Die russische Militärreform

Die russische Militärreform

von Karl Harms

Die Notwendigkeit einer Reformierung des gigantischen russischen Militärapparats wurde bereits zu tiefsten Sowjetzeiten erkannt, seit dem Beginn der Perestroika heftig diskutiert, dann aber auf Grund der chaotischen Zustände im Lande und eines sich rasch verändernden politischen Umfelds – mehr von der Not getrieben, als von einem klaren Konzept – mal zögerlich, mal sprunghaft in die Tat umgesetzt. Der Hauptwiderspruch aller Reformbemühungen besteht von Anfang an in der Tatsache, dass sich Russland keine Riesenarmee mehr leisten will, dem Staat aber die Mittel für eine ausgewogene und planvolle Reform fehlen.

Bei einer näheren Betrachtung des bisherigen Verlaufs der russischen Militärreform lassen sich in etwa folgende Etappen feststellen:

  • Die erste Etappe begann ungefähr 1987 (Beginn der öffentlichen Diskussion über eine Militärreform). Die Anfänge der Reform erlitten schon bald schwere Rückschläge durch die Auflösung des Warschauer Vertrages, den unvorbereiteten Rückzug der Sowjetarmee aus den osteuropäischen Staaten, den Zerfall der Sowjetunion u.a.m. Diese Etappe kann als die Etappe des chaotischen Niedergangs der Streitkräfte und der Rüstungsindustrie bezeichnet werden.
  • Die zweite Etappe begann 1997, dem Jahr, in dem der neu gebildete Verteidigungsrat schmerzhafte Rahmenbedingungen für die Reform festlegte, die nicht von Wunschträumen, sondern von dem tatsächlichen Zustand der Wirtschaft und der Staatsfinanzen ausgingen. Diese Etappe kann man als den Versuch werten, Ordnung in den chaotischen Niedergang zu bringen, wenige machbare Reformschwerpunkte zu bestimmen und auch durchzusetzen.
  • Eine dritte Etappe könnte durch die im Januar 2000 veröffentlichte neue »Konzeption der nationalen Sicherheit der russischen Föderation« begonnen haben. Unter günstigen Voraussetzungen, d.h. klares Konzept, straffe Führung, minimale Erholung der Wirtschaft und der Staatsfinanzen, wäre das die Etappe der Stabilisierung. Nach vorsichtigen Schätzungen könnte diese Etappe vier bis sechs Jahre dauern bevor ein behutsames, vor allem qualitatives Anwachsen des russischen Militärpotenzials beginnen würde und die Streitkräfte mit einem klaren Auftrag sowie einer gefestigten Struktur den ihnen vom Staat zugewiesenen Platz in der Gesellschaft einnehmen könnten.

Es würde über den Rahmen eines Artikels weit hinausgehen, wollte man den bisherigen Verlauf der russischen Militärreform mit allen Widrigkeiten und Konflikten objektiver und subjektiver Art beschreiben wollen. Deshalb werden im weiteren nur die entscheidenden, wirklich tragenden Ergebnisse der bisherigen Reformbemühungen dargelegt.

Eine veränderte Grundstruktur der Streitkräfte

Die Sowjetarmee bestand aus folgenden Teilstreitkräften: Landstreitkräfte, Seestreitkräfte, Luftstreitkräfte, Truppen der Luftverteidigung des Landes und Raketentruppen strategischer Bestimmung.1 Darüber hinaus unterstanden dem Verteidigungsminister direkt die Luftlandetruppen und die Kosmischen Streitkräfte, die nicht als Teilstreitkräfte bezeichnet wurden.

Im Rahmen der unabdingbaren quantitativen Kürzungen in allen Teilstreitkräften ergab sich die Notwendigkeit einer Vereinfachung der Führungsstrukturen, der Überwindung jeglicher strukturellen Doppelgleisigkeit und einer Straffung bzw. Streichung von Organen und Truppenteilen der Sicherstellung. Das führte zu folgenden Veränderungen:

  • Den Raketentruppen Strategischer Bestimmung wurden die bis dahin selbstständigen Kosmischen Streitkräfte unterstellt. Die Waffengattung »Raketenabwehr« wurde aus der Teilstreitkraft Truppen der Luftverteidigung des Landes herausgelöst und ebenfalls den Raketentruppen strategischer Bestimmung unterstellt.
  • Die Truppen der Luftverteidigung (LV) des Landes und die Luftstreitkräfte (LSK) wurden zu einer Teilstreitkraft unter der Bezeichnung »Luftstreitkräfte« zusammengefasst. Abgeschlossen ist die Bildung von Luftarmeen des Oberkommandos, und zwar einer Luftarmee strategischer Bestimmung und einer Luftarmee der Transportfliegerkräfte (jeweils ausgestattet mit Flugzeugen großer Reichweite). Neu gegliedert wurden die Kräfte und Mittel der LV. Sie umfassen nunmehr einen Bezirk der LSK/LV in der westlichen strategischen Richtung, vier Armeen der LSK/LV und ein selbstständiges Korps der LSK/LV im Raum Ural.
  • Der Hauptstab der Landstreitkräfte wurde aufgelöst. Es verblieben lediglich zwei Hauptverwaltungen, die im Verteidigungsministerium eingerichtet wurden. Ansonsten werden die Verbände der Landstreitkräfte direkt von den Chefs der jeweiligen Militärbezirke (MB) geführt.
  • In allen Teilstreitkräften wurde die Masse der nicht voll aufgefüllten Verbände und Truppenteile aufgelöst. Tausende hochqualifizierter Offiziere wurden ohne soziale Absicherung entlassen.
  • Die große Zahl militärischer Lehranstalten (16 Militärakademien, 2 Universitäten, einige Dutzend Offiziershochschulen), wissenschaftliche Forschungsinstitute (jede Teilstreitkraft hatte mindestens eins) und Erprobungszentren (Erprobung neuer Waffensysteme für die Truppenverwendung) wird reduziert und neu gegliedert.
  • Die dem Verteidigungsministerium direkt unterstehenden Bautruppen sowie eine Reihe von Einheiten und Einrichtungen der Rückwärtigen Dienste wurden aufgelöst.

1998 wandte sich der Verteidigungsminister (früher Chef der Strategischen Raketentruppen) an den russischen Präsidenten mit dem Vorschlag, auf der Basis der Strategischen Raketentruppen, die Teilstreitkraft Strategische Abschreckungskräfte (»Sily Strategitscheskogo Sdershiwanija« SSS) zu schaffen. Dazu sollten alle strategischen Kernwaffenträger aus dem Bestand der Luftstreitkräfte und der Seestreitkräfte den Raketentruppen strategischer Bestimmung operativ unterstellt werden; operativ heißt im Sinne der Einsatzplanung und Einsatzführung. Dieser Vorschlag wurde lange diskutiert und fand viele kritische Gegenstimmen vor allem aus den Hauptstäben der Luft- und Seestreitkräfte. Eine Entscheidung wurde vertagt.

Eine neue territoriale Gliederung

Auf dem Territorium der Russischen Föderation (RF) existierten bis vor einiger Zeit acht Militärbezirke und das Sondergebiet Kaliningrad. Sie wurden z.T. überlagert von dem Moskauer Luftverteidigungsbezirk, von sieben Bezirken der Truppen des Ministeriums des Innern, von sechs Bezirken der Grenztruppen und neun Regionalzentren des Ministeriums für Katastrophenschutz. Innerhalb der Grenzen einiger Militärbezirke befinden sich außerdem die Stationierungsräume der Flotten, und zwar der Baltischen Flotte, der Schwarzmeerflotte, der Nordmeerflotte, der Pazifikflotte und der Kaspischen Flotille.

Die Grundidee der neuen territorialen Gliederung der Streitkräfte ist aus den nachstehend genannten Maßnahmen erkennbar, die ab Juli 1998 in Angriff genommen wurden:

  • Die Anzahl der Militärbezirke wurde von acht auf sechs verringert. Als selbstständiges Gebilde bleibt das Kaliningrader Sondergebiet (siehe Abb. 1).
  • Die Grenzziehung der Militärbezirke und notwendige strukturelle Veränderungen wurden den entscheidenden strategischen Richtungen angepasst
    (siehe Abb. 2).
  • Die Führungsstäbe der Militärbezirke erhielten den Status operativ-strategischer Führungsstäbe. Alle militärischen oder paramilitärischen Truppenkörper in den Grenzen eines Militärbezirks sollen nunmehr der Kommandogewalt des Chefs des Militärbezirks unterstehen, und das unabhängig von ihrer strukturellen Zugehörigkeit.
  • Um die Spezifik verschiedener Teilstreitkräfte (z.B. Luftstreitkräfte) oder Unterstellungsverhältnisse (z.B. Truppen des Ministeriums des Innern) berücksichtigen zu können wurden drei Formen der Unterstellung unter die Befehlsgewalt des Chefs des MB festgelegt: die direkte Unterstellung, die operative Unterstellung und die Unterstellung in spezifischen Fragen.

Das Wehrersatzwesen

Eine der ersten – und in der damals noch sowjetischen Öffentlichkeit heiß diskutierten – Fragen einer künftigen Militärreform war das Problem der Auffüllung der Streitkräfte.

Die vorherrschende Meinung bestand darin, die Wehrpflicht abzuschaffen und zu einer Freiwilligen- bzw. Berufsarmee überzugehen. Man versprach sich angesichts einer immer anspruchsvolleren Kampftechnik eine höhere Qualifikation der Soldaten, eine verbesserte soziale Absicherung und vor allem auch eine neue Qualität der Disziplin und Ordnung. Auf Grund der z.T. katastrophalen Zustände in der Armee und der vielen gefallenen Wehrpflichtigen im Afghanistankrieg schrie die Öffentlichkeit förmlich nach radikalen Veränderungen. Heute, fast dreizehn Jahre nach Beginn der Militärreform, ist immer noch alles beim Alten. Die Kriminalitätsrate in der Armee ist ungewöhnlich hoch, die massenhafte Drangsalierung jüngerer Soldaten durch die schon länger dienenden ist erschrekkend, bei der Auswahl der Unteroffiziere herrscht das Prinzip der »negativen Auswahl« (Jugendliche aus ärmlichen Verhältnissen, die weniger Gebildeten, ohne Beruf usw.). Hauptgrund für die Stagnation auf diesem Gebiet auch hier – die fehlenden Mittel. Eine Berufs- oder Freiwilligenarmee ist teurer als eine Wehrpflichtarmee. Die einzige positive Veränderung der letzten Zeit besteht darin, dass auf Grund der erheblichen zahlenmäßigen Reduzierung der Streitkräfte die Anzahl der Wehrpflichtigen über dem Bedarf liegt. Die Armee ist dadurch in der Lage, eine gewisse positive Auswahl unter den Wehrpflichtigen vorzunehmen.

Sehr ernst ist die Lage in Bezug auf den Offiziersnachwuchs. Aus vielerlei Gründen hat der früher so geachtete Beruf des Offiziers an Attraktivität verloren. Es ist hier nicht der Platz, diese Gründe aufzulisten. Vielleicht genügt ein Beispiel. Allein 1996 haben ca. 500 Offiziere Selbstmord begangen weil sie ihre Situation als ausweglos empfanden oder weil sie sich vom Staat im Stich gelassen fühlten. Die Krise im Offiziersnachwuchs wird von den dafür zuständigen Personalchefs als besorgniserregend bezeichnet.

Der milit.-ind. Komplex (MIK)

Ganz am Beginn der Militärreform, d.h. Ende der Achtzigerjahre, wurde dieser Frage eine besondere Aufmerksamkeit gewidmet. Das hatte seine Gründe: Die überdimensionierte Rüstungsindustrie der Sowjetunion war gegenüber der übrigen Volkswirtschaft in jeder Hinsicht privilegiert. Sie hatte sich zu einem Staat im Staate entwickelt und übte einen bedeutenden Einfluss auch auf politische Entscheidungen aus. Andererseits verfügte sie über ein überragendes technisches und menschliches Potenzial, das man für Modernisierung anderer Zweige der Volkswirtschaft nutzen wollte. Einer der ersten damaligen Reformschritte bestand darin, den gebündelten Militäretat dem Verteidigungsministerium zuzuweisen, damit dieser gegenüber der Rüstungsindustrie als Auftraggeber auftreten konnte. Als nächste Schritte waren die Optimierung des Gesamtsystems und eine teilweise Konversion von Rüstungsbetrieben geplant. Diese gut gedachten Vorhaben scheiterten an dem weiteren Verlauf der innenpolitischen Veränderungen wie z.B. überhasteter Auflösung der staatlichen Plankommission und des zuständigen Ministeriums, Zusammenbruch bisheriger Absatzmärkte bzw. Auftraggeber, Inflation, steigender Staatsverschuldung, »Dollarisierung« der Volkswirtschaft.

Alle Probleme der russische Streitkräfte zusammengenommen erscheinen heute als unbedeutend gegenüber den Problemen der MIK. Einen letzten Versuch der Reformierung des MIK stellte das 1997 vom Wirtschaftsministerium erarbeitete Programm der Umstrukturierung und Konversion dar. Es gelang nicht, dieses Programm in der erforderlichen Breite und Abfolge zu realisieren. Eine Reihe geplanter Vorhaben entsprechen auch nicht mehr der sich veränderten Lage. Der MIK wird nicht mehr geführt, die noch vorhanden gewesenen geringen Chancen für seine Umgestaltung wurden verspielt. Einige Betriebe produzieren noch weil sie vom Rüstungsexport profitieren, andere führen ein kümmerliches Dasein auf der Basis geringfügiger Aufträge bzw. staatlicher Subventionen. Neue Militärtechnik wird in nur sehr geringer Zahl produziert. Sie basiert ausschließlich auf dem ehemals bedeutendem Entwicklungsvorlauf sowjetischer Konstruktionsbüros. Die Entwicklung von Militärtechnik der nächsten Generation stagniert. Kräfte und Mittel für die Erarbeitung eines neuen wissenschaftlich-technischen Vorlaufs können nicht bereitgestellt werden. Das Entscheidungsfeld für einen Ausweg aus dieser Misere ist bis aufs Äußerste eingeschränkt. Ein russischer Militärkommentator bemerkte dazu treffend: „Es gibt nur noch die Wahl zwischen den schlechten und den sehr schlechten Varianten.“2

Der Versuch eines Neubeginns

Am 10. Januar 2000 unterschrieb der amtierende russische Präsident Putin die Neufassung der Konzeption der nationalen Sicherheit der Russischen Föderation. Es ist dies die dritte offizielle Variante in den letzten zwei Jahren (erste Konzeption im Dezember 1997, die zweite im Oktober 1999).

In ersten Kommentaren wird darauf verwiesen, dass nur ein enger Kreis von Spezialisten diese Konzeption in kürzester Zeit (im Verlauf von einem Monat und 18 Tagen) erarbeiten musste. Dabei handelt es sich um ein Staatsdokument, das als das zweitwichtigste nach der Verfassung der Russischen Föderation gesehen wird. Die dadurch unvermeidbaren theoretischen Schwächen dieses Dokuments werden nicht ohne Einfluss auf die Praxis der nationalen Sicherheit bleiben. Dennoch neigen russische Kommentatoren zu der Einschätzung, dass die Konzeption 2000 insgesamt einen Schritt nach vorn bedeutet.

Es ist wichtig zu wissen, dass im Oktober 1999 der Entwurf einer neuen Militärdoktrin zur Diskussion gestellt wurde. Einer der Gründe für die Eile bei der Erarbeitung der neuen Konzeption der nationalen Sicherheit der RF könnte der Wunsch des neuen Interimspräsidenten gewesen sein, der Diskussion um die Doktrin und damit auch um die künftigen Schwerpunkte der Militärreform ganz bestimmte Rahmenbedingungen vorzugeben.

Einleitend wird die Konzeption der nationalen Sicherheit als ein System von Ansichten zur Gewährleistung der Sicherheit der Persönlichkeit, der Gesellschaft und des Staates vor äußeren und inneren Bedrohungen definiert. Unter der nationalen Sicherheit wird die Sicherheit seines multinationalen Volkes als des Trägers der Souveränität und der einzigen Machtquelle verstanden.

Diese sehr breite Konzeptdefinition und der sehr allgemein gehaltene Sicherheitsbegriff führten m. E. dazu, dass eine Vielzahl von Sicherheitsrisiken und eine noch größere Anzahl von Aufgaben beschrieben werden mussten. Über weite Strecken beinhaltet die Konzeption eine wundersame Mischung ökonomischer, finanzpolitischer, wissenschaftlich-technischer, regionaler, ethnischer, ökologischer, sozialer und rein militärischer Probleme und Aufgaben. Sowjetische und russische Erfahrungen haben in der Vergangenheit immer wieder gezeigt, dass ausufernde Dokumente – und mögen sie theoretisch noch so richtig gewesen sein – vom Staatsapparat und den Führungskräften nicht angenommen wurden. Nach den ersten Lippenbekenntnissen verstaubten sie.

Worin bestehen die wesentlichsten sicherheitspolitischen Aussagen der neuen Konzeption?

Im Kapitel 1, »Russland innerhalb der Weltgemeinschaft«, wird die Feststellung getroffen, dass sich nach dem Ende der bipolaren Konfrontation zwei Entwicklungstendenzen gegenüber stehen: Die erste als eine alle Bereiche (ökonomische, politische, wissenschaftlich-technische usw.) umfassende integrative Tendenz. Auf ihrer Grundlage wird Russland um die Herausbildung einer bipolaren Welt bemüht sein. Die zweite „äußert sich in dem Versuch der Schaffung einer solchen Struktur internationaler Beziehungen, die auf eine Dominanz der hochentwickelten westlichen Länder unter Führung der USA und auf eine einseitige vor allem militärische Lösung der Schlüsselfragen der Weltpolitik, unter Umgehung des Völkerrechts, hinausläuft.“

Im Kapitel 2, »Die nationalen Interessen der Russischen Föderation«, werden die Interessen Russlands im militärischen Bereich so formuliert: „Die nationalen Interessen Russlands im militärischen Bereich bestehen in der Verteidigung seiner Unabhängigkeit, der Souveränität, der staatlichen und territorialen Integrität, in der Verhinderung einer militärischen Aggression gegen Russland und seine Verbündeten, in der Gewährleistung von Bedingungen für eine friedliche, demokratische Entwicklung des Staates.“

Im Kapitel 3, »Bedrohungen der nationalen Sicherheit der RF«, wird zunächst den ökonomischen Faktoren, den separatistischen und nationalistischen Tendenzen, der unzureichenden Rechtsstaatlichkeit, der Kriminalität, dem Terrorismus und anderen zivil-gesellschaftlich relevanten Faktoren Aufmerksamkeit zuteil.

Bei der Darstellung der Bedrohungen im internationalen Bereich werden die folgenden »grundlegenden Bedrohungen« genannt:

  • „Das Bestreben einzelner Staaten … die Rolle bestehender Mechanismen zur Gewährleistung der internationalen Sicherheit, vor allem aber der UNO und der OSZE, herabzusetzen;
  • die Gefahr einer Schwächung des politischen, ökonomischen und militärischen Einflusses Russlands in der Welt;
  • die Festigung der militärisch-politischen Blöcke und Bündnisse, vor allem die Osterweiterung der NATO;
  • die Möglichkeit des Auftauchens ausländischer Militärbasen und großer militärischer Kontingente in unmittelbarer Nähe der russischen Grenzen;
  • die Weiterverbreitung von Massenvernichtungswaffen und deren Trägermitteln;
  • die Schwächung der Integrationsprozesse in der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS);
  • das Entstehen und die Eskalation von Konflikten in der Nähe der Staatsgrenzen der RF und der äußeren Grenzen der GUS;
  • territoriale Ansprüche an die Russische Föderation.“

Nach der Aufzählung weiterer Bedrohungsfaktoren kommen die Autoren der Konzeption zu einer erstmalig in dieser Eindeutigkeit formulierten Aussage: „Das Niveau und die Maßstäbe der Bedrohung im militärischen Bereich wachsen an.“ Dem schließt sich die z.T. präzisierte Formulierung aus der Konzeption des Jahres 1999 an, die da lautet: „Der in den Rang einer strategischen Doktrin erhobene Übergang der NATO zur Praxis gewaltsamer (militärischer) Handlungen außerhalb des Verantwortungsbereiches des Blocks und ohne Sanktion des Sicherheitsrates der VN, birgt die Gefahr einer Destabilisierung der gesamten strategischen Weltlage in sich.“

Beachtenswert in diesem Kapitel erscheint ein Absatz, der die gegenwärtige Ausgangslage für die Fortsetzung der Militärreform darstellt. Seine kritischen Feststellungen lauten sinngemäß so: Die Reform militärischer Strukturen und der Verteidigungsindustrie haben sich über Gebühr verzögert. Hauptursachen dafür sind die unzureichende Finanzierung und Unzulänglichkeiten in der rechtlichen Basis. Die sich verstärkenden negativen Tendenzen zeigen sich vor allem in einem kritisch niedrigen Niveau der operativen- und Gefechtsausbildung, in einer unzulässigen Verringerung des Ausstattungsgrades mit modernen Waffen und modernem Gerät sowie in der äußersten Schärfe sozialer Probleme. Das alles führt zu einer Schwächung der militärischen Sicherheit der Russischen Föderation.

Das 4. Kapitel behandelt »Die Gewährleistung der nationalen Sicherheit der RF«. Auch hier finden die LeserInnen eine unendliche Aufzählung verschiedenster Aspekte für die Gewährleistung der nationalen Sicherheit, die einen vorrangig deklarativen Charakter tragen. In dem eigentlich militärischen Teil dieses Kapitels erscheinen die folgenden Aussagen beachtenswert:

  • „Zur Verhinderung des Krieges und bewaffneter Konflikte bevorzugt die Russische Föderation politische, diplomatische, ökonomische und andere nichtmilitärische Mittel. Gleichwohl erfordern die nationalen Interessen das Vorhandensein einer für ihre Verteidigung ausreichenden Militärmacht.“
  • „Eine der wichtigsten Aufgaben der Russischen Föderation besteht in der Gewährleistung der Abschreckung im Interesse der Vorbeugung einer Aggression beliebigen Maßstabs, einschließlich einer Aggression unter Anwendung von Kernwaffen gegen Russland und seine Verbündeten.“
  • „Die Russische Föderation muss über nukleare Kräfte verfügen, die garantiert dazu befähigt sind, jedem Aggressorstaat oder einer Staatenkoalition einen angemessenen Schaden unter beliebigen Bedingungen der Lage zuzufügen.“
  • „Die Streitkräfte der Russischen Föderation müssen in ihrem Friedensbestand in der Lage sein, den zuverlässigen Schutz des Landes vor einem luft-kosmischen Überfall,… die Abwehr einer Aggression im lokalen Krieg (bewaffneten Konflikt) bzw. die strategische Entfaltung für die Lösung von Aufgaben in einem großflächigen Krieg zu gewährleisten.“

Ganz offensichtlich lässt sich Russland auch die Möglichkeit von Auslandseinsätzen seiner Streitkräfte offen, denn im weiteren heißt es: „Die Interessen der Gewährleistung der nationalen Sicherheit verlangen unter entsprechenden Umständen die militärische Präsenz Russlands in einigen strategisch wichtigen Regionen der Welt. Die Stationierung begrenzter Truppenkontingente – auf vertraglicher und völkerrechtlicher Grundlage – muss die Bereitschaft Russlands gewährleisten, seine Verpflichtungen zu erfüllen, in den Regionen zur stabilen militärstrategischen Kräftebalance beizutragen und der RF die Möglichkeit geben, auf Krisensituationen in deren Anfangsstadium zu reagieren und die Verwirklichung außenpolitischer Ziele des Staates zu fördern.“

Fazit

Unter den vielen Bedrohungen der nationalen Sicherheit sieht Russland auch eine rein militärische. Die nach dem Ende des Kalten Krieges vorherrschende Meinung von einer langen Periode des friedlichen Zusammenlebens der Völker verliert in der russischen Öffentlichkeit zusehends an Glaubwürdigkeit. Dominierend sind heute Misstrauen und Argwohn. Die Hauptgründe dafür sind die Osterweiterung der NATO, die jüngsten Kriegshandlungen der NATO-Staaten gegen Jugoslawien, der zusehends größer werdende qualitative und quantitative waffentechnische Vorsprung der USA und das alarmierende Beispiel des Tschetschenienkrieges.

Die frühzeitig erkannte Notwendigkeit einer Militärreform scheiterte an den katastrophalen Folgen politischer, administrativer und ökonomischer Umbrüche. Die bisher durchgeführten Reformschritte haben den Niedergang der Streitkräfte verlangsamt, aber noch nicht gestoppt.

Das Empfinden der russischen Führung, dass das Niveau und die Maßstäbe der Bedrohung im militärischen Bereich anwachsen, bestimmt zweifellos ihr weiteres Vorgehen. Der verfügbare Handlungsspielraum bleibt aber zunächst äußerst beschränkt. Aus der militärischen Logik heraus erhöhen sich dadurch Rolle und spezifisches Gewicht der Abschreckung. Die herkömmlichen Kräfte und Mittel einer strategischen Abschreckung sind – gemessen am US-amerikanischen Potenzial – schwach. Die Streitkräfte, die für die Verteidigung des Riesenlandes zur Verfügung stehen, befinden sich in einem desolaten Zustand. Das sind die Gründe für die in letzter Zeit russischerseits immer wieder betonte Notwendigkeit einer glaubhaften atomaren Abschreckung.

Die Militärreform als eine komplexe Abfolge gut durchdachter Einzelschritte wird in dem Maße vorankommen, wie es gelingen wird, die russische Wirtschaft anzukurbeln. Von einer russischen Gefahr kann im überschaubaren Zeitraum nicht die Rede sein. Dennoch sollte sich der Westen hüten Russland zu demütigen. Der Weg zu gutnachbarlichen Beziehungen führt, wie gehabt, über eine vertrauensbildende Politik, die es versteht russische Befindlichkeiten zu berücksichtigen und Misstrauen abzubauen.

Militärbezirke
Abb.1: Neufestlegung der Militärbezirke
Strategische Richtung Militärbezirk Stab
Westl. strateg. Richtung Moskauer MB Moskau
Nordwestl. strat. Richtung Leningrader MB St. Petersburg
Südwestliche strat. Richtung Nordkaukasischer MB Rostow am Don
Zentral-asiat. strat. Richtung Wolga-Ural-MB Samara
Sibirische strat. Richtung Sibirischer MB Tschita
Fernöstliche strat. Richtung Fernost-MB Chabarowsk
Abb.2: Anpassung der Grenzziehung der Militärbezirke an die entscheidenden strategischen Richtungen

Anmerkungen

1) Jede TSK wurde von einem Oberbefehlshaber kommandiert, der sich in seiner Führungstätigkeit auf einen Hauptstab der TSK stützte. Die Hauptstäbe der TSK waren dem Generalstab nachgeordnet.

2) Sergej Sokut in »Nezawisimaja Gaseta« Nr.1/2000

Dr. Karl Harms war als Oberst der NVA über sechs Jahre im Stab der Vereinten Streitkräfte in Moskau tätig. Er arbeitet heute als Publizist in Berlin.

Drohungmit der Bombe?

Drohung
mit der Bombe?

Russland und seine Nuklearwaffen

von Otfried Nassauer

„Russland senkt Schwelle für den Einsatz von Atomwaffen“ meldete die französische Nachrichtenagentur afp am 14. Januar. Kaum im Amt hatte Vladimir Putin eine neue »Konzeption der nationalen Sicherheit« in Kraft gesetzt. Das Papier, so viele westliche Beobachter, erlaube nicht nur den auch von der NATO offen gehaltenen Ersteinsatz nuklearer Waffen, sondern lasse erkennen, daß Moskau angesichts der Schwäche seiner konventionellen Streitkräfte davon ausgehe, Atomwaffen künftig früher einsetzen zu müssen. Russland auf den Spuren der NATO, auf zu einer russischen Variante der Strategie der flexiblen Antwort, mit der die NATO den Kalten Krieg überwinterte? Neuer Grund zu westlicher Vorsicht?
Otfried Nassauer über die neue Rolle der Atomwaffen in der russischen Sichewrheitspolitik.

Vladimir Putin, Russlands Interimspräsident und Premierminister hat sich schnell einen Ruf als entschlossener Entscheider gemacht. Kaum im Amt, ließ er das nur drei Monate alte Grundlagendokument russischer Sicherheitspolitik, die »Konzeption nationaler Sicherheitspolitik der Russischen Föderation« seines Vorgängers Boris Jelzin aus dem Oktober 1999n überarbeiten und setzte erste eigene Akzente. Das Papier sieht den „Einsatz aller Russland zur Verfügung stehenden Kräfte und Mittel, einschließlich von Kernwaffen“ vor, „wenn bei Notwendigkeit der Abwehr einer bewaffneten Aggression alle anderen Maßnahmen zur Krisenbeilegung ausgeschöpft wurden und sich als uneffektiv erwiesen“ haben.

Die »Konzeption der Sicherheit« stellt die politische Grundlage für die Verabschiedung einer neuen »Militärdoktrin« dar, die im März politisch gebilligt werden soll. Den Entwurf für dieses Dokument hatte am 9. Oktober 1999 die Zeitung »Krasnaja Swesda« veröffentlicht. Er beschreibt die Rolle nuklearer Waffen etwas präziser. Russland sieht danach die Nuklearwaffen als „wirksamen Faktor der Abschreckung von Aggressionen, der Gewährleistung von militärischer Sicherheit der Russischen Föderation und ihrer Verbündeten sowie der Aufrechterhaltung der internationalen Stabilität und des Friedens.“ Mit dem russischen Nuklearpotenzial müsse „jedem Aggressor-Staat oder jeder Staatenkoalition unter beliebigen Lagebedingungen ein befohlener Schaden garantiert zugefügt werden können.“

Der Entwurf der Militärdoktrin wiederholt die Negative Sicherheitsgarantie, die Russland 1995 den nicht-nuklearen Mitgliedern des Nichtverbreitungsvertrages gegeben hatte: Russland werde gegen Staaten, „die nicht über Kernwaffen verfügen keine Kernwaffen einsetzen, es sei denn, ein solcher Staat verwirklicht oder unterstützt gemeinsam mit einem Kernwaffenstaat oder als dessen Verbündeter eine Invasion oder einen beliebigen anderen Überfall gegen die Russische Föderation, ihr Territorium, ihre Streitkräfte oder anderen Truppen, ihre Verbündeten oder gegen einen Staat dem gegenüber sie Sicherheitsverpflichtungen hat.“

Russland behalte sich aber „das Recht auf die Anwendung von Kernwaffen vor – sowohl in Antwort auf den auf den Einsatz von Kernwaffen und anderen Massenvernichtungswaffen gegen sie oder ihre Verbündeten als auch, in kritischen Situationen für die nationale Sicherheit der Russischen Föderation und ihre Verbündeten, als Antwort auf eine Aggression großen Maßstabs mit konventionellen Waffen.“

Per definitionem stellt der Einsatz nuklearer Waffen gegen einen »nur« mit biologischen und chemischen Waffen ausgestatteten Gegner einen Ersteinsatz dar, ebenso der Einsatz in Reaktion auf einen großen konventionellen Angriff. Letzteres war auch die Strategie der NATO während der letzten zwanzig Jahre des Kalten Krieges als davon ausgegangen wurde, dass Moskau dem Westen konventionell deutlich überlegen sei. Bislang aber haben lediglich die USA in ihrer nationalen Strategie die Option offengehalten, Nuklearwaffen gegen die Besitzer von biologischen und chemischen Waffen einzusetzen. Washington bedrängt die NATO seit Jahren, dies auch in die Bündnisstrategie aufzunehmen – ein politisch höchst heikles Unterfangen, da ein solcher Einsatz nicht nur gegen die Negativen Sicherheitsgarantien von 1995 verstoßen würde, sondern – sollte dabei die nukleare Teilhabe im Rahmen der NATO zur Anwendung kommen – auch eine direkte Verletzung der Artikel I und II des Nichtverbreitungsvertrages darstellen würde. Nun scheint auch Moskau eine solche Erweiterung der Funktion nuklearer Waffen zu planen. Dort scheint man sich aber nicht bewußt zu sein, daß die Negativen Sicherheitsgarantien keine Ausnahme für Staaten machen, die biologische oder chemische Waffen besitzen. Sonst müßte es doch verwundern, warum die Wiederholung der Garantien und die erweiterte Funktion nuklearer Waffen direkt aufeinander folgen. Die Entwicklung in den Nuklearwaffenstaaten hin zu einer Erweiterung und damit Relegitimation nuklearer Waffen wirft zudem die Frage auf, welche weitergehenden, negativen Folgen für den NVV entstehen, der im April und Mai zur Überprüfung ansteht.

Zugleich machen die Konzeption nationaler Sicherheit und der Entwurf der Militärdoktrin aber auch deutlich, daß Nuklearwaffen eine vor allem politische, den Weltmachtstatus Russlands abstützende Funktion haben und ein klassisches Abschreckungsdenken unter dem Vorzeichen einer gesicherten Zweitschlagsfähigkeit vorherrscht.

Zahlenmäßig wirkt das russische Nuklearpotenzial auf den ersten Blick weiterhin imposant. Russland verfügte im vergangenen Jahr nach den Zählregeln des START-Vertrages noch über mehr als 6.500 strategische Atomsprengköpfe, für die 756 Interkontinentalraketen, 592 U-Boot-gestützte Raketen und 74 Langstreckenbomber als Trägersysteme existierten. Es gelang der russischen Föderation eine neue Langstreckenrakete vom Typ SS-27 zu entwickeln und – wenn auch deutlich langsamer als vorgesehen – bei den Streitkräften einzuführen. Jüngst wurde mit der Ukraine vereinbart, daß dort nach dem Zerfall der Sowjetunion verbliebene strategische Blackjack-Bomber im Tausch gegen ukrainische Energieschulden nach Russland überführt werden. Der Papierform nach ist Russlands strategische Nuklearmacht damit nur wenig schwächer als die der USA mit Trägersystemen für knapp 8.000 Sprengköpfe.

In der Wirklichkeit geben diese Zahlen jedoch kaum Aufschluß über das einsetzbare strategische Nuklearpotenzial Russlands. Das liegt zum einen daran, daß die Sprengkopfzahlen »nach START« zum Teil theoretischer Natur sind. Zum anderen muß berücksichtigt werden, daß jedes Trägersystem (und seine Sprengköpfe) solange mitgezählt werden, bis es verifiziert eliminiert ist. Somit sind diese Zahlen vor allem mit Blick auf die russische Seite, die bei der teuren Nuklearabrüstung deutlich hinter den USA hinterherhinkt – deutlich zu hoch. Das wird auch in folgenden Beispielendeutlich:

  • Russland verfügt zwar angeblich noch über 592 U-Boot-gestützte Raketen, es kann jedoch nur mit Mühe jederzeit je ein U-Boot zu Patrouillen im Nordmeer und im Pazifik aussenden.
  • Die Zahl einsetzbarer strategischer Nuklearwaffen bei den Russischen Streitkräften sinkt durch den natürlichen Alterungsprozeß immer weiter ab. Um 2008 – so die verbreitete Annahme – wird Russland allein deshalb vermutlich über deutlich weniger als 1.800 einsetzbare strategische Nuklearsprengköpfe verfügen. Russische Sprengköpfe haben aus technischen Gründen eine Lebensdauer von etwa 10-15 Jahren – US-amerikanische von etwa 30 Jahren – und Russland verfügt nicht über die Mittel, ebenso viele Sprengköpfe und vor allem Trägersysteme nachzuproduzieren wie wegen Überalterung außer Dienst gestellt werden müssen.

Unklarheit herrscht auch über die Zahl taktischer Nuklearwaffen, die die Russische Föderation weiterhin einsatzbereit hält. Anders als im Bereich strategischer Waffen gibt es hier bislang keine vertraglichen Transparenz und Datenaustausch vorschreibenden Regelungen. Auf westliches Drängen, über diese Waffen z.B. im Rahmen des NATO-Russland-Rates zu einem Informationaustausch zu kommen, reagierte Moskau eher zugeknöpft. Die Reduzierung taktisch nuklearer Waffen nach dem Ende des Kalten Krieges erfolgte weitestgehend auf Basis einseitiger Schritte, die beide nuklearen Supermächte 1991/92 angekündigt hatten. Im Westen herrschen vielerorts Zweifel, ob Russland Willens und in der Lage war seinen einseitig übernommenen Verpflichtungen vollständig nachzukommen.

Um die zehntausend taktische Nuklearwaffen vermuteten manche westlichen AnalytikerInnen vor wenigen Jahren noch in Moskaus Arsenalen und befürchteten, daß hier ein signifikantes Ungleichgewicht zu den USA entstanden sei. Dort sollen nur noch etwa 1.000 taktische Nuklearwaffen im Dienst gehalten werden. Russland dürfte heute kaum über mehr als 5.000 taktische Nuklearwaffen verfügen; viele dieser Waffen sind zudem zur Delaborierung vorgesehen. Schon 1997 bezifferte der kenntnisreiche stellvertretende Vorsitzende des Verteidigungsausschusses Alexei Arbatov die Zahl der im Dienst verbliebenen taktischen Nuklearwaffen auf 3.800. Andere russische WissenschaftlerInnen schätzten das verbliebene Potenzial 1998 auf insgesamt 5.700 Sprengköpfe. Einig sind sich allerdings die meisten BeobachterInnen, daß im neuen Jahrtausend die Zahl der einsetzbaren taktischen Nuklearwaffen schnell auf etwa 1.000 Systeme absinken dürfte. Dies auch deshalb, weil sich Russland bei der Modernisierung und Neuproduktion von Sprengköpfen auf den Erhalt seiner strategischen Nuklearfähigkeit und die verfügbaren Ressourcen hier konzentriert. Ein größeres Programm zur Modernisierung der taktischen Nuklearwaffen Russlands – immer wieder einmal tauchte das Gerücht auf, der Bau von bis zu 20.000 neuen Mini-Nuklearwaffen sei geplant – hat sich bislang nicht bestätigen lassen.

Diese Trends haben Auswirkungen auf die von manchen westlichen AnalytikerInnen befürchtete Umsetzung einer russischen Variante der NATO-Strategie der flexiblen Antwort. Die dafür erforderliche einsatznahe Stationierung taktisch nuklearer Waffen zur Unterstützung konventioneller Operationen würde Russland vor nicht unerhebliche Probleme stellen. Viele der während des Kalten Krieges von den sowjetischen Streitkräften genutzten Depots liegen außerhalb des heutigen Russlands. Nicht selten waren dies die moderneren und besser ausgestatteten. Dort, wo Russland heute taktische Nuklearwaffen mit operativem Nutzen stationieren müßte, gibt es oft keine geeigneten, reaktivierbaren Lager für diesen Bestimmungszweck. Sie müßten mit hohen Kosten neu eingerichtet werden.

Schließlich ist zu berücksichtigen: Die deutlichen Worte, die mancher russische Politiker zur erweiterten Rolle nuklearer Waffen verliert, haben oft einem anderen Hintergrund. Mit diesen Äußerungen stützt Russland seine Ansprüche auf Mitsprache bei Fragen der europäischen und internationalen Sicherheit, seine Rolle als Großmacht und – innenpolitisch gedacht – als den USA ebenbürtige Supermacht.

Die wirklichen Interessenlagen Moskaus spiegeln sich dagegen eher im rüstungskontrollpolitischen Verhalten. Der Kreml ließ trotz des tiefen Konfliktes mit der NATO wegen des Kosovo-Einsatzes die Verhandlungen über ein KSE 2-Abkommen nicht scheitern. Und trotz der immer wieder vertagten Ratifizierung des START 2-Abkommens durch die Duma werden weiterhin bilaterale technische Gespräche mit den USA über ein künftiges START 3-Abkommen geführt. Die Absicht START II in Russland durchzusetzen wurde nie aufgegeben.

Die Vorgespräche für ein START III Abkommen fußen auf den Grundlagenvereinbarungen zwischen den Präsidenten Jelzin und Clinton während des Helsinki-Gipfels 1997, in denen u.a. auch festgelegt wurde, über die Problembereiche »verifizierbare Abrüstung atomarer Sprengköpfe« und »taktische Nuklearwaffen« zu verhandeln. Sie werden in Genf geführt.

Die in Helsinki vereinbarte künftige Obergrenze für die Zahl erlaubter Atomwaffen ist aus russischer Sicht mit 2.000- 2.500 zu hoch; Russland möchte die Zahl auf maximal 1.500 beschränkt wissen. Eine solche Absenkung war seitens der USA bislang für ein viertes START-Abkommen ins Auge gefaßt worden. Deutlich spiegelt sich das russische Interesse, Kosten für die Modernisierung und Aufrechterhaltung seines strategischen Nuklearpotenzials zu sparen.

Unklar ist derzeit, ob und welche Fortschritte bei diesen Gesprächen in den Fragen der Einbeziehung taktischer Nuklearwaffen und des verifizierbaren Sprengkopfabbaus erzielt wurden.

Ähnlich wie im Bereich strategischer Waffen muß Russland an weiteren signifikanten Reduzierungen gelegen sein. Nur so lassen sich Kosten für eine teure Modernisierung sparen. Nur so kann das russische Interesse die US-Nuklearwaffen der NATO in Europa, die Russland als strategische weil russisches Territorium bedrohende Waffen sehen muß, durch Rüstungskontrolle zu beseitigen gewahrt werden.

Ob und welche Fortschritte aber in diesen Verhandlungen insgesamt erreicht werden können wird sich nicht zuletzt daran entscheiden, ob Moskau und Washington Einigung über die Zukunft des ABM-Vertrages erzielen können. Dieser Vertrag ist aus Moskauer Sicht das Fundament aller bilateralen Verträge, mit denen die Zahl strategischer Atomwaffen begrenzt werden. Er sichert, daß der Gegner verwundbar bleibt und es darf deshalb nicht verwundern, wenn russische Politiker oder Regierungsmitglieder immer wieder einmal damit drohen, daß Russland sich bei einem Ausscheiden Washingtons aus dem ABM-Vertrag automatisch nicht mehr an die Verträge über die Begrenzung strategischer Nuklearwaffen gebunden fühle.

Unter Putins Präsidentschaft könnte Russland allerdings bereits sein, den USA auf dem Weg zu einem Kompromiß bei START III und dem ABM-Vertrag sichtbar entgegen zu kommen. Dies macht eine der selten beachteten Veränderungen deutlich, die Putin an Jelzins Konzept der nationalen Sicherheit vornehmen ließ: In der Fassung Jelzins vom 5. Oktober 1999 lautet die entscheidende Passage: Die Außenpolitik Russlands ist auszurichten „auf das Erreichen eines Fortschritts im Bereich der Kontrolle über Kernwaffen, die Aufrechterhaltung strategischer Stabilität und den Erhalt und die Festigung des Vertragsregimes von 1972 zur Begrenzung der Raketenabwehrsysteme.“ (Nesawisimoje wojennoje obosrenije, Nr. 46 (169), 26.11.1999) Unter Putin wird bereits zehn Tage nach Übernahme der Interims-Präsidentschaft Kompromißbereitschaft signalisiert: Hier lautet das Ziel „die Anpassung der existierenden Vereinbarungen über Rüstungskontrolle an die neuen Bedingungen in den internationalen Beziehungen.“ (Nesawisimoje wojennoje obosrenije, 14.1.2000, http://nvo.ng.ru/concepts/2000-01-14/6_concept.html)

Otfried Nassauer ist freier Journalist und leitet das Berliner Informationszentrum für Transatlantische Sicherheit (BITS). Er arbeitet u.a. an einem durch die Ford-Stiftung geförderten Projekt zu den NATO-Russland-Beziehungen.

Zurück zum Kalten Krieg?

Zurück zum Kalten Krieg?

Russland und der US-Hegemonieanspruch

von Jürgen Scheffran

Von einem »Klimawandel« zwischen Moskau und Washington ist die Rede, von einer politischen »Frostperiode« der bilateralen Beziehungen, von einem »Kalten Frieden«, der in einen neuen »Kalten Krieg« umschlagen könne. Dabei schien Russland der Berliner Zeitung noch zu Beginn des Jahres 1999 kein ernst zunehmender Machtfaktor in der internationalen Politik mehr zu sein:„Es ist unübersehbar: die »Bill-und-Boris-Ära« ist vorbei, Russland hat für die amerikanische Außenpolitik keine Priorität mehr. Ökonomisch hat man in Washington den einstigen Rivalen… abgeschrieben. Politisch ist Russland bereits seit Monaten praktisch gelähmt, sein internationaler Spielraum ist stark eingeengt. Und militärisch hat das Land nach Einschätzung von Sicherheitsexperten nicht einmal mehr die Fähigkeit, einen Nachbarstaat von der Größe Finnlands oder Schwedens zu besetzen.“1 Doch das war vor dem Kosovo-Krieg und vor dem Beginn des zweiten Tschetschenienkrieges. Seitdem ist der »russische Bär« auf die Weltbühne zurückgekehrt, die Register seiner ihm noch verbliebenen Macht ziehend.
Jürgen Scheffran über innere und äußere Gründe für den russischen Positionswechsel.

Spätestens seit dem neuerlichen Tschetschenien-Krieg und der zur Jahrtausendwende symbolträchtig vollzogenen Machtübergabe von Boris Jelzin an Wladimir Putin versucht Russland wieder auf dem internationalen Parkett ein Wort mitzureden und die Phase der »Politik der Schwäche« zu überwinden. Sicher, ein großer Teil der Probleme – von der Sicherheitspolitik bis zur Wirtschafts- und Sozialpolitik – war hausgemacht bzw. ein unvermeidbares Ergebnis der schmerzvollen Transformation des Sowjetsystems in den kapitalistischen Weltmarkt. Zugleich darf aber nicht übersehen werden, dass der erhebliche Positionsverlust gegenüber dem Westen auch eine Folge westlicher Macht- und Interessenpolitik ist, die auf Russlands Sicherheitsbedürfnisse wenig Rücksicht nahm.

Es reicht nicht, den Wandel in Russland als autonomen, allein von inneren Entwicklungen angetriebenen Prozess zu beschreiben. Weitaus spannender und der Komplexität der Problemlage angemessener ist es, die Verquickung interner und externer Effekte zu untersuchen. Dies ließe sich zeigen an der Art und Weise wie die NATO-Osterweiterung über russische Ängste hinweg ging oder an der eigennützigen Politik der USA in der ölbeladenen Kaukasus-Region. Im folgenden sollen die Zusammenhänge an zwei Beispielen schlaglichtartig verdeutlicht werden, dem Kosovo-Krieg der NATO und der neuen Raketenabwehrdebatte.

Der Beinahe-Zusammenstoß
im Kosovo

Schon im Bosnien-Krieg lehnte Moskau ein militärisches Eingreifen der NATO ohne ein Mandat des UN-Sicherheitsrates ab. Die russische Regierung suchte nach politischen Lösungen mit Hilfe internationaler Gremien, in denen sie ein gleichberechtigtes Mitspracherecht hatte (Vereinte Nationen, OSZE, Balkan-Kontaktgruppe).2 Auch im Verlauf der Kosovo-Krise votierte Russland für eine stärkere Einbeziehung der zivilen internationalen Institutionen und widersetzte sich einer »Federführung« durch die NATO. Gleichzeitig versuchte es seinen Einfluss auf die jugoslawische Führung geltend zu machen, nicht ohne deutliche Kritik zu üben an der jugoslawischen Politik (so beim Massaker von Racak).

Diese Politik traf auf den entschiedenen Widerstand vor allem der USA. Das wurde auch in Rambouillet deutlich. Zwar unterstützte Russland den ersten Vertragsentwurf, doch an den erheblichen Änderungen, die dann auf Druck der USA vorgenommen wurden um die albanische Seite zufrieden zu stellen, wurde die russische Verhandlungspartei nicht mehr beteiligt. Folgerichtig blieb Russland der feierlichen Unterzeichnung des Rambouillet-Abkommen am 19.3.99 durch die Kosovo-Albaner fern, was das Scheitern der Verhandlungen besiegelte.

Der Beginn der NATO-Luftangriffe musste Russland zwangsläufig weiter brüskieren. Premierminister Jewgeni Primakow sprach davon, der NATO-Angriff auf ein souveränes Land habe „irreparabel destabilisierende Auswirkungen auf die Situation im Kosovo, im ehemaligen Jugoslawien, in Europa und der ganzen Welt.“3 Folgerichtig sagte er einen vorgesehenen USA-Besuch mitten im Flug ab. Am 29. März 1999 kritisierte Präsident Jelzin das Vorgehen der NATO, das „unter Umgehung des Sicherheitsrats, entgegen ihrer Satzung, entgegen jeder Vernunft“ erfolgt sei. Gleichzeitig erklärte er, Russland werde sich jedoch nicht in einen bewaffneten Konflikt hineinziehen lassen und seine Beziehungen zu den USA nicht aufs Spiel setzen. Wenige Tage später schlug er die unverzügliche Einberufung einer Außenministerkonferenz der G8-Staaten vor.

Dies traf sich mit den Vorschlägen des deutschen Außenministers Fischer, der mit seinem am 13. April 1999 vorgelegten Plan bestrebt war, Moskau wieder »ins Boot« zu holen, um die G8-Bedingungen zur Beendigung der NATO-Luftangriffe durchzusetzen. Als Mittler zu Belgrad diente nun der frühere russische Ministerpräsident Tschernomyrdin, der letztlich maßgeblich mit dazu beitrug, dass Milosevic dem G-8-Plan im Rahmen eines UNO-Mandats zustimmte.

Die Darstellung auf der diplomatischen Ebene besagt aber nur wenig über die Wirkung des Kosovo-Krieges auf die Diskussion innerhalb Russlands. In den russischen Massenmedien löste das Vorgehen der NATO im Kosovo ein Feuerwerk anti-westlicher Ressentiments und Reaktionen aus, gepaart mit einem instinktiven Panslawismus, der Differenzen mit der Politik Milosevics vergessen ließ. In Umfragen sahen 70 % der RussInnen den NATO-Angriff als „direkte Bedrohung für die russische Sicherheit“ an. Da die NATO als Aggressorin angesehen wurde, wurde Jugoslawien zum Opfer, das der Unterstützung Russlands bedürfe. Es wurde dazu aufgerufen von den Sanktionen gegen Jugoslawien abzurücken und dem Land nicht nur humanitäre, sondern auch militärische Hilfe zukommen zu lassen und sogar Freiwillige zu schicken.

Tatsächlich hat der Kosovo-Krieg die politische Bühne in Russland nachhaltig verändert. War es bis dahin noch möglich, auf dem schmalen Grat zwischen Antiamerikanismus und Westbeziehungen, zwischen Rhetorik und pragmatischer Vermittlung zu lavieren, erzwang der Kosovo-Krieg eine Zuspitzung, eine Entscheidung zwischen Für und Wider. Alle maßgeblichen politischen KandidatInnen und Parteien verurteilten die Bombardierung. Selbst Gregorii Yawlinski, Führer der liberalen Jabloko-Partei, verurteilte die NATO-Angriffe als »absolut illegitim''. Der Vorsitzende des Ausschusses für internationale Angelegenheiten der Duma warf der NATO vor, mit dem Recht des Stärkeren ins Mittelalter zurückzukehren und der frühere Ministerpräsident Jegor Gaidar äußerte die Befürchtung, jeder Schlag auf Jugoslawien sei auch ein Schlag gegen eine demokratische Entwicklung in Russland.

Durch den globalen Hegemonialanspruch der USA wurden die in der Gesellschaft Russlands schon lange schwelenden antiwestlichen, in erster Linie antiamerikanischen Ressentiments gefördert. In der Elite Russlands verquicken sich „Gefühle der Demütigung, Kränkung und des verletzten Stolzes mit einem Überlegenheitskomplex und dem Bestreben, etwas von der früheren internationalen Bedeutung zurückzugewinnen“.4

Mit dem Kosovo bekam die politische Klasse Russlands ein praktisches Anschauungsbeispiel für die Befürchtung, das multiethnische Russland könne selbst einmal zur Zielscheibe der neuen NATO-Interventionsstrategie werden. Daher ist der Einwand, die antiwestliche und gegen die NATO gerichtete Haltung Russlands sei „eine Reaktion auf die Probleme im Inneren und Ausdruck des Versuchs, die Aufmerksamkeit von der anhaltenden Krise im Land selbst abzulenken“,5 nicht ganz überzeugend denn er übersieht, dass die Sicherheitsängste gegenüber dem Westen einen realen Kern besitzen. Er kann auch nicht entschuldigen, dass die NATO die Komplexe und Ängste der politischen Klasse Russlands noch verstärkte. Gestärkt wurde die Anhängerschaft derjenigen, die die NATO traditionell am entschiedensten ablehnten, also der Kommunisten und der NationalistInnen, aber auch jene Mischung aus Law-and-Order, Geheimdiensten, Wirtschaftsbossen und Militärs, die sich in der Gestalt Putins personifizierte.

Auch das russische Militär konnte im Gefolge der NATO-Intervention die Stimmung zu seinen Gunsten ausnutzen. Generalstabschef Anatolii Kwashnin verurteilte die NATO-Agression als eine Verletzung des NATO-Vertrags und folgerte, „Russland benötige alle Streitkräfte und alle Militärstrukturen, über die es verfüge, einschließlich der strategischen Kernwaffen, um darauf zu antworten und die territoriale Integrität und Souveränität Russlands zu sichern.“ 6 Konkrete Anzeichen für einen wachsenden Einfluss des Militärs sind der Ruf nach einer expansiveren Militärdoktrin, eine Zunahme von Militärübungen und eine Steigerung des Militärbudgets.

Ringen um Raketenabwehr

Langfristig könnten die Pläne der USA für die Entwicklung einer nationalen Raketenabwehr (National Missile Defense, NMD) noch folgenschwerer sein als der Kosovo-Krieg. Seit den Sechzigerjahren war Raketenabwehr ein Dauerbrenner in den Beziehungen zwischen Moskau und Washington. Zunächst spielte die damalige Sowjetunion mit ihrem um Moskau stationierten Abwehrgürtel aus nuklearbestückten Abfangraketen noch eine Führungsrolle, doch mit der Entspannung der Siebzigerjahre wurden Raketenabwehrsysteme zunehmend obsolet. Beide Supermächte waren sich der unzureichenden technischen Möglichkeiten bewusst und befürchteten, ein offensiv-defensives Wettrüsten könne die strategische Stabilität untergraben und beträchtliche Ressourcen verschlingen. Daher vereinbarten sie 1972 den ABM-Vertrag, der beiden Seiten die Entwicklung, Erprobung und Stationierung einer landesweiten Raketenabwehr untersagt, ausgenommen ein System von 100 Abfangeinrichtungen an einem Ort. Moskau behielt ein abgespecktes System bei, während die USA ihres bei Grand Forks verschrotteten.

1983 verkündete der republikanische Präsident Ronald Reagan in seiner »Star Wars-Rede« das Ziel, Atomwaffen durch die Entwicklung eines weltraumgestützten Abwehrsystems „impotent und obsolet“ zu machen. Milliardensummen flossen in die Strategische Verteidigungs-Initiative (SDI), die den ABM-Vertrag auszuhebeln drohte. Die sowjetische Regierung opponierte massiv gegen die Weltraumpläne der USA. Auch die neue Führung unter Gorbatschow widersetzte sich SDI und entwickelte dagegen ein Konzept umfassender nuklearer Abrüstung.

Das mit dem Ende des Kalten Krieges überfällige Begräbnis für SDI ließ jedoch auf sich warten. Nach dem vermeintlichen Erfolg der Patriot-Rakete gegen die irakische Scud stieg SDI wieder wie Phönix aus der Asche empor. Zwar benannte US-Präsident Clinton das Programm in Ballistic Missile Defense (BMD) um und verschob die technologischen Prioritäten hin zur Bodenabwehr, doch der finanzielle Umfang wurde kaum verringert. Als Begründung dienten nun die vermeintlichen Bedrohungen durch Schurkenstaaten, Terroristen und versehentliche Raketenstarts. Seit 1983 flossen mehr als 55 Mrd. Dollar in die Raketenabwehr. Anfang 1999 wurden zusätzliche 7 Mrd. bereitgestellt. Im Sommer 2000 soll Clinton eine Entscheidung über die Stationierung fällen, auf Grundlage der durch Abwehrtests belegten technischen Funktionsfähigkeit.

Trotz nur geringer technischer Fortschritte und obwohl NMD nicht explizit gegen Russland gerichtet ist, sieht die russische Regierung hierin eine ernste Bedrohung ihrer nationalen Sicherheit. Eine zusammenfassende Argumentation gibt der russische Verteidigungsminister Sergejew im Rahmen einer in der Süddeutschen Zeitung dokumentierten Kontroverse mit US-Verteidigungminister Cohen. Die Kernpunkte:

  • Der ABM-Vertrag ist eine Voraussetzung für die Reduzierung und Begrenzung strategischer Offensivwaffen und muss erhalten bleiben.
  • Das »Nationale Raketenabwehrsystem« der USA kann die Destabilisierung der militär-strategischen Lage beschleunigen und gefährliche Folgen für die gesamte Weltordnung haben.
  • Die Bedrohung der USA durch Raketenprogramme Nordkoreas, Irans und des Iraks ist übertrieben, denn diese und andere Staaten besitzen nicht die notwendigen finanziellen, wissenschaftlichen und technologischen Mittel um in den nächsten fünf bis zehn Jahren eine strategische ballistische Rakete zu entwickeln, die das Gebiet der USA erreichen könnte.
  • Für eine nukleare Erpressung oder für Terrorakte braucht es keine strategischen Raketen. Es gibt weit unkompliziertere und kostengünstigere Mittel, gegen die das Raketenabwehrsystem der USA trotz seiner enormen Kosten unwirksam ist. Zufällige oder nicht genehmigte Starts interkontinentaler Raketen habe es bislang nie gegeben.
  • Sinn macht der Aufbau eines landesweiten Raketenabwehrsystems nur zur Bekämpfung der strategischen ballistischen Raketen Russlands. Eine begrenzte Abwehr müsse technisch in der Lage sein, einen Raketenschlag aus jeder Richtung gegen einen beliebigen Teil des Landes abzuwehren und könne leicht für die Abwehr einer größeren Zahl strategischer Gefechtsköpfe aufgestockt werden.
  • Beginnt eine Seite mit dem Aufbau eines Raketenabwehrsystems zwingt sie die andere zur Verbesserung ihrer Waffen. Die wechselseitige Reaktion wird sich hoch schaukeln und das Wettrüsten stimulieren, auch in den Weltraum hinein.7

In der Reaktion auf NMD fährt Moskau zweigleisig. Zum einen werden Rüstungskontrollvorschläge gemacht, zum anderen militärische Gegenmaßnahmen eingeleitet. So beharrt Russland auf der Einhaltung des ABM-Vertrages als Eckstein des Systems gegenseitiger Abschreckung und Rüstungskontrolle und lehnt bislang eine Revision und Neuinterpretation ab. Statt dessen sollten beide Länder die Kontrolle über strategische Nuklearwaffen ausbauen.

Ein wichtiger Streitpunkt bei der Auslegung des ABM-Vertrages ist die Frage, wie weit die durch den Vertrag nicht erfassten Abwehrsysteme gegen taktische Raketen kurzer Reichweite (tactical missile defense, TMD) auf solche gegen strategische Raketen langer Reichweite aufgestockt werden können und dürfen.8 Wo die technische Trennlinie zu ziehen ist bleibt umstritten.

Um die wechselseitigen Blockaden zu überwinden vereinbarten Clinton und Jelzin am 20. Juni 1999 eine gemeinsame Stellungnahme, in der sie in Anknüpfung an die Helsinki-Beschlüsse vom März 1997 ihre Verpflichtung zum Zwecke der Stärkung der strategischen Stabilität und internationalen Sicherheit bekräftigen, die Bedeutung weiterer Reduzierungen der strategischen Offensivwaffen hervorheben und die fundamentale Bedeutung des ABM-Vertrags als Eckstein der strategischen Stabilität anerkennen.

Um die Gegensätze etwas aufzuweichen und Kompromissbereitschaft zu demonstrieren schlugen einige russische ExpertInnen gewisse Zugeständnisse bei der Modifizierung der Bestimmungen des ABM-Vertrages vor, etwa die Erhöhung der erlaubten Anlagen von einer auf zwei, vertrauensbildende Maßnahmen oder ein Verbot von weltraumgestützten Abfangflugkörpern.9 Die Hoffnungen, im Gegenzug für Zugeständnisse beim ABM-Vertrag von den USA Konzessionen zu erhalten (etwa eine beschleunigte Verhandlung von START III), wurden spätestens seit der Nicht-Ratifizierung des Teststopp-Vertrages durch den US-Senat und die fortgesetzten Abwehrversuche der USA enttäuscht.

Der Konflikt um den ABM-Vertrag fand seinen Niederschlag auch in der innenpolitischen Debatte Russlands. So benutzt die russische Duma, wie schon bei der NATO-Osterweiterung und beim Kosovo-Konflikt, die START II-Ratifikation als Faustpfand gegen die US-Raketenabwehrpläne. KritikerInnen, denen die Konzessionen und Kosten einer START II-Implementierung bereits zu hoch sind, lehnen Zugeständnisse beim ABM-Vertrag rigoros ab.

Auch vom russischen Militär wurden schärfere Töne angeschlagen: Generalmajor Wladimir Dworkin warnt, mit der Beseitigung des ABM-Vertrages werde das gesamte Vertragssystem zwischen beiden Staaten »einstürzen«. Russland werde die erforderlichen Gegenmaßnahmen gegen eine Raketenabwehr ergreifen: mehr Kernwaffen, die Beibehaltung der durch START II gebannten Raketen mit Mehrfachgefechtsköpfen (SS 18, SS 19), mit denen auch die neue Topol M-Rakete ausgestattet werden könne, sowie erschwingliche Maßnahmen (z.B. Attrappen) um die Raketenabwehr zu durchdringen.

Schließlich kann Russland auch eigene Abwehrsysteme weiterentwickeln und damit dem Ruf von Rüstungslobbyisten folgen, die dies seit Jahren fordern (etwa dem früheren Berater Gorbatschows und ehemaligen SDI-Kritiker, Jewgenij Welichow).10 Genau einen Monat nach dem Abwehrtest der USA vom 2. Oktober 1999 gab der russische General Wladimir Jakowlew, Befehlshaber der russischen strategischen Raketenstreitkräfte, den Test eines Abfangflugkörpers auf dem Testgelände von Sary-Shagan in Kasachstan bekannt. Die getestete Rakete soll zu dem Moskauer Abwehrsystem A 135 gehören, das nach dem ABM-Vertrag zulässig ist.

Insgesamt kann Russland auf genügend Erfahrungen im Bereich Weltraum, Raketen und Raketenabwehr zurückblicken um den USA eine Weile lang Paroli bieten zu können, auch wenn diese technologisch und wirtschaftlich den längeren Atem haben mögen. Gewonnen wäre damit aber für keine Seite etwas, im Gegenteil: Die nuklearen Risiken des Ost-West-Konflikts würden durch ein politisch und ökonomisch instabiles Russland noch vervielfältigt. Bei einer positiven Stationierungsentscheidung der USA dürften die Chancen auf weitere nukleare Abrüstung gleich Null sein, ein weiteres START-Abkommen würde auf unbestimmte Zeit verschoben. Schließlich dürfte auch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen und Trägersystemen eher zu- als abnehmen.

Für Sergejew lässt sich durch Raketenabwehr die Verbreitung der Raketentechnologien nicht eindämmen. Im Gegenteil, die „Umsetzung der US-Pläne wird unweigerlich dazu führen, dass die Kontrolle über die Verbreitung der Raketen und Raketentechnologien zusammenbricht. Der »Club« der Raketen- und Nuklearstaaten wird damit größer werden. Und in den Beziehungen zwischen den Großmächten wird sich der Schwerpunkt darauf verlagern, einander entgegenzuwirken.“

Bis dahin zeigt sich die russische Seite verhandlungsbereit und wartet mit eigenen Vorschlägen auf. So propagiert der Oberbefehlshaber der strategischen Raketentruppen, Generaloberst Wladimir Jakowlew, einen globalen strategischen Stabilitätspakt und ein Abkommen über die Unverletzlichkeit des Weltraumes. Als Alternative zur Raketenabwehr schlägt Sergejew neben der Bewahrung des ABM-Vertrags die Stärkung der internationalen Strukturen zur Nichtweitergabe von Massenvernichtungswaffen und deren Trägermitteln vor. Konkret unterstützt er das von Jelzin in Köln vorgeschlagene globale Kontrollsystem für die Nichtweitergabe der Raketen und Raketentechnologien. Die von Russland gemeinsam mit China unterstützte Resolution gegen ein Wettrüsten im All und für die Einhaltung des ABM-Vertrages fand bei fast allen Staaten Zustimmung, außer bei den USA.

Russlands Sicherheitskonzept
in der multipolaren Welt

Sowohl am Kosovo-Krieg als auch an der Raktenabwehrdebatte wird deutlich, wie sehr sich interne und externe Faktoren wechselseitig stimulieren können. Es zeigt sich, dass es bei den Prozessen in Russland nicht nur um interne Machtkämpfe rivalisierender Parteien, sondern auch um die Neuverteilung globaler Macht im Konzert von Staaten und Staatensystemen geht, die untereinander Koalitionen bilden oder zueinander in Konkurrenz treten können. In vielen der derzeitigen Konflikte geht es darum, sich alten oder neu formierenden Machtpolen zuzuordnen. Für Russland (wie auch für Indien oder China) ist es eine zentrale Herausforderung der Zukunft ob es gelingt, die Nation gegenüber den zentrifugalen Tendenzen in der globalisierten Welt zu bewahren. In beiden Fällen, dem Zerfall wie auch der Bewahrung der Einheit, besteht die Gefahr, dass Gewalt zu einem Mittel der Auseinandersetzung wird.

Einige der angesprochenen Probleme finden sich in dem neuen »Konzept der nationalen Sicherheit« Russlands wieder.11 Die gegenüber den entsprechenden Dokumenten der Jahre 1993 und 1997 stärkere Betonung von militärischer Gewalt und staatlicher Intervention bei einer Zurücknahme kooperativer Elemente trägt die Handschrift Wladimir Putins, der damit den außenpolitische Kurs in eine härtere Richtung lenken will.

Gleich zu Beginn dieses Konzepts ist die Rede vom Kampf zweier sich gegenseitig ausschließender Tendenzen, zwischen dem Trend zur von Russland bevorzugten Multipolarität und dem Bestreben des unter Führung der USA stehenden Westens, „eine Struktur internationaler Beziehungen zu bilden, die auf der einseitigen Lösung von Schlüsselproblemen vor allem mit militärischer Gewalt und Umgehung grundlegender Normen des Völkerrechts beruht.“ Als sicherheitsgefährdend betrachtet das Konzept das Bestreben bestimmter Staaten und internationaler Zusammenschlüsse, die Rolle der Vereinten Nationen und der OSZE bei der Lösung internationaler Konflikte zu schwächen. Gemeint ist die „in den Rang einer strategischen Doktrin erhobene Praxis der NATO, außerhalb des Geltungsbereichs des Blocks militärische Gewalt auch ohne Sanktion des Sicherheitsrates der UN durchzuführen.“

Stärker als zuvor werden die Sicherheitsinteressen militärisch definiert, sodass den russischen Streitkräften ein höherer Stellenwert zukommt, insbesondere auch den Kernwaffen. Damit rückt Russland ab von früheren weitreichenden Abrüstungsvorschlägen und der Forderung nach einem Ersteinsatzverbot. Der Kernwaffeneinsatz wird nun im Falle einer bewaffneten Aggression, „wenn alle anderen Mittel zur Lösung einer Krisensituation ausgeschöpft oder unwirksam sind“, als „notwendig und gerechtfertigt“ angesehen, und zwar auch gegen Chemiewaffen und konventionelle Waffen. Die Atomwaffe wird so zum letzten Rettungsanker russischer Großmachthoffnungen und zum Kristallisationspunkt für die Wiedergewinnung eigener Stärke gegenüber einer hoffnungslos überlegenen USA.

Anmerkungen

1) R. Heine, Ende der »Bill-und-Boris-Story«, Berliner Zeitung, 26.1.1999.

2) A. Kreikemeyer, Die Mühsal der Selbstbehauptung: Russische Außen- und Sicherheitspolitik in der ausgehenden Ära Jelzin, Friedensgutachten 1999, Münster: LIT, S. 133-142.

3) Balkan Chronology, 27. March 1999.

4) L. Schewzowa, Zwischen Großmachtrhetorik und Pragmatismus – Vom Kosovo auf die Probe gestellt: Russland und der Westen, In: T. Schmid (Hg.), Krieg im Kosovo, rororo, 1999, S. 205-217.

5) Schewzowa 1999, a.a.O.

6) Zitate aus: D.Y. Bakk, How Kosovo Empowered the Russian Military, Program on New Approaches to Russian Security, Policy Memo Series No. 61, Harvard-University, http://www.fas.harvard.eud/~ponars.

7) Schirm oder Schrecken – der Streit um den ABM-Vertrag, Verteidigungsminister der USA, William Cohen, und Russlands, Igor Sergejew, Süddeutsche Zeitung, 10.2.2000.

8) A. Pikayev, The Prospects for ABM Treaty Modification, PONARS Memo No.108.

9) A. Diakov, P. Podvig, START II and the ABM Treaty, INESAP Information Bulletin, No.17, August 1999.

10) Zu den russischen Entwicklungen Anfang der Neunzigerjahre vgl. J. Scheffran, Raketenabwehr contra Proliferation, Wissenschaft und Frieden, 1/1994.

11) 2000 Russian National Security Concept, 14 January 2000, http://www.princeton.edu/~ransac.

Dr. Jürgen Scheffran ist Wiss. Mitarbeiter bei IANUS. Er arbeitet an einem vom BMBF geförderten Kooperationsprojekt zu »Machtverteilung, Koalitionsbildung und Multipolaren Stabilität in internationalen Systemen«, an dem auch russische WissenschaftlerInnen beteiligt sind.

Russland und die GUS

Russland und die GUS

von Olga Alexandrova

Der Machtwechsel im Kreml und der Krieg in Tschetschenien haben andere Ereignisse im postsowjetischen Raum beinah vollkommen verdrängt. Das Kürzel »GUS« (Gemeinschaft Unabhängiger Staaten) sagt der westlichen Öffentlichkeit nach wie vor sehr wenig. Unterdessen zeichnen sich Tendenzen auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion ab, die zur Neugestaltung des postsowjetischen Raums führen.

Die Transformation der Sowjetunion in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten wurde im Jahre 1991 mit dem Ziel durchgeführt, einen friedlichen Übergang von einem unitaren Bundesstaat in einen lockeren Staatenbund herbeizuführen. Die Mitgliedsstaaten der GUS, damals die sowjetischen Unionsrepubliken, sind mit stark divergierenden Zielen und Erwartungen und manche – wie Aserbaidschan, Georgien oder Moldova – nur unter starkem Druck Russlands der GUS beigetreten. Jeder von diesen Staaten verstand die Gemeinschaft auf seine eigene Art und Weise. Während Russland die GUS eher als eine Fortsetzung des früheren Bundesstaates in einer lockereren Form sehen wollte, betrachtete z.B. die Ukraine die Gemeinschaft lediglich als ein Instrument der »zivilisierten Scheidung«. Der Präsident Kasachstans, Nasarbaew, schlug dagegen die Schaffung einer Eurasischen Union mit suprastaatlichen Strukturen vor. Turkmenistan trat konsequent gegen eine engere Integration innerhalb der Gemeinschaft ein und bestand – wie die Ukraine – darauf, dass die GUS kein suprastaatliches Gebilde werden dürfe, sondern ein koordinierendes Konsultativorgan bleiben solle. Inzwischen hat die GUS ihre Aufgabe und Funktion als »Konkursverwalterin« mehr oder weniger erfüllt. Im Ergebnis der bisherigen Entwicklung besteht das Spezifikum dieser Organisation in der einzigartigen Kombination von Integrations- und Desintegrationstendenzen, die zur politischen Distanzierung der Mitgliedsstaaten von einander bei der Erhaltung von wirtschaftlicher Abhängigkeit führen.

Die GUS in der Krise

Heute jedoch befindet sich die GUS in der Krise, die im Wesentlichen nicht so sehr durch einen Mangel an Integrationsinitiativen, als vielmehr »genetisch« bedingt ist. Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten wurde seinerzeit nicht auf der Grundlage eines grundsätzlich neuen Aufbruchskonzepts geschaffen, sondern als Substitut für die aufgelöste Sowjetunion. Bei der Gründung wurde eine gewisse Unbestimmtheit in Hinsicht auf ihren Status festgelegt: In den Gründungsdokumenten wurde nicht klar definiert, was die neue Struktur darstellt oder darstellen soll. Es wurde lediglich erklärt, dass die Gemeinschaft weder ein Staat, noch eine suprastaatliche Struktur sei. Die GUS besitzt keine Völkerrechtssubjektivität und ist mit keiner vertragschließenden Gewalt ausgestattet. Infolge dessen nimmt sie in rechtlich relevanter Hinsicht an den internationalen Beziehungen nicht teil. Das Vertragswerk der GUS ist inzwischen unübersichtlich geworden. Trotz der Tatsache, dass mehr als 50 GUS-Organe entstanden und weit über 1.000 Verträge und Abkommen vereinbart worden sind (umgesetzt werden jedoch lediglich 7-10 Prozent von allen Abkommen und Verträgen), funktioniert heute die GUS als ein Instrument einer Neuintegration eher schlecht als recht. Dabei werden die beschlossenen Abkommen nicht selten in erster Linie von Russland selbst nicht eingehalten. Zahlreiche multilaterale Verträge wurden oft nur von einem Teil der GUS-Staaten unterzeichnet und sind wegen fehlender Ratifizierung nicht in Kraft getreten. Hier sind nur ein paar Beispiele zu nennen: Die Satzung der GUS ist durch die Ukraine, Moldova und Turkmenistan nicht unterzeichnet worden und die Ukraine, die auch am System der kollektiven Sicherheit der GUS nicht teilnimmt, betrachtet sich lediglich als ein »assoziiertes Mitglied« oder »Teilnehmerstaat«. Zehn GUS-Staaten unterzeichneten ursprünglich die Konvention über die Zwischenparlamentarische Versammlung (inzwischen ist auch die Ukraine der Zwischenparlamentarischen Versammlung der GUS beigetreten) und neun Staaten die Erklärung über die Gründung der Wirtschaftsunion. Dem Taschkenter Vertrag über die kollektive Sicherheit gehörten bis April 1999 neun von zwölf GUS-Staaten an. Im April 1999 haben sich Adserbaidschan, Georgien und Usbekistan geweigert den Taschkenter Vertrag zu verlängern. Somit umfasst heute das System der kollektiven Sicherheit lediglich sechs von zwölf GUS-Staaten – Armenien, Belarus, Kasachstan, Kirgistan, Russland und Tadschikistan, wobei Armenien mit keinem von diesen Staaten eine gemeinsame Grenze hat und Russland nur mit Belarus und Kasachstan.

Einer der Gründe für das Versagen der GUS als Integrationsstruktur gleichberechtigter Subjekte liegt in der politischen, wirtschaftlichen, militärischen sowie institutionellen Dominanz Russlands. In russischer Auffassung bedeutete die Konsolidierung der GUS die Aufrechterhaltung der auf Moskau zentrierten politischen, wirtschaftlichen und militärischen Beziehungen anderer GUS-Mitglieder. Die russischen Überlegungen bezüglich der Integration gingen davon aus, dass die anderen GUS-Staaten einen Teil ihrer Souveränität abtreten sollen, nicht jedoch Russland. In der Tat, zu wessen Gunsten sollte Russland auf einen Teil seiner Souveränität verzichten? Zugunsten der vollkommen von Russland kontrollierten GUS, mit anderen Worten zu seinen eigenen Gunsten? Dies zeigte den grundsätzlichen Unterschied zu den europäischen Integrationsvorstellungen. Die europäische Integration setzt zwar auch voraus, dass die Mitgliederstaaten einen Teil ihrer Souveränität abgeben, aber an suprastaatliche Strukturen, in denen kein Staat Übergewicht hat und die von allen Mitgliedern gleichermaßen getragen werden.

Die wichtigsten Ansatzpunkte der russischen GUS-Politik sahen u.a. vor:

  • umfassende wirtschaftliche Zusammenarbeit im Rahmen einer Wirtschaftsunion, Schaffung günstiger Voraussetzungen für die Etablierung des russischen Kapitals in den anderen GUS-Staaten;
  • Aufbau eines Systems der kollektiven Sicherheit;
  • Errichtung russischer Militärstützpunkte in den anderen GUS-Staaten sowie gemeinsamer Schutz (d.h. unter Beteiligung Russlands) der äußeren Grenzen der GUS;
  • Schutz der »russischsprachigen« Bevölkerung als eines der wichtigsten Instrumente zur Sicherung langfristiger russischer Präsenz in den anderen GUS-Staaten.

Die Erhaltung der russischen Diaspora als Vertreterin russischer Interessen außerhalb der Grenzen der Russischen Föderation führte zu ihrer Instrumentalisierung. Der Anspruch, einziger Garant von Frieden und Stabilität im postsowjetischen Raum zu sein, und der Versuch, die russische Kontrolle über friedensstiftende Aktionen zu sichern, schufen die Möglichkeit, ethnische und politische Spannungen sowie Grenz- und Territorialkonflikte zwischen den neuen unabhängigen Staaten in russischem Interesse zu instrumentalisieren. Dasselbe betraf die militärische Präsenz Russlands.

Es wurde jedoch bald offensichtlich, dass Moskau nicht imstande war, die Kosten für eine direkte Abhängigkeit anderer ehemaliger Sowjetrepubliken aufzubringen. Russland musste deswegen nach solchen politischen Mitteln der GUS gegenüber suchen, die bei begrenztem Kostenaufwand seine Kontrolle über die neuen unabhängigen Staaten sichern. Vom ursprünglichen Konzept der Reintegration des postsowjetischen Raums hat sich die russische Führung jedoch verabschiedet. Das bedeutet freilich nicht, dass Russland bereit wäre, die Kontrolle über den postsowjetischen Raum vollkommen aufzugeben – insbesondere über die Regionen, in denen die Interessen (Erdöl und -gas) der neuen russischen Wirtschaftselite tangiert werden. Die heutige russische Politik in der GUS ist weniger auf die Wiederherstellung der Sowjetunion in dieser oder jener Form gerichtet, als viel mehr auf die Sicherung der schwindenden russischen Kontrolle, wobei sich die Formen dieser Kontrolle wandeln und wirtschaftlicher Einfluss sich wirksamer erweisen kann als direkte politische und militärische Einflussnahme.

Der Schwerpunkt in den Beziehungen zwischen den GUS-Staaten verschiebt sich immer mehr von der multilateralen Kooperation auf die bilaterale Ebene. Russland hat diesen Sachverhalt nicht nur anerkannt, sondern es konzentriert seine Bemühungen vor allem auf den Ausbau bilateraler Beziehungen zu anderen GUS-Staaten. Die immer offensichtlicher werdenden Differenzierungs- und Diversifizierungstendenzen innerhalb der GUS haben ohne Zweifel der russischen Politik Anstoß in dieser Richtung gegeben. Dies ist auch das stillschweigende Eingeständnis, dass die GUS ihr integratives Potenzial fast vollständig erschöpft hat und selbst aus Sicht der russischen Führung als Integrationsinstrument zunehmend an Bedeutung und Attraktivität verliert. Russland ist zur differenzierten Anbindungspolitik auf der Basis der bilateralen Beziehungen über gegangen und die Suche nach Lösungen in Streitfragen vollzieht sich zunehmend außerhalb der GUS-Strukturen. Der GUS-Rahmen wird dadurch immer mehr relativiert.

Subregionale Differenzierung der GUS

In den letzten Jahren sind Tendenzen festzustellen, die auf eine Festigung der Selbstständigkeit der meisten GUS-Staaten (mit Ausnahme von Armenien, Belarus und dem militärisch und finanziell total von Russland abhängigen Tadschikistan) in den internationalen Angelegenheiten sowie deren aufkeimende Emanzipation von Russland hinweisen. Mit der Konsolidierung der Eigenstaatlichkeit nach außen werden Unterschiede in der außen- und sicherheitspolitischen Ausrichtung sowie in den außenwirtschaftlichen Interessen verschiedener Staaten zunehmend deutlich. Dies ist keine Fehlentwicklung innerhalb der GUS, sondern ein natürlicher Prozess. Das Entstehen neuer institutionalisierter und nicht institutionalisierter subregionaler Zusammenschlüsse ist ein weiteres deutliches Anzeichen für den sich vertiefenden Differenzierungsprozess innerhalb der GUS. Diese formellen und informellen Zusammenschlüsse, obwohl sie innerhalb der GUS entstehen, sind nicht so sehr auf die Zusammenarbeit in der Gemeinschaft wie auf sich selbst oder auswärtige Partner ausgerichtet und stellen ohne Zweifel einen Prozess der Regionalisierung der GUS und einer graduellen Institutionalisierung regionaler oder subregionaler Interessen dar, die sich deutlich von »gemeinsamen«GUS-Interessen unterscheiden.

Dazu gehört die im März 1996 gegründete sogenannte Gemeinschaft Integrierter Staaten oder die Zollunion, welche Russland, Belarus, Kasachstan, Kirgistan und seit Ende 1998 auch Tadschikistan umfasst. Obwohl diese Gemeinschaft bei ihrer Gründung als eine höhere Stufe der Integration gepriesen wurde funktioniert sie eher schlecht als recht und droht wegen gegensätzlicher Zolltarifpolitik der einzelnen Teilnehmer zu scheitern. Es gibt immer wieder Streitigkeiten wegen russischer protektionistischer Zolltarife zwischen Russland einerseits und den anderen drei Zollunion-Mitgliedsstaaten, weil Verbraucher in Belarus, Kasachstan und Kirgistan letzten Endes für ihre Importe mehr zahlen müssen um russische Produzenten zu schützen. Der Beitritt Kirgistans zur WTO hat die Zollunion noch weiter ausgehöhlt. Das Gleiche trifft auf den Zentralasiatischen Wirtschaftsraum Kasachstans, Kirgistans und Usbekistans (gegründet im Januar 1994) zu, der auch eine militärische Dimension umfassen sollte. Besonders zu erwähnen sind jedoch zwei ganz unterschiedliche subregionale Zusammenschlüsse: die Union Belarus-Russland (gegründet als Gemeinschaft im April 1996, im Dezember 1999 nach mehreren Anläufen zu einem vertraglich fixierten Unionsstaat ausgebaut) und das sogenannte »GUUAM« (der Name besteht aus den ersten Buchstaben der beteiligten Staaten – Georgien, Ukraine, Usbekistan, Aserbaidschan und Moldova).

Die Union Belarus-Russland ist ein merkwürdiges Gebilde. Einerseits werden jetzt supranationale Organe geschaffen und mit entsprechenden Kompetenzen ausgestattet, andererseits soll die nationale Souveränität der Partnerstaaten weiterhin gewahrt werden. Beide Seiten sind mit unterschiedlichen Zielen die Union eingegangen: Dem belarussischen Präsidenten Alexander Lukaschenko ging es vor allem um die Lösung eigener wirtschaftlicher Probleme mit Hilfe eines gemeinsamen Wirtschaftsraums Belarus-Russland, was auf erhebliche Vorteile u.a. im Transport- und Energiebereich für Minsk hinauslaufen würde. Für die russische Führung war die Symbolik der Integration wichtig, welche ohne besonders hohen Einsatz politischen Mehrwert schuf. Eine bedeutende Rolle spielten auch sicherheitspolitische Überlegungen: »Die Westerweiterung« Russlands als Antwort auf die NATO-Osterweiterung. Der neue »Unionsstaat« bleibt eher eine »virtuelle Realität« als eine reale »Wiedervereinigung« und die Aussichten auf die Schaffung eines »slawischen Staates« unter der Beteiligung der Ukraine sind genauso unrealistisch wie früher.

GUUAM entstand zuerst als ein informeller Zusammenschluss – oder engere Zusammenarbeit und »strategische Partnerschaft« – zwischen Aserbaidschan, Georgien und der Ukraine auf der Grundlage des gemeinsamen Interesses an der Realisierung des alternativen eurasischen Transportprojekts für den Transport des kaspischen Erdöls über Georgien und die Ukraine. Später schlossen sich zuerst Moldova und, auf dem NATO-Gipfeltreffen im April 1999 in Washington, Usbekistan an. Neben dem wirtschaftlichen Interesse am Kommunikationsprojekt haben alle Staaten – mit Ausnahme Usbekistans – ein gemeinsames Problem: den Seperatismus und die ambivalente Rolle Russlands in dieser Frage. Aserbaidschan war mit dem Krieg in Nagorny Karabach, Georgien in Abchasien und Moldova in Transnistrien konfrontiert, in der Ukraine befindet sich die Krim in dieser Hinsicht noch immer im latenten Zustand. Für Nagorny Karabach, Abchasien und Transnistrien versucht Russland die für Aserbaidschan, Georgien und Moldova unannehmbare Formel eines »gemeinsamen Staates«, einer Art Konföderation, durchzubringen. Darüber hinaus bemühen sich Aserbaidschan, Georgien und die Ukraine um eine umfangreiche Zusammenarbeit mit der NATO.

Die Tatsache, dass die Ukraine, der nach Russland zweitgrößte Nachfolgestaat der Sowjetunion, mit von der Partie ist, verleiht der Gruppe größere Bedeutung. Die Ukraine hat 1997 die »strategische Partnerschaft« mit Aserbaidschan und Georgien beschlossen und trat neben Russland als Garant der Konfliktbeilegung in Moldova ein. GUUAM ist keine regionale Organisation, kein Bündnis – es ist lediglich eine Interessengemeinschaft und ein Beratungsgremium. Während Russland und Belarus versuchen, ein Modell der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Vereinigung – wenn auch virtuell– zu realisieren, wählen die Staaten im Süden der GUS – die Ukraine sowie die Staaten Transkaukasiens und Zentralasiens – den Weg der wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Da die Zusammenarbeit innerhalb GUUAM vor allem auf die Verwirklichung der Kommunikationsprojekte, vor allem des Transports des Erdöls vom Kaspischen Meer nach Ostmittel- und Westeuropa, zielt, haben nach einigen Meldungen auch Polen und Rumänien ihr Interesse angekündigt, sich der Gruppe anzuschließen. Ein großes Problem für das Funktionieren des GUUAM bleibt die wirtschaftliche Schwäche aller beteiligten Staaten und vor allem des größten Partners, der Ukraine.

Heute kristallisieren sich neben Russland drei Gruppen von Staaten innerhalb der GUS heraus:

  • Militärische Verbündete Russlands; dazu gehören Armenien, Belarus, Tadschikistan. Mit diesen Staaten hat Russland Verträge über enge militärische Zusammenarbeit abgeschlossen.
  • Westorientierte Staaten (GUUAM);: Aserbaidschan, Georgien, Moldova, die Ukraine, Usbekistan.
  • Zwischen diesen zwei Gruppen befinden sich Kasachstan, Kirgistan und Turkmenistan, wobei Turkmenistan zur GUUAM-Gruppe tendiert.

Fehlende Voraussetzungen
für eine umfassende Integration der GUS

Einer der Gründe für die fortgesetzten Differnzierungstendenzen innerhalb der GUS liegt darin, dass einige wichtige Voraussetzungen für eine engere politische, sicherheitspolitische und wirtschaftliche Integration dieser Organisation fehlen. Es gibt derzeit keine äußere und innere Bedrohung, die als für alle gemeinsame Gefahr empfunden wird, oder auch nur eine von allen Staaten gleichermaßen geteilte Bedrohungsperzeption. Die Bedrohungsperzeptionen verschiedener GUS-Staaten erweisen sich im Gegenteil nicht selten als nicht kongruent oder sogar als gegensätzlich. Die Diskussion um die NATO-Osterweiterung oder der gescheiterte Versuch Russlands, eine gemeinsame Position und Verurteilung der NATO wegen Kosovo durch die GUS zu erzielen, haben dies besonders deutlich gezeigt: Mit Ausnahme von Belarus und Tadschikistan, die den russischen Standpunkt vorbehaltlos unterstützten, sowie von Armenien, das eine zurückhaltende Stellung gegenüber der NATO bezog, strebten andere GUS-Staaten nach enger Zusammenarbeit mit der Allianz. Es fehlt weiter eine gemeinsame tragende supranationale oder suprastaatliche Idee. Letztlich ist auch kein umfassendes gemeinsames und einigendes wirtschaftliches Interesse festzustellen. Die GUS-Staaten wickeln ihren Außenhandel zunehmend mit der Außenwelt ab. In den letzten Jahren und insbesondere nach August 1998 ist die Position Russlands im Handel mit den meisten GUS-Staaten deutlich schwächer geworden, was vor allem auf die tiefe Wirtschaftskrise in Russland, aber auch in anderen GUS-Staaten sowie auf die Umstellung der Außenhandelsbeziehungen vieler Staaten der Gemeinschaft auf Drittländer zurückzuführen ist. Der Anteil des Intra-GUS-Handels am Gesamtaußenhandelsvolumen der GUS ist seit 1991 von 78 auf 24 Prozent zurückgefallen. Auch der Anteil Russlands am Außenhandel der meisten dieser Staaten ist deutlich gesunken, dennoch bleibt das Land für einige Staaten (Belarus, Kasachstan, Moldova, die Ukraine) nach wie vor der wichtigste Handelspartner.

Russland hat sein wirtschaftliches Übergewicht und seine Überlegenheit gegenüber den anderen GUS-Mitgliedstaaten natürlich bewahrt. Die dargelegten Entwicklungstendenzen innerhalb der GUS deuten jedoch auf das Schwinden des russischen Einflusses auf die Konzeption und Durchführung der Politik der neuen unabhängigen Staaten hin. Das Entstehen neuer Zusammenschlüsse auf dem Territorium der ehemaligen Sowjetunion ohne russische Beteiligung wird in politischen Kreisen Russlands im besten Falle als Anzeichen wachsender politischer und wirtschaftlicher Konkurrenz mit Russland im postsowjetischen Raum und im schlimmsten Falle als Ausdruck einer »antirussischen Ausrichtung« der Politik der betroffenen Staaten betrachtet.

Der Aufbau von Bündnisbeziehungen zu den neuen unabhängigen Staaten wurde auch vom amtierenden russischen Präsidenten Putin zu einer der Prioritäten der Sicherheitspolitik des Landes erklärt. Das Bemühen der GUS-Staatsoberhäupter um ein freundliches Verhältnis zu Putin, das auf dem Gipfeltreffen im Januar 2000 in Moskau offensichtlich war, ist vor allem darauf zurückzuführen, dass sie sich noch nicht sicher sind, was vom neuen Mann im Kreml zu erwarten ist. Der Krieg in Tschetschenien wird nicht nur für die russische Innen- und Außenpolitik weitreichende Folge haben. Er hat auf direkte und indirekte Weise die Komplexität der Probleme, mit denen sich die neuen unabhängigen Staaten in ihren Beziehungen zu Russland konfrontiert sehen, und die unterschiedliche Lage der GUS-Staaten gegenüber Russland sehr deutlich gezeigt. Die meisten GUS-Staaten – vor allem Aserbaidschan und Georgien, die sich verstärktem Druck aus Moskau ausgesetzt sehen – sowie die Ukraine, verfolgen den Krieg in Tschetschenien mit gemischten Gefühlen. Einerseits registriert man mit Besorgnis die Hinweise der russischen Führung auf »externe Bedrohungen« und »äußere Feinde«. Andererseits wird das von Russland hervorgehobene Feindbild von internationalen islamistischen Netzwerken, die den postsowjetischen Raum bedrohen, in vielen GUS-Staaten – insbesondere in Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan –nicht ignoriert. Die unterschiedlichen Reaktionen auf den Krieg in Tschetschenien und Irritationen Moskaus über solche Reaktionen im »nahen Ausland« zeigen sehr deutlich, zu welchen ehemaligen Sowjetrepubliken die Beziehungen Moskaus am problematischsten sind. Das sind in erster Linie Aserbaidschan, Georgien und die Ukraine. Es bleibt abzuwarten wie die neue russische Führung unter Wladimir Putin ihre Politik gegenüber der GUS insgesamt und den einzelnen Staaten zu gestalten gedenkt.

Literatur

Bremmer, Ian/Bailes, Alyson (1998), Sub-regionalism in the Newly Independent States, in: International Affairs, Band 74, Nr. 1.

D'Anieri, Paul (1997), International cooperation among unequal partners: The mergence of bilateralism in the former Soviet Union, in: International Politics, Band 34, Nr. 4.

Ehrhart, Hans-Georg u.a. (Hrsg.) (1995), Crisis Management in the CIS: Whither Russia?, Baden-Baden, Nomos Verlagsgesellschaft.

Götz, Roland/Halbach, Uwe (1996), Politisches Lexikon GUS, München, Verlag C.H.Beck.

Grinberg, Ruslan/Kosikova, Lidija (1997), Russland und die GUS. Auf der Suche nach einem neuen Modell wirtschaftlicher Zusammenarbeit, Berichte des BIOst, 50/1997.

Kelett, Anthony (1999), Soviet and Russian Peacekeeping 1948-1998: Historical Overview and Assessment, in: The Journal of Slavic Military Studies, Band 12, Nr. 2.

Meissner, Boris (1994), Das politische Paktsystem innerhalb der GUS, in: Osteuropa-Recht, Band 40, Heft 3.

Rühl, Lothar u.a. (1998), Die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (GUS) zwischen Konflikten und russischer Dominanz, Informationen zur Sicherheitspolitik, Wien.

Dr. Olga Alexandrova ist Wissenschaftliche Referentin am Bundesinstitut für ostwissenschaftliche und internationale Studien (BIOSt), Köln

Rüstung in Russland

Rüstung in Russland

Entwicklungstendenzen und Exporte

von Peter Lock

Um die gegenwärtige Situation des russischen militärisch-industriellen Komplexes – in der russischen Abkürzung VPK – zu verstehen, ist ein kurzer Rückblick auf den sowjetischen VPK und seine Rolle im innergesellschaftlichen Kräftespiel notwendig. Im Hinblick auf sein Verhältnis zu den Rüstungsindustrien in den führenden westlichen Industriestaaten ist die außerordentliche Beschleunigung des Innovationstempos in zivilen Sektoren von großer Bedeutung, das inzwischen auch die Entwicklung der meisten militärischen Systeme bestimmt. Denn das Dilemma des sowjetischen VPK bestand darin, daß er keine Verbindung zur globalen Dynamik ziviler Innovation hatte. Die zahlreichen technologischen Spitzenleistungen des VPK, z.B. in der Weltraumforschung, können nicht darüber hinweg täuschen, daß die Isolation der Sowjetunion von der Dynamik des zivilen Weltmarktes dazu geführt hat, daß man industriell das Zeitalter der Informationstechnologien verpasst hat. Wegen der nach wie vor weitgehend chaotischen Verhältnisse in der russischen Volkswirtschaft hat sich bis heute, trotz der prinzipiellen Verfügbarkeit hervorragend ausgebildeten wissenschaftlichen Personals, daran wenig geändert.

Immerhin hat sich die Diskussion längst von naiven Erwartungen an die Möglichkeiten friedenskensianischer Strategien nach dem Ende des Kalten Krieges als Umkehrung vom Rüstungskensianismus verabschiedet. Die »Friedensdividende« war zwar eine notwendige Utopie während des Kalten Krieges, aber sie war zugleich auch eine von Kenntnissen wirtschaftlicher Zusammenhänge kaum getrübte Wunschvorstellung. Denn man war einerseits einem falschen Image herausragender technologischer und unternehmerischer Leistungsfähigkeit der Rüstungsindustrie aufgesessen und hatte andererseits die Hinterlassenschaft des Kalten Krieges in Form von riesigen Hypotheken übersehen, die von nachfolgenden Generationen noch abgetragen werden müssen.1 Unmittelbare Wohlfahrtsgewinne hat es daher nicht gegeben, während die langfristigen positiven Wirkungen sich in der allgemeinen konjunkturellen Entwicklung verlieren.

Vor allem in Russland ist es bislang nicht gelungen, die im VPK gebundenen Ressourcen umzusteuern. Mehr noch, die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit Russlands hat sich trotz massiver Rohstoffexporte soweit verschlechtert, daß man um die Aufrechterhaltung von einheitlicher Staatlichkeit, insbesondere der Reproduktion leistungsfähiger Streitkräfte, fürchten muß. Vor dem Hintergrund von Verfügbarkeit und notwendiger Kontrolle von großen Mengen zum Teil weitreichender Massenvernichtungswaffen müssen die Entwicklung des russischen VPK und die wirtschaftliche Entwicklung des Landes als ein vorrangiges Problem für die globale Sicherheit betrachtet werden. Die Gefahren, die sich aus der gegenwärtigen russischen Misere ergeben können, sind ungleich größer als die Schäden, die von den sog. Schurkenstaaten und internationalen Terroristen angerichtet werden können.

Die notwendige Vorgeschichte

Während Gorbatschow mit Rüstungsminderungen eine systemische Stabilisierung anstrebte und die ökonomische Implosion der sowjetischen Wirtschaft durch Konversion zu verhindern suchte, wurde er im Westen als Systemveränderer hofiert. Die Menschen in Russland und den anderen Staaten der Sowjetunion haben die Gorbatschow'sche Politik realistisch bewertet und ihn nach seiner Entmachtung mit Verachtung gestraft während er im Westen weiter als der gefeiert wird, der er wider eigenen Willen wurde. Er war Auslöser oder doch zumindest Beschleuniger einer systemischen Veränderung, deren Ausgangspunkt die Implosion des erschöpften, von Rustüngsproduktion geprägten sowjetischen Wirtschaftssystems war.

Die Wahrnehmung des VPK als vermeintlich besonders leistungsfähiger Sektor innerhalb der sowjetischen Wirtschaft hat zu einer fatalen Restrukturierung der sowjetischen Industrie unter Gorbatschow geführt. Mit dem Ziel, die Versorgung der Bevölkerung mit Konsumgütern und besonders langlebigen Gebrauchsgütern in hinreichender Menge und in verbesserter Qualität zu erreichen, wurden Ende der Achtzigerjahre Unternehmen des zivilen Sektors in großem Umfang in den VPK integriert, sodaß statistisch der Anteil des VPK an der zivilen Produktion dramatisch stieg. Gleichzeitig hatte sich damit der Machtbereich der lokalen und regionalen VPK-Direktoren während der Endphase der Sowjetunion teilweise umfassend erweitert. Zwar schmelzen diese »machtvollen Eisberge« des VPK, die die Industrielandschaft nach wie vor prägen, seit 1990 unaufhaltsam ab. Aber es ist gegenwärtig nicht erkennbar, wann dieser Prozeß zum Stillstand kommen und sich selektiv in bestimmte Richtungen umkehren wird.

Zunächst ist festzuhalten, daß das sowjetische Rüstungssystem weit weniger effizient gesteuert war als es dessen auf die Legitimation der eigenen militärischen Industrie-, Forschungs- und Bürokratiekomplexe ausgerichtete Projektion im Westen Glauben machte. Eine Kombination von vertikaler sektorieller Segmentierung des VPK durch oft wahllose, zentralistische Zuordnung zu den zahlreichen Branchenministerien und umfassender Steuerungsmacht einzelner Unternehmen – vor allem aufgrund ihrer häufig regional dominanten Position – hat den zentralen Planungsvorgang de facto weitgehend zu einem Anpassungsprozeß an die existierenden und sich ständig verstärkenden Machtpositionen dominanter Akteure sowohl auf Unternehmens- als auch auf der Ebene einzelner Branchenministerien gemacht. Verstärkt durch die geradezu paranoide Geheimhaltung innerhalb des VPK startete die russische Föderation mit einer industriellen Infrastruktur, die durch totale Intransparenz, ineffektive parallele Mehrfachentwicklungen im F&E-Bereich und großen Disökonomien durch vertikale Integration ohne Berücksichtigung der damit verbundenen Kosten gekennzeichnet war. Auch das System der sowjetischen Rüstungsproduktion befand sich in den Achtzigerjahren bereits in einer schweren Entwicklungskrise, die in den propagandistischen Nebeln des Kalten Krieges weitgehend verhüllt blieb.

Alle Versuche des VPK, den Innovationsprozeß zu effektivieren und den Beschaffungsprozeß zu rationalisieren, sind an der »Vermachtung« des ökonomischen Systems gescheitert. Während die Einführung unterschiedlicher Typen eines Waffensystems im Westen als Sequenz auf einem bedrohlich effizienten Innovationspfad des sowjetischen VPK dargestellt wurde, handelte es sich tatsächlich aber häufig um verschiedene Baumuster der gleichen Generation, die von konkurrierenden, aber durchsetzungsmächtigen Produktionsverbünden entwickelt worden waren. Klassisches Beispiel sind die Panzer der Baumuster T 64, T 72, T 80, die im Westen alarmistisch als vermeintlicher Beweis für eine bedrohliche Innovationskompetenz der sowjetischen Rüstungsindustrie dargestellt wurden, obgleich es sich um konkurrierende Produkte handelte, die allen militärischen Erfordernissen widersprechend parallel beschafft wurden. Die Sowjetarmee war politisch nicht in der Lage, die Beschaffung an militärischen Prioritäten zu orientieren und zwecks Standardisierung das beste Baumuster auszuwählen. Die jeweiligen Produktionsverbünde erwiesen sich politisch als mächtiger.

Überspitzt formuliert war die Rüstungsbeschaffung in der Sowjetunion und damit indirekt auch die Doktrin eine Funktion der Machtverhältnisse unter den segmentierten Akteuren des VPK. Daher war es nur konsequent, daß sowohl Gorbatschow als auch später Jelzin innerhalb der militärischen Führungsschicht Unterstützung fanden, denn dort war man davon überzeugt, daß der sowjetische VPK den technologischen Wettlauf ohne einschneidende wirtschaftliche Veränderungen und den Zugriff auf westliche Technologien endgültig verlieren würde.

In einem Punkt waren alle Akteure des VPK vereint und haben sehr erfolgreich ihre partikularen ökonomischen Interessen als Kollektiv zum Schaden der sowjetischen Volkswirtschaft durchgesetzt: Rüstungsexporte galten als Ausdruck des Erfolges des sowjetischen Systems gegenüber dem Westen. Der expansiven Breshnew-Doktrin blieben zumeist nur ärmste Drittweltstaaten als Kooperationspartner (u.a. Angola, Mozambique, Kuba, Äthiopien, Somalia, Nicaragua). Daher waren die expandierenden sowjetischen Rüstungsexporte gesamtwirtschaftlich eine große Belastung, denn nur ein geringer Teil wurde bezahlt. Auch finanzkräftigere Rüstungskunden wie Syrien, Irak und Indien ließen »anschreiben«. Zumeist wurden »unendliche« Kredite vergeben. In der innersowjetischen Konkurrenz um Ressourcen waren die an Rüstungsexporten beteiligten Unternehmen gleichwohl privilegiert, denn die Exporte wurden bei Ablieferung aus der Staatskasse in Rubel bezahlt, unabhängig davon, ob die Empfängerländer jemals für die Lieferungen bezahlten.

Die allgemeine Rüstungsexporthausse nach der Ölkrise im Jahre 1973 hatte zu einer stetigen Ausweitung auch der sowjetischen Rüstungsexporte geführt. Daraus hat sich eine sich selbst immer weiter verstärkende ökonomische Position des VPK im sowjetischen System ergeben. Der VPK konnte höhere Löhne zahlen und umfangreiche Sozialleistungen bieten, was zu einer Konzentration besonders qualifizierter Arbeitskräfte im VPK führte. Zusätzlich hatten Rüstungsunternehmen und militärische Forschungsinstitute privilegierten Zugang zu selektiven Importen aus westlichen Industriestaaten, vor allem im Werkzeugmaschinenbereich, nachdem durch Energieexporte nach Westeuropa hinreichend Devisen verfügbar geworden waren. Die Allokation erheblicher Devisen zur Beschaffung westlicher Werkzeugmaschinen, häufig unter Umgehung der COCOM-Restriktionen, an den VPK brachte volkswirtschaftlich kaum Produktivitätsfortschritte, da in Abwesenheit von Marktmechanismen in der vertikal zerklüfteten Rüstungsindustrie Maschinenlaufzeiten dieser Hightech-Importe von wenigen Tagen pro Jahr keine Seltenheit waren.

Rüstung in Russland

Mit dem Ende der Sowjetunion und dem Beginn der Liberalisierung im Jahre 1992 unter Gaidar ist der Rüstungsmarkt intern und extern zusammengebrochen. Der Staat verfügte weder über die Mittel für militärische Beschaffung, noch über die Mittel für die Kreditierung von Exportgeschäften nach altem Muster. Durch die anfänglich weitgehende Ausnahme des VPK von der Privatisierung und die massive vertikal integrierte Produktion, die durch die Übernahme ziviler Fertigung Ende der Achtzigerjahre um die Dimension häufig auch lokaler horizontaler Konzentration erweitert worden war, hat sich der Kern der Rüstungsindustrie trotz minimaler Beschaffungsvolumen in Russland auf erheblich abgesenktem Niveau gehalten. Zunächst negierte man die veränderte Lage und setzte die Produktion auf der Grundlage einer Pyramide von Lieferantenkrediten fort, wozu auch die Herstellung von Konsumgütern im Rahmen planwirtschaftlicher Konversionsvorgaben gehörte, für die es allerdings kaum Nachfrage gab. Dies führte zu teilweise großen Lagerbeständen an Waffensystemen unterschiedlichster Art. Folglich konzentrierten sich alle Anstrengungen auf Rüstungsexport, vorgeblich um auf diese Weise die Umstellung der Rüstungsindustrie auf zivile Produktion zu finanzieren. Mit Ausnahme der Lieferung militärischer Hochtechnologie nach China gab es jedoch wenig zahlungskräftige Nachfrage nach russischer Militärtechnologie. Entsprechend hat der Sektor große Verluste an qualifiziertem Personal an den Dienstleistungssektor erlitten und operiert auf niedrigstem Lohnniveau. Aber für die verbliebene Belegschaft ist die Betriebszugehörigkeit, trotz Zwangsurlaub und Wochenarbeitszeiten von ein bis zwei Tagen, zumeist ohne Alternative. Der Mobilität, die mit einem Wohnortwechsel verbunden ist, sind in Russland enge bürokratische und wirtschaftliche Grenzen gesetzt.

Die Direktoren des VPK kontrollieren das Geschehen, sie haben häufig verwertbare Anlagen aus den Betrieben herausgelöst und zum eigenen Nutzen privatisiert oder Lagerbestände an Rohstoffen und Halbwaren illegal exportiert. Überwiegend kam es zu einer Nomenklaturaprivatisierung. Sie ermöglichte es den Direktoren häufig, sich »ihren« Betrieb mehr oder weniger anzueignen.

Hierdurch wurde das Netzwerk bestehender informeller Beziehungen wiederum zu einer zentralen Ressource der Transformation bzw. deren Verhinderung. Unter diesen Voraussetzungen ist die russische Wirtschaft insgesamt in sehr starkem Maße auf zwischenbetrieblichen Tauschhandel zurückgefallen. Wahrscheinlich ist, daß dies für die Rüstungsindustrie in besonders starkem Maße gilt. Aus den akkumulierten zwischenbetrieblichen Verschuldungspyramiden der ersten Jahre, die per Dekret abgeschrieben wurden, hat sich eine auf Tausch beruhende Wirtschaftsweise entwickelt. Selbst Steuern werden durch Warenlieferungen abgegolten, deren Preise weit überhöht sind da es sich meist um Waren handelt, für die keine Nachfrage besteht und schon gar nicht zu den Verrechnungspreisen, die in diesen »Steuerzahlungen« nominal behauptet werden.

Staatliche Forschungsförderung, die grundsätzlich an militärischen Prioritäten ausgerichtet war, ist auf einem Minimum angelangt. Gleichwohl ist bislang die flächendeckende Schließung maroder Einrichtungen ausgeblieben und eine notwendige Restrukturierung verhindert worden. Hierzu haben zahlungsfähige Exportkunden in Nischenmärkten beigetragen. Hier ist vor allem der Satellitensektor zu nennen, in dem es eine intensive Zusammenarbeit mit westlichen Konzernen gibt, weil man bestimmte Technologien überlegen beherrscht und vor allem kostengünstig anbieten kann. Weitere Bereiche sind spezielle Werkstoffe, sowohl metallische als auch nichtmetallische. In einigen Fällen scheiterte eine Einbindung technisch leistungsfähiger Institute in global vernetzte Produktionsstrukturen an fehlenden Rahmenbedingungen wie fehlende Rechtssicherheit für potenzielle Partner und politische Einschränkungen der Handlungsfreiheit im militärisch-industriellen Bereich.

Entgegen der propagandistischen Darstellung paralleler Strukturen im Rüstungsbereich in West und Ost hatte sich seit den Siebzigerjahren eine dramatische Differenzierung der Grundlagen rüstungstechnologischer Entwicklung ergeben, die sich im Verlaufe der Zeit beschleunigt hat und auch in den westlichen Industrienationen zu einschneidenden Strukturveränderungen des Rüstungssektors geführt hat. Das Innovationstempo des Informationstechnologiesektors, dessen Dynamik von ziviler Nachfrage auf dem Weltmarkt bestimmt wird, hat das sowjetische, ausschließlich von militärischen Prioritäten bestimmte Innovationssystem uneinholbar abgehängt. Während in den westlichen Industriestaaten Waffensysteme und Produktionsverfahren immer stärker vom »spin-in« ziviler Informationstechnologie profitierten, hatte die sowjetische Rüstungsindustrie einen mindestens zehnjährigen informationtechnologischen Rückstand zu bewältigen. In begrenztem Maße gelang dies durch hochspezielle und aufwendige Softwareentwicklungen. Aber im Gegensatz zur westlichen Informationstechnologie, die auf zivile Märkte ausgerichtet und daher generisch konzipiert ist, hatten diese Lösungen kein kumulatives Entwicklungspotenzial.

Dieser Strukturwandel in der rüstungstechnologischen Innovation hat der russischen Rüstungsindustrie jede Chance genommen auch nur näherungssweise eine Parität zu wahren. Daher haben die Folgen der tiefen Wirtschaftskrise in Russland seit Beginn dieses Jahrzehnts den Niedergang der Rüstungsindustrie zwar beschleunigt, aber sie waren strukturell nicht ursächlich. Vielmehr war bereits der sowjetischen Wirtschaft aus systemischen Gründen eine Teilhabe an der zivil-industriellen Innovationsdynamik des Weltmarktes verschlossen geblieben.

Daher beruht die im VPK verbreitete Sowjetnostalgie auf einem Trugbild einer Zeit, in der man bereits den Anschluß endgültig verloren hatte. Die militärischen Spitzentechnologien des VPK befanden sich bereits in einer Sackgasse ohne langfristiges Entwicklungspotenzial. Darüber können beeindruckend agile Jagdflugzeuge von Sukhoi und MAPO (MIG) nicht hinweg täuschen. Den zur US-amerikanischen AirLand-Battle-Doktrin gehörenden Waffensystemen der Achtzigerjahre hatte die sowjetische Industrie nichts entgegen zu setzen. Der zweite Golfkrieg hat diesen Sachverhalt weltöffentlich gemacht.

Daß es den russischen Rüstungssektor überhaupt noch gibt, erklärt sich einerseits aus dem alternativlosen Prinzip Hoffnung der beteiligten Akteure, die sich noch nicht erfolgreich in andere Wirtschaftsbereiche absetzen konnten und mageren Exportmärkten, die Gegenstand des letzten Abschnittes sind. Die Beschaffung neuen Gerätes durch die russischen Streitkräfte ist minimal, jedenfalls seit die Hersteller auf wirklicher Bezahlung durch den Staat bestehen. Anfang der Neunzigerjahre hatten die Streitkräfte Waffen geordert, die nie oder so spät gezahlt wurden, daß die Zahlung aufgrund der hohen Inflationsrate den gelieferten Werten nicht einmal näherungsweise entsprachen. Der laufende Krieg in Tschetschenien und die damit verbundenen Änderungen des politischen Klimas eröffnen erstmals Chancen für ein wenig erhöhte Beschaffungen.

Sollten sich die russischen Staatsfinanzen wieder so weit konsolidieren, daß militärische Beschaffungen überhaupt in einem nennenswerten Umfang realisiert werden können – was derzeit nicht der Fall ist – dann stellt sich die Frage der Ausrichtung und Konzentration des Rüstungssektors auf der Grundlage einer noch zu entwickelnden Doktrin. Die dabei zu diskutierenden Optionen hängen unmittelbar vom politischen Umfeld ab, in dem sich Russland definieren muß. In erster Linie bedeutet das, daß das Verhältnis zur EU – und davon abgeleitet zur NATO – entscheidend diese Entwicklung prägen wird.

An eine eigenständige intensive Weiterentwicklung der Rüstungstechnologie ist nicht zu denken, selbst in jenen Nischen, in denen bereits entwickelte Prototypen, auch gemessen an westlichen Maßstäben, ein leistungsfähiges Angebot ergäben wenn man sie denn mit westlicher Elektronik ausgestattet in angemessener Frist auf dem Markt anbieten könnte. Ein Beispiel ist das neue militärische Transportflugzeuge Antonow 70. Ohne westlichen Partner wird man allein schon aus Kapitalmangel ein solches Produkt nicht zur Produktionsreife bringen können und wäre dann auch auf Exportmärkte angewiesen.

Dabei hat es gegenwärtig den Anschein, als hätten die westlichen Luftrüstungskonzerne ein Verweigerungskartell gebildet, das darauf aus ist die russische Luftfahrtindustrie endgültig auszuschalten. Vor allem der Zusammenbruch ziviler Märkte in Russland hat das »good will«-Potenzial selektiver rüstungswirtschaftlicher Zusammenarbeit auf Seiten der westlichen Luftfahrtindustrie als Eintrittskarte in die zivilen Märkte Russlands vollständig entwertet. Daher wird sich die Zusammenarbeit mit westlichen Unternehmen, auch im Rüstungsbereich, auf isolierte Komponentenfertigung in Fällen beschränken, in denen russische Unternehmen nach wie vor über ein verfahrenstechnisches »tacit know how« verfügen, das sie kostengünstig anbieten können. Außerdem hat wie bereits erwähnt die große Nachfrage nach ziviler Weltraumtechnologie einigen russischen Unternehmen, die ursprünglich dem VPK zugeordnet waren, gute Exportchancen eröffnet, die zu einer Konsolidierung der entsprechenden Unternehmen führen können, wenn es die Rahmenbedingungen erlauben.

Insgesamt aber bleibt die Situation in Russland von der Diskrepanz zwischen seinem potenziellen Reichtum und der Implosion der Ökonomie sowie dem Zerfall des Staates geprägt. Das gesamte Staatsbudget Russlands übersteigt kaum den Haushaltsansatz für die Bundeswehr, die Gesellschaft ist dem Staat entfremdet, das Bruttosozialprodukt liegt in der Größenordnung von Belgien. Ein erheblicher Teil der industriellen Produktion wird auf Tauschbasis abgewickelt, was hohe Transaktionskosten verursacht und konkurrenzfähige Exportproduktion nahezu unmöglich macht. Zusätzlich überlagern mächtige kriminelle Akteure die russische Ökonomie wie ein giftiger Nebel, für den staatliche Akteure kein Hindernis bilden.

Schließlich belastet das militärische Erbe des Kalten Krieges die russischen Perspektiven. Die noch zu erbringenden Lebenszykluskosten vor allem der Massenvernichtungswaffen übersteigen die finanzielle Leistungsfähigkeit Russlands deutlich. Zur Verhinderung von Katastrophenszenarien, die über Russland hinausreichen,2 muß das teure Recycling der kumulierten chemischen und nuklearen Kriegsmittel dringend als internationale Gemeinschaftsaufgabe angegangen werden.

Als gefährliche Alternative zu einer langsam zunehmenden rüstungsindustriellen Verflechtung und schließlichen Integration in einen gesamteuropäischen Verbund zeichnet sich ein abgekoppelter russischer, von Nationalismus getriebener Weg ab, der darauf verwiesen ist, die vergleichsweise spärlichen Ressourcen auf die Entwicklung größtmöglicher Abschreckung mit Massenvernichtungswaffen zu konzentrieren. Dies bedeutet die Entwicklung asymmetrischer militärischer Optionen in Russland, die das angehäufte Arsenal atomarer und chemischer Waffen aggressiv in Wert setzen. Denn differenziertere Doktrinen sind für ein isoliertes Russland, das sich von der NATO, d.h. den USA und Europa, bedroht sieht, nicht finanzierbar.

Rüstungsexport als scheinbarer Rettungsanker des VPK

Die nach wie vor große Aufmerksamkeit, die russischen Rüstungsexporten in den westlichen Medien zuteil wird, vermittelt ein falsches Bild. Die russischen Rüstungsexporte3 sind gegenüber sowjetischen Zeiten dramatisch gesunken und haben sich in den letzten drei Jahren ein wenig konsolidiert, weil die Volksrepublik China Aufträge über mehrere Milliarden US-$ an die russischen Luftrüstungsindustrie erteilt hat. Nahezu alle anderen lukrativen Märkte werden inzwischen von den USA beherrscht. Größere und kleinere Brosamen bleiben Großbritannien, Frankreich und rechnet man die Lieferungen von Überschußbeständen hinzu auch Deutschland.

Dabei ist zu beachten, daß sich Rüstungsimporte gegenüber den Achtzigerjahren insgesamt außergewöhnlich verringert haben. Gründe liegen in der Beendigung des Kalten Krieges und der ökonomisch erzwungenen Einstellung des konfrontativ begründeten faktischen Verschenkens von Waffen durch die Sowjetunion an befreundete Staaten und der tiefgreifenden Finanzkrise in vielen Staaten, die noch in den Achtzigerjahren stark gerüstet hatten. Ohne die Nachrüstung nach dem zweiten Golfkrieg in den Erdöldiktaturen der Region wäre der Zusammenbruch des internationalen Rüstungsmarktes noch drastischer ausgefallen.

Trotz größter Anstrengungen und massiver Beteiligung an allen Rüstungsmessen reduziert sich der russische Rüstungsexport auf:

  • die Lieferung moderner Luft- und Flottenrüstung an die Volksrepublik China in großem Umfang, einschließlich Know-how-Transfer (40 % und mehr);
  • die gelegentliche Berücksichtigung der Angebote in Erdöldiktaturen, Südkorea und Südostasien um die Verhandlungsposition gegenüber den dominierenden USA und Großbritannien zu verbessern (etwa 30%);
  • das Abtragen von massiver Verschuldung aus Zeiten des RGE durch Lieferung von Rüstungsgütern, z.B. MIG 29 an Ungarn;
  • neuerdings die Schaffung einer eigenständigen Agentur zur internationalen Vermarktung von Surplusmaterial, deren Erträge den Streitkräften zu Gute kommen soll (weniger als 10 %);
  • legale, aber vor allem illegale Transaktionen aller Art, dazu gehören Lieferungen innerhalb der GUS, Verschieben von Armeeeigentum auf Schwarzmärkte und verschleierte Lieferungen aus laufender Produktion durch kriminelle Akteure (Anteil wird heute auf nicht mehr als 10 % geschätzt). Da auch auf den völkerrechtlich legalen Märkten Schmiergeldzahlungen in Höhe von 15 % der Auftragssumme an der Tagesordnung sein sollen (vgl. Schreiber) ist eine Abgrenzung der beiden Sphären problematisch.

Mit einem maximalen Horizont von drei Mrd. US-$ für Exporte ist eine Refinanzierung und Modernisierung des russischen VPK ausgeschlossen. Ohne einschneidende Änderung der Situation wird das kontinuierliche Abschmelzen des VPK nicht aufgehalten, ferner wird man weiter technologisch den Anschluß an die von den USA forcierte Entwicklung verlieren und längerfristig nur noch als Billiganbieter einfacher Waffensysteme fungieren. Der strukturelle Niedergang wird bislang noch dadurch ein wenig verschleiert, daß die Entwicklungszeiträume komplexer Waffensysteme im Vergleich zur zivilen Technologie ungleich länger sind und daß Waffensysteme überaus lange Zeit, häufig bis zu 50 Jahre, eingesetzt werden und somit noch im Kalten Krieg erreichte Standards weiter marktfähig sind.

Trotz seiner prekären Situation hat Russland soweit bekannt sämtliche UN-Embargomaßnahmen diszipliniert mitgetragen und allen Versuchungen widerstanden Massenvernichtungswaffen zu exportieren.

Bleibt es bei der relativen Isolierung der russischen Industrie wird die Fähigkeit der Rüstungsindustrie weiter abnehmen, in Konkurrenz zu anderen Anbietern leistungsfähige Rüstungsgüter zu fertigen. Damit wäre sie dauerhaft auf die Bedienung illegaler Märkte in innerstaatlichen bewaffneten Konflikten verwiesen. So paradox es unseren im Kalten Krieg sozialisierten Ohren klingen mag, es liegt im europäischen Sicherheitsinteresse Wege zu finden, mit der russischen Rüstungsindustrie zu kooperieren und sie einzubinden.

Anmerkungen

1) Vgl. hierzu: Peter Lock, Auf Schulden gibt es keine Dividende. Friedensdividende: Einst notwendige Utopie, heute tragische Illusion, in: Der Überblick 2/1992, S. 67-70. Diese Hypotheken bestehen unter anderem in Fehlallokationen in der Volkswirtschaft, schamloser Vernutzung der Umwelt und schließlich hoher Staatsverschuldung.

2) Siehe: Lock, Peter / Opitz, Petra (1996): Deferred Costs of Mlitary Defence: An Underestimated Economic Burden, in: Chaterji et al. eds., Arms Spending, Development and Security, New Dehli 1996, S.253-266.

3) Daten zu russischen Rüstungsexporten finden sich in: SIPRI-Yearbook, erscheint bei Oxford University Press; auf den Internetseiten des US-amerikanischen Center for Defense Information und dem Informationsdienst des Council for a livable World Education Fund »Arms Trade News« in Washington D.C. 20002, 110 Maryland Avenue N.E., Suite 201, nützliche Informationen auch im Yearbook von BICC (Bonn International Center for Conversion).

Dr. Peter Lock, European Association for Research on Transformation, Hamburg / Moskau (EART) e.V.

Russland setzt aufs Militär

Russland setzt aufs Militär

von Jürgen Nieth

Vor einem Jahr, am 24. März 1999 startete die NATO ihren Luftkrieg gegen Jugoslawien. Sie startete, ohne vorher die zivilen internationalen Institutionen ausreichend in eine Lösungssuche für den existierenden Konflikt einzubeziehen, sie bombardierte ohne internationales Mandat. Über die wahren Gründe für diesen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gibt es bis heute viele Diskussionen und Spekulationen. Dass die vorgegebenen »humanitären Aspekte« für den Krieg nicht die ausschlaggebenden – auf gar keinem Fall aber die einzigen – waren, wurde bereits nach wenigen Tagen sichtbar, als in Folge des Krieges das Elend unter der zu schützen vorgegebenen Zivilbevölkerung wuchs und die Flüchtlingszahlen explodierten.

Nein, die Gründe für das amerikanische Drängen auf schnellen Kriegsbeginn unter Umgehung der UNO – und die damit verbundene Brüskierung Russlands und Chinas – lagen nicht im Kosovo, sie waren globaler. In jeder Phase dieses Konfliktes demonstrierten die USA – nicht nur gegenüber Jugoslawien sondern auch gegenüber den Verbündeten und dem Rest der Welt, wer das sagen hat und dass sich die letzte Supermacht nicht mehr reinreden läßt. Unfreiwillig (?) bestätigt vom deutschen Außenminister Fischer in der »Zeit«: „Wir hatten nur 15 Minuten Zeit“ um zu entscheiden ob wir mitmachen oder nicht.

Die verbliebene Supermacht USA demonstrierte Macht und die einstige Supermacht Russland wurde vorgeführt, zeigte sich ohnmächtig. Wäre der Krieg nach wenigen Tagen wie geplant zu Ende gewesen, die Welt wäre heute eine andere.

Doch es kam anders: Die UNO und die Russen mussten nach über 2 Monaten Krieg ins Boot zurückgeholt werden. Und die Russen zeigten militärisch neues Selbstbewusstsein, als sie in einer Blitzaktion den Flugplatz von Pristina besetzten und damit die Aufteilung des Protektorats Kosovo unter die 4 mächtigsten NATO-Mächte kurzfristig in Frage stellten.

Ein viertel Jahr nach dem Ende des Kososvo-Krieges führt Russland dann selbst Krieg im eigenen Land. Und – im Vergleich zum ersten Tschetschenienkrieg muss man bitter feststellen – sie haben vom NATO-Krieg gegen Jugoslawien gelernt. Diesmal ist ihr Krieg propagandistisch gut vorbereitet. Ein paar Hundert Tote in Folge von Anschlägen in russischen Städten, für die Tschetschenische Rebellen verantwortlich gemacht werden, haben in der Bevölkerung die Stimmung für ein hartes durchgreifen geschürt. Die Berichterstattung über den Krieg im Kaukasus wird – wie auf dem Balkan – sorgsam gefiltert. Russische Politiker zeigen sich selbstsicher, auch was die Reaktionen der westlichen Welt betrifft, die dann tatsächlich trotz Flüchtlingstrecks, dem Erdboden gleichgemachter Dörfer und ungezählter Toter unter der Zivilbevölkerung auffallend zurückhaltend sind. Der selbst gerechtfertigte Krieg (Kosovo) gegen ein anderes Land macht es eben schwer, den selbst gerechtfertigten Krieg eines anderen Landes gegen sogenannte Terroristen zu verurteilen. Wer selbst den Krieg als »Fortführung der Politik mit anderen Mitteln« betrachtet, muss das zwangsläufig auch bei anderen akzeptieren. Insoweit hat das Wort vom Kosovo als der »Mutter des zweiten Tschetschenienkrieges« seine Berechtigung.

Doch die Ex-Supermacht greift nicht nur in Tschetschenien auf das Militärische zurück. Auch in der internationalen Politik Russlands wird dem militärischen Faktor eine offensichtlich größere Bedeutung beigemessen: In Japan drohte Jelzin Ende des letzten Jahres allen potenziellen Feinden unverblümt mit der A-Bombe und in der neuen Militärdoktrin wird auch der Ersteinsatz der A-Waffen einkalkuliert.

Ein Schritt zurück zur bipolaren Welt ist die Betonung des militärischen Faktors sicher nicht, dafür ist der Abstand zwischen Russland und den USA ökonomisch und militärisch viel zu groß; ob dieser Schritt die Chancen für eine neue russische Weltmachtrolle in einem multipolaren System verbessert oder ob es Schritt ist, der den ökonomischen Niedergang noch beschleunigt, das wird die Zeit zeigen, denn da spielen noch viele andere Faktoren eine Rolle.

Doch soviel steht fest: Ein Blick auf den Kosovo zeigt, der militärische Sieg der NATO hat die Probleme nicht gelöst, der Hass ist eskaliert und an ein ziviles Zusammenleben der unterschiedlichen Ethnien ist für eine überschaubare Zukunft nicht zu denken.

Ein Blick auf Tschetschenien zeigt, der militärische Sieg Russlands wird die Probleme nicht lösen, unter Umständen wird selbst der Kampf gegen die »Rebellen« noch Jahre dauern.

International stagniert seit längerem die Politik der Rüstungsbegrenzungs- und Abrüstungsvereinbarungen. Mit der »Neuauflage von SDI« drohen die USA auch bestehende Verträge wie den ABM-Vertrag auszuhebeln. Die stärkere Betonung des militärischen Faktors wird auch hier nicht zur Lösung von Problemen beitragen, im Gegenteil, sie wird bestehende Probleme verschärfen. Was wir brauchen ist eine zivile Politik und in die muss Russland als weltpolitisch wichtiger Faktor einbezogen werden, noch ist die Tür dafür offen.

Ihr Jürgen Nieth

Vom Europäischen Haus zurück zum Mächtekonzert

Vom Europäischen Haus zurück zum Mächtekonzert

von Hans-Joachim Spanger

Fjodor Tjutschew ist keineswegs allein mit dem berühmten Zitat in die Geschichte eingegangen, dass man Russland nicht verstehen, sondern nur an Russland glauben könne. Schon 1844 gelangte er zu der heute nicht minder aktuellen Erkenntnis: „Über Russland wird viel gesprochen, heutzutage ruft es eine wache und besorgte Neugier hervor, es ist offensichtlich zu einer der größten Sorgen unseres Jahrhunderts geworden, doch diese Sorge ist so verschieden von den anderen, dass sie eher bedrückt denn erregt.“1 Es ist offenbar gleichgültig, in welchem politischen Aggregatzustand sich Russland befindet, ob es in zaristisch-imperialer, marxistisch-leninistischer oder oligarchisch-demokratischer Verkleidung daher kommt, die Sorgen bleiben die gleichen.

Auch dies ist für Tjutschew keineswegs verwunderlich, denn er registriert schon damals mit dem gleichen Sinn für Aktualität: „Lange Zeit waren die Vorstellungen des Westens von Russland ähnlich denen der Zeitgenossen von Kolumbus über die Neue Welt. Es war derselbe Irrtum, dieselbe optische Täuschung.“ Das galt zum einen der Arroganz im Westen, nach der „die neu entdeckten Länder nur eine Fortsetzung der ihnen schon bekannten Erdhalbkugel seien“, was unausgesprochen die konzertierten Anstrengungen westlicher Geber und Nehmer ins Visier nimmt, Russland auch heute nach dem eigenen Bilde und ohne sonderliche Rücksicht auf seine Eigenarten auf den Weg der Demokratie und Marktwirtschaft bringen zu wollen.2 Zum anderen brachte er damit das Grundverständnis eines überzeugten, wenn auch unorthodoxen, »Panslawisten« zum Ausdruck, für den Russland in jeder Hinsicht einzigartig war und der daher kaum auf Verständnis der übrigen Welt rechnen konnte.

Dieser Dualismus zwischen eingebildeter Singularität und ausgebildeter Distanz macht das historische Dilemma und die Tragik der russischen Rolle in der internationalen Gemeinschaft aus. Gleichsam zwischen dem Dritten Rom und der »Dritten Welt« oszillierend, war die objektive Rückständigkeit immer nur durch ein Sendungsbewußtsein zu ertragen, das kompensatorisch ebenso überhöht wurde wie der Nihilismus, mit dem sich andere wie die »WestlerInnen«, als KritikerInnen der Rückständigkeit regelmäßig vom eigenen Land abzuwenden pflegten. Es liegt auf der Hand, daß der rasante Abstieg vom Olymp der bürokratisch-saturierten Supermacht in die Niederungen einer zahlungsunfähigen Bananenrepublik, den Russland in den letzten Jahren erfahren mußte, kaum dazu angetan ist das beschriebene Dilemma erträglicher zu machen. Im Gegenteil muß es eher erstaunen, wie wenig Verwerfungen der revitalisierte Inferioritätskomplex und die Suchbewegungen nach innen wie außen bislang ausgelöst haben. Es ist in Russland zwar viel von einem »Weimar-Syndrom« die Rede, doch liegt die kollektive Schmerzgrenze offenkundig ungleich höher als seinerzeit in Deutschland, um diffuses Ressentiment in kollektive politische Aktion umschlagen zu lassen.

Ähnliche Schockwellen sind aus Russland folglich nicht zu erwarten. Das Dilemma des Dualismus jedoch ist auch heute aktuell und prägt Rhetorik und Kurs der russischen Außenpolitik. Diese schwankt, seit die Russische Föderation 1992 aus der Taufe gehoben wurde, zwischen den weit gesteckten Ambitionen einer virtuellen Großmacht auf der Suche nach einer neuen Identität und den begrenzten Kapazitäten einer realen Ökonomie, die im globalen Wettbewerb zum Rohstoffanhängsel des Westens degeneriert ist. Ihre Schlüsselkategorien sind »Großmacht«, »Multipolarismus« und »nationale Interessen«.

Zwar ist in Russland heute im Unterschied zum deklaratorischen Internationalismus der Sowjetunion viel von den »nationalen Interessen« des Landes die Rede. Worin genau diese bestehen, bleibt jedoch über allgemeine Bekenntnisse hinaus – etwa zur Wahrung der territorialen Integrität – offen und durchaus kontrovers. Immerhin knüpft die russische Debatte an objektiven Problemen an – vom Verlust des inneren und äußeren Imperiums bis zu den bewaffneten Konflikten im angrenzenden und nach Russland hineinragenden südlichen Krisenbogen.

Nun dienen nationale Interessen weit besser dem politischen Diskurs als der politischen Orientierung. Das gilt zumal für Russland, wo es besonders schwer fallen muß mit ihnen den Bogen zwischen inneren Wünschen und äußerer Wirklichkeit zu schlagen, zwischen unbehaglich veränderten Kräfteverhältnissen auf der einen Seite und einer nationalen Idee, deren Erkundung erst in präsidentiellen Preisausschreiben ausgelobt werden muß auf der anderen. Es kann daher auch nicht verwundern, daß Einführung und Gebrauch des Begriffes ursprünglich weniger der Bestimmung des eigenen Standortes dienten als vielmehr der Abgrenzung, namentlich von dem dezidiert »pro-westlichen« Kurs der Wendezeit 1992. Das betrifft sowohl die Akzentuierung der spezifischen »geopolitischen Interessen« Russlands als euro-asiatischer Kontinentalmacht mit originären Gestaltungsansprüchen als auch die Relativierung des westlichen Zivilisationsmodells, das mit den russischen kollektiven und etatistischen Traditionen nicht vereinbar sei.

Schon damals wurde die Zeit der Wende von ihrem Urheber und prominentesten Verfechter, dem damaligen Außenminister Kosyrew, als »romantische Periode« belächelt. Ihre Essenz war nach dem gescheiterten eigenen Weg des real existierenden Sozialismus die Rückkehr in den breiten Strom der »zivilisierten Welt« – ganz so, wie sich die einstigen Verbündeten der »Rückkehr nach Europa« verschrieben hatten. Im Unterschied zu diesen blieb es jedoch – wenig verwunderlich – bei einem nur halbherzigen Versuch. Für die kleineren OsteuropäerInnen bedeutete die Rückkehr in nüchterner Verarbeitung der Geschichte und realistischer Bewertung aktueller Risiken Distanzierung und Anschluß zugleich. Das war für Russland nicht möglich: Zum einen konnte es sich als einstiger Kern kaum plausibel vom eigenen hegemonialen Kosmos distanzieren, was schon bei der Ukraine reichlich artifiziell wirkte. Zum anderen konnte die »zivilisierte Welt«, selbst hegemonial strukturiert, keinen für würdig befundenen Platz bieten. Um sich diesen zu erstreiten blieb daher nur, selbst Definitions- und Gestaltungsmacht zu beanspruchen, als Gleicher unter Gleichen im Konzert der Großmächte.

Spätestens seit 1993 beherrscht der Anspruch, »Großmacht« und damit eines von mehreren Gravitationszentren in einer nach dem Ende des Bipolarismus »multipolaren« Welt zu sein mit bisweilen obsessiven Zügen die russische Außenpolitik. Im – heftig umstrittenen – Konzept des einstigen Außenministers Kosyrew reduzierte sich dieser Anspruch noch auf eine rhetorisch bemühte kompensatorische Beschwörungsformel ohne unmittelbare operative Relevanz. Entscheidend blieben bei ihm auch über die »romantische« Anfangsperiode hinaus die Prämissen demokratischer Gemeinsamkeit und wirtschaftlicher Offenheit. Das verpflichtete Russland, allen Tendenzen entgegen zu treten, die in Folge einer „engen nationalistischen und eigensüchtigen“ Politik die Welt erneut in »eine Arena wetteifernder nationaler Interessen« verwandeln und dem „Gleichgewicht der Angst“ Geltung verschaffen würde – ganz wie beim Mächtekonzert des 19. Jahrhunderts.3 Er blieb damit der von Gorbatschow begründeten Tradition verbunden, der mit dem paradigmatischen »Gemeinsamen Europäischen Haus« und den »allgemeinmenschlichen Werten« ja nicht allein den marxistisch-leninistischen Manichäismus der Klassentheorie überwinden, sondern auch die Einheit der zivilisierten Welt begründen wollte.

Klassische Gleichgewichtspolitik und neue Machtrivalität bilden dagegen die Essenz der heute dominierenden – und weit weniger kontroversen – außenpolitischen Doktrin wie sie von Kosyrews Nachfolger, Jewgenij Primakow, mit dem Begriff des »Multipolarismus« eingeführt und auf den Begriff gebracht wurde. Weit stärker von geostrategischen Differenzen als von demokratischen Gemeinsamkeiten und den Imperativen ökonomischer Modernisierung inspiriert ist Russland darin auferlegt, im Sinne der (potenziell entstehenden) »multipolaren« Welt der (real existierenden) »unipolaren« unter der Ägide der USA entgegen zu treten. Das schließt eine allzu enge Partnerschaft mit dem Westen schon deshalb aus, weil diese bedeuten würde, sich in ein unakzeptables Gefolgschaftsverhältnis zu den USA begeben und eigene Interessen aufgeben zu müssen. Anzustreben ist vielmehr eine Strategie der Äquidistanz und idealiter auch der wechselnden Koalitionen mit den wichtigsten Machtzentren, namentlich den USA, China, Deutschland und Japan.4

Das so anvisierte Mächtekonzert relativiert zwar, verwirft aber nicht prinzipiell den von Gorbatschow und Kosyrew noch bemühten Bezug auf das zivilisatorische gemeinsame Ganze. Vielmehr ist der »Multipolarismus« attraktiv, weil er taktische Spielräume eröffnet ohne risikoreiche strategische Entscheidungen treffen zu müssen. Eine solche würde erst dann erfolgen, wenn im Sinne von Konzepten wie dem »Eurasismus« oder der »Russischen Idee« nationale Interessen ideologisch zu einem russischen Sonderweg verdichtet und damit allenfalls noch eine antagonistische Kooperation erlauben würden.

Es gehört zur Ironie der Geschichte, daß mit Primakow und seinem neuen Konzept die Distanz zum Westen deklaratorisch gewachsen ist, zugleich aber die russische Außenpolitik stetiger und berechenbarer wurde und damit nach der Sprunghaftigkeit zuvor erstmals eine Kernbedingung für kooperative Beziehungen erfüllt war. In der praktischen russischen Politik finden sich denn auch beide Momente: die Idee einer zivilisatorischen Einheit Europas, die unter seiner Mitwirkung institutionell abgesichert werden soll und die Logik klassischer Machtrivalität mit dem Westen. So hat Russland mit Nachdruck eine Aufnahme in die G7, die Gruppe der weltwirtschaftlich führenden Mächte gefordert, die im russischen Sprachgebrauch spätestens seit 1995 »die politische G8« heißt und sich seit dem Gipfel von Denver 1997 auch einer russischen Vollmitgliedschaft nicht länger verschließt. Auch wünscht das Land eine Aufnahme in die Welthandelsorganisation sowie die OECD und konnte sich bereits mit seinem Wunsch nach Mitgliedschaft im »Pariser Club« der öffentlichen Gläubiger durchsetzen. Und nicht zuletzt strebt Moskau präferenzielle (Freihandels-)Beziehungen mit der Europäischen Union an. Selbst eine Mitgliedschaft in der NATO wird nicht prinzipiell ausgeschlossen, der Schaffung eines neuen gesamteuropäischen Sicherheitssystems auf Grundlage der OSZE und angereichert durch einen europäischen Sicherheitsrat jedoch der Vorzug gegeben.

Auf der anderen Seite beansprucht Russland die exklusiven Rechte einer Großmacht. Das gilt in Sonderheit für das Gebiet der Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, das als russische Einflußsphäre gegen externe Einmischung abzuschirmen ist. Es gilt aber auch für die frühere sowjetische Einflußsphäre im östlichen Mitteleuropa, wo zumindest ein droit de regard reklamiert wird. Und schließlich gilt es für den Umgang mit dem Westen selbst, der zum Beweis seiner Kooperationsbereitschaft eine umfassende und gleichberechtigte Mitwirkung Russlands in allen für die Sicherheit Europas und der Welt relevanten Fragen sicherstellen soll.

In erster Linie richtet sich das russische Begehren nach Gleichberechtigung im Konzert der großen Mächte gegen die schmerzlich empfundene machtpolitische Marginalisierung nach dem Zerfall des eigenen hegemonialen Kosmos. Nicht das Bedürfnis nach Selbstbindung, sondern der Wille zur Selbstentfaltung beherrscht daher den russischen Wunsch nach Mitwirkung in jenen Institutionen, mit denen der Westen dem internationalen System nach dem Ende des Ost-West-Konflikts seinen Stempel aufdrückt. Dabei stehen jene Institutionen im Mittelpunkt, die aus einer rein machtpolitischen Perspektive am sichtbarsten die Dominanz des Westens verkörpern: die (einstige) G7 als „eine besondere Art von Welt-Direktorium“5 sowie die NATO als strukturierendes Zentrum der europäischen Sicherheit.

Kaum eine Organisation hat Russland deutlicher seine Ohnmacht vor Augen geführt als die NATO – sei es mit ihren Plänen, den Einzugsbereich des Bündnisses nach Osten auszuweiten oder ihren militärischen Aktivitäten im Rahmen der von ihr so deklarierten humanitären Intervention auf dem Balkan. Auf beides hat die russische Politik höchst aufgeregt reagiert. Und in beiden Fällen hat sie sich schließlich zur Kooperation bereit gefunden. Dieser Widerspruch offenbart das gravierende strukturelle Dilemma, mit dem sich Moskau weit über den unmittelbaren Anlaß hinaus konfrontiert sieht: entweder durch Kooperationsverweigerung in die Selbstisolation zu geraten oder durch Kooperationsbereitschaft eine Selbstbindung einzugehen, die der NATO eine erweiterte Legitimation, Russland hingegen prima facie nur die Rolle eines Juniorpartners sicherte. Aktionen wie die unilaterale Besetzung des Flughafens von Pristina durch russische SFOR-Truppen aus Bosnien verschaffen zwar temporär Entlastung, belegen aber letztlich nur die ganze Hilflosigkeit.

Mit der Grundlagenakte vom 27. Mai 1997 konnten die NATO und Russland zumindest die Voraussetzungen für eine institutionell verstetigte Kooperation schaffen – bis die Bomben auf Jugoslawien ihr ein vorzeitiges Ende bereiteten und zugleich die fortdauernde Brüchigkeit der beiderseitigen Beziehungen offenbarten. Ob über die gemeinsame Friedenssicherung auf dem Balkan und temporäre Dialogversuche hinaus die Zusammenarbeit im 1997 vereinbarten NATO-Russland-Rat wiederaufgenommen werden kann hängt von beiden Seiten ab – von der Richtung des Wandels in der NATO ebenso wie von der inneren und äußeren Kooperationsfähigkeit Russlands.

Das Mächtekonzert ist keine russische Erfindung, es reflektiert vielmehr den anarchischen Urzustand des internationalen Systems. Allerdings ist dessen Hegung zumindest auf dem europäischen Kontinent heute relativ weit fortgeschritten. Dies läßt die russische Neigung ziemlich nostalgisch erscheinen – es sei denn, die einstige Supermacht will sich unverändert mit der einzigen Supermacht und deren ebenfalls zunehmendem Unilateralismus messen. Das aber ist auf unabsehbare Zeit ein ziemlich hoffnungsloser Wettlauf. Was der russischen Politik vor diesem Hintergrund realistisch bleibt, ist mit dem Gaullismus eine Anleihe bei einer anderen ambitionierten Nation. Er kann sich rhetorisch mit den Schwachen des internationalen Systems solidarisieren, er kann die Starken mit den USA an der Spitze symbolisch herausfordern und er kann im Namen der nationalen gegen die internationale Ordnung rebellieren um sich schließlich doch in dessen Realität zu schicken.

Anmerkungen

1) Fjodor Tjutschew, Russland und Deutschland, in: ders., Russland und der Westen. Politische Aufsätze, Berlin, 1992, S. 52.

2) Ibid., S. 52f.

3) Andrej Kozyrev, Strategija partnerstvo, in: Me dunarodnaja izn', Nr. 5, 1994, S. 9f.

4) Yevgeny Primakov, The World on the Eve of the 21st Century, in: International Affairs (Moskau), 42. Jg., Nr. 5/6, 1996, S. 2-4; Sergei Kortunov, Russia in Search of Allies, in: International Affairs (Moskau), 42. Jg., Nr. 3, 1996, S. 148f.

5) So der ehemalige Erste Stellvertretende Außenminister Anatoly Adamishin, Is there a likelihood of accord on foreign policy?, Moscow News, Nr. 19 (13.-19. Mai), 1994, S. 4.

Dr. Hans Joachim Spanger ist stellv. Geschäftsführendes Vorstandsmitglied der Hessischen Stiftung für Friedens- und Konfliktforschung, Frankfurt/M.