Konfliktkompetent in fünf Minuten?!

Konfliktkompetent in fünf Minuten?!

Zur Vermittlung konfliktpsychologischer Erkenntnisse durch Videos

von Mathias Jaudas, Heidi Ittner und Jürgen Maes

Der Großteil der deutschen Bevölkerung nutzt das Internet, 78 % sind
in sozialen Medien aktiv und 47 % der Deutschen nehmen digitale Lernangebote in Anspruch. Kann moderne Friedensarbeit demnach nicht auch online stattfinden, um die Menschen dort abzuholen, wo sie sich einen Großteil ihrer Zeit selbstbestimmt aufhalten? Der Beitrag beleuchtet die Potenziale und Herausforderungen einer online- und videobasierten Kompetenzvermittlung. Aus psychologischer Perspektive gehen wir der Frage nach, ob Videoformate in der Lage sind, Konfliktkompetenzen zum konstruktiven Umgang mit sozialen Konflikten zu verbessern.

Seit den 1970er Jahren ist sich die psychologische Konfliktforschung einig: Konflikte sind Chancen, wenn wir ihnen kompetent begegnen. Insbesondere die psychologische Mediationsforschung, die Kommunikations- aber auch die Gerechtigkeitspsychologie liefern handlungspraktisches Anwendungspotenzial, das für kooperative und gewaltfreie Konfliktlösungen im Alltag genutzt werden kann. Doch bislang verbleibt der größte Teil wissenschaftlicher Erkenntnisse zum Umgang mit sozialen Konflikten dort, wo er entstand: in den Köpfen und Fachpublikationen der Expert*innen. Dabei vertrat der Psychologe George A. Miller schon 1969 die Ansicht, dass die Psychologie als Wissenschaft ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden sollte, indem sie psychologisches Wissen an die Öffentlichkeit weitergibt und damit zur Lösung individueller, aber auch gesellschaftlicher Herausforderungen beiträgt und Wohlergehen fördert (vgl. Miller 1969). Heutzutage wird diese gesellschafts- und bildungspolitisch initiierte Zielstellung durch die »Third Mission«-Bewegung wieder aufgegriffen und zunehmend prominent platziert.

Schritt Eins: Conflict Food – ein medialer Vermittlungsansatz entsteht

Unter dem Arbeitstitel »Conflict Food« entwickeln wir seit 2018 einen medialen Ansatz zur Vermittlung konfliktpsychologischer Erkenntnisse an die Bevölkerung – mit dem Ziel, die individuelle und gesellschaftliche Konfliktkompetenz zu verbessern. Dazu haben wir für Conflict Food einen online-basierten Multi-Level-Multi-Channel-Ansatz entwickelt, der verschiedenen Vermittlungskanälen (z. B. Twitter, YouTube, Websites) verschiedene Medienformate (z. B. Posts, Videos, Fact Sheets) zuweist, die jeweils ein spezifisches Verhältnis von Unterhaltung und Lernen aufweisen und somit mehr oder weniger implizites Lernen ermöglichen (siehe Abbildung 1 auf Seite 36).1 Grundannahme hier: Zunächst generieren wir durch attraktive Unterhaltungsformate Aufmerksamkeit, während wir den Transferanspruch geringhalten, um die Menschen dort abzuholen, wo sie sich in ihrer Freizeit aufhalten (Level 1). Haben wir Reichweite und damit Aufmerksamkeit gewonnen, können andere Formate, die zunehmend dem expliziten Lernen dienen, angeboten werden (Level 2-5) (vgl. Jaudas 2020).

Konzepte und erste Evaluation des Ansatzes

Bei der Auswahl konfliktpsychologischer Inhalte für die Conflict Food-Materialien kommt in unserem Ansatz dem gerechtigkeitspsychologisch fundierten Mediationskonzept von Leo Montada und Elisabeth Kals eine zentrale Bedeutung zu (vgl. Montada und Kals 2013). Dieses liefert ein Modell sozialer Konflikte, das subjektiv erlebte Norm- oder Anspruchsverletzungen in den Mittelpunkt stellt und darauf basierend Bearbeitungsmöglichkeiten ableitet. Weiter geben kognitive Emotionsmodelle Hinweise darauf, wovon wir in konkreten Konfliktsituationen überzeugt sind, damit wir etwa Empörung, Neid oder Feindseligkeit empfinden. Aus all dem lassen sich Rückschlüsse auf die sogenannte Tiefenstruktur der Konflikte ziehen, d. h. die eigentlichen Beweggründe für die vertretenen Positionen. Eine Annäherung der Konfliktparteien wird durch verschiedene Relativierungstechniken möglich, die etwa konfliktverhärtende assertorische Urteilstendenzen (z. B. „Ich habe Recht, sonst niemand.“) durch ein Denken in Alternativen, dem hypothetischen Urteilen (z. B. „Inwieweit sieht es der andere anders als ich?“), aufweichen.

Auf dieser Basis verstehen wir Konfliktkompetenz also als Fähigkeit, sich in Konfliktsituationen auf alternative Ansichten und Erklärungsmöglichkeiten einlassen zu können, sich der Tiefenstruktur von Konflikten bewusst zu sein und darauf aufbauend eine für alle Konfliktparteien vorteilhafte Lösung entwickeln zu können (vgl. Jaudas und Maes 2021).

Um verlässlich Auskunft zu geben, ob die medialen Formate von Conflict Food konfliktspezifische Kompetenzen verbessern können, haben wir ein eigenes Messinstrument entwickelt: das Inventar mediationsspezifischer Konfliktkompetenz (IMKK). Basierend auf einem Kompetenzbegriff von Erpenbeck (2010) unterscheidet das IMKK die drei Kompetenzfacetten Wissen, Fähigkeit und Erfahrung. Zudem erlaubt die aktuelle Version eine Differenzierung in je vier verschiedene Teilkompetenzen, die sich aus dem oben geschilderten Mediationskonzept von Montada und Kals ableiten: (1) Verständnis sozialer Konflikte, (2) Oberflächen- vs. Tiefenstruktur, (3) Relativierungstechniken sowie (4) Konflikttranszendierung und Win-Win-Lösung (vgl. Jaudas 2020).

Die bisherigen Evaluationen fokussierten die Wirksamkeit eines für Conflict Food entwickelten Erklärvideoformats. In den ca. fünfminütigen Videos erläutert ein Sprecher aus der Expert*innenperspektive die vier aus dem Mediationskonzept abgeleiteten Teilkompetenzen. Die Vermittlung nutzt eine einfache Sprache, veranschaulichende Beispiele und eine reduzierte Visualisierung.

Eine experimentelle Kontrollgruppenstudie mit einer annähernd bevölkerungsrepräsentativen Quotenstichprobe (N = 499) belegt, dass die Nutzung der Videoformate die Konfliktkompetenz signifikant verbessert. Die Gruppe der Nutzer*innen, die die Videos gesehen hatte, zeigt im IMKK höheres konfliktspezifisches Wissen (dCohen = 1.202), verbesserte Anwendungsfähigkeit (dCohen = .82) und berichtet konfliktkompetenteres Verhalten (dCohen = .32). Eine Folgeerhebung bestätigte sechs Monate nach dem Anschauen der Videos signifikante Langzeiteffekte in allen Kompetenzfacetten. Die Evaluation der Erklärvideos spricht somit grundsätzlich dafür, dass durch ihren Einsatz Konfliktkompetenzen verbessert werden können. Nun galt es, attraktivere Videoformate zu entwickeln und auch für niedrigere Ebenen des Multi-Level-Multi-Channel-Ansatzes zu testen.

Schritt zwei: Können auch virale Videoformate Konfliktkompetenzen verbessern?

Das Ziel der sich anschließenden Studie3 bestand darin, ein Videokonzept zu entwickeln, das sich besser für eine virale Verbreitung auf Social-Media-Plattformen eignen und Reaktanzen4 seitens der Nutzer*innen vermeiden sollte, wie sie teilweise bei den Erklärvideoformaten beobachtet werden konnten. Das neue Format ordnet sich im Multi-Level-Multi-Channel-Ansatz (vgl. Abbildung 1) damit auf einer niedrigeren Stufe ein: Der Unterhaltungsanteil steigt im Vergleich zum Lernanteil und der Transfer des Konfliktwissens erfolgt stärker implizit.

Von anderen Laien lernen: Peer-to-Peer Videos

Aus der Forschung zur Sozialkognitiven Lerntheorie wissen wir, dass die Wahrscheinlichkeit für ein erfolgreiches Modelllernen steigt, wenn das Modell dem Lernenden ähnlich ist (z. B. Davidson und Smith 1982). Auf dieser Grundlage entstand die Idee, einen symmetrischen Transferansatz zu wählen, bei dem – im Gegensatz zum bisherigen Format – die Darstellung der Inhalte nicht aus Expert*innenperspektive, sondern aus Sicht von Laien erfolgen sollte. Das Format berücksichtigt damit potenzielle Widerstände seitens der Nutzer*innen aufgrund einer als eher normativ erlebten Vermittlung durch »belehrende Expert*innen«. Damit ist zugleich eine Stärkung des Edutainment-Ansatzes verbunden, denn das Beobachten erhält durch die Eigenheiten der darstellenden Laien unterhaltsame Komponenten und bedient als weiteres Nutzungsmotiv das Interesse, andere Menschen in ihren Besonderheiten kennenzulernen, vergleichen und bewerten zu können.

Dazu bekommen Laien eine kurze Einführung in das Thema durch Expert*innen und versuchen später, diese Inhalte knapp, verständlich und in eigenen Worten selbst in einer Videosequenz zu vermitteln. Das ist auch als Reaction­video möglich, bei dem eine Person live auf filmische Konfliktepisoden in einer Videosequenz reagiert, diese also in eigenen Worten kommentiert. Durch die Auswahl eines diversen Personenpools für diese Videos werden diese abwechslungsreicher und bieten eine größere Vielfalt an Identifikationsmöglichkeiten für Nutzer*innen.

Um herauszufinden, wie gut ein solches Videoformat im Vergleich zu den bereits evaluierten Erklärvideoformaten in der Lage ist, Konfliktkompetenzen zu verbessern, haben wir ein circa fünfminütiges Reactionvideo produziert, das die Differenzierung zwischen der Oberflächen- und Tiefenstruktur von Konflikten thematisiert. Zur Erfassung eines möglichen Kompetenzzuwachses beantworteten die Proband*innen im Anschluss die Fragen der Wissens- und der Fähigkeitsfacette des IMKK. Zusätzlich wurden die Proband*innen gebeten, das Videoformat anhand der Kriterien Alltagsnutzen, Unterhaltsamkeit, neue Informationen und genereller Präferenz (Liking) zu bewerten.

Ergebnisse der vergleichenden Evaluationen

Nachdem die Proband*innen das Reactionvideo gesehen haben, zeigen sie mit Blick auf die Wissensfacette signifikant höhere Werte als zuvor (dCohen = .45). Im Vergleich dazu lieferte allerdings das inhaltlich korrespondierende Erklärvideo der Expert*innen eine höhere Effektstärke (dCohen = .77). Auch im Hinblick auf eine mögliche Veränderung der Fähigkeitsfacette steigen die Werte nach dem Anschauen des Reactionvideos signifikant (dCohen = .29), wenngleich die Effektstärke des Erklärvideos auch in dieser Kompetenzfacette größer ist (­dCohen = .52). Bezüglich der Wirksamkeitsevaluation lässt sich demnach feststellen, dass auch das Reactionvideoformat in der Lage ist, die hier überprüften wissens- und fähigkeitsbasierten Kompetenzfacetten signifikant zu verbessern. Dass die Effektstärken im Vergleich zum Erklärvideoformat geringer ausfallen, entspricht den Erwartungen, denn der Anteil expliziter Wissensvermittlung ist im Reactionformat auch deutlich geringer als im Erklärvideoformat.

Entgegen den Erwartungen jedoch wurde das Reactionvideo im Zuge der Produktevaluation überwiegend schlechter bewertet als das Erklärvideoformat: Das Erklärvideo liefert subjektiv einen höheren Alltagsnutzen (dCohen = .41), vermittelt mehr neue Informationen (dCohen = .59) und zeigt insgesamt höhere Präferenzwerte (dCohen = .33). Mit Blick auf die wahrgenommene Unterhaltsamkeit beider Videoformate konnten – ebenfalls entgegen den Erwartungen – keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden (dCohen = .10,
p = .376). Leider kann zu den Gründen dieser Ergebnisse aufgrund der begrenzten Datenlage zum jetzigen Zeitpunkt nur spekuliert werden. Eine Erklärung könnte darin bestehen, dass die allgemeine Produktionsqualität der Erklärvideos höher ist als die des Reac­tionvideos und daraus eine pauschalisierte Präferenz für das Erklärvideoformat entstanden ist. Auch Stichprobeneffekte sind nicht auszuschließen, da es sich hier nicht um einen direkten Vergleich beider Videoformate gehandelt hat, sondern die Proband*innen jeweils nur ein Format bewertet haben und sich die beiden Stichproben in Hinblick einiger soziodemografischer Variablen signifikant unterscheiden.

Ein kritischer Blick auf die Wirksamkeit

Wenngleich die Ergebnisse der bisherigen Wirksamkeitsanalysen konsistente Verbesserungen in den getesteten Kompetenzfacetten zeigen, sind diese Ergebnisse zum aktuellen Zeitpunkt mit Vorsicht zu interpretieren, insbesondere aufgrund der bisher eingeschränkten Datengrundlage. Das IMKK liefert valide Ergebnisse in Hinblick auf die Kompetenzfacetten Wissen und Fähigkeit. Doch eine Steigerung von konfliktspezifischem Wissen und Fähigkeiten sagt noch nichts darüber aus, ob sich auch das faktische Verhalten im Umgang mit sozialen Konflikten ändert. Im Einklang mit der psychologischen Konfliktstilforschung nutzt das IMKK in der Erfahrungsfacette ausschließlich Selbstauskunftsitems (z. B. „In Streitigkeiten und Konflikten frage ich mich, ob die andere Konfliktpartei für ihr Fehlverhalten verantwortlich ist.“). Aus aktuellen Studien wissen wir jedoch, dass Menschen bei der Beschreibung des eigenen Konfliktverhaltens einer starken kognitiven Verzerrung unterliegen, mit der sie ihr eigenes Verhalten nahe an dem für sie gültigen normativen Ideal orientieren. Mit anderen Worten tendieren wir dazu, unser eigenes Konfliktverhalten so zu beschreiben, wie wir glauben, dass man sich im Idealfall verhalten sollte. Positiv interpretiert bedeutet dies, dass die Videos dabei unterstützen, dass die Nutzer*innen ihr normatives Ideal verschieben. Es bleibt auf der bestehenden Datenlage aber ungewiss, ob die Videos auch dabei helfen, den alltäglichen Umgang mit Konflikten zu verändern.

Ergänzend dazu muss berücksichtigt werden, dass die Videoformate bislang noch nicht im realen Umfeld verschiedener Social-Media-Plattformen konsumiert wurden. Dieser Umstand ist für die Wirksamkeitsevaluation nicht zentral. Für die Frage, ob es letztlich gelingen kann, über derartige videobasierte Angebote Konfliktkompetenzen zu verbessern, ist er jedoch essenziell. Hier wird deutlich, dass die Vermittlung konfliktpsychologischer Erkenntnisse weitere Hürden nehmen muss: Es reicht nicht, wenn Transferangebote existieren. Sie müssen attraktiv sein und die Bedürfnisse und Präferenzen von Nutzer*innen berücksichtigen. Kurz gesagt: Nützlichkeit setzt Nutzung voraus.

Chancen videobasierter Transferkonzepte

Doch aus unserer Sicht lohnt es sich, an der Überwindung der genannten Hürden zu arbeiten.

In zukünftigen Studien wird die Wirksamkeitsevaluation um verhaltensnahe Daten zu ergänzen sein, um herauszufinden, ob Verhaltensänderungen im Alltag erzielt werden können. Das kommt nicht nur einer valideren Evaluation zugute, sondern hilft uns auch in der anwendungsorientierten Konfliktforschung. Die zentralen Forschungsfragen lauten: Unter welchen Voraussetzungen werden konfliktspezifisches Wissen und Fähigkeiten in entsprechendes Handeln überführt? Welche Personen- und Umweltmerkmale verhindern bei vorhandenem Wissen die alltägliche Ausführung konfliktkompetenter Verhaltensweisen? Wie können diese verändert werden?

Auch die Herausforderung, die Videoformate außerhalb experimenteller Evaluationsstudien auf Social-Media-Plattformen zu verbreiten, kann und sollte angenommen werden. Der Schlüssel liegt hier in einer gelebten Selbstbescheidung: Wissenschaftler*innen sollten sich eingestehen, dass es Expert*innen insbesondere aus der Kreativwirtschaft braucht (z. B. Videoproduktion, Online-Marketing), um ein attraktives Produkt herzustellen, um Reichweite und damit Aufmerksamkeit zu gewinnen. Die idealistische Überzeugung, sich für eine gesellschaftlich relevante und nützliche Sache zu engagieren, setzt übliche Marktgesetze allein nicht außer Kraft. Gerade der Wettbewerb um Aufmerksamkeit in hochdynamischen Systemen wie YouTube und anderen sozialen Netzwerken ist ohne professionelle Expertise und die dafür notwendigen Ressourcen nur schwer zu gewinnen.

Mit dem Forschungs- und Transferprojekt »KOKO. Konflikt und Kommunikation«5 gehen wir diese und weitere Herausforderungen an. Ein interdisziplinär aufgestelltes Forscher*innenteam aus Psychologie, Journalistik und Politikwissenschaft hofft so, zur Verbesserung gesellschaftlicher Konfliktkompetenz beitragen zu können – auch wenn es mehr als fünf Minuten in Anspruch nehmen sollte.

Anmerkungen

1) Grundlage des Ansatzes sind Impulse aus der Sozialkognitiven Lerntheorie, dem Lernen durch Beobachtung (Bandura 1976) und dem Edutainment-Ansatz.

2) Effektstärkemaß Cohen’s d: Hier beschreibt es die Größe bzw. die Bedeutsamkeit von vorliegenden Unterschieden zwischen der Experimental- und der Kontrollgruppe und damit die Bedeutsamkeit des Kompetenzzuwachses. Nach Cohen (1988) gilt dCohen ˜ .20 als kleiner Effekt, dCohen ˜ .50 als mittlerer Effekt und dCohen > .80 als großer Effekt.

3) »Entwicklung und Evaluation eines Reactionvideos im Peer-to-Peer-Transfer«. Diese Studie wurde durch den Small Grant 2020 des Forums Friedenspsychologie e.V. gefördert.

4) Reaktanz meint die Ablehnung vorgegebener Verhaltensweisen, weil diese den Handlungsspielraum der Adressaten einschränken. Menschen verhalten sich reaktant, um Freiheit wiederzuerlangen und nicht, weil sie inhaltlich anderer Meinung sind.

5) »KOKO. Konflikt und Kommunikation« wird durch das dtec.bw®-Zentrum für Digitalisierungs- und Technologieforschung der Bundeswehr von 2021-2024 gefördert.

Literatur

Bandura, A. (1976): Lernen am Modell. Ansätze zu einer sozial-kognitiven Lerntheorie. Stuttgart: Klett.

Cohen, J. (1988): Statistical power analysis for the behavioral sciences (2nd ed.). Hillsdale, N.J.: L. Erlbaum Associates.

Davidson, E. S.; Smith, W. P. (1982): Imitation, social comparison, and self-reward. In: Child Development 53(4), S. 928-932.

Erpenbeck, J. (2010): Kompetenzen – eine begriffliche Klärung. In: Heyse, V.; Erpenbeck, J.; Ortmann, S. (Hrsg.): Grundstrukturen menschlicher Kompetenzen. Münster: Waxmann, S. 13-20.

Jaudas, M. (2020). Psychologie Weitergeben. Entwicklung und Evaluation eines online-basierten Programms zur Vermittlung mediationsspezifischer Konfliktkompetenz. Dissertation an der Universität der Bundeswehr München. Neubiberg: Universität der Bundeswehr München Fakultät für Humanwissenschaften.

Jaudas, M.; Maes J. (2021): Der soziale Konflikt. Durch psychologische Begriffsarbeit zu einer verbesserten Konfliktbearbeitung. In: Konfliktdynamik 10(1), S. 21-28.

Miller, G. A. (1969): Psychology as a means of promoting human welfare. In: American Psychologist 24(12), S. 1063-1075.

Montada, L.; Kals, E. (2013): Mediation: psychologische Grundlagen und Perspektiven (3. Aufl.). Weinheim: Beltz.

Dr. Mathias Jaudas, Psychologe, leitet das Forschungsprojekt »KOKO. Konflikt und Kommunikation«. Hier beschäftigt er sich mit Eskalationsdynamiken sozialer Konflikte und entwickelt ein mediales Transferkonzept zur Weitergabe konfliktpsychologischer Erkenntnisse an die Bevölkerung.
Dr. Heidi Ittner, Psychologin, ist Mitarbeiterin im Projekt »KOKO«. Ihre Forschungs- und Praxisschwerpunkte liegen im Konfliktmanagement, v.a. der Mediation, und der Gerechtigkeitspsychologie. Daneben ist sie freiberuflich in der Körperarbeit und im Coaching tätig.
Prof. Dr. Jürgen Maes, Psychologe, ist Professor für Sozial- und Konfliktpsychologie an der Universität der Bundeswehr München. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Gerechtigkeitspsychologie und der angewandten Sozialpsychologie. Seit 2021 leitet er gemeinsam mit Mathias Jaudas das Forschungsprojekt »KOKO«.

Frieden lernen

Frieden lernen

Eine Einführung in die Psychologie des Verhandelns

von Marie-Lena Frech

Im Folgenden stellt Marie-Lena Frech einige Grundlagen der psychologischen Verhandlungsführung dar und unterstreicht die Bedeutung dieser Kulturtechnik für das Erlernen und Bewahren von Frieden.

Verhandlungen helfen uns dabei, soziale Konflikte zu lösen. So verhandeln Partner*innen in einer Beziehung beispielsweise über die Aufteilung der Aufgaben im Haushalt, Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen über das Gehalt, Gewerkschaften und Arbeitgeber über Arbeitskonditionen und Nationen über die Aufteilung begrenzter Ressourcen. Die Fähigkeit, Konflikte friedlich zu lösen und eine gemeinsame Lösung zu erarbeiten, ist demnach eine Grundvoraussetzung für das menschliche Zusammenleben.

Grundsätzlich lassen sich Verhandlungen beschreiben als Diskussionen zwischen zwei oder mehreren Parteien mit dem Ziel, konkurrierende Interessen zu beseitigen, um zu einer Übereinkunft zu kommen und somit soziale Konflikte zu vermeiden (Pruitt und Carnevale 1993, S. 2). Verhandlungsparteien können hierbei Einzelpersonen sein oder auch Gruppen, Organisationen oder Nationen. Durch den Eintritt in die Verhandlung erhoffen sich die Parteien, dass die Konflikte im Sinne ihrer Interessen bezüglich einzelner Verhandlungsgegenstände gelöst werden können. Verhandlungen können dabei einen oder mehrere Verhandlungsgegenstände umfassen.

So verhandelten beispielsweise die Konfliktparteien im Rahmen des Dayton-Friedensvertrags über die Aufteilung Bosniens und Herzegowinas in eine serbische und eine kroatisch-muslimische Teilrepublik. Bei dieser Aufteilung stand die Begrenztheit des Territoriums und das damit verbundene Verteilungsproblem im Vordergrund. Jede Partei strebte danach, so viel Territorium wie möglich für sich zu beanspruchen. Die Fachliteratur spricht in diesem Zusammenhang auch von einem Nullsummenspiel, da zusätzlicher Wert für die eine Partei nur durch Kosten der anderen Partei entstehen kann (vgl. Thompson 1990, S. 101).

Häufig sind Verhandlungen jedoch komplexer und beinhalten mehrere Verhandlungsgegenstände gleichzeitig. So wurde im Dayton-Abkommen neben der territorialen Aufteilung etwa auch über den Namen und weitere verfassungsrechtliche Grundlagen des Staates Bosnien und Herzegowina verhandelt. Auch wenn Verhandlungen mit zunehmender Anzahl an Verhandlungsgegenständen komplexer werden, nehmen dadurch gleichzeitig die Möglichkeiten zu, für alle Parteien zufriedenstellende Einigungen herbeizuführen. Durch die Kooperation der Verhandlungsparteien bei der Bearbeitung der Gegenstände kann sich der gemeinsame Nutzen erhöhen und sogenannte »Win-Win«-Lösungen erzielt werden. Die Fachliteratur nennt dies »integrative Verhandlungen« (Kelman 2006, S. 22). Verglichen mit der Aufteilung eines Kuchens, geht es bei integrativen Verhandlungen darum, den Kuchen zu vergrößern und anschließend möglichst gerecht zu verteilen, so dass alle Parteien mehr davon bekommen und zufrieden auseinander gehen.

Den Kuchen vergrößern

Oftmals starten wir in Verhandlungen mit der Annahme, dass die andere Konfliktpartei hinsichtlich der einzelnen Verhandlungsgegenstände die gleichen Präferenzen hat wie wir. Dabei ist es jedoch häufig so, dass die Verhandlungsparteien die einzelnen Verhandlungsgegenstände unterschiedlich stark präferieren (vgl. Thompson 1990, S. 101). Wenn Arbeitgeber und Gewerkschaften beispielsweise über Löhne, Wochenstunden und Betriebsrenten verhandeln, könnte der Fall eintreten, in dem die Gewerkschaften höhere Löhne kürzeren Arbeitszeiten vorziehen, während den Arbeitgebern die Erhöhung der Wochenstunden wichtiger ist als die Ersparnis bei den Löhnen.

Wenn mehrere Verhandlungsgegenstände verhandelt werden und für diese je unterschiedliche Präferenzen bestehen, können Tauschgewinne erzielt werden (vgl. Froman und Cohen 1970, S. 181). Für unser Beispiel bedeutet dies, dass sich Arbeitgeber und Gewerkschaften auf eine Arbeitszeiterhöhung und eine Anhebung der Löhne einigen. Durch gegenseitige Zugeständnisse werden die Präferenzen beider Parteien berücksichtigt. So machen die Arbeitgeber Zugeständnisse bei den Löhnen, die für sie niedrigere Priorität haben, aber für die Gewerkschaften von zentraler Bedeutung sind. Im Gegenzug wird erwartet, dass die Gewerkschaften den Arbeitgebern bei den Arbeitszeiten entgegenkommen, die für die Gewerkschaften eher zweitrangig sind, jedoch hohe Priorität für die Arbeitgeber haben.

Im Kern beruht dieser Ansatz auf dem psychologischen Prinzip der sogenannten Reziprozität – dem Gesetz der Gegenseitigkeit. Wenn uns unser Gegenüber etwas Gutes tut, sind wir bemüht, unser Haben-Konto auszugleichen und eine Gegenleistung zu erbringen (vgl. Brett, Shapiro und Lytle 1988, S. 411). Prinzipiell gilt: je mehr Verhandlungsgegenstände auf dem Tisch liegen, desto eher bestehen Austauschmöglichkeiten.

Damit die vorhandenen Potentiale genutzt werden können, ist es dann aber wichtig, die einzelnen Verhandlungsgegenstände zusammen als Paket und nicht getrennt voneinander zu betrachten (vgl. Weingart, Bennett und Brett 1993, S. 505). Würden Arbeitgeber und Gewerkschaften sich beispielsweise erst bei den Arbeitszeiten einigen und danach über die Löhne verhandeln, würden sie womöglich die Gelegenheit für einen Tauschgewinn versäumen.

Werden neben den individuellen Präferenzen auch noch die zugrundeliegenden Interessen der Parteien berücksichtigt, haben die Beteiligten üblicherweise einen höheren Nutzen als bei einer 50-50 Kompromisslösung (vgl. Bazerman, Mannix und Thompson 1988, S. 205). Zur Veranschaulichung ein bekanntes Beispiel aus der Verhandlungsforschung (vgl. Follet 1940, S. 36): Zwei Schwestern streiten sich um eine Orange. Nach langem Hin und Her einigen sie sich schließlich darauf, die Orange in der Mitte zu halbieren. Während die eine Schwester das Fruchtfleisch ihrer Hälfte verwendet, um einen Saft zu pressen, nimmt die andere Schwester die Schale ihrer Hälfte, um einen Kuchen zu backen. Während also der Kompromiss – die Orange zu teilen – auf den ersten Blick eine gute und faire Einigung darstellt, hätten die Schwestern jeweils einen größeren Gewinn erzielt, hätten sie erkannt, dass ihre Interessen nicht entgegengesetzt, sondern miteinander kompatibel waren. So hätte die eine das ganze Fruchtfleisch und die andere die ganze Schale haben können. Das Beispiel verdeutlicht, wie durch interessenorientiertes Verhandeln ein Nutzen für beide Verhandlungsparteien erzielt werden kann.

Die Frage nach dem „Warum“

Damit Interessenunterschiede genutzt werden können, ist es notwendig diese erst einmal zu erkennen. Der Informationsaustausch zwischen den Parteien ist hierbei eine wesentliche Voraussetzung (vgl. Thompson 1990, S. 111). Hätten die Schwestern sich beispielsweise gegenseitig die Frage gestellt:
„Warum brauchst du die Orange?“, hätten sie relativ schnell feststellen können, dass es bessere Lösungen gibt, als die Orange in der Mitte zu teilen. Im Fokus der Verhandlung sollte daher nicht das Feilschen um Positionen, sondern das Verhandeln über Interessen stehen. Während Positionen einfache Aussagen darüber sind, was eine Person will („Ich will die Orange haben“) beziehen sich die Interessen auf die zugrundeliegenden Gründe hinter der Position („Ich möchte Orangensaft trinken“ und „Ich würde gerne einen Kuchen backen“). Interessen sind also die Treiber, die Aufschluss darüber geben, warum eine Person eine bestimmte Position einnimmt (vgl. Fisher und Ury 1981, S. 42). Durch eine Position kann ein Interesse befriedigt werden, aber eine Position ist nicht zwangsläufig der einzige oder beste Weg, dies zu tun. Kurz gesagt: Positionen sind verhandelbar, Interessen nicht.

Zu oft fokussieren sich Verhandlungsparteien rein auf Positionen, was zur Folge haben kann, dass die zugrundeliegenden Interessen unbefriedigt oder sogar unerkannt bleiben. So wird das integrative Potential einer Verhandlung häufig gar nicht erst erkannt. Ein gegenseitiges Verständnis dafür, was sich die Gegenseite von der Verhandlung erhofft, ist daher essenziell, um Win-Win Lösungen zu erzielen.

Der beste Weg, die Bedürfnisse der Gegenpartei zu identifizieren, ist, viele offene Fragen zu stellen, die nach dem „Warum?“ fragen (z. B. „Warum ist das für Sie wichtig?“). Fragen wie
„Was haben Sie sich vorgestellt?“ sind im Vergleich dazu eher wenig nützlich, da sie nach den Positionen fragen und nicht nach den dahinterliegenden Interessen. Das Beispiel der Schwestern, die sich um eine Orange streiten, stellt auf ziemlich vereinfachte Weise dar, dass es sich lohnt, nach den Interessen einer Verhandlungspartei zu fragen. Doch auch historische Beispiele zeigen, dass interessenbasiertes Verhandeln der Schlüssel zu einer Einigung sein kann. Während der Friedensverhandlungen zwischen Ägypten und Israel im Jahr 1979 war zunächst keine der Parteien bereit, die Sinai-Halbinsel, die zwischenzeitlich von Israel besetzt war, aufzugeben. Die Frage nach dem „Warum?“ machte den Verhandlungsparteien deutlich, dass Ägypten die Souveränität über sein eigenes Staatsgebiet wichtig war, während Israel Sorge hatte, dass bei einer erneuten Konfliktsituation ägyptische Panzer nach Israel vordringen könnten. Die Lösung bestand darin, die Sinai-Halbinsel an Ägypten zurückzugeben und die Zone zu entmilitarisieren. Auf diese Weise fanden beide Verhandlungsparteien nach Jahren des Konflikts kompatible Interessen (Souveränität, Sicherheit) hinter gegensätzlichen Positionen (vgl. Fisher und Ury 1981, S. 43).

Kommunikation und Vertrauen als Grundbausteine

Ein reger Informationsaustausch ist wichtig für die Erarbeitung gemeinsamer Ziele, funktioniert jedoch nur, wenn die richtigen Informationen geteilt werden. Nur wenn alle Verhandlungsparteien ihre wahren Ziele und Interessen offen kommunizieren, lassen sich unterschiedliche Interessen und Präferenzen nutzen. Der Grundstein für die Zusammenarbeit zwischen Verhandlungsparteien lautet daher: Vertrauen. Ohne einen vertrauensvollen Umgang werden Parteien kaum ihre wahren Interessen offenlegen – aus Angst, dass die Gegenseite dieses Wissen missbrauchen könnte (vgl. De Dreu, Giebels und Van de Vliert 1998, S. 406). Vertrauenswürdigkeit wird dabei über transparenten Informationsaustausch hergestellt. Konfliktparteien, die transparent sind, werden meist damit belohnt, dass es ihnen ihre Verhandlungspartner gleichtun. Menschen neigen dazu, auf die Handlungen anderer mit ähnlichen Handlungen zu reagieren: Wenn andere mit uns kooperieren und mit Respekt behandeln, reagieren wir in gleicher Weise (vgl. Malhotra und Bazerman 2007, S. 90). Konfliktparteien müssen allerdings nicht gleich zu Beginn alle Interessen und Ziele offenbaren. Viel eher geht es um einen gemeinsamen Prozess, in dem beide Parteien Schritt für Schritt gegenseitig Informationen miteinander teilen.

Zuhören und verstehen

Aktives Zuhören, bei dem sich der Zuhörende dem Sprechenden mit einer offenen und empathischen Grundhaltung zuwendet, trägt ebenfalls zum Aufbau von Vertrauen bei. Zuhören ermöglicht es uns, zwischen den Zeilen zu lesen und vermittelt dem Sprechenden Kooperationsbereitschaft. Neben dem Aufbau einer vertrauensvollen Beziehung stellt der Perspektivwechsel eine weitere Verhandlungsstrategie dar, um mehr über die Präferenzen und Interessen einer Verhandlungspartei zu erfahren. Verhandlungsparteien, die eine hohe Fähigkeit aufweisen, sich in das Gegenüber hineinzuversetzen, verstehen dessen zugrundeliegenden Interessen besser und können dies nutzen, um höheren Nutzen für alle Parteien zu erzielen (vgl. Trötschel et al. 2011, S. 774). Bei vielen Verhandlungen handelt es sich nicht um einmalige Austauschbeziehungen, sondern um Zusammenkünfte über einen längeren Zeitraum. Ein Verhandlungsklima, das auf Vertrauen und offener Kommunikation beruht, ist besonders wichtig für die langfristige, soziale Beziehung der Verhandlungsparteien. Auch wenn es vielleicht in manchen Situationen kurzfristig vielversprechender erscheinen mag, nicht zu kooperieren und einen schnellen Gewinn einzufahren, wird langfristig genau das Gegenteil erreicht und die Beziehung zum Verhandlungsgegenüber gefährdet.

Die Aufteilung des Kuchens

Erfolgreiches Verhandeln besteht jedoch nicht nur darin, sprichwörtlich gemeinsam einen möglichst großen Kuchen zu backen, sondern sich hinterher auch ein möglichst großes Stück davon zu sichern. Verhandlungen sind demnach immer ein Zusammenspiel von Kooperation und Wettbewerb. Neben der Wertschöpfung gehört auch die Wertverteilung dazu. Der Gedanke des integrativen Verhandelns besteht darin, dass die Parteien in diesem Stadium der Verhandlung bereits eine kooperative Arbeitsbeziehung aufgebaut haben, die ihnen das Verteilen des Kuchens erleichtert. Eine »Win-Win«-Lösung bedeutet in diesem Zusammenhang, dass beide Parteien einen Nutzen erzielen und niemand als Verlierer*in aus der Verhandlung hervorgeht. Die Größe des Gewinns jeder Partei variiert jedoch, abhängig davon, wie der Kuchen aufgeteilt wird, nachdem er vergrößert wurde. Je mehr Optionen bzw. Stücke allerdings auf dem Tisch liegen, desto einfacher werden sich die Parteien einigen.

Frieden verhandeln?

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass viele soziale Konflikte durch Verhandlungen gelöst werden können. Sofern die Verhandlung integratives Potential besitzt, kann durch einen kooperativen Verhandlungsstil, bei dem die Parteien gemeinsam an der Realisierung ihrer Ziele arbeiten, der Wert für alle Parteien erhöht werden. Ein gegenseitiges Verständnis für die Bedürfnisse, Interessen und Präferenzen des jeweils Anderen ist dabei entscheidend, um den Verhandlungsspielraum zu erweitern und Tauschgewinne zu erzielen. Eine offene Kommunikation, die auf gegenseitigem Vertrauen und Transparenz beruht, fördert außerdem den Informationsaustauch und den Aufbau von langfristigen Beziehungen. Der Leitsatz für integrative Verhandlungen lautet demnach: Teamarbeit statt Wettbewerb.

Literatur

Bazerman, M. H.; Mannix, E. A.; Thompson, L. L. (1988): Groups as mixed-motive negotiations. In: Lawler, E.J., Markovsky, B. (Hrsg.): Advances in Group Processes Vol. 5. Greenwich: JAI Press, S. 195-216.

Brett, J. M.; Shapiro, D. L.; Lytle, A. L. (1998): Breaking the bonds of reciprocity in negotiations. In: Academy of Management Journal 41(4), S. 410-424.

De Dreu, C. K.; Giebels, E.; Van de Vliert, E. (1998): Social motives and trust in integrative negotiation: The disruptive effects of punitive capability. In: Journal of Applied Psychology 83(3), S. 408-422.

Fisher, R.; Ury, W. (1981): Getting to yes: Negotiating agreement without giving in. New York, NY: Penguin Books.

Follet, M. P. (1940): Constructive conflict. In: Metcalf, H.C.; Urwick, L. (Hrsg:): Dynamic administration: The collected papers of Mary Parker Follet. New York: Harper and Row, S. 30-49.

Froman Jr, L. A.; Cohen, M. D. (1970): Compromise and logroll: Comparing the efficiency of two bargaining processes. In: Behavioral Science15(2), S. 180-183.

Kelman, H. C. (2006): Interests, relationships, identities: Three central issues for individuals and groups in negotiating their social environment. In: Annu. Rev. Psychol. 57, S. 1-26.

Malhotra, D.; Bazerman, M. (2007): Negotiation genius: How to overcome obstacles and achieve brilliant results at the bargaining table and beyond. Bantam.

Pruitt, D. G.; Carnevale, P. J. (1993): Negotiation in social conflict. Pacific Grove: Thomson Brooks/Cole Publishing Co.

Thompson, L. (1990): Negotiation behavior and outcomes: Empirical evidence and theoretical issues. In: Psychological Bulletin 108(3), S. 515-532.

Trötschel, R. et al. (2011): Perspective taking as a means to overcome motivational barriers in negotiations: When putting oneself into the opponent’s shoes helps to walk toward agreements. In: Journal of Personality and Social Psychology 101, S. 771-790.

Weingart, L. R.; Bennett, R. J.; Brett, J. M. (1993): The impact of consideration of issues and motivational orientation on group negotiation process and outcome. In: Journal of Applied Psychology 78(3), S. 504-517.

Marie-Lena Frech ist wiss. Mitarbeiterin am Forschungszentrum für Digitale Transformation an der Leuphana Universität Lüneburg. Sie forscht zu menschlichem Erleben und Verhalten in Urteils- und Entscheidungssituationen.

Gert-Sommer-Preis 2018

Gert-Sommer-Preis 2018

Die Arbeiten der Preisträger*innen

von Timothy Williams, Ulrike Auge und Sofia Krüger

Auf der Jahrestagung des Forum Friedenspsychologie (siehe Bericht auf S. 58) wurde auch 2018 wieder der Gert-Sommer-Preis für die beste friedenspsychologische Qualifikationsarbeit des vergangenen Jahres verliehen. Der Preis ging an die Dissertation über ein Modell zur »Komplexität des Bösen« von Timothy Williams, in dessen Preisvortrag die komplexen Dimensionen und Verschränkungen in Genoziden an den Beispielen Ruanda und Kambodscha aufgezeigt wurden. Aufgrund der überdurchschnittlichen Qualität der Einreichungen gab es in diesem Jahr auch zwei »Honorable Mention«-Vorträge. Der Beitrag von Ulrike Auge befasste sich mit den Strategien, mit denen Jugendliche in Afghanistan trotz ihrer außerordentlich belastenden Lebenssituation die Adolszenz innerhalb der eigenen Identita¨tsbildung sowie der gesellschaftlich vorgegebenen (Handlungs-) Ra¨ume verhandeln und dabei einen Beitrag zu einer friedlichen Gesellschaft leisten. Sofia Krüger untersuchte, wie die Kirchen im Nordirland-Konflikt mit der Betonung eines Friedensethos eine aktive Politik des »Counterframing« betrieben.
Auf Bitten von W&F verfassten die drei Geehrten kurze Text zu ihren jeweiligen Arbeiten, die wir nachfolgend abdrucken.

Die Komplexität des Bösen

von Timothy Williams

Warum beteiligen sich Menschen an Völkermord? Um diese scheinbar simple Frage zu beantworten, habe ich für meine Dissertation das Modell zur »Komplexität des Bösen« entworfen. Das Modell bedient sich der Soziologie, Politikwissenschaft, Sozialpsychologie, Kriminologie und Anthropologie und ihrer jeweiligen theoretischen, experimentellen und empirischen Einsichten aus verschiedenen Fällen (für die einflussreichste Forschung bisher siehe Browning 2001; Fujii 2009; Hinton 2005; Straus 2006). Hieraus ergibt sich eine konzeptuelle Grundlage, um die Beteiligung individueller Täter*innen und ihre Handlungen im Völkermord zu verstehen. Mein Erkenntnisinteresse liegt nicht bei den Führern, die sich die mörderischen Ideologien ausdenken oder die Policies befehlen, sondern beim Fußvolk, also bei den einfachen Menschen, die diese Pläne in die Realität umsetzen.

Die »Komplexität des Bösen« knüpft explizit an Hannah Arendts ikonische Idee der »Banalität des Bösen« an, dass Handlungen keiner bösen Motivation bedürfen, sondern auch in Gedankenlosigkeit geschehen können. Mein Modell legt den Fokus auf die Vielfältigkeit der verschiedenen Motivationen, zugleich aber auch darauf, dass diese über verschiedene Fälle hinweg vergleichbar sind. Es unterscheidet systematisch zwischen verschiedenen Motivationen, erleichternden Faktoren und Kontextbedingungen und fördert damit ein kausal komplexeres Verständnis von Beweggründen für eine Beteiligung. Das Modell argumentiert aber auch, dass die einzelnen Faktoren eben nicht außergewöhnlich sind und weniger über die Abgründe menschlichen Verhaltens verraten, als dass sie banal, simpel und alltäglich und damit vergleichbar mit den Motivationen für alle möglichen Handlungen im Leben sind.

Motivationen sind der eigentliche Grund an sich, warum sich jemand beteiligt; ohne einen Grund, hätte es die Beteiligung nicht gegeben. Empirisch sind in den meisten Fällen zwei Kategorien von Motivationen zentral, wobei eine volle Auflistung den Rahmen dieses Textes sprengen würde: Gruppendynamiken in der Täter*innen-Gruppe und opportunistische Motivationen. Gruppendynamiken können auf Zwang oder psychologischem Druck durch Vorgesetzte oder Kamerad*innen beruhen, aber auch auf eigenen Bedürfnissen, mit der Gruppe mitzuhalten, eine neue Rolle richtig auszufüllen oder Status innerhalb der Gruppe zu bekommen. Bei opportunistischen Motivationen verspricht sich das Individuum durch die Beteiligung bestimmte Vorteile, wie einen schnelleren Karrierefortschritt, finanzielle Bereicherung durch Beutezüge, Zugang zu begehrten Ressourcen oder auch die Möglichkeit, persönliche Fehden unter dem Deckmantel des Völkermords zu lösen.

Neben Motivationen gibt es auch erleichternde Faktoren, die zwar nicht die eigentliche Motivation sind, sich zu beteiligen, aber das psychologisch einfacher machen oder anderweitig begünstigen. Hier spielen eine große Vielzahl von Faktoren eine Rolle: Gruppendynamiken, die Verantwortung auf andere verschieben lassen, moralische Distanzierungen durch Dehumanisierung, Desensibilisierung über die Zeit und viele mehr. Die Täter*innen sind zwar nur selten tatsächlich ideologisch motiviert, allerdings spielen Ideologien eine sehr wichtige Rolle dabei, einen Rahmen zu schaffen, in dem die genozidalen Handlungen der Täter*innen überhaupt denkbar werden und legitim ausgeübt werden können.

Das abstrakte Modell kann auf verschiedenste Fälle angewendet werden und macht Täterschaft in Ruanda genauso erklärbar wie im Holocaust, in Armenien oder in Kambodscha, obwohl der Kontext dieser Handlungen jeweils ganz unterschiedlich ist. Diese Forschung ist von großer Relevanz, primär um ein Verständnis von Gewaltdynamiken im Völkermord zu erlangen, aber im zweiten Schritt auch, um bessere und passendere Präventionsprogramme aufzulegen. Die Erkenntnisse des Modells legen nahe, dass Projekte, die interethnische Kooperation und Verständnis oder ideologische Facetten betonen, auch ihre Gültigkeit haben, aber eher am breiteren Rahmen ansetzen, der den Handlungen Sinnhaftigkeit verleiht. Programme, die wirklich da ansetzen, wo es auf der Individual­ebene zu einer Motivationsänderung kommen würde, müssten sich stärker mit den Gruppendynamiken innerhalb der Täter*innen-Gruppe sowie mit den Anreizstrukturen zur Beteiligung befassen, damit sich Menschen weniger auf die Gruppendynamiken oder auf die materiellen oder sonstigen Vorteile einlassen müssen oder wollen.

Literatur

Browning, C. (2001): Ordinary Men. New York, NY: Harper Collins.

Fujii, L.A. (2009): Killing Neighbours – Networks of Violence in Rwanda. Ithaca, NY: Cornell University Press.

Hinton, A.L. (2005): Why Did They Kill? Berke­ley, CA: University of California Press.

Straus, S. (2006): The Order of Genocide. Ithaca, NY: Cornell University Press.

Dr. Timothy Williams ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Konfliktforschung an der Philipps-Universität Marburg, wo er 2017 zum Thema der Motivationen zur Beteiligung an Völkermord promovierte. Seine Dissertation wurde im Juni 2018 mit dem Gert-­Sommer-Preis sowie dem Promotionspreis der Philipps-Universität Marburg ausgezeichnet.

Die Ausdeutung adoleszenter Möglichkeitsräume in Afghanistan

von Ulrike Auge

In diesem Artikel werden kurz zentrale Inhalte der Abschlussarbeit »Adoleszenz in Afghanistan – Die Ausdeutung adoleszenter Möglichkeitsräume in Afghanistan« vorgestellt. Die Arbeit entstand im Zuge des qualitativen Forschungsprojekts »Wie der Krieg im Kopf den Blick auf Frieden trübt«. Das Projekt hatte zum Ziel, anhand narrativer Interviews die Folgen traumatischer Erfahrungen und alltäglicher Gewalt für Identität, Gesellschaftsbilder und Agency (Handlungsmöglichkeiten im Angesicht der prekären Lebensumstände) von Jugendlichen in Afghanistan empirisch zu untersuchen. Für diesen Zweck wurden 48 Interviews mit jungen Menschen in Afghanistan geführt.

Das Projekt verfolgte eine explizit friedenspsychologische Fragestellung: Wie wird die eigene Zukunft imaginiert? Wie verstehen sie ihre Rolle als Akteure im Friedensprozess, und wo sehen sie Potenzial zum Mitgestalten? An welchen Stellen bleiben ihnen Handlungsmöglichkeiten verwehrt? Diese Fragen untersuchten das Friedenspotenzial, das in den Jugendlichen als gesellschaftliche Akteure liegt.

Aus den Erzählungen der Jugendlichen erwuchs eine Suchbewegung, die sich an den Inhalten des konkreten Materials orientierte und die in der Abschlussarbeit nachgezeichnet werden sollte. Ziel war es, herauszufinden, wie afghanische Jugendliche im Kontext ziviler und militärischer Konflikte und einer sich stetig wandelnden, fragmentierten und konfliktreichen Gesellschaft mit teilweise erodierenden Strukturen den Übergangscharakter der Adoleszenz verhandeln – innerhalb des eigenen Identitätsbildungsprozesses sowie innerhalb der soziokulturellen und gesellschaftlich vorgegebenen (Handlungs-) Räume.

Im ersten Teil der Arbeit sollte zunächst eine theoretische Rahmung gefunden werden, in der Jugend und Adoleszenz in Afghanistan verstanden werden kann. Ziel war eine differenzierte und kultursensible Betrachtungsweise von jugendlichen Lebenswelten in Ländern des Globalen Südens. Als Fazit wurden kritisch-reflexive, intersektionale sowie Sozialisations- und Handlungstheorien als anschlussfähige Perspektiven herausgearbeitet. Diesen Ansätzen folgend sind, kurz zusammengefasst, die individuellen Handlungsmöglichkeiten und -rahmen der Jugendlichen von der kulturellen Handlungspraxis geprägt, die sich an spezifischen Normen und Wertsystemen orientieren. Gleichzeitig sind Jugendliche soziale Akteure, deren Handlungsräume zwar je nach struktureller Verortung limitiert sind, die diese aber dennoch aktiv mitgestalten und teilweise ausweiten können. Demzufolge werden Jugendliche als Träger und Rezipienten sozialen Wandels verstanden.

Die Erkenntnisse aus der theoretische Auseinandersetzung wurden an das empirische Material zurückgespiegelt und ergaben neue Lesarten der Interviews. Durch offenes Kodieren der Interviews wurden sich wiederholende Narrative herauskristallisiert, die angesichts der prekären Lebensumstände als hilfreich, identifikationsstiftend und/oder stabilisierend gedeutet werden können. Die zentralen Motive in den Interviews thematisierten die Imagination einer friedlichen Zukunft, die Hoffnung auf Bildung und den Wunsch von gesellschaftlichem Aufstieg. Zudem wurde ein generationenbezogenes kollektives Narrativ der Moral deutlich. Hier manifestierte sich vor allem der Wunsch, »ein guter Mensch zu sein« sowie einen Beitrag zur Gesellschaft und einem friedvollen Zusammenleben zu leisten. Diese Erzählstränge wurden unter dem Begriff »Narrative der Hoffnung« zusammengefasst.

Was die Jugendlichen formulierten war, so die These, ein »Idealselbst« (ein Begriff aus der Entwicklungspsychologie). Dieses beschreibt eine Projektion des eigenen Selbst in die Zukunft, die bei den Interviewten eng an den Begriff »Diener der Gesellschaft« geknüpft war. Ein Idealselbst zu entwerfen, impliziert die Fähigkeit, eine identitäre Kohärenz zwischen Gegenwart und Zukunft zu imaginieren. Angesichts gewaltbezogener Erfahrungen könnte man vermuten, dass diese Fähigkeit durch Traumata blockiert wäre. Dies ließ sich den Erzählungen der Jugendlichen aber nicht entnehmen. Zudem kann die Vorstellung einer friedlichen und sicheren Zukunft nicht nur Hoffnungsträger/Ressource und identitätsstiftendes Moment sein, sondern auch der erste Schritt zur Realisierung friedlich motivierten Handelns. So wurden beispielsweise Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und der ethnischen Zugehörigkeit sowie Korruption bei den Interviewten oft kritisiert. Deutlich wurde zudem, dass sich die Jugendlichen in einem Spannungsfeld bewegen: zwischen der Bewahrung traditioneller Werte und Biografieverläufe und dem gesellschaftlichen Auftrag, das Land in eine neue Zukunft zu führen, die sich an westlichen Werten und Entwicklungsmodellen orientiert. Für sie gilt es, in der eigenen Lebenswelt und im Identitätsfindungsprozess die Spannung auszuhandeln und auszuhalten, die zwischen diesen Welten besteht. Hervorzuheben ist, dass die Jugendlichen dabei stets eingebunden sind in die intergenerativen Strukturen, die sie zugunsten ihrer Identitätsentwürfe zu beugen versuchen. Dem folgend reinterpretieren die Interviewten soziokulturelle Bedeutungs- und Symbolsysteme, um inmitten der Ambivalenz eine Kohärenz ihrer Lebensrealität zu schaffen.

Diese Arbeit bietet eine Sicht auf Jugendliche als aktive Akteure im Friedensprozess, die Strategien und Deutungsmuster schaffen, die ihnen die (graduelle) Umgestaltung ihrer prekären Lebensumstände ermöglicht. Dabei sollte nicht eine resilienz- und ressourcenorientierte Perspektive gestärkt werden, die sich an der neoliberalen Selbsteffizienz orientiert, sondern es sollte herausgearbeitet werden, inwieweit diese Narrative ein in einem Sinnsystem eingebettetes Leben ermöglichen, das Anschlussfähigkeit für die imaginierte Zukunft besitzt, und inwieweit sich daran ein Handeln und Denken ausrichtet, das in seinem Kern die Entstehung einer friedlicheren Gesellschaft ermöglichen will.

Ulrike Auge ist M.A. Sozial und Kulturanthropologie und B.A. Psychologie und studiert zurzeit im Masterstudiengang Psychologie. Sie legte ihren Master in Sozial- und Kulturanthropologie an der Freien Universität Berlin und ihre Bachelor in Psychologie an der International Psychoanalytic University in Berlin ab. Ihre Bachelorarbeit » Adoleszenz in Afghanistan – Die Ausdeutung adoleszenter Möglichkeitsräume in Afghanistan« wurde im Juni 2018 mit einem »Honorable Mention« des Gert-Sommer-Preises ausgezeichnet.

Wenn sich Konflikt- und Friedenssprache treffen

von Sofia Krüger

1998 beendete das Karfreitagsabkommen den Nordirlandkonflikt, welcher primär mit Auseinandersetzungen zwischen Protestant*innen und Katholik*innen assoziiert wird. Trotz der religiösen Konnotation des Konflikts, der zentralen gesellschaftlichen Bedeutung von Religion und der weitverbreiteten Kritik, die Kirchen seien passive Friedensakteurinnen gewesen, fehlt in der bisherigen Forschungslandschaft eine analytische Auseinandersetzung mit dem Verhalten der nordirischen Kirchen in Konflikt- und Friedenszeiten (Brewer et al. 2011). Diese Forschungslücke schließend, ging meine Masterarbeit der Frage nach, ob die drei größten protestantischen Kirchen – die Church of Ireland, die Methodistische Kirche und die Presbyterianische Kirche – mutig genug waren, den Delegitimierungsbestrebungen des Friedensprozesses durch die radikal-konservative Democratic Unionist Party (DUP) entgegenzutreten.

Zur Beantwortung meiner Fragestellung stützte ich mein methodisches Vorgehen auf Arbeiten der Bewegungsforschung und der politischen Psychologie. Gemäß Ersterer formulieren Anführer*innen sozialer Bewegungen ihre Anliegen rhetorisch strategisch, um diese durchzusetzen und Mitstreiter*innen zu mobilisieren („framing“, Benford/Snow 2000). Ergänzend dazu verweist Daniel Bar-Tal (2013) darauf, dass sich in lang andauernden Konflikten ein „Konfliktethos“ entwickelt, ein Bewältigungsmechanismus für erfahrenes Leid, welches sich auch in Sprache ausdrückt. Gerade die Darstellung der Ziele der eigenen Gruppe als nicht verhandelbar, die Überzeugung eigener moralischer Überlegenheit und die Delegitimierung des »Anderen« tragen zur Resistenz des Konfliktethos bei. Um einen Friedensprozess anzustoßen, muss das Konflikt- durch ein Friedensethos ersetzt werden. Dieses bietet u.a. neue Interpretationen der Konfliktziele, der Beziehungen zur Feindesgruppe und der Ausgestaltung von Frieden an (Bar-Tal 2013). Hierauf aufbauend entwickelte ich Indikatoren für beide Ethos, wobei das Friedensethos für mich den Counterframe – das Gegenargument – zum Konfliktethos darstellte. Anschließend kodierte ich mit einer Textanalysesoftware Aussagen der DUP und der protestantischen Kirchen zum Friedensprozess für den Zeitraum von Januar bis Mai 1998 in über 100 Zeitungsartikeln dreier nordirischer Zeitungen.

Meine Ergebnisse zeigen, dass die protestantischen Kirchen einen friedensethischen Counterframe vorantrieben, gezielt auf die Misstrauensrhetorik der DUP reagierten und diese kritisierten. Die Kirchen legitimierten den Friedensprozess und das Karfreitagsabkommen als Weg in eine friedliche Zukunft, gestanden eigene Fehler ein, plädierten für die Inklusion von Sinn Féin – dem politischen Erzfeind der DUP – in die Friedensverhandlungen und hoben Gemeinsamkeiten mit der katholischen/republikanischen Gemeinschaft hervor. Schließlich betonten alle Kirchenoberhäupter, dass das Friedensabkommen allein nicht zur Überwindung alter Feindschaften beitragen werde, indem sie die Notwendigkeit der Bereitschaft hervorhoben, schmerzhafte Kompromisse zu akzeptieren. So minimierten die Kirchen überhöhte Erwartungshaltungen bezüglich des Karfreitagsabkommens und verdeutlichten, dass jede*r in der Verantwortung war, sich für ein friedvolles Miteinander einzusetzen und beanspruchte Opferrollen zu überdenken. Für die Kirchen war diese eindeutige Positionierung keinesfalls trivial, da sie sich öffentlich stark gegen jahrhundertealte Segregationstendenzen wandten und Einheit statt Unterschiede betonten – ein Verhalten, das manchen sicherlich befremdlich sowie bedrohlich erschien. Somit setzten sich die protestantischen Kirchen für ein weites Verständnis von Frieden ein, das dessen Prozesshaftigkeit und den »Anderen« als legitimen Bestandteil der nordirischen Gesellschaft anerkannte.

Meine Arbeit schließt Forschungslücken und eröffnet neue Forschungsfelder. Sie zeigt, dass die Passivitätsannahme der Kirchen hinterfragt werden muss. Gleichermaßen wirft sie jedoch die Frage auf, ab wann ein friedensethischer Counterframe stark genug ist, um nachhaltig Verhaltensänderungen zu erzielen – eine Frage, die insbesondere durch den Brexit an Bedeutung gewonnen hat.

Literatur:

Bar-Tal, D. (2013): Intractable Conflicts – Socio-Psychological Foundations and Dynamics. Cambridge University Press: New York.

Benford, R.D.; Snow, D.A. (2000): Framing Processes and Social Movements – An Overview and Assessment. Annual Review of Sociology, No. 26, S. 611-639.

Brewer, J.D.; Higgins, G.I.; Teeney, F. (2011): Religion, Civil Society, and Peace in Northern Ireland. Oxford University Press: Oxford, New York.

Sofia Krüger ist Angestellte der Kinder- und Jugendförderung Ostfildern, eine Einrichtung des Kreisjugendring Esslingen e.V. Sie legte ihren Master in Friedensforschung und Internationaler Politik an der Eberhard Karls Universität Tübingen zum Thema »Countering the Northern Irish ‘Ethos of Conflict’ with an ‘Ethos of ­Peace’? The Protestant Churches in Northern ­Ireland and their Counterframing Activity during the Peace Process between January and May 1998« ab. Im Juni 2018 wurde ihre Arbeit mit einem »Honorable Mention« des Gert-Sommer-Preises ausgezeichnet.

Frieden Macht Freiheit

Frieden Macht Freiheit

31. Tagung des Forum Friedenspsychologie, 8.-10. Juni 2018, Heidelberg

von Ursula Christmann und Julia Schnepf

Frieden ist der Gegenpol zu Gewalt, sei es personale oder strukturelle Gewalt. In der Friedenspsychologie geht es daher direkt oder indirekt immer um die Überwindung von Gewalt. Bei der 31. Tagung des Forums Friedenspsychologie an der Universität Heidelberg stand vor allem die Macht des Wortes in Relation zur friedensgefährdenden oder -zerstörenden Gewalt im Mittelpunkt. Sprache und Kommunikation können den Weg zur Gewalt bahnen, können aber auch ein Königsweg zur Verhinderung oder sogar Überwindung von gewalthaltigen Konflikten zwischen Personen, Gruppen, Ethnien etc. sein. Gerade bei lang andauernden zwischenmenschlichen Konflikten mit hohem Gewaltpotenzial ist die konstruktive Macht des Wortes daher in der Lage, Freiheit wiederherzustellen: die Freiheit der Opfer wie der Täter*innen.

Diesem Problem war nicht zuletzt die Keynote-Vorlesung gewidmet, in der Dr. Nurit Shnabel (Universität Tel Aviv) das Bedürfnisbasierte Modell als Schlüssel für Versöhnungsprozesse vorstellte. Das Modell geht davon aus, dass Menschen grundsätzlich bestrebt sind, eine positive Identität aufrechtzuerhalten, und dass Konflikte die Identität von Opfern und Täter*innen bedrohen. Opfer fühlen sich durch den Konflikt in ihrer »Agency« (z.B. Macht, Kontrolle, Einflussnahme, Handlungsfähigkeit) bedroht, während Täter eine Beeinträchtigung des moralischen Selbstbildes erfahren, und sei es nur durch die moralische Ablehnung (eines Großteils) der Umgebung und den möglichen sozialen Ausschluss. Versöhnung ist dadurch möglich, dass die konträr-komplementären Bedürfnisse der Wiederherstellung von Agency (Opfer) bzw. moralischer Akzeptanz (Täter*innen) erfüllt werden, und zwar in gegenseitiger Kommunikation und Anerkennung. Gerade bei lang andauernden, auch kriegerischen, Konflikten wird die Situation allerdings meist dadurch verkompliziert, dass Opfer auch zu Täter*innen werden und umgekehrt. (Mehr zum Bedürfnisbasierten Modell siehe Shnabel, N. (2017): Wie versöhnen wir uns? W&F 3-2017, S. 34-38.) Welche Möglichkeiten – und Grenzen – für Versöhnungsprozesse durch diese Verschränkung des Täter*in-Opfer-Status auch im Rahmen des Bedürfnisbasierten Modells zu erwarten sind, war Gegenstand nicht nur des letzten Vorlesungsteils, sondern auch der engagierten Diskussion mit den Tagungs-Teilnehmer*innen.

Dem Rahmenthema der Tagung entsprechend wurden in der ersten Sektion, »Die schiefe Ebene«, zunächst die Gefahren thematisiert, die von destruktiver Kommunikation und Weltverarbeitung für den Frieden ausgehen (können). Eine prominente Rolle spielt in Deutschland dabei das auf den Holocaust bezogene »Schluss-Strich-Argument«, das nicht nur im Kontext von offenem Antisemitismus geäußert wird, sondern mit einer vorgeblich israelfreundlichen Kritik an muslimischen Migranten*innen verschleiert auch im neuen Rechtspopulismus zum Ausdruck kommt. Gegen muslimische und andere Geflüchtete richtet sich auch die (im Vergleich zur deutschen Mehrheitsbevölkerung) geringere Zuschreibung von komplexen Emotionen und Kognitionen, die als »Infrahumanisierung« bezeichnet wird und einen nicht bewussten ersten Schritt zur Ausgrenzung und Ablehnung von Geflüchteten darstellt. Die potenziellen Einflussfaktoren für Infrahumanisierung zwischen bahnendem Nationalismus und hemmendem Kontakt sind jedoch so komplex, dass eine Aufklärung durch weitere Forschung noch aussteht. Allerdings gibt es auch innerhalb der jeweiligen nationalen Mehrheitsgesellschaften ein Auseinanderdriften von Gesellschaftsschichten, das zum Erstarken von (rechts-) populistischen Entwicklungen geführt hat. Dieses Auseinanderdriften korreliert mit dem Anwachsen der Schere zwischen Arm und Reich in den letzten Jahrzehnten, wodurch sich im positiven Fall die traditionellen Parteien zur Erhaltung ihres Wählerpotenzials gedrängt fühlen könn(t)en, diese Schere wieder mehr zu schließen. In diesem Fall würde der Rechtspopulismus letztlich eine Art »Demokratiehäutung« bewirken, also eine Erneuerung der demokratischen Institutionen und Inhalte, um die Gefahren von Rechts abzuwehren.

In der zweiten Sektion, »Overcoming conflicts?«, ging es zunächst um die Möglichkeiten, die Spannung zwischen negativen und positiven Dynamiken in Richtung Letztere aufzulösen. Dabei stand das Vertrauen in die Polizei (in den USA) bei Mitgliedern der (weißen) Mehrheitsgesellschaft vs. (farbigen) Minoritäten im Fokus. Durch Studien auf der Basis des Intergruppen-Vertrauen-Modells konnte nicht nur der erwartbare Ver-/Misstrauensunterschied zwischen diesen Gesellschaftsschichten nachgewiesen werden, sondern auch, dass sich das Misstrauen durch einen Mangel an Empathie und Vergleichbarkeit aufseiten der Polizei verstärkt – was Konsequenzen für Polizei-Trainings haben sollte, indem zum Beispiel nicht nur ein Fokus auf Gerechtigkeit gesetzt wird. Wie schwer sich konstruktiv-altruistische Haltungen jedoch entwickeln lassen, zeigen Untersuchungen zum Management in der Organisationspsychologie. Hier erhalten diejenigen, die Informationen nicht nur für den eigenen Gewinn, sondern auch für den des Teams einholen, deutlich schlechtere Bewertungen, was egoistisches Verhalten mehr als altruistisches belohnt. Um solchen Dynamiken entgegenzuwirken, gibt es bereits eine Fülle von kreativitätssteigernden Gruppentechniken. Dazu gehören Ansätze wie das »Ideen-Mining« oder »Democratic Tableware«, deren Effektivität allerdings noch durch systematische Interventionsstudien gesichert werden muss. Man darf sich also die Überwindung von Konflikten nicht zu einfach vorstellen. Trotzdem existiert in der Zusammenschau der bisherigen Konflikt- und Friedensforschung durchaus ein substantieller Pool von Ansätzen zur Überwindung sogar von unlösbar scheinenden Konflikten: von der Reduzierung der Feindschaft über die Zusammenarbeit in abgegrenzten Bereichen bis zur Anerkennung von Ungerechtigkeiten, und sei es nur auf symbolische Weise.

In der dritten Sektion, »Politisches Engagement und Kompetenz«, lag das Schwergewicht auf den (möglichst) konstruktiven Prozessen und (Rahmen-) Bedingungen für die Sicherung von Frieden und Freiheit. In einer groß angelegten Studie an thüringischen Schulen konnte aufgezeigt werden, dass es unter den Jugendlichen eine große Gruppierung gibt, die sich intrinsisch motiviert für politisches Engagement interessiert und gegenüber Ausländer*innen eine positive Einstellung aufweist; insbesondere zeigte sich, dass dafür demokratiepraktizierender Unterricht eine entscheidende Rahmenbedingung darstellt. Paralleles gilt auch für Ausländer*innen bzw. Migranten*innen selbst: Sie versuchen sowohl in der Phase der Flucht aus dem Herkunftsland als auch während der Integration ins Aufnahmeland ihre Akteurschaft in vielfältiger Weise aufrecht zu erhalten. Im gesamtgesellschaftlichen Kontext setzt das allerdings auch kon­struktive Erklärungsmodelle aufseiten der aufnehmenden Gesellschaft voraus. Dafür sind mediale Darstellungen, sowohl bildlicher als auch textueller Art, mit entscheidend, da sie einen Einfluss darauf haben, ob sich anteilnehmende Emotionen mit angemessener Verbalisierung entwickeln oder nicht. Selbst wenn dies zunächst nicht gelingt und Diskriminierung vorliegt, kann die Psychologie Trainingsprogramme zur Überwindung von Diskriminierung anbieten, zum Beispiel das Kompetenztraining zur Bewältigung von Diskriminierung (­KOBEDI) der Universität Marburg, das nicht nur die Diskriminierung von Geflüchteten, sondern auch sexuelle, religiöse und andere Arten von Diskriminierung einschließt.

In der letzten Sektion der Tagung, »Die Macht des Wortes«, stand schließlich die argumentative Kraft der Kommunikation im Mittelpunkt. Zunächst wurde mit dem Konzept der »Argumentationsintegrität« eine Sensibilität für gerechte und kooperative Kommunikation – auch in der politischen Diskussion – vorgestellt, durch die unintegre, unfaire Argumente auf den*die Sprecher*in selbst zurückfallen (sollten). Die häufigsten unfairen rhetorischen Strategien (46 an der Zahl) lassen sich elf Standards des un/integren Argumentierens zuordnen, die an Videobeispielen aus dem Wahlkampf der AfD verdeutlicht wurden. Gerade der Erfolg dieser Partei wirft die Frage auf, ob es unter Umständen ganze Bevölkerungsteile gibt, die Unintegrität nicht ablehnen, sondern sich daran ergötzen, und wie man einer solchen Gefährdung von Frieden und Freiheit entgegentreten kann. Die Antwort gab der letzte Vortrag über eine »erwägungsorientierte Bildung« von Kindesbeinen an. Das betrifft eine Didaktik schon im 3. Schuljahr, durch die argumentative Kompetenz und insbesondere der konstruktive Umgang mit anderen Meinungen (qua Meinungen anderer) erlernt und eingeübt werden. Am Ende dieses Weges sollte eine aufgeklärte Toleranz stehen, in der die Macht des Wortes gleichermaßen Frieden und Freiheit ermöglicht.

In der Mitte der Tagung wurde, wie bei den Jahrestagungen des Forum Friedenspsychologie üblich, der Gert-Sommer-Preis für die beste friedenspsychologische Qualifikationsarbeit des vergangenen Jahres verliehen. Der Preis ging an die Dissertation über ein Modell zur »Komplexität des Bösen« von Timothy Williams, in dessen Preisvortrag die komplexen Dimensionen und Verschränkungen in Genoziden an den Beispielen Ruanda und Kambodscha aufgezeigt wurden. Aufgrund der überdurchschnittlichen Qualität der Einreichungen gab es in diesem Jahr auch zwei »Honorable Mention«-Vorträge. Der Beitrag von Ulrike Auge befasste sich mit den Strategien, mit denen Jugendliche in Afghanistan trotz ihrer außerordentlich belastenden Lebenssituation die Adolszenz innerhalb der eigenen Identitätsbildung sowie der gesellschaftlich vorgegebenen (Handlungs-) Räume verhandeln und dabei einen Beitrag zu einer friedlichen Gesellschaft leisten. Sofia Krüger untersuchte, wie die Kirchen im Nordirland-Konflikt mit der Betonung eines Friedensethos eine aktive Politik des »Counterframing« betrieben. (Siehe Kurztexte zu den drei Arbeiten auf Seite 52)

Die Tagung wurde von ca. 50 Teilnehmer*innen der verschiedensten mit Konflikt- und Friedenforschung befassten Institutionen besucht. Die Organisation konnte so gestaltet werden, dass alle Teilnehmer*innen jeden Vortrag hören konnten, wodurch eine familiäre und intensive Atmosphäre des engagieren Austauschs entstand. Der Tagungsort, das Psychologische Institut im Friedrichsbau von 1865 inmitten der Heidelberger Altstadt, mag das Seine dazu beigetragen haben. In diesem Klima fanden auch die Mitgliederversammlung des Forums (Freitagabend, 8.6.) und die Vorstandssitzung (Sonntagmorgen, 10.6.) statt. Die Tagung wurde organisiert von Prof. Dr. Ursula Christmann und Julia Schnepf (B.A.) mit Unterstützung des »Field of Focus 4 Self-Regulation and Regulation« der Heidelberger Exzellenzinitiative, der Gesellschaft der Freunde der Universität Heidelberg und der Deutschen Gesellschaft für Verhaltenstherapie. Allen Unterstützenden sei an dieser Stelle herzlich gedankt!

Ursula Christmann und Julia Schnepf

Lokale und globale soziale Ungleichheit

Lokale und globale soziale Ungleichheit

30. Jahrestagung des Forum Friedenspsychologie,
16.-18. Juni 2017, Chemnitz

von Daniel Corlett und Frank Asbrock

Mit dem Schwerpunktthema »No Justice, no Peace? Friedenspsychologische Perspektiven auf soziale Ungleichheit« fand die 30. Jahrestagung des Forums Friedenspsychologie e.V. an der TU Chemnitz statt.

Ca. 70 Teilnehmer*innen aus Wissenschaft und Praxis diskutierten friedenspsychologische Perspektiven auf soziale Ungleichheit und ihre Auswirkungen auf ein friedliches gesellschaftliches Zusammenleben. In ihrer Eingangsrede benannte die Migrationsbeauftragte der Stadt Chemnitz, Frau Etelka Kobuß, die vielschichtigen Herausforderungen, mit denen sich die kommunale Integrationsarbeit gegenwärtig konfrontiert sieht, verwies auf das noch nicht ausgeschöpfte Entwicklungspotential, aber auch auf erfolgreiche Projekte und Entwicklungen in Chemnitz sowie die mit Migration verbundenen Chancen für die Stadt.

Auf der Tagung wurde sowohl internationale Forschung als auch die lokale Arbeit von Friedensprojekten vorgestellt und diskutiert. Beispielsweise präsentierte Gergely Kispál seine Arbeiten zu Intergruppenkontakten zwischen ungarischer Minorität und serbischer Majorität in Vojvodina, Serbien, und Jane Viola Felber und Franz Knoppe stellten das Theatertreffen »Unentdeckte Nachbarn« zur Aufarbeitung der NSU-Verbrechen in Südwestsachsen vor, das bereits mit dem Chemnitzer Friedenpreis 2017 ausgezeichnet wurde. Die knapp 30 wissenschaftlichen Beiträge teilten sich in Vortragspanels in deutscher und englischer Sprache sowie eine Postersession auf. Neben sozialer Ungleichheit wurde dort ein breites friedenspsychologisches Themenspektrum behandelt, das Beiträge aus Psychologie, Erziehungswissenschaften, Politikwissenschaften und angrenzenden Disziplinen umfasste. Ein Teil der Tagungsbeiträge wird in Zusammenarbeit mit der Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) in einem Sonderheft der Zeitschrift »Politische Psychologie/Journal of Political Psychology« veröffentlicht.

Einer der Höhepunkte der Tagung war die Keynote von Prof. Felicia Pratto (University of Connecticut, USA) am Freitag. In ihrem Vortrag »The felt injustice of international inequality – Where is the threat to peace?« diskutierte sie die Relevanz sozialer Ungleichheit zwischen Nationen für die Gefährdung von Frieden. Basierend auf ihrer Power Basis Theory stellte sie dar, wie die Befriedigung menschlicher Bedürfnisse von globalen Machtdynamiken, Ungleichheiten und Möglichkeiten zur Selbstentfaltung beeinflusst wird und wie globale Ungleichheit so zur Erhaltung sozialer Machtverhältnisse beiträgt.

Am Samstag wurde der Gerd-Sommer-Preis des Forum Friedenspsychologie für die beste Abschlussarbeit verliehen. Die diesjährige Preisträgerin Anne-Louise Göhring (Fraunhofer ISI) wurde für ihre herausragende Masterarbeit zum Thema »Die Macht der Metapher – Der Metapher-Framing-Effekt in der politischen Meinungsbildung« ausgezeichnet. Nach der Preisverleihung stellte Frau Göhring ihre Arbeit dem interessierten Publikum in einem Vortrag vor.

Auch das Rahmenprogramm hatte einen Bezug zum Tagungsthema. Am Samstagabend bestand nach dem letzten Vortragspanel die Möglichkeit, Problemstrukturen und Lösungsansätze für soziale Spannungen in Chemnitz in einem themenbezogenen Stadtrundgang im Stadtviertel Sonnenberg kennenzulernen, wovon ein großer Teil der Teilnehmenden Gebrauch machte.

Weiterhin fanden am Samstagvormittag die offene Mitgliederversammlung und am Sonntagvormittag die Vorstandssitzung des Forum Friedenspsychologie statt. Auf der Mitgliederversammlung wurde ein neuer Vorstand für die nächsten zwei Jahre gewählt. Wiedergewählt wurden Prof. Dr. Christopher Cohrs (Marburg) als Vorsitzender, Dipl.-Psych. Karl-Günther Theobald (Köngernheim) als Kassierer und Dipl.-Psych. Monika Lauer Perez (Düsseldorf) als weiteres Vorstandsmitglied. Neu in den Vorstand gewählt wurden Nadine Knab, M.Sc. (Landau) als stellvertretende Vorsitzende und Dr. Klaus Harnack (Münster) als weiteres Vorstandsmitglied. Sie folgen damit Dr. Jost Stellmacher (Marburg) und Dr. Miriam Schroer-Hippel (Grünheide) nach, denen herzlich für ihr kontinuierliches Engagement für das Forum Friedenspsychologie gedankt wurde.

Die Tagung wurde organisiert von Juniorprof. Dr. Frank Asbrock, M.Sc. Alexandra Cook, M.A. Daniel Corlett und M.A. Claas Pollmanns sowie den studentischen Hilfskräften Vera Kaiser, Kathrin Althaus, Caya Hälker und Anika Münch. Die Organisator*innen bedanken sich für die freundliche Unterstützung durch die Technische Universität Chemnitz, die Deutsche Stiftung Friedensforschung (DSF), die Gesellschaft der Freunde der Technischen Universität Chemnitz e.V., die Sektion Politische Psychologie im Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen e.V. (BDP), die Deutsche Gesellschaft für Verhaltenstherapie (dgvt), den Sächsischen Flüchtlingsrat e.V., den Nomos Verlag und den Pabst Verlag.

Daniel Corlett und Frank Asbrock

Wie versöhnen wir uns?

Wie versöhnen wir uns?

Das Bedürfnisbasierte Modell

von Nurit Shnabel und Johannes Ullrich

Täter und Opfer erleben unterschiedliche Bedrohungen ihrer Identitäten. Der Schlüssel zur Versöhnung liegt in der Beseitigung dieser Bedrohungen. Die Autor*innen diskutieren sozialpsychologische Forschung, die zeigt, dass die Wiederherstellung positiver Identitäten die Versöhnung zwischen Individuen oder Gruppen günstig beeinflusst.

Ob sich ein Ehepaar bei der Scheidung über die Vermögensaufteilung streitet oder Nationen wegen Gebietsstreitigkeiten einen Konflikt ausfechten: In einem Konflikt geht es fast nie ausschließlich um materielle Ressourcen, sondern häufig um symbolische, wie Ehre, Akzeptanz und Gerechtigkeit. Um wieder harmonische Beziehungen herzustellen, bedarf es daher nicht nur gemeinsamer Vereinbarungen über die Aufteilung der konkreten strittigen Ressource (z.B. eines Plans für die Güteraufteilung oder eines Friedensvertrags), sondern es müssen auch emotionale Hürden überwunden werden, die den Weg zur Versöhnung blockieren. Wie hoch diese Hürden sein können, wissen alle, die schon einmal erlebt haben, wie schwer es ist, sich nach einem Konflikt zu entschuldigen oder dem anderen zu vergeben. Wer es geschafft hat, diese Hürde zu überwinden, hat dabei vermutlich erfahren, dass sich nach einer Entschuldigung bzw. Vergebung beide Parteien besser fühlen, obwohl das Geschehene nicht rückgängig zu machen ist (Tavuchis 1991).

Die Kraft von Entschuldigung und Vergebung in interpersonalen Beziehungen ist seit Langem bekannt. Zunehmend wird dieser sozialpsychologische Mechanismus aber auch in der öffentlichen Sphäre genutzt. Ein bekanntes Beispiel ist die Wahrheits- und Versöhnungskommission, die nach der Apartheid in Südafrika eingesetzt wurde. Hier waren Opfer aktiv an der Anklage beteiligt, und den Tätern wurde Amnestie gewährt, wenn sie die Verbrechen gestanden, die sie im Kontext der Apartheid verübt hatten. Die Psychologin Pumla Gobodo-Madikizela (2008), selbst Mitglied der Wahrheits- und Versöhnungskommission, meint, dieser Prozess „hat nach den Massengräueln die Sprache von Entschuldigung, Vergebung und Versöhnung in den öffentlichen Fokus gerückt“ (S. 59). Das hier vorgestellte »Bedürfnisbasierte Modell der Versöhnung« (Nadler and Shnabel 2015; Shnabel and Nadler 2015) wurde entwickelt, um die Dynamiken zwischen Opfern und Tätern im Prozess von Entschuldigung und Vergebung zu erklären.

Grundannahmen und empirische Prüfung

Das Bedürfnisbasierte Modell geht von zwei Annahmen aus, die in grundlegenden sozialpsychologischen Theorien verankert sind: Erstens sind Menschen motiviert, sich selbst positiv zu beurteilen, d.h. eine positive Identität zu bewahren oder wieder aufzubauen. Zweitens gibt es zwei fundamentale Inhaltsklassen sozialer Urteile: »Agency« und »Communion«. »Agency« steht für Merkmale wie stark, kompetent und einflussreich, während »Communion« Merkmale wie moralisch, warmherzig und vertrauenswürdig umfasst. Eine positive Identität umfasst Zuschreibungen aus beiden Inhaltsklassen.

Das Bedürfnisbasierte Modell baut auf diesen Annahmen auf und postuliert, dass Konflikte die Identität von Opfern und Tätern asymmetrisch bedrohen: Opfer erleben einen Verlust ihrer Fähigkeit, den Lauf der Dinge zu beeinflussen, und sehen folglich ihre agentische Identität bedroht. Täter hingegen leiden unter der Bedrohung ihrer kommunalen Identität. Ob sie sich schuldig fühlen oder nicht: Das Wissen, dass psychologisch relevante Bezugspersonen ihr Verhalten als unmoralisch ansehen, bedroht das moralische Selbstbild der Täter, und sie befürchten sozialen Ausschluss als Sanktion für die Verletzung moralischer Standards. Diese Bedrohungserfahrung resultiert in unterschiedlichen Motivationszuständen. Opfer verspüren das Bedürfnis, ihre agentische Identität wiederherzustellen, während Täter ihre kommunale Identität wiederherstellen und (erneut) die Akzeptanz der Gemeinschaft erlangen wollen, aus der sie sich potentiell ausgeschlossen fühlen. Bleiben diese Bedürfnisse unerfüllt, behindern sie Versöhnung. So verhalten sich Opfer manchmal rachsüchtig, um sich selbst zu behaupten, und Täter lösen sich moralisch los (z.B. indem sie die Schwere des Vergehens verharmlosen), um ihre Schuld herunterzuspielen. Durch einen Austausch, in dem Opfer und Täter die Bedürfnisse des jeweils anderen nach Ermächtigung bzw. Akzeptanz erfüllen, können sie sich der Versöhnung öffnen.

Der Prozess von Entschuldigung und Vergebung ist ein elementarer sozialer Mechanismus, über den ein solcher Austausch stattfindet. Mit ihrer Entschuldigung geben die Täter zu, dass sie moralisch in der Schuld der Opfer stehen, wodurch die Kontrolle wieder in der Hand der Opfer liegt; durch die Annahme der Entschuldigung und die Empathie der Opfer für die Sichtweise der Täter wird deren Gefühl der moralischen Minderwertigkeit abgeschwächt und ihre Zugehörigkeit zur Gemeinschaft bestätigt. Der Prozess von Entschuldigung und Vergebung ist zwar das nächstliegende Beispiel für einen Austausch, der zur Bedürfniserfüllung führt, es gibt aber auch andere Methoden. So können Täter beispielsweise ihre Opfer ermächtigen, indem sie Respekt für deren Leistung und Fähigkeiten äußern oder im Falle von Opfergruppen an ihren Nationalstolz und das nationale Erbe appellieren. Opfer wiederum können die Akzeptanz der Täter zum Ausdruck bringen, indem sie sich zur Freundschaft oder zur wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit bereit erklären.

Ein erfolgreicher Austausch von Ermächtigung und Akzeptanz kann Versöhnung auf zweierlei Weise befördern. Zum einen kann er die positiven Identitäten der Konfliktparteien wiederherstellen, indem er die symbolische Rollenaufteilung in »machtloses Opfer« und »unmoralischer Täter« auslöscht. Des Weiteren können Opfer Akzeptanzbotschaften aussenden und so signalisieren, dass sie sich nicht am Täter rächen oder ihn meiden werden, und Täter können mit Ermächtigungsbotschaften einfach klarstellen, dass sie ihre Vergehen nicht wiederholen werden (weil sie jetzt den Wert des Opfers erkennen). Durch den Austausch solcher Botschaften kann das gegenseitige Vertrauen zwischen Opfern und Tätern wiederhergestellt werden. Dies und die Wiederherstellung positiver Identitäten erleichtern die Versöhnung. Abbildung 1 fasst diesen Prozess zusammen.

Die Hypothesen des Modells wurden in etlichen experimentellen Studien überprüft, und zwar sowohl für Konflikte auf der interpersonellen als auch auf der Intergruppen-Ebene. So wurden in einer Studie (Shnabel, Nadler, Ullrich, Dovidio, Carmi 2009) jüdischen Israelis und (nicht-jüdischen) Deutschen zwei Reden präsentiert, die angeblich von Vertreter*innen der jeweils anderen Gruppe am Holocaust-Denkmal in Berlin gehalten worden waren. Die wichtigste Botschaft der Reden war entweder Akzeptanz (z.B. „wir sollten die [Juden/Deutschen] akzeptieren und uns daran erinnern, dass wir alle Menschen sind“) oder Ermächtigung (z.B. „die [Deutschen/Juden] haben das Recht, stark und stolz zu sein“). Wie zu erwarten war, zeigten sich Juden eher nach Ermächtigungsbotschaften zur Versöhnung mit Deutschen bereit, bei Deutschen war dies eher nach Akzeptanzbotschaften der Fall. Eine entsprechende Dynamik wurde auch bei Opfern und Tätern in interpersonalen Konflikten beobachtet (Shnabel und Nadler 2008).

Ausweitung des Modells auf »duale« Kontexte

Der ursprüngliche Ansatz des Modells ging davon aus, dass »Opfer« und »Täter« sich gegenseitig ausschließende Rollen sind. In vielen Konflikten sind aber beide Parteien gleichzeitig Opfer und Täter. In einem Experiment, das diese »Dualität« untersuchte, arbeiteten die Teilnehmenden in Zweierteams und mussten wertvolle Ressourcen verteilen (z.B. Geldpreise). Anschließend erhielten sie eine manipulierte Rückmeldung: In der Kontrollgruppe erfuhren die Teilnehmenden, dass sowohl ihre eigene als auch die Verteilung ihrer Teampartner*in fair gewesen sei, in der Opferrolle, dass ihr*e Partner*in unfair verteilt habe, in der Täterrolle, dass sie selbst unfair verteilt hätten, und in der dualen Rolle, das sowohl sie selbst als auch ihre Teampartner*in unfair verteilt hätten. Bezüglich psychologischer Bedürfnisse zeigten Teilnehmende in einer Doppelrolle ein gesteigertes Bedürfnis sowohl nach Agency (vergleichbar mit Opfern) wie nach Communion (vergleichbar mit Tätern). In ihrem Verhalten allerdings zeigten sie (vergleichbar mit Opfern) ein gesteigertes Bedürfnis nach Agency, was sich in Rachegefühlen äußerte; anders als bei Tätern äußerte sich das gesteigerte Bedürfnis nach Communion aber nicht in Pro-Sozialität (Großzügigkeit gegenüber dem/der Partner*in). Ähnliche Ergebnisse, die auf den Vorrang von Agency gegenüber Communion in solchen dualen Kontexten hindeuten, wurden im Zusammenhang mit dem Israel-Palästina-Konflikt und den Bürgerkriegen in Liberia beobachtet. Diese Ergebnisse stimmen mit der Beobachtung des Sozialpsychologen Roy Baumeister (1997) überein, dass die Opferrolle tiefer in der Psyche verankert wird als die Täterrolle.

Tatsächlich entwickeln »duale« Konfliktparteien häufig ein ausgeprägtes Opferbewusstsein, nicht aber ein Täterbewusstsein, und wetteifern geradezu um den Opferstatus. Wir gehen davon aus, dass Konfliktparteien in eine »kompetitive Opferrolle« verfallen, weil die Anerkennung des eigenen Opferstatus gleichzeitig beide Bedürfnisse befriedigt, die in der Doppelrolle gesteigert vorhanden sind: das Bedürfnis nach einem positiven moralischen Bild (weil der Opferstatus mit Unschuld assoziiert wird) und das Bedürfnis, selbst Akteur zu sein (weil Anerkennung des eigenen Opferstatus das Recht auf unterschiedliche Formen von Ermächtigung mit sich bringt, z.B. Reparationen und Unterstützung durch Dritte). Interessanterweise zeigen Studien, die mit israelischen Palästinenser*innen und israelischen Juden/Jüdinnen durchgeführt wurden, dass die Thematisierung des dringenden Bedürfnisses der Gruppenmitglieder nach ­Anerkennung ihres Opferstatus – z.B. durch Förderung einer inklusiven Opferwahrnehmung, d.h. durch Betonung, dass beide Gruppen schwer unter dem Konflikt litten (Vollhardt 2015) – das Wetteifern um den Opferstatus verringern und die gegenseitige Vergebung befördern kann.

Ausweitung des Modells auf Situationen mit struktureller Ungleichheit

Ein Intergruppenkonflikt manifestiert sich nicht nur in direkter Gewalt (z.B. Krieg), sondern auch in »struktureller Gewalt« (Galtung 1969), d.h. in ungleichen sozialen Verhältnissen, die manche Gruppen privilegieren und andere benachteiligen. Diese Ungleichheit führt zu unterschiedlichen Gruppenstereotypen: Benachteiligte Gruppen werden oft als warmherzig, aber inkompetent wahrgenommen, privilegierte Gruppen als kompetent, aber kalt und unmoralisch. Entsprechend der Logik des Bedürfnisbasierten Modells ist anzunehmen, dass die Bedürfnisse der Mitglieder privilegierter und benachteiligter Gruppen denen von Tätern und Opfern entsprechen, wenn die Ungleichheit zwischen den Gruppen als ungerechtfertigt wahrgenommen wird (z.B. weil sie unfaire Diskriminierung widerspiegelt).

Dies wurde in Studien bestätigt (Siem, von Oettingen, Mummendey, Nadler 2013). In einem Experiment wurden die Teilnehmenden – Studierende der klinischen Psychologie – nach dem Zufallsprinzip in Gruppen aufgeteilt, in denen sie sich entweder mit Berufsgruppen von höherem (Psychiatrie) oder niedrigerem Status (Sozialarbeit) vergleichen sollten. Dann wurden die Statusunterschiede zwischen Psycholog*innen und Psychiater*innen bzw. Sozialarbeiter*innen mit den unterschiedlichen Ausbildungsanforderungen gerechtfertigt bzw. als ungerechtfertigt ausgewiesen, da die klinischen Psycholog*innen und die Sozialarbeiter*innen eine ähnliche Arbeit verrichteten. Wie zu erwarten gab es in dem »gerechtfertigt«-Szenario hinsichtlich der Bedürfnisse nach Communion und Agency keine Unterschiede zwischen den Psychologiestudierenden, die sich mit Psychiater*innen verglichen, und denen, die sich mit Sozialarbeiter*innen verglichen. Anders lag der Fall, wenn die Statusunterschiede als nicht gerechtfertigt dargestellt wurden: Nun hatten Psycholog*innen ein höheres Bedürfnis nach Communion, wenn sie sich mit Sozialarbeiter*innen verglichen, als wenn sie sich mit Psychiater*innen verglichen, während es bei dem Bedürfnis nach Agency genau umgekehrt war.

Folgestudien (Shnabel, Ullrich, Nadler, Dovidio und Aydin 2013) zeigten, dass Botschaften der jeweils anderen Gruppe, die die Communion der privilegierten Gruppe und die Agency der benachteiligten Gruppe betonten, nicht nur für positivere Einstellungen gegenüber den anderen sorgten, sondern auch die Bereitschaft erhöhten, gemeinsam für soziale Gerechtigkeit aktiv zu werden (mit Demonstrationen, Petitionen, usw.). In ihrer Dissertation beschäftigt sich aktuell Tabea Hässler mit der Hypothese, dass durch Intergruppenkontakte die Unterstützung für sozialen Wandel hin zu mehr Gleichheit steigt, wenn sich Mitglieder benachteiligter Gruppen (z.B. LGBTIQ*) durch privilegierte Gruppen (z.B. Cis-/Heterosexuelle)1 ermächtigt und sich die Mitglieder privilegierter Gruppen durch die benachteiligten Gruppen moralisch angenommen fühlen.

Diese Sichtweise betont die kritische Rolle von Prozessen, die eine positive Identität wiederherstellen, beim Streben nach struktureller Gleichheit. Die traditionelle Sichtweise besagt, dass privilegierte Gruppen nicht die Treiber von sozialem Wandel sein können, da sie vor allem bestrebt sind, ihre Privilegien zu bewahren. Das Bedürfnisbasierte Modell legt aber nahe, dass Mitglieder privilegierter Gruppen durchaus Solidarität mit der benachteiligten Gruppe zeigen können, wenn ihr (eigentlich bedrohtes) moralisches Selbstbild bestätigt wird. Bei benachteiligten Gruppen hingegen zeigen Forschungsergebnisse zu kollektivem Handeln, dass ihre Mitglieder den Status quo oft nicht aktiv in Frage stellen, weil sie einen Mangel an kollektiver Wirksamkeit verspüren. Aus dem Bedürfnisbasierten Modell ergibt sich aber, dass die Wiederherstellung der Agency diese passive Akzeptanz von Ungleichheit verhindern kann. Praktische Interventionen zur Förderung positiver Intergruppenbeziehungen, die sich oft auf Communion konzentrieren (z.B. im Sinne der Kontakthypothese Freundschaften zwischen den Gruppen anregen), sollten also auch die Machtbeziehungen adressieren und die stereotype Wahrnehmung benachteiligter Gruppen als inkompetent direkt hinterfragen.

Wiederherstellung der Identität außerhalb des Opfer-Täter-Geflechts

Mit dem Bedürfnisbasierten Modell konnte zwar festgestellt werden, welche Botschaften Konfliktparteien austauschen können, um Versöhnung herbeizuführen. In der Praxis vermeiden Opfer und Täter aber oft versöhnliche Botschaften, weil sie befürchten, dass diese positive Geste nicht erwidert wird. Daher haben wir in letzter Zeit untersucht, welches Potential die Wiederherstellung der Identität außerhalb des Opfer-Täter-Geflechts für die Versöhnung hat. Eine Quelle dafür sind Dritte. Zugegebenermaßen hat die Ermächtigung und die Übermittlung von Botschaften über Dritte bei interpersonalen Vergehen nicht sehr gut funktioniert. In einem Intergruppenkontext hingegen, in dem Versöhnungsbotschaften typischerweise über Gruppenvertreter und nicht direkt zwischen den einzelnen Opfern und Tätern übermittelt werden, konnte Ermächtigung und Akzeptanz durch Dritte, die mit der Opfergruppe eine gemeinsame Identität aufwiesen, Versöhnung wirksam befördern. Ein Beispiel: Botschaften jordanischer Vertreter erhöhten die Bereitschaft israelischer Juden, sich mit Palästinensern zu versöhnen.

Die Wiederherstellung der Identität außerhalb des Opfer-Täter-Geflechts kann auch durch selbst-affirmative Prozesse erreicht werden. In einer Studie zeigte sich, dass Mitglieder einer Tätergruppe (australische Nicht-Aborigines), die erfuhren, dass sich ihre Gruppe bei der Opfergruppe (australische Aborigines) entschuldigt hatte und dass Mitglieder der Opfergruppe die Entschuldigung angenommen hatten, sich moralisch wiederhergestellt fühlten (unabhängig davon, wie die Antwort der Opfergruppe ausgefallen war). Diese (Selbst-) Wiederherstellung der Communion wiederum erhöhte die Bereitschaft von Mitgliedern der Tätergruppe, die Opfergruppe zu entschädigen und sich mit ihr zu versöhnen.

Aus weiteren Studien zu »dualen« Konflikten ergab sich, dass Interventionen zugunsten einer Anerkennung der Agency erfolgreich die Aggressivität senkten und das pro-soziale Verhalten gegenüber der anderen Konfliktpartei verbesserten. So zeigten Teilnehmende aus der Schweiz eine pro-sozialere Tendenz gegenüber der EU, mit der sich die Schweiz nach der Annahme der Volksinitiative von 2014 zur Einwanderungsbeschränkung im Konflikt befand, nachdem sie eine kurze Übungsaufgabe absolvierten, in der sie über die Schweiz als starkes und erfolgreiches Land schrieben. Ähnliche Muster wurden bei interpersonalen Konflikten beobachtet. Teilnehmende, die über eine Situation schrieben, in der sie kompetent und selbstbestimmt waren, verhielten sich gegenüber der anderen Konfliktpartei (z.B. Arbeitskolleg*innen) versöhnlicher. Dies traf vor allem auf Beziehungen zu, die sich durch eine geringe Verbindlichkeit auszeichneten und in denen die Konfliktparteien vor allem um ihre eigenen Bedürfnisse kreisten – in diesem Fall um das Bedürfnis nach Agency.

Folgerungen

Die wissenschaftliche Erforschung des Versöhnungsprozesses ist ein relativ junger Forschungszweig, und weitere Forschungsprojekte können wertvolle Ergebnisse liefern. Wir hoffen, dass die Forschung zum Bedürfnisbasierten Modell letztlich nicht nur dazu beiträgt, das theoretische Verständnis von Versöhnung zu verbessern, sondern auch in der Ausarbeitung praktischer Interventionen für verschiedene Kontexte resultiert – seien es internationale Friedenstribunale, Ansätze zur opferorientierten Justiz (z.B. Täter-Opfer-Ausgleich) im Strafrechtssystem, Schulen, Organisationen oder Gemeinden.

Anmerkung

1) LGBTIQ* = lesbisch, schwul, bisexuell, transgender, intersexuell und questioning (Personen, die ihre eigene sexuelle Identität hinterfragen); Cis-Heterosexuals = heterosexuelle Menschen, deren Geschlechtsidentität mit ihrem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmt.

Literatur

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Nurit Shnabel ist Senior Lecturer für Sozialpsychologie an der Universität Tel-Aviv.
Johannes Ullrich ist Professor für Sozialpsychologie an der Universität Zürich.
Aus dem Englischen übersetzt von ­Regina Hagen.

Die Fluchtkrise


Die Fluchtkrise

Sozialpsychologische Analysen und Implikationen

von Ulrich Wagner und Patrick F. Kotzur

Mit dem Anwachsen der Geflüchtetenzahlen im Sommer 2015 ging eine Welle der Hilfsbereitschaft durch Deutschland. Gleichzeitig gab es durchgängig auch ablehnende Stimmen, die sich gegen Geflüchtete und für Begrenzungen aussprachen. Dieser Beitrag diskutiert einige sozialpsychologische Mechanismen im Zusammenhang mit der Debatte um Flucht und Geflüchtete sowie politische und gesellschaftliche Implikationen, die sich daraus ergeben.

Die Welt in Kategorien einzuteilen, ist eine wichtige und grundlegende Fähigkeit, die hilft, den Alltag zu gestalten: Wie selbstverständlich ordnen wir Reize unserer Umwelt ein und reagieren entsprechend. Wir stellen z.B. fest: Ein Gegenstand nähert sich, kategorisieren ihn als Auto und bleiben stehen.

Kategorisierung

Kategorisierung ist aber auch eine wesentliche Grundlage von Stereotypisierung, Vorurteilen und Diskriminierung. Kategorisierung, so hilfreich und notwendig sie ist, führt auch zu Fehlschlüssen, z.B. übermäßiger Homogenisierung: Menschen innerhalb einer Kategorie werden als zueinander sehr viel ähnlicher wahrgenommen, als sie tatsächlich sind. »Flüchtlingen« werden gemeinsame Eigenschaften, Stereotype, zugeschrieben, die sie als Einzelpersonen nicht zwangsläufig besitzen. Stereotype über Personengruppen gehen oft auf (negative) Erfahrungen mit Einzelmitgliedern zurück, die wir auf die gesamte Gruppe generalisieren. Manchmal reicht es dafür schon, vom negativem Verhalten eines Gruppenmitglieds gehört oder in der Presse gelesen zu haben.

Stereotype über Gruppen knüpfen häufig an existierende gesellschaftlich geteilte Vorstellungen über Gruppen an, wie das Bild des angeblich bedrohlichen schwarzen Mannes – ein Stereotyp, das vermutlich zur Rechtfertigung der europäischen Eroberung Afrikas entwickelt wurde (Fredrickson 2002). Die (lancierte) Geschichte einer Straftat eines einzelnen afrikanischen Geflüchteten fällt damit auf fruchtbaren Boden; sie deckt sich mit dem, was man sowieso schon zu wissen glaubte, möglicherweise fernab der Realität (vgl. Gehrsitz and Ungerer 2017).

Fazit

Vorsicht bei der Betonung von Gruppenmitgliedschaften, vor allem, wenn es sich um negative Verhaltensweisen Einzelner handelt. Ist es zum Beispiel für Rezipient*innen einer politischen Botschaft oder eines Presseberichts wirklich wichtig zu wissen, ob es sich bei einem Strafverdächtigen um eine Person mit Migrationshintergrund handelt? Ist der Migrationshintergrund für die Einordnung der Tat von Bedeutung (z.B. durch Marginalisierung motivierte Taten) oder nicht (z.B. auf andere Motive rückführbare Straftaten, wie Affekt)? Wenn nicht, sollte darauf verzichtet werden, um negative Folgen unnötiger Generalisierungen zu vermeiden. Der Pressekodex des Presserates forderte bis vor Kurzem sehr richtig, dass die Zugehörigkeit von Verdächtigen und Straftäter*innen zu ethnischen, religiösen oder anderen Minderheiten nur dann erwähnt werden soll, wenn ein begründbarer Sachbezug zur Tat besteht.

Gruppenmitgliedschaften und Eigengruppenaufwertung

Von besonderer Bedeutung sind Kategorisierungen, bei denen wir selbst einer der Kategorien zugehören. Wir neigen dazu, »unsere« Gruppe auf- und »fremde« Gruppen abzuwerten. Dieses Phänomen der Eigengruppenbevorzugung geht nach der Theorie der sozialen Identität (Tajfel 1978) auf zwei Prozesse zurück: Erstens sind Gruppenmitgliedschaften identitätsstiftend. Zweitens streben wir nach einer positiven Identität. Die Abwertung anderer dient der Aufwertung der eigenen Gruppe und somit uns selbst. Eine Voraussetzung für Eigengruppenbevorzugung ist, dass wir uns mit einer zugeschriebenen Gruppenmitgliedschaft identifizieren (Wagner und Butenschön 2014; Wagner et al. 2012). Eine zweite Voraussetzung ist, dass diese Gruppenzugehörigkeit in einer Situation von Bedeutung, d.h. salient, ist: Ein Gespräch mag ruhig verlaufen, bis die Gesprächspartner*innen feststellen, dass sie unterschiedlichen Nationalitäten angehören. Die saliente Nationalität wird somit urteils- und verhaltenswirksam.

Fazit

Bestimmte Gruppenmitgliedschaften hervorzuheben sollte vermieden werden, da die Gefahr besteht, dass Menschen, die diese Mitgliedschaft nicht teilen, abgewertet werden. Nationalismus birgt genau diese Gefahr.

Ressourcenkonflikte

Kategorisierung wird besonders dann erlebens- und verhaltensrelevant, wenn Gruppenmitglieder glauben, mit anderen Gruppen in Konflikte um materielle oder kulturelle Ressourcen eingebunden zu sein (Sherif and Sherif 1969), z.B. um Wohlstand, Wohnraum, Arbeitsplätze oder auch um »Leitkultur«. Dabei ist die subjektive Wahrnehmung eines Konflikts hinreichend.

Fazit

Auseinandersetzungen um vermeintliche Konflikte um Ressourcen zwischen einheimischer Bevölkerung und Geflüchteten sind zu vermeiden. Sachverhalte sollten richtiggestellt und alternative, sachlich korrekte Narrative gemeinsamen Nutzens angeboten werden, wie z.B. Möglichkeiten des Erhalts gefährdeter Infrastruktur im ländlichen Raum oder der gemeinsamen Entwicklung einer weltoffenen Gesellschaft.

Konditionierung von Emotionen

Beziehungen zwischen Gruppen verschlechtern sich besonders dann, wenn Fremdgruppen mit negativen Emotionen, z.B. Angst, verknüpft werden (Stephan and Renfro 2002). Angst kann durch Einzelereignisse konditioniert werden. Dabei ist es ausreichend, von angstauslösenden Ereignissen nur indirekt zu erfahren, beispielsweise durch Medien (Paterson et al., in prep). Außerdem kann Angst, z.B. vor einem Attentäter, auf andere Menschen generalisieren, die dem Attentäter ähnlich erscheinen, im Fall des Berliner Weihnachtsmarktanschlags 2016 auf andere Geflüchtete. Angst mündet in Vermeidungs- und Rückzugsverhalten und wird damit sowohl für die Ängstlichen als auch für die Gemiedenen problematisch. Angst kann in Hass umschlagen. Dies scheint insbesondere dann der Fall zu sein, wenn sich mehrere Menschen gegenseitig von ihrer Ablehnung gegen Fremde und deren vermeintlichem Fehlverhalten überzeugen. Hass führt zur Attacke und zu Gewalt gegen das Hassobjekt, also gegebenenfalls gegen Menschen, die Geflüchteten ähneln (Wagner and Christ 2007).

Fazit

Angst- und Vermeidungsspiralen können negative Folgen für alle Beteiligten mit sich bringen und Stereotypisierung, Vorurteile und Diskriminierung verstärken. Was hilft? Eine Möglichkeit besteht darin, über die Gründe der eigenen Angst zu reflektieren und sich deren mangelnder Rationalität bewusst zu werden.

Politische Instrumentalisierung

Wir können mit Unsicherheit nur schwer umgehen (Festinger 1954). Deshalb suchen wir nach Antworten, auch auf die Frage, wie mit Veränderungen im Zusammenhang mit der so genannten Flüchtlingskrise umgegangen werden soll. Demagog*innen verstehen es, durch das Streuen von Gerüchten und durch die Übertreibung von Gefährdungslagen die Aufmerksamkeit Verunsicherter auf sich und ihre Argumente zu lenken – um sich dabei gleichzeitig als Lösung für die selbst heraufbeschworene Bedrohung anzubieten.

Zum einen führt das Heraufbeschwören von Bedrohung zu konservativeren Einstellungen und zur vehementeren Ablehnung von Unbekanntem (Burke et al. 2013). Zum anderen wollen wir unsere einmal gefassten Überzeugungen bestätigen (Festinger1954). Wenn wir verunsichert sind, suchen wir daher nicht nach Informationen, die diese Befürchtungen eindämmen könnten, sondern nach solchen, die unsere Erklärungen für die gefühlte Bedrohung bestätigen. Soziale Netzwerke unterstützen die Abkapselung und die Ausgrenzung von Andersdenkenden (Del Vicario et al. 2016), was sich auch in der »Lügenpresse«-Debatte artikuliert.

Fazit

Der Verbreitung falscher Informationen über Fremdgruppen muss entschieden entgegengetreten werden. Politisch Verantwortliche müssen Lösungsstrategien nachvollziehbar begründen und breit kommunizieren.

Gegenmaßnahmen: Sanktionierung, Information und Kontakt

Strafrechtlich relevante Ausgrenzung von Fremdgruppen, wie Hasskriminalität, muss sanktioniert werden. Sanktionierung stößt allerdings an ihre Grenzen, wenn die Ablehnung die Schwelle der Strafbarkeit nicht überschreitet.

Zwei Strategien sind besonders effizient, um gegen Stereotypisierung, Vorurteile und Diskriminierung vorzugehen: Informationskampagnen und Kontaktprogramme. Informationskampagnen sind vor allem dann effektiv, wenn sie empathisch auf die benachteiligte Situation der Ausgegrenzten hinweisen (Lemmer and Wagner, in prep). Kontakt zwischen Mitgliedern von Gruppen, die einander ablehnen, führt ebenfalls effektiv zur Reduktion von Vorurteilen (Pettigrew and Tropp 2006; Lemmer and Wagner 2015), wenn er nicht unter äußerst ungünstigen Bedingungen stattfindet. Kontakt führt zum Abbau negativer Emotionen, vermittelt Kenntnisse über die andere Gruppe und ermöglicht, Empathie zu entwickeln und damit Kategoriengrenzen zu entschärfen.. Kontakterfahrungen erlauben auch einen neuen und aufgeklärteren Blick auf die eigene Gruppe (Pettigrew and Tropp 2008). Es gibt eine Reihe von Kontaktinterventionen, die gezielt Kontakte zwischen Geflüchteten und Einheimischen initiieren, um auf diesem Wege Vorurteile zu reduzieren (Lanphen 2011).

Gerade diejenigen, die fremde Gruppen besonders ablehnen, vermeiden anderslautende Informationen und Kontakte (Kauff et al. 2013). Hilfreich ist daher, wenn die stark Ablehnenden feststellen, dass in ihrem Umfeld durchaus Kontakte mit der jeweils anderen Gruppe gepflegt werden und Offenheit der Gesellschaft zur sozialen Norm gehört (Brune et al. 2016).

Fazit

Gesetzesübertretungen bedürfen der Verfolgung und Sanktionierung. Kampagnen gegen Falschinformationen helfen, der Ausbildung von Übergeneralisierungen entgegenzuwirken. Informationskampagnen gegen abgeschlossene Echoräume im Internet erfordern allerdings einen langen Atem. Kontakte mit Mitgliedern fremder Gruppen helfen ebenfalls, Vorurteile abzubauen. Das setzt Kontaktmöglichkeiten voraus. Notwendig sind z.B. kleine Unterbringungseinheiten für Geflüchtete in den Gemeinden, die Kontakt mit dem Umfeld erlauben. Ghettos sind aus der Perspektive der Kontakttheorie schädlich.

Integration

Integration ist eine Form des Zusammenlebens, die es Menschen mit unterschiedlichen kulturellen Hintergründen ermöglicht, gemeinsame Kulturstandards zu entwickeln. Wenn sich lediglich eine Gruppe einer anderen anpassen soll, spricht man von Assimilation (Berry 1997). Die gegenwärtige politische Diskussion dreht sich häufig um die Assimilation von Geflüchteten an die Mehrheitsgesellschaft in Sprache, Bildung und Ausbildung. Die Forderung nach der Einhaltung des Grundgesetzes und der Menschenrechte ist ebenfalls eine Forderung nach Assimilation – nach unserer Auffassung berechtigt. Darüber hinaus gibt es aber einen breiten Spielraum der Gestaltung einer Einwanderungsgesellschaft, die gemeinsam ausgehandelt werden sollte, wie beispielweise Antworten auf Fragen nach der Gestaltung von Religionsunterricht oder von Feiertagen.

Fazit

Die Förderung interkultureller Kompetenz auf allen Seiten ist das hervorragende Bildungsziel. Wir brauchen eine breite gesellschaftliche und politische Diskussion darüber, in welchen Lebensbereichen die Assimilation an einheimische Vorstellungen eine legitime Forderung ist und wo gemeinsam integrative Ziele neu entwickelt werden können.

Radikalisierung

Nährboden für Radikalisierung und Terrorismus sind Gefühle ungerechtfertigter Ausgrenzung, kombiniert mit der politischen oder religiösen Legitimation, gegen diese Ausgrenzung mit Gewalt vorgehen zu dürfen (Moghaddam 2004). Integrationsangebote, welche der Ausgrenzung entgegenarbeiten und die Schaffung einer gemeinsamen sozialen Identität bestärken, gehören daher zu den besten Maßnahmen primärer Prävention von Radikalismus und Terrorismus.

Fazit

Benachteiligung und Diskriminierung müssen reduziert werden, die – gerechtfertigt oder nicht – als Rechtfertigung für Radikalisierung herhalten. Unsicherheiten, wie lange Phasen eines unsicheren Aufenthaltsstatus, sind zu vermeiden. Vorübergehende Aufenthaltsrechte, z.B. zur eigenen Weiterqualifikation, wären auch bei zweifelhaftem Asylstatus eine Maßnahme zur Erhöhung der inneren Sicherheit.

Literatur

Berry, J. (1997): Immigration, acculturation and adaptation. Applied Psychology – An International Review, 46, S. 5-34.

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Ulrich Wagner ist Professor für Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie und am Zentrum für Konfliktforschung der Philipps-Universität Marburg.
Patrick F. Kotzur ist Doktorand in der Arbeitseinheit Sozialpsychologie am Fachbereich Psychologie der Philipps-Universität Marburg.

Sozialpsychologie und Flucht


Sozialpsychologie und Flucht

von Helen Landmann, Anette Rohmann und Stefan Stürmer

Migration durch Flucht birgt Konfliktpotential. Als 2015 die Anzahl der Menschen, die nach Deutschland fliehen, plötzlich anstieg, verfünffachte sich die Anzahl der Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte zeitweise (Bundeskriminalamt 2016). Sozialpsychologische Forschung kann einen Beitrag leisten, um solche Konflikte zu vermeiden und ein friedliches Zusammenleben zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zu fördern. Die Autor*innen beleuchten daher, welche Implikationen aus sozialpsychologischer Forschung abgeleitet werden können. Grundlage dafür bietet der Sammelband »Die Flüchtlingsdebatte in Deutschland – Sozialpsychologische Perspektiven« (2017), herausgegeben von Anette Rohmann und Stefan Stürmer.

In der aktuellen sozialpsychologischen Forschung im Bereich Flucht sind insbesondere drei Themenbereiche auszumachen, die Hinweise auf die Gestaltung eines friedlichen Zusammenlebens geben können: Kontakt, Partizipation und interkulturelle Kompetenz. Interventionen, die auf Basis dieser drei Prinzipien entwickelt wurden, lassen sich sehr gut mit psychologischer Forschung begründen und scheinen auch in der Praxis wirkungsvoll zu sein.

Kontakt: respektvolle persönliche Begegnungen

Das erste dieser drei Prinzipien ist Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung. Menschen in Deutschland, die Kontakt zu Geflüchteten hatten, haben tendenziell eine positivere Einstellung gegenüber Geflüchteten als andere (Becker, Ksenofontov, Benz, Borgert 2017; Wagner 2017). Dieser Zusammenhang zwischen Kontakt und Einstellung lässt sich vor allem dadurch erklären, dass Kontakt Ängste reduziert und gleichzeitig Empathie und Wissen über die andere Gruppe erhöht (Landmann, Aydin, van Dick, Klocke 2017). Dies verdeutlicht, wie wichtig die Integration in Bildung und Arbeit, aber auch einfach Unterhaltungen, beispielsweise im Rahmen ehrenamtlicher Tätigkeiten, sind. Neben dem praktischen Nutzen solcher Bemühungen bieten sie wichtige Kontaktmöglichkeiten, die die Einstellung von Menschen mit und ohne Fluchterfahrung wesentlich beeinflussen können.

Kontakt beeinflusst die gegenseitigen Einstellungen besonders positiv, wenn er auf Augenhöhe stattfindet, wenn an einem gemeinsamen Ziel gearbeitet wird und wenn der Kontakt von der Gesellschaft erwünscht ist (Wagner 2017). Diese Bedingungen in der Organisation von gemeinsamer (ehrenamtlicher) Arbeit umzusetzen, scheint daher empfehlenswert. Konkurrenzsituationen und Statusunterschiede sollten möglichst vermieden werden. Projekte, die die Arbeit an einem gemeinsamen Ziel beinhalten, sollten gefördert werden.

Allerdings kann Kontakt auch dann positiv wirken, wenn diese Bedingungen nicht erfüllt sind. Wichtig ist nur, dass der Kontakt von den Beteiligten nicht als negativ erlebt wird (Landmann et al. 2017). Ein positives Erleben von Kontakt wird wiederum wesentlich wahrscheinlicher, wenn sich die Beteiligten mit Respekt begegnen (Naegler und Kessler 2017). Respekt bedeutet, eine Person als gleichberechtigt anzuerkennen, sie ernst zu nehmen und ihr auf Augenhöhe zu begegnen. Demzufolge kann schon durch bloßes Zuhören zwischen Ehrenamtlichen und Geflüchteten Respekt vermittelt und positiver Kontakt hergestellt werden (Naegler und Kessler 2017).

Neben diesen direkten Interaktionen findet Kontakt auch indirekt statt, zum Beispiel durch Medienberichte. Der Darstellung von Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung in den Medien kommt dabei eine zentrale Funktion zu. Sie kann sich förderlich oder hinderlich auf solidarisches Verhalten als Grundlage gelungener Integration auswirken (Imhoff und Lamberty 2017).

Zusammengenommen heißt das, Kontakt zwischen Menschen mit und ohne Fluchterfahrung ist elementar für ein friedliches Zusammenleben. Dabei müssen lediglich die Grundregeln gegenseitigen Respekts eingehalten werden.

Wichtig ist allerdings auch, von Geflüchteten nicht »zu viel« Kontakt einzufordern. Die Erfahrung von Flucht, unsicherem Aufenthaltsstatus und schwierigen Unterbringungsbedingungen ist enorm aufreibend. In dieser stressigen Zeit erleben Geflüchtete Kontakt zu ihrer eigenen Gruppe – zu Menschen, die sie kennen, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben oder die einfach ihre Sprache sprechen – als wichtige Unterstützung (Ager und Strang 2008). Kontakt zur Aufnahmegesellschaft sollte nicht zu Lasten dieser unterstützenden Kontakte gehen. Glücklicherweise schließen sich Kontakte mit der eigenen Gruppe – so genannte »soziale Bindungen« (social bonds) – und Kontakte zur Aufnahmegesellschaft – »soziale Brücken« (social bridges) – nicht aus (Ager und Strang 2008). Als ideal kann daher gelten, wenn eine Aufnahmegesellschaft den Geflüchteten beides ermöglicht: positiven Kontakt zu Menschen mit und ohne Fluchterfahrung.

Partizipation: Teilhabe in Form von Arbeit, Bildung und Mitbestimmung

Ein weiteres zentrales, auf sozialpsychologischer Forschung aufbauendes Prinzip, ist das der Partizipation (Rohmann und Stürmer 2017). Neben gesellschaftlicher Teilhabe durch Arbeit ist damit auch die Mitbestimmung bei Entscheidungsprozessen gemeint. Beispielsweise können Geflüchtete die Abläufe in Flüchtlingsunterkünften selbst mitbestimmen oder Integrationsprojekte mitgestalten. Diese Partizipationsprozesse finden aber selten statt, was das Risiko birgt, dass Integrationsprojekte nicht auf die Bedürfnisse abgestimmt und dadurch nicht nachhaltig sind (BAMF 2014). Partizipation ist eine organisatorische Herausforderung, kann aber enorm hilfreich sein. Partizipationsprozesse ermöglichen es, das Wissen der Betroffenen einzubinden, sie können die Identifikation mit dem Projekt fördern und wirken insgesamt stärkend auf die betroffene Gruppe (Doná 2007).

Auch im Rahmen ehrenamtlicher Arbeit kann die Teilhabe und Autonomie Geflüchteter gefördert werden. Man spricht hier von autonomieorientierter Hilfe, die im Gegensatz zu abhängigkeitsorientierter Hilfe darauf ausgerichtet ist, die Selbständigkeit Geflüchteter zu fördern (Becker et al. 2017). Das Bereitstellen materieller Güter wie Kleiderspenden stellt beispielsweise abhängigkeitsorientierte Hilfe dar. Hilfe zur Selbsthilfe hingegen, wie Unterstützung beim Lernen der Sprache oder bei der Suche nach einem Arbeitsplatz, ist autonomieorientierte Hilfe. Wo möglich, sollte diese Hilfsform gewählt werden, da sie die Selbständigkeit fördert und von den Hilfeempfängern als angenehmer erlebt wird (Siem 2017).

Aufseiten der Aufnahmegesellschaft ist Mitbestimmung ebenfalls wichtig (Larsen, Arant, Grossert, Boehnke 2017). Nicht wenige Menschen in Deutschland nehmen die aktuelle Flüchtlingspolitik als einen Verlust an Kontrolle wahr. Dem kann die Möglichkeit zur Mitbestimmung, beispielsweise bei der Suche nach geeigneten Plätzen für Flüchtlingsunterkünfte oder durch die Mitgestaltung von Integrationsprozessen, entgegenwirken.

Interkulturelle Kompetenz: Trainings und Supervision

Ein drittes Prinzip, das sich aus unterschiedlichen Forschungssträngen ableiten lässt, ist interkulturelle Kompetenz – die Fähigkeit, mit kulturellen Unterschieden umzugehen. Konflikte und Spannungen können durch Missverständnisse aufgrund kulturellen Unwissens entstehen (Aydin, Kleber, Oelkrug, Leuschner, Wutti 2017). Interkulturelle Trainings können helfen, solche Missverständnisse zu vermeiden und damit einen respektvollen Umgang und positiven Kontakt zu ermöglichen (Mazziotta, Piper und Rohmann 2016).

In interkulturellen Trainings wird häufig auch Wissen über Stereotype vermittelt und darüber, wie schwer man diese Vorstellungen (»der typische Syrer« oder »der typische Flüchtling«) abschalten kann. Dieses Wissen kann beispielsweise Lehrer*innen helfen, die eigenen Stereotype zu reflektieren und Unsicherheiten im Umgang mit Schüler*innen und deren Familienangehörigen zu vermeiden (Martiny und Froehlich 2017).

Stereotype stellen außerdem die Grundlage für Diskriminierung, für negatives Verhalten gegenüber einer Person aufgrund ihrer Gruppenzugehörigkeit dar (Wagner 2017). Diskriminiert zu werden wirkt sich negativ auf das Wohlbefinden aus. Dies kann die Gesundheit der Betroffenen beeinträchtigen und zu Feindseligkeit führen (Maaitah, Harth, Kessler 2017). Diskriminierung zu vermeiden ist daher ein wichtiger Ansatz, um den Kreislauf gegenseitiger Feindseligkeit zu unterbrechen.

Zusätzlich zur Förderung der interkulturellen Kompetenz wäre eine Begleitung von Menschen, die direkt mit Geflüchteten zusammenarbeiten, sinnvoll. Für viele Ehren-, aber auch Hauptamtliche stellt die Arbeit mit Geflüchteten noch immer eine vergleichsweise neue Situation dar, auf die sie kaum vorbereitet werden konnten (Aydin et al. 2017). Regelmäßige Supervision ist an diesen Stellen dringend nötig.

Die drei Prinzipien – Kontakt, Partizipation und interkulturelle Kompetenz – bieten Ansatzpunkte, die in der praktischen Arbeit und für die Konzeption von Interventionen zur Konfliktvermeidung genutzt werden können. Hierbei sollte eine systematische Evaluation der umgesetzten Maßnahmen erfolgen. Ein Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis kann dieses evidenzbasierte Vorgehen fördern.

Literatur

Ager, A., und Strang, A. (2008): Understanding integration – A conceptual framework. Journal of Refugee Studies, 21(2), S. 166-191.

Bundesamt für Migration und Flüchtlinge/BAMF (Hrsg.) (2014): Möglichkeiten und Grenzen der Nachhaltigkeit von Integrationsprojekten. Nürnberg.

Bundeskriminalamt (2016): Kriminalität im Kontext von Zuwanderung – Bundeslagebild 2015. Wiesbaden.

Doná, G. (2007): The microphysics of participation in refugee research. Journal of Refugee Studies, 20(2), S. 210-229.

Landmann, H.; Aydin, A.L.; Van Dick, R.; Klocke, U. (2017): Die Kontakthypothese – Wie Kontakt Vorurteile gegenüber Geflüchteten reduzieren und Integration fördern kann. The Inquisitive Mind, de.in-mind.org, i.E.

Mazziotta, A.; Piper, V.; Rohmann, A. (2016): Interkulturelle Trainings – Ein wissenschaftlich fundierter und praxisrelevanter Überblick. Heidelberg: Springer.

Alle weiteren Referenzen sind Teil des folgenden Sammelbandes:

Rohmann, A. und Stürmer, S. (2017). Die Flüchtlingsdebatte in Deutschland – Sozialpsychologische Perspektiven. Beiträge zur Angewandten Psychologie, Band 2. Frankfurt: Peter Lang.

Helen Landmann ist wissenschaftliche Mitarbeiterin im Lehrgebiet Community Psychology der FernUniversität in Hagen. Sie forscht zur Rolle von Emotionen für das soziale Zusammenleben. Neben grundlegenden Mechanismen von moralischem Ärger und Gefühlen des Bewegtseins interessiert sie sich besonders für Interventionsansätze in den Bereichen Umweltschutz, Flucht und Integration.
Prof. Dr. Anette Rohmann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Community Psychology an der FernUniversität in Hagen. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Akkulturation, der Förderung interkultureller Kompetenzen, des Abbaus von Vorurteilen und der Gestaltung eines erfolgreichen Austauschs zwischen Theorie und Praxis.
Prof. Dr. Stefan Stürmer ist Inhaber des Lehrstuhls für Sozialpsychologie an der FernUniversität in Hagen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich der Intergruppenforschung.

Wolf im Schafspelz


Wolf im Schafspelz

Welche Hilfe ist im Asylkontext hilfreich?

von Nadine Knab

„Wenn jeder dem anderen helfen wollte, wäre allen geholfen.“ Dieses Zitat der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach trifft keineswegs immer zu, besonders dann nicht, wenn die Hilfestellung zwischen unterschiedlichen Gruppen erfolgt, denn dann können bestimmte Formen von Hilfe zur Aufrechterhaltung von Machthierarchien führen. Der Artikel betrachtet die Rolle von Hierarchen bei der Interaktion zwischen Hilfegebenden und Hilfenehmenden im Asylkontext aus sozialpsychologischer Sicht.

Man erinnert sich noch leicht an die Bilder, die im Sommer 2015 veröffentlicht wurden: Menschen aus Deutschland heißen Geflüchtete mit Schokolade, Teddys und Blumen »Willkommen«; unzählige Menschen spenden Kleidung und helfen bei der Essensausgabe. Es scheint, diese Menschen sind motiviert, den Geflüchteten schnell zu helfen. Oder helfen sich diese Menschen letztlich nur selbst?

Hilfe und Hierarchie

Helfen wird von der Gesellschaft als positiv und sozial erwünscht angesehen. Wie kann es dann dazu kommen, dass Personen bestimmte Hilfsangebote ablehnen? Personen, die im Flucht- und Asylkontext arbeiten, werden häufig damit konfrontiert, dass ihre Tipps und Ratschläge von den Geflüchteten nicht angenommen werden. Es herrscht dann oft Unverständnis. Manchmal wird die Vermutung geäußert, die Geflüchteten seien einfach undankbar. Worin könnte dieses Verhalten begründet sein – in der Persönlichkeit der (aller) Ablehner*innen? Oder gibt es situationelle Umstände, die dazu beitragen?

Hilfsinteraktionen ist inhärent, dass die Gebenden Ressourcen zur Verfügung haben, die den Empfangenden zugute kommen können. Das heißt, zwischen einzelnen Personen besteht ein Machtungleichgewicht. Dieses Machtungleichgewicht kann z.B. in Form von physischer Überlegenheit (wenn eine erwachsene Person einem Kind hilft, etwas zu tragen), finanziellen Möglichkeiten (wenn Personen die Möglichkeiten haben, anderen Personen Geld zu spenden oder zu leihen) und im Flucht- bzw. Asylkontext auftreten, z.B. durch die eingeschränkten Sprachkenntnisse einer Person.

Hilfsinteraktionen kommen aber nicht nur zwischen einzelnen Personen, sondern auch zwischen Gruppen vor. Je nach Art der Interaktion kann dabei die Gruppenzugehörigkeit der Interagierenden sehr präsent sein. Sozialpsycholog*innen untersuchen seit ein paar Jahren Ursachen für und Reaktionen auf Hilfsangebote im Intergruppenkontext, insbesondere in Situationen, in denen eine privilegierte Gruppe Hilfe anbietet.

Unterschiedliche Formen von Hilfe

Neben dem Machtungleichgewicht, das in Hilfssituationen vorhanden ist, spielt zudem eine Rolle, ob Hilfe den Weg zur sozialen Gerechtigkeit ebnet, d.h. welche Art der Hilfe angeboten wird. Wie bereits angedeutet können bestimmte Formen von Hilfsverhalten dazu führen, bestehende Machtverhältnisse beizubehalten (Nadler 2002), und damit paradoxerweise langfristig zur Verschlechterung der Lage einzelner Personen oder Gruppen führen, denen Hilfe angeboten wird.

Es werden dabei zwei Arten von Hilfsangeboten unterschieden: abhängigkeitsorientierte Hilfe und autonomieorientierte Hilfe (vgl. Jackson und Esses 2000). Bei Ersterem wird die Lösung für ein Problem bereitgestellt, sodass die Abhängigkeit bei erneutem Auftreten des Problems wieder zutage tritt. Autonomieorientierte Hilfe hingegen versucht eher, die Werkzeuge an die Hand zu geben, um zukünftig selbst Probleme lösen zu können. Möchte man daher nur, dass die Geflüchteten mit genügend Kleidung und Nahrung versorgt sind, nicht aber auch mit Zugang zum Arbeitsmarkt, Sprachkursen, der Möglichkeit zur Teilhabe an kulturellen und politischen Ereignissen oder Entscheidungen, könnte es naheliegen, dass das Verhalten von einer Art Paternalismus geprägt ist. Unter Paternalismus versteht man eine nach außen positive Einstellung gegenüber Gruppen mit geringerem Status, die durch Dominanz und damit eine diskriminierende Haltung geprägt ist (vgl. Jackman 1994), was sich durch das Anbieten abhängigkeitsorientierter Hilfe zeigen kann. Ein Beispiel könnte im Asylkontext sein, wenn Geflüchteten statt Bargeld Gutscheine oder Sachleistungen zugesprochen werden, wie es im Sommer 2015 von einigen Politiker*innen gefordert wurde. Durch Gutscheine und Sachleistungen wird den Betroffenen jedoch das eigenständige Bestimmen über die Verwendung der finanziellen Mittel abgesprochen.

Die Form der Hilfe bestimmt daher oftmals, ob diese Hilfe angenommen wird oder nicht. Dieser Mechanismus kann mit Hilfe der Sozialen Identitätstheorie (Tajfel und Turner 1986) erklärt werden. Demnach sind wir bestrebt, eine positive Sicht auf uns und unsere Gruppe zu haben. Um zu einem Urteil zu gelangen, vergleichen wir uns dabei mit anderen Gruppen auf bestimmten Vergleichsdimensionen (z.B. Fähigkeiten, finanzielle Möglichkeiten, Status in der Gesellschaft). Personen einer Gruppe mit geringerem Status sind demnach mit zwei konkurrierenden Gedanken konfrontiert: zum einen mit der Motivation, ihre eigene Gruppe als positiv wahrzunehmen, zum anderen mit der Tatsache, dass die Bewertung ihrer Gruppe bei einem Vergleich mit der statushöheren Gruppe eher negativ ausfällt. Dabei kann allein schon die Hilfssituation an sich den Hilfesuchenden das Stigma von Abhängigkeit und Minderwertigkeit vermitteln (z.B. Nadler und Fisher 1986).

Personen, die dieses Machtungleichgewicht zwischen den Gruppen anerkennen, werden Hilfsangebote unabhängig von ihrer Art annehmen. Wenn der geringere Status internalisiert wurde, kann dies sogar soweit gehen, dass die statushöhere Gruppe positiver als die eigene bewertet wird (Sachdev und Bourhis 1987; Jost und Hunyady 2005). Wenn Personen dieses Machtungleichgewicht aber als nicht legitim ansehen, kann eine Möglichkeit darin bestehen, Hilfsangebote abzulehnen, um sich gegen dieses Machtungleichgewicht zu stellen. Somit kann die Ablehnung von Hilfe auch eine Art der Selbstermächtigung und eine Möglichkeit der Wiedererlangung einer positiven Gruppenbewertung darstellen.

Abhängigkeitsorientierte Hilfe: des Vorurteils kleine Schwester

Helfen ist daher nicht immer nur ein Zeichen von gutem Willen. Doch wann ist das Angebot abhängigkeits- oder autonomieorientierter Hilfe wahrscheinlicher?

Das Angebot abhängigkeitsorientierter Hilfe und offen geäußerte Vorurteile haben eine (von vielen verschiedenen) gemeinsame kausale Variable: die Wahrnehmung von Bedrohung. So konnten zum Beispiel Nadler et al. (2009) in zwei Studien zeigen, dass paradoxerweise der Gruppe mehr Hilfe angeboten wird, die als Bedrohung für die eigene Gruppe eingestuft wird. Diese Hilfe war allerdings nicht sensibel gegenüber dem Problem und damit der tatsächlichen Bedürftigkeit des/der Hilfesuchenden. Die Autor*innen erklären dies damit, dass die Gruppe, die sich bedroht fühlte, mit dem Hilfsangebot eine positive Wahrnehmung der eigenen Gruppe beibehält und gleichzeitig die Selbstermächtigung der anderen Gruppe verhindert.

Ähnliche Ergebnisse gibt es von Jackson und Esses (2000). Die Forscher*innen konnten nachweisen, dass Personen weniger bereit sind, Geflüchteten zur Selbstermächtigung oder autonomieorientierten Lebensweise zu verhelfen, wenn sie sich z.B. ökonomisch bedroht fühlen. In dieser Studie wurde den Teilnehmenden gesagt, dass es Immigrant*innen mit Erfolg geschafft hätten, Fuß auf dem kanadischen Arbeitsmarkt zu fassen. Die Teilnehmenden nahmen daher die Verfügbarkeit von Arbeitsplätzen auf dem kanadischen Markt für Personen, die bereits in Kanada wohnen, als geringer wahr als Teilnehmende der Studie, die die Information über die erfolgreiche Arbeitsmarktintegration nicht erhalten hatten.

An einer weiteren Studie (Nadler et al., 2009) nahmen Schüler*innen einer prestigeträchtigen High School aus Israel teil. Ihnen wurde gesagt, dass sie und Schüler*innen einer anderen Schule Analogie-Aufgaben lösen sollten. Einem Teil der Schüler*innen wurde gesagt, dass die andere, weniger prestigeträchtige Schule in den letzten fünf Jahren in ihren Leistungen stets konstant geblieben war; einem anderen Teil wurde gesagt, dass die anderen Schüler*innen sich in den letzten fünf Jahren stetig verbessert hatten. Danach wurden die Analogie-Aufgaben gestellt. Den Schüler*innen der prestige-trächtigen Schule wurde dann gesagt, dass ein Schüler/eine Schülerin in der anderen Schule Schwierigkeiten bei der Lösung einiger Aufgaben habe. Sie hatten die Möglichkeit, dem anderen Schüler/der anderen Schülerin abhängigkeitsorientierte Hilfe (die gesamte Lösung einfach mitteilen), autonomieorientierte Hilfe (einen Hinweis zur Lösung geben) oder gar keine Hilfe anzubieten. Wenn zuvor die getrennte Gruppenzugehörigkeit bewusst gemacht worden war, boten die Teilnehmenden mehr abhängigkeitsorientiere Hilfe an.

Neben dem Befund, dass ein Gefühl der Bedrohung zum Angebot abhängigkeitsorientierter Hilfe führt, gibt es auch Indizien, dass nicht einmal eine Bedrohung empfunden werden muss, sondern der wahrgenommene Status des Hilfesuchenden schon bestimmt, welche Art von Hilfe angeboten wird. Wird dem/der Hilfesuchenden ein geringer Status zugesprochen, dann werden aufgrund von Attributionsprozessen (z.B. Weiner 2006) geringere Fähigkeiten als Ursache für das Hilfsgesuch vorausgesetzt und abhängigkeitsorientierte Hilfe angeboten (Nadler und Chernyak-Hai 2014). Das Hilfsgesuch von Personen aus einer statushohen Gruppe hingegen wird eher auf situationelle, veränderbare und externe Ursachen zurückgeführt, sodass diesen autonomieorientierte Hilfe angeboten wird.

Personen im ehrenamtlichen Kontext sollten sich daher regelmäßig die Frage stellen, welche Hilfe den Geflüchteten tatsächlich langfristig helfen kann, sich als selbstständiges, zugehöriges Individuum in den neuen Gegebenheiten zurechtzufinden.

Um Machthierarchien aufrechtzuerhalten, sind also nicht immer offen geäußerte Vorurteile notwendig – sozial erwünschtes Verhalten in Form von (abhängigkeitsorientierter) Hilfe zu zeigen, kann zum selben Ergebnis führen. Wenn Geflüchtete nur als Opfer gesehen werden, ohne eigene (politische) Gestaltungsmöglichkeiten, fungiert Hilfe als Methode zur Aufrechterhaltung des Machtungleichgewichts. Im Bereich der Entwicklungshilfe wird diese Form von positiv erscheinender Machtausübung schon seit langer Zeit diskutiert (z.B. Bauer 1993) – vor der eigenen Haustüre, bei der ähnliche Interaktionsmuster auftreten, noch zu wenig.

Literatur

Bauer, P. (1993): Development Aid – End It or Mend It. International Center for Economic Growth, Occasional Papers Nr. 43. Oakland, California: Ics Press.

Jackman, M. (1994): The Velvet Glove – Paternalism and Conflict in Gender, Class, and Race Relations. Berkeley: University of California Press.

Jackson, L.M. and Esses, V.M. (2000): Effects of Perceived Economic Competition on People’s Willingness to Help Empower Immigrants. Group Processes & Intergroup Relations, 3(4), S. 419-435.

Jost, J.T. and Hunyady, O. (2005): Antecedents and Consequences of System-Justifying Ideologies. Current Directions in Psychological Science, 14(5), S. 260-265.

Nadler, A. (2002): Inter-Group Helping Relations as Power Relations – Maintaining or Challenging Social Dominance Between Groups Through Helping. Journal of Social Issues, 58, S. 487-502.

Nadler, A. and Chernyak-Hai, L. (2014): Helping Them Stay Where They Are – Status Effects on Dependency/Autonomy-Oriented Helping. Journal of Personality and Social Psychology, 1, S. 58-72.

Nadler, A. and Fisher, J.D. (1986): The Role of Threat to Self-Esteem and Perceived Control in Recipient Reactions to Help – Theory Development and Empirical Validation. In L. Berkowitz (ed.): Advances in Experimental Social Psychology (Vol. 19). New York: Academic Press, S. 81-122.

Nadler, A.; Harpaz-Gorodeisky, G.; Ben-David, Y. (2009): Defensive Helping – Threat to Group Identity, Ingroup Identification, Status Stability, and Common Ingroup Identity as Determinants of Intergroup Helping. Journal of Personality and Social Psychology, 5, S. 823-834.

Sachdev, I. and Bourhis, R.Y. (1985): Social Categorization and Power Differentials in Group Relations. European Journal of Social Psychology, 15(4), S. 415-434.

Tajfel, H. and Turner, J.C. (1986): The Social Identity Theory of Intergroup Behavior. Psychology of Intergroup Relations, 5, S. 7-24.

Weiner, B. (2006): Social Motivation, Justice, and the Moral Emotions? An Attributional Approach. Mahwah, NJ: Lawrence Erlbaum Associates.

Nadine Knab, Mitglied der W&F-Redaktion, ist Doktorandin im Themenbereich Friedenspsychologie an der Universität Koblenz-Landau im Fachbereich Psychologie. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen bei den Themen Interventionen bei Intergruppenkonflikten, soziale Gerechtigkeit und verschiedene Formen kollektiven Handelns.

Zu böse für Frieden durch Frieden?

Zu böse für Frieden durch Frieden?

Über widerstreitende Menschenbilder

von Albert Fuchs

Wenn es beim Thema »Krieg und Frieden« ums Grundsätzliche geht, wird der Glaube an (militärische) Gewalt als letztes Mittel, Frieden zu schaffen oder zu erhalten, vielfach damit begründet, der Mensch als solcher sei zu böse für Frieden durch Frieden. Es wird also ein »pessimistisches« Menschenbild zur Stützung dieses Glaubens bemüht. Was heißt das genauer, und welche Bedeutung haben Menschenbilder für Vorstellungen von Frieden und Friedenschaffen?

Das Adjektiv »böse« im Titel dieses Beitrags verweist auf eine moralische Qualität, ist demnach strikt zu unterscheiden von »schlecht« im naturhaften Sinn – wie etwa eine Krankheit schlecht ist für das Befinden oder die Lebenserwartung eines Menschen oder wie eine Wetterlage schlecht ist für ein Freizeitvorhaben. »Gut« und »böse« im ethischen Sinn qualifizieren originär menschliches Handeln, und zwar den (zielbewussten) Umgang mit naturhaft Gutem und naturhaft Schlechtem, insbesondere im Hinblick auf Mitmenschen. Auf etwas Wesenhaftes »jenseits« der Fähigkeit, gut oder böse zu handeln, kann Böses nicht zurückverfolgt werden. Erst im abgeleiteten Sinn kann von Menschen gesagt werden, sie seien gut oder böse – dann nämlich, wenn sie grundsätzlich und bei nahezu allen Gelegenheiten entsprechend handeln.

Bei alltagssprachlich formulierten Menschenbildern werden derartige Differenzierungen eher vernachlässigt. Denn Menschenbilder sind in der Regel ab­strakte philosophische oder theologische Vorstellungen davon, was den Menschen und die menschliche Gesellschaft im Wesentlichen ausmacht. Obgleich ihnen eine allgemeine und zeitlose Gültigkeit unterstellt wird, sind sie kulturrelativ und zeitgebunden, werden im Laufe der Entwicklung immer wieder neu entworfen und bearbeitet. Zumindest im gleichen Maße wie den Versuch einer Bestim­mung der menschlichen Natur beinhalten sie idealisierende Umschreibungen dessen, was in einer Trägergesellschaft als menschliches Ideal gilt oder gelten soll. Aufgrund dieses normativen Aspekts erhalten Menschenbilder politische Relevanz. Eine solche Relevanz ergibt sich aber auch aus ihrem Legitimierungspotenzial für bestehende gesellschaftliche und politische Verhältnisse.

Überlegungen dieser Art legen nahe, dass der oft scheinbar nur in unterschiedlichen militär- und sicherheitspolitischen Präferenzen bestehende Gegensatz zwischen Pazifismus und Militarismus tief verankert sein dürfte in gegensätzlichen Menschenbildern. Nur um diesen Krieg und Frieden betreffenden Aspekt von Menschenbildern geht es hier. In welchem Sinn aber soll von Pazifismus und Militarismus die Rede sein?

Seit Anfang des 20. Jahrhunderts ist das Kunstwort »Pazifismus« als zusammenfassende Bezeichnung für alle Friedenskonzepte, Teilziele und friedenspolitischen Ansätze der Friedensbewegungen und -organisationen in Gebrauch. Pazifismus als Doktrin ist demzufolge kein einheitliches Gebilde; in der rund 200-jährigen Geschichte der pazifistischen Bewegungen hat sich eine Positionsfamilie entwickelt, in der das Pazifismuskonzept uneinheitlich verwendet bzw. kontrovers bestimmt wird. Die Hauptfacetten – »kein Krieg«, »nicht Töten« und »ohne (physische oder psychische) Gewalt« (vgl. Holmes 2014; Moseley o.J.) – werden in unterschiedlichen Bewegungen und Organisationen unterschiedlich gewichtet. Als Begriffskern und kleinsten gemeinsamen Nenner kann man die grundsätzliche, insbesondere politisch-moralische Ablehnung von Krieg und militärischer Gewalt als Mittel zur Austragung politischer Konflikte ansehen, zumal dieser Aspekt von den anderen Facetten impliziert wird (sie aber nicht eindeutig impliziert). Die positive, auch handlungsbezogene Seite der pazifistischen Perspektive mag in einer Formel wie „Frieden durch Frieden und nur durch Frieden“ prägnant zum Ausdruck kommen.

Als bellizistisches Gegenstück gilt eine Position, wie sie mit dem altrömischen Motto „Wenn du Frieden willst, bereite Krieg vor“ auf den Punkt gebracht ist. Einen Gegensatz im strengen Sinn aber stellt die militaristische Gewaltfriedens­idee dar, nach dem Leitsatz „Wenn du Frieden willst, führe Krieg“. Nun folgt auf Kriegsvorbereitung im bellizistischen Sinn zwar nicht notwendigerweise Krieg. Kriegführung erfordert jedoch entsprechende Vorbereitungen. Die aber haben auf der Mentalitätsebene Kriegführungsbereitschaft zur Voraussetzung und bedingen auf der materiellen und sozialen Ebene einen Verbrauch von Ressourcen, der u.U. nicht weniger destruktiv ist als manifeste kriegerische Gewalt. Hinzu kommt, dass der Militarismusbegriff in der einschlägigen (sozialwissenschaftlichen) Literatur als etablierter Gegenbegriff zum Begriff des Pazifismus gilt. Hier soll daher im Weiteren nur von einem Gegensatz Militarismus-Pazifismus die Rede sein.

Bei Auseinandersetzungen um Militär und Krieg sind Verweise auf das gegnerische und das eigene Menschenbild vielfach Instrument der Auseinandersetzung in Form von spiegelbildlich gegensätzlich konnotierten Verweisungen: Das je eigene Bild wird positiv gekennzeichnet, das der Gegenseite negativ. Aus objektivierend-sozialwissenschaftlicher Perspektive ist das Problemfeld kaum bearbeitet. Im Bereich der sozialpsychologischen Einstellungsforschung beispielsweise ist erst in jüngerer Zeit der eine oder andere Beitrag zu finden, in dem Vorstellungen von der Natur des Menschen als Komponente des Einstellungskomplexes Militarismus-Pazifismus ernst genommen werden und in einschlägige Untersuchungsinstrumente eingehen (z.B. Cohrs and Nelson 2012).

Der Einstellungsforschungsansatz aber ist insofern ergänzungsbedürftig, als er individualpsychologisch orientiert ist. Das heißt, es geht im Wesentlichen um die Bestimmung der Position einzelner Personen auf dem hypothetischen Militarismus-Pazifismus-Kontinuum. Eine Menge von Personen gleicher oder ähnlicher Position auf diesem Kontinuum bildet aber nur dann eine genuine soziale Einheit, wenn nahezu alle vom Bestehen dieser Gemeinsamkeit ausgehen, es sich also um mehr oder weniger bewusst geteilte Vorstellungen handelt. Damit ist die seit den 1970er Jahren entwickelte sozialpsychologische Theorie »sozialer Repräsentationen« (z.B. Moscovici 1981) angesprochen. Dieser Ansatz macht den sozialen und kulturellen Hintergrund von Wissen, Einstellungen, Werten und Verhaltensweisen zum Gegenstand empirischer Forschung; er wäre insofern wie kaum ein anderer geeignet, diesen Hintergrund militaristischer und pazifistischer Einstellungen auszuleuchten. Entsprechende Arbeiten liegen bisher (nach Kenntnis des Autors) nicht vor. Hilfsweise soll hier das Menschenbild zweier Leitfiguren unseres Perspektiven-Gegensatzes skizziert und kurz unter dem Gesichtspunkt der Friedensrelevanz kommentiert werden.

Thomas Hobbes und der »negative Frieden«

Als exemplarisch für die »sicherheitslogische« militaristische Perspektive kann das Bild vom Menschen (und der Gesellschaft) gelten, das Thomas Hobbes (1588-1679) in seinem staatsphilosophischen Hauptwerk »Leviathan« (1651/1984) zeichnet. Hobbes versteht den Menschen nicht als »ursprünglich gesellig«, sondern als nach Selbsterhaltung und Bedürfnisbefriedigung strebendes Einzelwesen in einer Situation fundamentaler Konkurrenz mit anderen Einzelnen um begrenzte Güter. Soziale Beziehungen kommen vor allem in der Gestalt von Macht zur Geltung, verstanden als Potenzial zu letztlich gewaltförmiger Sicherung und Steigerung eigener Bedürfnisbefriedigung. Macht erfordert Machterhalt und bedingt damit ein verbreitetes Streben nach Machterweiterung. Das wiederum führt zur Verschärfung des Grundkonflikts.

Nicht zuletzt dank der ständigen Exponiertheit des Lebens eines jeden sind die konkurrierenden Individuen grundsätzlich gleich und leben in der gleichen Hoffnung, ihre Ziele zu erreichen. Wenn aber ein bestimmtes Wertobjekt von mehreren Menschen gleichzeitig begehrt wird, jedoch unmöglich gleichzeitig zu besitzen und zu genießen ist, kommt es unweigerlich zum Kampf. Von Natur aus hat jeder das Recht auf alles, was er zur seiner Selbsterhaltung und Bedürfnisbefriedigung braucht. Doch dieses »Naturrecht« eignet sich nicht als Regulativ; vielmehr führt das »Recht aller auf alles« zum »Krieg aller gegen alle« – bei beständiger Furcht und Gefahr eines gewaltsamen Todes.

Ein Ausweg aus diesem miserablen »Naturzustand« erschließt sich, wenn Todesfurcht und Begehren die menschliche Vernunft in ihren Dienst nehmen. Dann kann durch einen Vertrag zwischen den Individuen, der die gesamte je eigene Macht und Stärke und alle »natürlichen Rechte« auf einen Menschen oder auf eine Versammlung von Menschen überträgt, eine politische Friedensordnung gestiftet werden. Durch vollständige Unterwerfung unter diesen Souverän entsteht eine alle Glieder der Gemeinschaft zwingende Gewalt, die die Sicherheit ihrer Mitglieder und deren Freiheit, ihre Ziele zu verfolgen, zu gewährleisten vermag. Der so kreierte Gewaltmonopolist Staat (Leviathan) ist ein von den Individuen verfertigtes Artefakt. Nachdem sie ihn aber geschaffen haben, können die Einzelnen ihm gegenüber keine Rechte mehr geltend machen. Mit dem Wegfall des intendierten Schutzes entfällt allerdings die dieses Schutzes wegen eingegangene Gehorsamsverpflichtung.

In Fragen von Recht und Moral gilt Hobbes weithin als früher Rechtspositivist. Erst mit dem »Gesellschaftsvertrag« wird ihm zufolge die Rede von Recht und Unrecht, Gut und Böse sinnvoll. Andererseits meint er, aus dem Selbsterhaltungsbedürfnis ergäbe sich ein grundlegendes und allgemeines »Gesetz der Natur« (lex naturalis): Dem Menschen ist es verboten, etwas zu tun, was sein Leben vernichten oder ihn lebenserhaltender Mittel berauben kann, und zu unterlassen, wodurch es am besten zu erhalten ist. Demgemäß haben sich alle um Frieden zu bemühen, solange Hoffnung auf Frieden besteht, dürfen sich aber sämtliche Mittel und Vorteile des Krieges verschaffen, falls Frieden nicht erreichbar ist. Des Weiteren sollen die Einzelnen freiwillig, falls andere ebenfalls dazu bereit sind, auf ihr Recht auf alles verzichten, soweit sie das um des Friedens und der Selbstverteidigung willen für notwendig halten. Doch selbst ein so allgemeines moralisches Prinzip wie die hier anklingende »Goldene Regel«, andere zu behandeln, wie man selbst behandelt werden will, hält Hobbes für ungeeignet, auch nur minimale Sicherheit zu gewährleisten. Erst die Furcht vor einer mit Zwangsgewalt ausgestatteten Macht, welche die Nicht-Beachtung solcher »natürlichen Gesetze« unter Strafe stellt, macht diese wirkmächtig.

Die nach Hobbes durch Konstruktion des Leviathans gestiftete Friedensordnung beruht auf der Todesfurcht und dem Begehren des Individuums. Der fundamentale Wert ist Sicherheit im Sinne des Schutzes vor einem gewaltsamen Tod. Damit läuft diese Friedenskonzeption lehrbuchhaft auf einen »negativen Frieden« im Sinne Galtungs (1975) hinaus. Die zwischenstaatlichen Beziehungen hat Hobbes allerdings nur am Rande im Blick; er scheint den Naturzustand diesbezüglich für unüberwindbar zu halten. Manche Vertreterinnen und Vertreter der »realistischen« (außen-) politischen und politikwissenschaftlichen Schule sehen gleichwohl in einer Übertragung seines Modells auf die »anarchische« internationale Bühne eine bzw. die einzige Möglichkeit zwischenstaatlicher Friedenssicherung. Die Bedeutung der hobbesschen Perspektive für die herrschende militärgestützte »Sicherheitslogik« ist kaum zu bestreiten (vgl. Jaberg 2014).

Das Kernproblem stellt das »Sicherheitsdilemma« dar. Es besteht im Wesentlichen darin, dass Versuche eines Staates, mit militärischen Mitteln für seine Sicherheit vor Übergriffen eines anderen Staates zu sorgen, leicht zu dessen zunehmenden Unsicherheit und zu entsprechenden Gegenreaktionen führen können, unabhängig von den tatsächlichen ursprünglichen Absichten. Das Ergebnis ist mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Spirale zunehmender beidseitiger Unsicherheit (vgl. Wikipedia 2016). Verstärkt wird diese »Self-fulfilling prophecy«-Dynamik (Merton 1968) durch den Mechanismus der Akteur-Beobachter-»Perspektivendivergenz« (Jones und Nisbett 1971): Eigene Handlungen und Maßnahmen werden grundsätzlich als defensiv und gerechtfertigt wahrgenommen und auf äußere Umstände (insbesondere auf das gegnerische Handeln) zurückgeführt, die zu beobachtenden gegnerischen aber als (potenziell) bedrohlich und nicht rechtfertigungsfähig interpretiert und der Bösartigkeit des Gegners zugeschrieben.

Mohandas K. Gandhi und »positiver Frieden«

Als grundlegendes und umfassendes Gegenmodell zur hobbesschen Konstruktion kann man Mohandas K. Gandhis (1869-1948) Satjagraha-Praxis und -Philosophie verstehen (Gandhi 1983; 1996). Die Wortschöpfung »Satjagraha« (Festhalten an der Wahrheit) zur Kennzeichnung des gesamten Ansatzes verweist auf dieses ganz andere Bild vom Menschen und der Gesellschaft. Gandhi glaubte aus religiöser Überzeugung an die Einheit allen Lebens und damit an die grundsätzliche Vereinbarkeit aller wesentlichen menschlichen Interessen und Bestrebungen. Konflikte und Auseinandersetzungen sind in dieser Perspektive oberflächliche Störungen einer tiefgründigen Harmonie. Erkenntnis und Realisierung dieser Harmonie hält Gandhi für jeden Menschen in dem Maße für möglich, wie er oder sie seinem/ihrem Bedürfnis nach Wahrheit im umfassenden Sinn folgt.

Dabei ist Gandhis Denken und Handeln recht skeptisch und geradezu experimentalistisch getönt. Da alle Sachverhalte viele Seiten haben, ist jede spezifische Annäherung an die Wahrheit grundsätzlich fragmentarisch und irrtumsanfällig und daher vorläufig. Gerade in politisch-praktischen (und religiösen) Belangen muss es daher pluralistisch und kooperativ zugehen. Die eigenen Einsichten müssen Gefährten einleuchten und vor allem auch (politische) Gegenspieler überzeugen. Konfliktbearbeitung im Besonderen ist nach Gandhi, wenn sie gelingen soll, als zutiefst dialogischer Prozess des zwangsfreien Erstreitens einer einvernehmlichen Lösung zu verstehen, als Freisetzung einer allen Parteien gerecht werdenden »höheren Wahrheit«.

Gandhi deutet diesen Prozess als Ausübung von »Ahimsa« (wörtlich »Nicht-Verletzen«), als (aktive) Gewaltfreiheit – ein Verständnis von Einfluss und Macht, das der hobbesschen Reduktion auf Gewalt diametral entgegensteht. Dabei kann die eigene Obrigkeit der Gegner sein und demzufolge das Erstreiten einer höheren Wahrheit auch zivilen Ungehorsam einschließen. Niemals aber und gegenüber niemandem ist Wahrheit mit Gewalt zu erreichen oder durchzusetzen; denn wer Gewalt anwendet, sieht sich im Besitz der Wahrheit und verwickelt sich in einen unheilbaren Widerspruch von Ziel und Mittel – in dessen Folge die Mittel das Ziel korrumpieren.

Bei der Suche nach Wahrheit im politischen Bereich spielt die moralische Seite eine zentrale Rolle, mit dem persönlichen Gewissen als Letztinstanz. Unter Umständen entsteht das Dilemma, entweder die eigene Wahrheit unter gegnerischem Druck zu verraten oder die des Gegners zu diskreditieren. Eine Lösung sucht Gandhi in konsequenter Ahimsa. Das aber erfordert, dass der »Satjagrahi«, der gewaltfreie Aktivist, bereit ist zu »Tapasja« (wörtlich »Selbst-Leiden«), d.h. dazu, sich auch persönlichem Leiden auszusetzen oder gar den eigenen Tod in Kauf zu nehmen, um das Gewissen des Gegners zu erreichen.

Um einem groben Missverständnis der Konzeption Gandhis als individualethischem Hochleistungsprogramm vorzubeugen, seien die auf das Gemeinschaftsleben bezogenen Leitideen »Sarvodaja« (Wohlfahrt für alle), »Swaraj« ((kollektive) Freiheit und Selbstbestimmung) und »Swadeshi« (kommunale ökonomische Selbstorganisation) wenigstens erwähnt. Als funktionales Äquivalent der Agenturen der staatlichen Zwangsgewalt entwarf er mit seinem Schüler Vinoba Bhave die »Shanti Sena«, Friedensbrigaden, die durch gewaltfreie Konfliktbearbeitung gemäß den Satjagraha-Prinzipien Ordnungsfunktionen wahrnehmen soll(t)en, wie sie herkömmlicherweise Polizei und Militär zugedacht sind.

Gandhis Satjagraha-Praxis und -Philosophie kann als positive Friedenskonzeption im Sinne der galtungschen Typologie gelten. Bereits persönliche Ahimsa wollte Gandhi, anders als im Jainismus, seiner Referenzreligion, nicht vorwiegend negativ als Gewaltverzicht verstanden und ausgeübt wissen, sondern als positive Kraft tätiger Liebe. Insbesondere die auf das Gemeinschaftsleben bezogenen Konzepte Wohlfahrt für alle, (kollektive) Freiheit und Selbstbestimmung und (kommunale) ökonomische Selbstorganisation sind Zielkomponenten einer konstruktiven Programmatik. Allerdings gehört die Abwehr der betreffenden Unwerte, vor allem der Schutz vor direkter Gewalt und Unterdrückung, dazu. Damit entspricht Gandhis Konzeption weitgehend der Leitidee des »gerechten Friedens« im zeitgenössischen friedensethischen Diskurs der christlichen Kirchen (in Deutschland). Im Gegensatz zur herrschenden großkirchlichen Auffassung soll der Widerstand aber selbst bei existentieller Bedrohung durch militärische Großgewalt grundsätzlich gewaltfrei sein.

Auf den ersten Blick scheint diese Position klar und eindeutig zu sein. Gandhi unterscheidet allerdings vier Entwicklungsstufen auf dem Weg zur Gewaltfreiheit: von feiger Unterwerfung über gewaltsamen Widerstand und passiven Widerstand zu aktiver Gewaltfreiheit. Und trotz seiner vielfach bekundeten Überzeugung, Gewaltfreiheit sei der Gewalt unendlich überlegen, glaubte Gandhi, dass er einer Person, die sich angesichts massiven Unrechts vor der Wahl zwischen Feigheit und Gewalt sieht, zu gewaltsamem Widerstand raten würde. Wiederholt stellte er auch eigene Hilfsdienste (als Sanitäter) beim britischen Militär in das Licht solcher Überlegungen.

Die augenscheinliche Widersprüchlichkeit löst sich weitgehend auf, wenn man derartige Einlassungen als Ausdruck der Beförderung des Gewissens zur politisch-moralischen Letztinstanz versteht und als Ausdruck des Postulats, dass die persönliche Motivation ausschlaggebend ist für die moralische Qualität des Handelns (vgl. Pontara 1967). Etwas weiter gedacht aber muss eine solche Subjektivierung den gesamten Ansatz in Sackgassen führen. Wenn etwa manifeste Gewalt (»Himsa«) dank des »guten Willens« der Handelnden als Gewaltfreiheit (Ahimsa) gelten kann, sodass beispielsweise mit solcher Ahimsa Verletzte und Getötete keine Gewaltopfer mehr sein sollen, steht nicht nur die Entsprechung von Mittel und Ziel in Frage, sondern Gewaltfreiheit gerät zum Selbstwiderspruch. Eine andere Sachgasse tut sich auf, wenn selbst-erklärte »politische Pazifisten« mit »extremen Ausnahmesituationen« reihenweise rechnen, die das Gewaltfreiheitsprinzip suspendieren, aber nicht recht anzugeben wissen, welche Situationsmerkmale solche Ausnahmesituationen ausmachen sollen, und dann bestenfalls auf kriteriologische Fragmente der Bellum-iustum-Theorie zurückgreifen, vor allem auf das Kriterium des »letzten Mittels«.

Für agnostisch Gestimmte oder Atheisten mag Gandhis religiöse Verwurzelung ein weltanschauliches Hindernis darstellen, sich auf seine Ideen und »Experimente mit der Wahrheit« ernsthaft einzulassen und sie unvoreingenommen zu prüfen. Sein Gottesverständnis ist allerdings ausgesprochen ökumenisch in einem denkbar weiten, jedenfalls Religionen mit nicht personalistischem Gottesverständnis einschließenden Sinn. Andererseits wurden im vergangenen Jahrhundert größere gewaltfreie Bewegungen vor allem von ausgeprägt religiösen Menschen inspiriert. Was einen eventuellen »Mehrwert der Religion« ausmachen könnte, ist insofern eine respektable wissenschaftliche und politisch-kulturelle Herausforderung. Schließlich ist zu unterscheiden zwischen Gewaltfreiheit als konkreter Taktik, als genereller Strategie und als Lebensform. Nur als Lebensform ist Gewaltfreiheit ein Wert in sich und als solcher am ehesten religiös konnotiert.

Rückblick und Ausblick

Auch Hobbes und Gandhi, deren Menschenbilder hier ersatzweise als typisch für Militarismus und Pazifismus nachgezeichnet wurden, sind nicht erkennbar um sprachliche Differenzierung in dem eingangs erläuterten Sinn bemüht. Eine quasi-moralische Qualifizierung des Menschen kommt aber – wenngleich eher indirekt – auch bei ihnen zum Ausdruck. Hobbes operiert jedenfalls hintergründig mit wesenhafter Schlechtheit (Egozentrik = Bösartigkeit?) des Menschen. Zwar werden Recht und Moral erst durch den Gesellschaftsvertrag konstituiert, zugleich bleibt ihre Durchsetzung auf die mit eben diesem Vertrag begründete Zwangsgewalt des Leviathan angewiesen. Dagegen setzt Gandhi auf eine ebenfalls wesenhafte Gutheit des Menschen, allerdings nicht auf faktische, sondern auf potenzielle, auf eine Gutheit, die über die (moralische) Selbstentwicklung des Einzelnen in und mit der Gesellschaft verlaufen muss.

Das hobbessche Menschenbild ist selbst für einen lediglich negativen (Abschreckungs-) Frieden eher kontraproduktiv: Menschliche Natur und internationale Anarchie garantieren, dass die Sicherheitsprekarität unüberwindbar ist. Doch es bleibt auch nicht beim Ewigselben; vor allem die von Hobbes kaum in Rechnung gestellte (waffen-) technologische Entwicklung treibt eine allgemeine und verschärfte Verunsicherheitlichung voran.

Die Friedensrelevanz von Gewaltfreiheit als Taktik wie als Strategie der Konfliktbearbeitung – ob mit oder ohne Bezug auf Gandhi – ist aus der objektivierenden wissenschaftlichen Sicht selbst nicht politisch involvierter Forscherinnen und Forscher spätestens seit den Arbeiten beispielsweise von Semelin (1995) und Chenoweth und Stephan (2011) empirisch gut belegt. Eine vergleichbare Relevanz kann man andererseits Gandhis Perspektive einer tiefgreifenden Gesellschaftsreform (bisher) kaum attestieren. Das mag u.a. damit zu tun haben, dass sein Beispiel umso weniger verpflichtend wurde, je mehr es sich abhob von den Denk- und Handlungsmöglichkeiten der Mehrheit seiner Gefolgschaft. Zu bedenken ist aber auch, dass Ideale definitionsgemäß nur approximativ zu erreichen sind, Gandhis Ideale ihre Zukunft also noch vor sich haben könnten.

Die von Jaberg (2014) erörterten Möglichkeiten aber, die Tücken des hobbesschen Ansatzes zu mildern – insbesondere selbstreflexive Wende, Perspektivenübernahme und Erfindung und Implementierung einer inklusiven Sicherheitskonzeption –, können und sollten aus pazifistisch-»friedenslogischer« Sicht als Schritt in Richtung der eigenen Idealvorstellungen verstanden und anerkannt werden.

Literatur

Chenoweth, D.; Stephan, M.J. (2011): Why civil resistance works. New York: Columbia University Press.

Cohrs, C. J.; Nelson, L.L. (2011): Militaristic attitude. In: D.J. Christie (ed.): The Encyclopedia of Peace Psychology. Malden, MA: Wiley-Blackwell.

Galtung, J. (1975): Gewalt, Frieden und Friedensforschung. In: Galtung, J.: Strukturelle Gewalt. Reinbek: Rowohlt, S. 7-36.

Gandhi, M. (1983): Mein Leben. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Gandhi, M. (1996): Für Pazifisten. Münster: LIT.

Hobbes, T. (1651/1984): Leviathan. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.

Holmes, R.L. (2013): Violence and nonviolence. In: Cicovacki, P. (ed.): The ethics of nonvio­lence. New York etc.: Bloomsbury, S. 149-167.

Jaberg, S. (2014): Sicherheitslogik – Eine historisch-genetische Analyse und mögliche Konsequenzen. In: Friedenslogik statt Sicherheitslogik. W&F-Dossier 75, S. 8-11.

Jones, E.E.; Nisbett, R.E. (1971): The actor and the observer – Divergent perceptions of the causes of behavior. In: Jones, E.E. et al. (eds.): Attribution – Perceiving the causes of behav­ior. Morristown, NJ: General Learning Press, S. 79-94.

Merton. R.K. (1967): Die Eigendynamik gesellschaftlicher Voraussagen. In: Topitsch, E. (Hrsg.): Die Logik der Sozialwissenschaften. Köln/Berlin: Kiepenheuer & Witsch, S. 144-160.

Moscovici, S. (1981): On social representations. In: Forgas, J.P. (ed.): Social cognition. New York: Academic Press, S. 181-209.

Moseley, A. (o.J.): Pacifism. Internet Encyclopedia of Philosophy; iep.edu

Pontara, G. (1965): The rejection of violence in Gandhian ethics of conflict resolution. Journal of Peace Research, 2, S. 197-215.

Semelin, J. (1995): Ohne Waffen gegen Hitler. Frankfurt a.M.: Dipa.

Wikipedia (2016): Security dilemma. Stand 29.10.2016.

Prof. Dr. Albert Fuchs ist Hochschullehrer für Kognitions- und Sozialpsychologie i.R., Mitglied des Beirats von W&F und bei Pax Christi u.a. engagiert.