Intellektuelle und Krieg

Intellektuelle und Krieg

von Wolfgang Popp

„Die Intellektuellen haben die Verantwortung, die Wahrheit zu sagen und Lügen aufzudecken.“ Diese schlichte Aussage Noam Chomskys, eines der bekanntesten US-amerikanischen Intellektuellen, scheint auf Anhieb einleuchtend. Aber gilt sie tatsächlich für alle Intellektuellen, für jede Wahrheit und jede Lüge? Gilt sie vor allem für Wahrheit und Lüge in Bezug auf Krieg und Frieden? Warum werden Kriege immer wieder als zwingend notwendig hingestellt? Ist der Spruch vom »gerechten Krieg« der Wahrheit verpflichtet oder ist er Lüge? Wie können Konflikte friedlich gelöst werden?

Immer gab es (meist viele) Intellektuelle, die sich für die Lügenpropaganda über die Notwendigkeit eines Krieges hergaben, und solche (meist wenige), die die hinter den Lügen steckende Wahrheit aufdeckten. Es gab Intellektuelle, die die Konflikte schürten und solche, die nach friedlichen Lösungen suchten.

Während nach dem Ende des 2. Weltkriegs die deutschen Intellektuellen in der Mehrzahl ihre Verantwortung darin sahen, vor jedem Wiederaufkommen kriegerischen Denkens zu warnen, fanden sie sich spätestens angesichts des Jugoslawienkrieges »zerrissen« zwischen ihrer bisherigen Ablehnung und zähneknirschender Zustimmung zu neuen Kriegen. Sie folgten unkritisch den Gräuelmärchen der Minister Scharping (SPD) und Fischer (Grüne), die mit dem Krieg ein »neues Auschwitz« zu verhindern vorgaben. Sie glaubten an die von hochdotierten PR-Instituten erfundenen Massenvernichtungswaffen im Irak, um den Krieg von US-Präsident Bush zu befürworten. Heute sehen sie die Notwendigkeit des militärischen »Kampfes gegen den Terror« in Afghanistan und übersehen dabei, dass dieser Kampf stets nur neuen Terror erzeugt.

Aber es gab und gibt auch immer Intellektuelle, die die Verantwortung für die pazifistische Ablehnung jedes Krieges aufrecht erhalten, auch wenn sie als weltfremde Utopisten belächelt oder beschimpft werden. Sie machen konkrete und realistische Vorschläge zur Lösung von Konflikten ohne Gewalt und Krieg, Vorschläge die keineswegs »utopisch« sind, sondern nur deshalb nicht umgesetzt werden, weil sie nicht den Machtinteressen der Kriegstreiber genügen.

Schon im Jahr 2002 erhoben über 120 deutsche Wissenschaftler, Intellektuelle und Künstler ihre Stimme gegen den »Krieg gegen den Terrorismus«. Unter dem Motto »Nicht in unserem Namen!« stellen sie u.a. fest: „Heute vor einem Jahr begann mit der Bombardierung Afghanistans der »Krieg gegen den Terror«, ein Krieg, der schon jetzt unzählige zivile Opfer gefordert hat und dessen Ende nicht abzusehen ist. […] Wer den Terror wirksam bekämpfen will, muss die Vereinten Nationen stärken, damit sie dem Recht überall auf der Welt Geltung verschaffen können. Wer den Terrorismus wirksam bekämpfen will, darf nicht auf eigene Faust Rache üben, sondern muss dafür sorgen, dass ein internationales Gewaltmonopol unter dem Dach der Vereinten Nationen durchgesetzt wird, das den Frieden weltweit sichern kann. Wer den Terrorismus bekämpfen will, muss auch seine sozialen Ursachen ins Auge fassen, vor allem die ungerechte Verteilung der Reichtümer der Erde und die Demütigung fremder Kulturen durch die Arroganz einiger Führer des Westens.“

Der norwegische Friedensforscher Johan Galtung macht seit ca. 50 Jahren realisierbare Vorschläge zur Lösung von Konflikten in aller Welt. Andreas Buro, der friedenspolitische Sprecher des Komitees für Grundrechte und Demokratie, hat handfeste Vorschläge zur gewaltfreien Lösung der Konflikte im Irak, in der Türkei, in Israel-Palästina, im Iran vorgelegt. Noam Chomsky hat seit dem Vietnam-Krieg praktisch alle Konflikte und Kriege mit kritischen Kommentaren und Lösungsvorschlägen begleitet.

In allen aktuellen Kriegsgebieten sind es Intellektuelle und andere engagierte Menschen, die konkrete Konzepte der gegenseitigen Verständigung und Kooperation über die Grenzen der Konfliktgegner hinweg realisieren. Und es sind inzwischen überall auf der Welt Friedensfachkräfte im Einsatz, die nicht der »Arroganz« der Führer des Westens verfallen, sondern empathisch Hilfe zur Selbsthilfe leisten.

Diese und abertausende andere sind Menschen, die ihren „eigenen Verstand gebrauchen, um Angelegenheiten voranzubringen, die für die Menschheit wichtig sind“, sagt Noam Chomsky und fährt fort: „Einige Leute sind privilegiert, mächtig und gewöhnlich konformistisch genug, um ihren Weg in die Öffentlichkeit zu nehmen. Das macht sie keineswegs intellektueller als einen Taxifahrer, der zufällig über die gleichen Dinge nachdenkt und das möglicherweise klüger und weniger oberflächlich als sie.“ – Vielleicht liegt die Verantwortung der Intellektuellen gerade darin, dass sie diesem Taxifahrer eine Stimme in der Öffentlichkeit geben.

Ihr Wolfgang Popp

Zur künftigen Politik der Naturwissenschaft- lerInnen-Initiative

Zur künftigen Politik der Naturwissenschaft- lerInnen-Initiative

von Wolfgang Neef

Die folgenden Ausführungen wurden von Wolfgang Neef im Rahmen der Beiratssitzung der NaturwissenschaftlerInnen-Initiative im März 2007 zur Diskussion gestellt.

Unsere Initiative hat im letzten Jahr nach vielen, ziemlich kontroversen Debatten ein Memorandum zur Energie- und Klimapolitik veröffentlicht (vgl. W&F 3/2006). Dieses Memorandum hat, obgleich wir uns darum sehr bemüht haben, keine weitere Verbreitung gefunden. In den letzten Monaten allerdings sind viele der dort angesprochenen Punkte und Ideen in der Debatte um den Klimawandel-Bericht der Vereinten Nationen auch auf der Ebene der »großen« Politik zum Thema geworden. Die erstaunlichste Parallele war ein taz-Interview am 20. Februar 2007 mit Michael Müller, Staatssekretär im Umweltministerium. Müller konstatiert dort: „Die kapitalistische Philosophie des ‚mehr, schneller und weiter' ist am Ende“. Diese These, eine der zentralen Aussagen unseres Memorandums, war bei uns bis zuletzt kontrovers: Der Kapitalismus ist systembedingt nicht in der Lage, unsere Lebensgrundlagen zu erhalten.

Nun ist das Mantra »mehr, höher, schneller, weiter« stark von Naturwissenschaft und Technik geprägt. Wir erzeugen und verantworten als Naturwissenschaftler/innen und Ingenieur/innen den »technischen Fortschritt«. Wir verdienen gut daran. Wir sind im Rahmen der herrschenden kapitalistischen Ökonomie (die übrigens nur eine von vielen möglichen ist!) diejenigen, die die Wachstumslogik der Ökonomen in Artefakte umsetzen, und diese Artefakte belasten den Planeten inzwischen um rund 25% über seine Tragfähigkeit hinaus.

Im Einzelnen verantworten wir damit folgende Paradigmen:

Der Sinn menschlicher Arbeit wird darin gesehen, immer mehr materielle Güter (in Form von Waren) zu ersinnen und zu produzieren, um Menschen durch Konsum glücklich zu machen.

Menschliche Arbeit wird durch Einsatz von Maschinerie und (bislang fossiler) Energie wegrationalisiert (Steigerung der Produktivkraft) und verbilligt. Für die Natur ist dieser »Königsweg« der Industriegesellschaft aber zunehmend »teuer«, weil sie nur als Ressource wahrgenommen und über die natürlichen Grenzen hinaus ausgebeutet wird.

Diese betriebswirtschaftliche Leitlinie von Naturwissenschaft und Technik ist aber auch für die Gesellschaft »teuer«. Sie führt unter der herrschenden Ökonomie zu Arbeitslosigkeit, existenzieller Unsicherheit, Arbeit zu Hungerlöhnen und Verelendung wachsender Teile der Erdbevölkerung und damit auch zur Zerstörung der sozialen Lebensgrundlagen.

Das Wachstums-Mantra führt zu einem sinn- und hirnlosen »Hamsterrad«, das durch Geld geschmiert und beschleunigt wird und inzwischen (wie z.B. die Klima-Daten zeigen) heißgelaufen ist: Wir sollen arbeiten, um mehr Waren zu konsumieren, und sollen mehr Waren konsumieren, um Arbeit zu haben.

Als Naturwissenschaftler/innen und Ingenieur/innen neigen wir dazu, die Technik, die all das möglich macht, immer wieder zu überschätzen – und uns als »Kamele, auf denen die Kaufleute und Politiker reiten« bereitwillig darauf einzulassen, immer wieder neue »Heilsversprechen« abzugeben. Wenn wir die Versprechungen und Prognosen Revue passieren lassen, die das 20. Jahrhundert und den Technik-Optimismus unserer Industriegesellschaft geprägt haben, wären wir heute längst im »Reich der Freiheit« angelangt, das Karl Marx erwartete, wenn man die Produktivkräfte von ihren Fesseln befreit:

Wir hätten Energie im Überfluss durch Kernspaltung, Wiederaufarbeitung im »Schnellen Brüter« bzw. durch Kernfusion.

Wir hätten durch »Künstliche Intelligenz« ein perfektes Natur-Management (wie es Hubert Markl 1995 im »Spiegel« unter der Parole »Pflicht zur Widernatürlichkeit« propagierte).

Wir hätten durch bemannte Raumfahrt die Möglichkeit, andere Planeten zu besiedeln und dort Rohstoffe herzuholen.

Kleinere Segnungen wären das unsinkbare Schiff, das papierlose Büro, die »Entmaterialisierung« durch IT-Technik, der Überschallflug für Passagiere, das hybride Verkehrssystem oder der Klein-Hubschrauber als Ersatz fürs Auto etc. etc.

All diese Voraussagen sind nicht etwa Hirngespinste von science-fiction-Autor/innen, sondern waren Konzepte, die auf der Basis seriöser Einschätzungen der Naturwissenschaftler/innen- und Techniker/innenzunft mit sehr viel Geld (meist aus staatlichen Töpfen) gefördert wurden. Für eine Naturwissenschaftler/innen-Initiative, die »Zukunftsfähigkeit« auf ihre Fahnen geschrieben hat, ist es deshalb an der Zeit, sich zu fragen, wie sich diese Fehlprognosen zu unseren professionellen Grundsätzen verhalten:

Realistische Analyse der Problemlage, der Erfahrungen, Fakten und Daten;

Arbeiten auf der ‚sicheren Seite', keine Traumtänzerei, sondern auf der Basis von ‚Murphy's Gesetzen' (»Was schief gehen kann, geht schief« etc.) Annahme des ‚worst case' bei der Auslegung einer Konstruktion;

Erfolgsprüfung durch Praxis, Konsequenzen aus Misserfolgen.

Zur Analyse der Problemlage als erster Ebene unserer Arbeit ist in den letzten Monaten sehr viel gesagt und geschrieben worden. Allerdings hat sich die Hauptdiskussion auf die Klimaproblematik beschränkt. Aufgrund von Forschungen und Berechnungen verschiedener naturwissenschaftlicher Disziplinen gibt es andere Problemfelder, die die Lage noch verschärfen:

Die Bio-Reproduktivität ist durch Überlastung und Zerstörung natürlicher Kreisläufe erheblich gefährdet: Schon jetzt beanspruchen wir die natürlichen Ressourcen zu 125%, verzehren also die Substanz, die zu Reproduktion erforderlich ist (wwf-Studie Living Planet Report 2006).

Es wird exponentiell gesteigert Müll »produziert«, z.B. Elektronikschrott oder Chemieabfälle, die zum großen Teil irgendwo in der »Dritten Welt« abgeladen und dort unter z.T. unsäglichen ökologischen und sozialen Bedingungen »entsorgt« werden.

Die Menge der in Verkehr gebrachten neuen chemischen und pharmazeutischen Produkte nimmt ständig weiter zu, ohne dass wir ihre Wirkung auf Organismen einschätzen können. Insbesondere die systemischen Auswirkungen sind unbekannt. Erste gefährliche Resultate kennen wir allerdings schon, z.B. die resistenten Keime in Krankenhäusern und zunehmende Allergien.

Generell beachten wir nicht, dass wir mit jeder Innovation die möglichen Probleme vervielfachen, weil wir sie additiv und nicht substituierend einsetzen: Wir haben, unabhängig von der Gefährlichkeit der Substanzen, ein Mengenproblem. Es ist die erste wichtige Aufgabe unserer Initiative, diese Problembereiche zusammen zu sehen und darauf hinzuweisen, dass sich die daraus resultierenden Gefahren möglicherweise nicht nur addieren, sondern potenzieren. Ich sehe derzeit kaum eine Organisation, die eine solche Sichtweise praktiziert – allerdings auch die Schwierigkeiten dieser Aufgabe, die im Zusammenhang zu erledigen viele naturwissenschaftliche Disziplinen und interdisziplinäre Arbeit erfordert.

Als zweites Element auf der Ebene der Analyse sollten wir den Zusammenhang zwischen dem zentralen Mantra der herrschenden Ökonomie und Politik – dem Wachstum – und der Zerstörung der Lebensgrundlagen thematisieren. Die Debatten über die Ökonomie und z.B. zur Klimafrage werden immer noch weitgehend voneinander getrennt geführt, selbst oder gerade bei denjenigen gesellschaftlichen Kräften, die im Prinzip Kritik an der neoliberalen Ideologie üben, aber noch optimistische Vorstellungen über die Machbarkeit technischer Problemlösungen haben, z.B. Gewerkschaften. »Wachstum« und »Innovation« sind auch bei der keynesianischen Variante der kapitalistischen Ökonomie das Ziel und werden als Lösung des sozialen bzw. des Verteilungsproblems angesehen. Es ist seltsam, dass die einfache Tatsache, dass Wachstum in einer begrenzten Welt physikalische Grenzen hat, trotz der inzwischen klaren Datenlage immer noch verdrängt wird. Die Idee des »qualitativen Wachstums«, modern als »nachhaltiges Wachstum« formuliert, hat sich aufgrund der Entwicklung der letzten 50 Jahre als schlicht unrealistisch herausgestellt. Insbesondere der Nachholbedarf der »Schwellenländer« ist ein rein materieller. Auch die Steigerung der Energieeffizienz durch technische Verbesserungen hat nicht zu einer Verringerung oder Stagnation des Energieverbrauchs geführt: Das Mengenwachstum hat hier alle Fortschritte aufgezehrt, unterm Strich stiegen die CO²-Emmisionen weiter. Seit Mitte der 60er Jahre haben wir in Europa unseren Energieverbrauch auf das Vierfache gesteigert.

Natürlich ist es weiterhin Aufgabe der Naturwissenschaftler/innen und Techniker/innen, die Ressourceneffizienz zu erhöhen – statt aber nur an den Symptomen zu kurieren, sollten wir klar aussprechen, dass der Wachstumsimperativ des Kapitalismus die Wurzel der Probleme darstellt. Hier sehe ich unsere zweite wichtige Aufgabe: Konsequente Wachstumskritik mit naturwissenschaftlich-technischen Argumenten, Bewusstmachen, dass nur ein globales stofflich-energetisches »Nullsummenspiel« die weitere Zerstörung unserer Lebensgrundlagen verhindern kann. Nullsummenspiel aber heißt für die Industrieländer: konsequente Abrüstung des heißgelaufenen Industriesystems auf einen Bruchteil der bisherigen Energie- und Stoffumsätze, etwa auf den Lebensstandard eines Schweizers im Jahr 1967.

Da kommt der dritte Punkt ins Spiel: Die Überschreitung unserer Grenzen als naturwissenschaftlich-technische »Fachleute«. Es gibt zunächst keinen der Naturwissenschaft und Technik inhärenten Drang zum stofflichen »Mehr«. Eine Technik, die alles daransetzt, die Ressourcen-Produktivität zu steigern, braucht, um nützlich und attraktiv zu sein und angemessen honoriert zu werden, nicht ständig gesteigerte Mengen von Waren. Ein inhärentes »Mehr« gibt es bei uns allenfalls im »Mehr« an Erkenntnis. Anders die kapitalistische Ökonomie: um bei gesteigerter Arbeitsproduktivität noch Profit zu machen, braucht sie das »Mehr« zum Überleben der einzelnen Kapitale im Wettbewerb. Auch deshalb stießen alle bisherigen und aktuellen Ansätze z.B. zum Klimaschutz auf den erbitterten Widerstand »der Wirtschaft«. Ganz ohne Marx zu bemühen, lässt sich also an der Empirie der kapitalistischen Globalisierung der letzten Jahrzehnte und den Daten zum Zustand des Planeten schlagend zeigen, dass der Verschleiß an Menschen und Natur systembedingt ist. Das heißt für uns als Naturwissenschaftler/innen und Ingenieur/innen, dass wir ohne Blick über den Tellerrand unserer Disziplinen keine Erfolg versprechende professionelle oder politische Strategie entwickeln können. Konkret: Wir sollten drittens unsere traditionelle Auseinandersetzung mit der Ökonomie wieder aufnehmen und je nach den technischen, sozialen, ökologischen Verhältnissen und Notwendigkeiten jeweils angepasste Ökonomien fordern und selbst mit unseren naturwissenschaftlich-technischen Konzepten entwickeln – Ökonomien also, die sich nicht den scheinbaren Zwängen der herrschenden Ökonomie unterwerfen. Ganz entschieden sollten wir uns gegen den grassierenden Unsinn wehren, die »Gesetzmäßigkeiten« dieser Ökonomie (die weder mit der Wirklichkeit kompatibel sind noch sie erklären können) mit naturwissenschaftlichen Gesetzmäßigkeiten auf eine Stufe zu stellen.

Diese Aufgaben sind mit unserer Tradition der Friedensarbeit eng verbunden – setzen jedoch die Priorität bei der Arbeit zur Beseitigung der Kriegsursachen, die heute im wesentlichen bei den Auseinandersetzungen um Zugang zu energetischen und stofflichen Ressourcen liegen. Bisher haben wir unsere naturwissenschaftlich-technische Kompetenz hauptsächlich zur Analyse von Waffensystemen und deren Wirkungen eingesetzt. Die »zivile« Naturwissenschaft und Technik war – aus historischen Gründen – weitgehend unbezweifelt, selbst gesellschaftlich umstrittene Techniken wie Gen- und Biotechnologie. Insofern plädiere ich nicht nur für eine erweiterte Sicht auf unsere Wissenschaft und ihre Wirkungen, sondern für einen Wechsel unserer Politik hin zur Wissenschafts- und Technikkritik. Dreißig Jahre Erfahrung mit solch einem Ansatz haben mich gelehrt, dass er gerade unserer eigenen Profession gegenüber besonders wirksam, wenn auch nicht sehr bequem ist, weil er Selbstkritik erfordert. Dann ergibt sich unser Engagement für den Frieden auf gänzlich neue Weise aus dem Kern unserer professionellen Arbeit – da diese immer auf die Praxis gerichtet ist, jedenfalls in vielen Bereichen der Naturwissenschaft und bei der gesamten Technik, heißt das auch »praktische Kritik« durch alternative und gegen den kapitalistisch induzierten Mainstream entwickelte Konzepte und Projekte.

Damit verlasse ich die Ebene der Analyse und komme zur zweiten Ebene unserer Arbeit als Initiative: zur Praxis in Naturwissenschaft und Technik. Zunächst ist diese gekennzeichnet von einer Rückkehr zu den bereits erwähnten alten Tugenden der Techniker/innen: Arbeiten auf der sicheren Seite, keine Traumtänzerei. Wir sollten die Konsequenzen ziehen aus manchen von unserer Zunft in den letzten 100 Jahren abgegebenen Einschätzungen, Prognosen und Versprechen, die meistens im Eigeninteresse (Mittel für Forschung und Technik) gegeben wurden, sich dann aber als unrealistisch oder nicht durchführbar erwiesen haben. Dabei spielten sowohl technikimmanente Faktoren eine Rolle (besonders bei der sicheren Beherrschung sehr komplexer Technologien) als auch manchmal sehr simple gesellschaftliche oder natürliche Fakten, die wir in unserer Begeisterung für eine tolle Technik verdrängt haben (Beispiel aus meiner eigenen Profession: Senkrecht startende und landende Flugzeuge für den zivilen Flugverkehr in Ballungsgebieten). Naturwissenschaft und Technik entwickeln sich nicht aus immanenten Gesetzen, sondern im natürlichen und gesellschaftlichen Kontext. Dieser Kontext muss Teil unseres professionellen Horizontes, teilweise sogar des professionellen Kerns unserer Arbeit sein.

Unsere erste Aufgabe in diesem Zusammenhang ist deshalb die ehrliche und realistische Einschätzung der Möglichkeiten und Grenzen technischer Lösungen. Wir sollten deshalb zum einen all unsere Fähigkeiten mobilisieren, um technische Lösungen der Probleme zu entwickeln. So ist es z.B. unbezweifelt, dass auf dem Energiesektor mit allem verfügbaren Potential die erneuerbare Energiewandlung vorangetrieben werden muss, und zwar sehr schnell. Bei aller Begeisterung dafür sollten wir uns aber vor zwei Versuchungen hüten:

Das Lied vom Vorrang technischer Lösungen mitzusingen, auch wenn uns das als Profession große Vorteile bringt, und

nicht einhaltbare Versprechungen zu machen.

Die herrschende Ökonomie lebt davon, dass wir als Naturwissenschaftler/innen und Techniker/innen ihre Ziele von der ständigen Steigerung der Produktivkraft und neuen Produkten in technische Artefakte umsetzen. Sie behauptet, dass eventuell dadurch geschaffene Probleme wiederum technisch lösbar seien und macht damit weiter Profit. Statt uns wider besseres Wissen als „erfinderische Zwerge, die man für alles mieten kann“ (Brecht) dafür herzugeben, sollten wir deutlich sagen, was geht – aber auch, was nicht geht.

Hier möchte ich auf die Kritik von Gerhard Knies an der These in unserem Memorandum eingehen, dass die Erneuerbaren Energien den durch weiteres Wachstum entstehenden Energiebedarf nicht werden decken können (vgl. W&F 4/2006). Knies rechnet vor, dass die Sonneneinstrahlung in den Wüsten ein Mehrfaches der auch in Zukunft benötigten Energie beträgt und schließt daraus und aus einigen groben Abschätzungen des technischen Aufwandes, dass bei Konzentration auf die Entwicklung der Erneuerbaren Energiewandlung „90% der Erdbevölkerung“ auf diese Weise aus den Wüsten mit Strom versorgt werden können.

Für einen Naturwissenschaftler ist die Versuchung groß, aus solchen Berechnungen und der Verfügbarkeit von Techniken zur solaren Energiewandlung abzuleiten, dass wir bezüglich der energetischen Versorgung auch bei weiterem Wachstum keine Sorgen haben müssten: Wieder wird Naturwissenschaft und Technik das Problem lösen. Als Ingenieur sehe ich das anders. Denn diese Berufsgruppe muss das alles stofflich und energetisch umsetzen.

Vorab gibt es zwei Argumente aus naturwissenschaftlicher und politischer Sicht, die unabhängig vom ingenieursmäßigen Erfolg schon zur Vorsicht raten: Die Berechnungen von H.P. Dürr bzw. Ziegler über die Grenzen der energetischen Tragfähigkeit des Biosystems, heute schon um rd. 25% überschritten (»Die 1,5 kW-Gesellschaft«), die auch für die Wandlung von Sonnenenergie in großen, zentralen EE-Systemen gelten; und die erheblichen Probleme mit der Ausbeutung von Ressourcen in anderen Ländern, heute Kriegsursache Nr. 1 – warum das für die Erneuerbaren in Wüsten anders sein soll, müsste mindestens diskutiert werden.

Aus meiner Sicht wäre – mit Bezug zu den »Murphyschen Gesetzen« – zu bedenken, wenn wir in den nächsten 40 Jahren das »Wüsten-Konzept« realisieren wollten:

Es kommt in der Praxis immer anders, als man denkt.

Die Hindernisse, die man nicht erwartet, sind die entscheidenden.

Der energetisch-stoffliche Aufwand für eine solare Wandlungstechnik, die „90% der Weltbevölkerung“ mit Strom versorgt, ist gewaltig. Welche energetische Bilanz hat das? Welcher »ökologische Fußabdruck« wird damit erzeugt? In welchen Zeiträumen ist das realisierbar?

Braucht man wirklich nur „Glas und Eisen in größeren Mengen“, wie Knies meint?

All diese Fragen müssten geklärt werden, bevor ein solches gigantisches Projekt begonnen wird, um nicht wieder ein »Großexperiment« mit Natur und Menschen in Gang zu setzen, das so endet wie bisherige »Großvisionen« von Technikern.

Der wichtigste Punkt aus meiner Sicht allerdings ist, dass wir durch solcherart Handel mit ungedeckten Schecks die Illusion verstärken, durch Lösung des Energieproblems so weitermachen zu können wie bisher. Denn es bleiben bzw. verschärfen sich die anderen, oben genannten Probleme: Wasserversorgung, Müll, Gefährdung der Bioreproduktivität, systemische Wirkung chemischer Stoffe etc.

Um zuzuspitzen: Unsere Aufgabe als Initiative für Zukunftsfähigkeit ist es, unnachsichtig realistisch die Voraussetzungen und Folgen technischer Lösungen und Innovationen herauszuarbeiten und dabei die Erfahrungen von 200 Jahren technischer Entwicklung im Industriesystem einzubeziehen. So unangenehm das sein mag: Dass wir inzwischen die Überlebensfrage der gesamten Menschheit zu diskutieren haben, ist kein Erfolg, aber das Resultat von Naturwissenschaft und Technik, und es gehört zur professionellen Konsequenz, den bisherigen Weg des naturwissenschaftlichen und technischen Optimismus zu hinterfragen und andere Wege aufzuzeigen.

Dieses Aufzeigen anderer Wege halte ich für genauso wichtig für unsere Initiative wie die Analyse. Wir können auf verschiedenen Gebieten an zukunftsfähigen Lösungen arbeiten, wenn wir unseren Horizont erweitern und Technik, Soziales/Kulturelles, Ökologisches und die zugehörenden ökonomischen Lösungen integrativ entwickeln. Wir können solche Lösungen gegen den Mainstream öffentlich präsentieren und dadurch auch diejenigen Menschen gewinnen, die immer noch die TINA-Formel von der Alternativlosigkeit des kapitalistischen Wachstumsweges glauben. Insbesondere können wir dadurch die jungen Kolleginnen und Kollegen unserer Profession gewinnen, die ihre Zukunft noch vor sich haben und sich zunehmend fragen, wie es ihnen in 50 Jahren gehen wird, wenn sich nichts ändert. Dabei sind wir nicht allein – der Kapitalismus wird weltweit von weitaus mehr Menschen infrage gestellt und abgelehnt als unterstützt, im Wesentlichen aus sozialen Gründen. Dass das »gute Leben« aber nur dann möglich ist, wenn wir mit den natürlichen Ressourcen grundlegend anders umgehen als bisher, ist weniger bewusst.

Projekte, die grundlegend andere Wege gehen, gibt es bereits. In den Workshops auf der Beiratssitzung wurden sie exemplarisch vorgestellt. Als Naturwissenschaftler/innen-Initiative sind wir nur dann attraktiv für neue und junge Mitglieder, die wir dringend brauchen, wenn wir für diese Möglichkeiten bieten, sich konstruktiv einzubringen. Hier sollte der zweite neue Schwerpunkt unserer Arbeit liegen.

Ich möchte abschließend noch einmal betonen, dass diese neuen Ansätze nicht mit dem bisherigen Schwerpunkt auf der Friedensarbeit kollidieren, denn es ist aus meiner Sicht heute so klar wie nie, dass wir am Scheideweg stehen: Entweder wir machen weiter so, auch als Naturwissenschaftler/innen und Techniker/innen, zivil und militärisch als »erfinderische Zwerge«, dann werden wir bald bis an die Zähne bewaffnet alle gegen alle um die letzten Ressourcen kämpfen. Oder wir finden heute radikal andere Lösungen auch in Naturwissenschaft und Technik, um den laufenden Wahnsinn zu stoppen: in Produktion und Verkehr abzurüsten, auf Verlangsamung und Rückbau zu setzen, andere Wege zu gehen statt nur das Bisherige anders zu machen. »Zurück zur Natur« ist heute eine sehr moderne Parole. Gerade Naturwissenschaftler/innen und Ingenieur/innen könnten sie mit Leben füllen.

Wolfgang Neef ist langjähriger Vorsitzender der Naturwissenschaftler-Initiative für Frieden und Zukunftsfähigkeit und Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat von attac.

Leitbilder der Naturwissenschaft

Leitbilder der Naturwissenschaft

von Klaus Michael Meyer-Abich

Das wissenschaftliche Erkenntnishandeln beeinflußt den Austrag der gesellschaftlichen Konflikte so, als wenn während eines bereits im Gang befindlichen Spiels die Spielregeln geändert, also z.B. neue Züge erlaubt würden. Im Fall eines Spiels wird dies in der Regel zum Vorteil einiger und zum Nachteil anderer Spieler sein, also die Gewinnchancen der Beteiligten verändern. So ist es auch in der Politik, wenn durch die Wissenschaft auf einmal neue Erkenntnisse in die Welt gesetzt werden, welche die Formen des Austrags der jeweils bestehenden Konflikte verändern. Typische Beispiele sind die Entdeckung der Atomkernspaltung vor dem Ausbruch des Zweiten Weltkriegs und die Entdeckung der Mikroelektronik nach dem Krieg.

In der wissenschaftlich-technischen Welt ist die Entwicklung der Wissenschaft die entscheidende Determinante dafür, wie wir in Zukunft leben werden, ist also viel politischer als alles, womit unsere Regierungen sich sonst beschäftigen. Demokratie und Wissenschaft passen deshalb nur insoweit zusammen, wie auch Wissenschaft und Technik in die politische Verantwortung eingebunden sind. Sie sind es bisher nicht hinreichend. Es fragt sich also, wie Wissenschaft und Technik künftig in die politische Verantwortung eingebunden werden könnten, damit die Wissenschaft sich mit der Demokratie verträgt.

Wo aber liegen die politischen Dimensionen des wissenschaftlichen Erkenntnishandelns? Wenn ich mich hier zuerst den unmittelbaren Akteuren zuwende, den Wissenschaftlern, so soll damit nicht gesagt sein, die politische Verantwortung für die Wissenschaft sei im wesentlichen die der Wissenschaftler, denn es gibt in Zeiten der öffentlich gewollten und finanzierten Wissenschaft gleichermaßen eine Verantwortung der Öffentlichkeit für diesen gesellschaftlichen Akt Wissenschaft. Was daran politisch ist, wird sich aber doch am ehesten zeigen, wenn man auf das Wissenschaften als ein erkenntnisbezogenes Handeln blickt, und dessen unmittelbare Subjekte sind nun einmal die Wissenschaftler.

Wo zeigt sich der politische Kern der Wissenschaft im Handeln der Akteure? Die wissenschaftliche Tätigkeit besteht grundsätzlich aus drei Phasen:

  • der Entscheidung für etwas Wissenswertes, d.h. für eine Frage, die beantwortet werden soll;
  • der Beantwortung der gestellten Frage mit wissenschaftlich anerkannten Methoden;
  • der Formulierung und Publikation eines Ergebnisses.

In der Öffentlichkeit werden im allgemeinen nur die Ergebnisse der wissenschaftlichen Arbeit als Wissenschaft wahrgenommen. Dementsprechend richtet sich auch die Frage nach der Verantwortung des Wissenschaftlers meistens auf die Ergebnisse und ihre Anwendungen. Von dieser Seite her muß man aber zunächst überlegen, wieweit der Wissenschaftler für die Anwendungen überhaupt verantwortlich ist. Dabei kann immer nur herauskommen, daß er allenfalls eine Mitverantwortung im Rahmen der Gesamtverantwortung für die gesellschaftliche Umsetzung seiner Ergebnisse hat, die er sich mit den daran beteiligten Ingenieuren, Ökonomen, Militärs, Politikern etc. teilt. So waren z.B. die Entdecker der Kernspaltung mitverantwortlich für die Atombombe und ihren Einsatz, aber in dieser Mitverantwortung zeigt sich nicht ihre besondere Verantwortung für das, was sie und nur sie getan haben. Denn sie haben ja eigentlich nur bestimmte Ergebnisse in die Welt gesetzt, und was soll daran politisch, also zu verantworten gewesen sein?

Im wesentlichen auf die Ergebnisse zu blicken ist auch deshalb irreführend, weil die Verantwortung für ein Handeln immer nur so weit reicht, wie es ein freies Handeln ist. Zwar wird die Verantwortung der Wissenschaftler manchmal als eine Begrenzung ihrer Freiheit empfunden, aber das ist ein Mißverständnis. Manche Wissenschaftler pflegen dieses Mißverständnis und interpretieren die Wissenschaftsfreiheit als einen verantwortungsfreien Raum. Freiheit ist jedoch niemals so zu verstehen, daß man tun kann, was einem gerade so paßt, sondern Freiheit impliziert Selbstverantwortung. Wo ich gezwungenermaßen etwas tue oder anderweitig gar nicht anders handeln kann als ich handle, reicht meine Verantwortung allenfalls so weit, wie ich es selbst zu verantworten habe, in diese Zwangslage geraten zu sein. Zumindest eine unmittelbare Verantwortung für das betreffende Handeln habe ich jedoch nicht, wenn ich gar nicht anders handeln konnte. Gerade so aber steht es zumindest in den Naturwissenschaften mit den wissenschaftlichen Ergebnissen. Denn wenn ich einmal entschieden bin, etwas Bestimmtes wissen zu wollen, kann es zwar passieren, daß ich das Ergebnis nicht finde; wenn ich es aber finde, kann nur eines das Richtige sein, d.h. jenseits der gestellten Frage gab es eigentlich keine Freiheit mehr, dieses oder jenes herauszubekommen. Für das Ergebnis als solches gibt es, wenn die Frage einmal feststeht, insoweit keine besondere Verantwortung.

Dies ist nun auch bereits für die Phase 2, die Beantwortung der gestellten Frage, d.h. für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit gesagt. Allerdings gibt es anscheinend zunehmend auch den Fall, daß ein wissenschaftliches Ergebnis gefälscht wird, also gar kein Ergebnis ist. Hier wird die Wahrhaftigkeit verletzt, die zu wahren eine spezifische Verantwortung der Phase 2 ist. Diese Verantwortung aber kann wiederum nicht die gesuchte politische sein, denn die Freiheit zur Fälschung von Ergebnissen hat wohl keine besonderen politischen Folgen. Zumindest kenne ich kein Beispiel dieser Art und kann mir auch keines vorstellen.

Im Erkenntnishandeln des Wissenschaftlers kann die Freiheit, deren Gebrauch politische Folgen hat, also allenfalls in der Phase 1 auszumachen sein, das aber ist in der Tat der Fall. Dieses wissen zu wollen und jenes nicht, also dieser Frage nachzugehen und jener nicht, ist eine im strengen Sinn politische Entscheidung des Wissenschaftlers, wenn davon Lebensverhältnisse abhängen. Zwar ist nicht jeder einzelne Wissenschaftler frei, gerade das zu erforschen, was er möchte. Zumindest gruppenweise aber besteht diese Freiheit durchaus.

Nun sagt man, die durch das wissenschaftliche Erkenntnishandeln zu beantwortenden Fragen seien »wissenschaftliche« Fragen. Sind aber die Fragen genau so wissenschaftlich wie die Ergebnisse, mit denen sie beantwortet werden? Sind z.B. beide gleichermaßen richtig oder falsch? Wissenschaftliche Ergebnisse sind normalerweise in dem Sinn richtig, daß die gegenteilige Antwort falsch wäre. Wie aber steht es mit den Fragen? Sind auch sie entsprechend zu bewerten, und lassen sie sich daraufhin überprüfen?

Betrachten wir beispielsweise das Fallgesetz. Es ist im Rahmen der klassischen Physik und unter den jeweiligen Spezifikationen, z.B. im Vakuum, zweifellos richtig. Wie richtig aber war der Gedanke, das Fallgesetz wissen zu wollen? Was hätte Galilei in einem Antrag an die Italienische Forschungsgemeinschaft oder ein Forschungsministerium, wenn es dergleichen damals gegeben hätte, geltend machen können, um Personal- und Sachmittel zur Erforschung des freien Falls von Körpern im Gravitationsfeld zu akquirieren? Das Fallgesetz gilt zwar, wie man so sagt, immer auch beim Blumengießen. Hier aber ist es eigentlich uninteressant, sozusagen nicht wissenswert. Dafür hätte es schwerlich eine Finanzierung gegeben. Anders ist es, wenn man mit Kanonen schießen will, denn dann gilt es Ziele zu treffen, also die Bahn des Geschosses im Schwerefeld zuvor abschätzen zu können, und dazu braucht man das Fallgesetz. Dies ist der typische Fall des technisch-wissenschaftlichen Interesses, nämlich die Kanonenkugel in einer erlernbaren und möglichst mühelosen Weise so fliegen zu lassen, daß sie einmal abgeschossen von alleine ins Ziel kommt. Zur Beantwortung dieser Frage wäre Galilei sein Forschungsantrag wohl auch damals schon genehmigt worden, zumal nach den ebenfalls waffentechnisch orientierten Vorarbeiten von Tartaglia.

Wie richtig, wie gut oder wie sinnvoll aber war es, die Frage beantworten zu wollen, auf die mit dem Fallgesetz eine richtige Antwort gefunden worden ist? War es richtig, schießen und dazu wenn schon geschossen werden soll: sinnvollerweise die Geschoßbahnen vorausberechnen zu wollen? Man sieht: Die Richtigkeit der Antwort enthebt uns nicht der Überlegung, ob es auch eine richtige, gute oder berechtigte Frage gewesen ist, auf die hier eine richtige Antwort gefunden wurde. Beides ist unabhängig voneinander zu beurteilen. Während die Antworten auf ihre Richtigkeit überprüfbar sind, bleibt hinsichtlich der Fragen eine deutliche Unsicherheit. Zwar werden in der Regel nur diejenigen Fragen beantwortet, an deren Beantwortung ein Interesse besteht; Interessen geltend zu machen aber bedarf grundsätzlich einer Legitimation.

Dabei ist nicht zu erwarten, daß wissenschaftliche Fragen wiederum wissenschaftlich zu rechtfertigen sind. Wie richtig das Fallgesetz ist und ob es wissenswert ist, ob es also wissenschaftlich interessant und wünschenswert zu wissen ist, sind zwei ganz verschiedene und nicht in gleicher Weise zu beantwortende Fragen. Die Ergebnisse sind wissenschaftlich zu beweisen oder wenigstens zu begründen, die Fragen aber lassen sich nur dadurch rechtfertigen, daß ein Interesse an ihrer Beantwortung besteht. Im wissenschaftlichen Erkenntnishandeln wird in Worten von Max Weber immer schon vorausgesetzt, „daß das, was bei wissenschaftlicher Arbeit herauskommt, wichtig im Sinn von »wissenswert« sei. Und … diese Voraussetzung ist nicht wieder ihrerseits mit den Mitteln der Wissenschaft beweisbar“ (Weber 1919, 599). Man möchte etwas wissen, aber warum? Anscheinend sind auch in der Wissenschaft letztlich Wünsche die Väter und Mütter der Gedanken. Die Wissenschaft ist sozusagen nicht so wissenschaftlich wie ihre Ergebnisse.

Was also rechtfertigt eine wissenschaftlich zu beantwortende Frage? Wo Sozialwissenschaftler sich mit den Motiven beschäftigt haben, deretwegen bestimmte Erkenntnisse für wissenswert gehalten worden sind, haben sie dafür in der Regel persönliche, politische oder ökonomische Interessen namhaft gemacht. Interessen sozioökonomischer Art aber können noch nicht das letzte Wort sein, wenn eine wissenschaftliche Frage gerechtfertigt werden soll, denn nicht alle Interessen setzen sich durch. Soviel ich sehe, gibt es in aller Vielfalt des wissenschaftlichen Erkenntnishandelns ein gemeinsames Leitbild, das nicht wiederum wirtschaftlich, sondern eher religiös motiviert ist. Ich meine die Sicherheit als ein in der neuzeitlichen Naturwissenschaft erkenntnisleitendes Ziel, nämlich die Sicherheit vor der Natur.

Ich kann diesen Gedanken hier nur kurz andeuten und beschränke mich zur Erläuterung auf drei Belege, einen wissenschaftsgeschichtlichen, einen allgemeingeschichtlichen und einen legitimatorischen.

Galilei begründete sein Plädoyer für die mathematische Naturwissenschaft im »Dialogo« damit, daß wir durch Mathematik Einsicht in die Notwendigkeit und somit göttliche Erkenntnis der Naturvorgänge gewinnen, über die hinaus es wohl keine größere Sicherheit geben kann (comprendere la necessità, sopra la quale non par que possa esser sicurezza maggiore; 1632, VII 129). Tatsächlich geht es in der Naturwissenschaft immer um die Einsicht in Kausalitäten, deretwegen etwas notwendigerweise geschieht. Es ist aber ja eigentlich nicht notwendig, sondern eher etwas zwanghaft, sich in allem Geschehen ausgerechnet für seine Notwendigkeit zu interessieren. Die Einsicht in die Notwendigkeit ist jedoch ein erkenntnisleitendes Interesse, wenn man einem Grundbedürfnis nach Sicherheit folgt, also vor Überraschungen sicher sein möchte. Dies ist dann allerdings auch die Sicherheit des Tyrannen, der nur dann ruhig schläft, wenn er weiß, daß in seinem Herrschaftsbereich nichts passiert, was er nicht selbst gewollt oder zumindest zugelassen hat.

Der allgemeingeschichtliche Beleg ist, daß Sicherheit in der Neuzeit auch sonst ein handlungsleitendes Grundinteresse gewesen ist. Das Hauptziel des ebenfalls im 17. Jahrhundert aufkommenden Liberalismus war ja wiederum die Sicherheit des Bürgers vor dem Staat. Und in neuerer Zeit dient der Sozialstaat wiederum der Sicherheit des Einzelnen vor den Mitmenschen, um nämlich im Alter und im Krankheitsfall nicht auf sie angewiesen zu sein.

Einen legitimatorischen Beleg dafür, daß der gemeinsame Nenner des vielfältigen Erkenntnishandelns der herrschenden Naturwissenschaft ein Sicherheitsbedürfnis ist, sehe ich schließlich darin, daß diese Wissenschaft immer wieder durch eine vermeintliche Feindschaft der Natur gerechtfertigt wird. Historisch läßt sich zeigen, daß diese Feindschaft als umso bedrohlicher stilisiert worden ist, je bedrohlicher umgekehrt das menschliche Handeln für die außermenschliche Natur wurde. Tatsächlich gibt es in der Natur vielerlei Möglichkeiten, sich in Gefahr zu begeben, z.B. in einem erdbebengefährdeten Gebiet ein Haus zu bauen, bei aufkommendem Sturm aufs Meer hinaus zu segeln oder einem wilden Tier ungebührlich nahe zu kommen. Als Feindschaft aber wird dies alles nur bewerten, wer sich aus einer Grundangst heraus unsicher fühlt und deshalb Sicherheit sucht.

Das Sicherheitsmotiv ist ein Grundton der allgemeinen Bewußtseinsentwicklung in der Neuzeit. Beispielsweise glaubte Descartes, nur seiner selbst sicher sein zu können und begründete damit den philosophischen Subjektivismus der Neuzeit. Kants »Kritik der reinen Vernunft« begann dann damit, wie die neueren Wissenschaften endlich einen »sicheren Gang« gefunden haben.

Das bloße Sicherheitsbedürfnis ist aber noch nicht das letzte Wort, wenn man wissen möchte, welchem Leitbild die wissenschaftlichen Fragen folgen, wie also die Wissenschaftler von ihrer Freiheit Gebrauch machen und wofür sie verantwortlich sind. Man kann nämlich die Autonome von der Gemeinsamen Sicherheit unterscheiden. Eine Autonome Sicherheit sucht derjenige, der sich von seiner Mitwelt nicht abhängig machen, sondern jederzeit auf sich gestellt sein möchte. Dies ist die typische Haltung des Eroberers im Feindesland. Demgegenüber ist es das Ziel der Gemeinsamen Sicherheit, daß man gegenseitig keine Angst voreinander zu haben braucht. Ich übernehme dieses Konzept von Egon Bahr (1982) aus der Friedensforschung. Den beiden Arten von Sicherheit entsprechen ganz unterschiedliche Verhaltensweisen. Wer eine Autonome Sicherheit anstrebt, fühlt sich umso sicherer je stärker er ist; dies entspricht dem herkömmlichen militärischen Denken. Wem es um die Gemeinsame Sicherheit zu tun ist, der wird demgegenüber auch ein eigenes Interesse daran haben, daß der Andere, der »Gegner«, keine Angst vor ihm zu haben braucht.

Die in der modernen Naturwissenschaft gesuchte Sicherheit ist eine Autonome Sicherheit, denn wir tun alles, um uns vor der außermenschlichen Natur zu schützen, obwohl diese uns mittlerweile viel mehr zu fürchten hat als wir sie. Dies entspricht dem Menschenbild der Industriegesellschaften, daß wir Menschen sozusagen wie ein interplanetarisches Eroberervolk auf die Erde niedergegangen seien, also mit den hienieden Eingeborenen eigentlich nichts gemein hätten. Die klassische Naturwissenschaft ist der Kanon derjenigen Regeln, an die man sich halten muß, wenn man über die außermenschliche Natur wie über einen Sack voll Ressourcen verfügen will. Dies ist gerade das Herrschaftswissen, das die interplanetarischen Eroberer brauchen.

Es kommt mir nun nicht darauf an, ob dieses Menschenbild richtig oder falsch ist, sondern nur darauf, daß die Naturwissenschaft einem bestimmten Leitbild, dem der Autonomen Sicherheit, folgt, wenn sie das zu den Interplanetariern passende Naturbild entwirft. Dem Leitbild der Gemeinsamen Sicherheit würde also eine andere Wissenschaft entsprechen. Sie könnte eine Mit-Wissenschaft genannt werden, weil es nun darauf ankäme, die außermenschliche Natur in ihrem Mitsein mit uns wahrzunehmen, d.h. als unsere natürliche Mitwelt, die nicht als unsere Umwelt nur um uns herum und für uns da ist. In der Mit-Wissenschaft ist nur das wissenswert, was sich im Mitsein zeigt. Eine Arbeitsgruppe hat sich in den letzten Jahren damit beschäftigt, welche neuen Wege dazu in den Naturwissenschaften und in der Ökonomie zu gehen wären. Die Ergebnisse sind soeben in einem von mir herausgegebenen Buch unter dem Titel »Vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens Ganzheitliches Denken der Natur in Wissenschaft und Wirtschaft« veröffentlicht, auf das ich hier natürlich nur hinweisen kann. Hervorheben möchte ich nur, daß auch die Mit-Wissenschaft als ein Handlungswissen gemeint ist. Die Naturwissenschaft handelt immer davon, was wir getan und erfahren haben, pflegte Niels Bohr zu sagen. Es kommt also darauf an, was wir tun und wie wir uns im Erkenntnishandeln, das die Grundform des wirtschaftlichen Handelns ist, verhalten: als Interplanetarier oder als Mensch gewordene Natur. Eine Naturwissenschaft beschreibt nicht einfach Die Ordnung Der Natur, sondern jede Naturwissenschaft, auch eine auf die Gemeinsame Sicherheit hin orientierte Mit-Wissenschaft, handelt davon, wie ein mutmaßlich Gutes nach unserer Einsicht ins Werk zu setzen ist. Welches die richtige Wissenschaft ist, wissen wir dann allerdings auch nicht genauer, als was zu wollen gut ist.

Jede Wissenschaft folgt einem Leitbild, das nicht wiederum wissenschaftlich zu beweisen ist. Haben wir dies nun einmal eingesehen, so liegt die allgemeingesellschaftliche Verantwortung für die Wissenschaft darin, einen politischen Willen zu bilden, was das Ziel des menschlichen Lebens in der Natur sein soll. Wollen wir uns weiterhin wie interplanetarische Eroberer verhalten, dann ist die herrschende Wissenschaft tendenziell die richtige, bedarf allerdings der systemtheoretischen Vervollkommnung, wie sie ja auch angestrebt wird. Wollen wir hingegen als Erdensöhne und Erdentöchter in der Gemeinschaft der Natur die Gemeinsame Sicherheit mit der natürlichen Mitwelt suchen, so sollten wir uns auf den Weg der Mit-Wissenschaft einlassen. Ich halte diesen zweiten Weg für den richtigen, möchte hier aber nur für eine Konsequenz eintreten, auf die sich beide Seiten einigen können sollten, daß nämlich diese Alternative überhaupt erörtert wird.

Falsch wäre es jedenfalls, die Entscheidungen über das Wissenswerte weiterhin den sogenannten Experten zu überlassen. Und es gibt außerdem z.B. hinsichtlich des Übermaßes an Zerstörungswissen und des Mangels an Erhaltungswissen hinreichend begründete Zweifel daran, ob wir grundsätzlich auf dem richtigen Weg sind. Unter diesen Umständen bedarf es eines gesellschaftlichen Diskurses, wie wir in Zukunft leben möchten und was wir dafür in der Natur wissen wollen sollten. An diesem Diskurs müßten die Wissenschaftler sich jedenfalls beteiligen. So lange aber die Allgemeinheit ihn nicht führt, sollten die Wissenschaftler sogar damit beginnen, denn wir dürfen uns von der Gesellschaft keine Verantwortung mehr aufhalsen lassen, die wir nicht allein tragen können. Um einen Anfang zu machen, schlage ich vor, daß jeder Wissenschaftler fortan ein Zehntel seiner Zeit der Frage widmet:

Warum mache ich das eigentlich?

Dasjenige nämlich, mit dem er seine Zeit wissenschaftlich verbringt. Ein Teil dieses Zehnten mag dem persönlichen Nachdenken, ein weiterer Teil dem Gespräch mit den Kollegen und ein dritter dem in der Öffentlichkeit gewidmet sein, damit diese sich allmählich traut, ihre allgemeine politische Verantwortung für die Wissenschaft authentisch wahrzunehmen. Auf diese Weise könnten wir dazu beitragen, daß unsere Gesellschaft das wissenschaftliche Erkenntnishandeln als ein eminent politisches Handeln wahrnimmt und mit der Wissenschaft dann tatsächlich besser als ohne sie lebt, was derzeit nicht ausgemacht ist. Diesen Anfang mit dem neuen »Zehnten« zur Frage: Warum machen wir das eigentlich? zu machen, halte ich einstweilen für die wichtigste Verantwortung des Wissenschaftlers.

Literatur

Bahr, Egon (1982): Für unsere Sicherheit. In: Physik, Philosophie und Politik. Festschrift für Carl Friedrich von Weizsäcker zum 70. Geburtstag. Hrsg. von K. M. Meyer-Abich. München (Hanser), S. 193-202.

Galilei, Galileo (1632): Dialogo sopra i due massimi sistemi del mondo. Le opere di Galileo Galilei. Nuova ristampa della edizione nazionale Vol. VII. Firenze (Barbèra Editore) 1965; Dialog über die beiden hauptsächlichsten Weltsysteme, das ptolemäische und das kopernikanische. Aus dem Ital. übers. und erläutert von Emil Strauss. Leipzig (Teubner) 1891, lxxix, 586 S.

Galilei, Galileo (1633): 2384. Galileo ad Elia Diodati [in Parigi]. Firenze, 15 gennaio 1633. In: Le opere di Galileo Galilei. Nuova ristampa della edizione nazionale … Vol. XV. Florenz (Barbèra-Editore) 1966, S. 23-26.

Meyer-Abich, Klaus Michael (1997): Praktische Naturphilosophie Erinnerung an einen vergessenen Traum. München (C.H. Beck), 520 S.

Meyer-Abich, Klaus Michael/Scherhorn, Gerhard u.a. (1997): Vom Baum der Erkenntnis zum Baum des Lebens Ganzheitliches Denken der Natur in Wissenschaft und Wirtschaft. München (C.H. Beck), 470 S.; darin: Mit-Wissenschaft – Erkenntnisideal einer Wissenschaft für die Zukunft, S. 19-161.

Weber, Max (1919): Wissenschaft als Beruf. In: Gesammelte Aufsätze zur Wissenschaftslehre. 3., erweiterte und verbesserte Aufl., hrsg. von Johannes Winckelmann. Tübingen (Mohr) 1968, S. 582-613.

Dr. Klaus Michael Meyer-Abich ist Professor für Philosophie an der Universität Gesamthochschule Essen

Wissenschaft in der Verantwortung – mehr als ein Ideal

Wissenschaft in der Verantwortung – mehr als ein Ideal

von Werner Buckel

Die Ergebnisse der modernen Naturwissenschaften eröffnen dem Menschen große Möglichkeiten. Die praktische Anwendung ist aber oft mit beträchtlichen Risiken behaftet. Wer könnte das nach den Erfahrungen mit der Atombombe leugnen?

Professor Dr. Wolfgang Frühwald, der Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft, schreibt in seinem Vorwort zu der Denkschrift der DFG »Forschungsfreiheit«: „Es ist in der Tat ein Unterschied, ob die Wissenschaft, wie noch in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, das Problem des Passagierfluges über den Atlantik zu lösen versucht oder, ob – wie dies heute der Fall ist – das in Jahrmillionen entstandene Erbmaterial des Lebens auf dieser Erde der Wissenschaft im Prinzip zur freien Disposition steht. (O. Höffe). Die Verantwortung (und ich behaupte auch, die Verantwortungsbereitschaft) der Wissenschaft für das Leben und das Überleben der Menschheit ist im gleichen Maße gestiegen, in dem die Chancen, die Risiken und die Möglichkeiten des Eingriffes in Materie, Natur, und Leben gestiegen sind; doch schließt der Begriff der Verantwortung, in Kenntnis der Verlängerung der Entscheidungsketten nicht nur die Verantwortung der Forschung, sondern auch die zur Forschung mit ein, da wir inmitten des rasanten Erkenntnisfortschritts zumindest versuchen sollten, zu wissen, was wir tun.“ 1

Soweit der Präsident der DFG. Wer wollte da noch eine spezifische Verantwortung des Wissenschaftlers leugnen. Diese spezifische Verantwortung resultiert aus der tieferen Einsicht, die der Wissenschaftler in seinem Gebiet in die Zusammenhänge hat. Unter diesem Aspekt ist auch die sogenannte Grundlagenforschung, d.h. die reine Suche nach Erkenntnis, nicht wertfrei.

Fortschritte, so scheint es, sind im Bezug auf ein gewachsenes individuelles Verantwortungsbewußtsein vieler Forscher und Forscherinnen zu verzeichnen. Allerdings bietet Wissenschaft und Gesellschaft den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen wenig Möglichkeiten, aus diesem Bewußtsein heraus ein Forschungsvorhaben zu hinterfragen. Auch ist der Einfluß des Einzelnen, z.B. bei global vernetzter arbeitsteiliger Forschung und Entwicklung, denkbar gering. Nicht selten führt schon ein kritisches Hinterfragen von Möglichkeiten zu negativen Sanktionen.

Da aber der verantwortungsvolle Umgang mit den Risiken, die aus der dem Menschen zugewachsenen Macht resultieren, eine Bedingung für das Überleben ist, müssen wir die Diskussionsatmosphäre in unserer Gesellschaft offener gestalten. Positive und risikobehaftete Aspekte einer Entwicklung müssen öffentlich diskutiert werden. Nur so können Strategien entworfen werden, um die negativen Folgen zu verhindern und die positiven Folgen voll zu entwickeln. Das Fachgespräch »Wissenschaft in der Verantwortung – mehr als ein Ideal« sollte dazu einen Beitrag leisten.

Die Anregung zu diesem Gespräch kam von Frau Dipl. Pol. Annegret Falter von der Vereinigung deutscher Wissenschaftler. Mein Antrag an den Vorstand der DPG wurde positiv beschieden. So konnten aus Vorschlägen der drei tragenden Organisationen (DPG, VDW und Naturwissenschaftler-Initiative) 45 Personen persönlich eingeladen werden, 39 Damen und Herren folgten der Einladung zur Teilnahme an dem Gespräch.

In einem einleitenden Referat berichtete Prof. Dr. Ulrike Wendelin-Schröder, FB Rechtswissenschaften der Universität Hannover, über konkrete Fälle, bei denen Gewissensentscheidungen von Wissenschaftlern oder Mitarbeitern zu Konflikten führten. Die Diskussion von konkreten Fällen erscheint wichtig, da die Problematik solcher Fälle außerordentlich komplex ist. Es können keine fixierten Regeln für verantwortungsvolles Handeln aufgestellt werden. Vielmehr muß in jeder Situation differenziert entschieden werden. Die Fähigkeit dazu kann durch die Kenntnis konkreter Fälle sehr gefördert werden.

Generell kann in den letzten Jahren eine Sensibilisierung der Gerichte festgestellt werden. Ein bemerkenswertes Urteil, das von Prof. Wendelin-Schröder berichtet wurde, betrifft den Contergan-Prozeß. Dort wurden strenge Regeln für das Verhalten der Verantwortlichen zur Vermeidung von Schädigungen anderer festgeschrieben. So heißt es in der Contergan-Entscheidung des Landgerichtes Aachen aus dem Jahr 1970, in der es um die Schädigung von Embryonen durch ein Schlafmittel ging, unzweideutig, daß die betrieblich Verantwortlichen in Anbetracht der Gefährdung von Menschen „Gedanken an die wirtschaftliche Zukunft des Unternehmens und das persönliche Fortkommen völlig außer acht zu lassen“ hätten.2 Dies ist eine beachtliche Feststellung in einer Urteilsbegründung.

Andere Fälle, die unter den Schlagworten »Nato-Pillen-Fall«, »Stahlhandel-Fall«, »Abschiebungs-Fall«, »Kläranlagen-Fall« bekannt wurden,3 wurden diskutiert. Viele derartige Konflikte lösen sich auch außergerichtlich, jedoch meist mit negativen Folgen für die Betroffenen. Die Gesprächsrunde war der Ansicht, daß eine öffentliche Diskussion solcher Fälle sehr wünschenswert sei.

Professor Bernhard Gonsior, FB Physik der Universität Bochum, hielt ein Einführungsreferat zu dem Titel »Wissenschaft in eingeengter Rationalität – strukturell verantwortungslos; Wege aus dem Unbehagen«. Das Dilemma der Naturwissenschaftler besteht darin, daß ihrer Facharbeit keine Antworten auf moralische Fragen, keine Hinweise zum Problem der Verantwortung entnommen werden können. Max Born hat die Gefahr vor Augen gesehen, daß der Mensch eben an seiner naturwissenschaftlichen Erkenntnis scheitern könnte. Er sagt 1968: „Obwohl ich die Naturwissenschaft liebe, habe ich das Gefühl (…), daß sie durch unsere Zivilisation nicht absorbiert werden kann. (…) Der vollständige Zusammenbruch der Ethik, dessen Zeuge ich während meines Lebens gewesen bin, ist kein Symptom einer vorübergehenden sozialen Schwäche, sondern die notwendige Folge des naturwissenschaftlichen Aufstiegs – der an sich eine der größten intellektuellen Leistungen der Menschheit ist“.

B. Gonsior fragt: „Was können wir Wissenschaftler daran ändern?“ Wir müssen unsere Aktivitäten in einen größeren gesellschaftlichen Zusammenhang stellen. Wir müssen uns zusammen mit anderen Menschen aus vielen Disziplinen um eine Systemanalyse bemühen. Dies könnte zu einer Rationalität führen, die uns in die Lage versetzt, einen menschlich rationalen Gebrauch von Technologie zu empfehlen. Wir müssen den „Machbarkeitswahn“ als Hauptantrieb für Technik aufgeben. Herr Gonsior stellt am Ende seines Referates fest: „Wir studieren die einzelnen Teile eines Puzzle und sollten versuchen, nicht zu vergessen, in welchen Zusammenhang die Teile gehören. Wir müssen uns bemühen, die Teile nicht nur in ihrem wissenschaftlichen, sondern auch in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang zu sehen.“

Dr. Dieter Deiseroth referierte zu der von ihm mit Förderung der Berghof-Stiftung erstellten Studie »Berufsethische Verantwortung in der Forschung – Möglichkeiten und Grenzen des Rechts«.3 Der Referent ging besonders auf die Möglichkeiten ein, die in der Studie zum Schutz von Wissenschaftlern und Ingenieuren bei Gewissensentscheidungen diskutiert werden. Die Wissenschaftsfreiheit ist im privaten Arbeitsverhältnis unklar. Daraus ergeben sich Konflikte.

Als wünschenswert werden folgende Aktivitäten erachtet:

  • tarifliche Regelungen und wegen des globalen Charakters der Wissenschaft auch völkerrechtliche Regelungen in Verträgen
  • Ethikkodizes der Fachgesellschaften
  • Schlichtungskommissionen der Fachgesellschaften
  • Ethik-Vertrauenspersonen. Hier wird auf die »hot lines« in den USA hingewiesen, mit deren Hilfe sich ein Wissenschaftler im Konfliktfall an eine Vertrauensperson wenden kann.
  • Berufsethische Preise
  • Errichtung eines Unterstützungsfonds.

Dr. Arnim Grunwald, Europäische Akademie zur Erforschung von Folgen wissenschaftlich-technischer Entwicklungen, Bad Neuenahr-Ahrweiler, diskutiert in seinem Referat, welche Art von Verantwortung man von einem Wissenschaftler oder Ingenieur überhaupt verlangen kann. Erwarten kann man nach A. Grunwald die Information der Öffentlichkeit im Sinne von Frühwarnung vor (eventuell auch nur hypothetischen) Gefahren, die Anregung, zu bestimmten Themen eine Technikfolgenabschätzung durchzuführen, und ein Hinweis auf ethische Probleme etc. Die spezifische Verantwortung der Wissenschaftler und Ingenieure liegt in deren kognitiver Kompetenz in ihrem Bereich. Sie sind nicht per se durch besondere moralische Kompetenz ausgezeichnet.

Grunwald warnt auch davor, sich von Regulierungen, etwa in Form der Forderung von Riskoabschätzungen bei Forschungsvorhaben zu viel zu erwarten. Allgemein wurde, wie schon erwähnt, anerkannt, daß eine möglichst breite öffentliche Diskussion dieser Fragen wichtig ist, um eine offenere gesellschaftliche Atmosphäre zu schaffen.

In einem letzten Teil des Gesprächs wurden die Verhältnisse in den USA betrachtet. Es wird allgemein akzeptiert, daß in den USA eine größere Diskussionsbereitschaft besteht. Nach einer Einführung von Prof. Dr. O. Keck, FU Berlin, Technologie und Umweltpolitik, geht Dr. Bernd Kubbig, Hessische Stiftung Friedens- und Konfliktforschung, Frankfurt, auf die Entwicklung in den USA ein. Dort entstand durch die Hiroshima-Erfahrung, den Sputnik-Schock und den Vietnam-Krieg eine spezifische Wissenschaftskultur. Diese Faktoren führten zu einer vorübergehenden Politisierung der American Physical Society, einer Professionalisierung der Federation of American Scientists/Union of Concerned Scientists und einer Institutionaliserung von Wissenschaft im Congress (z.B. Office of Technology Assessment). Der Kalte Krieg führte die Naturwissenschaftler schon früh zu Bemühungen, mit sowjetischen Wissenschaftlern zu kommunizieren (Pugwash-Bewegung). Besonders hervorzuheben ist das 1980 gegründete Committee on International Security and Arms Control (CISAC) im Rahmen der National Academy of Sciences. CISAC hat im wesentlichen zwei Aktivitäten. Zum einen, den politischen Dialog mit Kolleginnen und Kollegen aus der UDSSR, China und der Ukraine aufrechtzuerhalten bzw. in Gang zu bringen, zum anderen, konkrete Sachfragen zu erarbeiten (z.B. zum Umgang mit dem aufgrund der Abrüstungsverträge freiwerdenden Plutonium in Rußland).

Solche Aktivitäten sollten auch bei uns gefördert werden, zumal es hierzulande gerade jetzt unter den erschwerten finanziellen und ökonomischen Bedingungen darum geht, eine naturwissenschaftliche Expertise zu fördern, die gleichzeitig auch die rüstungskontrollbefürwortende Position einbezieht. Die Stiftung Volkswagenwerk machte vor Jahren einen guten Anfang. Es fanden sich aber kaum Institutionen, die nach Beendigung der Laufzeit die Aktivitäten aufnahmen. In der anschließenden Diskussion wurde der Vorschlag gemacht, sich um eine Gastprofessur zum Thema »Naturwissenschaft und internationale Sicherheit« zu bemühen. Eine solche Stiftungsprofessur könnte an einer Universität angesiedelt werden, an der schon interdisziplinäre Arbeit zu diesem Problemkreis geleistet wird, wie das z.B. in der IANUS-Gruppe in Darmstadt der Fall ist. Dieser Vorschlag wurde allgemein sehr begrüßt.

Wünschenswert erscheint es auch, z.B. durch Stipendien und Schwerpunktprogramme der DFG, die Möglichkeit zu schaffen, daß sich der naturwissenschaftliche Nachwuchs über das spezielle naturwissenschaftliche Fachgebiet hinaus in gesellschaftspolitischen Fragen kundig machen kann. Verantwortliches Handels und eine sinnvolle Politikberatung ist nur Wissenschaftlern möglich, die über die Grenzen des engen Fachgebietes hinaus Erfahrung sammeln konnten. Bemühungen um eine stärkere und effizientiere Politikberatung, wie sie in den USA z.B. von den Policy Research Centers praktiziert wird, wird von allen als wichtig empfunden.

Im Laufe der Diskussion werden einige interessante Aktivitäten vorgestellt. Frau Dipl. Pol. A. Falter berichtete daüber, daß die VDW eine »Initiative 97« gestartet habe, um die Bedingungen für verantwortliches Handeln von Wissenschaftlern zu verbessern.

Auf einer Besprechung in München am 11.04.97 haben einige Mitglieder der VDW und einige Gäste über diese Initiative diskutiert und Strategien und Aufgaben fixiert. Informationen können von der VDW, Schopenhauerstr. 26, 14129 Berlin erhalten werden.

Herr Dr. G. Emde (Dr. Günter Emde, Seeonerstr. 17, 83132 Pittenhart) weist in der Diskussion, die leider etwas unter Zeitnot litt, auf die Bemühungen der Ethik-Initiative INESPE (International Network of Engineers and Scientists to Protect and Promote Ethical Engagement) hin. Er nennt besonders drei Vorschläge zur Verbesserung der Rahmenbedingungen für Whistleblowing:

  • Einführung von Richtlinien und Regulationen zur Unterstützung von Whistleblowern, z.B. nach dem Vorbild der IEEE.
  • Bei konkreten gravierenden Einzelfällen Unterstützung der Ethikschutz-Initiative durch fachlich kompetente und ethisch motivierte Gutachter bzw. namhafte Persönlichkeiten, z.B. aus den Reihen der DPG.
  • Hilfe bei der Verbreitung des Ethikschutzanliegens durch Auslegen von Prospekten der Ethikschutz-Initiative in Institutssekretariaten.

Im Verlauf der Diskussion wurde auch klar, daß der einzelne Wissenschaftler häufig einfach überfordert ist. Es wurde eine kollektive Verantwortung der Fachverbände gefordert. Professor H. Lenk hat in seinen Schriften auf die Überforderung des einzelnen Wissenschaftlers und die Notwendigkeit einer kollektiven Verantwortung eindringlich hingewiesen.

Dazu wurde empfohlen, daß z.B. die DPG die Verantwortungsproblematik zu einem Thema der Physikalischen Blätter machen sollte. Die DPG könne auch – das war die Meinung vieler Teilnehmer – zu wichtigen wissenschaftspolitischen Fragen deutlicher Stellung nehmen. Hier erinnert Dr. H. Franz daran, daß die DPG in einer ganzen Reihe von Stellungnahmen diese Aufgabe erfüllt hat. Neben den Denkschriften zu Sachfragen, wie etwa zum Physikunterricht an Schulen und Hochschulen, seien nur zwei Beispiele genannt:

  • Entschließung der deutschen Physiker auf der Mitgliederversammlung des Verbandes Deutscher Physikalischer Gesellschaften e.V. am 25. September 1955 in Wiesbaden gegen die Gewalt als letztes Mittel der Politik. (Phys. Blätter 11, 1955: 441).
  • Die Mitgliederversammlung des Verbandes Deutscher Physikalischer Gesellschaften bekräftigt am 28. September 1957 ihre in Wiesbaden gefaßte Entschließung zur Frage der Kernwaffen. In dieser Entschließung steht auch: Der Verband wird nach besten Kräften ein Mitglied stützen, wenn ihm aus einer Handlung Nachteile entstehen, welche die Konsequenz einer Gewissensentscheidung im Sinne jener Entschließung darstellt. (Phys. Blätter 13, 1957: 504).

Herr Dr. Ing. Carius stellte in einem kurzen Referat die Arbeit der Akademie für Technikfolgenabschätzung in Baden-Württemberg vor. In den letzten Jahren wurde über die Verantwortungsproblematik so viel geredet und geschrieben, daß die Frage berechtigt erscheint, was ein solches Fachgespräch noch bedeuten kann.

Mir erscheint die Verantwortungsproblematik etwas Dynamisches zu sein, das einer ständigen Veränderung und Entwicklung unterliegt. Deshalb muß versucht werden, unter den Betroffenen das Interesse an den Fragen wach zu halten. Dies kann am besten durch solche Fachgespräche geschehen. Sie können auch dazu beitragen, eine offenere Diskussionsatmosphäre zu schaffen.

Anmerkungen

1) Wolfgang Frühwald 1996: Denkschrift der DFG. Forschungsfreiheit – Ein Plädoyer für bessere Rahmenbedingungen der Forschung in Deutschland. Zurück

2) Ulrike Wendelin-Schröder 1994: Autonomie im Arbeitsleben. Frankfurt. Zurück

3) Dieter Deiseroth 1997: Berufsethische Verantwortung in der Forschung – Möglichkeiten und Grenzen des Rechts. Münster. Zurück

Prof. Dr. Werner Buckel ist Beiratsmitglied der Naturwissenschaftler-Initiative »Verantwortung für den Frieden«

Gesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein und friedenspolitisches Handeln von Naturwissenschaftlern

Gesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein und friedenspolitisches Handeln von Naturwissenschaftlern

von Jürgen Straub

Zu den besonders beachteten Gruppen der Friedensbewegung der siebziger und achtziger Jahre gehörten Naturwissenschaftler und Naturwissenschaftlerinnen. Das politische Engagement dieser Gruppe hat seit jeher auch einen berufsspezifischen Hintergrund. Neben einer allgemeinen Verantwortung, die jeder Bürger für politische und gesellschaftliche Entwicklungen mitzutragen habe, hätten Naturwissenschaftler, so heißt es häufig, aufgrund ihrer besonderen beruflichen Qualifikation und Tätigkeit auch eine spezielle Mitverantwortung für kollektive Angelegenheiten zu übernehmen (vgl. Straub 1996).

Dieses Begründungsmuster wird von Wissenschaftlern selbst immer wieder vorgetragen und als Appell ausgelegt, der besagten Verantwortung durch politische Aktivitäten Rechnung zu tragen. Insbesondere seit den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki und den regen Debatten, die nicht zuletzt Wissenschaftler in diesem Zusammenhang führten, gehören solche Appelle zur politischen Kultur in vielen Gesellschaften. Sie sind damit auch ein wichtiger Bestandteil der politischen Sozialisation speziell von angehenden Naturwissenschaftlern. Ohne irgendeine Bezugnahme auf diese Tradition verlief kein einziges der insgesamt 22 narrativen Interviews, die ich in den achtziger Jahren führte, um in der Perspektive einer interpretativen Biographieforschung und Sozialpsychologie lebensgeschichtliche und motivationale Hintergründe, kognitive Deutungs- bzw. Begründungsmuster sowie damit verwobene Sinnstrukturen des friedenspolitischen Engagements von Naturwissenschaftlern aufzuklären. Über ausgewählte Ergebnisse dieser Studien soll im folgenden berichtet werden. Ich gebe zunächst einen äußerst gedrängten Überblick über die an anderer Stelle in der Form einer Typologie präsentierten Forschungsergebnisse (Straub 1993a). Anschließend möchte ich im wesentlichen an einem Kontrastbeispiel zeigen, daß die Kontextualisierung der beruflichen Tätigkeit im Rahmen der gesellschaftlich-historischen Praxis konstitutiv ist für die Wahrnehmung und praktische Bewährung einer berufsspezifischen gesellschaftlichen Mitverantwortung von Naturwissenschaftlern. Alle von mir interviewten Wissenschaftler, die früher oder später aktiv an der Friedensbewegung partizipierten, verorteten ihre Berufstätigkeit im Kontext allgemeinerer gesellschaftlicher und politischer Entwicklungen. In psychoanalytischer Terminologie ausgedrückt, lehnen diese Personen jede Entlastung von Verantwortung, wie sie durch die Isolierung der eigenen beruflichen Praxis von ihrem Kontext kognitiv begründet und uno actu psychisch rationalisiert und erreicht werden könnte, eindeutig ab. Was dies bedeutet, wird in besonders aufschlußreicher Weise deutlich, sobald ein als Vergleichshorizont dienender Kontrastfall klarmacht, wie sich eine derartige Isolierung im Zuge einer autobiographischen Erzählung erfolgreich vollziehen kann.

Stichworte zur empirischen Studie

Die empirischen Untersuchungen beruhen auf theoretischen und methodologischen Überlegungen, die auf die Begründung einer interpretativen und narrativen Biographieforschung abzielen (vgl. Straub 1989, Straub 1993b, 1994). Ich verzichte hier ganz auf Erläuterungen dieser an ein Programm typologischer Erkenntnisbildung gebundenen Konzeption und belasse es bei Hinweisen auf die Ergebnisse der empirischen Studien. In der ersten Typik, einer Generationstypik, wird die Individualentwicklung meiner Gesprächspartner, speziell deren politsche Sozialisation, mit allgemeineren, gesellschaftlich-politischen Ereignissen und Entwicklungen in Zusammenhang gebracht (z.B. Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg, Phase der Remilitarisierung der Bundesrepublik, Studentenbewegung, neue soziale Bewegungen). Besondere Beachtung wird z.B. der sogenannten »Göttinger Erklärung« geschenkt, in der sich im Jahre 1957 achtzehn namhafte Physiker und Chemiker gegen die Pläne einer Ausrüstung der Bundeswehr mit Atomwaffen wandten. (Zum Wortlaut der Erklärung vgl. Straub 1993a, 302f., zur Interpretation 192ff.). Alle genannten historischen Erfahrungsräume und Erwartungshorizonte können, wie in den Analysen im einzelnen gezeigt wird, als wichtige (biographische) Kontexte aufgefaßt werden, die die Genese und die Sinnstruktur des interessierenden Verantwortungsbewußtseins und politischen Engagements maßgeblich mitzubestimmen vermögen.

Während es in der Berufstypik speziell um berufsspezifische Erfahrungshintergründe geht, wie sie die Karrieren meiner Gesprächspartner prägten, stehen in der dritten Typik geschlechtsspezifische Differenzen der lebensgeschichtlichen Genese und Sinnstruktur friedenspolitischen Denkens und Handelns im Vordergrund. Wie in dieser Geschlechtstypik im einzelnen gezeigt wird, ist der Weg, der Frauen zu friedenspolitischem Engagement führt, partiell ein anderer als der Weg der politischen Sozialisation von Männern. Entsprechend unterschiedlich ist die Sinnstruktur des fraglichen Denkens und Handelns: dieses bedeutet Frauen und Männern teilweise Unterschiedliches und es ist damit etwas jeweils Anderes. Der Begriff des Friedens und die friedenspolitische Praxis sind, wie biographische Analysen zu zeigen vermögen, geschlechtsspezifisch konnotiert. Auch diesbezüglich kann hier lediglich auf die Gesamtdarstellung der Forschungsresultate verwiesen werden.

Im folgenden wird ein Teilergebnis der empirischen Studien herausgegriffen. Es handelt sich dabei, wie angekündigt, um die psychologische Relevanz von »Kontextualisierungsleistungen«, durch die Subjekte ihre professionelle Tätigkeit mit gesellschaftlichen Entwicklungen in Zusammenhang bringen.

Dekontextualisierung der Wissenschaft oder: Isolierung als Selbstschutz

Die lebensgeschichtliche Erzählung, um die es nun geht, stammt von einem Naturwissenschaftler, der nicht an den Aktivitäten der Friedensbewegung partizipierte. Er lehnte diese politische Praxis vielmehr ausdrücklich ab. Seine Begründung hierfür ist geläufig. Sie nimmt einen Verantwortungsbegriff in Anspruch, der Verantwortung als strikt rollenspezifische Angelegenheit begreift und alle im engeren Sinne politischen und übergeordneten gesellschaftlichen Entwicklungen allein dem planenden und gestaltenden Handeln professioneller Politiker überantwortet. Soziale Bewegungen laufen aus seiner Sicht allemal Gefahr, auf bloßer Anmaßung von Kompetenz zu beruhen und in der Folge der Sache eher zu schaden als zu dienen. Naturwissenschaftler haben nach diesem Verständnis allenfalls die Aufgabe, im Falle grober Irrtümer in Wissensfragen die betreffenden Politiker darauf hinzuweisen, daß ihre Sicht der Dinge nicht dem Stand naturwissenschaftlicher Erkenntnis entspricht. Mit Politik habe das jedoch nichts zu tun.

Eine gewisse Pointe besteht nun darin, daß Toberg (Phantasiename), emeritierter Professor für Physik, zu den Unterzeichnern der berühmt gewordenen „Göttinger Erklärung“ gehört. Toberg versteht auch diese Erklärung nicht als politischen Akt, sondern als ein bloßes Zur-Verfügung-Stellen von naturwissenschaftlichen Kenntnissen, über die Politiker, die sich mit Atomwaffen befassen, Bescheid wissen sollten. Von politischen Intentionen hält Toberg diese Erklärung vollständig frei, und er bringt dies mit seiner zeitlebens und grundsätzlich unpolitischen Weltauffassung und Lebensweise in Zusammenhang. Die interpretative Analyse der beiden mit Toberg geführten lebensgeschichtlichen Interviews bestätigt dessen Selbstverständnis. Dieser hielt sich seit jeher fern von politischen Angelegenheiten und widmete sein Schaffen ganz dem wissenschaftlichen Fortschritt. Wissenschaft wird in der vorliegenden autobiographischen Selbstthematisierung strikt von politischen Handlungsfeldern und gesellschaftlichen Entwicklungen isoliert. Dafür gibt es nicht zuletzt psychologische Gründe.

Hält man sich zunächst einmal an das skizzierte Selbst- und Weltverständnis, liegt eine erste, für das hier interessierende Thema wichtige Einsicht auf der Hand. Die Gespräche, die im Rahmen des genannten empirischen Projektes geführt wurden, waren in allen Fällen natürlich nicht völlig frei von Erwartungen. Im Falle des bevorstehenden Interviews mit Toberg bestanden diese darin, daß nun ein seit Jahrzehnten um friedenspolitische Belange bekümmerter Naturwissenschaftler seine Geschichte mitteilen würde. Toberg gehörte ja einst zu den „Göttinger 18“, und just als Repräsentant dieser Gruppe wurde er von anderen als Gesprächspartner empfohlen. Tobergs retrospektive Lesart dieser Erklärung bot allerdings eine Überraschung. Die gehegte Erwartung wurde insbesondere dadurch als unbegründetes Vorurteil bloßgestellt, daß Toberg, wie er es selbst zurecht sieht, keineswegs als Repräsentant einer Gruppe von Naturwissenschaftlern gelten kann, die durch ihr öffentlich artikuliertes gesellschaftliches Verantwortungsbewußtsein und politisches Handeln die politische Sozialisation vieler KollegInnen geprägt hat und noch heute bestimmt. Die biographische Analyse machte das gerade Gegenteil offenkundig. Diese Forschungsergebnisse widersprechen damit zunächst einmal der gängigen Auffassung, die »Göttinger 18« seien durchweg Personen, die teilweise zwar als „Wissenschaftler unter Hitler“ (Beyerchen 1980) gedient haben mögen, danach aber eine Lehre nicht zuletzt aus dieser bedrückenden Erfahrung gezogen hätten, nämlich die Lehre, gerade auch als Naturwissenschaftler den politischen Kontext und gesellschaftlichen Stellenwert der eigenen Arbeit reflektieren zu sollen. Die skizzierte Auffassung wird durch verschiedene Publikationen (z.B. Jungk 1956/1986) gestützt. Dieses grobe Mißverständnis hat wohl nicht zuletzt mit einem methodischen Problem zu tun. Es ist nämlich höchst fraglich, die Unterschrift eines einzelnen unter öffentliche Erklärungen kurzerhand als empirischen Beleg für bestimmte Strukturen und qualitative Merkmale seines Denkens und Handelns zu begreifen. Genauere subjektorientierte bzw. biographische Untersuchungen machen diese methodische Fragwürdigkeit offenkundig. Sie zeigen, daß sich über die Identität, die Handlungs- und Lebenspraxis eines Individuums nichts methodisch Gesichertes sagen läßt, solange man auf der schmalen Basis der Analyse von einzelnen Akten und Verlautbarungen operiert, von Stellungnahmen zumal, die ein einzelner als Angehöriger einer Gruppe abgegeben hat.

Ebenso wie der Begriff der »Geschichte« einen Kollektivsingular darstellt, unter den viele einzelne Geschichten subsumiert werden, die ihre spezifischen Bedeutungen besitzen und einander sogar widerstreiten können, so hat auch jede kollektive Handlung ihre Sinn- und Bedeutungsgehalte sowie ihre Identität als eben dieser kollektive Akt, ohne daß dadurch schon festgelegt wäre, was dieser Akt für die einzelnen beteiligten Individuen bedeutet und verkörpert. Für Toberg war und ist die „Göttinger Erklärung“ keine politische Intervention. Dies stellte Toberg im Interview selbst frühzeitig klar. Es zeigte sich auch bald, daß er sich nach 1957 in politischen Angelegenheiten nicht mehr öffentlich zu Wort meldete. Warum auch immer Toberg seine Unterschrift unter die besagte Erklärung gesetzt haben mag: als Ausdruck seines friedenspolitischen Engagements wollte und will er dies keinesfalls verstanden wissen (vgl. zum folgenden ausführlicher Straub 1993a, 144 ff.).

Die fallvergleichenden Analysen aller vorliegenden Erzählungen ließen schnell eine Auffälligkeit der lebensgeschichtlichen Selbstthematisierung Tobergs ans Licht treten. Dieser erzählt sein Leben gleichsam als Geschichte des naturwissenschaftlichen Erkenntnisfortschritts. Die Erzählaufforderung, durch die der Gesprächspartner gebeten wurde, sein Leben unter besonderer Berücksichtigung der vereinbarten thematischen Perspektive zu erzählen, nimmt Toberg auf eigene Weise auf. Seine Erzählung dient funktional der Abgrenzung des eigenen Lebens vom Bereich des Politischen sowie der Legitimation dieser psychologisch so bedeutsamen Grenzziehung. Das chronologische Gerüst seiner Erzählung liefern nicht irgendwelche Daten, die für Tobergs Haltung gegenüber politischen Entwicklungen oder gar seine eigene politische Sozialisation von Bedeutung gewesen wären. Er spricht z.B. nicht über die Weltkriege. Die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten wird ebensowenig zum Thema wie irgendwelche politisch-gesellschaftlichen Ereignisse und Entwicklungen danach, jedenfalls bleibt all dies marginal. Seine Lebensgeschichte vollzieht sich, folgt man der Selbstdarstellung der Interviewpartners, außerhalb des öffentlichen, durch Politik bestimmten Raumes. Insofern politisch-gesellschaftliche Umstände zur Sprache kommen, geschieht dies in aller Regel im Hinblick auf Tobergs Leben als Naturwissenschaftler. Toberg verwebt seine Existenz derartig eng mit der Fortschrittsgeschichte (vornehmlich) der Physik (und Chemie), daß alles andere nur als randständige Begleiterscheinung ins Blickfeld geraten kann.

Schule, Studium, Promotion und die Karriere als Forscher sind die gleich zu Beginn des Interviews dominierenden Themen. Zeitliche Markierer des lebensgeschichtlichen Werdegangs beziehen sich fast ausschließlich auf die Zeitpunkte „revolutionärer“ Entdeckungen in der Physik (und Chemie) sowie eigene wissenschaftliche Aufgaben: 1932 wurde das Neutron entdeckt, 1936 hielt Rutherford die technische Ausnutzung von Atomenergie noch für völlig undenkbar, 1937 war eine internationale Tagung in M-Stadt, auf der sich die Kernphysiker versammelten, im Januar 1939 kam dann die Arbeit von Otto Hahn, auf den Februar 1939 datiert Toberg eigene wichtige physikalische Einsichten. Alle diese Entdeckungen und Fortschritte scheinen von politischen und gesellschaftlichen Umständen der damaligen Zeit gänzlich unberührt. Außer den Berufskollegen aus der Physik werden auf den ersten Transkriptseiten auch keine anderen Personen erwähnt. Die Welt der Physik erscheint als hermetisch abgeriegelte Wissenschaftswelt. Wer sich darin bewegte, hatte, von ein paar Unerfreulichkeiten abgesehen, wenig zu beanstanden.

Die Erwartungen und Assoziationen, die sich auf der Vergleichsbasis aller anderen Interviews an die genannten Jahreszahlen knüpfen – wenngleich diese nicht unbedingt historisch besonders markante Daten sind –, laufen ins Leere. Toberg kommt auf den Aufstieg Hitlers und der NSDAP, auf die Lebensumstände im sogenannten „Dritten Reich“ nicht (von sich aus) zu sprechen. Lediglich als eine Art Unterbrechung der wissenschaftlichen Arbeit kommt der Zweite Weltkrieg ins Spiel: „Ja und da kam nun … begann der Krieg.“ Dieser Hinweis bleibt knapp und bündig. Ausführlich, teilweise mit größter Detailgenauigkeit berichtet Toberg dagegen von wissenschaftlichen Entdeckungen. Er skizziert den Aufbau von Experimenten und vergißt z.B. nicht, die Größenmaße der Eisenplatten anzugeben, die in bestimmten Versuchen Verwendung fanden. Dabei weiß Toberg, daß derartige Ausführungen über physikalische Theorien und Forschungen für das vereinbarte Gesprächsthema nicht sonderlich relevant sind, ja: er sagt dies häufiger selbst – um sogleich oder etwas später mit weiteren detaillierten »Exkursen« zur Physik fortzufahren. Er ist sich bewußt, daß sich der Interviewer für die biographischen Hintergründe des (aktuellen) politischen Denkens und Handelns interessiert, für die persönlichen Erlebnisse und Erfahrungen, die just dafür von Bedeutung sein könnten. Toberg kommt diesem Interesse gleichwohl nicht entgegen, und zwar auch dann nicht, als der Interviewer – in einer späteren Phase des ersten bzw. im zweiten Interview – direkt solche persönlichen Lebensumstände und Erfahrungen anspricht. So merkt Toberg – beispielsweise – zwar einmal an, daß er nun nicht näher über die wissenschaftliche Arbeit eines Kollegen berichtet, weil „das zuviel Physik herein(bringt), mit der sie doch nicht viel anfangen können.“ Unmittelbar darauf fährt er jedoch damit fort, in einem weiteren physikalischen Exkurs eigene Arbeiten zu erläutern. Dieses Muster wiederholt sich mehrfach. Das Toberg zugesandte erste Interviewtranskript korrigiert bzw. ergänzt der »Autor« auf charakteristische Weise. Sein Kommentar besteht vor allem aus einer Reihe zusätzlicher physikalischer Erklärungen. Toberg klebte an verschiedenen Stellen ausklappbare Schaubilder oder Graphiken, wie sie aus Lehrbüchern der Physik bekannt sind, an den Rand der Abschrift. Streckenweise liest sich das überarbeitete Erstinterview wie eine kleine Einführung in die Atomphysik.

Wissenschaftliche Handlungsbereiche werden zu einer monolithischen und hermetisch abgeriegelten Realität, in der sich die subjektive Entwicklung Tobergs weitgehend unabhängig von »äußeren« Einflüssen zu vollziehen scheint. Ich verstehe diese Art der autobiographischen Selbst-Konstruktion als eine Form der subjektiven »Derealisation« politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse. Solche Verhältnisse existieren nicht im lebensgeschichtlichen Text Tobergs. Dies ist natürlich umso auffälliger – und womöglich überhaupt nur deswegen auffällig und interpretationsbedürftig –, weil die dreißiger und vierziger Jahre, in die wichtige Phasen von Tobergs Berufstätigkeit fallen, Zeiten radikaler Umwälzungen waren, deren Implikationen und Konsequenzen das politische und moralische Bewußtsein der gesamten Weltöffentlichkeit schließlich zutiefst erschütterten. Daran geht keine andere der mir vorliegenden Erzählungen so vorbei wie diejenige Tobergs. Dessen persönliche Lebensgeschichte könnte sich, pointiert formuliert, eigentlich überall und beinahe zu jeder Zeit gerade so vollzogen haben, wie sie vom Interviewpartner präsentiert wird. Sie erscheint als radikal dekontextualisierte Geschichte. Die Genese und Veränderung von Tobergs Selbst vollzog sich anscheinend in einem Raum, in dem die Entwicklungslogik des wissenschaftlich-physikalischen Erkenntnisprozesses die biographische Entwicklung des Erzählers determinierte, und zwar weitgehend losgelöst von sozialen Prozessen, politischen oder moralischen Faktoren. Ein derartig konstituiertes Subjekt wird, der Psycho-Logik der autobiographischen Erzählung zufolge, gleichsam automatisch zu einem „Subjekt ohne politisches Bewußtsein“: nicht durch politische und gesellschaftlich-soziale Prozesse geprägt, erscheint umgekehrt auch der Verzicht einer Bezugnahme und Einflußnahme auf diese sozialen Lebensverhältnisse nur konsequent.

Dieser Modus der sprachlichen Konstruktion eines subjektiven Selbst- und Weltverhältnisses unterscheidet sich radikal von den Selbstthematisierungen aller anderen Interviewpartner. Diese haben ihre Lebensgeschichte präsentiert und damit auch die Genese ihres aktuellen Denkens und Handelns verständlich zu machen versucht, indem sie die politischen, gesellschaftlich-sozialen Rahmenbedingungen ihrer jeweils persönlichen Entwicklung reflektierten. Die Darstellung biographisch relevanter Erfahrungen ist in allen anderen Fällen in hohem Maße als retrospektive Vergegenwärtigung des eigenen Handelns und Leidens angelegt, und diese Vergegenwärtigung subjektiver Erfahrungen ist eingebunden in eine Thematisierung der politischen und gesellschaftlich-sozialen Umstände, unter denen die je eigenen Erfahrungen gemacht wurden. Selbstreflexion und die kritisch-normative Reflexion politischer und gesellschaftlicher Verhältnisse und Vorgänge sind in den übrigen analysierten Texten untrennbar aufeinander bezogen.

Bei Toberg bleibt die Welt des Politischen – an den bisher erwähnten Textstellen – in gewisser Weise unwirklich. In einer tiefenhermeneutischen Perspektive erscheint dieses bereichsspezifische Schweigen als Symptom eines psychischen Abwehrprozesses. Die Derealisierung insbesondere der gesellschaftlichen Wirklichkeit in Deutschland während der dreißiger und vierziger Jahre ist nun nicht zuletzt als partielle Derealisierung des personalen Selbst des Informanten interpretierbar. Das Schweigen über die politische und gesellschaftliche Realität ist zugleich ein Schweigen über die eigene Person. Die Tabuisierung einer gesellschaftlichen Wirklichkeit, deren Thematisierung in aller Regel an politische und moralische Kritik gekoppelt ist, wird in einer psychologischen Perspektive zu einer Handlung, die vor der Kritik des eigenen Selbst und den damit verbundenen Selbstzweifeln bewahren soll. Wer außerhalb der Sphäre des Politischen lebt und diese Sphäre auch noch in der autobiographischen Retrospektive nicht thematisiert läßt, scheint vor der bedrohlichen Kritik der anderen und der eigenen Selbstkritik geschützt. Toberg bringt diesen Standpunkt, der sein persönliches Selbst- und Weltverhältnis konstituiert, am Ende des Erstinterviews mit der Stimme seiner Frau zum Ausdruck: „Meine Frau sagt oft: ich bin bloß froh, daß du kein Politiker bist, wenn mal wieder einer im Fernsehen so furchtbar angegriffen wird und furchtbar beschimpft wird.“

Das Leben des Politikers liefert den negativen Gegenhorizont zu Tobergs Existenz als Wissenschaftler: Während der Politiker in extremer Weise den „furchtbaren“ Angriffen und Beschimpfungen der Mitmenschen ausgeliefert ist, ist das rein berufliche Handeln des Naturwissenschaftlers der politisch-moralischen Kritik entzogen. Während der Politiker in der skizzierten Weise mit radikaler Selbstkritik und schmerzlichen Selbstzweifeln konfrontiert werden kann, bleibt der Forscher davon in aller Regel verschont. Der besondere Status des Forschers, der nur tut, was jeder täte, der die „Geheimnisse der Natur“ entdecken möchte, ist der zentrale Referenzpunkt für die Selbstthematisierung Tobergs. Er scheint damit jeder Kritik entzogen, die zunächst als Kritik von politischen und gesellschaftlichen Umständen und Vorgängen formuliert wird und schließlich in der »Selbst-Kritik« eines gesellschaftlich und sozial konstituierten und vielleicht politisch engagierten Subjektes münden könnte.

Es gibt mehrere Interviewpassagen, die die skizzierte Interpretation stützen. So führt Toberg beispielsweise aus, daß bis zu Kriegsbeginn die Forschungsarbeiten noch nicht zur Entwicklung einer, wie er sagt, „Uranmaschine“ geführt hatten, daß also die Gewinnung von Atomenergie bis zu diesem Zeitpunkt noch nicht möglich gewesen war, wenngleich es, so Toberg, „irgendeine Gruppe in Deutschland gab“, die an diesen naturwissenschaftlich-technischen Entwicklungen Interesse zeigte. In den nächsten Interviewsegmenten wird deutlich, daß die Forschung, an der Toberg mitarbeitete, zu einem gewissen Zeitpunkt der Leitung des Militärs unterstellt wurde und daß es zumindest einige Repräsentanten der Regierung und des Militärs gab, die auf eine Nutzung dieser „neuen Energiequelle“ für Kriegszwecke hofften. Gleichwohl blieb Toberg seinem eigenen Selbstverständnis nach ein Wissenschaftler, dessen Tätigkeit von politisch motivierten Anwendungsoptionen vollkommen losgelöst war. Das Heereswaffenamt war ein Arbeitgeber wie jeder andere auch. Sogar der Krieg scheint, der vorliegenden Erzählung nach, weitgehend spurlos an Toberg vorübergegangen zu sein. Vom Heereswaffenamt „beschlagnahmt“ ging man seinen Forschungen nach wie bislang auch.

Seine »persönliche Sache« lag im Bereich der Uranforschung. Durch einen neuen Neutronengenerator machte die Arbeit Fortschritte, endlich war die Anlage betriebsbereit. Zur Inbetriebnahme kam es nicht mehr. Die Alliierten erzwangen die Kapitulation Deutschlands. Die Stadt, in der Toberg lebte, wurde besetzt. Das Institut blieb während der vorangegangenen Bombardierungen nahezu unversehrt. Man zog noch um, wollte die Arbeitsstätte an eine sicherere Stelle verlagern: „naja, alles auf dem Papier“. Toberg wurde schließlich von den Amerikanern verhaftet und kam in Kriegsgefangenschaft. Damit war die wissenschaftliche Arbeit unweigerlich unterbrochen.

Folgt man Tobergs Erzählung, so hat sich (für ihn) relativ wenig geändert während der dreißiger und vierziger Jahre. Der Arbeitgeber war nun ein anderer, freilich. Tobergs »persönliche Sache« blieb davon jedoch unberührt. Der Zweite Weltkrieg wird mit keiner Silbe mehr erwähnt (vom Holocaust ganz zu schweigen). Er liefert auch in der aktuellen Gesprächssituation keinen Anlaß zu politischen oder moralischen Kommentaren oder zu Akten der Selbstreflexion, durch die z. B. die eigene damalige Position thematisiert werden würde. Die möglichen Folgen der eigenen Arbeit werden, soweit sie überhaupt angesprochen werden, durch vage Formulierungen verschleiert, aus der Sprache und dem Bewußtsein ausgeschlossen: die Arbeit an der „Uranmaschine“ wurde von manchen, besonders informierten Mitarbeitern des Heereswaffenamtes durchaus mit der Vorstellung in Verbindung gebracht, daß „das vielleicht auch mal explosiv werden kann, oder so“. An den Bau einer Bombe hatte man „realistischerweise“ nicht gedacht als Wissenschaftler, und noch heute wird die damalige Tätigkeit von solchen Vorstellungen ferngehalten. Tobergs Text sagt nicht explizit, wovon er dennoch spricht: seine Arbeit stand in einem Kontext, in dem es um Kriegsführung ging. Sie sollte dem Sieg der Nationalsozialisten zugute kommen. Wenn die Bemühungen der deutschen Atomwissenschaftler tatsächlich „explosiv“ geworden wären, hätte die Geschichte des Zweiten Weltkriegs möglicherweise noch weitere Schreckenskapitel hervorgebracht. Toberg schließt solche Gedanken aus. Die Arbeit war eben nicht so weit gediehen, daß man ernsthaft an bald verfügbare, neue „Verfahren der Energiegewinnung“ hätte glauben können. Und wenn solche Verfahren in erreichbare Nähe gekommen wären, hätte die wissenschaftlich-technische Arbeit ja nur vielleicht „explosive“ Qualität erhalten, „oder so“. Dieses „oder so“ wird im Fortgang des Interviews von Toberg näher spezifiziert. Die oben zitierte Textstelle ist in gewisser Weise einmalig. Es ist die einzige Stelle in den Interviews, an der der Informant den Gedanken andeutet, daß damals im Zusammenhang mit den eigenen wissenschaftlich-technischen Arbeiten an den Bau von Bomben gedacht worden ist. An späteren Stellen verneint Toberg wieder ausdrücklich, daß damals irgendjemand ernsthaft daran gedacht habe. Was man erhoffte, war vielmehr der Bau eines mit Atomenergie angetriebenen Schiffes, das mehrmals die Erde umfahren könnte, ohne zu „bunkern“. Wäre da nicht dieses Wort „bunkern“, so wäre in der entsprechenden Textpassage jede Assoziation mit den damaligen Verhältnissen gelöscht. Keinesfalls denkt man bei dieser ewigen Schiffsfahrt an die Verbrechen der Nationalsozialisten oder auch an jene berüchtigten historischen Momente im August 1945, an Hiroshima, Nagasaki und die Folgen, unter denen viele Opfer der amerikanischen Kriegsführung bis heute leiden.

Tobergs Sprechen ist, psychologisch gesehen, ein Schutz des personalen Selbst vor der Kritik der anderen und vor Selbstkritik. Sie ist zugleich ein Versuch, der eigenen Lebensgeschichte in der Retrospektive eine fragwürdige Kontinuität zu verleihen. Im Jahre 1957 hatte Toberg das Göttinger Manifest mitunterzeichnet und damit u.a. öffentlich erklärt, sich als Wissenschaftler nicht an der Konstruktion von Atomwaffen zu beteiligen. Eineinhalb Jahrzehnte vorher war er in Arbeitszusammenhänge involviert, in der die Vorstellung, daß es hier um eine bislang nicht gekannte »Explosion von Materie« gehen könnte, längst nicht mehr völlig von der Hand zu weisen war (vgl. hierzu Friedensinitiative Garchinger Naturwissenschaftler 1987, 32).

Tobergs zentrales Prinzip der autobiographischen Lebenskonstruktion ist deutlich. Die apolitische Praxis des Informanten erscheint vor dem Hintergrund des analysierten Textes nur konsequent. Tobergs Haltung ist ein konstitutiver Bestandteil eines Individuums, in dessen Bewußtsein und Lebenspraxis die Welt nur als Welt der Wissenschaft zur subjektiv bedeutsamen und handlungsrelevanten Welt werden kann. Alle anderen Welten, so könnte man formulieren, berühren Toberg nicht, weil er sie nicht berührt – vice versa. Solche Berührungen implizieren Risiken und Bedrohungen. Sie bergen die Möglichkeit in sich, unversehens in ein Verhältnis zur Welt zu geraten, das sich unter politischen und moralisch-normativen Gesichtspunkten früher oder später als nicht akzeptabel erweisen und der Kritik und Selbstkritik ausgesetzt werden könnte. Viele von Tobergs Ausführungen können als Bemühungen gelesen werden, das eigene Selbst noch in der Retrospektive vor jener Kritik oder Nihilierung des eigenen Selbst zu bewahren, welche vor Jahrzehnten drohte. Auf weitere Belege dieser Interpretation kann hier nicht eingegangen werden.

Durch Kontextualisierung zu Verantwortungsbewußtsein

Die an exemplarischen Aspekten vorgestellte Isolierung der eigenen wissenschaftlichen Arbeit vom politisch-gesellschaftlichen Kontext ist ein durchgängiges Merkmal der Selbst- und Weltauffassung Tobergs. Daß gerade diese Isolierung nach meinem Verständnis in maßgeblicher Weise damit zu tun hat, daß Toberg – zurecht – nicht von seinem gesellschaftlichen Verantwortungsbewußtsein oder seinem friedenspolitischem Engagement spricht, obwohl er zu den Unterzeichnern der Göttinger Erklärung gehört, brauche ich nicht mehr erläutern. Der Schluß, der aus dieser Einsicht gezogen werden kann, liegt auf der Hand. Dies ist zumal dann der Fall, wenn man Tobergs lebensgeschichtliche Selbstthematisierung im Zuge fallvergleichender Analysen als einen Gegenhorizont mit den anderen mir vorliegenden Texten kontrastiert. Auf dieser empirischen Basis kann es nämlich als eine hermeneutisch plausible These angesehen werden zu behaupten: das Bewußtsein, als Naturwissenschaftler in besonderer Weise für gesellschaftliche Entwicklungen mitverantwortlich zu sein und der Wille, diese Mitverantwortung unter Umständen, die dies dem betreffenden Subjekt geboten erscheinen lassen, gerade auch durch friedenspolitisches Handeln zu bewähren, sind in ihrer Genese und in ihrer Sinnstruktur notwendigerweise an die Kontextualisierung der eigenen professionellen Arbeit gekoppelt. Diese Kontextualisierung stellt jedoch nicht nur die eigene Arbeit möglicherweise in Frage. Sie gefährdet uno actu vielleicht auch das personale Selbst eines Menschen, der mit dieser Arbeit nicht nur seinen Lebensunterhalt bestreitet, sondern sie, aus welchen Gründen auch immer, „identifikatorisch besetzt“. Das „Vertrauen in sich selbst“, das es Menschen gestattet, solchen potentiellen Gefährdungen des eigenen Selbst nicht auszuweichen, kann damit als eine psychologische Implikation eines vernunftorientierten gesellschaftlichen Verantwortungsbewußtseins und politischen Interesses angesehen werden. Dabei versteht es sich von selbst, daß ein solches „Vertrauen in sich“ vom Vertrauen „signifikanter Anderer“ (George H. Mead) in den betreffenden Menschen abhängt. Es sind im wesentlichen die vertrauten Mitmenschen, die es möglich oder zumindest leichter machen, Grenzen des eigenen Selbst in Frage stellen und verschieben zu können.

Wer als Naturwissenschaftler speziell seine berufliche Tätigkeit mit dem Gefährdungsschicksal der heutigen Welt in Verbindung bringt, riskiert persönliche Selbstzweifel und Krisen. Dies zeigen die empirischen Studien, über die hier in ausgewählten Aspekten berichtet wurde. Auch die öffentlichen Selbstthematisierungen vieler prominenter Wissenschaflter, paradigmatisch diejenigen von Atomphysikern, illustrieren dies unmißverständlich, fungiert doch die Atombombe bereits seit Jahrzehnten als das Symbol eines politisch-sozial und wissenschaftlich konstituierten Selbst-Vernichtungspotentials des Menschen. Die angesprochenen Selbstzweifel und Krisen eröffnen jedoch, wenn sie nicht abgewehrt werden, nicht zuletzt die Möglichkeit der Wahrnehmung einer gesellschaftlichen Mitverantwortung und politischer Handlungsoptionen, die dieser Verantwortung Rechnung tragen. Eine psychologisch-hermeneutische Arbeit, die in biographieanalytischer Perspektive zur Wahrnehmung und Aufklärung dieses Zusammenhangs führt, liefert, so ist zu hoffen, zumindest einen kleinen Baustein zu einer Theorie, die uns einen Einblick in die Genese von politisch denkenden und handelnden Subjekten gibt. Genauer formuliert geht es dieser Theorie um die lebensgeschichtlich vermittelte Konstitution von Subjekten, die ihr Tun und Lassen ebenso wie dasjenige anderer Menschen im Lichte einer gemeinsamen Verantwortung für allgemeine Angelegenheiten betrachten und beurteilen, für Angelegenheiten also, die für die „Allheit der Subjekte“ bedeutsam und vielleicht lebenswichtig sind.

Literatur

Beyerchen, Alan D. (1980): Wissenschaftler unter Hitler. Köln: Kiepenheuer & Witsch.

Friedensinitiative Garchinger Naturwissenschaftler (1987): 30 Jahre Göttinger Erklärung. Nachdenken über die Rolle des Wissenschaftlers in der Gesellschaft.

Schriftenreihe Wissenschaft und Frieden Nr. 11, Oktober 1987, hrsg. vom Bund demokratischer Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler u.a. München: Drucken + Binden.

Jungk, Robert (1986): Heller als tausend Sonnen. Reinbek: Rowohlt (Original 1956).

Straub, Jürgen (1989): Historisch-psychologische Biographieforschung. Theoretische, methodologische und methodische Argumentationen in systematischer Absicht. Heidelberg: Asanger.

Straub, Jürgen (1993a): Geschichte, Biographie und friedenspolitisches Handeln. Biographieanalytische und sozialpsychologische Analysen auf der Basis von narrativen Interviews mit Naturwissenschaftlern und Naturwissenschaftlerinnen. Opladen: Leske + Budrich.

Straub, J. (1993b): Zeit, Erzählung, Interpretation. Zur Konstruktion und Analyse von Erzähltexten in der narrativen Biographieforschung. In: Hedwig Röckelein (Hrsg): Möglichkeiten und Grenzen der psychohistorischen Biographieforschung, S. 143-183. Tübingen: edition discord.

Straub, Jürgen (1994): Judgement and Interpretation. On the Theoretical and Methodological Reconstruction of Comparative Analysis in Psychological Research. In: B. Boothe, R. Hirsig, A. Helminger, B. Meier & R. Volkart (Hrsg.): Perception – Evaluation – Interpretation. Swiss Monographs in Psychology. Volume 3, 32-39. Bern: Huber/Hogrefe.

Straub, Jürgen (1996): Politisches Handeln aus Verantwortungsbewußtsein. Kognitive, biographische und funktionale Aspekte des friedenspolitischen Engagements von Naturwissenschaftlern und Naturwissenschaftlerinnen. In: psychosozial (im Druck).

Dr. Jürgen Straub ist Privatdozent für Psychologie an der Universität Erlangen-Nürnberg

Wissenschaft für eine atomwaffenfreie Welt

Wissenschaft für eine atomwaffenfreie Welt

Friedensnobelpreis für Pugwash und Joseph Rotblat

von Martin Kalinowski, Wolfgang Liebert, Jürgen Scheffran

Nachdem im Jahr 1985 mit dem Friedensnobelpreis an die IPPNW der Einsatz von ÄrztInnen für die Verhütung eines Atomkriegs geehrt wurde, erscheint es passend, daß im Jahr 1995 die internationalen Aktivitäten von WissenschaftlerInnen für die atomare Abrüstung eine entsprechende Anerkennung erfahren. Zu den vielen mit Atomwaffen verbundenen Ereignissen dieses Jahres gehören die Erinnerung an die Entwicklung der ersten Atombombe und die Zerstörung von Hiroshima und Nagasaki vor 50 Jahren ebenso wie die Verlängerung des Nichtverbreitungsvertrages (NVV) und der Widerstand gegen die Fortsetzung der nuklearen Testreihen durch Frankreich und China. 1995 wurde auch der 40. Jahrestag des Russell-Einstein-Manifestes gefeiert, das als Gründungsdokument der internationalen Pugwash-Bewegung anzusehen ist. In diesem Zusammenhang hat die Verleihung des diesjährigen Friedensnobelpreises an die »Pugwash Conferences on Science and World Affairs« und ihren Präsidenten Joseph Rotblat eine besondere, auch politische Bedeutung.

Die Lebensgeschichte von Joseph Rotblat, mit 87 Jahren heute der letzte noch lebende Unterzeichner des Russell-Einstein-Manifestes, ist untrennbar mit der Geschichte des Nuklearzeitalters verbunden. Am 4. November 1908 in Warschau als Sohn jüdischer Eltern geboren, studierte und promovierte Rotblat dort in Kernphysik. Kurz vor dem deutschen Überfall auf Polen im Jahre 1939 nahm er ein Angebot von James Chadwick an, für Forschungen am Zyklotron nach Liverpool zu gehen. Unabhängig von anderen Wissenschaftlern erkannte er, daß unter bestimmten Bedingungen eine Uranbombe mit gewaltiger Sprengkraft gebaut werden könnte. Es stellte sich für ihn nun die Frage, ob es vertretbar sei, derartige Forschungsarbeiten durchzuführen. Er war überzeugt, daß die Wissenschaft nur im Dienste der Menschheit genutzt werden sollte und nicht, um zerstörerische Waffen zu entwickeln.

Als im September 1939 deutsche Truppen sein Heimatland überfielen, überwand er jedoch seine moralischen Bedenken und regte ein Forschungsprojekt an, das klären sollte, ob die Bombe tatsächlich möglich sei. Wäre dies der Fall, so überlegte er sich, würde Hitler sie bauen und auch einsetzen. Er hoffte, die Deutschen vom Einsatz der Bombe abschrecken zu können, wenn die Alliierten sie ebenfalls besitzen würden. Für einige Jahre arbeitete er mit am Atomwaffenprogramm, zunächst in Liverpool, ab 1943 auch in Los Alamos, was für ihn nach eigenen Aussagen ein traumatisches Erlebnis war. In Los Alamos schockte ihn im März 1944 die Aussage des Leiters des Manhattan-Projekts, General Leslie Groves, der wahre Zweck der Bombe sei, die Sowjets in Schach zu halten. Als dann Ende 1944 auch noch durchsickerte, die Deutschen hätten ihr Atombombenprojekt quasi einschlafen lassen, und deutlicher wurde, daß der alliierte Sieg über Nazi-Deutschland vor der Fertigstellung der eigenen Bombe zu erwarten war, entfiel für Rotblat die Rechtfertigung, am Manhattan-Projekt weiterzuarbeiten. Als einziger der daran beteiligten Wissenschaftler beendete er seine Mitarbeit vorzeitig.

Der für ihn persönlich riskante Schritt, das hoch geheime Rüstungsprogramm zu verlassen, veränderte sein Leben ebenso wie der Abwurf der ersten beiden Atombomben über Hiroshima und Nagasaki am 6. und 9. August 1945, der ihn zutiefst erschütterte. Es war offenbar geworden, welche Gefahren aus dem unverantwortlichen Gebrauch der Forschung entstehen können. Daraus erwuchs für Rotblat die Notwendigkeit, über die Grenzen der eigenen Wissenschaftsdisziplin hinaus zu blicken, um die Folgen für die Gesellschaft zu erkennen und Konsequenzen für das eigene Handeln zu ziehen. Er revidierte seine Annahme, durch Abschreckung würde der Einsatz von Kernwaffen verhindert. Ende der vierziger Jahre organisierte er den »Atom Train«, eine Ausstellung, die über friedliche und militärische Anwendungen der Kernenergie informierte und durch Großbritannien, Europa und den Nahen Osten reiste. Rotblats Wunsch, sein Wissen gezielt für die Bedürfnisse der Menschheit einzusetzen, veranlaßte ihn 1950 zu seinem zweiten Ausstieg: er verließ die traditionelle Kernphysik, wurde Professor für Physik an der Londoner Universität und widmete sich am St. Bartholomew`s Hospital Medical College bis zu seiner Emeritierung im Jahre 1976 biophysikalischen Forschungen und der Strahlenmedizin. Zwölf Jahre ist er Herausgeber von »Physics in Medicine and Biology« gewesen. Zu seiner wissenschaftlichen Tätigkeit gehört ebenso eine Fülle von Publikationen zum Themenkreis der Rüstungskontrolle und Verantwortung der Wissenschaft.

Die Pugwash-Bewegung

Sein politisches Hauptbetätigungsfeld fand er in der Pugwash-Bewegung. Die Bedrohung der ganzen Menschheit durch die Nuklearwaffen veranlaßte Bertrand Russell, Albert Einstein und neun andere namhafte Wissenschaftler am 9. Juli 1955 zur Veröffentlichung eines Manifests, in welchem sie eindringlich vor den Gefahren der atomaren Bewaffnung warnten und die Regierungen der Welt drängten, ihre Streitigkeiten mit ausschließlich friedlichen Mittel auszutragen. In dramatischer Weise wird die Frage formuliert: „Sollen wir der menschlichen Rasse ein Ende bereiten oder soll die Menschheit auf Krieg verzichten?“

Die Unterzeichner des Russell-Einstein-Manifestes wollten, daß sich Wissenschaftler zu einer internationalen Konferenz über die Blockgrenzen hinweg zusammenfinden, um die Gefahren der Massenvernichtungswaffen zu diskutieren und dann öffentlich Stellung zu nehmen. Möglich wurde die erste Konferez, als im Jahr 1957 der amerikanische Großindustrielle Cyrus Eaton 22 Wissenschaftler in seine Sommerresidenz im kanadischen Fischerdorf Pugwash einlud. Rotblat nahm an dieser und den folgenden Konferenzen teil und übernahm von 1957 bis 1973 die Aufgabe des Generalsekretärs der Pugwash-Konferenzen. 1988 wurde er im Alter von 80 Jahren ihr Präsident: als Nachfolger der kürzlich verstorbenen Nobelpreisträger Dorothy Hodgkin und Hannes Alfvén.

In den fast vierzig Jahren, seitdem solche Tagungen über Wissenschaft und Weltprobleme abgehalten werden, haben rund 3000 Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen aus insgesamt mehr als 75 Ländern zusammen mit einflußreichen Persönlichkeiten aus Politik, Wirtschaft und Militär auf besondere Einladung hin an 45 Konferenzen und knapp 170 weiteren thematischen Workshops teilgenommen. Wer einmal zu einer solchen Tagung eingeladen war, darf sich »Pugwashite« nennen und sich so heute am Nobelpreis miterfreuen.

Seit den fünfziger Jahren gründeten sich vielerorts Vereinigungen von WissenschaftlerInnen, die sich aufgerufen fühlten, die Folgen ihrer wissenschaftlichen Tätigkeit mitzubedenken, um dann auch verantwortlich in die Politik hineinzuwirken. In Deutschland wurde aus dem Engagement der 18 Göttinger Atomwissenschaftler, die sich 1957 mit einer öffentlichen Erklärung gegen die Pläne für eine deutsche Atombewaffnung aussprachen, die noch heute aktive Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW) gegründet.1 Die VDW ist so etwas wie die deutsche Sektion von Pugwash, wenn auch Pugwash eigentlich keine solchen eindeutigen Strukturen und Mitgliedschaften kennt. Ein Präsident, ein Generalsekretär, ein international zusammengesetztes 22köpfiges Leitungsgremium, der Council, und zwei Büros, eins in London und eins in Rom (gesponsert vom italienischen Staat) müssen reichen. Seit 1978 haben sich ausgehend von den USA, Kanada und Bulgarien in zahlreichen Ländern Junioren-Pugwash Gruppen gebildet. 1984 wurde der Bundesdeutsche Studierenden Pugwash (BdSP) e.V. ins Leben gerufen.2

Pugwash ist in der Öffentlichkeit nicht sehr bekannt geworden, weil es sich darauf konzentrierte, hinter den Kulissen zu agieren. Dabei stützte sich der Erfolg auf persönliche Kontakte sowie den Einfluß, den Nobelpreisträger und angesehene Persönlichkeiten bei ihren eigenen Regierungen geltend machen können. Dies war besonders wichtig in den eisigsten Zeiten des Kalten Krieges, als häufig nur solche stillen Aktivitäten den Dialog zwischen den verfeindeten Blöcken aufrecht erhalten konnten.

Pugwash hält sich zugute, einen zwar indirekten, aber doch spürbaren positiven Einfluß auf eine Reihe wesentlicher Abrüstungsvereinbarungen gehabt zu haben. Dazu zählt der 1963 abgeschlossene begrenzte Teststoppvertrag, der 1970 in Kraft getretene nukleare Nichtverbreitungsvertrag, die amerikanisch-sowjetischen Abkommen über die strategische Rüstungskontrolle (SALT, START) inklusive der Begrenzung der antiballistischen Raketen (ABM-Vertrag), die Biologie- und Chemiewaffen-Konvention und einige weitere Vertragswerke.

Auch nach dem Ende des Kalten Krieges stehen bei Pugwash Abrüstung und internationale Sicherheit im Mittelpunkt. Nicht nur die Abrüstung und die Eindämmung der Verbreitung und Weiterentwicklung von Massenvernichtungswaffen stehen auf den Tagesordnungen der Treffen, auch die Gefahren der hochtechnisierten konventionellen Bewaffnung, ihres weltweiten Exports sowie Fragen regionaler Sicherheit werden intensiv behandelt. Zunehmend stellt sich Pugwash auch anderen Themenbereichen, in denen sich Gefahren für die Weltsicherheit, das Überleben der Menschheit und einen dauerhaften Frieden ergeben. So befaßt sich Pugwash heute mit der Zerstörung der Umwelt und damit verbundenen Konflikten, der Energie- und Ressourcenproblematik, dem wachsenden ökonomischen und technologischen Gefälle zwischen Industrie- und Entwicklungsländern, dem Wachstum der Weltbevölkerung, den Risiken von neuen Technologien sowie mit Konzepten von Nachhaltigkeit und globalem Ausgleich.

Nach der Überzeugung der Pugwash-Bewegung müssen zur Lösung der auf vielfältige Weise miteinander verflochtenen globalen Problemkomplexe Grenzen zwischen den Wissenschaftsdisziplinen ebenso überwunden werden wie Grenzen zwischen den Nationen und Völkern. Die Pugwash-Aktivitäten sind von dem Grundgedanken getragen, daß Wissenschaftler nicht nur Verantwortung für die Exaktheit ihrer Forschungsergebnisse, sondern auch für das Weltganze übernehmen müßten. In den Worten Joseph Rotblats: „Der Elfenbeinturm, in dem Wissenschaftler früher gelebt haben wollen, war schon seit vielen Jahren im Verfall begriffen, und schließlich wurde er durch die Druckwelle der Hiroshimabombe zerstört. In diesem nuklearen Zeitalter (…) können Wissenschaftler sich ihrer Verantwortung gegenüber der Gesellschaft nicht mehr entziehen und sich hinter Maximen verstecken wie: ,Wissenschaft sollte um ihrer selbst willen stattfinden`, ,Wissenschaft ist wertfrei`, ,Wissenschaft hat nichts mit Politik zu tun`, ,Die Wissenschaft trägt am Mißbrauch der gewonnenen Erkenntnis keine Schuld` und ,Wissenschaftler sind nur Techniker`. (…) Die Pugwash-Bewegung ist eine deutliche Antwort auf diese Herausforderung.“ 3

Das Ziel einer kernwaffenfreien Welt

Die Bedrohung der Welt durch Atomwaffen in kriegerischen Auseinandersetzungen ist mit Ende des Kalten Krieges keineswegs gebannt. Immer noch sind weltweit mehr als 40.000 intakte Sprengköpfe gelagert, deren Sprengkraft mehr als einer Million Hiroshimabomben entspricht. Das technologische Erbe des Kalten Krieges ist schwerer wieder aus der Welt zu schaffen als die ideologischen Blockaden. Eine Reihe von Staaten arbeitet daran, Kernwaffen zu erwerben bzw. weiterzuentwickeln.

Joseph Rotblat fragt: „Wenn einige Staaten glauben, sie benötigen Atomwaffen zu ihrer Sicherheit – wie können sie die gleiche Sicherheit anderen Staaten verweigern? Auf lange Sicht kann es nur zwei Lösungen geben. Entweder wird der Besitz von Kernwaffen jedem Staat, der danach verlangt, erlaubt, oder das Verbot hat für alle Staaten Gültigkeit.“ Natürlich ist die zweite Lösung vorzuziehen.

Innerhalb und außerhalb von Pugwash hat Rotblat viel getan, um die wissenschaftliche Gemeinschaft davon zu überzeugen, daß eine kernwaffenfreie Welt auf der politischen Agenda stehen sollte. Anfang der neunziger Jahre leitete er eine Studiengruppe bei Pugwash, die sich mit der Frage befaßte, ob die Abschaffung der Kernwaffen wünschenswert und machbar sei. Ein von ihm stark geprägtes und mit herausgegebenes Buch ist eine wichtige Grundlage für weitere Untersuchungen.4 Auf der diesjährigen Konferenz in Hiroshima hat Pugwash als ganzes das Ziel einer kernwaffenfreien Welt endlich explizit übernommen. In der Hiroshima-Erklärung von 23. Juli 1995 heißt es, der mögliche Einsatz von Kernwaffen könne nur verhindert werden, „wenn Kernwaffen – und letztlich Kriege überhaupt – von diesem Planeten verbannt werden.“

In den fast vier Jahrzehnten seit der Gründung von Pugwash hat sich die Welt drastisch geändert, und Pugwash versucht langsam, sich an diese Änderungen anzupassen. Doch immer noch ist Pugwash geprägt von der Erfahrung des Kalten Krieges. Hier entstand die Gewohnheit, wenn eben möglich, nichtöffentlich, hinter verschlossenen Türen zu tagen. Das diplomatische Kalkül und das Agieren hinter den Kulissen hat Vorrang bekommen und prägt den Stil von Stellungnahmen nach außen (was wie im Nahen Osten partiell auch weiterhin sinnvoll sein kann). Es ist nur durch persönliche Einladungen möglich, in dem »exklusiven Kreis« mitzuarbeiten. Pugwash tut sich auch schwer, mit anderen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) zu kooperieren, was zur Vervielfachung der Kräfte geboten erschiene. Um breitere Kreise in den Diskurs einzubeziehen, wäre eine weitere Öffnung von Pugwash angebracht. Mit dem Nobelpreis und dem dadurch gewachsenen öffentlichen Ansehen mögen sich einige der Traditionen ändern.

Rotblat hat sich nicht gescheut, über die Grenzen seiner Organisation hinweg mit Personen oder Gruppen zusammenzuarbeiten, die seine Grundüberzeugungen teilen. So hat er in einer Studiengruppe des International Network of Engineers and Scientists Against Proliferation (INESAP) zur nuklearwaffenfreien Welt mitgearbeitet, in der die Gründe für die weltweite Denuklearisierung und konkrete Schritte zur weltweiten Abrüstung von Kernwaffen herausgearbeitet wurden.5 Bei der Präsentation der Studie während der New Yorker Verlängerungskonferenz für den NVV im April 1995 sprach er sich, zusammen mit über hundert NGOs, gegen die unbegrenzte Verlängerung des NVV aus. Die Interimslösung des NVV, der fünf Atommächte privilegiert, sollte durch eine Nuklearwaffenkonvention ersetzt werden, die den Verzicht auf Atomwaffen für alle Staaten gleichermaßen verbindlich festschreiben würde. Daß er in die Ende November 1995 von der australischen Regierung gegründete internationale Kommission für die Abschaffung der Atomwaffen einberufen wurde, zeigt, daß seine Ansichten auch bei Regierungen Anerkennung finden.

Heute verkörpert Rotblat den Übergang zu einer neuen Generation von WissenschaftlerInnen und IngenieurInnen, die sich international vernetzen und aktiv beteiligen an der Diskussion um die Verantwortung für die gesellschaftlichen und ökologischen Folgen der eigenen Forschungserkenntnisse. Auch im hohen Alter demonstriert Rotblat einen bewundernswertes Maß an Aktivität. Sein Beispiel war und ist inspirierend, gerade auch für junge Leute. Auf die Frage, wie er seinen fast jugendlich anmutenden Elan behält, antwortet Joseph Rotblat gern: „Du mußt ein Ziel haben und es beharrlich verfolgen“ und „keep on going“. Das große Ziel, die atomwaffenfreie Welt, haben Rotblat und Pugwash vorgegeben. Den Gedanken, daß nunmehr eine historische Chance besteht, dieses Ziel auch zu erreichen, will das norwegische Nobelkomitee verbreitet wissen: „Es ist die Hoffnung des Komitees, daß der Friedensnobelpreis 1995 an Rotblat und Pugwash die führenden Persönlichkeiten der Welt ermutigt, ihre Anstrengungen zu intensivieren, die Welt von Atomwaffen zu befreien.“ Daß dieses Ziel nicht in ferner Zukunft, sondern schon in zehn Jahren zu erreichen sei, machte Rotblat in seiner Nobelpreisrede vom 10. Dezember 1995 deutlich. Der Nobelpreis für Pugwash ist ein Signal, dem Vorbild des Präsidenten mutig nachzufolgen.

Jürgen Scheffran: Unmenschliche Hitze

Eine Erinnerung an Hiroshima

Hiroshima, 6. August 1995, 8 Uhr morgens.
Zehntausende haben sich im Friedenspark von Hiroshima versammelt, um des Atombombenabwurfs
vor 50 Jahren zu gedenken. Die Stimmung ist bedrückend, fast gespenstisch. Eine schier
unerträgliche Hitze lastet schon am frühen Morgen über der Stadt, sie raubt den Atem,
lähmt den Verstand, verzerrt die Wahrnehmung bis zur Halluzination. Tausende von Fächern
versuchen vergeblich, Kühlung zu verschaffen. Ähnlich heiß soll es auch damals gewesen
sein.

Ähnlich heiß? Mit Mühe versuche ich mir
vorzustellen, was am gleichen Ort 50 Jahre zuvor geschah. Menschen blickten zum Himmel,
als ein einzelnes amerikanisches Flugzeug die Stadt überflog. Niemand fühlte sich
beunruhigt. Während die Menschen sahen, wie das Flugzeug sich wieder entfernte, war die
Bombe schon unterwegs. Der mit großem Aufwand ausgeklügete Automatismus einer
physikalischen Tötungsmaschine hatte das Regiment übernommen. In den 43 Sekunden freien
Falls war die Entscheidung unwiderruflich, die Folgen aber noch nicht sichtbar. 43
Sekunden, in denen allein die Erdanziehung bestimmte, wie lange eine ganze Stadt noch zu
leben hat.

Dann ging alles ganz schnell. In Bruchteilen
einer Sekunde entfaltete der Atomblitz Energien und Temperaturen, wie sie sonst nur in der
Sonne auftreten. Das Aufgehen einer neuen Sonne, tausendmal heller als die alte, war im
Umkreis von Kilometern für jedes Leben zuviel. Zehntausende Lebewesen gingen in Flammen
auf, verdampften zu Schattenbildern auf Wänden. Wer weit genug entfernt war, um nicht
sofort zu sterben, hatte Verbrennungen der schlimmsten Art, war von radioaktiver Strahlung
durchlöchert. Die atomare Sonne war schnell verschwunden, doch die alte Sonne blieb und
brannte erbarmungslos auf die geschundenen Menschen hernieder. Niemand konnte helfen und
den Durst löschen.

Ähnliche Gedanken mögen viele Menschen im
Friedenspark bewegt haben. In der offiziellen Gedenkfeier kamen die Leiden der Opfer
jedoch konkret nicht vor. Einige Überlebende waren als Zuschauer eingeladen und durften
den Reden hochrangiger Politiker lauschen. Darunter auch ein amerikanischer Diplomat, der
in Vertretung des UNO-Generalsekretärs sprach. Worte des Bedauerns kamen ihm nicht über
die Lippen, stattdessen der Satz „Der Schrecken von Hiroshima hat unsere Welt zu
einem sichereren Ort gemacht“
. Nach der Veranstaltung entschwand er in einer
vollklimatisierten Limousine, in der er vor der wachsenden Hitze des Tages sicher war.

Jürgen Scheffran nahm an der
Pugwash-Konferenz 1995 in Hiroshima teil.

Anmerkungen

1) Kontakt: Annegret Falter, Geschäftsführerin VDW, c/o IZT, Lindenallee 16, 14050 Berlin. Zurück

2) Kontakt: Markus Duscha, Finkenweg 14, 69214 Eppelheim, Tel.: 06221-476718 (tagsüber). Zurück

3) J. Rotblat, Das vielschichtige soziale Gewissen der Wissenschaftler, VDW info, Nr. 3, September 1995, S. 1-6 (Abschlußrede auf der 44. Pugwash-Konferenz auf Kreta 1994). Zurück

4) J. Rotblat, J. Steinberger, B. Udgaonkar und F. Blackaby (Hrsg.), A Nuclear-Weapon-Free World – Desirable? Feasible?, Westview Press, 1993. Zurück

5) Siehe: Beyond the NPT – A Nuclear-Weapon-Free World, Preliminary Findings of the INESAP Study Group, New York / Darmstadt, April 1995. Zurück

Martin Kalinowski, Wolfgang Liebert und Jürgen Scheffran sind Wissenschaftliche Mitarbeiter bei IANUS an der TH Darmstadt und aktiv an der Arbeit und Gestaltung von INESAP beteiligt.

Das Uran-Projekt

Das Uran-Projekt

Handlung, Intention und die deutsche Atombombe

von Mark Walker

Die Geschichte des »Uran-Projektes« ist die ebenso interessante wie frustrierende Geschichte der deutschen Erforschung der wirtschaftlichen und militärischen Ausnutzung der nuklearen Spaltung während des Krieges. Wissenschaftler und Gelehrte sehen es als schwierig – wenn nicht sogar unmöglich – an, sich auf eine Interpretation dieser Forschungsarbeiten zu einigen. Dabei spielt es keine Rolle, wie viele historische Beweise zutage gefördert wurden oder wie sorgfältig sie untersucht wurden. Dieses Kapitel der Geschichte ist politisiert worden, da es zum einen im Schatten des nationalsozialistischen Regimes stattfand und zum anderen wegen des seit Kriegsende angsteinflößenden Gespenstes des Atomkrieges. Das Problem unseres historischen Verständnisses dieser Forschungsarbeiten jedoch liegt tiefer und ist das Ergebnis unserer kollektiven Unfähigkeit, deutlich und konsequent zwischen Intention und Handlung zu unterscheiden – zwischen dem, was hätte geschehen können, und dem, was geschehen ist. Die vorliegende Abhandlung wird diese Unterscheidung vor allem durch eine Darstellung der Geschehnisse während des Krieges deutlich herausstellen; dabei wird auf Spekulationen hinsichtlich der Motivationen einzelner Akteure entschieden verzichtet. Erst nach dieser Beschreibung wird die Frage der Intention, die Frage, was hätte geschehen können, wenn alles anders abgelaufen wäre, behandelt.

Handlung

Die Entdeckung der nuklearen Spaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann gegen Ende des Jahres 1938 und die darauffolgende theoretische Erläuterung des Phänomens durch ihre frühere Kollegin Lise Meitner und andere überraschte die Wissenschaft. Als dieses Ergebnis veröffentlicht wurde, widmeten sich jedoch sehr viele Wissenschaftler unterschiedlicher Nationalitäten dem Problem mit Enthusiasmus.

Diese übersteigerten Bemühungen, die nukleare Spaltung zu verstehen und zu beherrschen, waren das Ergebnis der üblichen Kräfte, welche Forschung vorantreiben: wissenschaftliche Neugier und beruflicher Ehrgeiz

Das große Interesse an Uran war schwer zu kontrollieren, selbst am Vorabend des Zweiten Weltkrieges. Der Schleier der Geheimhaltung fiel erst auf die Nuklearforschung, als die wichtigsten Ergebnisse bereits veröffentlicht worden waren. Isotopisches 235Uran konnte mit langsamen Neutronen gespalten werden, während isotopisches 238Uran diese gewöhnlich absorbierte. Bei der Spaltung von Urankernen wurden zwei oder mehr Neutronen freigesetzt. Da sich diese Neutronen mit hoher Geschwindigkeit bewegten, war eine energieproduzierende Atomspaltungskettenreaktion möglich. Ein Atomreaktor, bestehend aus Uran und einem Moderator, konnte eine solche Kettenreaktion kontrollieren und so nukleare Energie erzeugen. Bei der Absorption von Neutronen durch 238Uran fand eine schrittweise Umwandlung in transuranische Elemente (Neptunium und Plutonium) statt, die wahrscheinlich ebenso spaltbar waren wie 235Uran.

Schließlich hielten Wissenschaftler aller Staaten eine Veröffentlichung ihrer wichtigsten Ergebnisse zurück. Ihre Forschungsarbeiten wurden jedoch erst durch den Krieg unmöglich gemacht. In der Folge wurde die Arbeit in Frankreich und in der Sowjetunion bis zur deutschen Invasion fortgeführt. Nach dem deutschen Angriff auf Polen im September 1939 wurden die meisten Bereiche der Nuklearforschung in allen Staaten von der jeweiligen Regierung und somit vom Militär kontrolliert. In Deutschland wurden einige Dutzend Wissenschaftler vom Heereswaffenamt verpflichtet, das wirtschaftliche und militärische Potential der Kernspaltung zu untersuchen. Einige dieser Wissenschaftler waren mit der Uranforschung bereits vertraut, andere nicht. Viele der Wissenschaftler wurden zwangsrekrutiert; da das Uran-Projekt jedoch unter der Aufsicht des Heereswaffenamtes stand, waren sie so in der Lage, eine Form des Kriegsdienstes – die Arbeit mit Uran – gegen eine andere einzutauschen. Das Heereswaffenamt übertrug den Wissenschaftlern eine ganz spezielle Aufgabe: Sie sollten ermitteln, ob Atomwaffen – von welcher Seite auch immer – rechtzeitig entwickelt werden könnten, um den Ausgang des Krieges zu beeinflussen. Dieser Auftrag enthielt jedoch ein subjektives Element, da »rechtzeitig« davon abhängig war, wie der Beobachter, und insbesondere das Heereswaffenamt, die Dauer des Konfliktes einschätzte. Während des Blitzkrieges von September 1939 bis zu den letzten Monaten des Jahres 1941 kamen die deutschen Wissenschaftler, die gemeinsam am Uran-Projekt arbeiteten, zu dem Schluß, das nukleare Sprengstoffe in Form von reinem 238Uran und Plutonium durch Isotopentrennung beziehungsweise einen Nuklearreaktor erzeugt werden könnten. Während dieser Phase glaubte die überwiegende Mehrheit der deutschen Bevölkerung – und höchstwahrscheinlich auch die Wissenschaftler – jedoch an ein baldiges Ende des Krieges und einen deutschen Sieg.

Sobald die Beteiligten am Uran-Projekt zu wichtigen Ergebnissen gelangt waren, teilten sie diese dem Heereswaffenamt mit und betonten zugleich die Relevanz der Ergebnisse im Hinblick auf die Herstellung atomarer Waffen. Werner Heisenberg hatte z. B. gegen Ende des Jahres 1939 dem Heereswaffenamt mitgeteilt, daß isotopisches 235Uran ein starker atomarer Sprengstoff wäre. Im Sommer 1940 meldete Carl Friedrich von Weizsäcker an die gleiche Stelle, daß ein spaltbares transuranisches Element (welches die Deutschen in der Folge als Plutonium erkannten) in einem Atomreaktor erzeugt werden könne. Zu einem späteren Zeitpunkt des gleichen Jahres bezog Otto Hahn sich auf die militärische Bedeutung der Arbeit von Weizsäckers, als er dem Heer deutlich machte, daß die Erforschung transuranischer Elemente in seinem Institut Unterstützung verdiente.

Die Arbeit des deutschen Uran-Projektes während des Blitzkrieges war dem amerikanischen Atomwaffenprojekt ebenbürtig. Mit einigen Ausnahmen befaßten sich beide Seiten mit den gleichen Problemen, fanden dieselben Lösungen und kamen zu den gleichen Ergebnissen. Somit teilten nicht nur diese Wissenschafter ihre Ergebnisse dem Heereswaffenamt ohne Verzögerung mit; die gleichen Ergebnisse wurden fast zur gleichen Zeit von ihren amerikanischen Kollegen der Regierung der Vereinigten Staaten mitgeteilt. Es existiert kein Beweis dafür, daß ein deutscher Wissenschaftler seine Arbeit falsifiziert, verzögert oder dem Heer des nationalsozialistischen Staates vorenthalten hätte. Ebenso existiert kein Beweis, daß diese Wissenschaftler während des Blitzkrieges ihre Arbeit als relevant für den in Europa wütenden Konflikt ansahen.

Das Ende des Blitzkrieges verwandelte das Uran-Projekt weder in eine mit aller Kraft vorangetragene Bemühung, atomare Waffen zu entwickeln und herzustellen, noch wurde das Projekt auf die sogenannten friedlichen Nutzungen atomarer Energie beschränkt. Im Januar 1942 fragte das Heereswaffenamt die Wissenschaftler des Projektes zum ersten und letzten Mal, ob Atomwaffen realisierbar seien und wann mit ihnen zu rechnen sei. Die Wissenschaftler stimmten zu, daß Atomwaffen erzeugt werden könnten, daß dies aber mindestens einige Jahre in Anspruch nehmen würde.

Der Leiter der Forschungsabteilung des Heereswaffenamtes Erich Schumann kam zu dem berechtigten Schluß, daß die Nuklearforschung für den Krieg, den Deutschland führte, irrelevant war und gab das Uran-Projekt in zivile Hände.

Die Arbeit wurde im Labor von etwa fünfzig vollzeit- oder teilzeitbeschäftigten Forschern fortgeführt; man untersuchte alle Aspekte der angewandten Kernspaltung. Diese Wissenschaftler waren insbesondere bemüht, die beiden starken nuklearen Sprengstoffe 235Uran und Plutonium zu analysieren und zu erzeugen.

Während die Deutschen bis zum Winter 1941/1942 grundsätzlich mit ihren amerikanischen und britischen Kollegen Schritt halten konnten, fielen sie jetzt rapide zurück, da die Nuklearforschung in den Vereinigten Staaten die Laborebene verließ und in die Industrie wanderte.

Obwohl die Deutschen weiterhin sehr hart an Atomreaktoren und der Isotopentrennung arbeiteten, konnten sie erst am Ende des Krieges die Ergebnisse vorweisen, zu denen Amerikaner und Briten bereits im Sommer 1942 gelangt waren. Die deutschen Wissenschaftler betonten gegenüber dem nationalsozialistischen Staat auch weiterhin den militärischen Aspekt ihrer Arbeit.

Paul Harteck versuchte 1942 das Heereswaffenamt zu überzeugen, daß die Erforschung der Isotopentrennung mehr Unterstützung verdiene, da sie die besten Aussichten auf die Erzeugung nuklearer Sprengstoffe böte. Im Februar desselben Jahres hielt Werner Heisenberg einen berühmten Vortrag über »Die theoretische Grundlage für die Energieerzeugung durch Uranspaltung« vor einem Publikum führender Vertreter der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, der Staatsbürokratie, der Streitkräfte und der deutschen Industrie. Einerseits teilte Heisenberg dem Publikum mit, daß 235Uran und Plutonium nukleare Sprengstoffe mit einer „vollkommen unvorstellbaren Wirkung“ seien, auf der anderen Seite betonte der Physiker jedoch, daß die Gewinnung dieser Sprengstoffe sehr schwierig sei und daß noch viel Arbeit vor ihnen liege.

Die Mitarbeiter des Uran-Projektes ließen die Arbeit an diesen Stoffen nie ruhen. Als sich jedoch mit fortschreitender Zeit die Lage der Deutschen im Krieg verschlechterte, wurde die militärische Nutzung der Kernspaltung nicht mehr in der Öffentlichkeit diskutiert.

Bei Kriegsende wurden die meisten dieser Wissenschaftler verhaftet und von der Alsos-Mission verhört, einer wissenschaftlichen Geheimdiensttruppe der amerikanischen Streitkräfte. Ironischerweise glaubten die Deutschen, daß ihre Errungenschaft – die vollständige Trennung kleinster Mengen von 235Uran und ein Atomreaktor bestehend aus natürlichem Uran und schwerem Wasser, welche fast kritisch wurde (d.h. er ermöglichte beinahe eine Atomspaltungskettenreaktion und hielt diese aufrecht) – die Alliierten überflügelt hätte. Die Amerikaner hemmten das deutsche Gefühl der Überlegenheit nicht, aber sie erzeugten es ebensowenig.

Die deutschen Wissenschaftler änderten abrupt ihre Meinung, als die Nachricht des Angriffs auf Hiroshima enthüllte, daß die Amerikaner Atomwaffen gebaut und eingesetzt hatten. Zehn dieser Wissenschaftler waren in England interniert. Sie wollten die Nachricht zunächst nicht glauben. Sogar nachdem sie überzeugt waren, daß die Amerikaner eine Atombombe gebaut hatten, hielten die Deutschen in Farm Hall untereinander an ihrer Argumentation fest, daß einige Aspekte ihrer Arbeit der Arbeit der Amerikaner überlegen sein könnten.

Nach und nach, als immer mehr Informationen über das amerikanische Projekt zu ihnen durchdrangen, mußten sie zugeben, daß die Amerikaner sie übertroffen hatten.

Intention

Handlungen sind natürlich nicht alles. Intentionen sind ebenfalls von Bedeutung. Wir wollen wissen, warum etwas getan wurde, nicht nur, was geschehen ist. Intentionen sind jedoch viel schwieriger zu bestimmen als Handlungen; und vor allem sind Intentionen nicht immer relevant. So besteht z.B. zwischen den folgenden Fragenpaaren ein großer Unterschied: (1) „Haben sie die Alliierten vor der Gefahr der deutschen Atomwaffen gewarnt?“ und „Würden sie die Alliierten vor der Gefahr der deutschen Atomwaffen gewarnt haben?“; (2) „Haben sie nur an den friedlichen Einsätzen atomarer Energie gearbeitet?“ und „Würden sie nur an den friedlichen Einsätzen atomarer Energie gearbeitet haben?“; (3) „Haben diese Wissenschaftler vor Hitler Atomwaffen verschwiegen?“ und „Würden diese Wissenschafter Atomwaffen vor Hitler verschwiegen haben?“.

Für die ersten Fragen dieser Paare können Handlungen eine Antwort bieten, Intentionen sind irrelevant. Deutsche Wissenschaftler haben die Alliierten niemals vor der Gefahr deutscher Atomwaffen gewarnt, aus dem einfachen Grund, weil sie wußten, daß keine Gefahr bestünde, daß solche Waffen vor Beendigung des Krieges entwickelt und eingesetzt werden könnten. Einige Beteiligte am Uranprojekt haben ihre Forschungen mit ausländischen Kollegen diskutiert und brachten ihre ambivalente Einstellung im Hinblick auf mögliche Konsequenzen für die Zukunft zum Ausdruck. Sie behaupteten jedoch niemals, daß sie oder ihre Kollegen die Nationalsozialisten mit Atomwaffen versorgen würden – weder zu diesem Zeitpunkt noch in naher Zukunft.

Die deutschen Wissenschaftler konnten nicht ausschließlich an den friedlichen Nutzungen nuklearer Energie arbeiten, da wirtschaftliche und militärische Nutzungen miteinander in Verbindung stehen. Wie alle Beteiligten des Uran-Projektes wußten, konnten die Techniken der Isotopentrennung, die sie verbesserten, sowohl Uran für die Nutzung in einem Uran-Leichtwasserreakor anreichern als auch reines 235Uran, einen Atomsprengstoff, erzeugen; die Kernreaktoren, die sie herstellten, würden Plutonium als Nebenprodukt jeder andauernden Kettenreaktion produzieren.

Schließlich verschwiegen diese Wissenschaftler Atomwaffen nicht vor Hitler. Statt dessen führten sie die Forschungen durch, mit denen man sie beauftragt hatte. Sie machten ihre Arbeit gut, vergleichbar mit der Arbeit der Alliierten, und sie teilten ihre Ergebnisse sofort dem Heereswaffenamt mit. Es war dann die nationalsozialistische Regierung, die beschloß, die Uranforschung auf der Laborebene einzufrieren und so sicherzustellen, daß diese Wissenschaftler bis zur Beendigung des Krieges nur bescheidene Ergebnisse erlangen konnten. Die deutschen Uranwissenschaftler gaben Hitler keine Waffen; dies bedeutet jedoch nicht, daß sie die Waffen vor ihm verschwiegen.

Für die zweite Frage der obengenannten Paare können Handlungen keine Antwort bieten, da sie die Frage stellen, was diese Wissenschaftler getan hätten, wenn alles anders verlaufen wäre. Intentionen sind aus demselben Grund irrelevant.

Ob diese Wissenschaftler die Welt zu warnen versucht hätten, wenn die Gefahr deutscher Atomwaffen bestanden hätte, ob sie sich entschlossen hätten, nur auf der friedlichen Seite dieser Forschung zu arbeiten, wenn es möglich gewesen wäre, und ob sie getan hätten, was nötig gewesen wäre, um Atomwaffen vor Hitler zu verschweigen, wenn die Möglichkeit bestanden hätte, daß er sie hätte bekommen können – diese Fragen liegen außerhalb der Grenzen von Geschichtswissenschaft. Niemand weiß mit Sicherheit, was sie getan hätten; dies bedeutet wiederum, daß niemand leugnen kann, sie hätten das Richtige getan; und niemand kann beweisen, daß sie dies getan hätten. Es ist noch nicht einmal klar, daß man sich darauf geeinigt hätte, was das »Richtige« gewesen wäre.

Es gibt keine Kombinationsmöglichkeit für den Bereich der Handlung und der Intention, die uns helfen könnte, diesen Teil der Geschichte zu verstehen.

Historiker können nach den Motivationen dieser Wissenschafter für ihre Taten fragen, nicht danach, was sie getan hätten, wenn alles anders verlaufen wäre. Selbst in diesem Fall wußte niemand mit Sicherheit, welche Motive sie hatten, aber wir können uns wenigstens der historischen Fakten ihrer Handlungen bedienen, um eine plausible Erklärung ihrer Intention zu konstruieren.

Die Tatsache, daß diese Wissenschaftler ihre Arbeit an der angewandten Kernspaltung ohne Unterbrechung fortsetzten und – in einigen Fällen – ausländische Kollegen über ihre Forschung informierten, läßt darauf schließen, daß wenigstens einige der Wissenschaftler des Uran-Projektes ihrer Arbeit ambivalent gegenüberstanden. Sie sorgten sich nicht genug, um aufzuhören, aber sie waren besorgt. Dies ist in der Tat ein begründeter Schluß – unter der Voraussetzung, daß sie an mächtigen neuen Energiequellen und Sprengstoffen für die nationalsozialistische Regierung während des Zweiten Weltkrieges arbeiteten und daß die überwiegende Mehrheit der deutschen Wissenschaftlergemeinschaft für den Krieg mobilgemacht worden war. Es wäre überraschender gewesen, wenn sie keine Bedenken dem Uran-Projekt gegenüber gehabt hätten oder wenn sie sich ad hoc geweigert hätten, am Projekt teilzunehmen.

Die Tatsache, daß diese Wissenschaftler in ihren technischen Berichten demonstrierten, daß sie die Dualität von Kernenergie und Atomwaffen erkannten und mit einigen Ausnahmen – wie 1942 Heisenberg – gewöhnlich nur von der friedlichen Nutzung der Kernspaltung sprachen, legt nahe, daß sie dem zerstörerischen Potential ihrer Forschung ambivalent gegenüberstanden.

Diese Aussicht sorgte sie nicht in dem Maße, daß sie ihre Arbeiten beendeten; es erfüllte sie jedoch auch nicht mit Enthusiasmus.

Die letzte Frage ist vielleicht die beunruhigendste, da diese Wissenschaftler ohne Ausnahme das taten, was ihre Regierung ihnen befohlen hatte. Sie taten es nach bestem Wissen und leiteten ihre Informationen sofort an die verantwortlichen militärischen und zivilen Vorgesetzten weiter. Es existiert kein Beweis dafür, daß ein Beteiligter des Uran-Projektes eine gestellte Aufgabe nicht erfüllt hätte, weder wegen der Regierung, der er diente, noch wegen des zerstörerischen Potentials seiner Forschung. Es existiert kein Beweis, daß ein Beteiligter bewußt minderwertige Arbeit geleistet hätte oder sie verlangsamt hätte; und es gibt keinen Beweis, daß ein Beteiligter seine Ergebnisse Vorgesetzten vorenthalten hätte.

Wie andere Fragen gezeigt haben, gibt es keinen Grund zu bezweifeln, daß diese Wissenschaftler ihrer Arbeit ambivalent gegenüberstanden, die Frage nach der Ämbivalenz stellt sich hier jedoch nicht, eher die Frage nach dem Gehorsam: Wenn sie Atomwaffen rechtzeitig hätten herstellen können, so daß die deutschen Streitkräfte sie hätten nutzen können, und wenn sie gefragt worden wären oder man ihnen befohlen hätte, dies zu tun, was hätten sie getan? Niemand kann diese Frage beantworten, nicht einmal die Wissenschaftler selbst.

Anmerkung

Dieser Artikel ist ein Vorabdruck aus dem Buch „Der Griff nach dem atomaren Feuer. Die Wissenschaft 50 Jahre nach Hiroshima und Nagasaki“. Herausgegeben von U. Albrecht, U. Beisiegel, R. Braun und W. Buckel, Frankfurt a.M., Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1995. Es wird Ende diesen Jahres im Peter Lang Verlag erscheinen. Wir danken dem Autor, dem Verlag und der Herausgeberschaft für die Abdruckgenehmigung.

Mark Walker studierte Mathematik und Geschichte. Er lehrt am Union College in New York.

Lernen aus Hiroshima und Nagasaki

Lernen aus Hiroshima und Nagasaki

Die Verantwortung der Naturwissenschaftler

von Hans-Peter Dürr

In dieser Vortragsreihe bin ich wohl der einzige, der nicht direkt mit der Vorbereitung und Entwicklung der Atombomben zu tun hatte. Es hat sich jedoch so ergeben, daß ich in Verbindung mit meiner wissenschaftlichen Laufbahn als Kernphysiker und Elementarteilchenphysiker in engen Kontakt mit Wissenschaftlern kam, die während des Krieges direkt oder indirekt mit der Entwicklung der Bombe und dem damit verbundenen Fragenkomplex befaßt waren. Ich war auf diese Weise persönlicher Zeuge einiger ihrer Gedanken, Ängste und Schlußfolgerungen. So habe ich insbesondere 1953 – 1957 an der Universität Kalifornien in Berkeley mit Edward Teller, dem sog. »Vater der Wasserstoffbombe«, wissenschaftlich gearbeitet und bei ihm 1956 promoviert. Anschließend war ich am Max-Planck-Institut für Physik in Göttingen und München fast 17 Jahre enger Mitarbeiter von Werner Heisenberg, dem Entdecker der Quantenmechanik und wissenschaftlichen Leiter des deutschen Uranprojekts am Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik (dem Vorläufer des MPI für Physik) in Berlin-Dahlem und Hechingen während des Krieges. Lassen Sie mich mit einigen Bemerkungen zu meiner persönlichen Entwicklung beginnen, um Ihnen deutlich zu machen, auf welche Weise und in welcher Absicht ich überhaupt in diese Welt geraten bin.

Die schrecklichen Erlebnisse des Krieges, in dem ich am Ende, mit Panzerfaust und Pistole bewaffnet, als 15-jähriger im Volkssturm noch die Heimat verteidigen sollte, und die große Verwirrung der schweren Nachkriegszeit ließen mich ratlos und in einer »ohne-mich«-Stimmung zurück. Mein Vertrauen in die Vernunft der Erwachsenen und ihre Glaubwürdigkeit war tief erschüttert, ohne daß ich ihnen dabei große Schuld zuordnete, weil ich sah, wie sehr sie selbst verunsichert und verloren waren. Diese Umstände verstärkten meinen Wunsch, mich mit Fragen auseinanderzusetzen, die nicht von der Autorität und der Meinung von Menschen abhängen. Insbesondere faszinierten mich die Grundfragen der Naturwissenschaften und hier vor allem die moderne Physik, die Quantenmechanik, die ich 1946 neben der Schule in Abendkursen an der Volkshochschule erstmals kennenlernte. Seit ihrer Rückkehr aus der Internierung in England waren Werner Heisenberg und Max von Laue meine Vorbilder, obwohl ich damals nur ganz wenig von ihnen wußte.

Aber zunächst wollte ich mich einmal selbst in der Welt umsehen. Nach Abschluß meines Physikdiploms mit einer experimentellen Arbeit über die Messung kernmagnetischer Momente 1953 bot mir ein Stipendium der Universität Kalifornien in Berkeley hierzu eine hervorragende Chance. Eine ärgerliche Verschleppung meiner Einreise in die USA um ganze drei Monate – wegen einer damals in der McCarthy-Ära erforderlichen zusätzlichen Überprüfung aller einreisenden »Kernphysiker« durch das State Department – sollte für mich zu einer erfreulichen Weichenstellung führen, da ich kurzerhand die Entscheidung fällte, nach meiner stark geschrumpften Stipendienzeit nicht nach Deutschland zurückzukehren, sondern in Berkeley zu promovieren.

Im Herbst 1953 war damals gerade im Schatten des Oppenheimer-Teller Disputs Edward Teller mit einer großen Schar von Kernphysikern des Manhattan-Projekts von Los Alamos nach Kalifornien übergesiedelt, um in Livermoor ein neues Laboratorium für Wasserstoffbomben aufzubauen. Ich hatte selbstverständlich von diesem Hintergrund keine Ahnung, als ich nach einem geeigneten Doktorvater suchte und ihn in Edward Teller fand, der Anfang der dreißiger Jahre bei Heisenberg promoviert hatte.

So sah ich mich intellektuell auf einmal voll mit der prinzipiellen Ambivalenz der Wissenschaft konfrontiert: Ich war ausgezogen, »zu erkennen, was die Welt im Innersten zusammenhält«, und war dabei notwendig bei der aufregend neuen Atomphysik von Heisenberg, die der Physik einen tiefgreifenden Paradigmenwechsel beschert hatte, gelandet und wurde nun im Kreise meines neuen Lehrers und meiner Kollegen täglich mehr gewahr, zu welch schrecklicher Massenvernichtungswaffe diese tieferen Einsichten geführt hatten. Und es war nicht nur ich, der darüber erschrak und sich ernsthafte Gedanken darüber machte. Die Universität in Berkeley brodelte damals vor Kraft, Intelligenz und Engagement, die sich auf eine Vielzahl von Themen erstreckten.

Es war nicht nur die Zeit, in der man in der Teilchenphysik den ersten Resultaten über Antimaterie am Bevatron auf dem Radiation Hill entgegenfieberte, sondern vor allem auch die Zeit der großen Auseinandersetzungen über die neuen, unheimlichen Kräfte, welche die Physiker entfesselt hatten, und die sie nun wieder geeignet einzufangen versuchten.

Ich habe damals beispielhaft gelernt, was eine lebendige Demokratie zu leisten vermag. Ich erlebte, wie politisches Engagement nicht eine Sache von redegewandten Parteigängern bleiben muß, sondern, gesellschaftspolitisch interpretiert, eine gern wahrgenommene und mit Engagement ausgeführte Pflicht jedes Einzelnen, insbesondere auch der Universitätsprofessoren, sein kann. Die politischen Auseinandersetzungen wurden in aller Schärfe und trotzdem in großer Fairness ausgefochten. Doch gab es in der McCarthy-Ära auch einige schlimme und für die Betroffenen schmerzhafte Entgleisungen »von oben«. So wurden Universitätsbedienstete, Professoren und anderes Personal, die den ihnen vom Staat in der McCarthy-Zeit abverlangten »Loyality Oath« nicht unterschreiben wollten, von der Universität entlassen. In diese Zeit platzten die Teller-Oppenheimer Anhörungen herein, die das Lager der Physiker spalteten und letztlich den Boden bereiteten für die bis heute aktiven verantwortungsorientierten Wissenschaftlerorganisationen wie die Federation of American Scientists, Union of Concerned Scientists, Educational Foundation for Nuclear Science, Pugwash Conferences of Science and World Affairs u.a.

Diese aufregende Zeit in Berkeley riß mich aus meiner »ohne-mich«-Haltung und verwandelte mich in einen passionierten Grenzgänger. Es wurde mir damals klar, daß die Schuld der Verstrickten meist viel kleiner ist, als ihnen von den Nichtbeteiligten zugeschrieben wird, daß sie aber größer ist, als die Verstrickten selbst glauben. Ihre Hauptschuld liegt gewöhnlich darin, nicht frühzeitig und entschieden genug einer verhängnisvollen Entwicklung entgegengetreten zu sein. Es war die Vorstellung eines intensiven gesellschaftspolitischen Engagements, die mich neben meiner beruflichen Karriere 1958 wieder nach Deutschland und dort zu Heisenberg nach Göttingen führte.

Aber dann kam es ganz anders. Die Faszination, mit Werner Heisenberg eine fundamentale einheitliche Quantenfeldtheorie der Materie zu konzipieren, schlug mich in den folgenden Jahren völlig in den Bann, so daß mir kaum mehr Zeit und Phantasie für gesellschaftspolitische Aktivitäten blieben. Ich war damals also ein »typischer« Wissenschaftler. Eigentlich erst in den frühen siebziger Jahren, als ich neben meiner Forschungstätigkeit als Direktor des Max-Planck-Instituts Leitungsaufgaben übernehmen mußte und auf diese Weise vermehrt mit gesellschaftlichen Problemen in Kontakt kam, ließ ich mich wieder auf solche Fragestellungen ein. Auftakt waren damals insbesondere die Fragen im Zusammenhang mit der friedlichen Nutzung der Kernenergie.

Hiroshima und Nagasaki

Daß wissenschaftlich-technische Errungenschaften für die Konstruktion von Waffen verwendet werden, war wahrhaftig kein Novum. So wurde der Krieg ja seit jeher geradezu als »Vater aller Dinge« bezeichnet. Trotz der Entsetzlichkeit der Herstellung und des Einsatzes von Giftgas im Ersten Weltkrieg sollte die Entwicklung der Atombomben, der Uranbombe und der Plutoniumbombe, und deren Abwurf im August 1945 auf Hiroshima und Nagasaki nicht einfach als ein weiterer bedauerlicher Ausrutscher betrachtet werden, sondern kennzeichnet eine tiefgreifende irreversible Veränderung, einen »Sündenfall« der Wissenschaft.

Mit der Entfesselung der in den Atomkernen gebundenen Energie wurde den Menschen ein Energiepotential zugänglich, das millionenmal größer als die chemisch aufschließbaren Energien der Atomhülle sind: Ein Kilogramm U-235 ist energetisch äquivalent etwa einer Kilotonne TNT Sprengstoff. Diese millionenfach verstärkte Kraftwirkung versetzt den Menschen in eine total veränderte Lage, die außerhalb seiner bisherigen individuellen und stammesgeschichtlichen Erfahrung liegt.

Menschliche Aktivitäten, wie auch die energetischen Umsätze der Biosphäre, waren bisher im wesentlichen von der täglichen Energieeinstrahlung der Sonne bestimmt. Sie ist auch der Motor der Evolution des Lebens. Dieser Energiedurchfluß führt zu einer teilweisen Umkehr der durch den 2. Hauptsatz der Thermodynamik charakterisierten Prozesse, die durch eine Entropievermehrung, eine unaufhaltsame Zerstörung von Besonderheit und Differenzierung gekennzeichnet ist. Verstärkte Energiedurchflüsse vergrößern im allgemeinen nur diese Zerstörung, diesen Trend zur Unordnung, wenn sie nicht in ein konstruktives Zusammenwirken, ein Plus-Summenspiel eingebunden sind. Abbauprozesse, Zerstörung, Null-Summenspiele können beliebig beschleunigt werden, Aufbauprozesse, Wertschöpfung, Plus-Summenspiele benötigen dagegen immer Zeit.

Waren die Atombomben mit größtem Einsatz an Intelligenz und Material in den USA entwickelt worden, um Hitlerdeutschland dabei zuvorzukommen, so wurden sie, wegen der frühzeitigen Niederwerfung Deutschlands, erstmals in Japan »angewendet«, mit der Begründung, den Krieg dort unter höchstmöglicher Schonung eigener Truppen schnell zu beendigen. An der Vorbereitung dieser ersten Atombombenabwürfe waren noch Wissenschaftler beteiligt, nicht jedoch an der Entscheidung, dies auch wirklich auszuführen.

Hier wurde anschaulich klar, daß mit der Atomenergie der Mensch nicht nur in die Größenordnung natürlicher großräumiger Energieumwandlungen vorgestoßen war, sondern daß die Menschen eine Waffe entwickelt hatten, die letztlich zu ihrer eigenen Zerstörung als Gattung ausreichte. Diese drohende existentielle Gefahr schien jedoch gleichzeitig die Chance zu bieten, den Krieg als »Politik mit anderen Mitteln« endgültig zu verabschieden und ihn durch angemessenere nicht-militärische Konfliktlösungen zu ersetzen.

Die schon der Wissenschaft eingeprägte Ambivalenz, Segen oder Fluch über die Menschen zu bringen, dem Frieden oder dem Krieg zu dienen, wird durch die Verfügung über die Atomenergie millionenfach verstärkt. Durch diese Errungenschaft wurde die Naturwissenschaft völlig aus ihrem philosophischen Elfenbeinturm herausgedrängt. „Wissen ist Macht“ hatte schon im 16. Jahrhundert der englische Staatsmann und Philosoph Francis Bacon, Begründer des Empirismus, verkündet. Das ursprünglich vor allem auf Erkenntnis und Wissen gerichtete Interesse der Naturwissenschaft wurde weiter in Richtung auf die praktische Anwendung dieses Wissens gedrängt, dem Know-how, der Manipulation natürlicher Prozesse zur Erreichung bestimmter, gewollter Zwecke.

Dürfen wir alles tun, was wir können? fragen sich heute viele angesichts dieser bedrohlichen Entwicklung. Dieses Unbehagen spitzt sich bei manchen in der Forderung zu, daß den Forschern künftig ihr Handwerk gelegt werden müsse, um der Menschheit eine Überlebenschance zu geben. Sie sehen den Naturwissenschaftler in der Situation des Zauberlehrlings, der die Geister, die er rief, nun nicht mehr bändigen kann. Diese Vorstellung hat einen wahren Kern. Sie charakterisiert aber die Lage der Naturwissenschaftler nur ungenügend, da die meisten von ihnen es gar nicht als ihre Aufgabe ansehen, die von ihnen entfesselten Kräfte selbst zu bändigen. Ihre Aufgabe, so meinen sie in ihrer »Bescheidenheit«, war ja nur zu rufen, die Bändigung muß den Menschen in ihrer Gesamtheit gelingen und den von ihnen beauftragten Vertretern, den Politikern, überlassen bleiben.

Edward Teller hat diesen Standpunkt immer stark vertreten und auch die Meinung, daß wir trotz aller Gefahren alles tun müssen, was wir können und dies sogar so schnell wie möglich, um keinen anderen zuvorkommen zu lassen. Hierbei hat er implizit immer angenommen, daß die Schnelleren auch die Besseren und diese selbstverständlich die USA sind. Eine noble Zurückhaltung führt, so meinte er, wegen der immer schwelenden Gefahr des Ausbrechens nur zu Instabilität. Ich bin hier dezidiert anderer Meinung. Seine Vermutung mag ohne zusätzliche Stabilisierungsmaßnahmen richtig sein. Doch warum sollten wir auf solche verzichten? Auch menschliches Zusammenleben ist in hohem Grade ein Plus-Summenspiel und benötigt dieses als notwendige Grundlage. Andererseits ist doch auch offensichtlich, daß dieser von Teller als unvermeidlich angenommene unerbittliche Wettlauf zu einer Eskalation und damit zu einem nicht minder gefährlichen, instabilen »Gleichgewicht des Schreckens« führt.

Im Gegensatz zur Wissenschaft, die sie betreiben, haben die meisten Wissenschaftler den Elfenbeinturm nicht verlassen und wollen ihn auch gar nicht verlassen. Obgleich sie mit ihrem Tun die Welt täglich verändern, sprechen sie in ihrer Mehrzahl immer noch von Erkenntnissuche, von faustischem Drang und von Befriedigung natürlicher Neugierde, sie bezeichnen ihr Tun als »Wissen«-schaft, was eigentlich schon lange zur »Machen«-schaft geworden ist. Wissen und Machen, Verstehen und Handeln sind für den Menschen selbstverständlich beide wichtig. Hierüber sollte kein Mißverständnis aufkommen. Es geht nicht darum, das eine vor dem anderen auszuzeichnen. Sie ergänzen und bedingen einander. Doch Machen und Handeln erfordern Verantwortlichkeit von dem, der manipuliert, der Wissen ins Werk setzt, denn unsere Kräfte sind zu groß geworden, als daß die Natur unsere Stöße und Tritte noch abfedern, als daß sie unsere Mißgriffe und Mißhandlungen uns noch verzeihen kann. Die Frage ist allerdings, ob und wie der Naturwissenschaftler diese Verantwortung wahrnehmen kann.

Verantwortlichkeit kann dabei nicht einfach in die Forderung münden, alles Mögliche weiterhin zu tun, aber dabei nur wesentlich vorsichtiger vorzugehen. Es macht keinen Sinn, eine fehlerfreie Welt anzustreben, denn Kreativität verlangt notwendig Fehlerfreundlichkeit. Diese aber erfordert Moderation und Entschleunigung.

Aber wer soll hierbei die Hauptverantwortung tragen? Kommen hier neue Befugnisse auf den Wissenschaftler zu oder wird diese weiterhin allein in der Kompetenz der die Allgemeinheit vertretenden Politiker liegen? Dies ist eine schwierige Frage. Sowohl das eine wie das andere erscheint höchst unbefriedigend. Flugzeugingenieure würden doch fahrlässig handeln, wenn sie einen voll geladenen Jumbo einem total unerfahrenen »Piloten« überlassen würden, nur weil dieser mit Mehrheit dafür gewählt worden ist.

Die Entwicklung der Atombomben charakterisiert jedoch nicht nur wegen Hiroshima und Nagasaki einen tiefen Einschitt, sondern auch dadurch, daß sie das Ergebnis eines Großforschungsunternehmens waren. Diese Erfahrung hat in der Folge ganz wesentlich die Ausweitung von Großforschung und Großtechnik stimuliert und damit neue Machtinstrumente und neue Abhängigkeiten geschaffen, die aktive Partizipation und kreative Entfaltung des Einzelnen behindern können.

Eine Fixierung auf die Gefahren der Bombe als dem »sogenannten Bösen« birgt außerdem die große Gefahr, ihr friedliches Gegenstück, den Kernenergiereaktor, als das »eigentlich Gute« zu idealisieren und dessen große immanente Gefahren zu übersehen. Ja, es erscheint sogar für die »Bombenbauer« aufgrund ihrer Betroffenheit fast ein zwingendes Bedürfnis zu sein, den Kernenergiereaktor in diesem hellen Lichte erscheinen zu lassen, um der propagierten Wertfreiheit der Wissenschaft, bei der der Unterschied zwischen »Gut« und »Schlecht« nur in der Anwendung liegen soll, wieder zu voller Geltung zu verhelfen.

Voraussetzungen für die Verantwortung des Forschers

Lassen Sie mich angesichts der bedrohlichen Folgen wissenschaftlicher Forschung nun etwas ausführlicher auf die schwierige Frage der Verantwortung des Naturwissenschaftlers zurückkommen.

Wenn davon gesprochen wird, daß Verantwortung übernommen werden soll, müssen wir immer genauer fragen: Wer hat Verantwortung vor wem und für was? Hierbei drückt die Übernahme von Verantwortung eine Bereitschaft aus – gewöhnlich gegenüber den Mitmenschen, manchmal gegenüber der ganzen Menschheit oder sogar der ganzen Schöpfung – für die durch eigenes Handeln verursachten Folgen persönlich einzustehen und auf eine geeignete Weise zu bürgen. Verantwortung bedeutet also: Persönliche Bürgschaft für ursächliches Handeln, wobei gelegentliches Nicht-Handeln als mögliche verantwortliche Haltung selbstverständlich mit inbegriffen ist.

Die Bejahung einer Verantwortung des Forschers für sein Tun scheint also dreierlei zu verlangen:

  1. Es muß allgemein verbindliche Wertmaßstäbe geben, mit Hilfe derer der Forscher seine Handlungen als mehr oder weniger vernünftig oder unvernünftig, nützlich oder schädlich, gut oder böse einstufen kann.
  2. Der Forscher muß wirklich in der Lage sein, die Folgen seines Tuns vorauszusehen. Denn ursächliches Handeln bedeutet doch, daß bestimmte Wirkungen in der Zukunft sich von dem Forscher genau antizipieren lassen, oder umgekehrt, wenn die Wirkungen einmal eingetreten sind, sich diese auf seine vorherigen Handlungen schlüssig zurückführen lassen müssen.
  3. Der Wissenschaftler muß wirklich selbst – und nicht irgendjemand anderer an seiner Stelle – für die negativen Folgen in einer für ihn relevanten Weise zur Rechenschaft gezogen werden können.

Es ist offensichtlich, daß alle diese Voraussetzungen – verbindliche Bewertung, Prognosefähigkeit und Haftungsmöglichkeit – nur in den allerseltensten Fällen ausreichend, wenn überhaupt, erfüllt sein werden. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß viele – und darunter vor allem die Naturwissenschaftler selbst – kategorisch verneinen, daß es eine besondere Verantwortung des Naturwissenschaftlers gibt, die über das an Verantwortung hinausgeht, was von jedem anderen Menschen auch verlangt werden soll.

Verbindliche Bewertung?

Gewöhnlich wird bestritten, daß es für wissenschaftliche Erfahrung so etwas wie eine in einem vagen Sinne verbindliche Bewertung gibt. Die Wissenschaftler werden nicht müde, immer wieder darauf hinzuweisen, daß Wissenschaft letztlich wertfrei sei, und daß ihre Ergebnisse, wie jegliches Wissen, erst durch die praktische Handhabung und die gesellschaftliche Umsetzung eine Bewertung erfahren, denn erst durch diese Umsetzung werde ihr Schaden oder Nutzen für den Menschen evident. Wissenschaft, so wird deshalb gefolgert, müsse ganz allgemein und bedingungslos gefördert werden, denn Mehrwissen bedeutet immer auch mehr Einsicht, mehr Verständnis, bessere Orientierung, höhere Erkenntnis. Eine Wertung erfolgt hierbei nur unter dem Kriterium »richtig oder falsch«, im Sinne einer Stimmigkeit oder Selbstkonsistenz. Und diese Wertung gilt uneingeschränkt, sie ist wesentlicher Bestandteil jeglicher Wissenschaft.

Eine Bewertung in bezug auf die Bedeutung für den Menschen, die menschliche Gesellschaft, die Biosphäre, unsere Mitwelt, die Schöpfung insgesamt, stellt sich also nur, so meinen sie, bei der Anwendung dieses Wissens, das heißt bei der absichtsvollen Auswahl und Präparation spezieller Anfangs- und Randbedingungen, die geeignet sein sollen, die von den Wissenschaftlern aufgedeckte Naturgesetzlichkeit zu ganz bestimmten, von uns angestrebten Folgen zu zwingen. Schaden für die Menschen und Zerstörung können dabei beabsichtigt oder unbeabsichtigt entstehen. Bei den Waffen jedenfalls ist dies das direkt von den Anwendern angestrebte Ziel. Die Anwendung wissenschaftlicher Kenntnisse und die Bewertung, die sie als gut und vernünftig ausweist, erscheint bei dieser Sichtweise nicht als Aufgabe der wissensvermittelnden und wissenschaftsfördernden Institutionen, wie etwa der Universitäten und Forschungsinstitute, sondern diese Bewertung sollte durch die Betroffenen und Nutznießer, durch die ganze Gesellschaft und ihre Politiker, als die durch sie legitimierten Repräsentanten, erfolgen.

So überzeugend diese Argumentation erscheint, so halte ich sie trotzdem für falsch. Denn es gibt kein faktisches Wissen ohne Wertung. Eine Wertung des faktischen Wissens geschieht auf doppelte Weise, nämlich in einem grundsätzlichen und einem mehr praktischen Sinne.

Lassen Sie mich zunächst etwas zur grundsätzlichen Wertung sagen. Es gibt wohl so etwas, wie eine wertfreie Wissenschaft, aber diese ist ein Begriffsgebäude, das zunächst nichts mit der eigentlichen Wirklichkeit, von der Wissenschaft angeblich handelt, zu tun hat. Jede die eigentliche Wirklichkeit interpretierende Wissenschaft muß letztlich, um relevant zu sein, aus ihrem logisch strukturierten und – bei den Naturwissenschaften – mathematisch präzisierten Begriffsgebäude heraus und die Brücke zur eigentlichen Wirklichkeit, was immer wir auch darunter verstehen wollen, schlagen, und dies kann nicht ohne eine wissenschaftlich nicht mehr beweisbare, da aus dem Gebäude herausführende, Wertung erfolgen.

Wenn wir uns die Frage stellen, ob faktisches Wissen ohne Wertung möglich ist, so denken wir gewöhnlich jedoch nicht an diesen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen Wissen und Wertung, sondern betrachten diese Frage nur im Rahmen einer streng objektivierbaren, also prinzipiell prognostizierbaren Welt. Die Wertung von Wissen stellt sich hier in einem praktischen Sinn. Sie hängt wesentlich davon ab, inwieweit Wissen zum Ausgangspunkt von Handlungen wird, die Wissenschaft sich als `Machen'schaft, als angewandte Wissenschaft, versteht.

Die Unterscheidung zwischen angewandter Wissenschaft und Grundlagen-Wissenschaft hat eine gewisse Berechtigung durch die bei der Erforschung verwendete Methode, aber im Hinblick auf die Bewertungsfragen und der mit diesen zusammenhängenden Fragen nach einer besonderen Verantwortung der Wissenschaftler für ihr Tun, ist diese Unterscheidung zu ungenau. Bei der Wertungsfrage kommt es weniger auf die Methode als auf die Motive an. Wissenschaft hat im wesentlichen zwei unterschiedliche Motive: sie möchte etwas erkennen und wissen – die eigentliche Wissenschaft –, aber sie möchte auch etwas machen, sie möchte manipulieren und verändern – was ich, ohne den umgangsprachlich negativen Unterton, als Machenschaft bezeichnet habe.

Die besondere Hervorhebung der absichtsvoll handelnden Wissenschaft in diesem Zusammenhang soll nicht bedeuten, daß die auf reine Erkenntnis ausgerichtete Wissenschaft auf eine Bewertung verzichten kann. Dies ist nicht der Fall, denn die Grenzen zwischen erkenntnisorientierter und anwendungsorientierter Wissenschaft sind äußerst verschwommen. Die erkenntnisorientierte Wissenschaft ist ja heute kaum mehr eine passiv betrachtende Wissenschaft, sondern eine experimentelle Wissenschaft, die unter höchstem technischem Aufwand der Natur ihre tiefsten Geheimnisse abzupressen versucht. Die anwendungsorientierte Forschung andererseits verlangt in hohem Maße eine gründliche und detaillierte Untersuchung von bestimmten Teilphänomenen, die in der üblichen Betrachtung zur Grundlagenforschung gerechnet wird und als solche sich methodisch kaum von der erkenntnisorientierten Forschung unterscheidet.

Daß zwischen erkenntnisorientierter Wissenschaft und anwendungsorientierter Wissenschaft ein kontinuierlicher Übergang besteht, bedeutet nun andererseits nicht, daß zwischen diesen beiden Motiven kein klarer Unterschied besteht. Auch Tag und Nacht unterscheiden sich prinzipiell, obgleich es auch hier schwierig ist, genau anzugeben, wann der Tag aufhört und die Nacht beginnt. Wir behelfen uns in einem solchen Falle damit, daß wir irgendwann in der Dämmerung eine Grenzlinie ziehen. Die genaue Lage der Grenzlinie ist dabei unwichtig. Auf ähnliche Weise wird es deshalb auch sinnvoll sein, zwischen der erkenntnisorientierten und anwendungsorientierten Wissenschaft eine Unterscheidung zu machen. Die Notwendigkeit einer Wertung von Wissenschaft wird wichtiger, je mehr sie sich vom Wissen zum Machen verlagert.

Lassen Sie mich dies am Beispiel der Atombombe erläutern:

Um so etwas wie eine Atombombe künftig verhindern zu wollen, wäre es nicht nötig, einem Otto Hahn seine erkenntnisorientierte Forschung zu verbieten. Es war ja nicht so, daß ein nach Transuranen suchender Otto Hahn als zufälliges Abfallprodukt seiner Forschung plötzlich eine Atombombe in seinen Händen hielt. Die Atombombe leitet sich in der Tat von der Hahn'schen Entdeckung der Atomkernspaltung ab, aber die Entwicklung der Bombe benötigte eine gigantische Spezialforschung, die genau mit dem Ziel durchgeführt wurde, eben diese Massenvernichtungswaffe herzustellen. Ihr Bau wurde von der menschlichen Gesellschaft, genauer gesagt, einer von ihr, wie sie wenigstens glaubten, dazu legitimierten Gruppe von Politikern beschlossen. Die Entwicklung der Atombombe war dabei grundverschieden z.B. von der Entwicklung eines Atomreaktors.

Im Falle der Atomphysik erscheint also ziemlich klar erkennbar, wo eine Grenzlinie zwischen erkenntnisorientiertem und zweckorientiertem Forschen mit nützlichen oder schädlichen Auswirkungen gezogen werden könnte. An dieser Grenzlinie muß Verantwortung einsetzen. Eine solche klare Abgrenzung ist selbstverständlich nicht in allen Bereichen der Physik möglich. Ich denke hierbei etwa an die Elektronik, wo nützliche und schädliche Anwendungen sehr eng beieinander liegen. Noch fragwürdiger wird diese Unterscheidung, wie mir scheint, auf dem Gebiet der Biologie und insbesondere der Molekularbiologie. Ein einzelner Forscher könnte dort wohl unabsichtlich in seinem Laboratorium ein »Virus« fabrizieren, das wegen seiner prinzipiell angelegten Reproduktionsmechanismen in Analogie zu einer Kettenreaktion verheerende Konsequenzen für die Menschheit haben könnte.

In dem Maße jedenfalls, wie Forschung heute Großforschung, Technik Großtechnik wird, oder Wissenschaft mit den natürlichen Steuerungs- und Verstärkungsmechanismen manipuliert, darf Wissen nicht mehr wahllos angehäuft und hemmungslos umgesetzt, sondern muß nach allgemeinen ethischen Grundsätzen bewertet und behutsam verwendet werden. Wir sollten dabei immer im Auge behalten, daß es hierbei primär um eine Gefährdung des Menschen geht und nicht um die Gefährdung der »Natur« mit ihren vielfältigen Ausdrucksformen. Aufgrund der enormen Verstärkungsfaktoren können wir künftig nicht mehr nach dem alten Muster verfahren, unbedacht in neue Wissensgebiete vorzudringen, ungehemmt die zugehörige Technik zu entwickeln und dann unser Leben recht und schlecht an die durch sie veränderten Gegebenheiten anzupassen. Die Bewertung muß sich dabei an den Regeln eines Plus-Summenspiels orientieren, die dem Einzelnen im Ganzen seinen Sinn gibt.

Prognosefähigkeit

Für verantwortliches Handeln eines Naturwissenschaftlers erscheint die Prognosefähigkeit unabdingbar. Inwieweit ist aber ein Naturwissenschaftler wirklich in der Lage, die zukünftigen Folgen seines Tuns erfolgreich prognostizieren zu können?

Eine Prognose zukünftiger Folgen scheint besonders schwierig in der Grundlagenforschung, bei der Neuland betreten wird. Doch auch für die angewandte Forschung ist eine solche Prognose sehr kompliziert und nur in beschränktem Maße möglich. Jedenfalls wird eine genaue Prognose auch unter günstigsten Umständen – schon wegen der naturgesetzlich bedingten prinzipiellen Grenzen – nie möglich sein. Daraus soll man jedoch nicht ableiten, wie dies oft geschieht, daß der Forscher für sein Tun auch prinzipiell keine Verantwortung übernehmen kann und deshalb auch keine Verantwortung trägt. Denn, um Verantwortung zu übernehmen, ist keine genaue Prognose nötig. Wichtig vor allem ist, daß der Forscher versucht, die »Topologie« seines Forschungsgeländes auszuspähen, bevor er sich auf den Weg begibt. Er muß sich bei seiner Entscheidung dabei an der ungünstigsten Prognose orientieren.

Die Topologie, die Gestalt, eines Gebiets jedoch wahrzunehmen, verlangt, daß man dieses Gebiet nicht nur als kurzsichtiger Spezialist abtastet, sondern es gewissermaßen auch aus der Distanz in seiner Ganzheit betrachtet hat. Diese Voraussetzung ist heute kaum mehr gegeben. Unser Wissen ist heute in viele Einzeldisziplinen zerstückelt, die jeweils nur noch ein Fachmann übersehen und »verstehen« kann, wobei »verstehen« meist nicht sehr viel mehr bedeutet, als daß dieser Fachmann mit seinem Gebiet mehr oder weniger vertraut ist, daß er sich darin, wie etwa in seiner Wohnung, bewegen und zurechtfinden kann.

Das Wissen in seiner Gesamtheit, wie es durch die Wissenschaften vermittelt wird, ist deshalb für den Einzelnen in diesem Sinne nicht mehr erfaßbar und überschaubar. Wir fühlen uns trotz großer Anstrengung von den ständig wachsenden Anforderungen an unsere Auffassungsfähigkeit überfordert. Wir helfen uns in dieser Notlage, daß wir aufgeben, alles geistig durchdringen und verstehen zu wollen und bauen »schwarze Kästen« ein, die wir – ähnlich wie Autos, Fernseher, Waschmaschinen – einfach durch Knopfdruck und Hebel bedienen, ohne ihre Wirkungsweise eigentlich zu verstehen. In dieser uns überfordernden Situation laufen wir Gefahr, daß uns die Wirklichkeit auf die Existenz und Wirkung der vielen Werkzeuge und technischen Hilfsmittel reduziert erscheint, mit denen wir uns so reichlich umgeben haben. Unsere hochdifferenzierte und harmonisch-natürliche Mitwelt erschließt sich für uns nur noch durch die Vermittlung einer von uns selbst geschaffenen, einfältigen, mechanistisch strukturierten und funktionierenden Teilwelt. Diese primitive Teilwelt verstellt uns den Blick auf die weit vielfältigere und differenziertere eigentliche Wirklichkeit und isoliert uns von ihr.

Wie soll es uns heute gelingen, aus der Einzelbetrachtung von vielen verschiedenen Disziplinen wieder zu einer Gesamtbetrachtung zu kommen, welche die Voraussetzung darstellt, Verantwortung überhaupt wahrnehmen und übernehmen zu können?

Verschiedenartiges Wissen in einem einzigen Kopf unterzubringen, ist nicht nur ein Problem der Fülle, sondern vor allem auch der Frage, ob und auf welche Weise es uns gelingt, Andersartiges und Fremdartiges harmonisch miteinander zu verknüpfen und konstruktiv in Beziehung zu setzen. Denn es geht ja nicht darum, verschiedenartige Teile einfach nebeneinander aufzureihen, sondern letztlich diese harmonisch zu einem höher geordneten Ganzen zusammenzuführen.

So erlaubt die Verschiedenartigkeit der Buchstaben uns nicht nur ein Alphabet hinzuschreiben, sondern mit diesen Buchstaben lassen sich Worte bilden, mit denen wir eine Fülle von Gedanken einfangen können, was uns mit Einzelbuchstaben nicht gelingt. Und wir können in diesem Strukturbildungsprozeß weiter fortfahren: Aus Worten können wir Sätze und aus Sätzen lange Abhandlungen und ganze Bücher aufbauen. Das Ganze ist mehr als die Summe seiner Teile. Wie könnte Literatur erzeugt werden, wenn 26 Spezialisten in einen Raum zusammengesperrt werden würden, von denen jeder nur den Gebrauch eines einzigen Buchstaben beherrscht? Und wie erst könnte dies gelingen, wenn wir sogar die A-Spezialisten, B-Spezialisten usw. noch auf 26 verschiedene Räume eines Gebäudes, das wir dann Universität nennen, verteilen und wir sie im wesentlichen nur jeweils mit sich selber reden lassen würden?

Die schwierigen und drängenden Probleme unserer Zeit werden sich nicht lösen lassen, wenn es uns nicht gelingt, unser vielfältiges Spezialwissen geeignet zu einem größeren Ganzen zu vernetzen und zu vereinen. Das Ziel unserer Erziehung muß sein, eine T-Intelligenz heranzubilden, eine Intelligenz, die man durch den Großbuchstaben »T« charakterisieren kann. Der vertikale Balken des »T« soll hierbei Tiefe und Professionlität auf einem bestimmten Fachgebiet symbolisieren. Denn ohne Kenntnis von Details können wir die Komplexität eines Geschehens nicht ausreichend ermessen. Dieses Detailwissen muß jedoch mit einer globalen Betrachtungsweise verbunden, muß in einen größeren Zusammenhang eingebettet sein, wie dies durch den Horizontalbalken des »T« zum Ausdruck kommt. Ganzheitliche Schau und konkretes detailliertes Handeln bezeichnen in gewisser Weise entgegengesetzte Erfahrungshaltungen, die sich wechselseitig ergänzen. Wir müssen lernen, beide in unser Leben einzubinden.

Haftungsmöglichkeit

Bei dem heute üblichen Vergleich von Risiken wird der Aspekt, in welcher speziellen Situation Menschen überhaupt vernünftig Verantwortung übernehmen können, gänzlich außer Acht gelassen. Dies zielt vor allem auf die Frage einer möglichen persönlichen Haftung eines Verantwortlichen.

Das Risiko bei einer technischen Manipulation, z.B. beim Betreiben einer technischen Einrichtung, wird gewöhnlich definiert als das Produkt aus dem maximalen Schadensumfang, der bei einem möglichen Störfall entstehen kann, multipliziert mit der Wahrscheinlichkeit für das Eintreten dieses Störfalls.

Bei sehr hohen Schadenspotentialen, wie sie z.B. Atomkraftwerken innewohnen, liegt die eigentliche Schwierigkeit darin, daß man die Eintrittswahrscheinlichkeit eines Störfalls durch geeignete Maßnahmen ganz extrem absenken muß, um – wie man glaubt – für den Menschen akzeptable Risiken zu erreichen. Wie will man aber die Eintrittswahrscheinlichkeit in solch extremen Situationen überhaupt verläßlich abschätzen? Man kann hierzu nicht einfach die praktische Erfahrung heranziehen, wie dies die Versicherungsgesellschaften bei der Berechnung ihrer Prämien für Autounfälle machen. Wir können es uns nicht leisten, die Reaktorsicherheit aus einer statistischen Analyse von Atomreaktorunfällen zu ermitteln, da eigentlich kein einziger solcher Unfall passieren darf. Wir müssen deshalb zu theoretischen Berechnungen greifen. Wir können die Störanfälligkeit von bestimmten Komponenten der Gesamtanlage, für die praktische Erfahrungen vorliegen, in Rechnung stellen und ihre Verkopplung mit anderen Komponenten geeignet berücksichtigen. Diese haben jedoch, wie alle statistischen Feststellungen, keine Aussagekraft für den Einzelfall.

Wir können die Störanfälligkeit des Gesamtsystems herabsetzen, indem wir wichtige Funktionen mehrfach absichern. Je größer und komplexer das Gesamtsystem jedoch wird, umso höher wird andererseits die Gefahr, daß sich durch eine unglückliche Verkettung von Umständen doch ein Störfall ereignet. Jeder macht in seinem Leben die Erfahrung, daß einfache und übersichtliche Systeme oft störungsfreier arbeiten als die hochraffinierten bis zum letzten ausgeklügelten Systeme. Bei hochkomplexen Systemen wird es immer schwieriger, alle prinzipiell möglichen Störfälle im voraus zu bedenken und ihre Eintrittswahrscheinlichkeit verläßlich abzuschätzen. Der eigentliche Begrenzungsfaktor für eine solche Abschätzung liegt letztlich in unserer eigenen mangelhaften Phantasie, uns nämlich vorstellen zu können, was eigentlich alles passieren könnte. Je phantasieloser wir sind, umso geringer erachten wir das Risiko, umso höher unsere Sicherheit. Da wir nicht alles überblicken, bleibt immer ein Restrisiko.

Dies soll keine Kritik an den Sicherheitsexperten sein. Sie versuchen das Menschenmögliche. Sie haben die feste Absicht, verantwortlich zu handeln. Keiner von uns könnte sie wohl an Sorgfalt übertreffen. Sie und wir alle sind nach jedem Unfall ein Stück schlauer – das gleiche wird uns nicht ein zweites Mal mehr passieren! Trotz aller Sorgfalt kann es nie völlige Sicherheit geben. Insbesondere entzieht sich die Wechselwirkung zwischen Mensch und Maschine jeglicher Berechnung.

Gut, wird man sagen, wir müssen eben alle mit einem gewissen Risiko leben. Was ist jedoch zumutbar? Die Frage der Zumutbarkeit läßt sich nicht beantworten, ohne den Kreis der Betroffenen zu betrachten. Besonders fragwürdig ist die Situation, wenn durch unsere Entscheidungen unbeteiligte Personen betroffen werden, ohne daß diese eine Entzugsmöglichkeit besitzen. Der extremste Fall in dieser Richtung sind Entscheidungen, welche die Lebensgrundlage der Menschheit bedrohen oder zerstören würden, was z.B. bei einem globalen Atomkrieg geschehen würde.

Aus ethischen Gründen, aus unserer Achtung vor der Würde des Menschen, aus unserem Demokratieverständnis darf ein verantwortungsbewußter Mensch keine Technik betreiben, die bei Störfällen zu unzumutbaren Schäden führt, auch dann nicht, wenn er glaubt, daß die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Störfall sehr klein ist. Denn wir wissen, daß »sehr klein« nie »ausgeschlossen« bedeutet und wegen unserer Phantasielosigkeit und menschlicher Bösartigkeit oder moralischer Unzulänglichkeit in der praktischen Realität auch gar nicht so klein ausfallen wird. Denn niemand kann Verantwortung für etwas übernehmen, dessen schlimme Folgen nicht er, sondern hauptsächlich andere ertragen müssen.

Zusammenfassung

Der Naturwissenschaftler ist heute nicht nur ein Philosoph, ein Mensch, der mit seinem analytischen, fragmentierenden Denken und der daraus resultierenden wissenschaftlichen Methodik und experimentellen Technik zu erkunden sucht, »was die Welt im Innersten zusammenhält«, wie diese Welt, das Universum, entstanden ist, wie es zur Vielfalt seiner Struktur kam, zu unserer Erde, dem Lebendigen auf ihr, mit seinen Myriaden von Pflanzen und Tieren und insbesondere uns selbst, uns Menschen, die wir uns als Krönung dieser Schöpfung betrachten, begabt mit der eigenartigen Fähigkeit, durch unser Bewußtsein in gewisser Weise aus der Schöpfung herauszutreten und sie von außen betrachten zu können. Der Naturwissenschaftler ist nicht nur dieser sinnende und erkennende Betrachter, er ist vor allem der schöpferisch Tätige und Handelnde, der aufgrund seines Wissens um die kausalen Verknüpfungen des Naturgeschehens wesentlich in dieses eingreifen kann. Als solcher trägt er Verantwortung, die sich an überkommenen Werten, an traditionellen ethischen und moralischen Normen orientieren muß. Ihrem Wesen nach stehen diese Normen außerhalb einer wissenschaftlichen Diskussion. Sie liegen auf einem fundamentaleren Niveau. Ihre Sinnhaftigkeit haben diese Normen – wenn ich dies vom naturwissenschaftlichen Standpunkt aus betrachte – durch ihre Bewährung in einer jahrmilliarden langen Evolution erhalten, welche die Struktur eines Plus-Summenspiels hat.

Der Naturwissenschaftler kann diese Verantwortung nur auf sich nehmen, wenn er sein spezielles Tun auf dem Hintergrund eines umfassenden Wissens und in enger Beziehung zu diesen bewährten traditionellen Werten vollzieht. Er muß sich bewußt sein, daß trotz der erstaunlichen Einsichten, die uns die Naturwissenschaften über die Welt vermittelt haben und trotz der mächtigen Werkzeuge zur Manipulation dieser Welt, die ihm aus dieser Erkenntnis erwachsen sind, er immer noch unendlich weit davon entfernt ist, die Natur wirklich im Griff zu haben. Schon aufgrund der nicht-deterministischen Naturgesetzlichkeit läßt sich die Natur prinzipiell nie in den Griff bekommen. Vor allem aber die enorme Komplexität und die vielfältige Wirkungsverschränkung der Natur, die eine ständige Entfaltung von Neuartigem begünstigt und die Möglichkeit zu immer höheren Ordnungsstrukturen eröffnet, machen darüber hinaus langfristige Prognosen und damit eine streng kontrollierte Manipulation praktisch unmöglich. Verantwortliches Handeln verlangt deshalb von einem Wissenschaftler, daß er sich über sein Spezialwissen hinaus um die Einbettung seines Fachgebiets in ein umfassenderes Wissen nach besten Kräften bemühen muß, daß er immer wieder versucht, sein spezielles Tun von einer allgemeineren Warte aus zu betrachten und in einen größeren Zusammenhang einzuordnen.

Verantwortliches Handeln bedeutet jedoch auch, daß ein Naturwissenschaftler sich immer bewußt bleiben muß, daß er an einem hochdifferenzierten und hochgeordneten System manipuliert, das sich in dieser Form in Jahrmilliarden entwickelt und bewährt hat und von dem er, als Wissenschaftler, trotz seiner Schlauheit, was die Vielfalt der Wechselbeziehungen und ineinandergreifenden Regelkreise des Systems anbelangt, nur ganz wenig versteht. Es kann also nicht seine Aufgabe sein, die Gesamtsteuerung der Natur bewußt in die Hand zu nehmen und sie mit größter Gewissenhaftigkeit und Umsicht betreiben zu wollen, wie dies heute manchmal von Biologen gefordert wird. Welche Überschätzung menschlicher Fähigkeiten, welche Vermessenheit spricht aus dieser Vorstellung! Sie übersieht die enorme Komplexität, die vielfältige Vernetztheit natürlichen Geschehens, die selbst der besten und wohlüberlegtesten Steuerung unüberwindliche Hindernisse entgegenstellt und sie daran scheitern lassen würde. Ein solches Vorhaben übersieht, daß die Vorstellung, unsere Welt bestünde aus vielen getrennten Teilen, die dann auch getrennt manipuliert werden könnten, wesentlich mit der analytischen und fragmentierenden Struktur unseres Denkens zusammenhängt.

Verantwortlichkeit bedeutet deshalb vor allem, daß wir uns bemühen müssen, hinter der Mannigfaltigkeit der Geschehnisse wieder den großen »harmonischen« Zusammenhang zu erkennen, und daß wir aufpassen müssen, dieses synergetische Zusammenspiel nicht durch unsere Eingriffe zu zerstören. Konkret erfordert dies von uns, bei allen unseren Handlungen wieder das richtige Maß zu finden. Wenn wir uns selbst zurücknehmen, vermeiden wir das Herauskippen unseres über mehrere Jahrmilliarden gewachsenen Ökosystems aus seinem zwar robusten, aber nicht beliebig unverletzlichen dynamischen Gleichgewicht. Nur bei ausreichender Mäßigung unserer Fähigkeiten bewahren und ermöglichen wir das vielfältige, freie Spiel der Kräfte, das evolutionär zu geeigneten Anpassungen an neue Umstände und zur Bildung neuer Ordnungsstrukturen führt. Unser Handeln muß also auf volle Kooperation mit der Natur und nicht auf ihre Überwindung und Beherrschung ausgerichtet sein. Denn: die Natur kann letztlich ohne den Menschen leben, aber der Mensch nicht ohne die Natur. Wenn wir die Natur mißhandeln, würden wir sie lediglich zwingen, in ihrer Evolution einige Jahrmillionen oder Jahrhundertmillionen zurückzufallen und nochmals mit einem Versuch beginnen zu müssen, ein vielleicht vernünftigeres Geschöpf als den Menschen zu entwickeln, der nicht mehr seine eigenen Lebensgrundlagen zerstört.

Es ist unmittelbar einsichtig, daß wir für das »richtige Maß« keine strengen Regeln vorgeben können. Das »richtige Maß« ergibt sich letzten Endes nur aus einer umfassenden Einsicht. Wir brauchen dazu nicht nur einfach Wissen, sondern Weisheit, welche dieses Wissen aufgrund althergebrachter gewachsener Wertvorstellungen zu einem Ganzen verwebt. Da ein Naturwissenschaftler nicht nur ein Spezialist ist, der mit klarem Verstand über Zusammenhänge in der Natur nachdenkt, sondern als Teil der Natur unmittelbar, obwohl begrifflich nicht scharf faßbar, aus ihrem Urgrund schöpfen und als Mensch vertrauensvoll auf eine lange ethische und moralische Tradition zurückgreifen kann, wird er im Prinzip auch die Fähigkeit haben, dieses »richtige Maß« zu finden, wenn er sich diese Quellen nicht hoffnungslos verschüttet.

Seine Fähigkeit, das »richtige Maß« zu finden, wird allerdings völlig überfordert, wenn es auf hohe Präzision ankommt. Dies heißt, daß er alles tun muß, um nie in eine Situation zu kommen, wo solch eine Präzision notwendig wird. Bildlich gesprochen darf ein Naturwissenschaftler nicht über ein Drahtseil mit der Menschheit auf dem Buckel balancieren, da eine geringfügige Abweichung vom »richtigen Maß« die absolute Katastrophe für die Menschheit bedeuten würde. Verantwortliches Handeln verlangt hier, eine Aufforderung zu einem solchen Drahtseilakt strikt zu verweigern, oder nach Möglichkeiten zu suchen, die Menschheit nicht mit in dieses Risiko einzubeziehen.

Die Verantwortungsfrage stellt sich für den Naturwissenschaftler heute so dramatisch und erdrückend, weil wir mit unserer Wissenschaft und Technik mit besonderer Vorliebe in Lawinenhängen herumsteigen und über Drahtseile balancieren. Daß wir dies tun, ist kein Zufall: In einer hemmungslosen Wettbewerbswirtschaft kann man seinen Konkurrenten nur abhängen, wenn man versucht, auf irgendeine Weise extreme Situationen anzusteuern. Hiroshima und Nagasaki haben uns ein unübersichtliches Minenfeld eröffnet. Wir sollten alles daran setzen, es radikal zu entschärfen, anstatt einige erlaubte Trampelpfade hindurchzulegen.

Dr. Hans-Peter Dürr

Über Dr. Hans-Peter Dürr
Geb. 1929, promovierte bei Edward Teller, mit dem er trotz aller politischen Kontroversen bis heute freundschaftlich verbunden ist. Von 1957 bis 1976 war Dürr Mitarbeiter von Werner Heisenberg. Im Spektrum bundesdeutscher Physiker ist Prof. Dürr singulär geblieben; er mischt sich politisch ein, und er überschreitet die Grenzen seines Fachs hin zu den Sozialwissenschaften. Mehrere Bücher dokumentieren sein Engagement für gesellschaftspolitische Probleme, sein Grenzgängertum und seine Interdisziplinarität. 1987 wurde ihm der »Alternative Nobelpreis« verliehen (Right Livelihood Award), von 1985 bis 1991 war er Vorstandsmitglied von Greenpeace Deutschland. Hans-Peter Dürr ist gegenwärtig Stellvertretender geschäftsführender Direktor des Max-Planck-Instituts für Physik und Astrophysik in München.

„Beeilt Euch, Genossen!“

„Beeilt Euch, Genossen!“

Stalins Atombombenprogramm

von Igor N. Golovin

Ende der dreißiger Jahre begann ich die Anwärterschaft der Moskauer Universität und war mit der Theorie der Kernkräfte unter Leitung eines der größten russischen theoretischen Physikers der Zeit, Igor Tamm, beschäftigt. Dann besuchte ich regelmäßig jede Woche das Kernphysikseminar im physikalischen Institut der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion. Das Seminar leiteten Skobelzin und Tamm. Als Mitglieder hatten Frank, Weksler, Cherenkov und andere aktive Experimentatoren und Theoretiker teilgenommen.

Im Januar 1939 veröffentlichte die Zeitschrift „Naturwissenschaften“ die erstaunliche Nachricht über die Entdeckung von Hahn und Straßmann. Unmittelbar danach wurde klar, daß es möglich ist, die Atomenergie für die Menschheit nutzbar zu machen.

Sofort begannen unsere Kernphysiker in Moskau, Leningrad und Charkov, Experimente auf diesem Gebiet durchzuführen. Im Leningrader Physikalisch-Technischen Institut bei Abraham Ioffe war der aktivste Mitarbeiter I.V. Kurchatov, der mich in mehreren Konferenzen und Seminaren bereits beeindruckt hatte und voller Energie und Geist war. Er widmete seine ganze Kraft und die seiner Labormitarbeiter der Lösung der wichtigen Frage, ob die Kettenreaktion möglich sei. In seinem Labor waren schon im Sommer 1939 die wichtigsten Berechnungen durchgeführt und die Zahl der Neutronen, die durch eine Spaltung frei werden, gemessen worden. Ein wenig später haben mit Kurchatovs Hilfe Flerov und Petrshak die spontane Spaltung ohne Neutronenbestrahlung durchgeführt. Bald danach wurde deutlich, wie wichtig diese Erkenntnisse für die Atombombenentwicklung sind.

Im Institut der physikalischen Chemie, das gerade aus dem Institut von A. Ioffe ausgegliedert worden war und unter Semenovs Leitung stand, arbeiteten zwei junge, sehr begabte Theoretiker: Chariton und Zeldovich. Sie besuchten Kurchatovs Seminar und begannen sofort die Theorie der Kettenreaktion bei der Uranspaltung zu entwickeln. Sie wiesen nach, daß die Reaktion entweder ruhig fließend gesteuert sein kann oder zur Explosion führt. Sie hatten ausgerechnet, daß in beiden Fällen eine riesige Menge Energie frei wird.

Sobald aus den Zeitschriften und Kurchatovs Messungen die notwendigen Werte bekannt wurden, rechneten sie die kritische Uranmasse aus, die notwendig wäre, um eine Explosion auszulösen. Im Juli 1939 erzählte Chariton, daß hierzu ca. 10 kg Uran-235 notwendig sind, und erklärte, daß z.B. im Falle einer solchen Explosion über dem Zentrum Moskaus nicht nur die Stadt vollständig bis zur Stadtgrenze zerstört werden würde, sondern auch die ganze Umgebung. N. Semenov schrieb sofort an das zuständige Ministerium. Er bekam leider keine Antwort.

Der Akademiker Chlopin aus dem Radium-Institut in Leningrad hatte unterdessen die Urankernsplitter sorgfältig identifiziert. Doch die Wissenschaftler Ioffe und Chlopin setzten in der Akademie der Wissenschaften durch, daß eine sogenannte Urankommission gebildet wurde, die einen Plan für die Untersuchung der Kettenreaktion entwickelte. Sie gaben dem Geologen A.E. Fersman den Auftrag, Uranerzlager zu finden.

Die Regierung der Sowjetunion reagierte nicht auf diese Schritte. Im Herbst 1939, vom 15.-20. November, fand in Charkov im Ukrainer Physikalisch-Technischen Institut die alljährliche Kernphysik-Konferenz der Akademie der Wissenschaften statt. Dort versammelten sich 120 Physiker aus 16 Städten der Sowjetunion. Von den ca. 40 Vorträgen beschäftigten sich nur vier mit der Uranspaltung. Es fanden wichtige Diskussionen über die Isotopentrennung statt.

Nach einem Jahr sorgfältiger Untersuchungen zur Uranspaltung fand die nächste Konferenz statt. Vom 20.-26. November 1940 versammelten sich 200 Teilnehmer in Moskau. Von den 40 Vorträgen beschäftigten sich wiederum nur vier mit der Uranspaltung. Doch dieses Mal hielt Kurchatov einen Übersichtsvortrag, in dem seine Schlußfolgerung folgendermaßen lautete: Im Prinzip ist die Frage, ob die Kettenreaktion möglich ist, positiv zu beantworten. Leider gäbe es allerdings große technische Schwierigkeiten, um eine effektive Isotopentrennung für Wasserstoff und Uran zu entwickeln.

Solange Kurchatov die Ergebnisse der Experimente analysierte, wuchs die Spannung im Hörsaal, der bis auf den letzten Platz mit Zuhörern besetzt war. Nachdem Kurchatov seinen Vortrag beendet und den Hörsaal verlassen hatte, begann ein aufgeregtes Gemurmel unter den Zuhörern. Wir fühlten, daß wir an einem großartigen Ereignis teilnahmen.

Der Vorsitzende Chlopin verließ den Saal durch dieselbe Tür wie Kurchatov. Einer nach dem anderen folgten ihm – Ioffe, Lejpunkskij, Chariton und andere. 10 Minuten, 20 Minuten gingen vorbei … Ich hielt es nicht mehr aus und ging auch in das Hinterzimmer. Da war ein Kampf ausgebrochen! Endlich, nach einer halben Stunde, kam Chlopin zurück in den Hörsaal und sagte: „Wir haben die Lage besprochen und sind zu folgendem Schluß gekommen: Obwohl die Resultate sehr wichtig sind, ist es zu früh, sich an die Regierung zu wenden, um in großem Ausmaße die Arbeit weiterzuentwickeln und eine entsprechende Finanzierung einzufordern. In Europa ist Krieg. Die Zeit ist unruhig. Das Geld ist notwendig für andere Dinge.“

Ein enttäuschtes Murren ging durch den Hörsaal. Wie konnte so etwas geschehen? Waren wir eingeschläfert durch die Reden, die besagten, daß unsere Grenzen fest versperrt sind und kein Feind sie durchbrechen kann?

Es scheint mir heute, daß unter uns Physikern nur Chariton, der einige Jahre vorher durch Deutschland gereist war und das Verhalten der Hitlerjugend mit eigenen Augen gesehen hatte, die Gefahr richtig einschätzte. Nachdem er nach Hause kam, verließ er die Kernphysik, die er damals als »abstrakt« empfand, und entwickelte die Theorie der chemischen Kettenreaktionen für Sprengstoffe – Explosionen und Detonationen.

Wir müssen uns in Erinnerung rufen, daß bereits ein Jahr bevor uns Chlopin sagte, „es sei zu früh“, Präsident Roosevelt den von Szillard geschriebenen und von Einstein unterzeichneten Brief erhielt, in dem sie die Gefahr beschrieben, daß Hitler die Möglichkeit hatte, eine Atombombe zu bauen!

Von ziviler Wissenschaft war keine Rede mehr

Nachdem am 22. Juni 1941 Hitlers Truppen unsere Grenzen überschritten, unsere Städte bombardierten und das Leiden begann, war von »ziviler Wissenschaft« nicht mehr die Rede. „Alles für den Sieg.“ „Der Feind wird vernichtet.“ Das war auf den Plakaten, die an unseren Häusern klebten, zu lesen.

Im ersten Kriegsplan von Ioffe war folgendes enthalten:

  • Kosyrevs Radarentwicklung fortsetzen;
  • Aleksandrovs Schiffsverteidigung gegen die magnetischen Treibminen anwenden;
  • Kurchatovs Uranuntersuchungen beschleunigen.

Die Institute aus Leningrad, Moskau und Charkov wurden in das tiefe Hinterland verlegt. Alle Atomuntersuchungen wurden gestoppt.

Erst viel später, 1990, habe ich erfahren, daß schon im Herbst 1941 Berija, das Oberhaupt des Geheimdienstes, Stalin informiert hatte, daß er durch seine Agenten Nachrichten über intensive Arbeiten in England und in den Vereinigten Staaten auf dem Gebiet der Uranbombenerzeugung erhalten hatte. Stalins Antwort war: „Das ist alles Desinformation. Sie wollen unseren Druck gegen Hitler schwächen.“

Im Herbst 1942 hatte Berija dann bereits so viele Dokumente über die Arbeit an der Uranbombe durch seine Agenten erhalten, daß Stalin endlich zu dem Ergebnis kam, daß solch eine Waffe noch in diesem Krieg große Bedeutung erlangen werde.

Im Januar 1943 versammelte er bei sich vier Wissenschaftler: Ioffe, Chlopin, Kapiza und Vernadskij und fragte sie, ob es wirklich möglich sei, eine Uranbombe zu bauen. Die Wissenschaftler bestätigten es und Ioffe benannte Kurchatov zum Leiter dieser bevorstehenden Arbeit.

Am 11. Februar 1943 unterzeichnete Stalin die Regierungsverordnung über die Wiederaufnahme des Uranprojektes, Kurchatovs Berufung zum wissenschaftlichen Leiter des Projektes und die Ernennung von V.M. Molotov, den stellvertretenden Vorsitzenden des Ministerrates, zum Verantwortlichen der Regierung für dieses Projekt.

Am 12. April 1943 wurden in der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion zwei Dokumente unterschrieben. Zum einen wurde in der Akademie der Wissenschaften der UdSSR das Laboratorium N2 eingerichtet und zum anderen wurde Professor I.V. Kurchatov zum Leiter des Laboratoriums N2 berufen. Genau wie diese beiden Dokumente unterlag die gesamte Arbeit im Laboratorium N2 strengster Geheimhaltung. Kurchatov entwarf sofort zusammen mit Chariton, Zeldowich, Flerov, Kikoin und Alichanov das Arbeitsprogramm für die erste Phase.

Bis heute haben wir keine Zeugnisse darüber gefunden, ob Kurchatov 1943 von Fermis Erfolg, im Uran-Graphit-Brüter in Chicago am 2. Dezember 1942 Kettenreationen auszulösen, gewußt hat. Ohne Verzögerung begann er mit ähnlichen Experimenten. Am Moskauer Elektrodenwerk wurde bald die Produktion des extrareinen Graphits aufgenommen. Dies geschah in solchen Mengen, die Kurchatov für völlig ausreichend hielt. Ende 1944 wurde die erste Uranschmelze in Moskau durchgeführt. Da Kurchatov bereits wußte, daß neben der Isotopentrennung für die Ladung der Atombombe Plutonium notwendig ist, das chemisch separiert werden kann, beeilte er sich, Plutonium – wenn auch in kleinsten Mengen – zu bekommen, um seine chemischen und Kerneigenschaften kennenzulernen. Hierfür begann er 1943 einen Zyklotron zu bauen.

Anfangs wurde angenommen, daß im Laboratorium N2 alle Probleme des Atombombenbaus gelöst werden können. Deshalb begann der junge Ingenieur Merkin unter Charitons Leitung 1943 die »Kanonenvariante« der Bombe zu modellieren. Dazu hatte er mit einer Flinte gegen eine andere geschossen und mit Hilfe der Impulsphotographie den Zusammenstoß der zwei Kugeln studiert.

Kikoin begann seine Arbeit mit Fritz Lange, der schon vor dem Kriege aus Hitler-Deutschland emigrierte, in Charkov forschte und jetzt mit der Zentrifuge arbeiten wollte. Eine Zentrifuge wurde gebaut und in Swerdlowsk geprüft. 1944 brachte dann der russische Aufklärungsdienst eine Nachricht, die besagte, daß die Amerikaner ein großes Diffusionswerk zur Isotopentrennung gebaut hatten. Deshalb arbeitete Kikoin bis 1953 nicht weiter an den Zentrifugen, sondern konzentrierte seine Kräfte und die seiner Mitarbeiter auf die Arbeit an der Diffusionsmethode.

Der Sieg über den deutschen Faschismus

Dann kam der Sieg über die faschistische Diktatur in Deutschland und wir Wissenschaftler dachten schon darüber nach, was wir nun weiter tun würden, denn die Bombe schien uns nicht mehr notwendig.

Aber ehe wir diese Gedanken beenden konnten, kam die Nachricht, daß in der Wüste Alamogordo die Amerikaner einen Atombombenversuch durchgeführt hatten. Das erste Gefühl war Neid; ihnen war es gelungen und uns nicht. Dann schien es uns aber wenig sinnvoll, es bei uns zu wiederholen, und wir dachten über Urankraftwerke nach.

Aber nach den Atombombenabwürfen vom 6. und 9. August auf Hiroshima und Nagasaki endete unsere ruhige Arbeit. Die Regierung und die Generalität waren von Panik ergriffen. Kurchatov, Chariton, Kikoin und andere wurden täglich zu Sitzungen in den Kreml oder vom Geheimdienst in die Lubjanka beordert. Die Besprechungen dauerten stundenlang bis zur völligen Erschöpfung der Teilnehmer. Die Wissenschaftler mußten erklären, was die Bombe eigentlich ist und wie sie gemacht worden sein konnte. In den Zeitungen wurden Massen von Artikeln geschrieben und viele Reden waren im Rundfunk zu hören. Sie hatten immer den Tenor: „Das Vernichten der japanischen Städte ist gegen uns gerichtet.“

Diese Propaganda wirkte auf uns und überzeugte uns davon, daß wir uns beeilen mußten. Ein paar Tage später war die Panik überwunden und Stalin und Berija zeigten ihr organisatorisches Talent. Stalin ließ den Generalstab zu diesem Projekt nicht zu und übergab Berija alle Machtbefugnisse.

Berija wurde zum administrativen Kopf des Atomkomplexes. Seine strenge Führung beschleunigten unzweifelhaft das Projekt.

Zusammen mit Stalin baute Berija arbeitsfähige Entscheidungsstrukturen auf: Dem Ministerrat wurde die erste Hauptabteilung unterstellt und alle Ministerien, die an dem Problem arbeiteten, wurden dieser Abteilung untergeordnet, deren Leiter B.L. Vannikov wurde. Vannikov, der während des Krieges Minister für Munition war, genoß unter den Ministern des Landes unumstrittene Autorität. M.G. Pervuchin, stellvertretender Vorsitzender des Ministerrates der UdSSR und Minister der chemischen Industrie, wurde sein Stellvertreter. Ein weiterer Stellvertreter Vannikovs wurde A.P. Zavenjagin, dessen besondere Fähigkeiten in der Planung großer Fabriken und angeschlossener Städte lag (Magnitogorsk, Norilsk). Kurchatov erhielt das Recht, den Ministerrat der UdSSR und das Staatsoberhaupt direkt und ohne Vermittlung anzusprechen.

Als oberstes staatliches, geheimes Gremium wurde ein Spezialkomitee gebildet. Dieses Komitee bearbeitete die von Kurchatov und Vannikov vorgelegten Regierungserklärungen und legten Stalin den endgültig formulierten Text zur Unterschrift vor. Zu den Mitgliedern dieses Komitees gehörten Pervuchin, Vannikov, Zavenjagin, Vosnesensky, Kurchatov, Kapiza und später Malyshev.

Folgende Struktur der wissenschaftlichen Leiter wurde eingeführt: Chariton war für die Bombenkonstruktion und den Bau zuständig; Kurchatov selbst war außer der allgemeinen Leitung des Projektes für den plutoniumproduzierenden Uran-Graphit-Reaktor zuständig; Kikoin für die Diffusionsisotopentrennung, Bochwar für die Materialien, für die Konstruktionslegierungen der Reaktoren und für die Bombenladungen selbst. Diese Leiter waren verantwortlich für den Erfolg in den jeweiligen Abteilungen gegenüber dem Spezialkomitee, das heißt gegenüber Berija. Für jede Abteilung wurde eine Verwaltung geschaffen. Diese Struktur befreite uns Wissenschaftler – leider nicht Kurchatov und die Abteilungsleiter – von organisatorischen Sorgen, so daß die Arbeit schnell vorankam. Alle unsere finanziellen Forderungen wurden sofort erfüllt.

Die Repräsentanten des militärischen Stabes und Mitglieder des Politbüros, die nicht mit dem Atomproblem befaßt waren, wurden nicht in die Arbeit des Komitees einbezogen. Stalin erklärte diese Aktivitäten für geheim und Militäroffiziere hatten dort keinen Zutritt. Daraus folgte, daß der erste Atombombentest 1949 und der erste Wasserstoffbombentest 1953 für das Militär völlig unerwartet kam. Die »Übergabe« der Atombombe an die Armee, konkret an Marschall Shukov, war eine besondere Aktion Anfang der fünfziger Jahre nach Stalins Tod.

Seit Herbst 1945 wurden die Aktivitäten bezüglich der Atombombe weitreichend und schnell weiterentwickelt. Viele militärische und zivile Einheiten, Spezialisten und Arbeiter waren involviert. »Atomstädte« wurden in Regionen errichtet, in denen Uranvorkommen vermutet wurden. Die Menschen arbeiteten unermüdlich, hungernd und frierend auf dem Konstruktionsgelände, für eine schnelle Entwicklung der Atomindustrie sorgend, ohne Kenntnis darüber, wofür dieses Labor eingerichtet war.

Im Sommer 1945, noch vor den amerikanischen Bombenabwürfen geschahen zwei wichtige Ereignisse: 1. Berijas Agenten brachten eine Blaupause der amerikanischen Plutoniumbombe, die sich in der Vorbereitungsphase zum Test im Juli befand. 2. Ähnlich der amerikanischen Mission »Alsos« schickten auch wir Wissenschaftler nach Deutschland, die Uran, Dokumente und Spezialisten suchen sollten, die für uns nützlich waren, um die Uranproblemlösung zu beschleunigen.

Wir erkannten, daß es den deutschen Physikern eher als uns gelungen war, einen Uranmeiler zu entwickeln. Von der Atombombe war aber keine Spur. Mehrere deutsche Physiker und Ingenieure waren bereit, mit ihren Familien nach Rußland zu kommen, um bei uns zu arbeiten.

Die wichtigsten Ergebnisse erhielten wir in den folgenden Jahren von Nikolaus Riehl und Max Steenbeck. Riehl hat bei uns das erste Uranwerk gegründet und versorgte uns in den vierziger Jahren mit extrareinem Reaktoruran. Der weise Max Steenbeck entwickelte mit uns eine Gaszentrifuge für die Trennung der Uranisotope. Seine Arbeit war sehr wichtig, um den rechten Weg zu finden, was Kikoin mit seinen Kollegen Mitte der fünfziger Jahre gelang.

Wir im Labor N2, das später »Institut für Atomenergie« genannt wurde, hatten die Aufgabe, die Produktion des spaltbaren Materials für Atombomben wissenschaftlich zu begleiten, einschließlich des Projektierens und des Baus der dazugehörigen Werke bis hin zu ihrer Inbetriebnahme. Dazu gehörten die Entwicklung der Uranisotopentrennung und Plutoniumproduktion in den Uran-Graphit-Reaktoren. In unserem Institut wurden die ersten Uran-Graphit-Reaktoren, Diffusionskaskaden und elektromagnetischen Anlagen in Europa entwickelt und gebaut.

Diese Probleme wurden bis Mitte der fünfziger Jahre völlig gelöst. Dabei wurde die Physik der Atomspaltung experimentell und theoretisch breit entwickelt sowie die Neutronenphysik der Reaktoren selbst.

Einigen von uns drohte das Konzentrationslager

Unter Stalin war unser Laborleben vor dem ersten Test am 29. August 1949 nicht immer ungetrübt. Es wurde manches Mal geflüstert, daß, falls unsere Bombe beim Test nicht explodiert, einige von uns – und Kurchatov als erster – ins Gefängnis oder Konzentrationslager kämen. Dabei wurde angedeutet, daß die Ersatzpersonen, die unsere Arbeit dann fortsetzen sollten, bereits bestimmt waren. Der erfolgreiche Test befreite uns von dieser Unruhe.

Kurchatov als Sieger genoß danach unbestreitbare Autorität auf der höchsten Ebene unseres Staates. Bei Chariton in Arsamas-16 war die Arbeit am schwersten. Obwohl unsere erste Atombombe beinahe eine Kopie der amerikanischen war, mußte er nicht nur die ganze Physik der Explosion in Theorie und modellierenden Experimenten realisieren, sondern auch alle Probleme lösen, die aus der amerikanischen Blaupause heraus nicht erklärt werden konnten und insbesondere die Probleme, die die Sicherheit ihrer Wirkung betrafen.

Während dieser Arbeit hatten die Theoretiker unter Zeldovichs Leitung zusammen mit den Experimentatoren und Konstrukteuren bessere Lösungen gefunden. Sie wunderten sich darüber, warum Chariton die Realisierung dieser Lösungen verboten hatte. Keiner von ihnen hatte eine Ahnung davon, daß Chariton einer amerikanischen Blaupause so genau wie möglich folgte.

Diese eigenen Lösungen wurden erst bei dem Atombombentest 1951 realisiert. Zur gleichen Zeit hatte der junge Sacharov zusammen mit seinem Lehrer, dem berühmten Theoretiker Tamm, selbständige Ideen bezüglich der Wasserstoffbombe entwickelt, für die es in Amerika kein Beispiel gab.

Am 12. August 1953 wurde die weltweit erste Wasserstoffbombe auf dem Versuchsgelände Semipalatinsk getestet. Ihr TNT-Äquivalent war »nur« 400 Tausend Tonnen. Zu der Zeit hatten die Amerikaner zwar Bomben mit stärkerer Sprengkraft, aber eben keine Wasserstoffbomben.

Nikita Chruschtschow, der zu der Zeit Generalsekretär der Kommunistischen Partei war, forderte: „Um in der Außenpolitik zu gewinnen, muß man das aus einer Position der Stärke tun.“

Einige Monate später, nach höchster Anstrengung von Sacharov und seinen Kollegen, wurde die Lösung für eine Superbombe gefunden. Am 22. November 1955 wurde sie getestet. Dieser Test bestätigte, daß Wasserstoffbomben unbegrenzter Leistung möglich und nicht zu teuer sind.

Nach diesem Test kam Kurchatov völlig niedergeschlagen zurück. Er sagte seinem Freund, dem Wissenschaftler Anatoli Aleksandrov: „Diese Waffe darf nie eingesetzt werden!“ Er wendete sich direkt an Chruschtschow mit der Bitte, ihn von der Leitung der Tests zu entbinden. Seine Bitte wurde erfüllt. Eine Woche danach war er voll von Ideen über die Anwendung der neuen Technik für das Wohl der Menschen und nicht gegen die Menschen!

Ich schließe nicht aus, daß es ihn all die Jahre quälte, mit der Waffe beschäftigt gewesen zu sein. Ich erinnere mich, wie begeistert er war und wie glänzend seine Augen waren, als wir zwei an einem Neujahrsabend in seinem Chefzimmer saßen und Sacharovs Idee über die Möglichkeit der gesteuerten Kernfusion besprachen, um die Menschheit, wie wir dachten, auf ewig von der Sorge um Brennstoffe zu befreien. Er beendete das Gespräch entflammt mit den Worten: „Nun wollen wir das neue Jahr nicht mit den Waffen, sondern mit der Friedensanwendung unserer Kenntnisse beginnen.“ Das war der 31. Dezember 1950.

Nach Stalin folgte der „Kampf gegen die Kapitalisten“

Die letzten vier Jahre seines Lebens (1956-1960) hat Kurchatov sehr viel dazu beigetragen, die Kontakte zwischen russischen und ausländischen Wissenschaftlern, die durch den Krieg und Stalins Isolationspolitik gestört waren, wieder aufzubauen. Er sorgte für den friedlichen Gebrauch der Atomenergie; in erster Linie für den Bau der Kernkraftwerke und für die Anwendung der ionisierenden Strahlungen in Wissenschaft und Medizin. Insbesondere sorgte er für die breite Entwicklung der gesteuerten Kernfusion zusammen mit den Wissenschaftlern aller Länder. Er reiste mit Chruschtschow nach England, hielt zwei Vorlesungen im englischen Kernwaffenzentrum Harwell, wo er zur Zusammenarbeit und zur Aufhebung der Geheimhaltung bezüglich der friedlichen Nutzung der Kernenergie aufrief.

Eineinhalb Jahre nach Kurchatovs Tod im Juli 1961 versammelte Chruschtschow im Kreml die ältesten Wissenschaftler, die die Physik und den Bau der Wasserstoffbombe führend entwickelt haben, und erklärte, daß er einen Vorsprung gegenüber den Amerikanern in bezug auf die Bombenentwicklung wünsche. Die Physiker sagten ihm, daß es realistisch sei, eine Wasserstoffbombe von 100 Megatonnen TNT Äquivalent zu bauen. Das erfreute ihn und er forderte die Realisierung, damit sie, wie er meinte, „wie ein Damoklesschwert über den Kapitalisten hängt“.

So eine Bombe wurde gebaut und am 30. Oktober 1961 zur Explosion gebracht. Sie hatte aber nur – nach einem Beschluß der Physiker – die Hälfte der Ladung, um die Zahl der unschuldigen Opfer auf der Erdkugel herabzusetzen, die von der in der Atmosphäre zerstreuten Radioaktivität an Krebs erkranken würden.

War denn diese Explosion ein Signal der Friedfertigkeit, über das die Parteigenossen und Chruschtschow selbst so viel sprachen und schrieben?

Sacharov wußte, wie die Waffenvorräte in unseren Arsenalen anwuchsen. Die Angst packte ihn, als ihm klar wurde, welche Folgen dieses, von ihm und seinen Kollegen geborene Ungeheuer in den Händen der Politiker haben könnte. Im Februar 1968 war ihm der Wahnsinn des Kalten Krieges klar, und er setzte sich an seinen Schreibtisch in dem geheimen Zentrum Arsamas-16 und schrieb sein berühmtes „Nachdenken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit“. Nach einigen Monaten wurden seine Gedanken in vielen Millionen Exemplaren gedruckt, in viele Sprachen übersetzt – außer ins Russische – und in der ganzen Welt gelesen und besprochen.

Sacharov sagte der Welt ganz offen und deutlich, daß die Menschheit an der Grenze ihrer Geschichte stehe. Die Katastrophe der totalen Vernichtung liege vor uns, ausgelöst entweder durch den Wahnsinn der Politiker oder durch einen fatalen Zufall. Die Atomwaffenvorräte überstiegen bereits zehnfach und mehr die Menge, die ausreicht, um alles Leben auf der Erdkugel zu vernichten. Er machte deutlich, daß die Menschheit größte Probleme zu lösen hätte, wie z.B. die Gefahr des explosionsartigen Bevölkerungszuwachses auf der Erde, aus dem wiederum der allgemeine Hunger resultiere; die Vergiftung unserer Umwelt; das Schwinden der Vorräte fossiler Brennstoffe; die Verbreitung von Dogmen statt wissenschaftlicher Erkenntnis. Er erklärte, daß vor dem Hintergrund dieser gesamtmenschlichen Probleme die Meinungsverschiedenheit in der Partei und die »Klassenwidersprüche« erblaßten. Alle diese Bedrohungen würden durch die Spaltung der Menschheit in zwei feindliche Lager – sozialistische Dikaturen und Kapitalismus – verstärkt. Deshalb, so meinte Sachararov, seien Konvergenz und friedliche Koexistenz notwendig.

Unterdessen ruinierten der Kalte Krieg und das Wirtschaftssystem der Sowjetunion unser Land. Schon zu Beginn der siebziger Jahre sahen die Parteileiter ihre Schwächen in der Staatsverwaltung. An den Toren der Werke erschienen die Aufrufe: „Wollen wir erfüllen … !“ „Wollen wir erreichen … !“ Die Zeitpunkte der Regierungsverordnungen wurden jedoch hintertrieben und in den Berichten über die Erfüllung wurde massiv betrogen. Mit Beginn der achtziger Jahre bekamen wir endlich an den Hochhäusern die Selbstverherrlichungen zu lesen: „Ruhm der Kommunistischen Partei der Sowjetunion!“ Das war schon die Agonie der Partei.

Existiert eine Schuld der Wissenschaftler?

Danach folgte die Zeit, in der sogar der Generalsekretär der Partei – und nicht nur die vernünftigen Menschen aus allen Schichten des Volkes – verstand, daß das sowjetische Staatsverwaltungssystem und die sowjetische Außenpolitik sich überlebt hatten und das Land in den Abgrund führten. Es war Michail Gorbatschow, und es begann die Perestroika.

So haben die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki den Fall der bolschewistischen Diktatur beschleunigt, indem die Folgen während des Kalten Krieges die Sowjetwirtschaft überforderten.

Existiert aber nun doch eine Schuld der Wissenschaftler? Eine Schuld, die geerbt sein kann? Ich denke, daß der große Mathematiker unserer Zeit, Norbert Wiener, Begründer der Kybernetik, Recht hat. Er sagte ungefähr folgendes: „Der Wissenschaftler wird immer ein hilfloses Spielzeug in den Händen des gewissenlosen Politikers sein.“

Wenn wir Wissenschaftler für das Geschehene auch nicht schuldig sind, so haben wir doch die Pflicht, das Geschehene zu überdenken und die richtigen Schlußfolgerungen daraus zu ziehen.

Euch anwesenden Studenten und aller Jugend, der das ganze Leben und Glück des Schaffens noch bevorsteht, wünsche ich auf alle Fälle zu bedenken, daß die Wahrheit nur im Meinungsstreit gefunden werden kann, im Streiten ohne Zwang und ohne Diktat.

In den Naturwissenschaften ist nur wahr, was in vielen unabhängigen und freien Experimenten bestätigt ist. In der Politik sind die Experimente zu teuer, meist zu blutig, um sie zu wiederholen. Euer Volk hat die zwölfjährige Diktatur Hitlers überlebt, unser Volk die siebzigjährige bolschewistische Diktatur. Beide überlebte Diktaturen und die Atomwaffenrealitäten haben uns gezeigt, daß es nur zwei Wege gibt: entweder die parlamentarische offene Gesellschaft, in der die Wahrung der Menschenrechte gesichert ist, oder das allgemeine Chaos und der Tod.

Und denen unter Euch, die sich entschlossen haben, sich der angewandten Physik zu widmen, kommt die edle Aufgabe zu, die Kenntnisse, die wir durch die Waffenentwicklung erworben haben, für das Wohl der Menschen zu verwenden. In der Gegenwart müssen die Atomkraftwerke vervollkommnet und ihre Sicherheit gesteigert werden. Leider wird ihre Radioaktivität immer beunruhigen.

Doch wunderbar ist die Natur!

Die Fusion der leichten Atomkerne, die uns die ungeheure Wasserstoffbombe geschenkt hat, eröffnet uns gleichzeitig den Weg zu den saubersten Energiequellen. Unsere Pflicht ist es, diesen Weg weiterzugehen, so kompliziert er uns auch erscheint, um wohlbehaltenes Leben auf der Erde zu versorgen und vor Atomkriegen und sozialen Katastrophen zu bewahren.

Wollen wir diesen Weg gehen!

„Ihr drängt euch zu! Nun gut, so mögt ihr walten …. Mein Busen fühlt sich jugendlich erschüttert vom Zauberhauch, der euren Zug umwittert. Ihr bringt mit euch die Bilder froher Tage. …“

(J. W. Goethe: Faust)

Dr. Igor N. Golovin

„Es war eine Räubertat der Amerikaner“

„Es war eine Räubertat der Amerikaner“

Interview mit Dr. Igor N. Golovin

von Dr. Igor N. Golovin und Bernd W. Kubbig

Kubbig: Herr Golovin, wie haben Sie spontan reagiert, als Sie von den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki erfuhren?

Golovin: Wissen Sie, den größten Eindruck machte auf mich die Reaktion unserer Regierung, und die reagierte sehr nervös.

Nachrichten über die Zahl der Opfer und darüber, wie zerstört die Städte waren, erreichten uns recht schnell. Nach einigen Wochen wurde uns auf schauerliche Weise gezeigt, was für eine Räubertat es von den Amerikanern war, ungeschützte Städte und Menschen zu vernichten. Unsere Regierung erklärte, daß die Abwürfe eine Agitation der Amerikaner gegen die sowjetische Bevölkerung, gegen uns, seien. Man sagte uns, daß die Amerikaner nach diesen Abwürfen versuchten, diplomatisch starken Druck auf uns auszuüben. Daher müßten wir so schnell wie möglich unsere eigene Bombe haben, um diesem Druck etwas entgegensetzen zu können.

Kubbig: Was waren Ihre Gründe, am sowjetischen Atombombenprojekt mitzumachen? Reizte Sie persönlich die Nuklearphysik, weil sie damals Spitzenphysik war?

Golovin: Die Gründe? Das war eine sehr gute Physik, es war sehr interessant. Ja, das war echte Physik, da hatten wir theoretische Fragen zu lösen!

Wir haben nicht die Bombe direkt konstruiert, das war in Arsamas, wo Chariton, Sacharov und viele andere arbeiteten. Dort herrschte ein sehr hohes intellektuelles Niveau. Aber ich habe nie davon gehört, daß es dort Diskussionen darüber gab, ob es nötig oder richtig sei, die Bombe zu bauen. Diese Frage gab es nicht.

Erst in den sechziger Jahren, als beide Supermächte sehr viele Waffen angehäuft hatten, wurde Sacharov bewußt, wie gefährdet die Menschheit ist. In den fünfziger Jahren dachten wir: „Ja, die Atombombe ist eine Waffe, aber Flinten wurden schon viele erfunden und gebaut, Pfeil und Bogen auch.“ Aber von Jahr zu Jahr wurde das Zerstörungspotential der Bomben größer und erreichte eine neue Qualität.

Kubbig: Haben die Versuche von Niels Bohr und amerikanischen Wissenschaftlern in der zweiten Hälfte der vierziger Jahre, die Bombe durch internationale und US-sowjetische Abmachungen unter Kontrolle zu bringen, Sie damals interessiert?

Golovin: Diese Fragen waren außerhalb unserer Möglichkeiten. Hierfür war die Regierung zuständig, und es war in der Stalin-Zeit und auch in der Chruschtschow-Ära streng verboten, darüber zu sprechen. Die Devise der Politiker war: Eure Sache ist es, die Waffen auszudenken und zu bauen – wir Politiker werden sie anwenden, und Sie müssen sich nicht kümmern, wie wir das tun werden. Das war sehr streng geteilt.

Kubbig: Sie sprechen in Ihrem Vortrag davon, daß das Laborleben nicht ungetrübt gewesen sei. Wie ging es denn in Ihrem Alltag zu angesichts der Tatsache, daß der Leiter des Atomprogramms Geheimdienstchef Berija war? Es muß doch schwierig gewesen sein, bei so viel Geheimnistuerei und politischem Druck zu arbeiten.

Golovin: Von Berija weiß ich nur dies: Als wir an der Isotopentrennung arbeiteten, hatten wir immer Kontakt mit ihm. Berija hatte einen General in unserem Institut, der mit uns allen bekannt war, der unsere Meinung und unsere Resultate kannte. Er informierte Berija immer darüber, wie die Stimmung ist und wie die Arbeit geht. Und außerdem mußten wir Berija alle halbe Jahre Berichte über unsere zukünftigen Vorhaben schicken. Er wollte wissen, welche Resultate wir erwarten, welche Ergebnisse wir in den vorangegangenen sechs Monaten erzielt hatten und wie die Arbeit geht. Nach zwei Wochen kam die Antwort. Berija schrieb mit eigener Hand Fragen zu unseren Papieren auf, und er äußerte seine Meinung. Wir wußten also, daß er unsere Papiere liest und interessiert ist.

Er hatte wohl Leute, die ihm erklären konnten, was er nicht verstand, aber wir bekamen immer mit seiner eigenen Hand geschriebene Papiere in unser Laboratorium zurück. Das war eine echte Leitung. Und nach Berijas Tod verschwand alles. Sowohl die Fragen als auch die Antworten.

Berija war ein sehr starker Mann von großer Geschwindigkeit. Er reagiert sofort.

Kubbig: Haben Sie ihn selbst kennengelernt?

Golovin: Ich saß in einigen Sitzungen im Kreml, in Berijas Arbeitszimmer, sie waren immer sehr straff geleitet. Und immer ergebnisorientiert. Es wurde etwas besprochen, es wurde eine Meinung erarbeitet und dann sagte er: „Na schön, das verstehe ich. Ich habe Eure Papiere gelesen, sie haben die Fragen beantwortet. Also, dann berichte ich Stalin, wir werden Euch unterstützen und die Resultate werden kommen.“ Keine langen Gespräche ohne Resultate. Immer mit Erfolg.

Ich hatte fünf Treffen mit Berija. Er war streng, aber zu gleicher Zeit auch ein guter Leiter, ein guter Organisator. Und während Stalin nur in Moskau und auf seiner Datscha bei Moskau saß, reiste Berija durch das ganze Land, bis zum Ural, wo die Reaktoren gebaut wurden, zu den Anlagen, wo die Isotopen getrennt wurden, zu den anderen Einrichtungen, in denen etwas Wichtiges gemacht wurde. Überall war er, hat es gesehen, hat seine Meinung geäußert und so war alles sehr …

Kubbig: … effizient?

Golovin: Effizient. Ja, ja.

Kubbig: Haben Sie vor und bei einem Treffen mit Berija, der doch sehr gefürchtet war, gezittert?

Golovin: Berija war sehr schnell im Überlegen, ein impulsiver Mensch. Wenn man in sein Arbeitszimmer kam, so reichte er einem die Hand. Ich verstand, daß er ein sehr strenger Mann war.

Ich hatte ein kleines Erlebnis mit Berija in seiner Eigenschaft als Vorsitzender einer Regierungskommission, die zum Ural kam, um einen Plutonium produzierenden Reaktor in Betrieb zu nehmen. Er ging durch alle Räume, in die Halle, in den Kontrollraum und so weiter und Kurchatov erklärte ihm alles, und Berija sagte immer: „Schön, verstanden. Schön, verstanden, verstanden.“ Seiner Stimme merkte ich jedoch an, daß er nichts verstanden hatte. Und in diesem Augenblick treffen sich unsere Augen, meine und seine. Oh, wie ich erschrecke und ich sehe, daß er es verstanden hat, daß ich verstehe, daß er nichts versteht. Ich dachte, oh, ich muß ihm nicht so nahe sein, es wäre besser, auf Distanz zu bleiben, denn sonst, was wird folgen?

Kubbig: Was wäre denn passiert oder was haben Sie denn befürchtet, falls der erste Test 1949 ein Fehlschlag geworden wäre?

Golovin: Befürchtet? Aber ach, ich weiß nicht, was folgen kann. Nichts Konkretes. Aber so was, ein Schauer.

Kubbig: Haben Sie auch mit Sacharov über fachliche und politische Fragen gesprochen?

Golovin: Was physikalische Probleme anbelangt, so war unsere Regel, nichts zu fragen in den Gebieten, in denen ich selbst nicht arbeite. Das wurde sehr streng gehandhabt. Sacharov entwickelt die Wasserstoffbombe, ich entwickle sie nicht. Ich arbeite nicht mit ihm in der theoretischen Gruppe zusammen, die die Bombe entwickelt. Und deshalb hatte ich kein Recht, etwas über die Wasserstoffbombe zu fragen.

Ich habe ihn jedoch gefragt, wie die Erde aussah nach einem Test auf dem Versuchsgelände von Semipalatinsk und wie die Kruste unter den Maschinen brach, wie verbrannt die Flügel der Vögel waren und so weiter. Solche Gespräche gab es. Und politische Fragen haben wir erörtert.

Aber ich war nicht in seiner Gruppe, die aktiv protestierte. Ich blieb doch in der indifferenten Gruppe.

Kubbig: Herzlichen Dank, Herr Golovin, daß Sie uns dieses Interview gewährt haben.

Über Igor N. Golovin
Igor Nikolajewitsch Golovin, 1913 geboren, war seit 1944 als Physiker im sowjetischen Nuklearwaffenprojekt der Stalin-Ära tätig. Von 1950 bis 1958 war er Erster Stellvertreter Kurchatovs im gleichnamigen Institut für Atomenergie in Moskau. Von 1958 bis 1991 leitete er dort die Abteilung für kontrollierte Kernfusion. Gegenwärtig ist er der Direktor eines Labors für Plasmaphysik innerhalb des Kurchatov-Instituts, das jetzt »Russisches Wissenschaftliches Zentrum – Kurchatov Institut« heißt. Golovin ist Autor einer in Englisch und Deutsch erschienenen Biographie über den »sowjetischen Oppenheimer« Igor Kurchatov (I.W. Kurtschatow. Wegbereiter der sowjetischen Atomforschung, Urania-Verlag, 1976).
Daß Golovin Deutsch mit charmantem Grazer Akzent spricht, verdankt er seiner Mutter, die dort Anfang des Jahrhunderts studierte. Wie Edward Teller setzt auch Golovin gläubig auf die Technik, wenn es um die Lösung vitaler Probleme geht – etwa bei der Gewinnung von „reiner Energie“. Die politische Dimension hat er dennoch im Blick. Er verabschiedete sich aus Frankfurt mit dem Wunsch, daß unsere Kinder und Enkel an die Jahrhunderte alte Freundschaft zwischen Rußland und Deutschland auch in Zukunft anknüpfen mögen.
Dieses Interview mit Dr. Igor N. Golovin führte Dr. Bernd W. Kubbig am 1. Juni 1995.