Instrument der zivilgesellschaftlichen Konfliktbearbeitung ist. 5

Welche Veränderungen sind mit dem Wechsel zur Großen Koalition seit 2005 zu erwarten? Die Koalitionsvereinbarungen sagen so gut wie nichts zum Bereich der Zivilen Konfliktbearbeitung. Die politischen Präferenzen der Regierungsparteien lassen keine gravierenden Veränderungen erwarten, also auch nicht zum Positiven. Gerade für den ZFD stehen die Zeichen auf Kontinuität, da die Leitung des zuständigen Entwicklungsministeriums nicht gewechselt hat.

Es würde zu weit führen, hier die weitere »Umgebung« von zivilgesellschaftlichen Gruppierungen im Umkreis des ZFD aufzuführen. Viele von ihnen sind zusammengeschlossen in der Plattform Zivile Konfliktbearbeitung, in der auch mehrere Träger des ZFD aktiv mitwirken (s. http://konfliktbearbeitung.de).

Zumindest erwähnt werden muss jedoch die rasante Entwicklung im internationalen Rahmen. Auf Initiative des forumZFD trafen sich seit 1997 mehrfach ähnliche Friedensinitiativen aus anderen europäischen Ländern zum Erfahrungsaustausch und zur gegenseitigen politischen Unterstützung. Daraus ging 1999 das European Network for Civil Peace Services (EN.CPS) hervor, das sich seitdem jährlich trifft und inzwischen über dreißig teilhabende Organisationen von Barcelona bis Moskau, von Oslo bis Rom zählt (s. http://www.en-cps.org). Parallel dazu wurde weltweit die Organisation Nonviolent Peaceforce (NP) gegründet, die sich in globaler Zusammenarbeit größer angelegte Projekte der praktischen Friedensarbeit zum Ziel gesetzt hat und derzeit 28 FFK in Sri Lanka nach einem Konzept im Einsatz hat, in dem mehrere Elemente des ZFD enthalten sind. Zwischen dem europäischen Regionalverbund von NP einerseits und dem EN.CPS andererseits gibt es zahlreiche Doppelmitgliedschaften, so dass beide Organisationen ihre Jahrestreffen nunmehr gemeinsam abhalten.

Beide Organisationen sind außerdem aktiv beteiligt am European Peacebuilding Liaison Office (EPLO) in Brüssel. Das Büro wurde 2001 von mehreren europäischen Organisationen und Institutionen aus dem nicht- und halbstaatlichen Bereich der ZKB gegründet als gemeinsame Plattform für Information und Lobbying gegenüber den Institutionen der EU (s. http://www.eplo.org). Dort findet auf suprastaatlicher Ebene ein rasanter Ausbau von militärischen wie zivilen Fähigkeiten des Krisenmanagements statt, ausgelöst vom Debakel des Kosovo-Kriegs. EPLO informiert seine Mitglieder über diese Entwicklungen (nebenbei auch über Fördermöglichkeiten) und dient seinerseits als friedenspolitischer »watch-dog« und Gesprächspartner gegenüber den EU-Institutionen, u.a. bei einer gemeinsamen Konferenz mit der luxemburgischen Ratspräsidentschaft im März 2005.

Bei alledem ist der ZFD in Deutschland natürlich nur ein Mosaik-Stein. Jedoch: Es gibt weltweit bislang kein größeres Vorhaben zur Ausbildung und Entsendung von Fachleuten für zivilgesellschaftliche Friedensarbeit. Insofern taucht in allen internationalen Diskussionen der ZFD in Deutschland immer wieder als wichtige Anregung und Erfahrung auf.

Handlungsfelder

Wo wird der ZFD tätig? In welchen Regionen, anhand welcher Aufgaben? Jeder Konflikt ist anders, somit auch jedes Projekt - und ebenso verschieden sind die Menschen, die mit ihren Fähigkeiten und Grenzen vor Ort als FFK tätig sind. Eine allgemein gültige, gar vollständige Antwort kann es daher nicht geben, wohl aber einige Erfahrungswerte und illustrierende Beispiele. Einen ersten Überblick bietet die Statistik (siehe Tab. 3).

Tab. 3: ZFD-Fachkräfte nach Weltregionen 1999 – 2005
RegionenFachkräfte
1999 – 2005
Bewilligungen
2005
unter Vertrag
abs.%abs.%
Afrika (südlich der Sahara)99424232
Lateinamerika48203426
Asien41172922
Südosteuropa30131310
Nahost188129
Gesamt236100130100

Dabei haben die Konsorten unterschiedliche regionale Schwerpunkte: EED, WFD und AGEH sind überwiegend in Afrika tätig. Der DED arbeitet in allen drei klassischen EZ-Regionen Afrika, Lateinamerika und Asien; das forumZFD spiegelbildlich dazu nur in Südosteuropa und Israel/Palästina.

Aufschlussreich sind auch die beruflichen Herkünfte der FFK (Mai 2004): Pädagogen 34%, Sozialwissenschaftler 24%, Psychologen 13%, Juristen 6%, Geographen 4% und Sonstige 13%.

Vielleicht hängt es mit dieser beruflichen Herkunft der meisten FFK aus sozialkommunikativen Mittelschicht-Berufen zusammen, dass der ZFD bislang häufig mit ebensolchen Partnern vor Ort arbeitet und mit ihnen Projekte »an der Basis« der Gesellschaften durchführt. Das ist nützlich und entspricht dem »Ort« des ZFD als einem zivilgesellschaftlichen Instrument im Mehrebenensystem - wenn dabei grundsätzlich ein benennbarer Bezug zur gesamtgesellschaftlichen Konfliktsituation besteht (dazu unten mehr). Der ZFD kann und will nicht Akteur auf der obersten, staatlichen Ebene sein; die bleibt der Diplomatie zwischen Regierungen, internationalen Organisationen und anderen »global players«vorbehalten. Demgegenüber suchen sich ZFD-Projekte ihre lokalen Partner meist auf der mittleren Ebene und unter regionalen Führungskräften und unterstützen diese bei deren Arbeit mit Zielgruppen auf der sog. Graswurzel-Ebene der Gesellschaften.

Entsprechend sind auch die Themenfelder der ZFD-Projekte stark im sozialkommunikativen Bereich angesiedelt (Mai 2004): Beratung der Partnerorganisationen 24%, Training in Methoden der ZKB 20%, Entwicklung von Curricula/Manuals 15%, Beobachtung/Dokumentation/Analyse 12%, Öffentlichkeitsarbeit/Vernetzung 11%, Trauma-Arbeit 9% und Aufbau von Dialogstrukturen 9%.

Ein wichtiges Arbeitsfeld ist die Vermittlung von Methoden der gewaltfreien Konfliktbearbeitung - oft als »training of trainers« -, bei der die Teilnehmenden das Gelernte dann weiterverbreiten. Zwar gibt es in allen Gesellschaften traditionelle Formen der Streitschlichtung; sie sind aber oftmals überfordert, wenn im Prozess der Globalisierung neue Konfliktlagen auftauchen und die traditionellen Normen insgesamt ihre unbezweifelte Geltung verlieren. Hier kann der Austausch zwischen FFK und Partnern zu einem gegenseitigen Lernen führen, in dem moderne Methoden der Konfliktbearbeitung sich fruchtbar mit alten Formen der Streitschlichtung verbinden (s. auch Borries, 2005, S. 6 f.).

Ein besonderer Bereich ist die Arbeit mit Traumatisierten - zu denen oftmals auch Täter gehören, die z.T. schon als Kinder zum Töten gezwungen wurden. Die therapeutischen Ansätze und Erfahrungen sind vorhanden; die besondere Aufgabe einer FFK kann darin bestehen, das Thema inmitten einer männerdominierten, in Begriffen von Kampf und Ehre denkenden Gesellschaft aus seinem Tabu zu lösen. Ein Projekt des forumZFD bestand darin, Beratungszentren für kriegstraumatisierte Ex-Soldaten in Serbien zu unterstützen. Die praktische Beratungsarbeit leisteten lokale ÄrztInnen, TherapeutInnen und SozialarbeiterInnen. Aber ohne die Anwesenheit der einen Fachkraft hätten sie, wie sie selber rückblickend bei der Übergabe des Projekts sagten, nicht die Kraft gehabt, über das anfängliche Misstrauen im nationalistisch geprägten Umfeld hinweg zugehen.

Bisweilen wird die Arbeit des ZFD in der deutschen Öffentlichkeit so verstanden, als handele es sich gewissermaßen um einen Mediator, der zwischen gewaltbereite Gruppen tritt, deren Streit schlichtet und so den Ausbruch von Gewalt verhindert. Der Arbeitsalltag einer FFK sieht meist anders aus. Aber tatsächlich kommt auch diese Situation des Mediators manchmal vor, wie mit Beispielen aus verschiedenen Konfliktregionen eindrucksvoll zu belegen wäre.

Wirkungsmöglichkeiten und Nachhaltigkeit

Eine im Kern sozialpädagogische Arbeit wie die des ZFD setzt auf einen Wandel der Mentalitäten. Außerdem setzt sie auf den Schneeball-Effekt, dass über relativ kleine »peace constituencies« schrittweise eine kritische Masse der Gesamtbevölkerung erreicht wird. Beides benötigt Zeit - viel Zeit.

Wie können derart langfristige und vermittelte Effekte geplant, gemessen und beurteilt werden? Erst jetzt, nach der stürmischen Aufbauphase, finden die Träger Zeit und Kraft, sich Fragen der Wirkungserhebung gründlicher zuzuwenden. Dabei zeigt sich: Relativ belastbar ist bislang nur der Katalog der Negativ-Kriterien nach dem »do-no-harm«-Ansatz; der positiven Wirkungserhebung nach dem Peace and Conflict Assessment fehlt es bislang noch an trennscharfen Indikatoren. 6

Noch leben Aussagen über die Wirkung des ZFD weitgehend von subjektiven Einschätzungen der Projektverantwortlichen und ihrer Partner sowie von illustrierenden Beispielen. Als wichtige Wirkkraft wird dabei in den Berichten oft die relative Handlungsoffenheit genannt, die konfliktexterne Dritte in einem ansonsten von starren Zuschreibungen gelähmten Umfeld genießen: Die FFK besitzen Handlungsmöglichkeiten, die kein Einheimischer hätte - an die sich viele aber bereitwillig anschließen. Auf diese Weise kann die Arbeit weniger FFK direkt und indirekt auf Hunderte, ja Tausende von Menschen ausstrahlen. In Makedonien beispielsweise regte ein deutsches Lehrerehepaar einen Malwettbewerb an. In der großen Schule in Skopje wurde dasselbe Schulgebäude vormittags von den slawisch-makedonischen und nachmittags von den albanischen Kindern benutzt; jede Begegnung zwischen Lehren, Schülern und Eltern wurde vermieden. Der Malwettbewerb »Mal dir ein Bild vom Frieden« überwand diese unsichtbare Mauer: Am Ende beteiligten sich über tausend Schulkinder beider Ethnien, Hunderte Elternpaare, Dutzende Lehrer. Viele von ihnen haben sich eine solche Gemeinaktion gewünscht und sie begeistert aufgegriffen. Aber selber initiativ werden ohne externen Mittler konnten sie aus ihrer ethnischen Zuschreibung heraus nicht.

Zu dieser Rollenfreiheit von Externen gehört auch, sich zwischen den gesellschaftlichen Ebenen hin und her bewegen und mit dem Nimbus des Internationalen gelegentlich auch politisch brisante Themen anpacken zu können. So ist z.B. eines der Projekte des DED in Kambodscha dem Problem der zahllosen Kleinwaffen gewidmet. Sie rangieren als viertgrößte Ursache von Verletzungen und Todesfällen, noch vor Landminen. Eine zivilgesellschaftliche Initiative Working Group on Weapons Reduction (WGWR) bemüht sich um Reduzierung und Kontrolle. Die beiden FFK organisierten mit WGWR eine Medienkampagne, die erstmals das Problem zu einem öffentlichen Thema machte. Aufgrund dieses Drucks haben inzwischen Kommissionen auf Landes- und Provinzebene über 100.000 Kleinwaffen einsammeln und vernichten können - ein guter Anfang (nach Konsortium ZFD, i.E.).

Zieht man die Vielfalt der Erfahrungen zusammen, so werden wiederkehrende Muster sichtbar. Die Wirkmöglichkeiten von FFK gründen demnach auf einer Kombination folgender Vorteile.7

Sie können Ressourcen einbringen, die vor Ort nicht oder nicht in gleichem Maße vorhanden sind:

  • Sie besitzen spezifische Qualifikationen (z.B. in Methoden der Zivilen Konfliktbearbeitung, der Traumabehandlung), besondere Kenntnisse (z.B. partizipative Verfahren, Moderation) und bestimmte Erfahrungen (z.B. konfliktsensible Planung, Organisationsentwicklung, Team-Arbeit).
  • Sie können finanzielle Ressourcen mobilisieren für die Ausbildung und Beschäftigung lokaler Fachkräfte sowie für die Ausstattung und Arbeit der Partnerorganisationen.
  • Sie können für die Partner Kontakte zu internationalen Fachorganisationen sowie zu ähnlich arbeitenden Initiativen in anderen Weltteilen erschließen.
  • Sie haben Kenntnisse über die Logik und das Vorgehen internationaler Hilfs- und Geberorganisationen.
  • Gegenüber manchem anderem internationalen Personal haben sie den Vorteil der langfristigen Anwesenheit, damit der Prozessbegleitung und (in Grenzen) der Sprach-, Landes- und Kulturkenntnis.

Sie können den Status als Externe nutzen:

  • Als Externe werden sie von den Konfliktparteien als unparteiisch und unbelastet gesehen; sie können daher Kristallisationspunkt für Kontakte zwischen den Konfliktparteien sein.
  • Sie können den Parteien neue Perspektiven und Lösungsansätze vermitteln.
  • Sie erscheinen als Repräsentanten der Weltöffentlichkeit mit symbolisch-moralischer Macht. Damit einher gehen Zuschreibungen von politischer und wirtschaftlicher Macht (die trotz minimaler Ressourcen real sein kann, im Verhältnis zu einem danieder liegenden Umfeld).
  • Sie können aufgrund dieser symbolischen und realen Machtmittel den politischen Anliegen benachteiligter Gruppen ein höheres politisches Gewicht verleihen.
  • Sie können Personen und Gruppen einen gewissen Schutz bieten.
  • Sie haben den Status von Mittlern, die Kontakte knüpfen, Verhandlungen befördern, die lokale (gelegentlich sogar die nationale) Öffentlichkeit ansprechen und Anliegen von unteren in höhere Gesellschaftsschichten sowie in die internationale Gemeinschaft transportieren können.
  • Sie genießen Achtung und Wirksamkeit aufgrund ihrer extern erworbenen Fachkenntnisse.

Sie können ihre Persönlichkeit einbringen:

  • Sie bringen ihre je persönlichen Eigenschaften als Werte ein (Ausgeglichenheit, Einfühlungsvermögen, Gesprächsoffenheit, Zuhören können, ... ).
  • Sie repräsentieren einen kulturell anders geprägten Arbeitsstil (Arbeitsorganisation, Planung, Team-Orientierung, ... ).
  • Sie bieten Vorbilder anderer Denkweisen, Lebensstile und Gender-Rollen. Zugleich bringen sie aus ihrer Ausbildung auch ein Bewusstsein für die Ambivalenzen solcher importierten Modelle mit (oder sollten es tun) - und evozieren so im interkulturellen Austausch einen wechselseitigen Lernprozess der Selbstreflexion.
  • Ihre Unterstützung für Partnerorganisationen wird über die objektive Hilfestellung hinaus als solidarisch empfunden und wirkt emotional motivierend und stärkend.
  • Sie bieten das Bild einer nicht traumatisierten, lebenstüchtigen und zukunftsoffenen Persönlichkeit - und wirken damit in Situationen extremer Zerstörung als projektive Hoffnungsboten.

Mit diesen großen Wirkmöglichkeiten von externen FFK gehen allerdings auch Probleme einher: Wie können dann ZFD-Projekte jemals in lokale Hände übergehen, ohne dieses Potenzial zu verlieren? Natürlich haben lokale Fachkräfte andere Vorteile, aber haben sie z.B. auch dasselbe Standing? Dieselbe Allparteilichkeit? Steht die Wirksamkeit des ZFD also in einem Spannungsverhältnis zu seiner Nachhaltigkeit?

Auch hier gibt es keine allgemeinen, geschweige denn fertigen Antworten: Bislang wurden nur wenige Dutzend ZFD-Projekte beendet, und jeder Fall lag anders. Ein Erprobungsfeld sind die Projekte des forumZFD im ehemaligen Jugoslawien: Dort sind nur noch zwei von sieben Fachkräften Deutsche, die fünf anderen stammen aus der jeweiligen Region. Dieser Übergang wurde vorbereitet: Viele der jetzigen Verantwortlichen waren zuvor als Ortskräfte angestellt und haben so die Arbeit bereits über Jahre mit getragen. Einige haben die Vier-Monats-Ausbildung des forumZFD in Deutschland durchlaufen. Die Zielgruppen aus anderen Ethnien kennen und respektieren sie inzwischen als Menschen, die sich um Allparteilichkeit bemühen. Die freigewordenen Stellen im lokalen Team wurden erneut interethnisch besetzt. Inzwischen entwickeln sie auch weiterführende Handlungsmöglichkeiten, die nur sie als Einheimische haben.

Eine Variante zu all diesen Arbeitsformen zeichnet sich in den größeren Durchführungsorganisation der EZ, beispielsweise im DED ab: Dort sollen einzelne FFK nicht selber Projekte durchführen, sondern sie werden einer Mehrzahl von laufenden Entwicklungsprojekten als Konfliktberater zugeordnet, die je nach Bedarf zur konfliktsensiblen Projektgestaltung beitragen. Diese Beiordnung eines »K-Faktors« mag zur Konflikt-Sensibilisierung der Entwicklungsarbeit durchaus sinnvoll sein; sie hebt aber die konzeptionelle Gleichrangigkeit der Themen »Entwicklung« und »Frieden« wieder auf.

Erfolge und Grenzen

Insgesamt kann gut 10 Jahre nach Gründung des forumZFD und nach sechs Jahren der Projektpraxis eine positive Bilanz gezogen werden. In erstaunlich kurzer Zeit ist ein neues Instrument der Friedenspolitik konzipiert, politisch kommuniziert und praktisch umgesetzt worden. Nicht alle institutionellen Lösungen erscheinen schon »fertig«, aber keine ist manifest misslungen. Die Kooperation der staatlichen und nichtstaatlichen »stake holders«in dem Gemeinschaftsunternehmen klappt ohne größere Reibungen. Und vor allem: Die Projekte des ZFD laufen in der Summe erstaunlich professionell und erfolgreich. Natürlich konnte nicht alles und besonders nicht sofort gelingen. Dafür haben sich die FFK sowie die Projektverantwortlichen in den jeweiligen Geschäftsstellen als unaufhörlich Lernende erwiesen. Die meisten Berichte zeugen von illusionsloser und dennoch engagierter Arbeit, gutem Einvernehmen mit lokalen Partnern, bereitwilliger Aufnahme in der Bevölkerung und respektablen Zwischenergebnissen. Nicht wenige Projekte haben weit mehr an Wirkung und Ausstrahlung erreicht als zu hoffen war.

In der deutschen Öffentlichkeit trifft »Ziviler Friedensdienst« überall auf positive Reaktionen. Aber - und damit fangen die Fragen an - es bleibt meist bei freundlicher Zustimmung. Viel zu wenige Menschen unterstützen den ZFD konkret durch Mitarbeit und Spenden. Ist das Thema »Frieden« zu allgemein, so dass sich niemand speziell angesprochen fühlt? Oder ist es zupositiv, so dass ihm die Betroffenheitswirkung von Gewalt und Elend fehlt?

Die Fragen gehen weiter: Wie steht das Erreichte zu dem ursprünglichen Anspruch, ein wirkungsvolles Instrument der Gewaltprävention zu sein? Im nahen Umfeld der Projekte lässt sich diese Wirkung anhand von Beobachtungen vermuten - kaum aber im weiteren gesellschaftlichen Konfliktgeschehen messen. Wie auch, wenn bisher in manche Konfliktregionen nur eine einzige FFK entsandt werden konnte, die notwendige Team-Entsendung also an den Mitteln scheitert? Abgesehen von dem Sonderfall Israel/Palästina mit insgesamt 11 FFK, waren im Jahr 2005 in keinem Land mehr als vier FFK tätig. Wenn Skeptiker daher fordern, der ZFD müsse erst seine Wirksamkeit nachweisen, bevor er weiter ausgebaut werden könne, dann muss dem entgegen gehalten werden: Nur der Ausbau kann seine Wirksamkeit erweisen. Das Pilotprojekt der Nonviolent Peaceforce in Sri Lanka hat derzeit 28 Kräfte im Einsatz und will sie schrittweise auf bis zu 50 steigern.

Das Problem ist eher, dass manche Akteure des ZFD selber sich damit einzurichten scheinen, die jetzige Pilotphase schon bald als den Endausbau zu nehmen und ihre Ambition entsprechend zu drosseln, vor allem wirkliche Konfliktparteien außen vor zu lassen. Die enge Verzahnung mit der Entwicklungszusammenarbeit hat hier möglicherweise ihre Kehrseiten: Könnte es sein, dass ZFD-Projekte unwillkürlich mit ähnlichen Vorstellungen von Größe, Zielgruppe und Wirkweise konzipiert werden wie Projekte der EZ? Das mögen oft, aber eben nicht immer die richtigen Kriterien sein. So kann es bei »working on conflict« entscheidend darauf ankommen, rasch mit einer kritischen Masse an Akteuren in allen Teilen der Konfliktregion gleichzeitig präsent zu sein. Man denke an die OSZE-Beobachter im Kosovo 1998/99, deren Einsatz u.a. daran scheiterte, dass die benötigte Zahl von 2.000 Beobachtern nie erreicht wurde. Eine Friedensarbeit, die allzu klein und allzu bedächtig beginnt, kann von einer gegenläufigen Gewaltdynamik bald wieder überrollt werden. Als zivilgesellschaftliches Instrument kann der ZFD für sich genommen nie »Frieden machen«; aber er könnte erheblich mehr dazu beitragen, wenn er breitere Einsätze durchführen könnte.

Erst dann würde auch für den ZFD relevant, was die sog. Utstein-Studie (zusammenfassende Bewertung: Smith, 2004) an der zivilgesellschaftlichen Konfliktbearbeitung insgesamt bemängelt: Bei aller Unabhängigkeit sollten die nichtstaatlichen Akteure ihre Projekte besser untereinander sowie mit den staatlichen und internationalen Friedensbemühungen abstimmen. Diese Kritik darf sich allerdings nicht nur an die nichtstaatliche Ebene wenden, so als müsse diese sich einseitig an die staatliche anpassen. Auch staatliche Akteure können - wie im Aktionsplan der Bundesregierung angelegt - ihre Arbeit durch bewusste Arbeitsteilung untereinander sowie mit zivilgesellschaftlichen Initiativen verbessern.

Diesen Standards zufolge strebt der ZFD auch eine Einflussnahme auf die Gewaltakteure an. Das bedeutet, dass ZFD-Projekte sich nicht nur an die »Guten« oder die Opfer wenden dürfen. Aus verständlichen Gründen scheuen manche Projektverantwortliche davor zurück, den Dialog auch mit den »Tätern« zu suchen. Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand - sie fangen schon bei den umstrittenen Selbst- und Fremddefinitionen an: Wer ist Aggressor und wer »verteidigt sich bloß«? Wenn Allparteilichkeit nicht heißen soll, auf alle Fragen nach Schuld und Gerechtigkeit zu verzichten und krasse Machtasymmetrien hinzunehmen, dann sind Prinzipien gefordert, nach denen berechtigte von unberechtigten Zielen, förderliche von schädlichen Mitteln unterschieden werden - auch im offenen Gespräch mit den Partnern. Nicht alle FFK verfügen über eine derart hohe Kompetenz an Urteilskraft, an persönlicher und politischer Standfestigkeit, an Angstbewältigung in der Bedrohung. Auch die institutionell und konzeptionell Verantwortlichen sind gefordert: Besitzt der ZFD bereits das dafür nötige Maß an innerer Klarheit und äußerer Festigkeit? Wenn nein, hat er den Willen, sich dorthin zu entwickeln?

Allparteilich gegenüber Gruppen, dabei aber parteilich für Prinzipien - so könnte sich der ZFD auch in asymmetrischen Konflikten und gegenüber »war constituencies« positionieren (und tut dies punktuell bereits mit Erfolg). Was wären das für Prinzipien? Ein Maßstab sind die weltweit anerkannten Menschen- und Sozialrechte. Allein schon danach lässt sich das Mittel der Gewalt in fast allen Fällen als unerlaubte Verletzung von Menschenrechten zurückweisen. Ein anderer Maßstab könnte die Goldene Regel sein: Alle ethno-politischen Gruppen haben das Recht auf kulturelle Identität, auf politische Selbstorganisation und auf wirtschaftliche Entfaltung - aber nicht auf Kosten der gleichen Rechte anderer Gruppen. Faktisch treten die FFK bereits heute im Namen solcher Grundsätze auf - und werden auch von Gewaltakteuren zumindest fallweise darin verstanden!

Solange der ZFD sich die Einwirkung auf die »war constituencies« nicht ebenso zutraut wie auf die »peace constituencies«,muss die Kritik an der Entsendung von Militär zu Friedenseinsätzen leiser ausfallen. Dass Friedens- und Entwicklungsprojekte nicht in Strategien der Zivil-Militärischen Zusammenarbeit »eingebettet« werden dürfen, wenn sie ihre Glaubwürdigkeit bewahren wollen, liegt auf der Hand. Nötig wäre umgekehrt, die militärischen Anteile wären ihrerseits in eine umfassende zivile Friedenskonzeption für die jeweilige Konfliktregion »eingebettet«.

Allerdings: Wie soll das geschehen, solange die Ressourcen so radikal ungleich zwischen militärischer und ziviler Krisenbewältigung verteilt sind?

So muss erneut von Finanzen gesprochen werden, weil sie Ausdruck politischer Prioritäten sind. Prävention mit zivilen Mitteln habe Vorrang, so heißt es im Aktionsplan der Bundesregierung. Die Finanzausstattung spricht noch eine andere Sprache. Zählt man zusammen, was die rot-grüne Bundesregierung in den Jahren 1999 bis 2005 für den ZFD, für die »Friedenserhaltenden Maßnahmen« des AA, für das ZIF sowie an sonstigen Beiträgen für zivile Anteile an internationalen Friedensmissionen aufgewendet hat, dann kommt man auf etwas über 100 Mio. Euro für Zivile Konfliktbearbeitung insgesamt. Die Auslandseinsätze der Bundeswehr in Afghanistan, Bosnien, im Kosovo und am Horn von Afrika kosten 880 Mio. Euro - jährlich! (Süddeutsche Zeitung, 10./11.09.05). Dabei sind die Kosten des deutschen Kampfeinsatzes im Krieg gegen Jugoslawien 1999 nicht gerechnet, von den Grundkosten der Bundeswehr ganz zu schweigen. Wie immer man es wendet: Diese Zahlen belegen, dass nichtmilitärische Konfliktbearbeitung bislang noch Beiwerk, nicht Grundlage der deutschen Friedenspolitik ist.

Sie belegen auch, dass der Ausbau des ZFD ausschließlich eine Frage des politischen Willens, nicht der vorhandenen Mittel ist. Die wichtigen Schritte im Bereich der Zivilen Konfliktbearbeitung während der letzten Jahre sollen durchaus gewürdigt, vor allem aber fortgesetzt werden. Auf die bisherige Pilotphase muss eine Phase des Ausbaus zunächst um das Fünffache folgen, wie ihn alle Träger im Konsortium gemeinsam fordern. Das böte den Einstieg in eine Größenordnung, in der eine aussagekräftige Wirkungskontrolle überhaupt erst möglich wird.

An dieser Stelle muss auch über das Verhältnis des ZFD zur EZ grundsätzlicher nachgedacht werden. Der Völkermord in Ruanda brachte es schmerzlich in Erinnerung: Entwicklung braucht Frieden - Frieden braucht Entwicklung. Beide Aufgaben sind gleichrangig, und sie beziehen sich auch nicht nur auf Entwicklungsländer. Diese Einsicht stand schon bei der Gründung der deutschen EZ-Organisationen in den 50er und 60er Jahren Pate. Einige von ihnen tragen den ursprünglichen Friedensimpuls noch im Namen (Weltfriedensdienst, Eirene). Entsprechend offen wurde die Rückbesinnung auf Friedensthemen angesichts der Globalisierungskriege in den 90er Jahren von ihnen aufgegriffen und mitgetragen. Nun aber scheint das Thema »Frieden« in manchen Köpfen bereits wieder erledigt zu sein: Die entsprechenden Leitfäden sind geschrieben, die Konfliktberater angestellt, das »mainstreaming« der Konfliktsensibilität damit erfolgreich abgeschlossen. All diese Maßnahmen sind zweifellos sinnvoll, nur dürfen sie nicht dazu führen, dass das Globalziel des Friedens damit als K-Faktor zum bloßen Additiv der altvertrauten Entwicklungszusammenarbeit wird. Es stimmt, dass die Konflikte der Globalisierung in den nicht-westlichen, den weniger auf Wirtschaftswachstum getrimmten Gesellschaften des Südens schärfer zutage treten - nicht zuletzt, weil sie von den Zentren dorthin exportiert und abgewälzt werden. Falsch war nicht, mit dem ZFD dort zu beginnen - falsch wäre, dort auch schon wieder aufzuhören. Es gibt diese Konflikte durchaus auch »bei uns« in den Zentren, und sie werden zunehmen. Warum sollten ZFD-Projekte mit indigenen Völkern in Guatemala sinnvoll sein, aber nicht in Kanada und Australien? Was ist mit den alten innereuropäischen Konflikten in Nordirland, im Baskenland, in Zypern? Und gibt es gewaltträchtige Globalisierungskonflikte z.B. im Umkreis von Immigranten-Ghettos nicht auch in Frankreich, in England, in Deutschland?

„Die Stärkung von Sicherheit und Frieden kann ... nur als ressortübergreifende und international koordinierte Aufgabe geschultert werden.“ Das schreibt das BMZ in seinem »Konzept zur Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und Friedensförderung« vom Juni 2005 (S. 5). Vielleicht bietet die Schaffung des interministeriellen Ressortkreises sowie künftig eines ressortübergreifenden Budget-Pools nach britischem Vorbild die Chance, das Potenzial des ZFD als Element der deutschen Friedenspolitik in Zukunft umfassender zu nutzen.

Dazu wird die Zivilgesellschaft erneut wesentliche Teile der konzeptionellen Vorarbeit und der politischen Werbung leisten müssen. Und: Sie kann die Politik nur beeinflussen, wenn sie zuvor die Öffentlichkeit erreicht. Das Gemeinschaftswerk »Ziviler Friedensdienst« wird über seine guten Anfänge nur dann hinaus gelangen, wenn es gelingt, noch größere Teile der deutschen Öffentlichkeit noch klarer von der Notwendigkeit und dem Nutzen weltweiter zivilgesellschaftlicher Friedensarbeit zu überzeugen.

Literatur

Bongard, Christoph (2004): Ich habe die Kraft etwas zu verändern. Peacebuilding in Nachkriegsgesellschaften. Evaluation eines Friedensprojekts in Kroatien. Diplomarbeit im Studiengang Kulturwissenschaften der Europa Universität Viadrina, Frankfurt (Oder).

Borries, Bodo von (2005): Vielfalt oder Profilierung? Schlaglichter aus fünf Jahren Ziviler Friedensdienst. Eirene Rundbrief, Nr. 3, S. 6 f.

Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (2000): Ziviler Friedensdienst - ein neues Element der Entwicklungszusammenarbeit (Rahmenkonzept), 9.6.1999. In Tilman Evers (Hrsg.): Ziviler Friedensdienst - Fachleute für den Frieden (S. 358-360). Leske + Budrich, Opladen.

Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (2002): Evaluierung der Aufbauphase des Zivilen Friedensdienstes (ZFD). Abschluss und Synthesebericht. Verfügbar unter: http://www.ziviler-friedensdienst.org [15.02.06].

Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (2005): Übersektorales Konzept für Krisenprävention, Konfliktbearbeitung und Friedensförderung in der deutschen Entwicklungszusammenarbeit. Verfügbar unter: http://www.bmz.de/de/themen/dokumente/krisenpraevention.pdf [15.02.06]

Die Bundesregierung (2004): Aktionsplan »Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung«. Verfügbar unter: http://www.auswaertigesamt.de/www/de/aussenpolitik/friedenspolitik/ziv_km/aktionsplan_html [15.02.06].

Evers, Tilman (Hrsg.) (2000a): Ziviler Friedensdienst - Fachleute für den Frieden. Leske + Budrich, Opladen.

Evers, Tilman (2000b): Friedenshandeln in der Weltgesellschaft. Der geschichtliche Kontext des Zivilen Friedensdienstes. In Tilman Evers (Hrsg.): Ziviler Friedensdienst - Fachleute für den Frieden (S. 97-115). Leske + Budrich, Opladen

Evers, Tilman (2001): Wenn ihr aufhören könnt zu siegen... - Kulturen des Friedens in der Einen Welt. In Helga Egner (Hrsg.): Neue Lust auf Werte - Herausforderung durch Globalisierung. Dokumentation der Jahrestagung 2000 der Internationalen Gesellschaft für Tiefenpsychologie e.V. (S 81-106). Walter, Düsseldorf.

Konsortium Ziviler Friedensdienst (2000): Gemeinsames Konzept für einen »Friedensfachdienst in der Entwicklungszusammenarbeit«, 7.4.1999. In Tilman Evers (Hrsg.): Ziviler Friedensdienst - Fachleute für den Frieden (S. 353-357). Leske + Budrich, Opladen.

Konsortium Ziviler Friedensdienst (2005): Standards für den Zivilen Friedensdienst. Gemeinsame Grundlage des Konsortiums Ziviler Friedensdienst bei der Entwicklung von Projekten. Verfügbar unter: http://ww.ziviler-friedensdienst.org/docs/ZFD-Standards_Endversion.pdf [15.02.06]

Konsortium Ziviler Friedensdienst (Hrsg.) (i.E.): Ziviler Friedensdienst wirkt. Bonn.

Reimann, Cordula und Ropers, Norbert (2005): Discourses on Peace Practices: Learning to Change by Learning from Change? In Paul van Tongeren et al. (Eds.): People Building Peace II: Successful Stories of Civil Society (pp. 29-44). Lynne Rienner, Boulder.

Smith, Dan (2004): Towards a Strategic Framework for Peacebuilding: Getting Their Act Together. Overview Report of the Joint Utstein Study of Peacebuilding, Evaluation Report 1. Verfügbar unter: http://ww.prio.no/files/file44563_rapport_1.04_webutgave.pdf [15.02.06]

van Tongeren, Paul, et al. (Eds.) (2005): People Building Peace II: Successful Stories of Civil Society. Lynne Rienner, Boulder.

Anmerkungen

1) Zur Deutung der ethno-politischen Konflikte als typische Konfliktform einer westlich-ökonomistisch geprägten Globalisierung siehe Evers (2000b, 2001).

2) Zu den geschichtlichen Hintergründen und geistigen Traditionen siehe die entsprechenden Beiträge in Evers (2000a).

3) Aus ähnlichen Überlegungen führt auch der Ökumenische Dienst seine Kurse im Rahmen des Schalom-Diakonats in Form konstanter Gruppen über längere Zeit durch. Sie sind christlich-ökumenisch inspiriert und nicht primär auf Auslandseinsätze gerichtet (s. http://www.schalomdiakonat.de).

4) Diese »Standards« sind nicht zu verwechseln mit einem gemeinsamen Ethik-Code, der bislang im Konsortium nicht erarbeitet wurde. Das forumZFD orientierte sich früh am entsprechenden Code der englischen Organisation International Alert (s. http://www.international-alert.org/about_alert/code_of_conduct.php?page=about) und legte dazu gemeinsam mit dem BSV eine deutsche Übersetzung vor. Die Teilhabenden des European Network for Civil Peace Services haben sich bei ihrem Jahrestreffen 2005 auf gemeinsame Guiding Principles verständigt (s. http://www.en-cps.org). Nonviolent Peaceforce hat für sein Pilotprojekt einen vorläufigen Code vorgelegt (s. http://nvpf.org/np/research/code.pdf).

5) Zu Zusammensetzung und Aufgabe s. http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/aussenpolitik/friedenspolitik/ziv_km/beirat_html.

6) Früher auch Peace and Conflict Impact Assessment. Die Plattform Zivile Konfliktbearbeitung widmete ihr Jahrestreffen 2005 der Sichtung vorhandener Instrumente der Evaluierung - mit ernüchterndem Ergebnis. Die frühe Aufbau-Evaluierung des BMZ (2002) prüfte lediglich die organisatorischen Maßnahmen, ausdrücklich nicht die friedensfördernden Wirkungen. Auch die Evaluierung eines ZFD-Projekts in Kroatien von Bongard (2004) ist im Wesen eine beschreibende Einschätzung anhand politischer Kriterien.

7) Für die nachfolgende Liste gebührt Bodo von Borries die Mit-Autorschaft - und zugleich Dank für den fruchtbaren Austausch.

Dr. jur. Tilman Evers, Privatdozent für Politikwissenschaft, war 1973 bis 1981 Assistenzprofessor am Lateinamerika-Institut der FU Berlin, 1985 bis 1992 Studienleiter für Recht und Politik an der Evangelischen Akademie Hofgeismar, danach bis 2002 Referent für Politische Bildung beim Dachverband DEAE der Evangelischen Erwachsenenbildung.
Er ist Mitbegründer und seit 2004 Vorsitzender des Forum Ziviler Friedensdienst.
Der vorliegende Artikel ist die gekürzte und redaktionell bearbeitete Fassung des Beitrags »Working on Conflict« in Ansgar Klein und Silke Roth (Hrsg.): NGOs im Spannungsfeld von Krisenprävention und Sicherheitspolitik. Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden (i. E.). Für Materialien, nützliche Hinweise und Korrekturen zum Entwurf dieses Aufsatzes dankt der Autor Bodo von Borries, Carsten Montag, Jan Nicolai, Jochen Petzschmann, Katharina Reifenrath, Matthias Riess, Reiner Steinweg, Helga Tempel, Konrad Tempel, Heinz Wagner sowie mehreren Friedensfachkräften des forumZFD. Die Redaktion dankt Autor, HerausgeberInnen und Verlag für die Abdruckgenehmigung.

zum Anfang | Menschlich bleiben - und ein bisschen unversöhnt!

Erfahrungen aus der Friedens- und Versöhnungsarbeit in Südafrika

von Andreas Rosen

Kontexte von Friedensarbeit sind wohl sehr verschieden - nicht nur in Hinblick auf Konfliktgenese, Qualität und Quantität von Gewalt sowie Nachkonfliktssituation. Auch prägen und emotionalisieren geschichtliche oder gegenwärtige Macht- und Herrschaftsbeziehungen die Begegnung mit den »Zielgruppen«, Partnern, Konfliktparteien. So ist z.B. für mich eine deutsche Friedensfachkraft in Israel immer noch schwer vorstellbar.

In Südafrika muss in der Friedensarbeit und in der Begegnung mit den Menschen der Partnergemeinden stets die Konsequenz von 350 Jahren Kolonialismus und Rassismus mit bedacht werden! Ich hatte zumindest in diesen zwei Jahren keine Begegnung, in der das historische Herrschafts- und Gewaltverhältnis von »Schwarz & Weiß« nicht irgendwo eine Rolle gespielt hat - offen oder versteckt!

Bei der Beerdigung eines Kollegen waren wir vier Weiße neben vierhundert Schwarzen. Während der mehrstündigen Trauerfeier erfuhren wir immer wieder eine Sonderbehandlung: Obwohl viele alte Menschen standen, sollten wir uns auf Stühle setzen; im Dauerregen am Grab bekamen wir Schirme gereicht, während die anderen im Regen standen und als alle nach Hause gehen durften, fiel natürlich negativ auf, dass auch wir gingen, denn wir sollten - obwohl wir nicht zum engeren Familienkreis zählten - noch ins Haus des Toten.

Ein kleines, alltägliches Beispiel, das durch viele andere ersetzbar wäre und das vom „kolonisierten Bewusstsein“ (Frantz Fanon) bzw. von offenen oder subtilen Hierarchien erzählt. Beginnt man mit der Friedensarbeit oder auch der Entwicklungszusammenarbeit, so sollte man sich dieser banalen aber machtvollen Kräfte bewusst sein - sonst kann es durchaus sein, dass man daran scheitert!

Menschlich sein und bleiben

In einem Kontext fortgesetzter Gewalterfahrung, Entmenschlichung und Erniedrigung scheint es mir notwendig zu sein, sich die Fähigkeit zu erhalten, menschlich zu sein und vor allem zu bleiben. Gemeint ist hier nicht die Empathie mit den Opfern und Überlebenden oder ein Verständnis für alle Seiten. Es geht vielmehr um die konsequente Beibehaltung der kleinen Gesten auf der zwischenmenschlichen Ebene jenseits aller Instrumentarien und Manuale der Zivilen Konfliktbearbeitung.

Eine ländliche Gemeinde nördlich von Durban hatte uns Hunderte von schriftlichen Aussagen zukommen lassen: Geschichten von Gewalt, Mord, Zerstörung und Vertreibung, verbunden mit der Forderung nach Entschädigung für erfahrenes Unrecht während der Apartheid bzw. des Bürgerkriegs in KwaZulu-Natal. Offensichtlich war an dieser Gemeinde der gesamte Prozess der südafrikanischen Wahrheits- und Versöhnungskommission vorbeigerauscht. Ohne dass sie bemerkten, dass die Kommission schon längst ihre Arbeit beendet hat, sammelten sie die »Statements über Menschenrechtsverletzungen« in ihrer Gemeinde und übergaben sie SINANI (s. Kasten). Sie dachten, wir seien Teil der staatlichen Wahrheitskommission. Nun hatten wir die undankbare Aufgabe, diese Menschen darüber zu informieren, dass ihre Eingaben zwar sehr berechtigt seinen, dass sie aber leider viel zu spät kämen. Zu diesem Zweck luden wir Vertreter der Gemeinde in unser Büro in Durban. Nach einem in der Sache sehr deprimierenden mehrstündigen Gespräch stand ein älterer »community leader« auf und sagte: „Okay, Ihr habt schlechte Nachrichten für mich. Aber Ihr habt mich freundlich empfangen, mir Tee und Kekse serviert und mir lange zugehört - heute, nach all den Jahrzehnten, fühle ich mich zum ersten Mal als Mensch behandelt.“

Was hatten wir denn schon gemacht? Nicht viel, aber immerhin haben wir diese kurze Begegnung mit der Gemeinde in einer solchen respektvollen, menschlichen Weise (empfangen, servieren, zuhören!) gestaltet, die der alte Mann bis dato nicht kannte An diesen oder ähnlichen Punkten, wo ein Stück weit - und sei es auch nur für den Moment - die trennenden Welten und Kräfte (siehe Einleitung) aufgehoben oder durchbrochen werden, entstehen meiner Ansicht nach wesentliche Voraussetzungen für so etwas wie wirkliche Begegnung zwischen Friedensfachkraft und Partnern bzw. für vertrauensbildende Friedensarbeit.

Begegnung durch Sich-trauen

Vertrauen als Basis der Begegnung zwischen der Friedensfachkraft und den Menschen aus den Partner-Gemeinden erfordert vom »Professionellen« oder »Experten« aber auch die Bereitschaft, gegebenenfalls die schützenden Hüllen fallen zu lassen und sich zu trauen, sich auch einmal selbst zu erschließen.

Mit einer Gruppe von Jugendlichen, die aus politisch verfeindeten Lagern kamen, haben wir einen kreativen Schreib-Workshop zum Thema »Gewalterfahrungen und Friedenssehnsüchte« durchgeführt. Zur Mobilisierung möglicher Geschichten der Jugendlichen stellten wir den »tree of life« vor - eine Visualisierung der eigenen Biographie mit positiven wie negativen Strängen. Natürlich bin ich da mit meiner Darstellung einer typischen westdeutschen »Mittelschicht-Eiche« im Gegensatz zu den dramatischen Zeichnungen der Jugendlichen völlig raus gefallen. Aber, was zählte, war der Umstand, dass ich da mit- und eben auch aufgemacht habe. Die Tatsache, dass ich in meiner Rolle und Funktion den Jugendlichen von meinen zarten Jugendproblemen erzählte, hat - so meine Vermutung - dazu beigetragen, in der weiteren Zusammenarbeit Hierarchien zu verflachen bzw. unbegründeten Respekt abzubauen.

Ich glaube allerdings auch, dass es Grenzen der Annäherung gibt: Meine KollegInnen von SINANI haben immer wieder betont, dass die Organisation nicht mehrtägige Stress-und-Trauma-Workshops durchführen kann, bei denen die Teilnehmenden ihr Innerstes nach Außen kehren und von ihren horrenden Gewalterfahrungen berichten, ohne dass die moderierenden SINANI-MitarbeiterInnen auch etwas von sich und ihren eigenen Verletzungen preisgeben. An dem Punkt war für mich jedoch klar: Ich kann und will an den Stress- und Trauma-Workshops nicht teilnehmen. Denn verglichen mit den gewaltsamen Erfahrungen und schweren Traumata der Teilnehmenden habe ich nichts beizutragen, was nicht lächerlich oder verhöhnend wirken würde neben diesen massiven Gewaltgeschichten.

Den Menschen und an die Menschen glauben

In der unmittelbaren oder mittelbaren Begegnung und Arbeit mit Überlebenden von Gewaltverhältnissen habe ich mich immer wieder dabei ertappt, dass ich auf ihre Geschichten kausale, logische und Details rekonstruierende Blaupausen gelegt habe: Stimmt das? Geht das so? Kann das denn so gewesen sein?

Ich erinnere mich, dass ich die handgeschriebene Geschichte einer jungen Frau las, die sich entschlossen hatte, ihre extrem gewalttätige Lebensgeschichte öffentlich zu machen, um so anderen jungen Frauen zu zeigen, sie seien nicht alleine und es gebe Hoffnung. Ich stolperte über Widersprüchlichkeiten in ihrer Darstellung: Einmal schrieb sie, sie sei HIV-positiv und später sagte sie, sie sei negativ. Doch dann wurde mir klar, dass die Frau wollte, dass wir »ihre Mission« unterstützen, die Geschichte in eines der »Mädchen-Magazine« lancieren, die viele junge schwarze Frauen lesen. Sicherlich erwartete sie nicht, dass wir detektivisch die Geschichte auseinander nehmen, kritisch oder skeptisch nachfragen - das hätte jegliche Vertrauensbasis zerstört.

Die Menschen, die mit ihren traumatischen Geschichten zu SINANI kommen (und selbst jene, die vielleicht ihr Trauma herbei reden, weil sie Aufmerksamkeit oder Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen brauchen), haben ein Recht darauf, dass ihnen erst einmal vorbehaltlos geglaubt wird. Dies ist umso wichtiger in einer Gesellschaft, in der ihnen über Jahrhunderte nie geglaubt wurde, in der sie immer als Lügner bezeichnet wurden. Die Arbeit, die wir machen, ist keine juristische, journalistische oder polizeiliche, sondern eine, in der es darum geht, letztlich die Menschen wieder an sich selbst glauben zu lassen. Sie auf diesem Wege zu unterstützen heißt eben auch, ihnen deutlich zu vermitteln: Wir glauben euch!

Von dort ist es nur noch ein kleiner Schritt zum »Wir glauben an Euch!« Dies auszustrahlen - auch als Friedensfachkraft - ist in der Arbeit mit Menschen, die gebrochen oder erniedrigt wurden, die betrogen oder belogen wurden, auf die keiner mehr setzt und die sich selbst nicht mehr all zu viel zutrauen, extrem wichtig. Es geht nicht nur um den Rahmen, dass man z.B. einen alten traditionellen Führer eine eigene Radiosendung machen lässt oder einer weisen Frau eine ganze Zeitungsseite als Anzeige kauft, damit sie darauf für »Respekt zwischen den Generationen« wirbt. Und es geht auch nicht nur darum, dass man die beiden dabei realistisch unterstützt und »empowert«, damit sie an diesen Punkt kommen und dort auch bestehen können. Es geht vielmehr um die permanente Rückkopplung in diesen oft sehr langwierigen Prozessen der Zusammenarbeit, es geht darum, den Menschen immer wieder zu vermitteln: Du schaffst das!

Mein Kollege Dumisani und ich haben z.B. daran geglaubt, dass die Jugendlichen, die eigentlich zu einem zeitlich begrenzten Projekt zusammen kamen, um aus unterschiedlicher politischer Perspektive über den Soweto-Aufstand von 1976 zu schreiben, trotz ihrer abgebrochenen Schulausbildung Artikel verfassen können. Aus dem Projekt wurde ein regelmäßiger Newsletter, aus dem zusammengewürfelten Haufen einstiger Feinde eine feste Redaktionsgruppe mit deutlichen sozialen Bezügen und aus den »drop-outs« wurden Jugendliche, die Ausbildungen begannen oder sogar temporäre Jobs fanden. Über die anderthalb Jahre haben die Jugendlichen nicht nur gelernt, wie man Interviews führt, recherchiert oder Photos schießt. Jeden einzelnen Workshop haben wir sie auf die ein oder andere Art auch wissen lassen: Ihr könnt das; übernehmt ein bisschen mehr Verantwortung; was ihr macht, ist wichtig; ihr schafft das!

Tatsächlich denke ich, dass die eigene Ausstrahlung, positives Denken und Begeisterungsfähigkeit helfen, um in der Begegnung mit den Menschen aus den Zielgruppen kleine Schritte der Persönlichkeitsentwicklung zu fördern und anderen Vorschub zu leisten, zur Versöhnung mit sich selbst oder zur Überwindung der »bösen Geister der Vergangenheit« beizutragen.

Sich selbst immer wieder misstrauen

Wenn ich zu Anfang gesagt habe, man muss sich eine konsequente Menschlichkeit erhalten, so gilt andererseits auch, sich selbst gegenüber in seinen Werturteilen, Schlüssen und Annahmen stets skeptisch zu bleiben. In den zwei Jahren Gemeinwesen- und Friedensarbeit mit »communities«, die in einer fortgesetzten Gewalt- und Mangelsituation leben, ist es in der direkten Begegnung auch immer wieder zu persönlichen Enttäuschungen, Frustrationen und Verletzungen gekommen. Da gab es Situationen, wo ich das Gefühl hatte, ich werde belogen, ausgenutzt, instrumentalisiert oder missachtet. Da sind Wertgegenstände verschwunden oder es wurde erbittert um materielle Ressourcen gekämpft. Natürlich muss sich eine Organisation hierzu verhalten, Grenzen ziehen und auch mal unbequeme Entscheidungen treffen, um weiterhin anerkannt und respektiert diese Arbeit machen zu können. Natürlich hat man ein Recht darauf, sich zu ärgern, sauer zu sein und sich Luft zu machen. Ich hatte das Glück, eine zweite vom Weltfriedensdienst (WFD) entsandte Kollegin zu haben, mit der ich mich vorbehaltlos austauschen konnte; ich hatte einen Projektverantwortlichen in Berlin, bei dem ich diese Erfahrungen geschützt abladen konnte.

Als Friedensfachkraft sollte man solche Situationen aber nicht »persönlich nehmen« und auch nicht aus diesen einzelnen Situationen oder der Summe solcher Erfahrungen vermeintliche Wahrheiten oder Grundsätze ableiten. Sonst steht man an der Türschwelle zum Chauvinismus und Rassismus. Mir hat geholfen, dass ich mir in solchen Situationen (oder besser gesagt danach!) immer wieder die schlechte Lebenssituation dieser Menschen vergegenwärtigt habe, wo ich dann begriffen habe, dass ihr Verhalten durchaus normal ist und ich in ihrer Situation wohl ähnlich reagieren würde. Letztendlich hat die Enttäuschung und Frustration auch ganz viel mit eigenen Romantisierungen und »politisch sozialisierten« Bildern zu tun, wonach der »arme Mensch« nicht schlecht sein kann (darf) und die Menschen »dort unten« ja immer zusammenhalten sollten. Dass dies aber nicht zwangsläufig so ist, fällt einem ebenso schwer zu akzeptieren, wie der Umstand, dass auch Opfer von Gewalt - gleichzeitig oder später - zu Tätern werden können.

Zwei Klassen im »Schmerz«

Meine letzte Bemerkung betrifft den Umgang mit potenziellen Belastungssituationen bzw. die Arbeit und das Leben in einer Atmosphäre alltäglicher Gewalt. Diese erfährt man zumeist nur indirekt, von KollegInnen, vom Hörensagen oder Zeitung lesen. Aber als Friedensfachkraft war ich eigentlich selten - obwohl die Bedrohung durchaus real ist - selbst betroffen. Was m.E. in der Friedensarbeit bislang nicht wirklich ein Thema ist und auch in der Vorbereitung nicht so deutlich angesprochen wird, sind die extrem ungleichen Erfahrungswelten von Schmerz, Leid und Gewalt zwischen meinen KollegInnen, den Menschen der Partnergemeinden, und mir als Friedensfachkraft. Auch hier wirken Geschichte, Klasse und Status in trennender Weise. Denn Gewalterfahrungen verteilen sich nicht per Zufallsgenerator auf alle Menschen gleichermaßen. Vor rund 95% aller potenziellen Quellen für Gefahr, Leid und schmerzvollem Verlust bin ich qua Herkunft, Status und Ressourcen geschützt. Keine Woche aber, in der meine KollegInnen auf der Mitarbeiterbesprechung nicht von irgendwelchen substanziellen Dramen in ihrem persönlichen Umfeld berichteten: dem Tod eines nahen Familienmitglieds, Mini-Taxi-Unfällen oder Raubüberfällen. Kein Wochenende, an dem sie nicht - in Zeiten von HIV/Aids - der »Freizeitbeschäftigung Nummer eins« unter schwarzen Südafrikanern nachgehen und ihre Freunde oder Familienmitglieder beerdigen. Klar, man ist empathisch und solidarisch, bekundet Beileid, spendet Trost und geht kondolieren. Aber irgendwie ist diese »Schicksalsdifferenz« da, und allen Beteiligten ist sie auch unausgesprochen bewusst.

Bei mir hat dieses Wissen auch zu einem diffusen Schuldgefühl geführt, was letztlich bewirkte, dass ich mich mit meinen eigenen und den »geborgten« Erfahrungen weiter zurücknahm und immer weniger die Notwendigkeit bzw. Chance von Supervision oder »debriefing« sah. Einmal, spät abends, war ich mit zwei KollegInnen unterwegs und wir entgingen knapp einem versuchten »car-hijacking«. Nicht selten laufen diese Überfälle aus dem Ruder und enden tödlich. Ich fuhr nach Hause, trank ein Bier, freute mich über Bayer Leverkusens gutes Spiel in der Champions League und ging schlafen. Erst als ich am nächsten Tag feststellte, dass meine KollegInnen den Vorfall weitererzählten, war dies für mich auch ein Zeichen, dass ich mit Freunden darüber reden konnte. Ich brauchte allerdings erst von meinen KollegInnen die Bestätigung, dass der Vorfall berichtenswert sei.

Mit den Verhältnissen unversöhnt

Ich weiß nicht, ob ich in den zwei Jahren sehr konstruktiv mit dieser »herkunftsgeleiteten« und schichtenspezifischen Spaltung von persönlichem Leid und Wahrscheinlichkeit von Schmerzen umgegangen bin. Ich hatte sie zwar antizipiert, und sicherlich haben mich auch die vielen »Gewalterfahrungen dritten Grades« in dieser Zeit geprägt, ohne dass ich genau sagen kann, wie und wo. Interessant ist jedoch, dass es genau die oben genannten Erfahrungen sind, die mich - als Mitarbeiter einer Organisation der Versöhnungsarbeit - unversöhnlicher gegenüber den ungerechten gesellschaftlichen Verhältnissen werden ließen. Es mag etwas widersprüchlich klingen, aber diese Unversöhnlichkeit und Wut gehören für mich zu den produktivsten und nachhaltigsten Ergebnissen meiner zweijährigen Friedensarbeit.

Andreas Rosen, Diplom-Politologe, war acht Jahre lang beim Weltfriedensdienst e.V. (WFD) als Referent für Inlandsarbeit tätig. Von Ende 2001 bis Mitte 2004 arbeitete er als Friedensfachkraft des WFD in KwaZulu-Natal, Südafrika, und unterstützte die Organisation SINANI/KwaZulu-Natal Programme for Survivors of Violence bei ihrer Informations- und Öffentlichkeitsarbeit. Gegenwärtig arbeitet er als entwicklungspolitischer Referent bei der Stiftung Nord-Süd-Brücken in Berlin

zum Anfang | Zwischen Allparteilichkeit und »ownership«

von Martin Quack

Konfliktexterne »Dritte Parteien« haben Möglichkeiten der Konfliktbearbeitung, über die lokale Akteure nicht verfügen. Sie können jedoch auch konfliktverschärfend wirken, wenn sie eine der Konfliktparteien begünstigen oder zu begünstigen scheinen. Wie aber können Externe »unparteilich« sein beispielsweise angesichts von Unterdrückung und Menschenrechtsverletzungen? Ist es überhaupt möglich, sich politisch abstinent zu verhalten? Bringen »Dritte« nicht unweigerlich Sichtweisen ein, die durch ihre Herkunftsgesellschaft geprägt sind? Der Versuch, mit diesen Fragen umzugehen, hat dazu geführt, dass heute eher von »Allparteilichkeit« als von »Unparteilichkeit« gesprochen wird. Andererseits können letztlich nur die Konfliktparteien selbst ihre Interessen definieren und ausgleichen; darauf bezieht sich der Begriff der »ownership«. Beide Prinzipien haben ihre Berechtigung - aber sind sie miteinander vereinbar? Das Dilemma stellt sich u.a. in laufenden Projekten des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) und wird dort kontrovers diskutiert. Der vorliegende Beitrag will eine erste Verortung des Problems anbieten.

Begriffe

Der Begriff der Allparteilichkeit stammt aus der Familientherapie und meint, sich aktiv in die Position eines jeden Familienmitglieds einzufühlen. Allparteilichkeit soll es ermöglichen, die legitimen Bedürfnisse jedes Familienmitglieds zu erkennen und für sie einzutreten. Wachstumspotenziale, positive Kräfte und Ressourcen sollen hervorgehoben werden. Wenn heute Allparteilichkeit auch in der Zivilen Konfliktbearbeitung gefordert wird, dann bezeichnet das entsprechend die Wahrnehmung der berechtigten Anliegen aller politisch relevanten Akteure. Für ZFD-Projekte ist Allparteilichkeit besonders schwierig bei einer starken Bindung an lokale Partnerorganisationen, und wenn Projekte räumlich und institutionell klar auf einer Seite angesiedelt sind. So nehmen Friedensfachkräfte (FFK) in Palästina die israelische Seite in erster Linie als SoldatInnen wahr; dadurch liegt eine Solidarisierung mit einer Seite nahe. Wenn Allparteilichkeit trotzdem erreicht werden soll, muss sie institutionalisiert werden, z. B. durch regelmäßige Supervision der FFK (vgl. Weltfriedensdienst, 2005).

»Ownership« bedeutet »Eigentümerschaft«. Damit wird in der Entwicklungspolitik die Identifikation lokaler Partnerorganisationen und Zielgruppen mit einem Vorhaben sowie die Eigenverantwortung für Veränderungsprozesse bezeichnet. »Ownership« mahnt die Subsidiarität von Außenunterstützung an und gilt als wichtige Bedingung für eine nachhaltige Arbeit. Erforderliche Veränderungen können nur von den Akteuren in der Region erreicht werden, deshalb müssen sie Einfluss ausüben und Verantwortung übernehmen. Immer häufiger wird nicht mehr von unseren Projekten gesprochen sondern von den Projekten der Partner. »Ownership« ist auch für Friedensförderung wichtig. „Der ZFD arbeitet grundsätzlich mit lokalen Partnerorganisationen in Projekten zusammen, um zivilgesellschaftliche Friedenspotenziale zu identifizieren und die lokalen Kräfte für eine gewaltfreie Regelung von Konflikten zu stärken.“ (Konsortium ZFD, 2005, S. 1). Über das »empowerment« einzelner Gruppen sollen „Strukturen gestärkt werden, innerhalb derer Interessen gewaltfrei vertreten und mit den Interessen anderer zum Ausgleich gebracht werden können“ (DED, 2003, S. 4). Für die Bundesregierung bedeutet »ownership« die Teilhabe und Miteinbeziehung der lokalen Partner des ZFD (BMZ, 2002, S. 85f.). Das steht allerdings in einer Spannung zur Entwicklung von Länderstrategien im ZFD, die gerade die Handlungskompetenz und Kohärenz der externen Akteure stärken sollen.

Entwicklungen seit 1999

Das Spannungsverhältnis zwischen Allparteilichkeit und »ownership« zieht sich durch die bisherige Entwicklung des ZFD. Bereits im Rahmenkonzept für den ZFD von 1999 werden als Aufgaben des ZFD u.a. vertrauensstiftende Maßnahmen, der Abbau von Vorurteilen und Feindbildern, die Vermittlung bei Konflikten und Beiträge zur Versöhnung genannt - Aufgaben, die Allparteilichkeit nahe legen. Andererseits sollen alle Aktivitäten auf der Grundlage entwicklungspolitischer Prinzipien wie Subsidiarität und Hilfe zur Selbsthilfe erfolgen. Zusammenarbeit mit und Akzeptanz durch lokale Akteure seien im Interesse von Nachhaltigkeit durch Partizipation unabdingbar. Der ZFD arbeite deshalb im Rahmen der mit den jeweiligen Partnerorganisationen getroffenen Vereinbarungen (BMZ, 2000).

Die Evaluation des ZFD (BMZ, 2002, passim) machte darauf aufmerksam, dass es für FFK problematisch sein könne, ihre Neutralität mit ihrer Loyalität gegenüber der Partnerorganisation in Einklang zu halten. Besonders deutlich werde dieses Dilemma, wenn FFK ihre Verträge mit den Partnerorganisationen schließen. Ob dieses Verfahren im ZFD immer angemessen sei, sei eine offene Frage. Sollten Partnerorganisationen als Konfliktpartei wahrgenommen werden, werde Neutralität vermutlich ein höherer Wert sein als die Loyalität. Die Zufriedenheit der Schlüsselakteure mit den ZFD-Projekten hänge wesentlich von der Herstellung von lokaler »ownership« ab. ZFD-Projekte sollten deshalb einen partizipativen Charakter aufweisen. Konkret könne dies bedeuten, Partnerorganisationen stärker an der Vorbereitung zu beteiligen. In Situationen, in denen unüberbrückbare »ownership«-Konflikte mit lokalen Partnern auftreten, sollte das Projekt nicht an eine feste Partnerstruktur gebunden werden.

Die »Standards« des Konsortiums ZFD (2005) legen fest, dass der ZFD grundsätzlich mit lokalen Partnerorganisationen zusammenarbeitet. Zusammen mit ihnen soll er zivilgesellschaftliche Friedenspotentiale identifizieren und die lokalen Kräfte für eine gewaltfreie Konfliktregelung stärken. Im Sinne der Nachhaltigkeit sei die Beschäftigung lokaler Friedensfachkräfte ein wichtiger Bestandteil von ZFD-Projekten. Andererseits soll sich die FFK auch um Akzeptanz bei den verschiedenen Konfliktparteien bemühen. Situationen, in denen potentielle Partner selber Akteure des Konflikts sind oder tragfähige zivilgesellschaftliche Strukturen noch nicht existieren, erfordern eine besonders sensible Form der Zusammenarbeit. Im Sinne der Nachhaltigkeit sei dabei eine umfassende Einbindung lokaler Fachkräfte und der Aufbau einer eigenständigen Trägerstruktur unerlässlich.

Allparteilichkeit und »ownership« in der Praxis

Die Träger des ZFD gehen unterschiedlich mit der Spannung zwischen Allparteilichkeit und »ownership« um (vgl. Evers, 2005 und in diesem Dossier; Montag & Smidoda, 2005; Smidoda, 2005). Die Frage stellt sich vor allem in der Zusammenarbeit mit Partnerorganisationen. Einige ZFD-Projekte insbesondere der Entwicklungsdienste legen den Schwerpunkt auf »ownership«.Die FFK werden bei einem lokalen Partner angestellt und dessen politischer Leitung unterstellt. Auch in solchen Projekten gibt es Spielraum: So kann eine FFK z.B. eine Partnerorganisation unterstützen, sich aber nicht an eindeutig parteilichen Arbeitsbereichen und entsprechenden öffentlichen Äußerungen beteiligen.

Bei anderen ZFD-Projekten steht die Allparteilichkeit im Vordergrund. Das forumZFD achtet darauf, dass seine FFK nicht mit einer einzelnen Partnerorganisation identifiziert werden, um ihnen möglichst viel Glaubwürdigkeit und Handlungsfreiheit zu erhalten. Das ZFD-Projekt ist dann eine dritte Partei mit eigener Parteilichkeit für ihre Grundprinzipien, eigenem Budget, eigenem Büro und eigenem Personal. Sie arbeitet i.d.R. mit mehreren Partnergruppen verschiedener Konfliktparteien zusammen, die für diese Zusammenarbeit jeweils die »ownership« haben sollten. Die internationalen FFK übernehmen eine sehr aktive Rolle: Sie identifizieren Partner und legen Regeln der Zusammenarbeit fest. Eine klare eigene Identität hilft Allparteilichkeit zu verteidigen. Dazu kommen institutionelle Vorkehrungen: Besonders deutlich wird dies beispielsweise im Projekt Willy Brandt-Zentrum in Jerusalem. Dort sind politische Jugendorganisationen beider Seiten institutionell und durch eigenes Personal vertreten. Auch bei den anderen Trägern des ZFD in Palästina und Israel wird die Notwendigkeit von Allparteilichkeit betont (vgl. Weltfriedensdienst, 2005)

Es gibt auch die Möglichkeit, über »ownership« zu Allparteilichkeit zu kommen. In diese Richtung geht z.B. das Engagement des forumZFD zu Traumabearbeitung in Südosteuropa. Für die Arbeit mit traumatisierten Soldaten in Serbien wurde in Kooperation mit Ohne Rüstung Leben bis 2004 ein serbisches Beratungsnetzwerk unterstützt. Inzwischen ist dieses Netzwerk auch in albanischen Regionen Serbiens etabliert und ein weiteres Projekt zur Traumabearbeitung in Kroatien ist geplant. Dieser Umgang mit den u.U. widersprüchlichen Prinzipien wird erleichtert, wenn er im Rahmen einer allgemeinen Deeskalation des Konflikts stattfindet.

Der umgekehrte Weg über Allparteilichkeit zu »ownership« ist für das forumZFD interessant, weil viele Projekte allparteilich beginnen. In vielen Konfliktgebieten müssen allparteiliche Strukturen erst mühsam geschaffen, Akteure aufgebaut werden. Die Verantwortung für diese Arbeit kann schrittweise auf diese neu entstehenden lokalen Strukturen übergehen, soweit sie Allparteilichkeit gewährleisten können. Alle Projekte des forumZFD im ehemaligen Jugoslawien wurden 2005 von FFK übernommen, die aus der Region stammen (bis auf die Regionalkoordination). Zur Rolle einer lokalen FFK meint Nehari Sharri, FFK im Kosovo: „Ich bin nicht neutral. Ich gehöre einer Volksgruppe an. Niemand ist neutral. Neutralität haben auch die Internationalen nicht. ... Was ich versuche, ist, allparteilich zu sein, die Interessen beider Seiten zu berücksichtigen.“ (zit. nach Montag & Smidoda, 2005, S. 3). Zu Beginn der Projektarbeit war internationale Präsenz wichtiger, da die lokalen Akteure keine Kontakte zur anderen Seite hatten und keine eigenen Initiativen entwickelten. Inzwischen ist nicht mehr die Zugehörigkeit zu einer Volksgruppe entscheidend, sondern das Vertrauen vor Ort. Hier haben lokale Fachkräfte zunehmend Vorteile gegenüber internationalen Akteuren. Sie können leichter beide Seiten verstehen. Persönliche Eigenschaften spielen eine wichtige Rolle, z. B. die Zugehörigkeit zu einer respektierten Familie, die persönliche Integrität und Dialogfähigkeit.

Fazit

Es gibt unterschiedliche Möglichkeiten, im Rahmen des ZFD mit Allparteilichkeit und »ownership« umzugehen. Beide Prinzipien sollten beachtet, können jedoch nicht zur gleichen Zeit im gleichen Maß verwirklicht werden. Die Entscheidung für das eine oder andere Vorgehen hängt von den bisherigen Erfahrungen und von vielen weiteren Faktoren ab. Es lassen sich folgende Kriterien angeben für eine Schwerpunktsetzung (siehe Tabelle).

Zum ZFD gehört das Partner-Prinzip, nicht aber zwingend die Bindung an einen Partner. Die Vorentscheidung, sich an bereits vorhandene lokale Partner zu binden, muss genau so begründet werden wie der Aufbau eigener Strukturen. Wichtigste Kriterien sind die Konfliktsituation vor Ort und die angestrebte Wirkung einer Intervention. Angesichts der großen Vielfalt von Konfliktlagen können verschiedene Formate oder Typen von ZFD-Projekten entwickelt werden, die mit einer unterschiedlichen Gewichtung zwischen beiden Herangehensweisen beginnen. Die notwendige Balance zwischen beiden muss dann im Verlauf des Projekts erarbeitet werden. Das hebt die Spannung zwischen ihnen nicht auf, relativiert sie aber zu Unterschieden mehr der Abfolge als des Inhalts.

Kriterien für eine Schwerpunktsetzung
auf Allparteilichkeit auf »ownership«
  • Die Parteien befinden sich in einer eskalierten Konfliktphase mit starker Polarisierung.
  • Angestrebte Ziele können nur durch Arbeit mit beiden Konfliktparteien gelöst werden.
  • Es sind keine lokalen Partner identifizierbar, die mittelfristig für eine allparteiliche Arbeit gewonnen werden können.
  • Es gibt eine Strategie zur Erreichung von »ownership«.
  • Der Konflikt ist weniger stark eskaliert.
  • Die angestrebten Ziele können innerhalb einer Konfliktpartei erreicht werden.
  • Es existieren anerkannte, friedenswillige Kräfte.
  • Auf eine erfolgreiche Arbeit mit lokalen Partnern (einer Seite) kann aufgebaut werden.
  • Eine Konfliktpartei ist strukturell schwächer und soll dazu ermächtigt werden, die eigenen Interessen zu vertreten
  • Es gibt eine Strategie zur Erreichung von Allparteilichkeit.

Literatur

(Zugriff auf alle Internetquellen am 13.01.06)

Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (2000): Ziviler Friedensdienst - ein neues Element der Entwicklungszusammenarbeit (Rahmenkonzept), 9.6.1999. In Tilman Evers (Hrsg.): Ziviler Friedensdienst - Fachleute für den Frieden (S. 358-360). Leske + Budrich, Opladen.

Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) (2002): Evaluierung der Aufbauphase des Zivilen Friedensdienstes (ZFD). Abschluss und Synthesebericht. Verfügbar unter: http://www.ziviler-friedensdienst.org/docs/ZFD-Evaluierung.doc.

Deutscher Entwicklungsdienst (DED) (2003): Zivile Konfliktbearbeitung und Friedensförderung: Das Engagement des DED im Zivilen Friedensdienst. Verfügbar unter: http://www.ded.de/cipp/ded/lib/all/lob/ return_download,ticket,g_u_e_s_t/bid,136/no_mime_type,0/~/fachheft_zfd.pdf.

Evers, Tilman (2005): Ein erster Schritt: Fünf Jahre Ziviler Friedensdienst. Querbrief, Nr. 3, S. 4-5. Verfügbar unter: http://www.wfd.de/wfd/pdf/Quer3_2005.pdf.

Konsortium Ziviler Friedensdienst (2005): Standards für den Zivilen Friedensdienst. Gemeinsame Grundlage des Konsortiums Ziviler Friedensdienst bei der Entwicklung von Projekten. Verfügbar unter: http://www.ziviler-friedensdienst.org/docs/ZFD-Standards_Endversion.pdf.

Montag, Carsten / Smidoda, Iris (2005): Die dritte Seite des Dreiecks: Die Frage der Allparteilichkeit bei der Projektübergabe an lokale Fachkräfte. Frieden braucht Fachleute, Nr. 4, S. 3.

Smidoda, Iris (2005): Gutes bewirken - nicht alles, was nicht schießt, ist zivile Konfliktbearbeitung. In Konrad Tempel (Hrsg.): Instrumente für den Zivilen Friedensdienst: Gewaltfreie Intervention durch eine Drittpartei (ZFD impuls Bd. 2, S. 26-29). Forum Ziviler Friedensdienst, Bonn.

Weltfriedensdienst (2005): Dokumentation des Symposiums »Konflikttransformation in Palästina und Israel - Beiträge des Zivilen Friedensdienstes«.Verfügbar unter: http://www.ziviler-friedensdienst.org/docs/palaestina.pdf.

Martin Quack, M.A., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Internationale Politik und Außenpolitikanalyse der Universität zu Köln. Er arbeitet an einem Projekt zu Wirkungen des Zivilen Friedensdienstes. Von 2003 bis 2005 war er Assistent der Geschäftsleitung des Forum Ziviler Friedensdienst.

zum Anfang | Ziviler Friedensdienst und Militär »im Einsatz«

von Dieter Bricke

In den letzten Jahren haben im Rahmen von Interventionen in gewaltsame Konflikte pragmatische Kontakte zwischen Militär und Nichtregierungsorganisationen zugenommen. Seit Ende der 90er Jahre versuchen Bundeswehr und NATO in einer wachsenden Zahl von Publikationen und Veranstaltungen die Begriffe Zivil-Militärische Zusammenarbeit (ZMZ) bzw. Civil Military Cooperation (CIMIC) mit Inhalten aus der Sicht und Interessenlage des Militärs zu besetzen (vgl. Braunstein, 2000; Braunstein et al., 2001; NATO International Military Staff, 2002). Parallel hierzu haben zivilgesellschaftliche Akteure damit begonnen, ihre eigenen Konzepte und Strategien im Licht der internationalen Entwicklungen zu überprüfen. Sie stellen sich dabei i.B. auch der Frage, welche Grenzen bei der Zusammenarbeit zu beachten sind (vgl. Plattform Zivile Konfliktbearbeitung, 2003).

Es ist nicht zu übersehen, dass das Gesamtkonzept der Bundesregierung »Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung« und ihr Aktionsplan »Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung« (Bundesregierung, 2000; 2004) zwar politische, ökonomische, gesellschaftliche und kulturelle Bedingungen für einen »erweiterten Sicherheitsbegriff« ansprechen, dass aber hinsichtlich der sicherheitspolitischen Praxis militärische Konfliktbearbeitungs-Instrumente sowohl konzeptionell als auch finanziell im Vordergrund stehen.

Solange es kein friedenspolitisches Gesamtkonzept von Gesellschaft und Staat gibt, das den Akzent auf Minderung und Beendigung von Gewalt legt, müssen weitere Verständigungen zwischen zivilen und staatlichen Akteuren über unterschiedliche inhaltliche Grundmuster - z.B. über das Ziel, militärische Gewalt als Mittel der Konfliktintervention zu überwinden - herbeigeführt werden, bevor von einem gemeinsamen Verständnis von Zivil-Militärischer Zusammenarbeit ausgegangen werden kann. Andernfalls ist die Gefahr nicht von der Hand zu weisen, dass die Zivile Konfliktbearbeitung (ZKB) und als Teil von ihr auch der Zivile Friedensdienst (ZFD) nur als Feigenblatt für die Verfolgung unterschiedlicher staatlicher Interessen benutzt werden. Damit aber würde die Arbeitsgrundlage des ZFD, seine Glaubwürdigkeit als gewaltfreier Mediator zwischen den Konfliktparteien, zerstört (vgl. Plattform Zivile Konfliktbearbeitung, 2003, S. 75 ff.).

So lange es keine funktionierende Weltinnenpolitik auf Basis der UN mit dazu gehörigen funktionierenden UN-Polizeitruppen und einer kohärenten Konzeption der gewaltfreien Konflikttransformation gibt, die gemeinsam von internationalen Nichtregierungsorganisationen und UN-Organisationen erarbeitet wurde, kann die Zweckmäßigkeit jeglicher Zusammenarbeit zwischen Nichtregierungsorganisationen und militärischen Einheiten nur punktuell anhand konkret vorliegender Bedingungen im Einzelfall beurteilt werden.

Grundposition des ZFD zur Zusammenarbeit mit dem Militär

Die gemeinsame Zielrichtung der Gründer des ZFD ist trotz ihrer unterschiedlichen Herkunft die Weiterentwicklung einer bislang auf Wirtschaftsmacht und Militär gestützten nationalstaatlichen Außen- und Sicherheitspolitik zu einer überwölbenden Weltinnenpolitik, die die zivilgesellschaftliche Handlungsebene weltweit stärken will (vgl. Evers, 2000). Die Berliner Erklärung von 1997, die maßgeblich vom Friedensverständnis der beiden großen Kirchen in Deutschland mit bestimmt wurde, definiert den ZFD ausdrücklich als „einen Friedensfachdienst, der in nationalen und internationalen Konflikten mit den Methoden der gewaltfreien Konfliktaustragung tätig wird.“ (Berliner Erklärung, 2000, S. 349).

Alle Verantwortlichen des ZFD waren sich aber auch stets darüber im Klaren, dass gerade der Aspekt der politischen Wirksamkeit des ZFD verlangt, dass er aus der bisherigen gesellschaftlichen Nische heraus in die Mitte der Gesellschaft geführt wird. Dies sei ohne subsidiäre finanzielle Unterstützung durch den Staat nicht möglich (vgl. Rissmann, 1997). Allerdings sind bei der Zusammenarbeit zwischen Staat und ZFD im Hinblick auf die wesentliche Ressource der Glaubwürdigkeit des ZFD die Interessen des Staates und die Interessen des ZFD scharf voneinander abzugrenzen. Bei allem Pragmatismus liegt die Grenze der Zusammenarbeit mit dem Staat für den ZFD:

  • Erstens, bei der Einbindung in ein militärisches Konzept. Der ZFD ist nicht das komplementäre Instrument zur militärischen Friedenserzwingung. Diese kann bestenfalls Interimslösungen erwirken, aber nicht dauerhaft Frieden schaffen.
  • Zweitens, bei der direkten Einflussnahme des Staates auf Inhalte und Struktur des ZFD. Wo durch Restriktionen oder Richtlinien der gewaltfreie Ansatz und die Orientierung am Gleichheitsgrundsatz und an den Menschenrechten beeinträchtigt würden, könnte der ZFD keine Kompromissbereitschaft entwickeln (vgl. Wagner 2003, S. 95).

Diese, vom Forum Ziviler Friedensdienst gezogenen Grenzen stimmen überein mit den »Friedenspolitischen Richtlinien« der Kooperation für den Frieden von 2003.

Grundposition des Militärs zur Zusammenarbeit mit zivilen Organisationen

Das Militär ist weltweit geprägt durch die Wahrnehmung nationalstaatlicher Interessen auf der Grundlage von Befehl und Gehorsam und nach der Maxime, dass zur Überwindung von Gewalt massive Gewaltanwendung erlaubt sei, soweit anders der Wille des Gegners nicht zu brechen ist (vgl. Buro, 2000). Diese Aussage gilt auch für militärische »Friedensmissionen«.

Die Verteidigungspolitischen Richtlinien stellen aufgrund vieler Fehlschläge gewaltsamer Operationen fest: „Sicherheit kann weder vorrangig noch allein durch militärische Maßnahmen gewährleistet werden» (BMVg, 2003, Rdnr. 36). Das Militär ist daher zur Kooperation mit zivilen Kräften bereit. Die Frage ist nur, ob diese Kooperation in Anbetracht des traditionellen Übergewichts des Militärischen gegenüber dem Zivilen in der Außen- und Sicherheitspolitik - man vergleiche z. B. das Verhältnis von 1:1.000 im Hinblick auf die Finanzierung - zwangsläufig zur Einordnung von ZFD-Tätigkeiten in die Palette militärisch-ziviler Handlungsoptionen führt, wie es u.a. beispielsweise Brand-Jacobsen & Jacobsen (2003) befürchten.

Aus der Sicht des Militärs gilt ZMZ »als Beitrag zur Funktionsfähigkeit der Bundeswehr im Grundbetrieb und Einsätzen«; bedeutet „die Nutzbarmachung des gesamten Spektrums ziviler Ressourcen im Einsatzraum für die eigene Truppe“ - i. B. zur »Steigerung der Akzeptanz des Einsatzes insgesamt“ und damit „...ganz wesentlich zur Sicherheit der Truppe.“ Hinzu kommt, „dass Mittel aus dem Verteidigungshaushalt für diese Projekte nicht zur Verfügung stehen ... Die Maßnahmen sind nur möglich durch Mittel sog. Donatoren wie AA, EU und verschiedener Hilfsorganisationen.“ (Echterling, 2003, S. 3 ff.; ähnlich Braunstein et al., 2001).

Dementsprechend behaupten die Vertreter der Bundeswehr, es gebe eine »Komplementarität« zwischen Zivilem Friedensdienst und Militär im Interesse der Menschen. Die Kooperation für den Frieden, der über 30 Organisationen der Friedensbewegung angehören, bestreitet das ausdrücklich.

Orientierungshilfen für das Verhältnis zum Militär »im Einsatz«

Die nachfolgenden Vorschläge sollen dem ZFD dazu dienen, gegenüber dem Militär im jeweiligen Einsatzgebiet die notwendige Distanz zu wahren.

  • Die Arbeit im ZFD richtet sich nach den Prinzipien der Menschlichkeit, der Unparteilichkeit, der Neutralität und der Unabhängigkeit. Er verfolgt den Ansatz, Konflikte ohne militärische Gewalt und Gewaltandrohung so zu bearbeiten, dass sich die Konfliktparteien in ihrem kooperativen Verhalten gestärkt fühlen und Versöhnung zwischen ihnen möglich wird.
  • Akteure des ZFD sind ohne Berührungsängste für Gespräche mit allen Konfliktparteien offen. Dies betrifft auch das Militär im Einsatzgebiet von Friedensfachkräften, sofern eine klare Abgrenzung zwischen Aufgaben und Mitarbeitern des Militärs und Aufgaben und Mitarbeitern des ZFD jederzeit vorhanden und nach außen sichtbar ist.
  • Der Zusammenarbeit mit militärischen Einheiten von Konfliktparteien ist grundsätzlich mit größter Zurückhaltung zur Vermeidung der Vermischung ziviler mit militärischer Aufgabenwahrnehmung und der damit verbundenen Gefahr des Verlustes der Unparteilichkeit zu begegnen. Dies gilt auch, wenn Streitkräfte die Funktion einer Besatzungsmacht in Nachsorgesituationen wahrnehmen.
  • Von einer Zusammenarbeit ist grundsätzlich abzusehen, wenn das Militär unter einem UN-Mandat nach Kapitel VII der Satzung der Vereinten Nationen oder mit einem NATO-Auftrag zur Anwendung militärischer Gewalt ermächtigt ist (»peace-enforcement«).
  • Sofern militärische Kräfte von dazu legitimierten internationalen Gremien zur Anwendung bewaffneter Gewalt zum Zweck der Selbstverteidigung bzw. zur Mandatsverteidigung ermächtigt wurden (»peace-keeping«), ist von einer Zusammenarbeit abzusehen, wenn die Gefahr einer Vermischung von »peace-keeping«- und »peace-enforcement«-Maßnahmen nicht sicher auszuschließen ist. Die Zusammenarbeit von Friedensfachkräften mit betroffenen Streitkräften ist sofort zu beenden, wenn »peace-keeping«-Einheiten in Kampfhandlungen verwickelt werden.
  • Bei der Frage, ob militärischer Schutz bzw. Unterstützung von »peace-keeping«-Einheiten für eigene Operationen des ZFD in Anspruch genommen werden sollen, ist äußerste Zurückhaltung zu üben, da in solchen Fällen immer die Grundsätze der Unparteilichkeit, Neutralität und Unabhängigkeit berührt sind.
  • In seltenen Einzelfällen, wenn sich zivile Fachkräfte oder zivile Gewaltopfer in unmittelbarer Gefahr für Leben oder Gesundheit befinden und die militärische Unterstützung die einzige Möglichkeit humanitärer Hilfeleistung darstellt, kann nach sorgfältiger Einzelfallabwägung vorübergehend militärischer Schutz in Anspruch genommen werden.

Das Forum Ziviler Friedensdienst wird mit Bundesregierung und internationalen Organisationen Dialoge führen, die zum Ziel haben, seine zivilen und gewaltfreien Konfliktlösungsvorstellungen als Bausteine einer Weltkultur des Friedens überzeugend darzustellen und zu verbreiten.

Literatur

Berliner Erklärung für einen Zivilen Friedensdienst in Deutschland, 22.2.1997 (2000). In Tilman Evers (Hrsg.): Ziviler Friedensdienst - Fachleute für den Frieden (S. 349-352). Leske + Budrich, Opladen.

Brand-Jacobsen, Kai F. / Jacobsen, Carl G. (2003): Zu Theorie und Praxis von Frieden mit friedlichen Mitteln. In Johan Galtung / Carl. G. Jacobsen / Kai F. Brand-Jacobsen: Neue Wege zum Frieden. Konflikte aus 45 Jahren: Diagnose, Prognose, Therapie (S. 63 ff.). Bund für Soziale Verteidigung, Minden.

Braunstein, Peter (2000): CIMIC - Civil Military Cooperation, ZMZ - Zivil-militärische Zusammenarbeit. Truppenpraxis / Wehrausbildung, Nr. 1, S. 23.

Braunstein, Peter / Meyer, Christian Wilhelm / Vogt, Marcus Jurij (2001): Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Bundeswehr im Balkan-Einsatz. Aus Politik und Zeitgeschichte, B 20, S. 37-46.

Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) (Hrsg.) (2003): Verteidigungspolitische Richtlinien. Berlin.

Die Bundesregierung (2000): Gesamtkonzept der Bundesregierung »Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung«. Verfügbar unter: http://www.auswaertiges-amt.de/www/de/aussenpolitik/friedenspolitik/ziv_km/konfliktpraev_html. [24.02.06]

Die Bundesregierung (2004): Aktionsplan »Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung«. Verfügbar unter: http://www.auswaertigesamt.de/www/de/aussenpolitik/friedenspolitik/ziv_km/aktionsplan_html. [15.02.06]

Buro, Andreas (2000): Ziviler Friedensdienst im Verhältnis zu Staat, militärgestützter Politik und Militär. In Tilman Evers (Hrsg.): Ziviler Friedensdienst - Fachleute für den Frieden (S. 116-126). Leske + Budrich, Opladen.

Echterling, Jobst (2003): CIMIC/Zivil-Militärische Zusammenarbeit der Bundeswehr. Europäische Sicherheit, Jg. 52 (10), S. 34.

Evers, Tilman (2000b): Friedenshandeln in der Weltgesellschaft. Der geschichtliche Kontext des Zivilen Friedensdienstes. In Tilman Evers (Hrsg.): Ziviler Friedensdienst - Fachleute für den Frieden (S. 97-115). Leske + Budrich, Opladen.

Kooperation für den Frieden (2003): Friedenspolitische Richtlinien. Friedens-Forum, Nr. 5-6, Beilage.

NATO-International Military Staff (2002): MC 411/1, NATO-Military Policy on Civil-Military Cooperation. Verfügbar unter: http://www.nato.int/ims/docu/mc411-1-e.htm. [20.02.06]

Plattform Zivile Konfliktbearbeitung (Hrsg.) (2003): Frieden braucht Gesellschaft! Gesellschaftliche Ansätze in der Zivilen Konfliktbearbeitung - Eine Bestandsaufnahme. Wahlenau. Verfügbar unter: http://www.konfliktbearbeitung.net/downloads/file285.pdf. [20.02.06]

Rissmann, Ursula (1997). In die Mitte der Gesellschaft oder zurück in die Nische: Wie staatsnah darf der Zivile Friedensdienst sein? Eine Kontroverse. Publik-Forum, Nr. 19, S. 22.

Wagner, Heinz (2003): Der Zivile Friedensdienst als Projekt der Zivilgesellschaft. In Arbeitsgemeinschaft Friedenspädagogik und Petra-Kelly-Stiftung (Hrsg.): Zivil Macht Europa (S. 93 ff.). München (Kongressdokumentation).

Dr. Dieter Bricke, Vortragender Legationsrat I. Klasse i.R., ist externer Autor der Stiftung Wissenschaft und Politik, Mitglied des Stiftungsrats der Petra Kelly-Stiftung und des Beirats des Forum Ziviler Friedensdienst.

zum Anfang | Identität, Legitimität und Handlungsfähigkeit

Überlegungen zur Zukunft des Zivilen Friedensdienstes

von Lutz Schrader

Die Gründung des Zivilen Friedensdienstes (ZFD) verdankt sich sowohl der Initiative und dem langem Atem von Aktivisten aus der Friedensbewegung als auch dem reformerischen Selbstverständnis der Sozialdemokraten und Grünen. Die Verbindung zwischen beiden Impulsen haben engagierte und fachlich spezialisierte Politiker der SPD und der GRÜNEN hergestellt, die ihre politische Sozialisation in den neuen sozialen Bewegungen und insbesondere in der Friedensbewegung erfahren haben. Von Anfang an ging es nicht um viel Geld. Deshalb fiel es der rot-grünen Koalition wohl auch nicht schwer, die Entscheidungen über die Einrichtung und Finanzierung des Zivilen Friedensdienstes im Haushaltsausschuss des Bundestages durchzubringen.

Neue Qualität zivilgesellschaftlichen Engagements

Was als typische sozialdemokratische und grün-alternative Klientelpolitik begonnen hat, von der in den vergangenen zwei Legislaturperioden unter anderem auch Umwelt- und Menschenrechtsorganisationen, Frauen, Lesben, Schwule und Unternehmen im Bereich erneuerbare Energien profitieren konnten, ist inzwischen zu einer ernst zu nehmenden Einrichtung geworden, der auch jenseits unserer Grenzen, z.B. in der britischen Regierung, große Aufmerksamkeit zuteil wird. Mit dem ZFD ist eine innovative Form institutionalisierter zivilgesellschaftlicher Außenpolitik entstanden. Diese geht weit über das bisher gekannte Maß an eigenständigem Engagement transnational agierender Nichtregierungsorganisationen in den Politikfeldern Umwelt, Menschenrechte, Entwicklung und Friedensarbeit einerseits und der Beratung von Regierungen und internationalen Organisationen durch zivilgesellschaftliche Akteure andererseits hinaus.

Die neue Qualität des Zivilen Friedensdienstes beschränkt sich nicht nur auf einen Budgettitel innerhalb des BMZ und die politische und finanzielle Unterstützung seitens des Auswärtigen Amtes. Mit dem Aktionsplan der Bundesregierung vom Mai 2004 wurde der Zivile Friedensdienst in der deutschen Politik auf dem Gebiet der Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung auch konzeptionell verankert. Das Friedens- und Konfliktthema hat nachhaltig Eingang in die staatliche Entwicklungszusammenarbeit gefunden und ist zur Richtschnur für die Planung und Durchführung ihrer Vorhaben geworden. Im Zuge der Anpassung der Entsendeorganisationen an die neuen Erfordernisse und der Schaffung strukturierter Ausbildungsangebote hat der ZFD ein hohes Niveau der Professionalisierung erreicht. Unter anderem ist ein Pool qualifizierter Fachleute für Konfliktbearbeitung und Friedensförderung entstanden. Bemerkenswert ist nicht zuletzt der Schub, der von seiner Gründung für die Weiterentwicklung von Ansätzen der zivilen Konfliktbearbeitung ausgegangen ist. Entwicklung und Themen des ZFD sind Gegenstand einer wachsenden Anzahl von Forschungsprojekten, Diplomarbeiten und Dissertationen, deren Ergebnisse wiederum den Friedensprojekten zugute kommen.

Die Entstehung des Zivilen Friedensdienstes ist ein beredtes Beispiel dafür, wie mit einer vergleichsweise geringen Startfinanzierung - in diesem Fall seitens des Staates - ein komplexes soziales und professionelles Feld neu strukturiert, ja zu großen Teilen erst geschaffen werden kann. Den entscheidenden Part haben dabei zweifellos die den ZFD tragenden Friedensverbünde, entwicklungspolitischen NGOs und halbstaatlichen Entwicklungsorganisationen gespielt. Dank ihres Engagements wurde ein effizientes Netzwerk selbstorganisierter Strukturen der Entscheidungsfindung, Abstimmung, Öffentlichkeitsarbeit und des Lobbying sowie der Projektplanung, Ausbildung und internationalen Kooperation geschaffen. Mit der Friedensfachkraft ist ein neues Berufsbild entstanden. Der ZFD wäre nicht zu dem geworden, was er heute ist, wenn er sich nicht auf eine breite Unterstützung in weiten gesellschaftlichen Bereichen stützen könnte. Seine wichtigste Gestaltungsressource war und ist das durch Kooperation, Vernetzung, Vertrauen und Know-how generierte soziale Kapital.

Identität, Legitimität und Handlungsfähigkeit

Wie geht es weiter? Qualifizierung und Effizienzsteigerung des ZFD sind keine Frage der bloßen Zahl. Um welchen Faktor sich die zur Verfügung gestellten Budgetmittel erhöhen werden, ist letztlich von zweitrangiger Bedeutung. Im Mittelpunkt steht vielmehr die Frage nach der Identität und damit nach der Legitimität und der Handlungsfähigkeit des Zivilen Friedensdienstes in den kommenden Jahren. Wie lange kann der ZFD den Spagat zwischen staatlicher Alimentierung und Patronage auf der einen Seite und zivilgesellschaftlicher Einbettung und Orientierung auf der anderen Seite aushalten? Es steht eine Entscheidung darüber an, ob er sich stärker zu einer staatlichen Agentur der Krisenprävention und Friedensförderung - zu einer friedenspolitischen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit - entwickeln möchte oder ob er sich auf den Weg der vollen Erschließung bzw. Rückgewinnung seines zivilgesellschaftlichen Handlungspotenzials begibt. Dazu würde auch die Wieder- und Neuentdeckung seiner in die neuen sozialen Bewegungen zurückreichenden Wurzeln gehören.

Anders als dies vielleicht auf den ersten Blick erscheint, ist das keine Frage des Entweder-oder. Es geht nicht darum, alte Gräben und Frontstellungen zwischen Staat und Zivilgesellschaft aufzureißen. Doch ebenso wenig darf staatliche Vereinnahmung mit Kooperation zwischen gleichberechtigten Partnern verwechselt werden, die jeweils von gefestigten Identitäten aufeinander zugehen können müssen. Nur so ist es möglich, dass sich die jeweiligen Stärken und Vorteile in einer gemeinsamen Arbeit zu einem synergetischen Mehrwert ergänzen, der von einer Seite allein nicht zu erbringen wäre. Demokratische Staaten brauchen das kritische und konstruktive Gegenüber der Zivilgesellschaft. Moderne Gesellschaften im Norden wie im Süden sind durch staatliche Verwaltungen allein nicht mehr zu steuern. Voraussetzung für politische Mitverantwortung zivilgesellschaftlicher Akteure ist ein ausreichend verlässlicher Raum für Kritik und eigenständige Initiativen. Kritik an staatlichen Institutionen ist kaum glaubwürdig, wenn z.B. die ZFD-Organisationen finanziell und ordnungspolitisch von diesen abhängig sind.

Der ZFD kann und darf sich nicht darauf verlassen, dass die Aufgeschlossenheit und das Wohlwollen zumindest von Teilen der politischen Klasse unverändert und für alle Zeit erhalten bleiben. Mit der Veränderung der parlamentarischen Mehrheitsverhältnisse nach den Bundestagswahlen im vergangenen Herbst hat die Generation von rot-grünen Politikern, die die Idee des Zivilen Friedensdienstes maßgeblich mit materialisiert hat und auch weiterhin unterstützt, an politischem Einfluss verloren. Unter der großen Koalition ist eine Neubewertung des ZFD zu erwarten. Mit großer Wahrscheinlichkeit wird ein stärker staatszentriertes Verständnis von Außen-, Sicherheits- und Entwicklungspolitik Platz greifen. Zudem ist absehbar, dass der Zivile Friedensdienst noch mehr als in den vergangenen Jahren nach Effizienzkriterien beurteilt und gefördert werden wird. Die einschlägigen Festlegungen im Koalitionsvertrag (2005) beschränken sich auf die Ankündigung, den Aktionsplan der Bundesregierung zur Zivilen Krisenprävention umsetzen zu wollen (a.a.O., S. 154).

Wird dieser Übergang nicht aktiv gestaltet, könnten sich die Geburtsfehler im Verhältnis zwischen staatlichen Institutionen und ZFD eher noch verstärken. Naturgemäß gab es von Anfang an innerhalb der ministerialen Verwaltungen nur ein begrenztes Verständnis für die Spezifik des ZFD. Der zivilgesellschaftliche Diskurs ist zwar in aller Munde, doch was dies an Herausforderungen für den strukturellen Umbau der deutschen Politik und den mentalen Sinneswandel jedes einzelnen Referatsleiters und Referenten bedeutet, wurde erst nur ansatzweise verinnerlicht. Vor Ort, in den Krisengebieten, werden die ZFD-Projekte von den Vertretern der Botschaften, der GTZ und der Parteienstiftungen in aller Regel nicht als Teil eines koordinierten politischen »Auftritts« staatlicher, parteipolitischer, zivilgesellschaftlicher und anderer Akteure wahrgenommen. Es gibt noch zu wenig Abstimmung, geschweige denn Vernetzung und Kooperation. Das indifferente Nebeneinander, das für die Aktivitäten deutscher Stellen und Organisationen im Ausland so charakteristisch ist, gilt auch für das Verhältnis zu den Projekten des ZFD.

Auf der Seite des ZFD wird das Gefühl der Inferiorität gegenüber staatlichen Stellen noch zu oft verinnerlicht. Nicht wenige in den Organisationen und Projekten nehmen es hin, nur ein kleines Beiboot der staatlichen Außen- und Entwicklungspolitik zu sein. Aufwendige Antrags- und Berichtsverfahren tun das Übrige. Unter dem Bürokratisierungs- und Professionalisierungsdruck laufen die Entsendeorganisationen Gefahr, sich von ihrer natürlichen sozialen Basis zu entfremden. Basisgruppen üben Kritik oder wenden sich ab, weil ihnen die Nähe zu den Ministerien zu groß erscheint. In den Krisengebieten agieren ZFD-Projekte hauptsächlich auf der Graswurzelebene ohne ausreichende Verknüpfung zu anderen Akteuren und Vorhaben. Es ist noch immer nicht selbstverständlich, selbstbewusst auf Botschaften und andere deutsche und internationale Vertreter zuzugehen und Informationen nachzufragen und Abstimmung einzufordern.

Schlussfolgerungen

Die Empfehlung kann aber deshalb nicht lauten, künftig kein Geld mehr vom Staat anzunehmen. Im Gegenteil, für eine mittelfristige Zeitspanne besteht ein deutlich höherer Bedarf. Der Staat muss das, was er begonnen hat, zu einem guten Ende bringen. Ein solches gutes Ende könnte z.B. in einer unabhängigen Stiftung bestehen, die - sinnvollerweise unter Einbeziehung von Vertretern des BMZ und des AA - in zivilgesellschaftlicher Eigenregie zu verwalten wäre. Darüber hinaus müssten natürlich zusätzliche Finanzquellen aufgetan werden. Überhaupt führt der Weg hin zu einer eindeutiger konturierten zivilgesellschaftlichen Identität nicht über strikte Abgrenzung gegenüber Staat und Wirtschaft, sondern eher über die Bestätigung der spezifischen Handlungsvorteile im Vergleich zu anderen Akteuren. Diese unter den veränderten Bedingungen noch einmal genau zu definieren, dazu kann die Entwicklung von Regional- und Länderstrategien, die derzeit innerhalb des ZFD im Gang ist, einen wichtigen Beitrag leisten.

Am Beispiel der Regional- und Länderstrategien ließe sich demonstrieren, in welche Richtung diese Überlegungen gehen könnten. Eigene Strategien setzen eine eigene Konfliktanalyse voraus. Die Formulierung der Strategie verlangt wiederum Festlegungen, wie und mit welchen spezifischen Zielen sich die Projekte des ZFD in die Akteurskonstellation einpassen wollen, die sich zur Bearbeitung des jeweiligen Konfliktes formiert hat. Nicht zuletzt wäre stärker das Besondere der eigenen Rolle im Konfliktkontext zu reflektieren und zu definieren. Hier wird von den Friedensfachkräften vor Ort ein hohes Maß an Selbstbewusstsein und Kompetenz verlangt, wollen sie neben ihren Projektaufgaben z.B. auch die Funktion des »watch dog« wahrnehmen, der gemeinsam mit anderen internationalen und lokalen zivilgesellschaftlichen Organisationen die Gesamtentwicklung des Konflikts im Auge behält, auf die Einhaltung der durch die verschiedenen Seiten eingegangenen Verpflichtungen achtet sowie auf Transparenz in den Beziehungen zwischen den internationalen Akteure dringt.

In dem Maße, wie die spezifische zivilgesellschaftliche Identität und die Handlungsressourcen des ZFD entfaltet werden, wächst auch seine Legitimität gegenüber den staatlichen Stellen zu Hause und gegenüber den Zielgruppen. Mehr noch als Projekte der Entwicklungszusammenarbeit sind Friedensprojekte auf die Akzeptanz seitens der angesprochenen Konfliktparteien und ihrer jeweiligen sozialen Umgebung angewiesen. Da kann es sich unter Umständen nachteilig auswirken, wenn sich die Projekte zu sehr auf eine vom Staat geliehene Legitimität stützen. Zu einem glaubwürdigen Status der Überparteilichkeit müssen auch einige materielle Bedingungen erfüllt sein. Dazu gehört sicherlich eine unabhängige Finanzierung, aber auch und vor allem ein überzeugendes und selbstbewusstes Standing als Repräsentant der deutschen und europäischen Zivilgesellschaft.

Literatur

Die Bundesregierung (2004): Aktionsplan »Zivile Krisenprävention, Konfliktlösung und Friedenskonsolidierung«. Verfügbar unter: http://www.auswaertigesamt.de/www/de/aussenpolitik/friedenspolitik/ziv_km/aktionsplan_html. [15.02.06]

Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD (2005). Voltmedia, Paderborn - Verfügbar unter: http://www.spd.de/servlet/PB/show/1589444/111105_Koalitionsvertrag.pdf. [06.03.06]

Dr. rer. pol. Lutz Schrader ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Koordinator im Weiterbildungsstudium Master of Peace Studies am Institut Frieden und Demokratie der FernUniversität Hagen. Sein Forschungsschwerpunkt umfasst insbesondere die Theorie des demokratischen Friedens und das Handeln zivilgesellschaftlicher Akteure in gewaltsamen Konflikten. Seit 2003 ist er Koordinator von Transcend Deutschland.