Einsteins Dilemma und die Verantwortung der Wissenschaft

Einsteins Dilemma und die Verantwortung der Wissenschaft

von Jürgen Scheffran

Wie kein anderer repräsentiert Albert Einstein die Erfolge der Physik des 20. Jahrhunderts, aber auch ihre tragischen Widersprüche. Mit seinen vor Hundert Jahren erschienenen Arbeiten hat er das naturwissenschaftliche Weltbild revolutioniert. Dabei galt sein Interesse nicht nur universellen Naturgesetzen, sondern auch den moralischen Gesetzen. Seinen Mangel an Anschlussbedürfnis zu anderen Menschen versuchte er wettzumachen durch einen „leidenschaftlichen Sinn für soziale Gerechtigkeit und soziale Verpflichtung“, wie er selbst schreibt. Die sozialen Klassenunterschiede empfand er als nicht gerechtfertigt und letzten Endes als auf Gewalt beruhend. Die Sicherung des internationalen Friedens war für ihn ein hohes Gut, Krieg und Militarismus verachtete er: „Ich möchte mich lieber in Stücke schlagen lassen, als mich an einem so elenden Tun beteiligen!“ Der nationalen Hysterie zu Beginn des 1. Weltkrieges trat er einsam entgegen. Mit seiner anti-nationalen und freigeistigen Einstellung wurde der Jude Einstein zur Zielscheibe der Faschisten und verließ mit Hitlers Machtergreifung Deutschland für immer.

Ausgerechnet sein berühmtestes Naturgesetz, das die in einer Masse gebundene Energie durch die Lichtgeschwindigkeit bestimmt, sollte seine moralische Welt erschüttern, denn es schuf die theoretische Voraussetzung für die fürchterlichste aller Waffen. Die Entdeckung der nuklearen Kettenreaktion 1938 durch Hahn, Meitner und Strassmann verband sich auf tragische Weise mit dem Zweiten Weltkrieg. Aus Furcht vor der deutschen Bombe relativierte der Erfinder der Relativitätstheorie seine pazifistischen Positionen. In der Qual der Wahl zwischen zwei Übeln und sich der „furchtbaren Gefahr wohl bewusst“ unterschreibt Einstein auf Anraten Leo Szilards einen Brief an Präsident Roosevelt, in dem er sich für die „Beschleunigung der experimentellen Arbeiten“ einsetzt, die zu „neuartigen Bomben von höchster Detonationsgewalt“ führen. Dies war ein Auslöser für das Manhattan-Projekt zum Bau der Atombombe. Die Atompilze über Hiroshima und Nagasaki im August 1945 konfrontierten die beteiligten WissenschaftlerInnen mit ihrer Verantwortlichkeit. In den Jahren nach dem Krieg bis zu seinem Tod 1955 musste Einstein die Eskalation des nuklearen Wettrüstens verfolgen.

Solange es Kriege gibt, schreibt er rückblickend, sehen sich Menschen genötigt, „alle, auch die verabscheuungswürdigsten Mittel vorzubereiten, um im allgemeinen Wettrüsten nicht überflügelt zu werden… Unter diesen Umständen hat die Bekämpfung der Mittel keine Aussicht auf Erfolg. Nur die radikale Abschaffung der Kriege und der Kriegsgefahr kann helfen.“ In den letzten Tagen seines Lebens unterzeichnete er das Russell-Einstein Manifest, das als Gründungsdokument der internationalen Pugwash-Bewegung gilt. „Erinnere Dich Deiner Menschlichkeit, und vergiss alles andere,“ heißt es da.

Dass die Spaltung des Atoms alles geändert hat, nur nicht das menschliche Denken, ist eines von Einsteins bekannten Zitaten. Das neue Denken, das mit den Realitäten des Nuklearzeitalters vereinbar sein soll, fand erst drei Jahrzehnte später bei Michail Gorbatschow Resonanz. Dass die östliche Supermacht von der Bildfläche verschwand, konnte die noch verbleibende westliche Supermacht jedoch nicht davon abhalten, nunmehr allein nach Weltherrschaft zu streben, unter Beibehaltung von Atomwaffen. Die Hoffnung des Emigranten Einstein auf die Demokratie Amerika, die er noch als Gegenmacht gegen das ihm verhasste totalitäre Deutschland sah, ging nicht in Erfüllung.

Auch Einsteins Erwartungen an die von ihm mit geschaffene neue Wissenschaft blieben teilweise unerfüllt, wobei er die Ambivalenz wohl erkannte: „Die letzten Generationen haben uns in der hochentwickelten Wissenschaft und Technik ein überaus wertvolles Geschenk in die Hand gegeben, das Möglichkeiten der Befreiung und Verschönerung unseres Lebens mit sich bringt, wie sie keiner der früheren Generationen geboten waren. Dies Geschenk bringt aber auch Gefahren für unsere Existenz mit sich, wie sie noch niemals schlimmer gedroht haben.“

Wie sehr die hemmungslose Ausbeutung von Mensch und Natur den Planeten gefährdet und eine nachhaltige Wissenschaft erfordert, ist heute unübersehbar.

Einstein war bewusst, dass der triumphale Siegeszug der Wissenschaft Grenzen hat und dem Friedenspostulat genügen muss: „Die Entwicklung der Technik in unserer Zeit aber macht dies ethische Postulat zu einer Existenzfrage für die heutige zivilisierte Menschheit und die aktive Teilnahme an der Lösung des Friedensproblems zu einer Gewissenssache, der kein der moralischen Verantwortung bewusster Mensch ausweichen kann.“ Dies macht es erforderlich, dass WissenschaftlerInnen den Elfenbeinturm verlassen und sich ihrer Verantwortung stellen, selbst wenn sie wie Einstein selbst in ein Dilemma geraten und dadurch Nachteile haben, wie die Fälle von Daniel Ellsberg, Mordechai Vanunu, Ted Postol und anderen eindringlich zeigen.

Jürgen Scheffran

Frieden durch Gerechtigkeit und Solidarität

Frieden durch Gerechtigkeit und Solidarität

von Friedhelm Hengsbach

Gerechtigkeit „… schafft Frieden (opus iustitiae pax).„ Diesen gewichtigen Leitsatz der kirchlichen Sozialverkündigung hat der polnische Papst Johannes Paul II. 1967 in die Formel übersetzt: „Solidarität schafft Frieden (opus solidarietatis pax).“ In dem 1997 veröffentlichten Gemeinsamen Wirtschafts- und Sozialwort der Kirchen werden die Grundsätze der Gerechtigkeit und Solidarität als Säulen einer zukunftsfähigen Gesellschaft bezeichnet. Wird das Profil einer solchen Gesellschaft im Zentrum des deutschen Wahlkampfs im kommenden Herstehen?

Mit der Agenda 2010 hat Bundeskanzler Schröder die rot-grüne Koalition und die eigene Partei in den Sog eines medienverstärkten Feldzugs gegen den Sozialstaat gerissen. Dieser wird mutwillig schlecht geredet. Es heißt, der Sozialstaat gefährde die globale Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft, verursache die Arbeitslosigkeit, sei im Verhältnis zu dem, was er leistet, zu teuer und angesichts des demografischen Wandels nicht mehr zu finanzieren.

Die mit lautem Getöse als Jahrhundertwerk inszenierten Steuer-, Renten-, Gesundheits- und Arbeitsmarktreformen haben ihre Wachstums- und Beschäftigungsziele verfehlt und statt dessen in der Bevölkerung eine depressive Abwärtsspirale ausgelöst. Sie haben die gesellschaftlichen Risse vertieft, das Armutsrisiko erhöht, die Privatvermögen der Wohlhabenden steigen lassen und die Partei der sozialen Demokratie an den Rand des politischen Ruins getrieben. Sie sind am Ende zu einem Katalog des Sparens, Kürzens, Streichens geschrumpft.

»Moderne« Gerechtigkeit

Um die scheinbaren Reformen zu rechtfertigen, propagiert die politische Klasse einen »modernen« Gerechtigkeitsbegriff. Statt Verteilungsgerechtigkeit, die auf die Umverteilung materieller Güter und Finanzmittel fixiert sei, soll jetzt »Chancengleichheit« im Mittelpunkt stehen – vor allem in Bezug auf das Bildungswesen. Die Menschen hätten unterschiedliche Talente und würden unterschiedliche Leistungen vollbringen. Die Form der Gerechtigkeit, die darauf besser zugeschnitten sei, heiße Leistungs- und Marktgerechtigkeit. Sie schöpfe die Begabungen der Individuen stärker aus und belohne herausragende Talente und ein spürbares Engagement mit höherem Einkommen und Vermögen. Folglich sei die Spreizung der Einkommen und Vermögen leistungsgerecht, auch wenn sie auf Kosten der Bedarfsgerechtigkeit und der Solidarität erfolge.

Deformation der Solidarität

Mit der Agenda 2010 und mit den Hartz-Gesetzen ist ein Systemschnitt vollzogen worden. Die Solidarität der Starken mit den Schwachen, der Gesunden mit den Kranken und der Wohlhabenden mit den Bedürftigen wurde deformiert:

  • Gesellschaftliche Risiken, die in Verhältnissen begründet sind, die nicht dem Fehlverhalten Einzelner angelastet werden können, etwa Arbeitslosigkeit, schwere Krankheit, Pflegebedürftigkeit, Armut oder die Zugehörigkeit zum weiblichen Geschlecht, werden tendenziell individualisiert.
  • Die solidarische Absicherung, die eine angemessene und rentable Reaktion auf gesellschaftliche Risiken ist, wird tendenziell der privaten Vorsorge überlassen.
  • Die Grundrechtsansprüche auf Arbeit, existenzsichernden Lebensunterhalt, Bildungs- und Gesundheitsgüter werden tendenziell in marktwirtschaftliche Tauschverhältnisse überführt.

Im Verhältnis zu der geballten politischen Energie, mit der die Sozialreformen der Bevölkerung präsentiert wurden, ist das Ergebnis enttäuschend. Die reale Nettoentlastung der privaten Haushalte infolge der Steuerreformen ist nämlich mit den Mehrbelastungen zu verrechnen, wie z. B. den erhöhten Verbrauchsteuern und kommunalen Gebühren, den Zuzahlungen zu Medikamenten, der Praxisgebühr und der Absenkung des Arbeitslosengeldes. Die Versorgungslücken, die entstehen, weil die Leistungen der gesetzlichen Rentenversicherung gekürzt wurden, lassen sich nicht in jedem Fall durch eine private Vorsorge ausgleichen. Erwerbstätigen, die in unbefristeten Arbeitsverhältnissen mit einem die Existenz sichernden Einkommen leben, erwachsen vermutlich geringe Probleme. Wohlhabende Haushalte werden sie leicht bewältigen. Aber diejenigen, deren Sparfähigkeit begrenzt ist, geraten unter Druck. Das Abkassieren bei den Patienten beseitigt nicht die unverändert beklagten Steuerungsdefizite der Über-, Unter- und Fehlversorgung des Gesundheitssystems. Dass durch die zu erwartenden rigorosen Einschnitte in die Lebenslage der Arbeitslosen, einschließlich der negativen Auswirkungen auf das individuelle und kollektive Arbeitsrecht, zusätzliche Arbeitsplätze geschaffen werden, ist nicht zu erwarten. Die Verdrängung regulärer Arbeitsverhältnisse durch die Ein-Euro-Jobs wird in Kauf genommen.

Gerechtigkeit – eine Vorvermutung der Gleichheit

Der Grundsatz der Gleichheit meint nicht »Identität«. Menschen sind gleich in Bezug auf ein einziges Merkmal – etwa das der gleichen Herkunft oder einer technischen bzw. musischen Begabung. In vielen anderen Merkmalen unterscheiden sie sich. Eine formale Gleichheit drückt sich in dem Satz aus: »Gleiches ist gleich, Ungleiches ungleich zu behandeln«. Eine verhältnismäßige Gleichheit ist dann gewahrt, wenn die Verteilung von Gütern und Rechten auf Personen und Personengruppen im Verhältnis zu dem erfolgt, was ihnen zusteht – »Jedem das Seine« oder »Gleicher Lohn für gleiche Arbeit«.

Der tiefste Grund, warum Gleichheit als Inbegriff von Gerechtigkeit zu verstehen ist, liegt in der moralischen Gleichheit. Sie besagt, dass jede Person einen moralischen Anspruch darauf hat, mit der gleichen Achtung und Rücksicht behandelt zu werden wie jede andere. Jede menschliche Person ist von einem unparteilichen Standpunkt aus als autonomes Lebewesen zu respektieren und als Gleiche, jedoch nicht gleich zu behandeln. Der moralische Gleichheitsanspruch wird übersetzt in eine Beweislastregel: Konkrete Personen können unterschiedliche wirtschaftliche und soziale Positionen beanspruchen, die sie auf Grund der Mobilisierung ihrer Talente und Anstrengungen erworben haben. Aber solche Ungleichheiten unterschiedlicher Güterausstattung bedürfen einer rechtfertigenden Begründung, die sich auf verteilungsrelevante Unterschiede der Personen bezieht. Sonst gilt die Gleichheitsvermutung.

Daraus sind zwei Folgerungen zu ziehen. Erstens klingt die Kritik an der Verteilungsgerechtigkeit voreilig. Denn nicht nur materielle Güter und Geld stehen zur Verteilung an, sondern auch Zugangschancen, Verfügungsrechte und Machtpositionen. Die Verteilungsgerechtigkeit hat Vorrang vor der Tauschgerechtigkeit. Denn bei einem rechtmäßigen Tausch von Gütern wird unterstellt, dass die Marktpartner das Recht haben, über die getauschten Güter zu verfügen. Zweitens ist zwischen formaler und realer Chancengleichheit zu unterscheiden. Formale Chancengleichheit bedeutet lediglich, dass Menschen ungeachtet ihres unterschiedlichen Leistungsvermögens vom gleichen Startpunkt aus auf das Ziel loslaufen. Reale Chancengleichheit besteht erst dann, wenn natürliche Benachteiligungen und gesellschaftliche Diskriminierungen fortlaufend korrigiert werden. Die gleichen Chancen im Bildungssystem gewährleisten ja noch längst nicht die Chancengleichheit im Beschäftigungssystem. Eine ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen ist selten das Resultat unterschiedlicher Talente und Anstrengungen, sondern viel mehr eingespielter Konventionen, Rollenmuster und wirtschaftlicher Macht.

Demokratische Solidarität

Die solidarische Absicherung gesellschaftlicher Risiken, die bisher fast ausschließlich an die (abhängige) Erwerbsarbeit gekoppelt war, ist wegen der brüchig gewordenen Grundlagen – ununterbrochene Erwerbsarbeit, sexistische Arbeitsteilung und Normalfall eines Haushalts mit mehreren Kindern – weder plausibel noch zukunftsfähig. Die Leistungs-, Finanzierungs- und Gerechtigkeitsdefizite der herkömmlichen solidarischen Sicherungssysteme, etwa Lebenslagen unterhalb des sozio-kulturellen Existenzminimums, Armut trotz Erwerbsarbeit und die Schieflage der steuerlichen Belastung belegen, wie sehr das Einschnüren der solidarischen Sicherung und der Appell an private Vorsorge fahrlässig sind und nur Scheinlösungen bieten.

Die Steuerungsform der Solidarität entsteht da, wo eine gemeinsame Grundlage existiert oder als existent unterstellt wird. Deren Reichweite kann unterschiedlich markiert werden – gemäß den Grenzen einer Familie, einer Region, eines Sprachraums oder einer Schicksalsgemeinschaft. Darauf gründet die wechselseitig übernommene Verpflichtung, füreinander einzustehen. Deutlich lässt sich die Steuerungsform der Solidarität gegen die des Marktes abgrenzen. Im Unterschied zum marktförmigen Tausch ist die Steuerungsform der Solidarität an die Einschätzung gebunden, dass diejenigen, die sich solidarisieren, ein gleiches Interesse verbindet, obwohl ein ungleiches Verhältnis von Lebenschancen weiterhin besteht. Solidarität beruht also auf einer Gegenseitigkeit, die nur latent vorhanden ist, weil Leistung und Gegenleistung durch einen Erwartungswert verknüpft sind. Folglich entsprechen – anders als auf dem Markt – die Beitragshöhe der finanziellen Leistungsfähigkeit, der monetäre oder sachliche Leistungsanspruch dem aktuellen Bedarf an Hilfe.

Eine solche Steuerungsform durch die Marktsteuerung zu ersetzen oder zu ergänzen, ist nur dann zulässig, wenn eine komfortable private Kaufkraft und ein robustes Leistungsvermögen vorhanden sind. Da solche Bedingungen für die Mehrheit der Bevölkerung nicht gegeben sind, sollten die Grundlagen der solidarischen Sicherung erweitert und eine »demokratische Solidarität« angestrebt werden: Alle Personen, die im Geltungsbereich der Verfassung ihren Lebensmittelpunkt haben – ohne Rücksicht darauf, ob sie Arbeiter und Angestellte, Selbständige, Beamte, Richter, Soldaten oder Bauern sind, werden in die Solidargemeinschaft einbezogen. Alle Einkommen, die im Geltungsbereich des Grundgesetzes entstehen, sind beitragspflichtig. Beitragsbemessungs- und Versicherungspflichtgrenzen werden aufgehoben. Solidarische Leistungen bewegen sich innerhalb eines Korridors, der von unten her gesockelt und nach oben hin gedeckelt ist. Eine Abspaltung der Beschäftigungs-, Gesundheits-, Alters- und Pflegerisiken, deren Abfederung einer solidarischen Versicherung zugewiesen wird, von den Einkommensrisiken, deren solidarischer Ausgleich dem Steuersystem überlassen bleibt, ist zu vermeiden, weil zum einen das derzeitige Steuersystem nicht solidarisch ist und weil zum andern die Einkommens- und die erwähnten Lebensrisiken verbunden auftreten.

Dr. oec. Friedhelm Hengsbach ist Mitglied des Jesuitenordens, Professor für Christliche Gesellschaftskritik an der Philosophisch-Theologischen Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt am Main und Leiter des Oswald von Nell-Breuning Instituts für Wirtschafts- und Gesellschaftsethik.

Neue Technologien – Problemlöser oder -erzeuger

Neue Technologien – Problemlöser oder -erzeuger

Über die Rolle und Verantwortung des Ingenieurs

von Wolfgang Neef

Bei der Debatte um »Verantwortung« von Wissenschaft und Technik lässt sich auf der allgemeinen Ebene sehr leicht Einigkeit zwischen allen Beteiligten erzielen. Man formuliert relativ flott, was sein müsste, sein sollte, sein könnte, gießt dies z.B. in Ethik-Codices – wenn es dann aber praktisch werden soll, gibt es einen riesigen Abstand zur Umsetzung in die Realität. Möglicherweise ist die konkrete Wirkung der »Verantwortungsdebatte« umgekehrt proportional zu ihrem Umfang, der sich in den letzten 20 Jahren erheblich vergrößert hat. Um dieser Gefahr des allzu schnellen Konsenses und damit der Unverbindlichkeit zu entrinnen, möchte ich in den drei Teilen des Artikels schrittweise so konkret werden, dass selbstkritische Fragen an Naturwissenschaftler und Techniker entstehen, die die allzu leichte Einordnung in »gute« und »böse« Technik und damit eben jenen wirkungslosen Konsens auf der Ebene der unverbindlichen »Verantwortungs-Debatte« mindestens erschweren.

Im ersten Teil geht es um die ambivalente Rolle der Technik: Einerseits um ihre, trotz großer Leistungen für die Menschen, bedenklichen gesellschaftlichen und ökologischen Auswirkungen – also Technik als Teil des Problems; andererseits um das große Potenzial einer richtig verstandenen Technikentwicklung, also um die Problemlösungskompetenz der Technik.

Im zweiten Teil beleuchte ich die Rolle der Ingenieurinnen und Ingenieure als Berufsgruppe.

Im dritten Teil gehe ich kurz ein auf die militärischen Wurzeln von Technik und Ingenieurberuf und deren nach wie vor große Wirkung auch in der »zivilen« Technik.

Technik als Teil des Problems

Wissenschaft und Technik haben als Motor der industriellen Revolution die Lebensweise der Industrienationen wesentlich bestimmt. Sie haben die Lebensverhältnisse der Menschen in den Industrienationen revolutioniert und dabei erheblich verbessert. Damit errangen sie zu Recht einen hohen gesellschaftlichen Stellenwert. Dieser resultiert aber auch aus ihren großen Visionen, die den Preis für die ständige Umwälzung der Produktions- und Lebensverhältnisse vertretbar erscheinen ließen. Sie versprachen und versprechen noch – allerdings mit nachlassender Überzeugungskraft – unbegrenzte Ressourcen für ein »gutes Leben«, ja sogar von Glück, Zufriedenheit und erfülltem Leben für die gesamte Menschheit. Lange schien die Gleichung zu gelten: Wissenschaftlich-technischer Fortschritt bringt sozialen Fortschritt. Und eben so lange konnten sich Ingenieure, gefragt nach Ihrer »Verantwortung«, auf diese Position zurückziehen. So prägte dieser „Mythos der Moderne“ (Otto Ullrich) in den letzten 250 Jahren das Selbstverständnis der Ingenieure und wegen der unbestreitbaren großen materiellen Erfolge auch ihren Stolz und ihren Status in unserer Industriegesellschaft.

Nun lässt sich seit der ersten Studie des »Club of Rome« zunehmend konkret zeigen, dass dieser Mythos eine Täuschung war, dass die bisherige gesellschaftliche Prägung von Wissenschaft und Technik und ihre Umsetzung nicht nur die Heilsversprechen auf das gute Leben für alle nicht einlöst, sondern gar nicht einlösen kann. Dass Technologien neben Problemlösungen auch neue Probleme erzeugen, ist seit langem banal – bislang galt aber immer die Vorstellung, dass diese mit der nächsten oder übernächsten Generation von neuen Technologien bewältigt sein würden. Diese »Durchbrecherstrategie« finden wir auch in der aktuellen Debatte um eine Innovationsoffensive in Deutschland wieder: Der Innovationsbegriff wird nicht gesellschaftlich gefüllt, sondern orientiert sich ausschließlich an mehr oder weniger vorgegebenen Definitionen von Spitzentechnologie und an der Verwertung auf den Märkten.

Da wir aber inzwischen wissen, dass die Größenordnungen der neuen Probleme die Dimensionen des erzielten Fortschritts möglicherweise erheblich übersteigen, dämmert uns mittlerweile: Kleine Verbesserungen werden oft bezahlt mit riesigem Aufwand, der Ersatz menschlicher Arbeitskraft und Kommunikation durch entsprechende Technologien kostet Energie (bislang fossil scheinbar unbegrenzt verfügbar) und stoffliche Ressourcen, beeinflusst so zunehmend das Klima, die Biosphäre und hat in vielen Fällen nur noch einen geringen gesellschaftlichen Grenznutzen. Ingenieurmäßig ausgedrückt: Der Wirkungsgrad wird immer schlechter, dafür wachsen die Profite.

Dafür nur ein Beispiel: Die Folgen der weltweiten Verbreitung von Geräten der Informations- und Kommunikationstechnik für den Ressourcenhaushalt, aber insbesondere die Entsorgungsprobleme (allein in Deutschland jährlich 250 Tausend Tonnen Elektronikschrott) werden möglicherweise die angenehmen und nützlichen Wirkungen dieser Technik weit in den Schatten stellen. Allein bei der Herstellung eines PC werden Tonnen von Material und Wasser verbraucht – so fällt als Ergebnis des Produktionsprozesses z.B. rund eine Tonne CO2 an. 90% der Umweltbelastung von PCs entstehen bei ihrer Herstellung. Der Nutzungszyklus ist aber in den vergangenen Jahren auf zwei bis drei Jahre verringert worden, wobei die Lebensdauer der Geräte bei bis zu zehn Jahren liegt. Microsoft sorgt für den wachsenden Bedarf an Speicherkapazität und Schnelligkeit und sorgt so für den »moralischen Verschleiß« der Geräte, die Hersteller von PCs folgen und drücken sie über Supermärkte den Kunden aufs Auge, obgleich der wirkliche Nutzen nicht steigt. Ähnliches gilt für Handys.

Grob abgeschätzt, könnte man plakativ sagen: Wenn wir die extensiv von Technik gekennzeichnete Lebensweise der klassischen Industrienationen auf den gesamten Erdball übertragen würden, müsste man Energieaufwand, Emissionen, verbrauchte Rohstoffe und Müll wie heute in den Industrienationen multiplizieren mit fünf (20% der Erdbevölkerung leben in der Triade der Industrienationen; sie verbrauchen rd. 85% der meisten Ressourcen). Das macht einen Bedarf von mindestens vier Planeten Erde zusätzlich, als Rohstoffquelle und Müllhalde, denn wir wissen, dass die Grenzen der Belastbarkeit des Planeten schon heute erreicht sind.

Rolle der Berufsgruppe der Ingenieure

Um den Ingenieur des 20. Jahrhunderts zu verstehen (ich benutze bewusst nur die männliche Form), lohnt sich zunächst ein kurzer Blick auf die Berufsgeschichte vor dieser Zeit. Die »Geburt« dieser Berufsgruppe fällt zusammen mit der industriellen Revolution im 18./19. Jahrhundert – Ingenieure sind gleichzeitig ihr Produkt und ihre Protagonisten. Der Begriff Ingenieur hat seinen Ursprung im Militär, und erst Mitte des 19. Jahrhunderts ist er als »Zivilingenieur« für nichtmilitärische Berufstätigkeit gebräuchlich. Seine Aufgaben: Transformation der zünftig-handwerklichen Produktionsweise in ein Fabriksystem mit kapitalistischer Ökonomie. Das hieß im Gegensatz zum konservativen Handwerk: Ständige systematische Innovation von Produkten und Produktionstechniken auf naturwissenschaftlich fundierter Basis und Nutzbarmachen für die Gesellschaft auf breiter Ebene. Leitfigur war daher der »Unternehmer-Ingenieur«, der auch bei der Gründung des VDI (1856) als Leitbild Pate stand.

Im Bewusstsein des Ingenieurberufs dieser Zeit waren dann auch die sozialen und gesellschaftlichen Funktionen der Technik inbegriffen – wenn auch verkürzt auf technisch-wissenschaftliches bzw. unternehmerisches Handeln im sich entwickelnden Industriesystem. Mit dem starken Wachstum der Betriebe Ende des 19. Jahrhunderts vom Familien- zum Großunternehmen und zu noch schneller wachsenden technischen Büros wurde in diesen Unternehmen aber Hierarchisierung und Arbeitsteilung zur bestimmenden Determinante der Ingenieurarbeit: Sie begrenzten ihre Tätigkeit auf die rein technische Funktion. Obgleich in den selben Zeitraum auch die Akademisierung der Ingenieurausbildung und damit ein entsprechender Statusgewinn fällt (durch das ab 1899 errungene Recht auf den »technischen« Doktortitel), reduzierte sich damit das Selbstverständnis im Ingenieurberuf auf die Rolle des technischen Spezialisten, eingebaut in eine den Gesamtzusammenhang vermittelnde vielstufige Hierarchie, in der aufzusteigen, wichtigstes Ziel der Berufslaufbahn wurde.

Zwar träumten Ingenieure auch weiterhin davon, für den Nutzen der Menschen, für friedliche Zwecke, für sozialen Fortschritt wirken zu können, ohne die Fesseln von Ökonomie und politischer Macht. Sie hatten seit der Jahrhundertwende aber kaum mehr den Freiraum, dieser Sinngebung unmittelbar zu folgen. Sie waren nicht einmal frei in einem technokratischen Sinn, d. h. im Handeln nach rein technischen Gesichtspunkten: Auch hier erfuhren sie ständige Einschränkungen insbesondere durch die Ökonomie. So definierte sich der Ingenieur des 20. Jahrhunderts resigniert, aber auch mit einer Art masochistischem Stolz durch den Satz: „Die Techniker sind die Kamele, auf denen Kaufleute und Politiker reiten.“1

Naturwissenschaftler und Ingenieure gelten folglich auch als unpolitisch, negativ gesehen als gefühls- und kontaktarme Technokraten, positiv gesehen als präzise denkende, rein sachlich orientierte und gegenüber sozialen und gesellschaftlichen Auseinandersetzungen und Interessen neutrale Experten. Soweit Naturwissenschaften und Technik gesellschaftliche Probleme, negative soziale oder ökologische Auswirkungen verursachen, liegt das in diesem Verständnis nicht an »den Ingenieuren« oder »der Technik«, sondern an deren falscher, missbräuchlicher oder leichtfertiger Anwendung durch Kaufleute, Politiker, Bevölkerung. Denn die Technik ist ja so gesehen nur der immer gutgemeinte Versuch, ständig mehr und besser zu produzieren, immer größere Leistungen zu vollbringen und die Menschen von den Zwängen der Natur (auch ihrer eigenen) zu befreien. Ziel ist es in vielen Ingenieur-Utopien, schließlich in der vollautomatisierten Gesellschaft durch den (technischen) »Fortschritt« das »Reich der Freiheit« zu finden.

So kommt man zu Positionen, die sich am besten mit dem häufig benutzten Begriff der »Herrschaft der Sachzwänge« beschreiben lassen. Die Technik produziert, so verstanden, zusätzlich zu den vorhandenen natürlichen und sozialen weitere technikbedingte Zwänge, denen sich Menschen unterwerfen müssen – bestenfalls werden die einen durch die anderen ersetzt. Der naheliegenden Frage, wie die Zwänge in die Sachen kommen, haben sich bislang weder die Sozialwissenschaftler noch die Techniker selber gestellt, obgleich deren intime Kenntnis der technischen Entwicklungsprozesse eine gute Basis für eine entsprechende Analyse wäre.

Eine Folge der Sachzwang-Ideologie ist es, dass die Ausschaltung der »Störgröße Mensch« – aus zunächst ganz einleuchtenden Überlegungen z.B. zur Sicherheit – zum letztlich zentralen Gesichtspunkt für den Entwurf komplexer technischer Systeme wird und dabei über diese Systeme die entsprechenden Werte und Menschenbilder allen davon Betroffenen aufgezwungen werden. Die Gefahr hierbei hat Günter Anders in seinem Buch »Die Antiquiertheit des Menschen«2 schon 1956 beschrieben: Scheinbar sind nun die technischen Artefakte vollkommener als der Mensch und damit angesichts wachsender Komplexität und Abhängigkeit von der Technik zur Steuerung von Gesellschaft und letztlich auch von Naturprozessen prädestiniert. Damit aber kehren wir den Sinn der Technik um, sie wird vom Mittel zum Zweck.

Stellvertretend für diese Strömung der modernen Technikdebatte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, möchte ich dazu Robert Boguslaw, einen US-amerikanischen Systemtechniker, zitieren: „Was wir brauchen, ist eine Bestandsaufnahme der Möglichkeiten, menschliches Verhalten zu kontrollieren, und eine Beschreibung der Instrumente, die uns helfen, diese Kontrolle zu ermöglichen. Wenn wir auf diese Weise ausreichende Mittel in die Hand bekommen, das Menschenmaterial sinnvoll zu verwenden, dass wir es also behandeln können wie Teile aus Metall, Elektrizität oder chemische Reaktionen, ist es uns gelungen, es auf der gleichen Ebene wie jedes beliebige andere Material einzusetzen; erst dann können wir beginnen, uns mit unseren Problemen im Entwurf von Systemen auseinander zu setzen. Beim Einsatz dieser menschlichen Bedienungseinheiten tauchen allerdings viele Mängel und Nachteile auf. Sie sind ziemlich anfällig für Ermüdung, Vergesslichkeit, Krankheit, und überdies sind sie sterblich. Sie sind häufig dumm und unzuverlässig und haben meist ein beschränktes Gedächtnis. Darüber hinaus versuchen sie aber gelegentlich auch noch, sich eigene Regelkreise aufzubauen. Das allerdings kann man einem Material auf keinen Fall verzeihen, und jedes System, das ein solches Material einsetzt, muss dementsprechende Sicherungsmaßnahmen entgegensetzen“3.

Nun soll damit keineswegs gesagt sein, dass alle Techniker und Ingenieure diese Sichtweise haben. Seit einigen Jahren beginnt auch bei ihnen das Nachdenken, wir finden eine wachsende Bereitschaft, Kritik an der Technik wahrzunehmen, und selbst bislang so konservative Organisationen wie der Verein Deutscher Ingenieure (VDI) wenden sich gegen eine Technik ohne Menschlichkeit, die immer wieder »Sachzwänge« ins Feld führt oder produziert und dabei auch noch Umwelt und Natur unumkehrbar schädigen könnte.

So hat nach einer Studie des Soziologischen Forschungsinstituts Göttingen vom Anfang der 90er Jahre ein relevanter Teil (etwa die Hälfte) der technischen Fachkräfte in mittleren Management-Positionen durchaus Bedenken bezüglich der Wirkung ihrer Produkte auf Natur und Gesellschaft. Allerdings beziehen sie diese weniger auf ihre professionelle Tätigkeit am Arbeitsplatz, sondern eher auf eine Art Ausgleich in der Freizeit z.B. durch Unterstützung von Greenpeace (die Autoren sprechen von einer »Zorro-Moral«: Tagsüber mit der Entwicklung von Automobilen beschäftigt, abends aktiv in der Bürgerinitiative autofreie Innenstadt)4.

Aber auch in diesem Punkt ändert sich die Situation: Nicht nur durch wachsendes Bewusstsein für die Probleme, die eine Technikbewertung erforderlich machen, sondern auch durch die Veränderung in der beruflichen Situation. So stieg bereits Mitte der 1970, besonders stark aber seit 1990 die Arbeitslosigkeit von Ingenieurinnen und Ingenieuren an (von rund 45.000 in 1992 auf knapp 60.000 im Jahr 2002), und auch wenn seit drei Jahren aufgrund geringer Absolventenzahlen der Ingenieur-Studiengänge wieder Werbung für den Ingenieurberuf gemacht wird, fördert dies das Nachdenken bei der Berufsgruppe. Hinzu kommen die seit Mitte der 1990 verbreiteten ständigen Strukturveränderungen in den Betrieben, Outsourcing, Verlagerung der Entwicklung ins Ausland etc. und die damit wachsende Unsicherheit.

Mit diesen Veränderungen verbunden sind – wohl irreversible – Verschiebungen im Qualifikationsprofil und damit im Berufsbild: Die Bedeutung der reinen technisch-naturwissenschaftlichen Fachkenntnisse nimmt relativ ab, »soft skills« und andere nicht-technische Qualifikationselemente nehmen relativ zu. Ingenieure, denen zur Lösung eines Problems immer nur Technik einfällt, sind wegen ihres verkürzten Problemverständnisses nicht mehr gefragt („Wenn unser einziges Werkzeug ein Hammer ist, neigen wir dazu, alle Probleme als Nägel zu sehen“, sagt Mark Twain). Gefragt ist statt dessen neben technisch-naturwissenschaftlichen Fachkenntnissen vernetztes Denken, Kommunikations- und Konfliktfähigkeit, interkulturelle Kompetenzen. Es geht nun um ganzheitliche Problemlösungen, bei denen man zwischen technischen, sozialen und organisatorischen Innovationen abwägt und in einem Aushandlungsprozess eine aus mehreren Sichtweisen betrachtet möglichst gute Lösung unter den gegebenen Verhältnissen entwickelt.

Verbunden mit der gesellschaftlichen Kritik an den ökologischen Schäden durch immer mehr Technik und den entsprechenden sozialen Folgen heißt das: Zum Beginn des 21. Jahrhunderts ist ein neuer Ingenieurtypus5 gefragt. Ingenieurinnen und Ingenieure sollen nicht nur Technik in der Gesellschaft aktiv gestalten, sondern auch die Verantwortung für ihre Arbeit und das Kommunizieren des Sinns der gefundenen Lösungen mit übernehmen. Das heißt insbesondere: Realisierung von Nachhaltiger Entwicklung auf dem Sektor der Technischen Entwicklung als bewusster Prozess, der ökologische, soziale, ökonomische und kulturelle Dimensionen berücksichtigt.

Ingenieure des 21. Jahrhunderts sollten sich weder einseitig an einem veralteten rein technisch-fachlich orientierten Innovationsbegriff orientieren, noch die Unterwerfung unter die Ökonomie als unveränderbares Schicksal hinnehmen. Mit einem Wort von Günter Ropohl heißt das: „Der Geist der Konstruktivität, derden Menschen auszeichnet, (sollte) sich auch auf die institutionellen Strukturen jener Industriegesellschaft richten, welche die technische Innovationsdynamik freigesetzt hat und nun dringend sozialer (und ökologischer. D. Verf.) Erfindungskraft bedarf, um diese Dynamik in menschengerechte Bahnen zu lenken“6

Die militärischen Wurzeln – aktueller denn je

Otto Lilienthal, flug- und zivilisationsbegeisterter Erfinder, sagte über die gesellschaftlichen Wirkungen des Flugzeugs (sinngemäß): „Ich bin überzeugt, dass meine Erfindung den Frieden in der Welt möglich macht. Die Menschen werden sich über Grenzen und Kontinente weg begegnen und kennen lernen – so werden Kriege besser zu verhindern sein“.

Der erste Einsatz des Flugzeugs als Mordmaschine im 1. Weltkrieg stand da nur wenige Jahre bevor. Lilienthals Hoffnung ist charakteristisch für die naiven Vorstellungen vieler Ingenieure. Aufgrund seines hohen militärischen Wertes wurde die Entwicklung des Flugzeugs durch die militärische Nutzung (für so etwas ist ja immer Geld da) enorm beschleunigt, so dass die zivile Nutzung davon stark profitierte. Dieses Muster charakterisiert viele technische Entwicklungen (so konnte Siemens, Artillerieoffizier im preußischen Heer, sein Unternehmen wesentlich durch militärische Aufträge aufbauen7), und lange Zeit hieß es gerade in der Technik, der Krieg sei der »Vater aller Dinge«. Auch die Großunternehmen in Deutschland waren bis weit in die 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts nach militärischem Muster hierarchisch organisiert. Selbst in der Sprache der Ingenieure (s.o. das Boguslaw-Zitat) finden wir typisch militärische Ausdrucksweisen en gros, und Schilderungen großer Ingenieursleistungen (z.B. in Kellermanns Tunnel-Roman8) schwelgen geradezu in Kriegs-Methaphern. Bacons berühmte Formulierung von der »Folter«, mit der man der Natur ihre Geheimnisse entreißen müsse, ist ebenfalls nicht weit weg.

Allerdings ist der Nutzen durch diese Verflechtung mit der zivilen Technik höchst zweifelhaft. Wie das Flugzeug zeigt, werden seine Vorteile z.B. für den Massen-Tourismus durch entsprechende Nachteile für Umwelt und Klima aufgewogen, und es könnte sein, dass man in einigen Jahrzehnten angesichts der Resultate von 300 Jahren »moderner« Technik zu Recht von den Folgen eines Krieges gegen die Natur sprechen wird. Es könnte sein, dass – längerfristig betrachtet – die Verheerungen durch Atom- oder Gentechnik bzw. durch massenhaft genutzte Alltags-Techniken wie das Auto und den PC die durch die Militärtechnik übertreffen. Das heißt nicht, dass man zum Wahnsinn der Militärtechnik schweigt. Es scheint ja so (und dies wurde drei Tage nach der Wahl von Herrn Bush für eine weitere Amtszeit geschrieben), dass die widerwärtige Allianz zwischen männlich-autistischer Aggressivität in Politik und Ökonomie und der Faszination von technischen Systemen, die das Morden optimieren oder den Menschen zum personellen Subsystem reduzieren, noch keineswegs am Ende ist.

Fazit

Wenn man also – um auf den Anfang zurückzukommen – ernsthaft und folgenreich eine Debatte über die Verantwortung der Naturwissenschaftler und Ingenieure führen will, tut man gut daran, sich nicht auf die vordergründige Unterscheidung von militärischer und ziviler Technik zu kaprizieren. Man sollte sich fragen, welche unserer heutigen Selbstverständlichkeiten in Naturwissenschaft und Technik welche Wirkungen haben, was sie wirklich menschlich und gesellschaftlich an Nutzen abwerfen – und ob es nicht einfacher, weniger aufwändig, möglicherweise ohne Einsatz von Technik geht. Das heißt aber auf keinen Fall, dass wir nun – wie oft polemisch gesagt wird – »zurück auf die Bäume« müssten, um die Welt zu retten. Wir brauchen nötiger denn je Wissenschaft und Technik. Allerdings: Wir müssen unsere eingefahrenen Bahnen verlassen, müssen andere Energiequellen erschließen, den Ressourcenverbrauch entscheidend senken (das Wuppertal-Institut spricht von einem Faktor 10). Wir müssen aber auch ganz neue Fragestellungen entwickeln, um andere Antworten zu finden. Statt wie bisher technischen Innovationen die Schlüsselrolle zu geben und erst darauf aufgesetzt ihre soziale und ökologische Einpassung zu betreiben; statt Technik nach einer Ökonomie auszurichten, die nur Geld als Erfolgskriterium kennt, wird es darum gehen, zuerst soziale und politische Innovationen hervorzubringen und darauf aufbauend die nachhaltige Gestaltung von Technologien. Möglicherweise müssen wir – auch als Naturwissenschaftler und Ingenieure – viel mehr nichttechnische Lösungen für die Aufgaben entwickeln, die bisher primär über den Einsatz von Technik bewältigt wurden.

Auch hier gilt wieder: Zustimmung auf der allgemeinen Ebene fällt relativ leicht, schwieriger wird es auf der Handlungsebene. Das Bestreben nach einer auf die ganze Welt verallgemeinerbaren Lebens- und Wirtschaftsweise muss deshalb auf konkrete Fragestellungen herunter gebrochen werden (sinngemäß nach Otto Ullrich):

Mitwelterhaltung:

  • Welches Niveau von Energie- und Materieströmen ist global verträglich?
  • Wie tauschen wir die heutige Energie- und Stoffbasis aus?
  • Wie gestaltet sich der Zusammenhang zwischen technischen Lösungen und Lebensweise?

Herstellung von Verallgemeinerbarkeit:

  • Wo sind Nachbesserungen und Umbau von heutigen Techniken möglich?
  • Wo ist ein Ausstieg nötig?
  • Welche Wechselwirkungen ergeben sich zwischen regionalen und globalen Folgen?
  • Welche Techniken sind per se naturverträglich?

Beendigung des »Wettlaufs ohne Sieger«:

  • Chancen und Instrumente regionaler und lokaler Ökonomien und geschlossener Kreisläufe.
  • Welche Produkte sind dafür geeignet?
  • Wie und wie umfangreich kann der Selbstversorgungsanteil bzw. die Eigenarbeit sein?

Verantwortung in der Technikgenese:

  • Wie wird Verantwortung in Organisationen umgesetzt?
  • Wie werden Diskurse organisiert, wie kann eine Koppelung lokal/global realisiert werden?
  • Wie werden Ausbildungssysteme umgestaltet?
  • Wie entwickelt sich die Mittel-Zweckbeziehung?

Anmerkungen

1) Aus einer Umfrage von Eugen Kogon aus dem Jahr 1971: Die Stunde der Ingenieure, Düsseldorf, 1976. Zwei Drittel der von ihm befragten 25.000 Ingenieure stimmten diesem Satz zu.

2) Anders, Günter: Die Antiquiertheit des Menschen, München, 1956.

3) Boguslaw, R.: The new Utopians, Englewood Cliffs (New Jersey), 1965, Zitat nach Cooley, M.: Produkte für das Leben statt Waffen für den Tod, Reinbek, 1982.

4) Baethge, M., u.a.: Das Führungskräfte-Dilemma, Frankfurt/New York, 1995.

5) Vgl.: Neef, W. und Pelz, Th. (Hrsg.): Ingenieurinnen und Ingenieure für die Zukunft, Berlin, Technische Universität, 1998.

6) Ropohl, Günter: Wie die Technik zur Vernunft kommt, Amsterdam, 1998, S. 162.

7) Vgl. Siemens, Werner v.: Lebenserinnerungen, München, 1956.

8) Kellermann, Bernhard: Der Tunnel, Berlin, 1914.

Dr. phil., Dipl. Ing. Wolfgang Neef hat Flugtechnik studiert, dann Hochschuldidaktik und Berufsforschung betrieben und war von 1989 bis 93 Vizepräsident der TU Berlin. Seitdem leitet er die Zentraleinrichtung Kooperation der TU, die sich mit der verstärkten Zusammenarbeit zwischen Universität und Gesellschaft befasst – Schwerpunkt der Projekte: Nachhaltigkeit. Wolfgang Neef ist Vorsitzender der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative »Verantwortung für Friedens- und Zukunftsfähigkeit« e.V.

Technikfolgenabschätzung – Schlüssel für mehr Sicherheit und Stabilität

Technikfolgenabschätzung – Schlüssel für mehr Sicherheit und Stabilität

von Ulla Burchardt

Der internationale Terrorismus gilt in weiten Teilen der öffentlichen und politischen Wahrnehmung als die Bedrohung für den Weltfrieden schlechthin. Völlig unterbeleuchtet bleiben hingegen jene Gefahren, die aus dem rasanten technisch-wissenschaftlichen Fortschritt erwachsen. Dabei hat gerade Technikentwicklung eine überragende Bedeutung für die Stabilität und Sicherheit des internationalen Staatensystems. Angesichts immer kürzerer Innovationszyklen ist eine frühzeitige Folgenabschätzung neuer Technologien, wie sie etwa das Büro für Technikfolgen-Abschätzung (TAB) für den Deutschen Bundestag leistet, die Conditio sine qua non weitsichtiger politischer Entscheidungen und präventiver Rüstungskontrolle.

Zweifellos schafft technischer Fortschritt Chancen für ein besseres Leben, ist die Grundlage für wirksame Medikamente, bessere Arbeitsbedingungen oder eine intakte Umwelt. Innovationen bedeuten zukunftssichere Arbeit und die Grundlage für Wohlstand, Teilhabe und soziale Gerechtigkeit. Klar ist aber auch: Technischer Fortschritt ist ambivalent und eine Technikentwicklung noch lange keine Innovation. Ein Blick in die Technikgeschichte zeigt: Technologische Entwicklungen, die übrigens fast ausnahmslos ziviler Forschung entstammen, haben immer auch eine militärisch relevante Dimension. Diese Janusköpfigkeit lässt sich am Beispiel der Nanotechnologie exemplarisch aufzeigen.

Das Potenzial der Nanotechnologie für Wachstum und Beschäftigung ist immens, und sie birgt ein riesiges Innovationspotenzial für mehr Lebensqualität. So scheint die ökologische Effizienzrevolution zum Greifen nahe, etwa durch radikale Verbesserungen bei der Katalysatorenentwicklung, Brennstoffzellentechnologie oder Solartechnik. Und ähnlich faszinierende Möglichkeiten tun sich für die menschliche Gesundheit auf, z.B. bei der Bekämpfung von Krebs. Auf der anderen Seite aber zeichnet sich ab, dass die Nanotechnologie auch die Schlachtfelder dieser Welt erobern wird. Tatsächlich beurteilen die TAB-Experten ihr militärisches Nutzungspozential als nahezu unbegrenzt. Was heute noch wie Science Fiction klingt – fliegende Miniroboter, »smart dust« oder der »intelligente Kampfanzug« – könnte morgen bereits die viel zitierte »Revolution in Military Affairs« auslösen. Ähnliche Potenziale verbergen sich auch in anderen Zukunftstechnologien wie Biotechnologie, Mikrosystemtechnik, Sensorik, Informations- und Kommunikationstechnik oder Robotik.

Insbesondere die USA setzten voll auf die Entwicklung neuer militärischer Optionen auf der Basis solch hochinnovativer Technologien. Übergreifendes Ziel dabei ist das Erreichen der »Full Spectrum Dominance«, also überall, jederzeit, schnell, koordiniert und angepasst an die jeweilige Situation militärische Operationen durchführen zu können. Eine solche Politik ist nicht anders als kurzsichtig und geschichtsvergessen zu bezeichnen: Denn neue, bislang nicht realisierbare militärische Handlungsoptionen und Waffentechnologien erhöhen nicht die Sicherheit, sondern tragen immer auch das Risiko einer globalen Destabilisierung in sich. Das lehren im Übrigen auch mannigfache Beispiele aus dem Zeitalter der Blockkonfrontation. Die entscheidende Stellschraube für mehr Sicherheit und Stabilität im internationalen System liegt eben gerade nicht in einer technologiegestützten Hochrüstungspolitik wie sie die USA betreiben. Es muss vielmehr darum gehen, frühzeitig Prozesse zu identifizieren, in denen Technikentwicklungen mit problematischem Nutzungs- und Folgenpotenzial vorangetrieben werden. Nur auf diese Weise kann verhindert werden, dass aus der technologischen Dynamik eine schwer zu begrenzende Rüstungsdynamik entsteht. Übrigens sprechen auch finanzielle Aspekte für einen solch präventiven Rüstungskontrollansatz: Denn was nicht teuer hergestellt wird, braucht später auch nicht abgerüstet werden.

Mit seinem Büro für Technikfolgen-Abschätzung ist der Deutsche Bundestag also gut beraten. Das zeigt das Beispiel Nanotechnologie: Zu einem sehr frühen Zeitpunkt hat das TAB eine ganze Reihe von Empfehlungen für politisches Handeln ausgesprochen, die von den Koalitionsfraktionen in einem Parlamentsantrag vollständig aufgegriffen wurden. So wird die Bundesregierung im Bereich der militärischen Nutzung von Nanotechnologie aufgefordert, international eine Diskussion über Rüstungskontrollfragen zu initiieren und Maßnahmen einer präventiven Rüstungskontrolle zu prüfen. Generell bedarf es politischer Weichenstellungen auf einer solch soliden Wissensbasis, um den Risiken neuer Technologien frühzeitig entgegenzutreten und deren Chancen im Interesse der Menschen zu nutzen – für mehr Lebensqualität, Gesundheit, intakte Umwelt und nachhaltiges Wachstum. Und nur durch unabhängige wissenschaftliche Politikberatung solcherart kann es gelingen, dem Primat der Politik gegenüber der Dynamik von Technikentwicklung Geltung zu verschaffen.

Ulla Burchardt, SPD-MdB, ist stellv. Vorsitzende des Ausschusses für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung

Wissenschaft, Rüstungstechnik und totaler Krieg

Wissenschaft, Rüstungstechnik und totaler Krieg

Historische Einblicke in eine Wechselbeziehung

von Jürgen Scheffran

Auf den ersten Blick scheint ein Widerspruch zu bestehen zwischen der »Destruktivkraft« Rüstung und der als »Produktivkraft« verstandenen Wissenschaft und Technik, deren Fortschritte zum Wohle der Menschheit beitragen sollen. Dabei ist der naturwissenschaftlich-technische Fortschritt schon immer für Rüstung und Krieg benutzt worden, und Revolutionen in Naturwissenschaft und Technik hatten Umbrüche im Kriegswesen und in der Waffentechnik zur Folge. Im 20. Jahrhundert ermöglichten Wissenschaft und Technik eine Steigerung der Bedrohung ins Unermessliche. Der Einfluss der Kräfte, die sich für eine grundsätzliche Umkehr einsetzen und den aufklärerischen Impuls der Wissenschaft für eine nachhaltige Friedenssicherung und Entwicklung nutzen und die Gewaltmittel präventiv begrenzen wollen, ist nach wie vor sehr begrenzt.

Etwa 1480 schrieb Leonardo da Vinci an den Grafen Sforza: „Ich habe außerdem noch Pläne für eine Art von Bombarden, die ganz bequem und leicht zu transportieren sind und mit denen man kleine Steine gleich einem Ungewitter schleudern kann; mit dem Rauch derselben wird der Feind in großen Schrecken gestürzt und bei ihm eitel Schaden und Verwirrung gestiftet.“1 Er fährt fort: „Wo Bombarden ihre Wirkung verfehlen würden, will ich Schleudermaschinen, Wurfgeschütze, Trabuken und anderes Gerät von wunderbarer Wirksamkeit machen, wie es nicht im Gebrauch ist.“

Leonardos Zwiespalt

An der Schwelle zur Neuzeit und vor Herausbildung der modernen Wissenschaft stand Leonardo im Brennpunkt der Umwälzungen der Rennaissance. Es gab fast nichts, was er nicht unter die Lupe nahm und auf zahllosen Papieren festhielt.

Um seine Forschungen betreiben zu können, war Leonardo auf die Gunst und die Förderung der Mächtigen angewiesen, und die aussichtsreichsten Verdienstquellen waren zu dieser Zeit Kunst und Krieg. Angestoßen durch die ungesicherten Verhältnisse Norditaliens am Ende des 15. Jahrhunderts, bedingt auch durch die neuen Schusswaffen, suchte er sein Heil in der Waffentechnik. Er entwarf das U-Boot und den muskelbetriebenen Panzer, Riesenkatapulte und Armbrust-Maschinengewehre, das Radschloss- und das Schnellfeuergewehr, Orgelbüchsen und Dampfkanonen, Artilleriegranaten und Geschosse mit mehreren Sprengkapseln (Schrapnell). Zu seinem Repertoire gehörten stromlinienförmige Festungsbauten und eine Maschine zur Herstellung von Kriegsgerät. Er erwog die Möglichkeiten ökologischer Kriegsführung (Erntevernichtung, Unwetter als Waffe) und malte sich aus, Brandbomben und vergiftete Gasbomben auf den Feind zu schleudern, damit „alle, die das besagte Pulver einatmen, daran ersticken.“2

Wie selbstverständlich setzte er dabei die Erkenntnisse seiner »produktiven« Untersuchungen für »destruktive« Zwecke ein und umgekehrt. Er entwickelte beides im Wechselspiel, ohne eine Trennung zwischen friedlicher und militärischer Nutzung zu vollziehen. Für die militärische Flussumleitung benutzte er Erkenntnisse aus Geographie und Geologie, im Katapultbau die Mechanik, im Kanonenbau die für Standbilder entwickelte Gusstechnik, in der Sprengstoffherstellung die Chemie. Andererseits zog er aus den Erfahrungen mit Waffenbau und -anwendung allgemeine Erkenntnisse. Bei der Untersuchung der Flugbahn von Geschossen kam er auf das Problem des Luftwiderstandes, die von ihm intuitiv richtig gezeichnete parabel-ähnliche Flugbahn widersprach der bis dahin behaupteten Zusammensetzung aus zwei geraden Teilstücken. Bei Experimenten an Kriegsgerät bestimmte er einen durchschnittlichen Reibungskoeffizienten. Zur effektiveren Produktion von Kanonen und Gewehren beschritt er den Weg der Mechanisierung und Standardisierung und die Verwendung hydraulischer Kraft.

Eine Umsetzung von Leonardos Plänen hätte zu der Zeit eine wissenschaftlich-technische Revolution in Gang setzen können. An Phantasie mangelte es ihm nicht, eher an der praktischen Realisierbarkeit. Vieles war zu teuer, wie die Flussumleitung, anderes prinzipiell unrealisierbar wie die mechanische Flugmaschine. John Desmond Bernal schreibt dazu: „Ohne quantitative Kenntnis von Statik und Dynamik und ohne die Möglichkeit, eine Kraftquelle, wie etwa die Dampfmaschine, zu verwenden, konnte der Ingenieur der Rennaissance niemals wirklich die durch die traditionelle Praxis gesetzten Grenzen überschreiten.“3 Dennoch gelang es ihm intuitiv – Jahrhunderte vor ihrer eigentlichen Entdeckung – einige Grundsätze zu erraten, für die er den Begriff »Naturgesetz« prägte, darunter das Huygenssche Prinzip der Wellenausbreitung und der Energiesatz. Um Naturgesetze präzise zu formulieren, fehlte ihm aber das mathematische Handwerkszeug und um sie zu überprüfen die physikalischen Messgeräte.

Leonardo sah aber auch den Widerspruch zwischen seinem Anspruch, durch Technik die Mühsal menschlicher Existenz zu erleichtern, und dem eigenen Beitrag zur Zerstörung im Krieg, den er „bestialischen Wahnsinn“ nannte. In seinem Essay »Von der Grausamkeit des Menschen« schreibt er: „Man wird Geschöpfe auf Erden sehen, die einander fortwährend bekämpfen werden, und zwar unter sehr großen Verlusten und oft auch Todesfällen auf beiden Seiten. Sie werden keine Grenze kennen in ihrer BosheitDa wird auf der Erde, unter der Erde oder im Wasser nichts übrigbleiben, was sie nicht verfolgen, aufstöbern oder vernichten werden, und auch nichts, was sie nicht aus einem Land in ein anderes schleppen werden.“

Offensive und Defensive: Anfänge der Kriegstechnik

In der Frühgeschichte des Krieges spielten Wissenschaft und Technik keine oder nur eine untergeordnete Rolle. Das Kampfgeschehen wurde bestimmt durch den Zweikampf. Die »Technik« bestand hier vor allem in der Beherrschung des eigenen Körpers und der Geschicklichkeit beim Umgang mit den eingesetzten Waffen. Oftmals waren es nur minimale Differenzen, die über Leben und Tod entschieden. Der Mensch war Hauptträger und -ziel der im Krieg eingesetzten Energie, deren Wirkung durch technische Instrumente gesteigert (Schwert, Streitaxt) oder abgeschwächt (Schild, Helm, Panzerung) wurde.

Beim Aufeinandertreffen von Armeen spielte das koordinierte Zusammenwirken der Individuen eine entscheidende Rolle; die organisiert eingesetzte Energie ist der ungeordneten überlegen. Nicht nur Masse entscheidet, auch taktisches Geschick und qualitative Merkmale der Bewaffnung und Beweglichkeit, Ausbildung und Disziplin können Vorteile bringen. Für Sokrates war „ein geordnetes Heerunendlich viel mehr wert als ein ungeordnetes“ und Platon sah in der Aufstellung einer Armee in Reih und Glied die einzige praktische Anwendung der Geometrie. Um die Kommunikation im Gefecht zu ermöglichen, war ein ausgefeiltes Meldewesen erforderlich. Um den Abstand zum Gegner zu überbrücken und ihn so auf Distanz zu halten, wurden Fernwaffen immer wichtiger.

Eine dynamische Komponente kam ins Spiel durch den Einsatz des Pferdes in der Kriegführung, dessen Stärke, Wendigkeit und Ausdauer dem Menschen überlegen war. Pferde wurden auch zur wichtigsten Energiequelle beim Transport militärischer Güter und Waffen. Durch die Beherrschung der Reitkunst konnten Hunnen und Mongolen zur erheblichen Gefahr für die technisch weiter entwickelten europäischen Nationen werden.

Die »Kriegskunst« des Feldherrn bestand darin, alle Elemente der Kriegführung ausreichend zu kennen und mit ihnen unter Berücksichtigung von Gelände, Zeit, Gegner geeignet zu operieren, wobei wissenschaftlich-technische Kenntnisse Vorteile brachten. So verdankt z.B. Alexander der Große einen Teil seiner Erfolge der Erziehung und Vorbildung durch Aristoteles. Es gab aber keine systematisch betriebene Forschung, die für den Krieg hätte genutzt werden können, eher eine ungeplante Sammlung von Alltagserfahrungen, die in Form von Überlieferung oder in der Struktur der Waffen selbst gespeichert wurden.

Die Antike brachte Anfänge der Physik (Mechanik), Mathematik (Dezimalsystem, Geometrie, Landvermessung, Algebra), Astronomie (Sternbilder, Zeitmessung) und Chemie (Metallherstellung, Baustoffe). Wissenschaftliche Begrifflichkeiten (Theorie und Experiment, Ursache und Wirkung, Deduktion und Induktion) waren Gegenstand der antiken Philosophie, verbanden sich aber noch nicht zu einer einheitlichen Methodik.

Was an Wissen für den Krieg nutzbar war, wurde ohne Bedenken eingesetzt, wobei der Krieg selbst zum wissenschaftlichen Gegenstand wurde. Besonders die Verwendung von Metallen erforderte große technologische Fertigkeiten (Schmelzen, Gießen, Formen), was zur Spezialisierung und Bildung neuer Berufszweige (Waffenschmied) beitrug.

Eine besondere gesellschaftliche Organisation erforderte das Wettrüsten zwischen Festungsbau und Belagerungstechnik. Allein schon die umgesetzten Massen an Material, um dicke Mauern zu errichten oder tiefe Gräben auszuheben, benötigten eine große Zahl von Menschen und das Zusammenspiel verschiedener Fachleute, unterstützt durch technische Geräte und Tragetiere. Um die in den Bollwerken gebundene Energie zu überwinden, war für ihre Eroberung ein hoher Energie- und Materialeinsatz erforderlich, wenn nicht durch List und Tücke ein Zugang geöffnet werden konnte. Die belagerte Gesellschaft war vollständig in den Krieg einbezogen und von der Außenwelt abgeschnitten, auch von externen Nahrungs- und Wasserquellen, was eine Autarkie über lange Zeiträume erforderlich machte. Die Belagerer mussten die Lebensmittel aus der näheren Umgebung besorgen. Wer am Ende den längeren Atem hatte, das war auch eine ökonomische Frage.

Mit der Stärke der Befestigung wuchs auch die Größe und Stärke der Belagerungs- und Eroberungsgeräte, die erhebliche Massen in Bewegung bringen und zugleich transportabel sein mussten. Im Römischen Reich gab es unter Vitruvius eigene Werkstätten und Lehrwerke zur Herstellung von Kriegsmaschinen. Katapulte wandelten ihre mechanisch gespeicherte in kinetische Energie und schleuderten zentnerschwere Blöcke gegen Befestigungsmauern oder Feuerbälle hinter feindliche Linien. Die Konstruktion der Katapulte setzte einen für die damalige Zeit recht hohen Stand wissenschaftlich-technischer Organisation voraus. Sie erforderte Kenntnisse aus dem Bereich der Mathematik (Arithmetik, Geometrie), Mechanik (Hebelgesetze, Beschleunigungskräfte, Ballistik, Aerodynamik, Elastizität), Chemie (geeignete Materialien). Es gab eigene Schulen (z.B. in Alexandria) die systematische Beobachtungen und Experimente anstellten. So sah sich Archimedes, der sonst keinen großen Wert auf die Anwendung seiner Forschung legte, angesichts der Belagerung seiner Heimatstadt Syrakus durch die Römer (214 v.Chr.) veranlasst, eine Vielzahl von Verteidigungswaffen zu konstruieren, darunter auch riesige Katapulte, die römische Schiffe zerstörten. Dennoch konnte Syrakus nach zweijähriger Belagerung durch Verrat und Überraschung bezwungen werden, wobei Archimedes selbst getötet wurde.

In der Schifffahrt und im Seekrieg dienten zunächst Muskelkraft (von Sklaven) und Windenergie als treibende Kraft, wobei letztere auch zur Überwindung interkontinentaler Distanzen potenziell geeignet war. Damit wurde es möglich, die für die Landkriegsführung wesentlichen Rohstoffe, Finanzmittel (Gold) und Waffensysteme über große Distanzen zu transportieren. Dies blieb im Wesentlichen der Stand der Rüstungstechnik bis zum ausgehenden Mittelalter.

Zweck und Mittel: Feuerwaffen und moderne Wissenschaft

Umbrüche in der Wissenschaft wie auch in der Kriegstechnik ergaben sich im Gefolge der Renaissance, wobei Leonardo antike Tradition und Moderne verbindet. Während Leonardo noch verschiedene Seiten der Technik verkörperte, trat in der weiteren Entwicklung das künstlerisch-tätige Moment zunehmend in den Hintergrund zugunsten der künstlichen Gegenstände, die als Mittel zum Zweck funktionieren sollten. Für Francis Bacon ist Wissenschaft das neue Werkzeug (novum organum), und ein Mittel zum Fortschritt, um das Wohl der Menschheit zu mehren, unter rationaler Anwendung der auf Wirkungssteigerung gerichteten neuen Wissenschaftsmethodik. Indem erlangtes Wissen als Grundlage für technische Entwicklungen dient, die wiederum Wissen erzeugen, nimmt Bacon die explosive wissenschaftlich-technisch Wachstumsdynamik vorweg.

Die Zweck-Mittel-Relation korrespondiert zur Ursache-Wirkungs-Beziehung in der Newtonschen Mechanik. Die Kraftwirkung und die dafür aufgewendete Energie wird zum Mittel, die bezweckte Beschleunigung einer Masse zu erreichen. Unter Angabe von Kräften und der Kenntnis von Masse, Ort und Zeit ist nach der mechanistischen Denkweise »im Prinzip« die Systemdynamik für alle Zeiten berechenbar. Die Grenzen liegen in der mangelnden Verfügbarkeit von Materie und Energie zur Erreichung des Zwecks und in der mangelnden Kenntnis der relevanten physikalischen Größen und ihrer Wechselwirkung.

Der Anspruch, die vermessenen und berechneten Naturgesetze zur Beherrschung und zweckmäßige Nutzung der Natur einzusetzen, feierte grandiose Erfolge. Das Wechselspiel von Empirie und Theorie führte zu einer Perfektionierung der technischen Mittel, die den Zufluss an Ressourcen (Materie, Energie, Information) in die effiziente Erreichung von Zielen und die Erfüllung von Zwecken transformieren.

Kaum geboren, wurde die neue Wissenschaft schon in das Kampfgetümmel hinein gezogen. Das analytische Instrumentarium erlaubte die bessere Beherrschung von Raum, Zeit, Masse, Kraft und Energie, und die wissenschaftliche Suche nach dem Neuen und Unbekannten war im Zeitalter des Kolonialismus zeitgemäß.

Die Initialzündung war die Entdeckung des Schwarzpulvers und die Ausbreitung der Feuerwaffen, deren Bedeutung Bacons Namensvetter Roger Bacon schon im 13. Jahrhundert erkannt hatte. Der Kanonendonner, den Leonardo vernahm, veranlasste auch andere, ihr Werk in den Dienst des Krieges zu stellen. So pries Galilei 1609 in einem Brief an den Dogen Leonardo Danato den „unschätzbaren Wert“ des Fernrohrs bei der Entdeckung des Feindes, und der Anfang des 16. Jahrhunderts lebende Mathematiker Niccolo Tartaglia versuchte, die größte Reichweite von Geschützen zu berechnen. Skrupel veranlassten ihn, sein Werk zu vernichten, erschien es ihm doch als „ein tadelnswertes, schändliches und barbarisches Unterfangen,eine Technik zu perfektionieren, die schädlich wäre für den Nächsten und verderblich für die Menschheit.“ Angesichts der drohenden Invasion Italiens durch die Türken änderte er seine Meinung aber wieder.4

Die Schwarzpulver-Revolution beförderte die zunehmende Technisierung und Verwissenschaftlichung des Krieges. Die Verbesserung der Feuerwaffen und die Untersuchung des Schießvorgangs führte auf Fragen der Mechanik (Kraft und Gegenkraft, Reibung und Luftwiderstand, Ballistik) und Chemie (Ausdehnung von Gasen, Zusammensetzung der Luft). Der Umgang mit der immer komplexer werdenden Rüstungstechnik erforderte eine Professionalisierung und Spezialisierung des damit umgehenden Personals, was sich in der Bildung vom Militärakademien und Ingenieurschulen niederschlug. Rüstungstechnik beanspruchte einen wachsenden Anteil der Innovationen in Naturwissenschaft und Technik und trieb deren Entwicklung mit voran. Der wissenschaftliche Wettbewerb wurde zunehmend kriegsentscheidend und staatlich gefördert. Mit der Technisierung verbunden war die industrielle Großproduktion in Pulverfabriken, Kanonengießereien und Büchsenmachereien, was die Mechanisierung und Standardisierung des Produktionsprozesses beförderte.

Die Kriegführung wandelte sich angesichts immer neuer Waffentypen. Hierzu gehörten Kanonen für Belagerung und Feldschlacht, Gewehre mit unterschiedlicher Zündmethode, Bajonette, Pistolen, Handgranaten, Minen, Brand- und Sprengbomben, Hohlgeschosse, Hagelgeschosse, Petarden, Raketen. Dem Ansturm der Artillerie war die antike Befestigungstechnik nicht mehr gewachsen, Stadtbefestigungen wurden zunehmend durch großräumige Landbefestigungen und eine aktive Defensive ersetzt, unter Einsatz von Artillerie, mobilen Forts und Feldfestigungen (Schützengräben).

Die Zahl der Opfer wuchs durch die Perfektionierung der Handfeuerwaffen sprunghaft an. Die Einführung des Schnellfeuer- und Maschinengewehrs ermöglichte das automatisierte Abschlachten und erschwerte das Manövrieren im Feld. Mit neuen Sprengstoffen (Nitrozellulose, Ballistit, Dynamit, TNT), schweren Artilleriegeschützen, Schrapnell- und Brandgeschossen wurden Flächenbombardements möglich.

Durch die Wirkungssteigerung wurde nicht nur der Energieeinsatz gesteigert, sondern auch die Reichweite. Das Kriegsbild wandelte sich, die kleinräumigen politischen Strukturen des Mittelalters lösten sich auf. Durch die Vielzahl neuer Waffentypen und die Überlegenheit der Offensive wurden Kriegführung und Militärstrategie immer komplexer. Zur Massierung des Feuers wurden Massenheere benötigt und gedrillte Soldaten. Die napoleonische Strategie von Mobilität und Konzentration der Mittel löste die starren Schlachtreihen des Absolutismus auf und ermöglichte die Vorherrschaft auf dem Kontinent. Die Eisenbahn erlaubte es, Truppen und Versorgungseinrichtungen in größerer Zahl und weit höherer Geschwindigkeit zu bewegen. Die Kriegsflotte mit Kanonen gewann entscheidende Bedeutung im Kampf um die Kolonien.

Der Wettlauf zwischen Artillerie und Festungsbau ging insgesamt unentschieden aus. Die Eroberung einer Festung wurde zum materialintensiven, kostspieligen Dauerbombardement (Sebastopol), die Feldschlacht zum opferreichen Grabenkrieg, so im russisch-japanischen Krieg 1904/05, v.a. aber im Ersten Weltkrieg. Hier war es gerade die Schutzlosigkeit gegenüber den auf beiden Seiten vorhandenen Angriffsmitteln, die eine Bewegung verhinderte.

Totaler Wissenschaftskrieg und neue Rüstungstriade

In seinem Werk »Vom Kriege« schreibt Carl von Clausewitz (1780-1831): „Der Krieg ist ein Akt der Gewalt, und es gibt in der Anwendung derselben keine Grenzen; so gibt jeder dem anderen das Gesetz, es entsteht eine Wechselwirkung, die dem Begriff nach zum Äußersten führen muss.“ Diese von Clausewitz erkannte Tendenz des Krieges alle Bereiche der Gesellschaft zu erfassen und damit zum totalen Krieg zu werden, entfaltete sich im 20. Jahrhundert in vollem Umfang. Die von dem holländischen Philosophen Hugo Grotius, der mit seinem 1625 erschienen Werk »De Jure Belli ac Pacis« die Grundlagen des Völkerrechts legte, geforderten rechtlichen Grenzen für die Mittel und Formen des Krieges spielten in den beiden Weltkriegen praktisch keine Rolle, umso mehr aber Wissenschaft und Technik. Im Winter 1940, zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, schrieb der Herausgeber des Journal of the American Institute in seinem Editorial: „Krieg ist seinem Charakter nach universell, mit der gesamten Natur und Gesellschaft verbunden. Um den Krieg zu erfassen, muss die Wissenschaft einen gleichermaßen umfassenden Anspruch habenDas Studium des Krieges muss ein integraler Untersuchungsgegenstand seinEs muss mehr an allen Aspekten des Gewalteinsatzes orientiert sein als an der derzeitigen Konzeption des Friedens als einzigem Bezugsrahmen. Es muss eine totale Wissenschaft vom Krieg sein.“

Der Erste Weltkrieg wurde trotz verschiedener Neuerungen (U-Boot, Maschinengewehr, Motorisierung) im Wesentlichen noch mit den Waffengattungen und Strategien des 19. Jahrhunderts ausgetragen. Das relative Gleichgewicht der Kräfte und die Gleichwertigkeit der gegnerischen Waffensysteme führte zur Erstarrung aller Fronten. Vor und während des Krieges entwickelte neue Waffentypen wie der Panzer, das Militärflugzeug oder Gaskampfstoffe kamen zwar zum Einsatz, konnten jedoch die militärische Entscheidung kaum beeinflussen. Die langjährige Materialschlacht kostete Millionen Soldaten das Leben und wurde letztlich durch ökonomische Ressourcen entschieden. Die Massenproduktion an Waffen und Munition ging an die Grenze der industriellen Kapazität.

Trotz der nach dem Krieg weltweit auftretenden Friedensbestrebungen, der Gründung des Völkerbundes und der Ächtung chemischer Waffen hatte die qualitative Aufrüstung und Weiterentwicklung der Waffensysteme kein Ende. Kriegführungsstrategien passten sich an die veränderten Verhältnisse, zu Land, zur See und in der Luft an:

  • Im Ersten Weltkrieg noch relativ schwerfällig, wurde der Panzer zur mobilen und schlagkräftigen Waffe. Damit verbunden waren Theorien einer selbständigen Panzerwaffe (Lidell Hart) und das Konzept des »mechanisierten Blitzkriegs« (Guderian).
  • Die Mechanisierung der Seeflotte, die Kombination von Flugzeugträger, U-Boot-Flotte mit Torpedos und Landungstechniken eröffneten alle Dimensionen der Seeherrschaft, wie sie Mahan im 19. Jahrhundert vorgedacht hatte.
  • Mit der Entwicklung und Verbesserung von Kriegsflugzeugen wurde die Luftwaffe zur neuen Waffengattung. Luftkriegsstrategen (Douhet in Italien, Mitchell in USA, Göring in Deutschland) sahen im Flugzeug eine Angriffswaffe zur Erringung der Luftherrschaft und zur Terrorisierung der Bevölkerung.

Den neuen Angriffswaffen und -strategien konnten die aus dem Ersten Weltkrieg stammenden Strategien der Totalverteidigung nicht viel entgegen setzen. Sowohl die französische Maginotlinie wie auch der deutsche Westwall sollten im Zweiten Weltkrieg nur wenig Bestand haben.

Schon der Erste Weltkrieg hatte Elemente einer wissenschaftlichen Kriegsführung gezeigt, doch der Zweite Weltkrieg sollte dies noch bei weitem überbieten. Die Phase zwischen den Kriegen, eine der fruchtbarsten Perioden der Naturwissenschaft und Technik, legte dazu die Grundlage. Die Erfolge nahmen unter der Wirkung der verschärften internationalen und nationalen Spannungen der 30er Jahre eine Wendung zum Destruktiven. Die Machtergreifung durch die Nazis führte zur totalen Mobilisierung der Forschung für Kriegszwecke, was zu Friktionen führte. Gleichzeitig wurde die deutsche Forschung durch die Emigration von Wissenschaftlern geschwächt wie auch durch den ideologischen Druck einer arischen Wissenschaft. Die langfristige Grundlagenforschung wurde gegenüber der kurzfristigen Zweckforschung vernachlässigt. Der internationale Erfahrungsaustausch zwischen Wissenschaftlern wurde eingeschränkt.

Dies hatte zunächst keine Auswirkung auf den Kriegsverlauf. Die Erfolge der deutschen Blitzkriegs-Strategie überraschten die Angegriffenen, gegnerische Verteidigungsketten wurden rasch überwunden. Erst nachdem die Alliierten unter forcierten Rüstungsanstrengungen eine Gegenstreitmacht aufgebaut hatten und der deutsche Vorstoß im Osten zum Erliegen kam, konnte der deutsche Angriff an allen Fronten zurückgeschlagen werden. Dabei gab die totale Mobilmachung menschlicher und materieller Ressourcen den Ausschlag, insbesondere die industrielle Massenproduktion von Rüstungsgütern. Allein die USA fertigten zwischen 1939 und 1945 100.000 Panzer, 800.000 Maschinengewehre, 36 Milliarden Geschützgranaten, 41 Milliarden Gewehrpatronen und 500.000 Kampfflugzeuge. Bestimmend für den Kriegsverlauf waren auch neue technische Entwicklungen im Bereich der Produktion (Fließband), der Nachrichtentechnik (Funk) und des Transports (Verbrennungsmotor).

Das durch die Weltkriege angetriebene Wettrüsten der Gehirne brachte in der Triade aus Zerstörungs-, Träger- und Führungsmitteln neue Entwicklungen hervor:

  • Mit der Entwicklung von Chemie- und Biowaffen war schon während und nach dem Ersten Weltkrieg die Grundlage für Massenvernichtungswaffen gelegt worden. Der Chemiker Fritz Haber entwickelte die Gaswaffe zu Kriegszwecken. Die IG Farben war nicht nur verantwortlich für die Munitions- und Kunststoffproduktion des Krieges, sondern auch für die Herstellung des KZ-Gases Zyklon-B und des chemischen Kampfstoffes Tabun. Die biologische Kriegführung spielte eine unrühmliche Rolle, als Japan in den 30er Jahren in der besetzten Mandschurei Mikroben als »billige und effektive Waffe« entwickelte und in furchtbaren Experimenten erprobte. Die Atombombe übertraf in ihrer kombinierten Zerstörungswirkung (Druckwelle, Feuerball, Radioaktivität) die Wirkung chemischer Sprengstoffe um das 10.000-fache. Das Manhattan-Projekt war ein wissenschaftlich-technisches Großexperiment, unter Beteiligung Tausender Wissenschaftler. Der Einsatz der Atombombe gegen Hiroshima und Nagasaki sollte die Wirkung der neuen Waffe demonstrieren.
  • Das deutsche Reich investierte Milliardensummen in das Raketenprogramm. Seit Anfang der 1930er Jahre hatte ein Team um Wernher von Braun, mit Unterstützung durch das Heereswaffenamt, die Grundlagen der Raketentechnik entwickelt. 9.300 deutsche V1-Marschflugkörper und 3.000 V2-Raketen wurden ab Juni 1944 u.a. gegen England abgeschossen, hatten aber aufgrund ihrer Ungenauigkeit und Unzuverlässigkeit keine kriegsentscheidende Bedeutung mehr. Ebenso wenig die bis 1945 produzierten 1.400 Düsenflugzeuge mit Strahltriebwerken.
  • Der Einsatz von Funkwellen bestimmte die Kommunikation während des gesamten Krieges. Durch die Erfindung des Radars und die Entschlüsselung des deutschen Geheimcodes konnte England sich die Luft- und Seehoheit sichern. Um das Radar von einem Laboratoriumsexperiment in ein militärisch brauchbares Gerät zu überführen, wurde die Operationsforschung (Operations Research) geboren, die verschiedene mathematische Verfahren zur effizienten Nutzung von Ressourcen und die Unterstützung von Entscheidungsprozessen umfasst. Damit verbunden war die Entwicklung der Informationsverarbeitung und der ersten Computer.

Rüstungseskalation im Kalten Krieg

Mit der gelenkten Atomrakete wurde eine Waffe geboren, gegen die es bis heute keinen wirksamen Schutz gibt. Die Vernichtung der Erde auf Knopfdruck wurde möglich. Die Tendenz zum Äußersten, die den Wechselwirkungen des Krieges eigen ist, hatte einen Gipfel erreicht. Das unermessliche Bedrohungspotenzial in der Hand eines Angreifers steigerte zugleich dessen Verwundbarkeit, sofern der Gegner über die gleichen Waffen verfügte. Traditionelle Gesetzmäßigkeiten der Kriegführung verloren angesichts des nuklearen Overkills an Bedeutung. Der Begriff der Verteidigung im militärischen Sinn wurde bedeutungslos. Angesichts der gegenseitig gesicherten Vernichtung entstand die paradoxe Situation, dass die beiden Supermächte zwar allmächtige Waffen zu Tausenden in ihren Händen hielten, aber sie nicht als Gewaltmittel einsetzen konnten. Allmacht und Ohnmacht fielen hier unmittelbar zusammen.

Um die vollständige Zerstörung zu vermeiden, musste der nächste große Krieg verhindert werden. Die zum Kriege drängenden Kräfte waren jedoch nicht geschwächt, sondern im Militärisch-Industriellen Komplex stärker denn je. Der Anspruch, Sicherheit durch neue Bedrohungsmittel herstellen zu wollen, trieb die Spirale von Bedrohung und Gegenbedrohung. Der Kalte Krieg transformierte zum »totalen Wettrüsten«, er glich einer jahrzehntelangen Belagerung, die bis zum Äußersten ging und die Menschheit an den Rand einer atomaren Vernichtung brachte.

Rüstungszyklen und Krieg der Netze

Auch nach dem Ende der Blockkonfrontation wird an der Aufrechterhaltung und technischen Perfektionierung von Waffensystemen und Gewaltstrukturen gearbeitet, um jederzeit und an jedem Ort Krieg führen zu können. Die fortgesetzte Modernisierung betrifft längst nicht mehr nur die mit einem Waffensystem verbundenen Komponenten (Gewaltmittel, Trägermittel, Führungsmittel), sondern auch die sozio-ökonomische Infrastruktur, in die ein Waffensystem eingebettet ist, in der es erdacht, konstruiert, entwickelt, getestet, hergestellt, stationiert, eingesetzt und wieder beseitigt wird.

Das Wettrüsten der Gehirne perpetuiert die Rüstungsdynamik ad infinitum. Wissenschaftler erdenken neue waffentechnische Möglichkeiten und suchen politische Zwecke zu ihrer Rechtfertigung. Die Mittel des Krieges verselbständigen sich, sie brauchen den Feind, ob er nun real existiert oder nur in der Phantasie. Das Schlachtfeld wird zum Beobachtungsfeld zur Erprobung neuer Waffen, der Krieg insgesamt zum wissenschaftlichen Experiment.

Die Ambivalenz, die schon bei Leonardo erkennbar war, wird zum Strukturmerkmal moderner Hochtechnologie-Rüstung. Diese ist Ausfluss ziviler Entwicklungen und prägt diese zugleich. Längst zu groß und zu teuer für eine Förderung allein durchs Militär, wird die wissenschaftlich-technische Entwicklung insgesamt für die Rüstung verplant. Die Revolution in Military Affairs umfasst nahezu den gesamten High-Tech Sektor (Nanotechnik, Bio- und Gentechnologien, Computer- und Kommunikationssysteme, künstliche Intelligenz, Sensorik, Nuklearsysteme, Trägersysteme, Weltraumtechnik, Laser, Materialwissenschaften), sie findet ihren Ausdruck in neuen Waffensystemen und Formen der Kriegführung (Cyberwar, Biowar, asymmetrische Kriegführung). Im Mikro- und Nanobereich verschmelzen Physik, Chemie und Biologie. Die Entwicklung ist zum einen gekennzeichnet durch globale räumliche Ausweitung von Waffeneinsatz, Transport und Kommunikation, Verkürzung der Entscheidungszeiten, Verbesserung der Zielgenauigkeit, Schadensbegrenzung beim Waffeneinsatz, Anwachsen der Informationsflut und Komplexität, Computerisierung und Automatisierung der Kriegführung, wachsende »Intelligenz« der Waffensysteme.

Über den Kalten Krieg hinaus reicht das Bestreben, die durch die Atomwaffe entstandene Selbstverwundbarkeit militärisch zu überwinden und strategische Kriege wieder führbar zu machen. Während die Luftabwehr gegen Flugzeuge Fortschritte machte, stagnierte die Entwicklung von Raketenabwehrsystemen aufgrund physikalischer Grenzen und überirdischer technischer Anforderungen. Die von Reagan in seiner Star-Wars-Rede 1983 entwickelte Vision von der Unverwundbarkeit bleibt jedoch weiter lebendig. Durch ballistische Raketen, Raketenabwehr und Weltraumrüstung wird der Weltraum zum potenziellen Kriegsschauplatz und seine Beherrschung zum strategischen Ziel. Der Traum von der Eroberung und Kontrolle des Weltraums, der vom US Space Command geträumt wird, ist ein Traum von globaler Herrschaft, der in eine neue Form des totalen Krieges einmündet.

Wissenschaft und Technik spielen auch eine Schlüsselrolle im Netzwerk globalisierter Gewalt, das im weltumspannenden Netz aus Sensoren, Kabeln, Antennen, und Computern seinen militärischen Ausdruck findet. Das C3I-System (command, control, communication and intelligence) dient als Kräftevervielfacher (Force Multiplier) und erlaubt die Steuerung aller Elemente ebenso wie die umfassende Überwachung potenzieller Gegenspieler. Da Netze überall hinreichen, verknüpfen sie die Globalisierung der Gewalt mit der Miniaturisierung von Gewalt, was in den Informationskriegen auf unseren Computern ebenso zum Ausdruck kommt wie in Nanosystemen, Mini-Kampfmaschinen und Killer-Mikroben. Durch sie findet der Krieg Einzug in unseren Nahbereich, unsere Wohnung, ja den eigenen Körper. Der Anspruch zur Beherrschung des äußeren Raumes (outer space) findet sein Gegenstück in der Beherrschung des inneren Raum (inner space) innerhalb der Gesellschaften.

Der totale Kontrollanspruch findet seinen Widerpart im Terrorismus, der sich dieser Kontrolle widersetzt und sie doch durch die Wahl seiner Mittel weiter provoziert. Terrornetzwerke, die durch dezentrale Organisation und diffuse Kommunikationsstrukturen gekennzeichnet sind, lassen staatliche Angriffe, mit welchem Gewaltapparat auch immer versehen, ins Leere laufen. Sie nutzen das Prinzip der Selbstorganisation für destruktive Zwecke. Schon immer konnten nichtstaatliche Akteure beträchtliche Schäden anrichten und den Gang der Geschichte beeinflussen, doch im Zeitalter von Flugzeugen, Schiffstankern, Atombomben und Kernkraftwerken gibt es dafür ganz andere Mittel, wie der 11. September zeigt. Aufgrund des Destruktionspotenzials der Mittel wird ihr Einsatz zum Zweck, und ihre Wirkung wird multipliziert durch die voraussehbaren staatlichen Reaktionen. Das Wechselspiel von individuellem und staatlichem Terror perpetuiert den archaischen Zyklus der Gewalt auch im 21. Jahrhundert. Dem Terror den Krieg zu erklären, redet einer neuen Totalität des Krieges das Wort, der innerhalb der globalisierten Gesellschaft ausgetragen wird. Das Ziel der Sicherheit geht so auf allen Ebenen verloren.

Ein Ausweg lässt sich nur finden, wenn der Zyklus der Gewalt verlassen wird, durch Verzicht und Kontrolle der Gewaltmittel und friedliche Konfliktlösung, die die gegenseitigen Interessen respektiert. Grotius hat den Weg des Völkerrechts vorgezeichnet. Im Wechselspiel aus Aufrüstung, Abschreckung, Angriff, Abwehr, Abrüstung liegt die Präferenz bei Abrüstung. Wissenschaft und Technik müssen die Allianz mit dem Militär schrittweise auflösen, die Rüstungstechnik muss einer präventiven Rüstungskontrolle unterworfen werden.

Anmerkungen

1) Leonardo da Vinci: Erfinder – Maler – Forscher, Winterthur: Belser, 1981.

2) Ebenda.

3) J.D. Bernal: Sozialgeschichte der Wissenschaften, Rowohlt, 1970.

4) Siehe die entsprechenden Dokumente in W. Quitzow, Naturwissenschaftler zwischen Krieg und Frieden, Düsseldorf: Schwann, 1986, S. 33-35.

Dr. Jürgen Scheffran ist Mitglied des Redaktionsteams von W&F. Er arbeitet als Senior Research Scientist im Program in Arms Control, Disarmament and International Security (ACDIS)an der University of Illinois in Urbana-Champaign.

Dual-use revisited

Dual-use revisited

Die Ambivalenz von Forschung und Technik

von Wolfgang Liebert

Die Fortentwicklung und Nutzung der Wissenschaft für Kriegsvorbereitungen und die Kriegsführung ist im 20. Jahrhundert zu einem besonders augenfälligen Thema geworden und geht mit einer zunehmenden Verwissenschaftlichung und Technisierung des »Kriegshandwerks« in den industrialisierten Ländern einher. Die Kritik an dieser Tendenz von Seiten besorgter Wissenschaftler ist insbesondere im Gefolge des Kalten Kriegs zunehmend artikuliert worden.1 Nach der Implosion des mit dem Westen konkurrierenden Systems, sah es für kurze Zeit so aus, als ob in Wissenschaft und Technik die Konzentration auf den zivilen Sektor Dominanz bekommen würde, doch heute ist die Verzahnung von militärischer und ziviler Forschung unübersichtlicher als jemals zuvor.

Das Wechselverhältnis zwischen zivilen und militärischen Fortentwicklungen in Wissenschaft und Technik wurde in den Jahren kurz vor Ende des Kalten Kriegs und dem damit einhergehenden Wettbewerb der Systeme und des intrinsischen Rüstungswettlaufs eingehender thematisiert. Die Dominanz der Rüstungsforschung in den öffentlichen Forschungshaushalten der Kernwaffenstaaten (USA, Sowjetunion, Großbritannien und Frankreich) wurde als zunehmend problematisch angesehen angesichts der weit stärker zivil ausgerichteten Forschung in anderen Ländern, wie beispielsweise Japan, und dem damit einhergehenden wirtschaftlichen Erfolg. Man begann sich auch in den großen Militärnationen Sorgen zu machen, ob nicht die Dominanz militärischer Zielsetzungen in Forschung und Entwicklung (FuE) den zivilen Fortschritt aufhalten würde, ob der Abzug von Know-how und jungen Wissenschaftlern von wirtschaftlich attraktiven Projekten für überwiegend militärisch ausgerichtete FuE nicht nachteilig für die ökonomische Wettbewerbsfähigkeit der Volkswirtschaften sein könnte.2

Die Beruhigung durch den erhofften, aber zumeist nicht existenten, »Spin-off« für die zivile Industriegesellschaft aus militärischer FuE verlor ihre Wirksamkeit. Gleichzeitig wurde immer deutlicher, dass sogenannte generische Technologien im Bereich von Elektronik, Mikroelektronik, Informationstechnologie und neue Materialien mit ihrer breiten Anwendbarkeit sowohl im militärischen als auch im zivilen Kontext eine wichtige Rolle als Sub- oder Sub-sub-systeme für größere technische Systeme bekommen hatten. Teilweise ist dabei ein unterschiedsloser Gebrauch für militärische wie zivile Systeme zu konstatieren. Man denke im Bereich des Schiffbaus an moderne Schlachtschiffe bzw. Frachtschiffe, in die zu einem gewissen Maße ähnliche oder gar dieselbe moderne Technologie integriert wird. Dennoch bleiben natürlich Unterschiede und die entscheidende Frage ist, welche Anforderungsprofile im Überlappbereich die Gesamtentwicklung im Bereich generischer Technologien dominiert, die eher aus militärischen oder die eher aus zivilen Kontexten stammenden. Die militärische Community in den USA reagierte schnell und forderte schon in den späten 1980er Jahren die frühzeitige Integration von militärischen und zivilen Technologien unter der Leitlinie, die militärische »Verteidigungsfähigkeit« technologisch auf dem neuesten Stand zu halten, ohne weiterhin eine finanziell ungünstige Förderung von abgrenzbar vorrangig militärischer FuE betreiben zu müssen.3

Grauzonen

Mit der Zeitenwende 1989/90, in deren Gefolge eine Argumentation für hohe Militärhaushalte zunächst politisch schwerer durchsetzungsfähig war, wurden die Verhältnisse noch etwas unübersichtlicher. Die Einsicht, dass die dem zivilen Bereich entstammende Forschungs- und Technologiedynamik im globalen Maßstab längst die Führung übernommen hatte – trotz der massiven Förderung des Militärischen – und die Sorge, ökonomisch den Anschluss zu verlieren, führten in den USA zu einer neuen Strategie. Einflussreiche Studien propagierten den stärkeren Bezug auf die zivil-technologische Basis, als Grundlage für die Schaffung ausreichender Wettbewerbsbedingungen für die nationale Volkswirtschaft und als Basis für die fortgesetzte Förderung militärtechnischer Innovation. Anstatt auf Spin-off zu hoffen, werden bewusst zivil-militärische Grauzonen anempfohlen, um beide Ziele, wirtschaftliche wie militärische, kostengünstiger erreichen zu können.4 Eine klare Trennung von eindeutig militärischen von eindeutig zivilen Projekten und Etatansätzen erscheint so häufig nicht mehr möglich.

In anderen Ländern hatte sich die Politik im Grenzbereich militärischer und ziviler Forschung und Technologie anders entwickelt, so auch in Deutschland. Im November 1992 veranstalteten die Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS), die Naturwissenschaftler-Initiative und der Bund demokratischer Wissenschaftler gemeinsam mit einer Reihe weiterer Organisationen in München einen Kongreß unter der Titel »Die Janusköpfigkeit von Forschung und Technik«.5 Darin wurden Indizien vorgelegt für eine schon länger – zumindest bereits seit der Endphase des Kalten Krieges – existierende Dual-use-Politik der deutschen Bundesregierung. Die ausschließliche Dominanz des Zivilen in zivil deklarierten Förderprogrammen musste nun teilweise fraglich werden, da regierungsamtliche Veröffentlichungen Absprachen zwischen dem Verteidigungs- und Forschungsressort für einige Technologiefelder sichtbar machten oder programmatisch einforderten. Die Details blieben zwar in aller Regel im Dunkeln, aber die Zielrichtung, bei sogenannten Dual-use-Technologien die militärischen Anforderungen frühzeitig in den zivilen Technologieprogrammen mitberücksichtigen zu lassen oder militärische Durchentwicklungen (add-on) auf der Basis solcher Technologien zu planen, wurde offensichtlich. Die im Vergleich zu anderen Nationen geringeren Anteile der Rüstungsforschungsmittel an den staatlichen FuE-Etats in Deutschland erschienen so auch in neuem Licht. Unter dem Deckmantel des Zivilen waren möglicherweise bereits in der Vergangenheit militärtechnologische Interessen mitbefördert worden.

Ambivalenz und Missbrauch?

Bei diesem Kongress über die »Janusköpfigkeit« spielte ebenso die Identifikation wichtiger zivil-militärisch ambivalenter Forschungs- und Technologiebereiche eine wesentliche Rolle (Informationstechnologie, künstliche Intelligenz, Laser, Raumfahrt, nukleare Forschung und Technologie, Biotechnologie), sowie Ansätze zur Analyse von Ambivalenz und zur Umsteuerung in der Politik. Anhand einiger dieser Beispielfelder wird auch deutlich, dass die Diskussion eines »Missbrauchs« von Forschung und Technik für militärische Zwecke zumeist zu kurz greift. So ist zum Beispiel nukleare Technologie zunächst im militärischen Bereich entwickelt worden und viele Fortschritte nuklearer Forschung wurden ebenfalls in diesem Kontext erzeugt. Ebenso sind staatliche Raketen- und Raumfahrtprogramme zunächst ausschließlich mit militärischer Zielsetzung betrieben wurden. Zivile Nutzung und Weiterentwicklungen sind jeweils erst später organisiert oder propagiert worden. Wie kann man da von Missbrauch sprechen? Müsste nicht die wissenschaftliche Entwicklung in diesen Bereichen als fundamental ambivalent eingestuft werden? Folgerichtig spricht Carl Friedrich von Weizsäcker schon Anfang der 1960er Jahre davon, dass Wissenschaft ein „zweischneidiges Schwert“ sei.6

Die Problematik der Zweischneidigkeit holt uns nach Ende der Ost-West-Konfrontation auch im globalen Maßstab wieder ein. Die nachholende Entwicklung in einigen Ländern setzt gerade auch auf den Zugriff auf ambivalente Technologien, die einerseits mit wirtschaftlichen Beweggründen erklärbar sind, aber andererseits auch den Aufbau gefährlicher militärischer Potenziale ermöglichen. Man denke beispielsweise an den Streit über das nordkoreanische Nuklearprogramm oder die Urananreicherung im Iran, die sowohl einem autarken Nuklearenergieprogramm dienen könnte als auch ein entscheidender Schritt zu einem Atomwaffenprogramm sein kann. Der stets drohende Dual-use von Bio-, Nuklear- oder Raketentechnologien hat heute eine immense Bedeutung für die Debatte über die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen bekommen. Dies ist ein weiterer zentraler Aspekt der Unübersichtlichkeit an der Übergangszone ziviler und militärischer Forschung und Technologie. Ein eklatantes Missverhältnis der Wahrnehmung in den Industriestaaten, die ebenfalls die großen Militärnationen umfassen, zeigt sich an der Brandmarkung des Dual-use in Schwellen- und Entwicklungsländern bei Beförderung des Dual-use im eigenen Haus. Sorgen bereitet in diesem Zusammenhang auch die Entwicklungsdynamik in der biotechnologischen Forschung. Man möchte den Fortschritt nicht bremsen, muss aber erkennen, dass erhebliche »Missbrauchsmöglichkeiten« existieren und ständig weitere hinzukommen oder dass sogar eine tiefgreifendere Ambivalenz bei der Verfolgung bestimmter aktueller Entwicklungsrichtungen vorliegt.7 Noch dominiert in der Debatte die Wahrnehmung der Gefahren »anderswo«, dort wo die Weiterverbreitung von Biowaffenpotenzialen von statten gehen könnte.

… und Europa?

Die Sicherheits-, Forschungs- und Industriepolitik im zusammenwachsenden Europa trägt ebenfalls zur Unübersichtlichkeit bei, die zunehmend eine Undurchsichtigkeit in der zivil-militärischen Grauzone generiert. In der EU wächst die Bereitschaft, die US-Modelle des Dual-use in die europäische Politik zu übertragen. Vor fast acht Jahren erklärte der CDU-Bundestagsabgeordnete Norbert Lammers: „Jedenfalls können wir nicht so tun, als seien wir von der Entwicklung in den USA nicht betroffen. Der Zusammenschluss von Boeing und McDonnell zeigt ja, dass man sich dort erhebliche Einsparungen in der Entwicklung wie in der Produktion von einer Zusammenführung des zivilen und militärischen Geschäfts erhofft.“8 Was sich aus dem Munde des Koordinators für Luft- und Raumfahrtindustrie der letzten CDU-geführten Bundesregierung noch vergleichsweise harmlos, aber eigentlich schon programmatisch, anhörte, scheint in der europäischen Rüstungskooperation – auch für die rot-grüne deutsche Bundesregierung – ein nicht mehr in Frage gestelltes Programm zu sein. Firmenzusammenschlüsse zu großen zivil-militärisch agierenden europäischen Konzernen sind bereits innerhalb weniger Jahre vollzogen worden und werden weiter vorbereitet. Die europäische Rüstungsindustrie organisiert sich um, macht sich fit für den Weltmarkt und baut auf zivil-militärische Kooperation im je hauseigenen Firmennetz. Die Politik der europäischen Kommission sekundiert. Im November 2003 wurde beispielsweise ein Weißbuch zur Raumfahrtpolitik vorgelegt.9 Darin wird ganz selbstverständlich und selbstbewusst, das Raumfahrtinstrumentarium als ein Mittel für die Verwirklichung der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik (GASP) sowie für die Europäische Sicherheits- und Verteidigungspolitik (ESVP) angepriesen. Betont wird: Raumfahrtsysteme, wie die ehrgeizigen europäischen Satellitenprogramme, „unterstützen nicht nur eine breite Palette ziviler Politikbereiche, sondern können auch einen unmittelbaren Beitrag zur GASP und ESVP leisten“.

Eine Nachdenklichkeit, wie mit den Problemen des Dual-use und der Ambivalenz strukturell zu verfahren sei, sucht man vergeblich. Eigentlich müsste doch geklärt werden, wie mit der militärischen Nutzung des geplanten Satellitennavigationssystems GALILEO konkret zu verfahren ist bzw. ob ein solcher militärischer Gebrauch nicht zu vermeiden gewesen wäre – gerade im Unterschied zu den Erfahrungen mit dem US-amerikanischen GPS-System. In welcher Weise Erdbeobachtungssysteme, die vielfältige zivile Anwendungsfelder haben, auch zu militärischer Angriffsplanung nutzbar sind, wäre ebenfalls dringend zu klären. Dies betrifft auch das aktuell mit überwiegend deutscher Finanzierung betriebene Projekt TerraSAR-X, in dem ebenfalls der zivil-militärisch agierende europäische EADS-Konzern involviert ist. Auch bei der Gewinnung von Höhenprofildaten der Erdoberfläche, die vom BMBF mitfinanziert wird, ist offensichtlich, dass eine militärische Nutzung, z.B. für die Steuerung von Kampfdrohnen und Cruise-Missiles, frühzeitig diskutiert bzw. ausgeschlossen werden sollte.

Die europäische Politik scheint aber so sehr von rüstungspolitischen Notwendigkeiten gedrängt oder bereits gesteuert zu sein, dass ein eigentlich zu forderndes sensibles Umgehen mit Ambivalenz und Dual-use nur als hinderlich erscheinen kann. Ein Aufsehen erregendes Signal ist in diesem Zusammenhang sicher der Entwurf für einen EU-Verfassungsvertrag, in dem die Bestimmungen zur Gemeinsamen Sicherheits- und Außenpolitik ein zentrales Element, wenn nicht sogar der Kern sind, und der im Artikel I-41 (3) die Mitgliedstaaten verpflichtet „ihre militärischen Fähigkeiten schrittweise zu verbessern.“10 Das ruft geradezu danach, eine alle Bedenken bei Seite schiebendes Agieren in der Grauzone des Dual-use zu propagieren, damit die militärtechnologische Innovation optimal und kostengünstig vorbereitet werden kann. Dies zeigt sich auch an der anhaltenden Diskussion über die mögliche Streichung offenbar lästig gewordener Zivilklauseln, die für eine Reihe deutscher Großforschungseinrichtungen bislang Geltung hatten.11

Ambivalenz und Dual-use

Um zu Konzepten des Umgangs mit Ambivalenz und Dual-use zu kommen, ist es hilfreich, zunächst zu versuchen, die Begrifflichkeiten zu klären.

Dual-use geht von der Möglichkeit des Gebrauchs von Technologie oder von Wissen (im Sinne von Know-how) für zivile oder militärische Zwecke aus. Die Verwendung dieses Begriffs legt nahe, von der Seite des Umgangs mit und der Nutzung von »fertigen« technischen Artefakten oder Know-how her auf die Problematik des möglichen Gebrauchs zu blicken. Daher ist auch häufig vom »Missbrauch« für militärische Zwecke die Rede. Dies würde aber voraussetzen, dass ursprünglich mittels der Technologie, um die es geht, ein rein ziviler Gebrauch angestrebt war, was häufig gar nicht der Fall ist.

Die Begrifflichkeit der Ambivalenz bezieht sich stärker auf die grundlegenderen Prozesse von Forschung und Technologieentwicklung bzw. die wissenschaftlich-technischen Wurzeln zukünftig oder bereits aktuell nutzbarer Forschung und Technologie. Mit dieser Sicht kommt einerseits die grundsätzliche Problematik der »Zweischneidigkeit« in den Blick und andererseits die Möglichkeit der Bearbeitung dieser Problematik bereits auf der Ebene von Forschung und Technologieentwicklung selbst.

Die Unterscheidung von Ambivalenz und Dual-use ist eher im idealtypischen Sinne zu verstehen und es werden in der Praxis häufig Mischformen anzutreffen sein.

Umgangsmöglicheiten

Dual-use und »Missbrauchsmöglichkeiten« rufen nach Möglichkeiten der Kontrolle des gesellschaftlichen Umgangs mit sensitiven militärisch relevanten Technologien. Dies ist zumindest dann breit akzeptiert, wenn es sich um Technologien handelt, die im Bereich von Massenvernichtungswaffen Bedeutung haben und in der weltweiten Proliferationsdynamik eine Rolle spielen. Hier geht es zumeist eher um Maßnahmen der politischen Kontrolle des Gebrauchs von Technologien, die ggf. auch technisch vermittelte Verifikationsverfahren erforderlich machen können. Wenn die militärischen Nutzungsmöglichkeiten aber mit grundlegenderen Problemen der Ambivalenz von Forschung und Technologie zu tun haben, ist demgegenüber nicht unbedingt zu erwarten, dass Maßnahmen der Kontrolle des Gebrauchs zu längerfristig stabilen Lösungen führen. Im Sinne der Überlegungen des englischen Soziologen Zygmunt Bauman12 kann dies statt dessen zu einer sich immer weiter aufschaukelnden, quasi unendlichen Ambivalenzspirale führen, in der jeder Versuch der »Trennung« von erlaubtem und nicht erlaubtem Gebrauch zu einer erneuten Problematik der Ambivalenz führt, die wiederum zu bearbeiten ist, ohne dass eine wirkliche Lösung in Sicht kommt. Dies kann am Beispiel der nuklearen Technologien im Zusammenhang mit der Proliferationsproblematik eindrücklich demonstriert werden.13

Sollen Probleme, die mit der grundsätzlicheren Zweischneidigkeit von Forschung und Technologie verbunden sind, angegangen werden, so wird man auf der Ebene von Forschung und Technologie selbst nach Lösungen suchen müssen. Um Gefahren im Bereich militärischer Verwendungsmöglichkeiten von Forschung und Technologie bearbeiten zu können, wird zur Zeit das Konzept Präventiver Rüstungskontrolle (PRK) entwickelt. Der Projektverbund PRK des Forschungsverbundes Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS) hat dazu einige Ergebnisse vorgelegt.14 Der Fokus dieser Bemühungen liegt auf der Technologiedynamik selbst und wird in Fallstudien behandelt, die Gefahren im Bereich von Massenvernichtungswaffen (Nuklear- und Biowaffen und Trägersysteme) und anderen modernen Technologieentwicklungen (Weltraum, Nanowissenschaften, etc.). bearbeiten. Die Untersuchungen sind nicht auf Ambivalenzaspekte beschränkt, es können auch Dual-use-Probleme oder Technologieentwicklungen, bei denen bislang ausschließlich ein militärischer Verwendungskontext erkennbar ist, analysiert werden. Die im Rahmen von PRK-Studien entwickelten Empfehlungen für den Umgang in Wissenschaft und Technik und auf der politischen Ebene umfassen dementsprechend das ganze Spektrum von denkbaren Maßnahmen, vom Monitoring der Entwicklungsdynamik über die Kontrolle von spezifischen Formen des Gebrauchs bis zur Gestaltung der Technologieentwicklung oder der Forschungsprozesse selbst.

Gestaltung

Ein Beispiel kann mit der Orientierung am Konzept der Proliferationsresistenz angegeben werden.15 Hier soll der militärische Gebrauch, so weit möglich, durch die Auslegung von technischen Systemen selbst, die im zivilen Kontext Verwendung finden können, verhindert werden. Solche Ansätze sind besonders relevant im Bereich nuklearer Technologien, da sie die Gefahr der sich gegenseitig aufschaukelnden Ambivalenzen und Kontrollversuche versucht abzubrechen durch die Etablierung eines Ansatzes der an die technologische Quelle der Problematik selbst zurückgeht. Dadurch können besonders effektive Maßnahmen der Proliferationsvermeidung durch Bemühung um Ambivalenzvermeidung aufgefunden werden. Eine absolut »wasserdichte« Ambivalenz- und Proliferationsverhinderung ist so allerdings auch nicht möglich, aber die Barrieren gegen Proliferationsgefahren können deutlich erhöht werden. Eine wichtige Voraussetzung für die Durchsetzungsfähigkeit und Wirksamkeit des Konzeptes ist es, dass auch die fortgeschrittenen Technologienationen eine entsprechende Gestaltung auf der Ebene der technischen Auslegung von Systemen und ihrer Fortentwicklung akzeptieren, die ja bewusst keine Blockade der gegenwärtigen oder zukünftigen Techniknutzung darstellt, und somit für globale Akzeptanz sorgen. Ein herausragendes Beispiel ist der zunehmend durchgesetzte Verzicht auf die Nutzung von waffengrädigem hochangereichertem Uran im zivilen Bereich – verbunden mit einer entsprechenden Auslegung von Forschungsreaktoren (proliferationsresistente Gestaltung).

Die hier vorgestellte Begrifflichkeit des Dual-use und der Ambivalenz suggeriert, dass es nur um die Unterscheidung zwischen zivilen und militärischen Gebrauchsweisen von Forschung und Technologie ginge. Dies greift allerdings zu kurz. In Wirklichkeit sind häufig viele problematische Spannungsfelder (weitere Ambivalenzaspekte oder Multi-Valenzen z.B. im Bereich von Ökologie und Ökonomie) und ein vielfältiger »Multi-use« zu diskutieren. Weder kann der Hinweis auf interessante zivile Nutzungsmöglichkeiten allein, den eigentlich ungewollten – parallel möglichen – militärischen Missbrauch weniger bedeutsam oder gar hinnehmbar erscheinen lassen, noch sollte das Erkennen einer militärischen Entwicklungsmöglichkeit allein den Blick auf die Weiterentwicklung gewollter ziviler Entwicklungspfade blockieren können. Ebenso ist eine Analyse der umfassenderen Ambivalenzaspekte häufig mitentscheidend für eine angemessene Einschätzung der zivil-militärischen Ambivalenz und entsprechender Umgangsweisen. Daher sind selbst bei dem Versuch einen Umgang mit der zivil-militärischen Ambivalenz zu finden, eigentlich auch die vielfältigen zivilen Verwendungs- und Weiterentwicklungsmöglichkeiten ziviler Forschung und Technologie mitzubetrachten. Dies öffnet den Blick für die Notwendigkeit der Gestaltung von Forschung und Technik insgesamt.16

Anmerkungen

1) Vgl. z.B. S. Zuckerman: Scientists and War, London, 1966.

2) Ph. Gummett, J. Reppy (Hrsg.): The Relation between Defense and Civil Technologies. NATO Advanced Science Institutes Series, Kluver Publ., Dordrecht 1988.

3) Vgl. J. Gansler: The Need – and Opportunity – for Greater Integration of Defense and Civil Technologies in the United States. In: Gummet/Reppy 1988, op. cit. S. 138-158.

4) J. Alic, L. Branscomb, H. Brooks, A. Carter, G. Epstein: Beyond Spinoff – Military and Commercial Technologies in a Changing World, Boston, 1992. Vgl. weiterhin einige Studien des Office of Technology Assessment (OTA) des US-Congress, zitiert u.a. in: R. Rilling: Zuviel Feuerkraft, zu wenig in die Gehirne… Die Rüstungs- und Technologiepolitik der USA im Übergang, in: Liebert/Rilling/Scheffran 1994 (s. nächste Fußnote), S.44-106.

5) Dokumentiert in W. Liebert, R. Rilling, J. Scheffran (Hrsg.): Die Janusköpfigkeit von Forschung und Technik. Zum Problem der zivil-militärischen Ambivalenz, Marburg 1994.

6) C. F. v. Weizsäcker: Die Tragweite der Wissenschaft, Stuttgart 1964.

7) K. Nixdorff et al.: B- und C-Waffen Potenziale und die Gefahr eines Einsatzes durch Terroristen. Dossier 44, in: Wissenschaft und Frieden, 4-2003.

8) Berliner Tagesspiegel, 21.01.1997.

9) Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Weißbuch. Die Raumfahrt: Europäische Horizonte einer erweiterten Union. Aktionsplan für die Durchführung der europäischen Raumfahrtpolitik. Brüssel, 11.11.2003, KOM (2003) 673.

10) Vgl. A. Fuchs: Wer wollte sagen, er habe es nicht wissen können. Die Militarisierungsprogrammatik im EU-Verfassungsvertrag, Dossier 47, in Wissenschaft & Frieden, 4-2004.

11) Vgl. Beitrag von D. Schulze: Die Neuordnung der Rüstungsforschung, in dieser W&F-Ausgabe, S. 30-33.

12) Z. Bauman: Moderne und Ambivalenz. Hamburg, 1992 (auch als Fischer-Taschenbuch).

13) W. Liebert: Wertfreiheit und Ambivalenz – Janusköpfige Wissenschaft. In: Scheidewege – Zeitschrift für skeptisches Denken, Jg. 29, 1999/2000, S.126-149.

14) Vgl. insbes. die zusammenfassende Darstellung in FONAS und Wissenschaft und Frieden (Hrsg.): Präventive Rüstungskontrolle. Dossier 38, in: W&F 3-2001.

15) W. Liebert: Proliferationsresistenz. Risiken und notwendige Schritte zur effektiven Eindämmung der nuklearen Proliferation. Erscheint in G. Neuneck, C. Mölling (Hrsg.): Die Zukunft der Rüstungskontrolle. Hamburg 2005.

16) Vgl. W. Liebert: Wissenschaft jenseits der Wertfreiheitshypothese: Ambivalenz und Wertfreiheit versus Wertbindung und Gestaltung der Wissenschaft, in: H.-J. Fischbeck: Wertorientierte Wissenschaft. Perspektiven für eine Erneuerung der Aufklärung. Berlin, Sigma, 2003, S.61-83; W. Bender, J. Schmidt (Hrsg.): Zukunftsorientierte Wissenschaft – Prospektive Wissenschafts- und Technikbewertung, Münster, Agenda 2003.

Dr. Wolfgang Liebert ist wissenschaftlicher Koordinator und Sprecher der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS) an der TU Darmstadt und Vorsitzender des bundesweiten Forschungsverbundes Naturwissenschaft, Abrüstung und internationale Sicherheit (FONAS)

Verantwortung für die Zukunft übernehmen

Verantwortung für die Zukunft übernehmen

Forschung und Lehre für Friedens- und Zukunftsfähigkeit

von Jürgen Schneider

„Es ist nicht gesagt, dass es besser wird, wenn es anders wird. Wenn es aber besser werden soll, muss es anders werden.“ Dieser Satz Erich Kästners gilt auch für Forschung und Lehre in einer sich in immer rascherem Tempo verändernden zivilisatorischen und einer zunehmend militarisierten Welt. Der Autor geht davon aus, dass es nicht reicht, wenn die Universitäten nur für künftige Berufe in der Wirtschaft und für die Forschung ausbilden; sie haben darüber hinaus auch die Aufgabe durch Bildung ethisches und moralisches Orientierungsvermögen zu vermitteln. Die Voraussetzung für die Durchsetzung einer dem Frieden und der Sicherung der Lebensgrundlagen verpflichteten Politik.

Die Lehrenden müssen neben der Vermittlung von Fachwissen jungen Menschen auch gesellschaftliches und politisches Problembewusstsein vermitteln, die Fähigkeit Probleme zu erkennen und zu strukturieren, um sie mit wissenschaftlichen Methoden anzugehen. Es gilt, Engagement und Motivation der Auszubildenden zu stärken und die Studierenden zu verantwortlichem Handeln zu ermutigen. Dies verlangt Lebendigkeit, Flexibilität und Einfühlungsvermögen von Seiten der Lehrenden und der Lernenden. Höherer Bildungsstand muss mit höherer Bereitschaft verbunden sein, mehr Verantwortung zu übernehmen, die über den individuellen Lebensbereich hinausgeht. Es muss also die von dem Physiker Hans-Peter Dürr anschaulich so genannte T-Intelligenz entwickelt werden, wobei der vertikale Strich des T die feste Verwurzelung im eigenen Fachgebiet und der horizontale Strich des T das übergeordnete Problembewusstsein für die Lage der Welt und für Stellung und Aufgaben des Faches im gesellschaftlichen und globalen Rahmen bedeutet. Der Mensch ist, wie Hans-Peter Dürr sagt, bewusst kreativ und trägt deshalb auch Verantwortung für die Zukunft.

Es ist in den letzten Jahren viel von der strukturellen Verantwortungslosigkeit der Wissenschaft bzw. der WissenschaftlerInnen die Rede. Vielfach verweigern sich die Wissenschaft und Ausbildung Betreibenden der Auseinandersetzung mit den allgemeinen ethisch-moralisch begründbaren Fragen der Verantwortlichkeit.

Wissenschaft, besonders die Naturwissenschaft soll Ergebnisse schaffen, die ökonomisch verwertet werden können, so postulieren heute immer mehr Leute, insbesondere aus dem Bereich der Wirtschaft, aber auch aus der Politik und der Wissenschaft selbst. Ein Vertreter der Wirtschaft brachte es vor einem Wissenschaftsforum der Universität Göttingen auf den Punkt: „Wissen ist ein Marktfaktor, Wissen ist nur etwas wert, wenn es auch umgesetzt werden kann.“

Was machen wir unter solchen Vorgaben mit so »wertlosen« Wissenschaften wie z. B. Religion, Philosophie, Musik, Kunst, Literatur? Sollen wir die als ökonomisch nutzlos abschaffen? Und was ist z. B. mit der Wissenschaft der Ökologie? Ist die dem wirtschaftlichen Fortschritt nicht eher hinderlich, weil die Ökologen, wie es häufig von gewissen Kreisen der Wirtschaft beklagt wird, dem technischen Fortschritt im Wege stehen?

Wissen um die Bedrohtheit der Lebensgrundlagen

Wissenschaft schafft ja z. B. auch Wissen um die Bedrohtheit der Lebensgrundlagen auf unserem Planeten. Natur-Wissenschaft schafft durch ihre Untersuchungen und Analysen nicht nur Kenntnisse über die Evolution der Erde und des Lebens, über die komplexen Wechselwirkungen in der Natur und unsere vollständige Eingebundenheit in das delikate Ökosystem der Geobiosphäre, sondern auch Wissen über die zunehmende Bedrohtheit der Lebensgrundlagen.

Im Brundtland-Report von 1987 heißt es: „Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts war der Mensch nicht in der Lage, das globale Ökosystem radikal zu stören. Nun, am Ende dieses Jahrhunderts steht dies in unserer Hand.“ Und der Exekutive Direktor des UNEP, Prof. Klaus Töpfer, formulierte in einem Interview mit der FR (28.12.1999): „Die Lage ist überaus kritisch. Die weiterhin massiv ansteigende Weltbevölkerung und die wirtschaftliche Dynamik, besonders in den Industriestaaten, bringt das Raumschiff Erde wirklich in Atemnot. Wir sind bereits im Klimawandel. Die fast zwanghafte alleinige Konzentration auf die Entwicklung der Aktienkurse führt zu einem völlig verkürzten Wohlstandsbegriff. Ökologische und soziale Kosten werden auf die Entwicklungsländer und spätere Generationen abgewälzt, sie tauchen in den Bilanzen einfach nicht auf. Aber es gibt sie. An der Lösung dieser Frage hängt nicht nur die Umweltlage auf dem Globus, sondern auch der Weltfrieden. Wir wissen: Es gibt unverrückbare ökologische Grenzen. Noch tun wir so, als sei alles unendlich vorhanden. Das 21. Jahrhundert muss ein Jahrhundert der Umwelt sein, sonst droht wirklich die Unbewohnbarkeit des Globus“.

Der globale Umweltbericht der UN-Umweltorganisation UNEP hat 1997 darauf hingewiesen, dass Wasser, Böden, Wälder, Fischbestände und Luft in einem „unerträglichen Ausmaß verbraucht und vergiftet“ werden. „Wenn wir dulden, dass dieser Trend anhält, werden uns schließlich die wichtigen Voraussetzungen für Leben auf diesem Planeten fehlen“.

Solche Einschätzungen sind nur möglich auf der Basis wissenschaftlicher Untersuchungen über den Zustand der Welt. Und der ist wahrlich nicht rosig. Der Schriftsteller Erich Fried brachte es auf die einfache Formel: „Wer will, dass die Welt so bleibt wie sie ist, der will nicht dass sie bleibt“

Ein Beispiel: Im Internationalen Jahr des Trinkwassers hatten 1,1 Milliarden Menschen keinen Zugang zu sauberem Wasser. Noch mehr Menschen leben ohne Toiletten und Abwasserentsorgung. Die Folgen: Jede Minute sterben 4 Kinder an Krankheiten, die auf verschmutztes Wasser oder schlechte Hygiene zurückzuführen sind. Mit 69.000,- Euro/Tag könnten diese 2 Millionen Kinder/Jahr mit sauberem Trinkwasser aus Brunnen und Pumpen versorgt und gerettet werden.

Aber die Herrschenden geben – nach Angaben von SIPRI – lieber weltweit 2,5 Milliarden Euro /Tag für die Rüstung aus (43% davon die USA), mit der sie vorgeblich die Freiheit und die Menschenrechte »verteidigen«. Man will uns glauben machen, dass der Terrorismus in der Welt durch militärische Gewalt zu überwinden sei. Die wesentlichen Gründe für den Terrorismus werden nicht weiter diskutiert.

Die Diskrepanz zwischen Reich und Arm wird immer größer und damit auch immer bedrohlicher. Weltweit waren 1999 nach Angaben des Armutsberichtes des UNDP, der Int. Labour Organisation und von SIPRI >1 Milliarde Menschen ohne Arbeit, das ist ca. ein Drittel der erwerbsfähigen Bevölkerung. Täglich sterben >30.000 Kinder an Hunger und bis zu 160 Tier- und Pflanzenarten verschwinden täglich unwiederbringlich von unserem Globus. Ein solcher Genozid hat in der 4 Milliarden Jahre alten Geschichte des Lebens auf der Erde niemals vorher in diesem Umfang und in diesem Tempo stattgefunden.

Praxisorientierte Uni kontra breite Bildung?

Viele sog. Bildungspolitiker und viele Hochschullehrer, aber auch Studierende plädieren heute immer lauter für eine mehr berufs- und praxis-orientierte Universität. Sind breite Bildung und kritische Weitsicht keine Werte an sich mehr? Soll das Wecken und Fördern von Empathie, Kreativität und Phantasie ersetzt werden durch reinen technokratisch orientierten Praxis-Bezug? Ist die Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, gegenüber den ärmeren Dreivierteln der Menschheit und gegenüber der Natur dann erfüllt, wenn der Markt zufrieden ist?

Unser Handeln hat eine moralische Dimension

Wir haben als eine humanspezifische Besonderheit durch die Evolution die Fähigkeit zur Folgenabschätzung und zur Zukunftserkenntnis. Dadurch bekommt unser Handeln und Lehren eine moralische Dimension. Auch wenn die Zukunftserkenntnis begrenzt ist, so darf dies nicht als Ausrede dienen, abzuwarten, bis letzte Gewissheit über gefährliche Folgen unseres Handelns besteht. Der Physiker und Klima-Forscher Hans-Joachim Schellnhuber schreibt z. B. im Hinblick auf den gefährlichen Weg unserer Zivilisation im großen Klima-Spiel: „Die heutige Prognosesicherheit ist zu groß, um das Unterlassen von klimapolitischen Maßnahmen weiterhin als verantwortungsbewusstes Warten auf entscheidende Erkenntnisse kaschieren zu können.“

Was sagt dies in Bezug auf die Fragen nach den Anforderungen an die Wissenschaft bzw. nach den Anforderungen in Forschung und Lehre an eine Hochschule der Zukunft?

Globale Probleme in die Lehre einbeziehen

Als Geowissenschaftler möchte ich daran erinnern, dass unsere Erde eine 4,5 Milliarden Jahre lange geologische Vergangenheit und Geschichte hat. Durch den exogenen Kreislauf, der durch die Sonnenenergie angetrieben wird, wurde und wird ständig neues Material in partikulärer und gelöster Form in Umlauf gesetzt. Der endogene Kreislauf, der durch die Geothermalenergie (Energie aus der Zusammenballungsphase unseres Planeten und aus dem radioaktiven Zerfall) aufrecht erhalten wird, ist zwingend notwendig, um stets neues Material an die Erdoberfläche zu schaffen. Nur dadurch kann dem exogenen Kreislauf und der sich darin seit ca. 3,8 Milliarden Jahren entwickelnden Biosphäre alles Nötige an Stoffen zum Leben zur Verfügung gestellt werden. Das ist das vernetzte und negativ rückgekoppelte System Geobiosphäre, das System Gaia. Alle Organismen in diesem System mussten sich stets anpassen an die natürlichen Stoff-Flussraten, die durch die geologischen Prozesse vorgegeben wurden. Dies war möglich durch ein zwar wechselhaftes, aber insgesamt ausgewogenes Zusammenspiel von exogenen und endogenen geologischen Prozessen und der sich entwickelnden Biosphäre. Evolution war deshalb zwangsläufig immer ein Prozess des Lernens und sich Anpassens an die natürlichen Umweltbedingungen und Stoffkreisläufe. Die Geschwindigkeit der Stoffkreisläufe im Zusammenspiel zwischen exogenem und endogenem Kreislauf war immer bestimmend für die Verfügbarkeit der für das Leben nötigen Stoffe. Erst der »Homo sapiens sapiens« brach aus diesem natürlichen Gleichgewicht aus. Er baute seine »Ordnung« zunehmend auf dem Raubbau an den natürlichen Ressourcen auf. Der Mensch als »Homo oeconomicus technicus« begann mit dem Raubbau an der Natur, indem er ihr die für seine Zivilisation benötigten Ressourcen mit immer raffinierteren Methoden schneller entriss, als es den natürlichen Stoff-Flussraten entspricht. Es ist dabei aber zu bedenken: Unsere Erde ist materiell ein geschlossenes System. Nur energetisch ist sie ein offenes System wegen der hineinfließenden Sonnenenergie, welche die Evolution von Leben erst ermöglichte. Wir können das komplexe System Geobiosphäre nicht »managen«. Zweifel an den »unbegrenzten« Möglichkeiten von Wissenschaft und Technik in Bezug auf die »Machbarkeit der Zukunft« sind höchst angebracht.

Die Frage der Verantwortung der Wissenschaft stellt sich als eine moralische, nicht vordergründig juristische Frage. WissenschaftlerInnen dürfen keine moralischen Eunuchen sein. Unsere Kinder und deren Generation sind die Instanz, vor der wir uns zu verantworten haben. Wir müssen unter diesem Aspekt und im Hinblick auf diese Generationen und auf die gesamte Geobiosphäre auch die Lehre an den Schulen und Hochschulen betreiben. Die globalen Probleme müssen zusätzlich zum Fachwissen in die Lehre mit einbezogen werden.

Dies berührt die Frage nach den Ausbildungsinhalten an Schulen und Hochschulen, aber vor allem auch nach dem Bewusstseinsstand, der Aufgeschlossenheit und dem persönlichen Engagement der Lehrenden und der Lernenden. Der Physiker und Philosoph Carl-Friedrich von Weizsäcker hat mehr als einmal das Postulat aufgestellt, dass fünf Minuten jeder Vorlesungsstunde der Frage der Verantwortung gewidmet sein sollten. Die Erfüllung dieser Forderung wäre ein Maß für die moralische Umwelt- und Sozialverträglichkeit von Lehre und Forschung. Da wir als HochschullehrerInnen von der Gesellschaft bezahlt werden, und weil Schüler und Studierende die Schulen und Universitäten von der Gesellschaft bezahlt bekommen, haben wir auch eine Bringepflicht und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft, indem wir offen legen, warum wir Lehre und Forschung so betreiben, wie wir sie betreiben, was wir tun und im Hinblick auf welche Ziele wir das tun.

Öffentlichkeit informieren – vor Fehlentwicklungen warnen

Zu der Bringepflicht gehört auch die für die Öffentlichkeit allgemein verständliche Vermittlung der Forschungsergebnisse, aber auch öffentliche Warnungen vor problematischen Entwicklungen oder gar gefährlichen Wegen der Wissenschaft und der Technik und ihrer Folgen, also auch Warnungen vor den Folgen des globalen Wandels und der damit verbundenen und immer offensichtlicher werdenden Bedrohung der Lebensgrundlagen für Mensch und Mitwelt. Warnungen vor Gefahren müssen frühzeitig erfolgen, auch wenn sie noch nicht in allen Einzelheiten nachweisbar sind. Der Philosoph Hans Jonas sagt drastisch: „Der schlechten Prognose den Vorrang zu geben gegenüber der guten, ist verantwortungsbewusstes Handeln im Hinblick auf zukünftige Generationen.“

Um ein Beispiel zu nennen: Ohne die öffentlichen Warnungen des Ökosystemforschers und Forstbodenkundlers Prof. Bernhard Ulrich vor dem voranschreitenden Waldsterben als Folge des sauren Regens und ohne den daraus resultierenden öffentlichen Druck, hätten wir wahrscheinlich immer noch keine Großfeuerungsanlagen-Verordnung und keine Katalysatoren und die Säuren würden in weit höherem Maße in unsere Wälder regnen als heute. Die für uns alle wichtigen Waldökosysteme und die aus den Wäldern gespeisten Gewässer, aus denen wir einen guten Teil unseres Trinkwassers beziehen, wären wesentlich schlimmer dran als sie es heute sind. Bernhard Ulrichs wissenschaftlich fundierte Warnungen waren nicht nur Ergebnis Jahrzehnte langer sorgfältiger Forschungsarbeiten, sondern auch ein beispielhafter Akt der Wahrnehmung öffentlicher gesellschaftspolitischer Verantwortung.

Verantwortung übernehmen

Der Galilei bei Bert Brecht sagt in seiner Schlussrede: „Hätte ich widerstanden, hätten die Naturwissenschaftler etwas wie den hippokratischen Eid der Ärzte entwickeln können, das Gelöbnis, ihr Wissen einzig zum Wohle der Menschen anzuwenden… Wie es nun steht, ist das Höchste, was man erhoffen kann, ein Geschlecht erfinderischer Zwerge, die für alles gemietet werden können.“ Die Zeit der Ausbildung solcher erfinderischer Zwerge sollte endgültig vorbei sein.

Auf die globale Zukunfts-Situation und die Lehre bezogen bedeutet das, dass wir nicht nur marktorientiertes Verwertungswissen vermitteln dürfen, sondern dass sich Verantwortung an den Überlebensinteressen der Menschen und unserer gesamten belebten und unbelebten Umwelt orientieren muss. Die globalen Fragen und Probleme müssen zusätzlich zum Fachwissen in die Lehre mit einbezogen werden. Dazu gehört neben der fachlichen Ausbildung auch, und das nicht nur etwa im Fach Psychologie, die Erziehung zur Friedfertigkeit im Umgang miteinander und mit der natürlichen und kulturellen Umwelt und Mitwelt, zur Toleranz, zur Kooperations- und Kompromiss-Bereitschaft.

Natürlich wird immer wieder eingewandt, die WissenschaftlerInnen könnten gar nicht die Verantwortung für die Folgen ihres Tuns übernehmen. Selbstverständlich ist z. B. der Chemiker Otto Hahn wegen der Entdeckung der Kernspaltung nicht für die Massaker in Hiroshima und Nagasaki verantwortlich zu machen, aber er hat sich moralisch mitverantwortlich gefühlt und hat sich z. B. im Verein mit anderen Atomforschern, den »Göttinger Achtzehn«, aus Kenntnis um die Gefahren erfolgreich gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr gewandt. Ebenso hat sich der Physiker Josef Rotblat, einer der am Manhattan-Projekt Beteiligten, sehr früh aus dem Projekt zurückgezogen, weil er den Einsatz der Atombombe ablehnte. Später hat er wegen seiner internationalen Bemühungen um atomare Abrüstung und Verständigungspolitik im Rahmen der Pugwash-Konferenzen den Friedensnobelpreis bekommen. Aber was ist etwa mit den »Erfindern« der im Kosovo-Krieg, in Afghanistan und im Irak eingesetzten schrecklichen und grausamen Splitterbomben oder der Uran-Munition? Haben die sich mit der Frage der Verantwortung einmal auseinandergesetzt oder waren sie nur die Brechtschen erfinderischen Zwerge, die sich für gutes Geld mieten ließen ohne über die Folgen ihres Tuns nachzudenken?

Die viel beschworene Freiheit der Wissenschaft darf nicht dazu führen, dass man sich um die Probleme der Gesellschaft und der Ökosphäre nicht weiter kümmert und nur »wertfreie« Forschung betreibt. Da Forschung und Lehre an den Hochschulen eng miteinander verknüpft sind, darf die Frage der Verantwortung für die Zukunft unseres Planeten und aller ihrer Bewohner nicht ausgeklammert werden. Wenn etwa nach den Daten des United Nations Development Program das reichste Fünftel der Menschheit 83% des Bruttosozialproduktes und 95% des Welthandels, das ärmste Fünftel aber nur 1,4 bzw. 0,2% davon erreichen, so darf dieses globale Ungleichgewicht nicht einfach als nicht für die Ausbildung relevant aus unserer Gedankenwelt verdrängt oder fatalistisch als unabänderlich angesehen werden. Hier ist der Satz von Ernst Bloch angebracht: „Wir sind nicht nur verantwortlich für das, was wir tun, sondern auch für das, was wir widerspruchslos hinnehmen.“

Die Ressourcen sind begrenzt

Wir können nicht immer weiter auf ökonomisches Wachstum setzen im Irrglauben, dass die Ressourcen unserer Erde groß genug seien für dauerndes Wachstum oder dass der Mangel immer durch menschlichen Erfindungsgeist ausgeglichen werden könne. Der britische Ökonom und ehemalige Wirtschaftsmanager E. F. Schumacher (Small is beautiful) schrieb bereits 1975, es erfordere nur einen einfachen Akt der Einsicht, um zu erkennen, dass unendliches Wachstum materiellen Konsums in einer endlichen Welt eine Unmöglichkeit ist.

Ich möchte diese Begrenztheit am Beispiel der Erdöl-Vorräte veranschaulichen (Angaben aus der Bundesanstalt für Geowiss. u. Rohstoffe, BGR). Das Erdölzeitalter ist in der Menschheitsgeschichte nur ein ganz kurzer Zeitraum. Spätestens zwischen 2010 und 2020 wird beim Öl der »Depletion mid point« erreicht sein, d. h. der Punkt ab dem die Förderung zurückgeht und damit auf dem Weltmarkt Knappheit und Preisanstiege zu erwarten sind. Die sogenannte »strategische Ellipse« auf einer Erdkarte der BGR erfasst die Länder mit etwa 70% der Welterdölreserven. Darin sind Irak, Iran, Saudi-Arabien, Tschetschenien u. a. enthalten. Hier liegt auch ein Schlüssel zum Verständnis wichtiger Gründe, warum dort Kriege geführt werden.

Wenn die reichen Länder in ihrer Wachstums-Ideologie so weiterleben wie heute, dann sind die fossilen Brennstoffe noch in diesem Jahrhundert verbraucht und viele andere Rohstoffe auch. Was das für die wachstumsbesessenen Gesellschaften und gar für die Entwicklungsländer, die Mehrheit der Menschen, bedeutet, ist leicht auszumalen.

Je mehr Wachstum im Verbrauch von Ressourcen, desto mehr Abfall, Abwasser und Abgase entstehen. Das ist eine Folge des Entropie-Gesetzes, das auch durch keine noch so ausgeklügelte ökonomische Theorie außer Kraft gesetzt werden kann. Schauen wir uns dazu die in seinem Buch »Umweltökonomie« beschriebene Bilanz des Umwelt-Ökonomen Prof. Lutz Wicke (ehemals Staatssekretär in der Berliner Umweltbehörde) an: Die »ökologische Schadensbilanz der Bundesrepublik Deutschland« wies für 1993 die Höhe aller Schäden durch Luft- und Gewässerverschmutzung, sowie Bodenzerstörung und Lärm mit einer Summe von 230 Milliarden DM pro Jahr aus. Das Heidelberger Umwelt- und Prognose-Institut (UPI) kam für die Umweltschäden auf die Summe von 475 Milliarden DM und das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und Innovationsforschung auf 610 Milliarden DM pro Jahr. Dem stehen gegenüber (nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Zeitraum von 1980 bis 1992, in: Informationszentrale der Elektrizitätswirtschaft e.V., 1995) an Investitionen für den Umweltschutz durchschnittlich 15 Milliarden DM pro Jahr (9 Milliarden staatliche und 6 Milliarden Ausgaben der Industrie). Dies zeigt wie jämmerlich wir mit den Reparaturkosten hinter den von uns verursachten Schäden hinterherhinken, wie kläglich die ökonomischen Theorien und damit die Wirtschaftspolitik versagt haben.

Müssen wir alles erforschen?

Ohne sich dem Verdacht auszusetzen, man wolle die wissenschaftliche Grundlagenforschung diffamieren oder gar unterbinden, muss die Frage erlaubt sein: Dürfen, sollen, müssen wir in ständig steigender Eile alles erforschen, was wir können? Oder müssen wir nicht Prioritäten setzen, die sich vorwiegend an den Grundsätzen sozialer Gerechtigkeit, an umweltverträglicher Entwicklung und an Zukunftsfähigkeit der Menschheit orientieren? Dieser Diskurs muss an den Hochschulen geführt werden, um junge Menschen auf dem Weg in gesellschaftlich und ökologisch verantwortbare Tätigkeiten in Wissenschaft, Beruf und Leben zu leiten. Grundlagenforschung und Wissenschaft – auch ohne direkte Verwertungsinteressen – müssen selbstverständlich erhalten bleiben.

Relevanz und Effektivität von Wissenschaft und Forschung dürfen nicht – wie heute üblich – vorrangig an der reinen Höhe der aufgewendeten Mittel oder der Anzahl der Publikationen gemessen werden. Auch das Engagement für gesellschaftlich-humane Ziele und die Motivation der Forschenden und der Lehrenden für diese Ziele müssen als Leistung und als Wert anerkannt werden. Wecken von Kreativität, Flexibilität und Innovationsfähigkeit in diesem Sinne müssen mit dem Abbau von hierarchischen Strukturen an den Universitäten, den Instituten und Arbeitsgruppen verbunden sein. Ermutigung, Stärkung von Selbstbewusstsein und Motivation der Lernenden durch die Lehrenden für die o. g. Ziele wecken erst die nötigen geistigen Ressourcen, die für die Bewältigung der globalen Zukunftsaufgaben nötig sind, und die die Wege zur Zukunftsfähigkeit für uns Menschen und für das Gesamtsystem der Geobiosphäre erschließen.

Peter Kafka hat in seinem Buch »Das Grundgesetz vom Aufstieg« geschrieben: „Unser Standpunkt ist allerdings unsere Erde. Wir wissen nicht einmal, ob auf irgendeinem Planeten in der Nähe eines der hundert Milliarden Sterne unserer Milchstraße oder in einer der Milliarden anderer Galaxien die Evolution vergleichbar hohe oder gar höhere Komplexität hervorgebracht hat oder hervorbringen wird. Es geht uns auch gar nichts an. Wir müssen uns jetzt um unsere eigenen Möglichkeiten kümmern.“ Aber, so schreibt Kafka weiter: „Man wird uns weiterhin weismachen, wir müssten untergehen, wenn wir uns nicht am Wettlauf um die Ausbeutung der Welt beteiligen und dabei wenigstens in der Spitzengruppe bleiben.“

Die Wissenschaft lehrt uns, dass Unabhängigkeit biologischer Systeme und damit auch Unabhängigkeit menschlicher Zivilisationen und Kulturen nie existiert haben. Immer schon war und ist auch weiterhin die gesamte Biosphäre mit allen übrigen Sphären der Erde (Atmosphäre, Hydrosphäre, Pedosphäre, Lithosphäre) und mit der für das Überleben unabdingbar nötigen, von außen kommenden Energie der Sonne auf das engste verknüpft und damit vollständig vom Funktionieren der Wechselwirkungen dieses delikaten Gleichgewichtes in dem Gesamtsystem der Geobiosphäre abhängig. Es bestand und besteht eine nicht zu umgehende und auch durch menschlichen Erfindergeist, Technik und ökonomische Theorien nicht zu überlistende Abhängigkeit aller Formen des Lebens von dem System Gaia und der von der Sonne gelieferten Negentropie, ohne die die Evolution von Leben nicht möglich gewesen wäre. Wir als Menschen sind nur ein von der belebten und der unbelebten Umwelt vollständig abhängiger Teil des Ganzen. Nur wenn wir dies begreifen und akzeptieren und dies auch in der Lehre vermitteln, kann daraus eine Chance erwachsen für Zukunftsfähigkeit und Überleben.

Neue Anforderungen an Forschung und Lehre

Gibt es nun Anlass zur Resignation? Ist es nun fünf Minuten vor zwölf? Für Robert Jungk war Resignation „ein Luxus, den wir uns angesichts der Lage nicht leisten dürfen.“ Es muss sich aus der Erkenntnis der für den Bestand der Lebensgrundlagen bedrohlichen Situation, die sich schon in den ersten Jahrzehnten unseres jungen Jahrhunderts empfindlich zuspitzen wird, falls wir den Bedrohungen weiter so wenig Beachtung schenken, eine neue Anforderung an die Wissenschaft und an die Lehre ergeben. Und dabei ist jeder Einzelne gefordert, sich in dem Sinne des Friedens- und Chemie-Nobelpreisträgers Linus Pauling in der Forschung und in der Lehre zu engagieren: „Keiner darf denken, dass die eigene Anstrengung vergebens sein wird. Was du als Individuum tust, kann das Schicksal der ganzen Welt bestimmen.“

Die Frage der Verantwortung der Wissenschaft stellt sich als eine moralisch-ethische Frage. Ethik war bisher weitestgehend anthropozentrisch. Das reicht heute nicht mehr aus. Ethik hat heute die globalen Bedingungen menschlichen Überlebens und die ferne Zukunft, ja die Existenz der Gattung und der gesamten Geobiosphäre zu berücksichtigen. Damit kann und darf Ethik nicht mehr allein eine Domäne der Philosophie sein.

Die Naturwissenschaften und die Technik müssen in enger Zusammenarbeit mit der Philosophie, den Wirtschaftswissenschaften und den anderen Wissenschaften »ideologiebildend« werden und aufklärend in der Gesellschaft wirken. Als Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, als Lehrende und Lernende haben wir Verantwortung für den Ablauf der Zukunft, weil wir Wissen und damit auch Macht über die Natur haben und weil wir aktiv beteiligt waren und sind an dem Zustandekommen der heutigen Situation. Wissenschaft und Technik haben mit ihren Erfolgen und Errungenschaften einen nicht unerheblichen Anteil an der bedrohlichen Entwicklung und damit Verantwortung für die Folgen ihres Tuns. Die bisherigen Konzepte reichen nicht mehr aus. Schon Einstein sagte eindringlich: „Die Probleme, die es in der Welt gibt, können nicht durch dieselbe Denkweise gelöst werden, durch die sie entstanden sind.“

Wir brauchen also neue Denk-Konzepte, die in der Lehre und in der Forschung behandelt und erarbeitet werden müssen. Dies ist eine Verpflichtung für Forschung und Lehre, der wir uns stellen müssen. Dabei müssen wir endlich zur Kenntnis nehmen, dass wir nur ein vorläufiges Endglied der Evolution und nicht die Krone der Schöpfung sind, dass wir unlösbar eingebunden sind in die Kreisläufe unserer Geobiosphäre und dass wir vollständig abhängig sind von unserer GAIA. Der Geologe Henno Martin hat im Schlusssatz seines Buches »Menschheit auf dem Prüfstand« als allgemein gültige Lehre aus 4,5 Milliarden Jahren Erd-, Lebens- und Menschheitsgeschichte geschrieben: „Nur durch Vielfalt und Toleranz, nicht durch einseitige Beharrung, nur durch Kooperation, nicht durch Dominanz, ist die Chance zur Höherentwicklung und damit zum Überleben der Menschheit gegeben.“

Prof. R. Dr. Jürgen Schneider lehrte in Göttingen Geologie, Paläontologie und Umweltgeowissenschaften. Er ist im Vorstand der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative »Verantwortung für Friedens- und Zukunftsfähigkeit« e.V.

Das Gewissender WissenschaftlerInnen

Das Gewissen
der WissenschaftlerInnen

Für ein Jahrhundert ohne Atomwaffen

von Joseph Rotblat

Unsere Arbeit als WissenschaftlerInnen sollte darauf gerichtet sein, das Los der Menschheit zu verbessern. Ein Großteil von uns wird sagen, dass die Arbeit für militärische Einrichtungen daher auszuschließen sei, vielleicht sogar die Arbeit an Universitäten, die Verträge über die Entwicklung militärischen Geräts annehmen. Viele würden weiter gehen und WissenschaftlerInnen eine definitive Zusage abverlangen, sich nicht in dieser Form zu betätigen; sie fordern eine Art von Hippokratischem Eid.

Viele werden sagen, dass eine Welt ohne Krieg ein utopischer Traum ist. Sogar das etwas bescheidener gesteckte Ziel einer Welt ohne Atomwaffen in absehbarer Zukunft wird als nicht erreichbar, ja nicht wünschenswert betrachtet. Aber wir sind keine UtopistInnen. Wir suchen nicht nach Utopia, der vollkommenen Welt des Thomas Morus. Unser Ziel ist nüchterner: eine Welt, die weiter besteht; eine Welt, in der die Zivilisation trotz der Gefahren die auch wir WissenschaftlerInnen geschaffen haben fort besteht.

Unser Hauptanliegen ist fundamental: das Überleben der Zivilisation.

Wenn wir jedoch mit diesem Prozess auch eine bessere Welt schaffen, eine Welt, in der die Menschen lernen, Konflikte nicht nur ohne Kampf zu lösen, sondern auch für die Bereicherung unserer Kultur zusammen zu arbeiten, wenn wir in diesem Prozess zu einem Ergebnis kommen, dass Politik auf hohen moralischen Grundsätzen beruhen muss, dass Vertrauen und Liebe grundlegende Elemente menschlicher Beziehungen sind, dann wird dies ein besonderer Bonus sein, ein zusätzlicher Anreiz in unserem Bestreben nach dem Wesentlichen und dem Erfreulichen, dem Praktischen und dem Schönen, dem Zweckmäßigen und dem Guten. Das gestaltet diese Aufgabe für WissenschaftlerInnen mit einem sozialen Gewissen, wie wir es bei Pugwash alle sind, noch lohnender.

Oder anders gesagt: Wir wollen nicht vergessen, dass die Abweichung von anerkannten Normen eine wichtige Rolle in der Entwicklung der Zivilisation gespielt hat. George Bernhard Shaw hat dies in seinem unnachahmlichen Stil so ausgedrückt: „Der vernünftige Mensch passt sich an die Welt an, der unvernünftige beharrt darauf, die Welt an sich anzupassen. Daher geht aller Fortschritt von den unvernünftigen Menschen aus.“

Bertrand Russell hat die gleiche Idee mit anderen Worten ausgedrückt: „Fürchte nicht, eine exzentrische Meinung zu vertreten, weil jede heute akzeptierte Meinung einmal exzentrisch war.“

In diesem Sinne wollen wir wirken.

Prof. Dr. Joseph Rotblat ist Friedensnobelpreisträger.

Marie Curie – Die Verantwortung der Wissenschaft

Marie Curie – Die Verantwortung der Wissenschaft

von Ulrike Kronfeld-Goharani

Die Geschichte von Marie Curie ist nicht nur die Geschichte einer der herausragenden Wissenschaftlerinnen des 20. Jahrhunderts, es ist auch die Geschichte einer Frau die sich ein Leben lang für die Verantwortung der Wissenschaft, unabhängig von ökonomischen Verwertungsinteressen, eingesetzt hat. Mit ihrem unermüdlichen Forschungsdrang, der ein Leben lang andauerte, leistete sie durch ihre Entdeckungen nicht nur Bedeutendes für die Wissenschaft, sondern legte aus einem humanen Verantwortungsgefühl heraus auch den Grundstein für die Entwicklung der modernen Radiotherapie in der Medizin.

Jeder Physikerin und jedem Physiker ist der Name Curie ein Begriff: das Curie (Ci) als Einheit für die Aktivität einer radioaktiven Substanz, das Curiesche Gesetz, die Curie-Temperatur oder die Curie-Konstante. Andere mögen sich an den Namen Curie in Zusammenhang mit NobelpreisträgerInnen erinnern. Weniger bekannt dagegen ist die Geschichte des Ehepaares Curie, einer Verbindung von zwei IdealistInnen, die ihr Leben der wissenschaftlichen Arbeit widmen und größte Erfolge erzielen. Marie Curie ist eine der bedeutendsten Wissenschaftlerinnen des 20. Jahrhunderts. Sie ist die erste Frau, die den Nobelpreis für Physik (1903) und den für Chemie (1911) erhält und deren Tochter ebenfalls Nobelpreisträgerin wird. Ihre Geschichte ist die einer Frau, die trotz schwieriger Lebensumstände und schwerer Schicksalsschläge als Alleinerziehende mit zwei kleinen Töchtern ihre wissenschaftliche Forschung unbeirrt weiterführt. Und es ist die Geschichte einer Wissenschaftlerin, die durch ihre mühevolle und aufopfernde Arbeit – die ihre Gesundheit nachhaltig schädigt und sie schließlich das Leben kostet – nicht nur die Grundlage für die Entwicklung der modernen Physik schafft, sondern sich auch um den Nutzen ihrer Entdeckungen für gesellschaftlich-humane Ziele bemüht.

Maries Jugend:
Ein Traum wird wahr

Marya Sklodowska,1 wie Marie Curie vor ihrer Heirat heißt, wird am 7. November 1867 als fünftes und jüngstes Kind einer Lehrerfamilie in Warschau geboren. Schon früh fällt Marie durch ihr außergewöhnlich gutes Gedächtnis auf. Mit 16 gewinnt sie eine Medaille wegen ihres hervorragenden Abschlusses an der Mittelschule. Ihr sehnlichster Wunsch, ein naturwissenschaftliches Studium zu beginnen, scheitert zunächst. Zu dieser Zeit ist der Zugang zu einem weiterführenden Studium Frauen in Polen verwehrt.2 Hinzu kommt, dass ihr Vater, ein Physik- und Mathematiklehrer, durch Fehlinvestitionen sein Geld verloren hat und Marie zum Lebensunterhalt der Familie beitragen muss. Im Alter von 18 Jahren nimmt sie eine Stelle als Erzieherin an. Um ihren Traum nicht ganz aufgeben zu müssen, trifft sie mit ihrer Schwester Bronya ein für heutige Verhältnisse eher ungewöhnliches Abkommen: Sie will zunächst Bronyas Medizinstudium an der Sorbonne in Paris mitfinanzieren, dafür soll Bronya später ihr beim Studium helfen. Hier zeigt sich Maries tiefes Vertrauen in die Ehrlichkeit ihrer Schwester, dass diese sie trotz ungewissen Ausgangs irgendwann unterstützen wird. Sechs Jahre später löst Bronya ihr Versprechen tatsächlich ein und Marie kann 1891 nach Paris folgen. Obwohl sie ihre naturwissenschaftlichen Studien 6 Jahre unterbrechen musste und kaum französisch spricht, nimmt sie voller Elan und Mut ihre Studien an der Sorbonne auf, glücklich, ihren großen Wunsch realisiert zu haben. Trotz der Entbehrungen, die sie wegen ihres schmalen Budgets hinnehmen muss, macht sie 1893 als Klassenbeste ihren Physik- und ein Jahr später als Zweitbeste ihres Kurses ihren Mathematikabschluss. Ihr Ziel ist das Lehrerinnenexamen und dann die Rückkehr nach Polen, als sie dem Physiker Pierre Curie3 begegnet. Beide verbindet eine intellektuelle Wesensverwandschaft, die sich schnell zu einer tieferen Beziehung entwickelt. 1895 heiraten sie.

Die Curies: ein Beispiel für eine erfolgreiche eheliche Zusammenarbeit

Marie beendet 1896 ihre Lehrerinnenausbildung als Beste unter den ExamenskandidatInnen. Ein Jahr später wird ihre erste Tochter Irène geboren. Das hindert Marie nicht daran, nach einem geeigneten Thema für eine Doktorarbeit zu suchen. Sie entschließt sich, die mysteriöse »Uranstrahlung« genauer zu untersuchen, die Henri Becquerel4 1896 entdeckt und erstmals als radioaktive Strahlung bezeichnet hatte. Schon kurze Zeit später macht Marie die Entdeckung, dass Thorium die gleiche Strahlung wie Uran aussendet. Nach systematischer Untersuchung verschiedener chemischer Verbindungen kommt sie zu dem Schluss, dass die Fähigkeit Strahlung auszusenden nicht von der Anordnung der Atome in einem Molekül, sondern von der inneren Struktur des Atoms selbst abhängen muss. Sie untersucht das gesamte Periodensystem der Elemente und stellt fest, dass diese neue Art von Strahlung nur von den Elementen Uran und Thorium abgegeben wird. Daraufhin nimmt sie sich vor, natürlich vorkommende Erze, die Thorium und Uran enthalten, zu erforschen. Sie fordert Proben aus Museen und geologischen Instituten an und findet heraus, dass Pechblende (ein Uranhaltiges Mineral) vier- bis fünfmal stärker strahlt als die gleiche Menge Uran. Daraus folgert sie, dass in der Pechblende ein anderes Element als Uran vorhanden sein muss.

Pierre ist von Maries Entdeckungen fasziniert und beschließt, seine eigenen Forschungen aufzugeben um sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen. Ende Juni 1898 isolieren sie aus der Pechblende eine Substanz, die 300-mal stärker aktiv ist als Uran. In der Veröffentlichung ihrer Ergebnisse schreiben sie, dass sie aus der Pechblende ein bisher unbekanntes Metall extrahiert haben, das in Bezug auf seine analytischen Eigenschaften mit Wismut verwandt sei. Sie schlagen vor, das neue Metall nach Maries Heimatland Polonium zu nennen wenn dessen Existenz wissenschaftlich bestätigt sei. Wenige Monate später informiert das Paar die französische Akademie der Wissenschaften, dass sie eine weitere hoch aktive Substanz gefunden haben, die in ihren chemischen Eigenschaften Barium ähnlich sei und schlagen als neuen Namen für diese Substanz Radium vor.

Um die Existenz dieser neuen Elemente zu beweisen, müssen die Curies sie in demonstrierbaren Mengen herstellen, ihre Atomgewichte bestimmen und vor allem die Substanzen isolieren. Dazu müssen mehrere Tonnen der teuren Pechblende beschafft werden. Dank guter Verbindungen zur österreichischen Akademie der Wissenschaften gelingt es ihnen, große Mengen erzhaltiger Schlackehaufen aus einer Uranmine im böhmischem Joachimsthal nach Paris zu schaffen.

Nun fängt eine der härtesten Arbeitsphasen für die Curies an. Unter äußerst primitiven Laborbedingungen in einem alten, zugigen und Regenwasser durchlässigen Schuppen beginnen sie, große Mengen des Rohstoffes zu verarbeiten. Marie rührt wochenlang von morgens bis abends täglich bis zu 20 Kilogramm einer kochenden Masse. Endlich gelingt es ihr nach Prozessierung mehrerer Tonnen Rohstoff, ein Dezigramm reines Radiumchlorid zu isolieren und das Atomgewicht des Radiums zu bestimmen. Ihre Ergebnisse präsentiert sie in ihrer Doktorarbeit am 25. Juni 1903.

Die harte Arbeit hat ihre Spuren hinterlassen. Sowohl Pierre als auch Marie haben mit ernsthaften Gesundheitsstörungen zu kämpfen. Sie vermuten, dass die Ursache Übermüdung und die schlechten Bedingungen in dem zugigen und feuchten Labor sind. Zu dieser Zeit hegen sie noch keinen Verdacht, dass die radioaktive Strahlung insgesamt eine schädigende Wirkung auf ihre Gesundheit hat.

Während Marie die Substanzen isoliert, untersucht Pierre die Strahlungseigenschaften. Er unternimmt Selbstversuche, indem er eine Probe Radiumsalz zehn Stunden lang um seinen Arm bindet. Er beobachtet eine einer Verbrennung ähnlich sehende Wunde, von der nach 52 Tagen eine graue Narbe zurückbleibt. Damit steht für Pierre fest, dass Radium eine biologische Wirkung hat. Er äußert die Vermutung, dass die neue Substanz möglicherweise in der Behandlung von Hautkrankheiten und Krebs eingesetzt werden könne. Auch die Hände von Marie weisen inzwischen viele Wunden und Narben als Folge ihres ungeschützten Umgangs mit den radioaktiven Substanzen auf.

Als klar wird, dass Radium möglicherweise in der Medizin eingesetzt werden kann, werden in den USA Fabriken errichtet, um das Element in großen Mengen industriell herzustellen. Zu dieser Zeit bestehen freundschaftliche Beziehungen zwischen den Curies und Ernest Rutherford,5 der in Canada arbeitet und gelegentlich Paris besucht. Ihm haben die Curies großzügig ein stark radioaktives Präparat für seine Untersuchung der Ablenkung von Strahlung im Magnetfeld zur Verfügung gestellt, ungeachtet der Mühe die sie aufwenden mussten um kleinste Mengen der Substanzen zu isolieren. Die Curies gelten unter ihren KollegInnen als hilfsbereit. Sie scheuen keine Mühe oder Anstrengung wenn diese der Wissenschaft förderlich ist. Als die Frage aufkommt, ob Marie und Pierre für den Produktionsprozess von Radium ein Patent anmelden wollen, lehnen beide ab. Sie vertreten die Auffassung, dass reine Wissenschaft um ihrer selbst willen zu betreiben sei und nicht von industriellem Profitdenken geprägt sein sollte. WissenschaftlerInnen sollten sich davon freihalten und ihre Entdeckungen allen Menschen verfügbar machen und verfügbar halten. Die Curies versorgen die Industrie daher mit Informationen zum Produktionsprozess von Radium. Der Gedanke, ihre Entdeckungen ökonomisch zu verwerten, liegt ihnen trotz der Schwierigkeiten, finanzielle Unterstützung für ihre Arbeit einzuwerben, völlig fern.

1903 wird ihnen zusammen mit Henri Becquerel der Nobelpreis für Physik verliehen – in Anerkennung der hervorragenden Leistungen bei ihren gemeinsamen Untersuchungen der Strahlungsphänomene, die von Henri Becquerel entdeckt wurden. Wegen ihres schlechten Gesundheitszustandes können sie erst im Juni 1905 nach Stockholm zur Preisentgegennahme reisen. Durch die Verleihung des Nobelpreises rückt das Paar zum ersten Mal ins Interesse von Öffentlichkeit und Presse. Die Zeitungen berichten in abenteuerlich und romantisch anmutenden Berichten über dieses bisher kaum bekannte Forscherehepaar, das in einem feuchten Schuppen irgendwo in Paris durch nächtelange Arbeit eine der bedeutendsten Entdeckungen der Physik gemacht hat. Fast über Nacht werden Marie und Pierre berühmt. Dem Andrang der MedienvertreterInnen in den folgenden Wochen fühlen sich diese beiden eher zurückhaltenden Menschen nicht gewachsen. Pierre gilt in der französischen »scientific community« bis dahin als Außenseiter. Es ist kein Zufall, dass die Curies sich gerade dem Thema Radioaktivität zugewendet haben. Denn die von Becquerel 1896 vorgetragene Entdeckung der Radioaktivität findet unter seinen KollegInnen nur wenig Beachtung. Das Interesse gilt der von Wilhelm Röntgen6 1895 in Würzburg entdeckten Röntgenstrahlung und ihrer möglichen ökonomischen Verwertbarkeit, etwa für Anwendungen in der Medizin.7

Schicksalsschläge

Am 19. April 1906 wird Pierre, gesundheitlich stark angeschlagen, von einer Pferdedroschke in der Nähe des Pont Neuf in Paris überfahren und getötet. Marie, 38 Jahre alt, wird zur Witwe und ist jetzt allein verantwortlich für ihre neun (Irène) und zwei (Ève) Jahre alten Töchter. Obwohl der Schicksalsschlag sie sehr hart trifft, weist sie eine ihr angebotene Pension mit der Begründung zurück, sie sei 38 Jahre alt und in der Lage, sich selbst zu versorgen. Hier machen sich die ihr eigene Zähigkeit und ihr Mut wieder bemerkbar. Trotz schwieriger finanzieller Verhältnisse und verantwortlich für zwei Kinder gibt sie ihre Forschungen nicht auf. Als ihr angeboten wird, die Nachfolge Pierres als Laborleiterin anzutreten und seine Lehrverpflichtungen zu übernehmen, willigt sie ein und wird damit die erste Frau, der an der Sorbonne die Lehrerlaubnis erteilt wird. Privat steht sie vor der Aufgabe, als vollbeschäftigte Alleinerziehende die Betreuung und Erziehung ihrer Töchter zu organisieren. Sie gründet in ihrem Freundeskreis, der aus einer Reihe von Professorenfamilien mit Kindern im schulfähigen Alter besteht, eine kleine Privatschule. Eine Gruppe von zehn Kindern wird zwei Jahre lang von vorwiegend berühmten Professorenvätern unterrichtet.

1908 wird Marie als erste Frau zur Professorin an der Sorbonne ernannt. In ihrem Labor produziert sie weiterhin geringe Mengen reines Radiumchlorid, bis es ihr gelingt, Radium in metallischer Form zu isolieren. Diese Leistung wird 1911 zum zweiten Mal mit einem Nobelpreis geehrt. Als erste Frau erhält Marie den Nobelpreis für Chemie.

Das Jahr 1911 ist dennoch kein glückliches für sie: Als 1910 bekannt wird, dass sie als Kandidatin für die Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften vorgeschlagen ist, starten einige Zeitungen eine Schmutzkampagne gegen sie. Plötzlich schwappt ihr, der nur wenige Jahre zuvor von der selben Presse so gefeierten Nobelpreisträgerin, eine Welle von Ablehnung entgegen, geprägt von Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sexismus und einer allgemein anti-wissenschaftlichen Haltung, die in Teilen der französischen Gesellschaft dieser Zeit verbreitet ist. Die Kampagne verhindert Maries Aufnahme in die Akademie der Wissenschaften. Doch damit nicht genug: Marie, der Witwe und allein lebenden Frau, wird eine Affäre mit ihrem Kollegen Paul Langevin nachgesagt. Langevin soll seit Jahren Eheprobleme und sich von seiner Frau getrennt haben. Als Grund wird Marie vermutet. Der Langevin-Skandal weitet sich aus und erschüttert die gesamte universitäre Welt. Für Marie beginnt ein Spießrutenlaufen: Sie, die Fremde aus Polen, unterstützt von französischen Wissenschaftlern, ist gekommen, um einer angesehenen französischen Ehefrau den Mann zu stehlen. Der Skandal erreicht seinen Höhepunkt als die Frage gestellt wird, ob Marie Curie noch länger Professorin an der Sorbonne bleiben könne.

Als die Nachricht von dem Skandal bis nach Stockholm dringt, erhält Marie von Svante Arrhenius8, einem Mitglied der schwedischen Akademie der Wissenschaften, einen Brief in dem ihr nahegelegt wird, den Preis nicht entgegenzunehmen, bis die Anschuldigungen gegen sie in der Langevin-Affäre restlos geklärt sind. Doch da zeigt sich erneut die Marie Curie eigene Stärke. Sie schreibt Arrhenius einen höflich formulierten Brief in dem sie hervor hebt, dass ihr der Preis für ihre Entdeckungen von Radium und Polonium verliehen werden solle und sie nicht akzeptieren könne, dass die Anerkennung für den Wert einer wissenschaftlichen Arbeit von der üblen Nachrede über das Privatleben einer Wissenschaftlerin abhängig gemacht werde. Daraufhin und nachdem Paul Langevin dem ihm persönlich bekannten Arrhenius einen Brief geschrieben und erläutert hat, welche Kreise innerhalb der französischen Gesellschaft für die Schmutzkampagne gegen Marie verantwortlich sind, darf Marie nach Stockholm reisen. Am 11. Dezember 1911 hält sie vor dem Nobelpreiskomitee ihren Vortrag.

Trotz des nachträglich erlangten Ruhmes ist Marie, diese bis dahin so starke und mutige Frau, am Ende ihrer Kräfte. Mit ihren beiden Töchtern zieht sie sich nach Sceaux, Pierres Heimatort, zurück. Als FreundInnen von ihr, Margerite und André Debierne, nach Sceaux kommen um Marie nach Paris zurückzuholen und sie und ihre Kinder in ihrer Pariser Wohnung aufzunehmen, treffen sie eine aufgebrachte Menge an, die begleitet von den Rufen »Geh heim nach Polen!« Steine auf Maries Heim werfen.

Maries Gesundheit ist nicht zuletzt auch durch diese Affäre schwer angeschlagen. Nach einem kurzen Krankenhausaufenthalt reist sie zu Freunden nach England. Es dauert ein Jahr, bis sie mit gewohnter Kraft und Energie weiter arbeiten kann.

Humanitäres Engagement

Als 1914 der I. Weltkrieg ausbricht, bringt Marie ihre Töchter Irène und Ève zu Freunden nach England in Sicherheit. Sie selbst, zu dieser Zeit gerade Leiterin des neuen Radiuminstitutes9, reist in den Wirren des Kriegsbeginns allein mit einem 20 Kilogramm schweren Bleicontainer, der ihr kostbares Radium enthält, nach Bordeaux und deponiert ihren »Schatz« in einem Banktresor. Danach kehrt sie nach Paris zurück. Sie unterbricht ihre Forschungsarbeitum den Kriegsverwundeten zu helfen und beginnt, achtzehn mobile Feldlazarette, »Petites Curies« genannt, mit Röntgenapparaturen auszurüsten und junge Frauen in deren Bedienung zu unterweisen.10 Sie selbst fährt einen Lazarettwagen und wird mit Hilfe der neuen Röntgenmethode Spezialistin in der Detektion von Gewehrkugeln und Metallsplittern in den Körpern Kriegsverletzter. Später wird sie von ihrer Tochter Irène begleitet, die inzwischen 18 und nach Paris zurückgekehrt ist. Beide Frauen sind während ihrer Arbeit fortwährend hohen Strahlungsbelastungen ausgesetzt.

Nach dem Krieg kann sich Marie endlich wieder ihren Forschungsarbeiten in ihrem Radiuminstitut zuwenden, das sich in den Nachkriegszeiten zu Frankreichs international berühmtesten Institut entwickelt, obwohl Marie vom französischen Staat nur wenig Unterstützung erfährt. Anders als in Frankreich wird Radium in den USA zu dieser Zeit bereits industriell erzeugt – allerdings zu einem Preis den Marie nicht aufbringen kann. Einen Großteil ihrer Zeit muss sie sich um Geldmittel bemühen.

Hilfe durch die
»Frauen von Amerika«

Eine Wendung tritt ein, als Marie der US-amerikanischen Journalistin W.B. Maloney ein Interview gibt und erfährt, dass den WissenschaftlerInnen in den USA bereits einige 50 Gramm Radium zur Verfügung stehen. Marie erklärt, ihr Institut schaffe wegen der begrenzten Mittel nur ein Gramm. Die Journalistin beschließt Marie zu helfen. Sie will die »Frauen von Amerika« mobilisieren. Dennoch gelingt es ihr nur mit großer Überredungskunst, Marie zu einer Reise in die Staaten zu bewegen, die sie im Mai 1921 in Begleitung ihrer beiden Töchter antritt. In den USA wird sie als berühmte Physikerin gefeiert. Sie startet eine Rundreise durch das Land, hält Vorträge an zahlreichen Universitäten und wird mit einer Reihe von Ehrendoktortiteln, Medaillen und Mitgliedschaften in Akademien geehrt. Auf öffentlichen Veranstaltungen wirkt sie nach wie vor eher schüchtern und zurückhaltend, ist in ihren wissenschaftlichen Ausführungen aber äußerst präzise. Der Höhepunkt ihrer Reise ist die Überreichung eines Gramms reinen Radiums als Geschenk des damaligen US Präsidenten Warren Harding11.

Endlich reagiert man auch in Frankreich: Curie zu Ehren wird ein Galaempfang in der Pariser Oper gegeben, auf der der französische Außenminister Aristide Briand12 eine Rede über ihre Entdeckungen und deren Bedeutung für die Zukunft der Physik und der Medizin hält. Zehn Jahre nach dem Langevin-Skandal, den Marie nie ganz verwunden hat, wird sie in Frankreich plötzlich zu einer modernen Jeanne d'Arc.

Zwischen Marie und W.B. Maloney entwickelt sich eine enge Freundschaft. 1929 reist Marie ein zweites Mal nach Amerika und erhält ein weiteres Gramm Radium, das sie der Universität von Warschau zur Verfügung stellt um die Wissenschaft in ihrem Heimatland Polen zu fördern.

In den folgenden Jahren wird Marie Zeugin der erfolgreichen wissenschaftlichen Arbeit ihrer Tochter Irène und ihres Schwiegersohnes Frédéric Joliot.13 Sie erlebt noch wie die beiden künstliche Radioaktivität entdecken, aber nicht mehr, dass sie 1935 dafür mit dem Nobelpreis für Chemie geehrt werden. Marie stirbt am 4. Juli 1934 an Leukämie infolge ihrer jahrelangen weitgehend ungeschützten Arbeit mit radioaktiven Materialien.

Schlussbemerkung

Seit Marie und Pierre Curie durch ihre Entdeckungen den Grundstein für die moderne Physik gelegt haben, hat sich vieles in der Wissenschaft verändert. Besonders die Naturwissenschaften stehen heute unter dem Druck, möglichst ökonomisch verwertbare Ergebnisse schaffen zu müssen: Wissen wird nicht mehr nur als Macht- sondern auch als Marktfaktor eingesetzt. Auch die Rolle de WissenschaftlerInnen hat sich verändert. Mag die eine oder der andere noch stolz darauf sein, der Zunft der WissenschaftlerInnen anzugehören, so klingt es eher verschroben wenn eine/r behauptet, ihr/sein Leben der Wissenschaft widmen zu wollen. Wissenschaft scheint eher ein Beruf wie jeder andere zu sein. Heute ist es kaum vorstellbar, dass ein/e Wissenschaftler/in trotz schwieriger materieller Lebensumstände auf ein Patentangebot verzichtet, um allen den freien Zugang zu Entdeckungen zu ermöglichen.

Trotz dieser Entwicklung werden heute zunehmend Stimmen laut die fordern, WissenschaftlerInnen mit ihrem höheren Bildungsstand müssten wieder stärker bereit sein, Verantwortung zu übernehmen und Problembewusstsein dafür zu entwickeln, welche Bedeutung ihrer Position und ihrer Arbeit im gesellschaftlichen und globalen Kontext zukommt. Das ist eine Entwicklung, die sicherlich Marie Curies Unterstützung fände.

Anmerkungen

1)  Die biographischen Angaben stützen sich im wesentlichen auf Informationen des Musée Curie (http://musee.curie.fr/), sowie auf einen Text von Nanny Fröman: »Marie and Pierre Curie and the Discovery of Polonium and Radium«, Lecture at the Royal Academy of Sciences in Stockholm, Schweden, 28. 02.1996, zu finden unter http://www.nobel.se/essays/curie/index.html.

2) Zum Vergleich: Frauen wurden zum Universitätsstudium in Russland und den Vereinigten Staaten ab 1860, in Frankreich ab 1863, in der Schweiz ab 1864, in Spanien ab 1868 und in England und Schweden ab 1870 zugelassen.

3) Curie, Pierre (1859-1905).

4) Becquerel, Antoine-Henri (1852-1908).

5) Rutherford, Ernest (1871-1956), Nobelpreis in Chemie 1908.

6) Röntgen, Wilhelm Conrad (1845-1923), Nobelpreis in Physik 1901.

7) The Curies: The Very Model of Modern Spousal Collaboration, http://nobelprizes.com/nobel/physics/The_Curies.html.

8) Arrhenius, Svante (1859-1927), Nobelpreis in Chemie 1903.

9) 1909 beschlossen die Pariser Universität und das Pasteur-Institut ein gemeinsames Institut mit zwei Abteilungen zu gründen: das Curie-Institut unter Leitung von Marie Curie und das Pasteur-Institut unter Leitung von Claudius Regaud (1870-1940). Regaud war Mediziner und untersuchte die biologische Wirkung von Röntgenstrahlung.

10) Les rayons de la vie: Les grandes etappes. Beschreibung der Entwicklung der Radiotherapie. Zu finden unter: http://musee.curie.fr/rayons/etapes.

11) Harding, Warren Gamaliel (1865-1923), 29. Präsident der USA.

12) Briand, Aristide (1862-1932), Friedensnobelpreisträger von 1926.

13) Frédéric Joliot (1909-1958), Nobelpreis für Physik 1935.

Dr. Ulrike Kronfeld-Goharani ist wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Schleswig-Holsteinischen Institut für Friedenswissenschaften an der Universität Kiel.